# Ingo Stützle > … und was nicht ist, das kann noch werden Public Ghost content for AI and LLM tooling. This file includes a bounded export of public pages first, then recent public posts. Append `.md` to any post or page URL to get the content in Markdown (for example, `/example-post.md`). ## Pages ### impressum / datenschutz URL: https://blog.stuetzle.cc/pgpgpg/ Last updated: 2025-04-02T12:47:41.000Z Aus rechtlichen Gründen weise ich darauf hin, dass ich auf den Inhalt der verlinkten Seiten keinen Einfluss habe und nicht für diese Seiten verantwortlich bin. Obwohl die Software zur Verschlüsselung privater Daten seit über 30 Jahren verfügbar ist, verschicken die allermeisten BenutzerInnen des Internet ihre Emails im Klartext. Meinen neuen (2\. April 2015) Schlüssel findet Ihr [hier](https://keys.openpgp.org/vks/v1/by-fingerprint/559973716B8A92A016705C01501070B180F387F9?ref=blog.stuetzle.cc) (Fingerprint: 5599 7371 6B8A 92A0 1670 5C01 5010 70B1 80F3 87F9). ## Datenschutzerklärung Diese Datenschutzerklärung klärt Sie über die Art, den Umfang und Zweck der Verarbeitung von personenbezogenen Daten (nachfolgend kurz „Daten“) innerhalb unseres Onlineangebotes und der mit ihm verbundenen Webseiten, Funktionen und Inhalte sowie externen Onlinepräsenzen, wie z.B. unser Social Media Profile auf (nachfolgend gemeinsam bezeichnet als „Onlineangebot“). Im Hinblick auf die verwendeten Begrifflichkeiten, wie z.B. „Verarbeitung“ oder „Verantwortlicher“ verweisen wir auf die Definitionen im Art. 4 der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). ### Verantwortlicher Ingo Stützle, Berlin ingo@stuetzle.cc ### Arten der verarbeiteten Daten: \- Bestandsdaten (z.B., Namen, Adressen). - Kontaktdaten (z.B., E-Mail, Telefonnummern). - Inhaltsdaten (z.B., Texteingaben, Fotografien, Videos). - Nutzungsdaten (z.B., besuchte Webseiten, Interesse an Inhalten, Zugriffszeiten). - Meta-/Kommunikationsdaten (z.B., Geräte-Informationen, IP-Adressen). ### Kategorien betroffener Personen Besucher und Nutzer des Onlineangebotes (Nachfolgend bezeichnen wir die betroffenen Personen zusammenfassend auch als „Nutzer“). ### Zweck der Verarbeitung \- Zurverfügungstellung des Onlineangebotes, seiner Funktionen und Inhalte. - Beantwortung von Kontaktanfragen und Kommunikation mit Nutzern. - Sicherheitsmaßnahmen. - Reichweitenmessung/Marketing ### Verwendete Begrifflichkeiten „Personenbezogene Daten“ sind alle Informationen, die sich auf eine identifizierte oder identifizierbare natürliche Person (im Folgenden „betroffene Person“) beziehen; als identifizierbar wird eine natürliche Person angesehen, die direkt oder indirekt, insbesondere mittels Zuordnung zu einer Kennung wie einem Namen, zu einer Kennnummer, zu Standortdaten, zu einer Online-Kennung (z.B. Cookie) oder zu einem oder mehreren besonderen Merkmalen identifiziert werden kann, die Ausdruck der physischen, physiologischen, genetischen, psychischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder sozialen Identität dieser natürlichen Person sind. „Verarbeitung“ ist jeder mit oder ohne Hilfe automatisierter Verfahren ausgeführte Vorgang oder jede solche Vorgangsreihe im Zusammenhang mit personenbezogenen Daten. Der Begriff reicht weit und umfasst praktisch jeden Umgang mit Daten. „Pseudonymisierung“ die Verarbeitung personenbezogener Daten in einer Weise, dass die personenbezogenen Daten ohne Hinzuziehung zusätzlicher Informationen nicht mehr einer spezifischen betroffenen Person zugeordnet werden können, sofern diese zusätzlichen Informationen gesondert aufbewahrt werden und technischen und organisatorischen Maßnahmen unterliegen, die gewährleisten, dass die personenbezogenen Daten nicht einer identifizierten oder identifizierbaren natürlichen Person zugewiesen werden. „Profiling“ jede Art der automatisierten Verarbeitung personenbezogener Daten, die darin besteht, dass diese personenbezogenen Daten verwendet werden, um bestimmte persönliche Aspekte, die sich auf eine natürliche Person beziehen, zu bewerten, insbesondere um Aspekte bezüglich Arbeitsleistung, wirtschaftliche Lage, Gesundheit, persönliche Vorlieben, Interessen, Zuverlässigkeit, Verhalten, Aufenthaltsort oder Ortswechsel dieser natürlichen Person zu analysieren oder vorherzusagen. Als „Verantwortlicher“ wird die natürliche oder juristische Person, Behörde, Einrichtung oder andere Stelle, die allein oder gemeinsam mit anderen über die Zwecke und Mittel der Verarbeitung von personenbezogenen Daten entscheidet, bezeichnet. „Auftragsverarbeiter“ eine natürliche oder juristische Person, Behörde, Einrichtung oder andere Stelle, die personenbezogene Daten im Auftrag des Verantwortlichen verarbeitet. ### Maßgebliche Rechtsgrundlagen Nach Maßgabe des Art. 13 DSGVO teilen wir Ihnen die Rechtsgrundlagen unserer Datenverarbeitungen mit. Sofern die Rechtsgrundlage in der Datenschutzerklärung nicht genannt wird, gilt Folgendes: Die Rechtsgrundlage für die Einholung von Einwilligungen ist Art. 6 Abs. 1 lit. a und Art. 7 DSGVO, die Rechtsgrundlage für die Verarbeitung zur Erfüllung unserer Leistungen und Durchführung vertraglicher Maßnahmen sowie Beantwortung von Anfragen ist Art. 6 Abs. 1 lit. b DSGVO, die Rechtsgrundlage für die Verarbeitung zur Erfüllung unserer rechtlichen Verpflichtungen ist Art. 6 Abs. 1 lit. c DSGVO, und die Rechtsgrundlage für die Verarbeitung zur Wahrung unserer berechtigten Interessen ist Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO. Für den Fall, dass lebenswichtige Interessen der betroffenen Person oder einer anderen natürlichen Person eine Verarbeitung personenbezogener Daten erforderlich machen, dient Art. 6 Abs. 1 lit. d DSGVO als Rechtsgrundlage. ### Sicherheitsmaßnahmen Wir treffen nach Maßgabe des Art. 32 DSGVO unter Berücksichtigung des Stands der Technik, der Implementierungskosten und der Art, des Umfangs, der Umstände und der Zwecke der Verarbeitung sowie der unterschiedlichen Eintrittswahrscheinlichkeit und Schwere des Risikos für die Rechte und Freiheiten natürlicher Personen, geeignete technische und organisatorische Maßnahmen, um ein dem Risiko angemessenes Schutzniveau zu gewährleisten. Zu den Maßnahmen gehören insbesondere die Sicherung der Vertraulichkeit, Integrität und Verfügbarkeit von Daten durch Kontrolle des physischen Zugangs zu den Daten, als auch des sie betreffenden Zugriffs, der Eingabe, Weitergabe, der Sicherung der Verfügbarkeit und ihrer Trennung. Des Weiteren haben wir Verfahren eingerichtet, die eine Wahrnehmung von Betroffenenrechten, Löschung von Daten und Reaktion auf Gefährdung der Daten gewährleisten. Ferner berücksichtigen wir den Schutz personenbezogener Daten bereits bei der Entwicklung, bzw. Auswahl von Hardware, Software sowie Verfahren, entsprechend dem Prinzip des Datenschutzes durch Technikgestaltung und durch datenschutzfreundliche Voreinstellungen (Art. 25 DSGVO). ### Zusammenarbeit mit Auftragsverarbeitern und Dritten Sofern wir im Rahmen unserer Verarbeitung Daten gegenüber anderen Personen und Unternehmen (Auftragsverarbeitern oder Dritten) offenbaren, sie an diese übermitteln oder ihnen sonst Zugriff auf die Daten gewähren, erfolgt dies nur auf Grundlage einer gesetzlichen Erlaubnis (z.B. wenn eine Übermittlung der Daten an Dritte, wie an Zahlungsdienstleister, gem. Art. 6 Abs. 1 lit. b DSGVO zur Vertragserfüllung