Die verhimmelten Formen des Anarchokapitalismus

In Marx' ersten Band von Das Kapital gibt es eine Passage, an die ich derzeit oft denken muss. Für aktuelle Prozesse - etwa in den USA - werden gegenwärtig schnell die ideologischen Stichwortgeber benannt und als Kern des politischen Übels identifiziert. Aber, zunächst das Marx-Zitat:

»Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Die letztre ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode.« (S. 393, Fn. 89)

Im zitierten Kapitel geht es um die Produktion des relativen Mehrwerts, darum, wie durch Einsatz von neuer Technologie die Arbeitsproduktivität gesteigert werden kann - und damit die Ausbeutung effizienter wird. In einer Fußnote macht Marx dann ein paar Hinweise, wie eine »kritische Geschichte der Technologie« geschrieben werden sollte. Diese würde

»nachweisen, wie wenig irgendeine Erfindung des 18. Jahrhunderts einem einzelnen Individuum gehört. Bisher existiert kein solches Werk.«

Danach folgt schon bald das längere Zitat von oben, mit dem Marx herausstellen will, dass eine Erfindung weniger von einem genialen Kopf hervorgebracht wurde, sondern vielmehr durch ihn hindurch. Zentral seien also die sozialen und ökonomischen Verhältnissen und ihre je spezifischen Herausforderungen und Konstellationen, die die Bedingungen dafür bereitgestellt haben, dass eine Erfindung auch möglich wurde. Sie sind die erklärende Größe der zu erklärenden genialen Erfindung - nicht umgekehrt. Ohne der Frage weiter nachzugehen und welche Kontigenzen es hierbei möglicherweise gibt, ist Marx zentraler Punkt, dass es einfach sei, ein bereits existierendes Resultat auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zurückzuführen. Schwerer sei es hingegen, diese - hier: Erfindungen - aus den Verhältnissen selbst zu erklären. An anderer Stelle führt Marx das am Beispiel der heiligen Familie aus, dass naheliegend ist, die »heilige Familie« auf die bürgerliche Kleinfamilie zurückzuführen bzw. diese darin wiederzuerkennen. Umgekehrt sei es schwieriger - aber eben der richtige Weg -, die ideologische Form der heiligen Familie aus der bürgerlichen Kleinfamilie zu erklären, einer sozialen Form, einer spezifischen Form des Haushalts, die es nicht schon immer so gegeben habe.

Was hat das nun mit den USA und den ideologischen Stichwortgebern des derzeitigen administrativen Staatsstreichs zu tun? Ich denke hier an Friedrich A. Hayek und Milton Friedman, Ludwig von Mises bis Murray Newton Rothbard oder Curtis Guy Yarvin - alle werden genannt, wenn es um den Geist des Projekt 2025 geht oder was Elon Musk herumtreibt. Das ist alles nicht falsch. Mit vielen Ausführungen legitimiert die Trump-Administration und ihr Umfeld nicht nur, was sie tun, sondern sie erklären es damit auch, nicht nur Dritten, sondern auch sich selbst.

Aber Marx zufolge müsste eine wissenschaftliche Methode gerade umgekehrt vorgehen, aus den sozialen Verhältnissen, den je konkreten gesellschaftlichen Kräfte- und Klassenverhältnissen erklären, warum die sozialen Träger diese »Ideologien« sich als Block an der Macht konstituieren können, was es ihnen umgekehrt ermöglicht, ihre Partikularinteressen als Interessen aller zu verallgemeinern. Die genannten Personen sind meist schon tot. Warum wirken ihre Ideen und Strategien erst jetzt? Wieso finden sie soziale Träger, die gesellschaftsfähig sind? Das würde auch Aufschluss darüber geben, wie eine Gegenstrategie aussehen könnte, die sich nicht darauf beschränkt, Ideologiekritik zu betreiben und Fakten zu checken. Diese Analyse dürfte auch dabei helfen, Bruchlinien innerhalb der herrschenden Klassen festzustellen. Eine solche Perspektive ist dann »materialistisch«, aber eben auch durchaus nicht »leicht« einzunehmen, sondern schwerer, weil es deutlich mehr Zeit und Ressourcen bedarf, sie sich zu erarbeiten, in Kooperation und gemeinsamen Anstrengungen. Aber es dürfte sich lohnen.

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