erforderlich ist), Sie eingewilligt haben, eine rechtliche Verpflichtung dies vorsieht oder auf Grundlage unserer berechtigten Interessen (z.B. beim Einsatz von Beauftragten, Webhostern, etc.). Sofern wir Dritte mit der Verarbeitung von Daten auf Grundlage eines sog. „Auftragsverarbeitungsvertrages“ beauftragen, geschieht dies auf Grundlage des Art. 28 DSGVO. ### Übermittlungen in Drittländer Sofern wir Daten in einem Drittland (d.h. außerhalb der Europäischen Union (EU) oder des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR)) verarbeiten oder dies im Rahmen der Inanspruchnahme von Diensten Dritter oder Offenlegung, bzw. Übermittlung von Daten an Dritte geschieht, erfolgt dies nur, wenn es zur Erfüllung unserer (vor)vertraglichen Pflichten, auf Grundlage Ihrer Einwilligung, aufgrund einer rechtlichen Verpflichtung oder auf Grundlage unserer berechtigten Interessen geschieht. Vorbehaltlich gesetzlicher oder vertraglicher Erlaubnisse, verarbeiten oder lassen wir die Daten in einem Drittland nur beim Vorliegen der besonderen Voraussetzungen der Art. 44 ff. DSGVO verarbeiten. D.h. die Verarbeitung erfolgt z.B. auf Grundlage besonderer Garantien, wie der offiziell anerkannten Feststellung eines der EU entsprechenden Datenschutzniveaus (z.B. für die USA durch das „Privacy Shield“) oder Beachtung offiziell anerkannter spezieller vertraglicher Verpflichtungen (so genannte „Standardvertragsklauseln“). ### Rechte der betroffenen Personen Sie haben das Recht, eine Bestätigung darüber zu verlangen, ob betreffende Daten verarbeitet werden und auf Auskunft über diese Daten sowie auf weitere Informationen und Kopie der Daten entsprechend Art. 15 DSGVO. Sie haben entsprechend. Art. 16 DSGVO das Recht, die Vervollständigung der Sie betreffenden Daten oder die Berichtigung der Sie betreffenden unrichtigen Daten zu verlangen. Sie haben nach Maßgabe des Art. 17 DSGVO das Recht zu verlangen, dass betreffende Daten unverzüglich gelöscht werden, bzw. alternativ nach Maßgabe des Art. 18 DSGVO eine Einschränkung der Verarbeitung der Daten zu verlangen. Sie haben das Recht zu verlangen, dass die Sie betreffenden Daten, die Sie uns bereitgestellt haben nach Maßgabe des Art. 20 DSGVO zu erhalten und deren Übermittlung an andere Verantwortliche zu fordern. Sie haben ferner gem. Art. 77 DSGVO das Recht, eine Beschwerde bei der zuständigen Aufsichtsbehörde einzureichen. ### Widerrufsrecht Sie haben das Recht, erteilte Einwilligungen gem. Art. 7 Abs. 3 DSGVO mit Wirkung für die Zukunft zu widerrufen ### Widerspruchsrecht Sie können der künftigen Verarbeitung der Sie betreffenden Daten nach Maßgabe des Art. 21 DSGVO jederzeit widersprechen. Der Widerspruch kann insbesondere gegen die Verarbeitung für Zwecke der Direktwerbung erfolgen. ### Cookies und Widerspruchsrecht bei Direktwerbung Als „Cookies“ werden kleine Dateien bezeichnet, die auf Rechnern der Nutzer gespeichert werden. Innerhalb der Cookies können unterschiedliche Angaben gespeichert werden. Ein Cookie dient primär dazu, die Angaben zu einem Nutzer (bzw. dem Gerät auf dem das Cookie gespeichert ist) während oder auch nach seinem Besuch innerhalb eines Onlineangebotes zu speichern. Als temporäre Cookies, bzw. „Session-Cookies“ oder „transiente Cookies“, werden Cookies bezeichnet, die gelöscht werden, nachdem ein Nutzer ein Onlineangebot verlässt und seinen Browser schließt. In einem solchen Cookie kann z.B. der Inhalt eines Warenkorbs in einem Onlineshop oder ein Login-Status gespeichert werden. Als „permanent“ oder „persistent“ werden Cookies bezeichnet, die auch nach dem Schließen des Browsers gespeichert bleiben. So kann z.B. der Login-Status gespeichert werden, wenn die Nutzer diese nach mehreren Tagen aufsuchen. Ebenso können in einem solchen Cookie die Interessen der Nutzer gespeichert werden, die für Reichweitenmessung oder Marketingzwecke verwendet werden. Als „Third-Party-Cookie“ werden Cookies bezeichnet, die von anderen Anbietern als dem Verantwortlichen, der das Onlineangebot betreibt, angeboten werden (andernfalls, wenn es nur dessen Cookies sind spricht man von „First-Party Cookies“). Wir können temporäre und permanente Cookies einsetzen und klären hierüber im Rahmen unserer Datenschutzerklärung auf. Falls die Nutzer nicht möchten, dass Cookies auf ihrem Rechner gespeichert werden, werden sie gebeten die entsprechende Option in den Systemeinstellungen ihres Browsers zu deaktivieren. Gespeicherte Cookies können in den Systemeinstellungen des Browsers gelöscht werden. Der Ausschluss von Cookies kann zu Funktionseinschränkungen dieses Onlineangebotes führen. Ein genereller Widerspruch gegen den Einsatz der zu Zwecken des Onlinemarketing eingesetzten Cookies kann bei einer Vielzahl der Dienste, vor allem im Fall des Trackings, über die US-amerikanische Seite [http://www.aboutads.info/choices/](http://www.aboutads.info/choices/?ref=blog.stuetzle.cc) oder die EU-Seite [http://www.youronlinechoices.com/](http://www.youronlinechoices.com/?ref=blog.stuetzle.cc) erklärt werden. Des Weiteren kann die Speicherung von Cookies mittels deren Abschaltung in den Einstellungen des Browsers erreicht werden. Bitte beachten Sie, dass dann gegebenenfalls nicht alle Funktionen dieses Onlineangebotes genutzt werden können. ### Löschung von Daten Die von uns verarbeiteten Daten werden nach Maßgabe der Art. 17 und 18 DSGVO gelöscht oder in ihrer Verarbeitung eingeschränkt. Sofern nicht im Rahmen dieser Datenschutzerklärung ausdrücklich angegeben, werden die bei uns gespeicherten Daten gelöscht, sobald sie für ihre Zweckbestimmung nicht mehr erforderlich sind und der Löschung keine gesetzlichen Aufbewahrungspflichten entgegenstehen. Sofern die Daten nicht gelöscht werden, weil sie für andere und gesetzlich zulässige Zwecke erforderlich sind, wird deren Verarbeitung eingeschränkt. D.h. die Daten werden gesperrt und nicht für andere Zwecke verarbeitet. Das gilt z.B. für Daten, die aus handels- oder steuerrechtlichen Gründen aufbewahrt werden müssen. Nach gesetzlichen Vorgaben in Deutschland, erfolgt die Aufbewahrung insbesondere für 10 Jahre gemäß §§ 147 Abs. 1 AO, 257 Abs. 1 Nr. 1 und 4, Abs. 4 HGB (Bücher, Aufzeichnungen, Lageberichte, Buchungsbelege, Handelsbücher, für Besteuerung relevanter Unterlagen, etc.) und 6 Jahre gemäß § 257 Abs. 1 Nr. 2 und 3, Abs. 4 HGB (Handelsbriefe). Nach gesetzlichen Vorgaben in Österreich erfolgt die Aufbewahrung insbesondere für 7 J gemäß § 132 Abs. 1 BAO (Buchhaltungsunterlagen, Belege/Rechnungen, Konten, Belege, Geschäftspapiere, Aufstellung der Einnahmen und Ausgaben, etc.), für 22 Jahre im Zusammenhang mit Grundstücken und für 10 Jahre bei Unterlagen im Zusammenhang mit elektronisch erbrachten Leistungen, Telekommunikations-, Rundfunk- und Fernsehleistungen, die an Nichtunternehmer in EU-Mitgliedstaaten erbracht werden und für die der Mini-One-Stop-Shop (MOSS) in Anspruch genommen wird. ### Soundcloud Unsere Podcasts werden auf der Plattform „Soundcloud“, angeboten von SoundCloud Limited, Rheinsberger Str. 76/77, 10115 Berlin, Deutschland gespeichert und werden von dieser aus Platform wiedergegeben. Zu diesem Zweck binden wir sog. Soundcloud-Widgets in unsere Website ein. Dabei handelt es sich um Abspielsoftware, mit der Nutzer die Podcasts abspielen können. Hierbei kann Soundcloud messen, welche Podcasts in welchem Umfang gehört werden und diese Information pseudonym für statistische und betriebswirtschaftliche Zwecke verarbeiten. Hierzu können Cookies in den Browsern der Nuzer gespeichert und zwecks Bildung von Nutzerprofilen, z.B. für Zwecke der Ausgabee von Anzeigen, die den potentiellen Interessen der Nutzer entsprechen, verarbeitet werden. Im Fall von Nutzern, die bei Soundcloud registriert sind, kann Soundcloud die Hörinformationen deren Profilen zuordnen. Die Nutzung erfolgt auf Grundlage unserer berechtigten Interessen, d.h. Interesse an einer sicheren und effizienten Bereitstellung, Analyse sowie Optimierung unseres Audioangebotes gem. Art. 6 Abs. 1 lit. f. DSGVO. Weitere Informationen und Widerspruchsmöglichkeiten finden sich in der Datenschutzerklärung von Soundcloud: [https://soundcloud.com/pages/privacy](https://soundcloud.com/pages/privacy?ref=blog.stuetzle.cc). ### Akismet Anti-Spam-Prüfung Unser Onlineangebot nutzt den Dienst „Akismet“, der von der Automattic Inc., 60 29th Street #343, San Francisco, CA 94110, USA, angeboten wird. Die Nutzung erfolgt auf Grundlage unserer berechtigten Interessen im Sinne des Art. 6 Abs. 1 lit. f) DSGVO. Mit Hilfe dieses Dienstes werden Kommentare echter Menschen von Spam-Kommentaren unterschieden. Dazu werden alle Kommentarangaben an einen Server in den USA verschickt, wo sie analysiert und für Vergleichszwecke vier Tage lang gespeichert werden. Ist ein Kommentar als Spam eingestuft worden, werden die Daten über diese Zeit hinaus gespeichert. Zu diesen Angaben gehören der eingegebene Name, die Emailadresse, die IP-Adresse, der Kommentarinhalt, der Referrer, Angaben zum verwendeten Browser sowie dem Computersystem und die Zeit des Eintrags. Nähere Informationen zur Erhebung und Nutzung der Daten durch Akismet finden sich in den Datenschutzhinweisen von Automattic: [https://automattic.com/privacy/](https://automattic.com/privacy/?ref=blog.stuetzle.cc). Nutzer können gerne Pseudonyme nutzen, oder auf die Eingabe des Namens oder der Emailadresse verzichten. Sie können die Übertragung der Daten komplett verhindern, indem Sie unser Kommentarsystem nicht nutzen. Das wäre schade, aber leider sehen wir sonst keine Alternativen, die ebenso effektiv arbeiten. ### Jetpack (WordPress Stats) Wir nutzen auf Grundlage unserer berechtigten Interessen (d.h. Interesse an der Analyse, Optimierung und wirtschaftlichem Betrieb unseres Onlineangebotes im Sinne des Art. 6 Abs. 1 lit. f. DSGVO) das Plugin Jetpack (hier die Unterfunktion „Wordpress Stats“), welches ein Tool zur statistischen Auswertung der Besucherzugriffe einbindet und von Automattic Inc., 60 29th Street #343, San Francisco, CA 94110, USA. Jetpack verwendet sog. „Cookies“, Textdateien, die auf Ihrem Computer gespeichert werden und die eine Analyse der Benutzung der Website durch Sie ermöglichen. Die durch das Cookie erzeugten Informationen über Ihre Benutzung dieses Onlineangebotes werden auf einem Server in den USA gespeichert. Dabei können aus den verarbeiteten Daten Nutzungsprofile der Nutzer erstellt werden, wobei diese nur zu Analyse- und nicht zu Werbezwecken eingesetzt werden. Weitere Informationen erhalten Sie in den Datenschutzerklärungen von Automattic: [https://automattic.com/privacy/](https://automattic.com/privacy/?ref=blog.stuetzle.cc) und Hinweisen zu Jetpack-Cookies: [https://jetpack.com/support/cookies/](https://jetpack.com/support/cookies/?ref=blog.stuetzle.cc). ### Einbindung von Diensten und Inhalten Dritter Wir setzen innerhalb unseres Onlineangebotes auf Grundlage unserer berechtigten Interessen (d.h. Interesse an der Analyse, Optimierung und wirtschaftlichem Betrieb unseres Onlineangebotes im Sinne des Art. 6 Abs. 1 lit. f. DSGVO) Inhalts- oder Serviceangebote von Drittanbietern ein, um deren Inhalte und Services, wie z.B. Videos oder Schriftarten einzubinden (nachfolgend einheitlich bezeichnet als “Inhalte”). Dies setzt immer voraus, dass die Drittanbieter dieser Inhalte, die IP-Adresse der Nutzer wahrnehmen, da sie ohne die IP-Adresse die Inhalte nicht an deren Browser senden könnten. Die IP-Adresse ist damit für die Darstellung dieser Inhalte erforderlich. Wir bemühen uns nur solche Inhalte zu verwenden, deren jeweilige Anbieter die IP-Adresse lediglich zur Auslieferung der Inhalte verwenden. Drittanbieter können ferner so genannte Pixel-Tags (unsichtbare Grafiken, auch als "Web Beacons" bezeichnet) für statistische oder Marketingzwecke verwenden. Durch die "Pixel-Tags" können Informationen, wie der Besucherverkehr auf den Seiten dieser Website ausgewertet werden. Die pseudonymen Informationen können ferner in Cookies auf dem Gerät der Nutzer gespeichert werden und unter anderem technische Informationen zum Browser und Betriebssystem, verweisende Webseiten, Besuchszeit sowie weitere Angaben zur Nutzung unseres Onlineangebotes enthalten, als auch mit solchen Informationen aus anderen Quellen verbunden werden. ### Youtube Wir binden die Videos der Plattform “YouTube” des Anbieters Google LLC, 1600 Amphitheatre Parkway, Mountain View, CA 94043, USA, ein. Datenschutzerklärung: [https://www.google.com/policies/privacy/](https://www.google.com/policies/privacy/?ref=blog.stuetzle.cc), Opt-Out: [https://adssettings.google.com/authenticated](https://adssettings.google.com/authenticated?ref=blog.stuetzle.cc). [Erstellt mit Datenschutz-Generator.de von RA Dr. Thomas Schwenke](https://datenschutz-generator.de/?ref=blog.stuetzle.cc) ### Texte auf bedrucktem Papier URL: https://blog.stuetzle.cc/texte/ Last updated: 2025-04-02T12:30:24.000Z ### Bücher 1. [Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft. Neue Studienausgabe](https://dietzberlin.de/Engels-Anti-Duehring?ref=blog.stuetzle.cc), hgg. von Rolf Hecker und Ingo Stützle, Berlin (Karl Dietz Verlag) 2. Rolf Hecker; Ingo Stützle (Hg.): [Engels' »Anti-Dühring«. Kontext, Interpretationen, Wirkung.](https://dietzberlin.de/Hecker-Stuetzle-Anti-Duehring?ref=blog.stuetzle.cc) Begleitband zur Neuen Studienausgabe, Berlin (Karl Dietz Verlag) 3. Ingo Stützle; Stephan Kaufmann (2020): [Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre. Thomas Pikettys »Das Kapital im 21\. Jahrhundert« ](https://bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten?ref=blog.stuetzle.cc)und »Kapital und Ideologie«, erweiterte Neuauflage, Berlin (Bertz+Fischer Verlag) 4. Ingo Stützle (Hg.) (2020): [Work-Work-Balance. Marx, die Poren des Arbeitstags und neue Offensiven des Kapitals](https://dietzberlin.de/Stuetzle-Ingo-Work-Work-Balance?ref=blog.stuetzle.cc), Berlin (Karl Dietz Verlag) 5. Valeria Bruschi; Jakob Graf; Charlie Kaufhold; Anne-Kathrin Krug; Antonella Muzzupappa und Ingo Stützle (2018): [Mythen über Marx. Die populärsten Kritiken, Fehlurteile und Missverständnisse](http://www.bertz-fischer.de/product%5Finfo.php?products%5Fid=531&ref=blog.stuetzle.cc), Berlin (Bertz+Fischer Verlag) 6. Martin Beck; Ingo Stützle (Hrsg.) (2018): [Die neuen Bonapartisten. Mit Marx den Aufstieg von Trump & Co. verstehen](https://dietzberlin.de/Beck-Stuetzle-Hrsg-Die-neuen-Bonapartisten?ref=blog.stuetzle.cc), Berlin (Karl Dietz Verlag) \[vergriffen - [PDF-Datei des kompletten Buchs](https://stuetzle.cc/uploads/Die%5Fneuen%5FBonapartisten.pdf?ref=blog.stuetzle.cc)\] 7. Rolf Hecker; Ingo Stützle (Edition und Kommentar) (2018): [Marx, Karl/Engels, Friedrich: Werke (MEW) Band 44, Ökonomisches Manuskript 1861-1863\. Teil II](https://dietzberlin.de/epages/03607a27-71de-4f7f-9a3b-96673e540f68.sf/de%5FDE/?ObjectPath=/Shops/03607a27-71de-4f7f-9a3b-96673e540f68/Products/02336-2&ref=blog.stuetzle.cc), Berlin (Karl Dietz Verlag) 8. Stephan Kaufmann; Ingo Stützle (2017): [Thomas Piketty’s Capital in the Twenty First Century: An Introduction](https://www.versobooks.com/books/2255-thomas-piketty-s-capital-in-the-twenty-first-century?ref=blog.stuetzle.cc) (translated by Alexander Locascio) (Verso) 9. Rolf Hecker; Ingo Stützle (2017) (Hg): [Karl Marx: Die Wertform](http://dietzberlin.de/Karl-Marx-Das-Kapital-1-5?ref=blog.stuetzle.cc) / Das Kapital 1.5 (Karl Dietz Verlag) 10. Ingo Stützle; Stephan Kaufmann (2015): [Ist die ganze Welt bald pleite? Populäre Irrtümer über Schulden](http://www.bertz-fischer.de/product%5Finfo.php?products%5Fid=454&ref=blog.stuetzle.cc), Berlin (Bertz+Fischer Verlag) 11. Valeria Bruschi; Antonella Muzzupappa; Sabine Nuss; Anne Steckner; Ingo Stützle (2015): [PolyluxMarx. Bildungsmaterial zur Kapital-Lektüre - Zweiter Band](http://dietzberlin.org/epages/03607a27-71de-4f7f-9a3b-96673e540f68.sf/de%5FDE/?ObjectID=1570666&ref=blog.stuetzle.cc), Berlin (Dietz Verlag) 12. Ingo Stützle; Stephan Kaufmann (2014): [Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre. Thomas Pikettys »Das Kapital im 21\. Jahrhundert« – Einführung, Debatte, Kritik](http://www.bertz-fischer.de/product%5Finfo.php?cPath=1%5F33&products%5Fid=447&ref=blog.stuetzle.cc), Berlin (Bertz+Fischer Verlag) 13. Ingo Stützle (2013): [Austerität als politisches Projekt. Von der monetären Integration Europas zur Eurokrise](https://hcommons.org/deposits/item/hc:29375/?ref=blog.stuetzle.cc) (PDF frei zugänglich), Münster (Zweitauflage: 2014) ([Verlag Westfälisches Dampfboot](https://www.dampfboot-verlag.de/?ref=blog.stuetzle.cc)) 14. Valeria Bruschi; Antonella Muzzupappa; Sabine Nuss; Anne Steckner; Ingo Stützle (2014): [PolyluxMarx: An Illustrated Workbook for Studying Marx’s Capital](http://monthlyreview.org/product/polyluxmarx/?ref=blog.stuetzle.cc), New York (Monthly Review) 15. Valeria Bruschi; Antonella Muzzupappa; Sabine Nuss; Anne Steckner; Ingo Stützle (2012): [PolyluxMarx](http://www.polyluxmarx.de/?ref=blog.stuetzle.cc). Bildungsmaterial zur Kapital-Lektüre - Erster Band, Berlin (Dietz Verlag) 16. Lars Bretthauer; Alexander Gallas; John Kannankulam; Ingo Stützle (Eds.) (2011): [Reading Poulantzas](http://www.merlinpress.co.uk/acatalog/READING%5FPOULANTZAS.html?ref=blog.stuetzle.cc), London (MerlinPress) 17. Lars Bretthauer; Alexander Gallas; John Kannankulam; Ingo Stützle (Hg.) (2006): [Poulantzas lesen. Zur Aktualität marxistischer Staatstheorie](http://www.vsa-verlag.de/index.php?id=6576&tx%5Fttnews[tt%5Fnews]=10121&tx%5Fttnews[backPid]=6428&ref=blog.stuetzle.cc), Hamburg (beim Verlag vergriffen, [PDF-Datei des kompletten Buchs](https://stuetzle.cc/uploads/VSA%5FPoulantzas%5FLesen.pdf?ref=blog.stuetzle.cc)) (VSA Verlag) 18. Jan Hoff; Alexis Petrioli; Ingo Stützle; Frieder Otto Wolf (Hg.) (2006): [Das Kapital neu lesen - Beiträge zur radikalen Philosophie](http://www.dampfboot-verlag.de/buecher/605-X.html?ref=blog.stuetzle.cc), Münster (Verlag Westfälisches Dampfboot) ### Buch- und Zeitschriftenbeiträge - Ingo Stützle (2021): [Money makes the world go green?](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/1930?ref=blog.stuetzle.cc) Eine Kritik der Modern Monetary Theory als geldtheoretisches Konzept, in: PROKLA 202 (Green New Deal!? Wie rot ist das neue Grün?), 51\. Jg., H.1, 71–94\. DOI: [https://doi.org/10.32387/prokla.v51i202.1930](https://doi.org/10.32387/prokla.v51i202.1930?ref=blog.stuetzle.cc) - Rolf Hecker und Ingo Stützle (2020): Einleitung, in: [Friedrich Engels: Herrn Eugen Dühring’s Umwälzung der Wissenschaft](https://dietzberlin.de/Engels-Anti-Duehring?ref=blog.stuetzle.cc). Neue Studienausgabe, hgg. von Rolf Hecker und Ingo Stützle, Berlin (Karl Dietz Verlag), I-XLIX. - [Schulden, ohne Sühne](https://blog.stuetzle.cc/schulden-ohne-suehne/), in: Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst. #56 Zur ästhetischen Ökonomie der Schulden, Winter 2020 - Ingo Stützle (2020): [»Blut- und schmutztriefend«.](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/1886?ref=blog.stuetzle.cc) Der diskrete Charme der Staatsgewalt: Genese und Geltung von Eigentum und Geld, in: PROKLA 199 (Die Politische Ökonomie des Eigentums ), 50\. Jg., H.2, 219-237\. DOI: [https://doi.org/10.32387/prokla.v50i199.1886](https://doi.org/10.32387/prokla.v50i199.1886?ref=blog.stuetzle.cc) - Ingo Stützle (2018): [Zu Elmar Altvaters Kritik der Austerität](http://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/920?ref=blog.stuetzle.cc), in: PROKLA 192 (Die EU nach der Krise: Neuformierung und Zerfall), 48\. Jg., H.3, 501-506. - Ingo Stützle (2018): [Die Grenze der Werttheorie](http://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/87?ref=blog.stuetzle.cc). Politische Ökonomie der Grundrente und Marx’ Kritik, in: PROKLA 191 (Zur (neuen) Wohnungsfrage), 48\. Jg., H. 2, 299-316. - Ingo Stützle (2015): Der Gott der Waren. Die ökonomische Theorie und ihr Geld, in: PROKLA 179 ([Illusion und Macht des Geldes](http://www.prokla.de/2015/06/19/editorial-prokla-179/?ref=blog.stuetzle.cc)), 45.Jg., H.2, 177-198. - Ingo Stützle (2015): [Rebellische Verhältnisse](https://stuetzle.cc/uploads/Stuetzle-2015-Rebellische-Verhaeltnisse.pdf?ref=blog.stuetzle.cc). Die marxistische Debatte braucht mehr Verständigung über die Marxsche Theorie hinsichtlich des Zusammenhangs von gesellschaftlichen Formen, Geschichte und sozialer Kämpfe, in: Demirović, Alex/ Klauke, Sebastian/ Schneider, Etienne (Hg.): [Was ist der »Stand des Marxismus«?](http://www.dampfboot-verlag.de/shop/artikel/was-ist-der-stand-des-marxismus-?ref=blog.stuetzle.cc) Soziale und epistemologische Bedingungen der kritischen Theorie heute, Münster 2015, 130-140. - Stephan Kaufmann/ Ingo Stützle: [Die politische Ökonomie des Sparstrumpfes](https://stuetzle.cc/uploads/Kaufmann%5FStutzle.Jahrbuch2012.pdf?ref=blog.stuetzle.cc). Der Steuerstaat und Mythen der Staatsschuld, in: Denknetz Jahrbuch 2012 - Auf der Suche nach Perspektiven, Zürich 2012, 14-25. - Sabine Nuss/ Ingo Stützle (2010): Die Mühe der Ebene. Eigentum und Besitz bei Nicos Poulantzas, in: Demirović, Alex/ Adolphs, Stephan/ Karakayali, Serhat (Hg.): [Das Staatsverständnis von Nicos Poulantzas](http://www.nomos-shop.de/productview.aspx?product=9906&ref=blog.stuetzle.cc). Der Staat als gesellschaftliches Verhältnis, Baden-Baden, 115-131. - Ingo Stützle (2009):[ To be or not to be a Keyne­sian — ist das die Frage?](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/414?ref=blog.stuetzle.cc) Kri­tik und Gren­zen wirt­schafts­po­li­ti­scher Alter­na­ti­ven, in: [PROKLA 157](http://www.prokla.de/?ref=blog.stuetzle.cc) (Der blu­tige Ernst: Krise und Poli­tik), 39.Jg., H.4, 607–623. - Ingo Stützle (2008): "[Staatsverschuldung als Kategorie der Kritik der politischen Ökonomie](https://stuetzle.cc/uploads/Ingo-Stu%CC%88tzle-Staatsverschuldung-als-Kategorie-der-Kritik-der-politischen-O%CC%88konomie.pdf?ref=blog.stuetzle.cc). Eine Forschungsnotiz", in: Lindner, Urs/ Nowak, Jörg/Paust-Lassen, Pia (Hg.): [*Philosophieren unter anderen. Beiträge zum Palaver der Menschheit - Frieder Otto Wolf zum 65\. Geburtstag*](http://www.dampfboot-verlag.de/buecher/752-2.html?ref=blog.stuetzle.cc), Münster, 239-262. - Lars Bretthauer/ Ingo Stützle (2008): ["Die ideologische Dimension staatlicher Herrschaft](https://stuetzle.cc/uploads/Bretthauer-St%C3%BCtzle-Ideologische-dimension-staatlicher-Herrschaft.pdf?ref=blog.stuetzle.cc). Erkundungen im präventiven Sicherheitsstaat", in: Dimmel, Nikolaus/ Schmee, Josef ((Hg.): [*Die Gewalt des neoliberalen Staates. Vom fordistischen Wohlfahrtsstaat zum repressiven Überwachungsstaat*](http://books.google.de/books?id=osJ6%5F7AoYhgC&ref=blog.stuetzle.cc), Wien, 61-90. - [Marx‹ inne­rer Mono­log.](http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/601.marx-innerer-monolog.html?ref=blog.stuetzle.cc) Vor 150 Jah­ren schrieb Karl Marx die »Grund­risse, in: Z., Nr. 73, März 2008, 113–122. - [Dem Wert auf der Spur](http://www.stuetzle.cc/uploads/Z%2071%20Dem%20Wert%20auf%20der%20Spur.pdf?ref=blog.stuetzle.cc): Von der Unmög­lich­keit, den Wert zu mes­sen, ohne sich einen abzu­bre­chen. Eine Kri­tik der Äqui­va­len­zöko­no­mie und ihrer Kri­ti­ker, in: Z., Nr. 71, Sep­tem­ber 2007, 154–163. - Ingo Stützle (2006): ["Die Ordnung des Wissens.](https://stuetzle.cc/uploads/Stu%CC%88tzle-2006-Staat-als-Wissensapparat.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) Der Staat als Wissensapparat", in: Bretthauer, Lars/ Gallas, Alexander/Kannankulam, John/Stützle, Ingo (Hg.):[*Poulantzas lesen. Zur Aktualität marxistischer Staatstheorie*](http://www.vsa-verlag.de/books.php?kat=ta&isbn=3-89965-177-4&ref=blog.stuetzle.cc), Hamburg, 188-205. - Ingo Stützle (2006) "Die Frage nach der konstitutiven Relevanz der Geldware in Max' Kritik der politischen Ökonomie", in: Hoff, Jan/ Petrioli, Alexis/ Stützle, Ingo/ Wolf, Frieder Otto (Hg.): [*Das Kapital neu lesen - Beiträge zur radikalen Philosophie*](http://www.dampfboot-verlag.de/buecher/605-X.html?ref=blog.stuetzle.cc), Münster, 254-286. ### Artikel/Papers 1. [Material für Theoriearbeit:](https://blog.stuetzle.cc/material-fuer-theoriearbeit-was-karl-marx-und-friedrich-engels-in-england-suchten-und-fanden/) Was Karl Marx und Friedrich Engels in England suchten und fanden, in: erschienen in: [OXI. Wirtschaft anders denken](https://oxiblog.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 3/2023 vom 10\. März 2023, S. 14/15. 2. [Auf einen Nenner gebracht.](https://blog.stuetzle.cc/wie-die-mathematik-in-die-wirtschaftswissenschaften-kam-und-die-verhaeltnisse-mystifiziert/) Angezählt im Kapitalismus: wie die Mathematik in die Wirtschaftswissenschaften kam und die Verhältnisse mystifiziert, in : ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 688 vom 13.12.2022, S.14. 3. [Weiche Schale, harter Kern. ](https://blog.stuetzle.cc/weiche-schale-harter-kern-vor-150-jahren-erschien-der-erste-band-des-kapitals-von-karl-marx/)Vor 150 Jahren erschien der erste Band des »Kapitals« von Karl Marx, in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 630 vom 19.9.2017, S.3. 4. Soft Shell, Hard Core: On the 150th Anniversary of the Publication of Karl Marx’s Capital, Vol. 1, in: [Brooklyn Rail](https://brooklynrail.org/2017/10/field-notes/SoftShell-HardCore-On-the-150th-Anniversary-of-the-Publication-of-Karl-Marxs-Capital-Vol-1?ref=blog.stuetzle.cc), October, 5th, 2017. 5. [Die Schuldenfrage ist eine Verteilungsfrage. ](https://www.ila-web.de/ausgaben/396/die-schuldenfrage-ist-eine-verteilungsfrage?ref=blog.stuetzle.cc)Staatsverschuldung gilt heute als eines der zentralen Probleme der Weltwirtschaft, in: ila: 396/2016, S. 4-6. 6. Keine Kapitalismuskritik ist auch keine Lösung, in: [oxiblog.de](https://oxiblog.de/keine-kapitalismuskritik-ist-auch-keine-loesung/?ref=blog.stuetzle.cc), 25.09.2016 7. Hätte, müsste, sollte – die Kritik der Neoklassik, in: [oxiblog.de](https://oxiblog.de/kritik-der-neoklassik/?ref=blog.stuetzle.cc), 21.06.2016 8. [Spaltender Sozialstaat - Die Rede von der Belastungsgrenze zeugt von sozialdemokratischen Überzeugungen](https://www.akweb.de/politik/spaltender-sozialstaat-arbeiterbewegung-sozialdemokratie-nationalismus-belastungsgrenzen/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 613, S. 1, 8. 9. Deutschland am Ziel: Athen zieht die Schuldenbremse, in: [oxiblog.de](https://oxiblog.de/athen-zieht-die-schuldenbremse?ref=blog.stuetzle.cc), 25.5.2016. 10. Dostojewski, Marx, Liza Minelli – vom Geld und seinen Mythen, in: [https://oxiblog.de](https://oxiblog.de/vom-geld-und-seinen-mythen?ref=blog.stuetzle.cc), 14.05.2016. 11. Begriff des Tages: »Schuldentragfähigkeit« verlangt der IWF. Was heißt das?, in: [https://oxiblog.de](https://oxiblog.de/iwf-will-schuldentragfaehigkeit/?ref=blog.stuetzle.cc), 10.5.2016 12. FAQ. Noch Fragen? (A)typisch: Prekarität als neue Normalität, in in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 612 vom 19.1.2016. 13. [Ellen Meiksins Wood ist tot. ](https://blog.stuetzle.cc/ellen-meiksins-wood-ist-tot-marxistische-historikerin-und-ex-herausgeberin-der-monthly-review-im-alter-von-73-jahren-gestorben/)Marxistische Historikerin und Ex-Herausgeberin der »Monthly Review« im Alter von 73 Jahren gestorben, in: neues-deutschland.de (online) und leicht modifiziert Print (18.1.2016) 14. FAQ. Noch Fragen? Europäische Einlagensicherung, in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 611 vom 15.12.2015 15. FAQ. Noch Fragen? Der Kampf gegen die Zeit des Kapitals, in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 610 vom 17.11.2015. 16. FAQ. Noch Fragen? VW: Ein Skandal, der keiner ist, in: ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 609 vom 20.10.2015 17. FAQ. Noch Fragen? China: Bang, Boom, Börse, in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 608 vom 15.9.2015 18. Ein Internetanbieter schlägt viele tot. Kapitalismuskritiker Karl Marx erklärt, was es mit der Netzneutralität auf sich hat, in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 610 vom 17.11.2015 , S. 24. 19. [Arbeitszeit und Arbeitskraft. ](http://www.neues-deutschland.de/artikel/984106.arbeitszeit-und-arbeitskraft.html?ref=blog.stuetzle.cc)Was Karl Marx über Ausbeutung und den Verkauf der eigenen Lebenszeit schreibt, erschienen in: *neues deutschland*, 11.9.2015. 20. [Gefangen im Schuldenturm. Deutschland drängt Griechenland weiter seinen politischen Willen auf](https://blog.stuetzle.cc/gefangen-im-schuldenturm-deutschland-draengt-griechenland-weiter-seinen-politischen-willen-auf/), erschie­nen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 607 vom 18.8.2015. 21. [FAQ. Noch Fragen? ](https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-puerto-rico-griechenland-in-der-karibik/)Puerto Rico: Griechenland in der Karibik?, erschie­nen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 607 vom 18.8.2015. 22. [Das Geld, Gott der Waren. ](https://blog.stuetzle.cc/das-geld-gott-der-waren-zur-debatte-ueber-die-abschaffung-des-bargeldes/)Die Debatte über die Abschaffung des Bargeldes hat viele Leerstellen. Und Lehrstellen: Sie fördert das Kapitalismusverständnis - und befähigt zu Kritik an den Verhältnissen, erschienen in: *neues deutschland*, 20.6.2015. 23. [FAQ. Noch Fragen? Der Euro: stabil und unterbewertet](https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-der-euro-stabil-und-unterbewertet), erschie­nen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 606 vom 16.6.2015 24. [Man spricht Deutsch. ](https://blog.stuetzle.cc/man-spricht-deutsch-trotz-seiner-ns-vergangenheit-ist-deutschland-in-europa-dominant/)Trotz seiner NS-Vergangenheit ist Deutschland in Europa dominant, erschie­nen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 606 vom 16.6.2015 25. [Leere Versprechen mit System. ](https://blog.stuetzle.cc/leere-versprechen-mit-system-was-ein-extra-institutionelles-treffen-wie-g7-in-elmau-soll/)Was ein extra-institutionelles Treffen wie G7 in Elmau soll, erschie­nen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 605 vom 19.5.2015. 26. [FAQ. Noch Fragen? Offene Offene Beziehung mit Euro?](https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-offene-offene-beziehung-mit-euro/) Erschie­nen in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 605 vom 19.5.2015 27. [FAQ. Noch Fragen? Schuld und Sühne](https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-schuld-und-suehne/), erschie­nen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 604 vom 21.4.2015 28. [FAQ. Noch Fragen? Investitionen für Griechenland](https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-investitionen-fuer-griechenland/), erschie­nen in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 603 vom 17.3.2015 29. [Kaum Luft zum Atmen. ](https://blog.stuetzle.cc/kaum-luft-zum-atmen-alle-neuen-massnahmen-der-syriza-regierung-haengen-am-tropf-der-ezb/)Alle neuen Maßnahmen der SYRIZA-Regierung hängen am Tropf der EZB, erschie­nen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 603 vom 17.3.2015 30. [Formative Phase:](https://blog.stuetzle.cc/formative-phase-zum-neuesten-mega-band-und-die-manchester-hefte/) zum neuesten MEGA-Band und die »Manchester Hefte«, erschie­nen in: *neues deutsch­land*, 21.3.2015. 31. [Nächste Ausfahrt Grexit?](http://www.neues-deutschland.de/artikel/962291.naechste-ausfahrt-grexit.html?ref=blog.stuetzle.cc) Berlin versperrt sich einer alternativen Krisenpolitik und droht also mit dem Joker: dem Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro, erschienen in: *neues deutschland*, 19.2.2015. 32. [Der Elefant im Raum. ](https://blog.stuetzle.cc/der-elefant-im-raum-die-ezb-zieht-zwar-die-daumenschrauben-fuer-athen-an-setzt-aber-die-eurozone-insgesamt-unter-druck/)Die EZB zieht zwar die Daumenschrauben für Athen an, setzt aber die Eurozone insgesamt unter Druck, erschie­nen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 602 vom 17.2.2015. 33. [FAQ. Noch Fragen? Um– oder Entschuldung für Athen?](https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-um-oder-entschuldung-fuer-athen/), erschie­nen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 602 vom 17.2.2015. 34. FAQ. Noch Fragen? [Berliner Schuldenkonferenz?](http://stuetzle.cc/2015/02/faq-noch-fragen-berliner-schuldenkonferenz/?ref=blog.stuetzle.cc), erschie­nen in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 601 vom 20.1.2015 35. FAQ. Noch Fragen? [Investitionslücke](http://stuetzle.cc/2015/01/faq-noch-fragen-investitionsluecke/?ref=blog.stuetzle.cc), erschie­nen in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 600 vom 16.12.2014. 36. FAQ. Noch Fragen? [Schäubles schwarze Null](http://stuetzle.cc/2014/12/faq-noch-fragen-schaeubles-schwarze-null/?ref=blog.stuetzle.cc), erschie­nen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 599 vom 18.11.2014. 37. [Des Teufels großer Haufen. ](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak598/06.htm?ref=blog.stuetzle.cc)Der französische Ökonom Thomas Piketty plädiert für mehr Leistungsgerechtigkeit, erschie­nen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 598 vom 14.10.2014. 38. FAQ. Noch Fragen? [Grenzen der Geldpolitik](http://stuetzle.cc/2014/10/faq-noch-fragen-grenzen-der-geldpolitik/?ref=blog.stuetzle.cc), erschie­nen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 598 vom 14.10.2014, S. 9. 39. FAQ. Noch Fragen? [Argentinien ist zahlungsunfähig](http://stuetzle.cc/2014/08/faq-noch-fragen-argentinien-ist-zahlungsunfaehig/?ref=blog.stuetzle.cc), in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Praxis*, Nr. 596 vom 19.8..2014. 40. zusammen mit Holger Oppenhäu­ser: [Das Volk als Wille und Vorstellung.](http://stuetzle.cc/2014/08/das-volk-als-wille-und-vorstellung-die-forderung-nach-souveraenitaet-ist-fuer-politische-emanzipationsprozesse-mehr-irrlicht-als-orientierungspunkt/?ref=blog.stuetzle.cc) Die Forderung nach »Souveränität« ist für politische Emanzipationsprozesse mehr Irrlicht als Orientierungspunkt, in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 595 vom 17.6.2014. 41. [Der Krisenstab: »Hallo, hier spricht die EZB …«](http://stuetzle.cc/2014/07/der-krisenstab-hallo-hier-spricht-die-ezb/?ref=blog.stuetzle.cc), in: *neues deutsch­land*, 28.07.2014. 42. [Der Krisenstab: Nicht immer so negativ, Kapitalismus!](http://stuetzle.cc/2014/07/der-krisenstab-nicht-immer-so-negativ-kapitalismus/?ref=blog.stuetzle.cc), in: *neues deutsch­land*, 30.7.2014. 43. [FAQ. Noch Fragen? Und täglich grüßt der Dax](http://stuetzle.cc/2014/06/faq-noch-fragen-und-taeglich-gruesst-der-dax/?ref=blog.stuetzle.cc), in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 595 vom 17.6.2014. 44. Kolumne Krisenstab: [Das mit den E-Mails regelt der Markt](http://www.neues-deutschland.de/artikel/934642.das-mit-den-e-mails-regelt-der-markt.html?ref=blog.stuetzle.cc), in: *neues deutschland*, 2.6.2014. 45. FAQ. Noch Fragen? [Geld- und Zinskritik gegen Fiatgeld?](http://stuetzle.cc/2014/05/faq-noch-fragen-geld-und-zinskritik-gegen-fiatgeld/?ref=blog.stuetzle.cc), in: *ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis*, Nr. 594 vom 20.5.2014 46. Kolumne Krisenstab: [Die Krise in Zeiten von Piketty](http://www.neues-deutschland.de/artikel/931890.die-krise-in-zeiten-von-piketty.html?ref=blog.stuetzle.cc), in: *neues deutschland*, 5.5.2014 47. Kolumne Krisenstab: [Die Politik des BIP](http://www.neues-deutschland.de/artikel/929349.die-politik-des-bip.html?ref=blog.stuetzle.cc), in: *neues deutschland*, 7.04.2014. 48. [Kapitalismus und Krieg: zwei Seiten einer Medaille? ](http://stuetzle.cc/2014/04/kapitalismus-und-krieg-zwei-seiten-einer-medaille-nicht-nur-rosa-luxemburg-versuchte-den-ersten-weltkrieg-oekonomisch-zu-erklaeren/?ref=blog.stuetzle.cc)Nicht nur Rosa Luxemburg versuchte, den Ersten Weltkrieg ökonomisch zu erklären, in: [*ak — ana­lyse & kri­tik*](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc)*. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 592 vom 18.3.2014, S. 34. 49. FAQ. Noch Fragen? [Ukraine: Hilfe gegen Auflagen](http://stuetzle.cc/2014/03/faq-noch-fragen-ukraine-hilfe-gegen-auflagen/?ref=blog.stuetzle.cc), in: [*ak — ana­lyse & kri­tik*](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc)*. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 592 vom 18.3.2014, S. 4. 50. Kolumne Krisenstab: [Das Ticket zum Diskurs. ](http://www.neues-deutschland.de/artikel/926359.das-ticket-zum-diskurs.html?ref=blog.stuetzle.cc)Warum es die soziale Ungleichheit plötzlich in den Wirtschaftsteil der Presse schafft, in: *neues deutschland*, 10.03.2014 51. FAQ. Noch Fragen? [Es kann nur eine Bankenunion geben](http://stuetzle.cc/2014/02/faq-noch-fragen-es-kann-nur-eine-bankenunion-geben/?ref=blog.stuetzle.cc), in: *ak - ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 591 vom 18.2.2014, S. 5. 52. [Kein Euro ist auch keine Lösung. ](http://www.prager-fruehling-magazin.de/de/article/1106.kein-euro-ist-auch-keine-l%C3%B6sung.html?ref=blog.stuetzle.cc)Viele Linke erhoffen sich zu unrecht mit einer Renationalisierung mehr wirtschaftspolitischen Spielraum, in: *Prager Frühling. Magazin für Freiheit und Sozialismus*, Nr. 18, Februar 2014. 53. [»Das System ist wie die Kirche«. ](http://stuetzle.cc/2014/01/das-system-ist-wie-die-kirche-geschichte-die-us-zentralbank-fed-ist-aus-der-krise-geboren-und-ist-heute-ein-symbol-des-us-pragmatismus/?ref=blog.stuetzle.cc)Geschichte Die US-Zentralbank Fed ist aus der Krise geboren und bis heute ein Symbol des US-Pragmatismus, erschienen in: *ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis*, Nr. 590 vom 21.1.2014 54. FAQ. Noch Fragen? [Arm, aber des eigenen Glückes Schmied](http://stuetzle.cc/2014/01/faq-noch-fragen-arm-aber-des-eigenen-glueckes-schmied/?ref=blog.stuetzle.cc), erschienen in: *ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis*, Nr. 590 vom 21.1.2014 55. FAQ. [Noch Fragen? Arm dank Arbeit](http://stuetzle.cc/2014/01/faq-noch-fragen-arm-dank-arbeit/?ref=blog.stuetzle.cc), erschie­nen in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 589 vom 17.12.2013, S. 8. 56. [Kirche im Glaubenssystem Kapitalismus](http://www.neues-deutschland.de/artikel/918845.html?ref=blog.stuetzle.cc). Sie wurde aus der Krise geboren, hat den Neoliberalismus eingeläutet und ist bis heute Symbol des US-Pragmatismus: die Fed, erschienen in: neues deutschkand, 23.12.2013. 57. [Neutraler als neutral. ](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak588/41.htm?ref=blog.stuetzle.cc)Das neue EZB-Gebäude soll 2014 in Frankfurt eröffnet werden - Proteste sind angekündigt, in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 588 vom 19.11.2013 58. [Investitionen sind alles, Freiheit ist nichts.](http://stuetzle.cc/2013/11/mit-dem-freihandelsabkommen-ttip-will-sich-deutschland-einen-guten-platz-unter-der-weltmarktsonne-sichern/?ref=blog.stuetzle.cc) Mit dem Freihandelsabkommen TTIP will sich Deutschland einen guten Platz unter der Weltmarktsonne sichern, in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 588 vom 19.11.2013 59. FAQ. Noch Fragen? [Gefährdet der Shutdown den Weltmarkt?](http://stuetzle.cc/2013/10/faq-noch-fragen-gefaehrdet-der-shutdown-den-weltmarkt/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 587 vom 15.10.2013 60. [Fest im neoliberalen Sattel. Mythos und Realität:](http://stuetzle.cc/2013/09/fest-im-neoliberalen-sattel-mythos-und-realitaet-die-rolle-der-chicago-boys-in-der-wirtschaftspolitischen-konterrevolution/?ref=blog.stuetzle.cc) Die Rolle der Chicago Boys in der wirtschaftspolitischen Konterrevolution, in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 586 vom 17.9.2013 61. FAQ. Noch Fragen? [Sind Bitcoins Geld?](http://stuetzle.cc/2013/09/faq-noch-fragen-sind-bitcoins-geld/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 586 vom 17.9.2013 62. Der alte Schlawiner lebt. Zur Debatte um das Ende des Kapitalismus und warum man alles selber machen muss. Eine Antwort auf Manfred Sohn, auf [neues-deutschland.de](http://www.neues-deutschland.de/artikel/832009.html?ref=blog.stuetzle.cc) (2.9.2013) 63. FAQ. Noch Fragen? [Bis die Immobilienblase platzt](http://stuetzle.cc/2013/08/faq-noch-fragen-oekonomie-der-immobilienblase/?ref=blog.stuetzle.cc). Erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 585 v. 14.8.2013, S. 6. 64. [Mitterrandova noćna mora](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2013/07/Mitterrandova-1.pdf?ref=blog.stuetzle.cc), erschienen in: [Le Monde Diplomatique](http://lemondediplomatique.hr/sedmi-broj-lmd-srpanj-2013/?ref=blog.stuetzle.cc) (kroatische Ausgabe), Juli 2013. 65. [Mitterrands Albtraum: Ein Europäisches Währungssystem ist keine Alternative](http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=me&dig=2013%2F06%2F28%2Fa0094&cHash=4b712f0d1b4d237e38111e732a86cd75&ref=blog.stuetzle.cc). Das zeigt Frankreichs Politik der achtziger Jahre, erschienen in: *taz. die tageszeitung*, 28.6.2013 66. FAQ. Noch Fragen? [War das EWS besser als der Euro?](http://stuetzle.cc/2013/06/faq-noch-fragen-war-das-ews-besser-als-der-euro/?ref=blog.stuetzle.cc) Erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 584 v. 21.6.2013, S. 8. 67. [Hätte, müsste, könnte: Politik im Konjunktiv](https://www.akweb.de/ak%5Fs/ak584/56.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Statt radikaler Pose bedarf es organisierter Lernprozesse, erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 584 v. 21.6.2013. 68. zusammen mit Martin Birkner: [Prema Solidarnoj Ekonomiji?](http://stuetzle.cc/2013/06/prema-solidarnoj-ekonomiji/?ref=blog.stuetzle.cc), erschienen in: Le Monde Diplomatique (kroatische Ausgabe), Mai 2013. 69. FAQ. Noch Fragen? [Deutschland arm gerechnet](http://stuetzle.cc/2013/05/faq-noch-fragen-deutschland-arm-gerechnet/?ref=blog.stuetzle.cc), erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 583 vom 17.5.2013 70. [Kurzer Sommer der Kapitalismuskritik](http://stuetzle.cc/2013/05/streitfrage-im-nd-was-taugt-keynes-zur-losung-der-aktuellen-krise/?ref=blog.stuetzle.cc), Beitrag zur nd-Debatte: Was taugt Keynes zur Lösung der aktuellen Krise?. in: neues deutschland, 27.4.2013 71. FAQ. Noch Fragen? [Zypern: Eine Bank mit Badestrand](http://stuetzle.cc/2013/04/faq-noch-fragen-zypern-eine-bank-mit-badestrand/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 582 vom 19.4.2013 72. zusammen mit Martin Birkner: [Wie wir leben wollen. Die zentralen Konfliktfelder des alternativen Wirtschaftens](http://akweb.de//ak%5Fs/ak580/39.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 580 vom 15.2.2013 73. FAQ. Noch Fragen? [Bis einer heult: Währungskrieg](http://stuetzle.cc/2013/02/faq-noch-fragen-bis-einer-heult-wahrungskrieg/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 580 vom 15.2.2013 74. FAQ. Noch Fragen? [Europäische Bankenaufsicht](http://stuetzle.cc/2013/01/faq-noch-fragen-europaische-bankenaufsicht/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 579 vom 18.1.2013 75. [Wettbewerbsfähigkeit eine Absage erteilen. ](http://stuetzle.cc/2013/01/wettbewerbsfahigkeit-eine-absage-erteilen-die-linke-sollte-sich-nicht-uber-die-selbstkritik-des-iwf-freuen/?ref=blog.stuetzle.cc)Die Linke sollte sich nicht über die »Selbstkritik« des IWF freuen, in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 579 vom 18.1.2013 76. [FAQ. Noch Fragen? Schuldenschnitt für Athen](http://stuetzle.cc/2012/12/schuldenschnitt-fur-athen/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 578 vom 21.12.2012 77. [FAQ. Noch Fragen? Target2: Euro ist nicht gleich Euro](http://stuetzle.cc/2012/11/faq-noch-fragen-target2-euro-ist-nicht-gleich-euro/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 577 vom 16.11.2012 78. [FAQ. Noch Fragen? ESM: Rettung unter Auflagen](http://stuetzle.cc/2012/10/faq-noch-fragen-esm-rettung-unter-auflagen/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 576 vom 19.10.2012 79. [FAQ. Noch Fragen? Draghikomödie: Viel Lärm um nichts](http://stuetzle.cc/2012/09/faq-noch-fragen-draghikomodie-viel-larm-um-nichts/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 575 vom 21.9.2012 80. [Europa diskutieren. Nach dem ESM-Urteil ist eine solidarische Politik von unten nötig](http://stuetzle.cc/2012/09/europa-diskutieren-nach-dem-esm-urteil-ist-eine-solidarische-politik-von-unten-notig/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 575 vom 21.9.2012 81. [Der zerbrochene Kopf des Kapitals.](http://stuetzle.cc/2012/09/der-zerbrochene-kopf-des-kapitals-2/?ref=blog.stuetzle.cc) Ingo Stützle fordert eine Krisenanalyse, der es um die Veränderung der Verhältnisse geht, in: neues deutschland, 1.9.2012 (online) 82. FAQ. Noch Fragen? [Warum kauft die EZB Staatsanleihen?](http://stuetzle.cc/2012/08/faq-noch-fragen-warum-kauft-die-ezb-staatsanleihen/?ref=blog.stuetzle.cc), erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 574 v.17.8.2012 83. [Welttreffen am Sankt-Immer-Tag. ](http://www.stuetzle.cc/2012/08/welttreffen-am-sankt-immer-tag-neuerscheinungen-zum-konflikt-zwischen-marx-und-bakunin-provozieren-eine-neue-debatte-um-linke-geschichte/?ref=blog.stuetzle.cc)Neuerscheinungen zum Konflikt zwischen Marx und Bakunin provozieren eine neue Debatte um linke Geschichte, erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 574 v.17.8.2012 84. FAQ. Noch Fragen? [Arbeitshypothese Grexit](http://stuetzle.cc/2012/06/faq-noch-fragen-arbeitshypothese-grexit/?ref=blog.stuetzle.cc), erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 573 vom 15.6.2012 85. zusammen mit [Sabine Nuss](http://nuss.in-berlin.de/?ref=blog.stuetzle.cc): [Modernisierung statt Meuterei. Die Piraten als Katalysatoren der aktuellen Urheberrechtsdebatte](http://akweb.de/ak%5Fs/ak573/34.htm?ref=blog.stuetzle.cc), erschienen in: ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 573 vom 15.6.2012 86. [Schuld und Sühne. In David Graebers Buch »Schulden – Die ersten 5.000 Jahre« fehlt die Kapitalismusanalyse](http://stuetzle.cc/2012/05/schuld-und-suhne-in-david-graebers-buch-schulden-die-ersten-5-000-jahre-fehlt-die-kapitalismusanalyse/?ref=blog.stuetzle.cc), erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 572 vom 19.5.2012 87. FAQ. Noch Fragen? [Das Vermögen, Reiche zu besteuern](http://stuetzle.cc/2012/05/faq-noch-fragen-das-vermogen-reiche-zu-besteuern/?ref=blog.stuetzle.cc), erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 572 vom 19.5.2012 88. [Making of Staatsschuldenkrise. Wer in die Krise die Definitionsmacht über das Problem hat, bekommt auch die politische Lösungskompetenz](http://stuetzle.cc/2012/04/das-making-of-staatsschuldenkrise-wer-in-der-krise-die-definitionsmacht-uber-das-problem-hat-bekommt-auch-die-politische-losungskompetenz/?ref=blog.stuetzle.cc), in: in: ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 571 vom 20.4.2012 89. [ESM: Keine Rettung vor Austerität](http://www.stuetzle.cc/2012/04/faq-esm-keine-rettung-vor-austeritat/?ref=blog.stuetzle.cc) (FAQ. Noch Fragen?), in: ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 571 vom 20.4.2012 90. [Bankrott auf Raten.](http://www.stuetzle.cc/2012/02/bankrott-auf-raten-griechenland-muss-neue-spardiktate-durchsetzen-eine-umschuldung-steht-bevor/?ref=blog.stuetzle.cc) Griechenland muss neue Spardiktate durchsetzen – eine Umschuldung steht bevor, in: [ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 569 vom 17.2.2012](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak569?ref=blog.stuetzle.cc) 91. [Vorsicht, bissiger Fiskalpakt!](http://www.stuetzle.cc/2012/02/vorsicht-bissiger-fiskalpakt/?ref=blog.stuetzle.cc) (FAQ. Noch Fragen?), in: [ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 569 vom 17.2.2012](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak569?ref=blog.stuetzle.cc) 92. [Radikale Kritik mit Bart.](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak568/29.htm?ref=blog.stuetzle.cc) Nicht alle Neuerscheinungen über Marx taugen etwas, in: [ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 568 vom 20.1.2012](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak568?ref=blog.stuetzle.cc) 93. [In der EU-Krisenpolitik wird die Ausnahme zur Regel.](http://www.stuetzle.cc/2011/12/wenn-in-der-eu-die-ausnahme-zur-regel-wird/?ref=blog.stuetzle.cc) Die Eurokrise ist noch lange nicht ausgestanden, in: [ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 567 vom 16.12.2011](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak567?ref=blog.stuetzle.cc) 94. [Was kostet der Euro?](http://www.stuetzle.cc/2011/12/faq-was-die-euro-rettung-kostet/?ref=blog.stuetzle.cc) (FAQ. Noch Fragen?), in: [ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 567 vom 16.12.2011](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak567?ref=blog.stuetzle.cc) 95. zusammen mit Stephan Kaufmann: Über die Verhältnisse gelebt? (FAQ. Noch Fragen?), in: [ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 566 vom vom 18.11.2011](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak566?ref=blog.stuetzle.cc) 96. Hast du mal ’nen Eurobond? In der Debatte über das Für und wider werden zentrale Fragen nicht gestellt, in: [ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 565 vom vom 21.10.2011](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak565/?ref=blog.stuetzle.cc) 97. Zurück auf Los. Die Linke hat die Möglichkeit verpasst, wichtige Erfahrungen zu reflektieren, in: [ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 565 vom vom 21.10.2011](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak565/?ref=blog.stuetzle.cc) 98. [Die EU nach der Euro-Krise. Vom Tod des Neoliberalismus zur autoritären Stabilisierung](http://www.stuetzle.cc/2011/09/die-eu-nach-der-euro-krise-vom-tod-des-neoliberalismus-zur-autoritaren-stabilisierung/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 564 vom 16.9.2011 \[English Version: [The EU After the Euro Crisis. From the Death of Neoliberalism to Authoritarian Stabilization](http://www.stuetzle.cc/2011/10/the-eu-after-the-euro-crisis-from-the-death-of-neoliberalism-to-authoritarian-stabilization/?ref=blog.stuetzle.cc)\] 99. [Kleine Geschichte der Euro-Rettung](http://www.stuetzle.cc/2011/09/kleine-geschichte-der-euro-rettung/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 564 vom 16.9.2011 100. [Downgrade!!! Macht und Ohnmacht der Rating-Agenturen. Rating-Agenturen sind in der Euro-Krise vor allem eine beliebte Projektionsfläche](http://www.rosalux.de/fileadmin/rls%5Fuploads/pdfs/Standpunkte/Standpunkte%5F26-2011.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) \[pdf\]. *Standpunkte* der RLS 26/2011 101. Handreichungen zum Klassenkampf. [Rating-Agenturen: Guter Rat ist teuer](http://www.stuetzle.cc/2011/08/rating-agenturen-guter-rat-ist-teuer/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 563 vom 19.8.2011 102. Moe Hierlmeier ist tot. Drei Versprechen, den Faden weiterzuspinnen - Die historische Materialität falsch gestellter Fragen, in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 563 vom 19.8.2011 103. Handreichungen zum Klassenkampf. [Wie Deutschland von Griechenlands Krise profitiert](http://www.stuetzle.cc/2011/06/wie-deutschland-von-griechenlands-krise-profitiert/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 562 vom 17.6.2011 \[[English Version](http://www.stuetzle.cc/2011/07/how-germany-profits-from-greece%e2%80%99s-crisis/?ref=blog.stuetzle.cc)\] 104. [Strahlendes Proletariat. Leiharbeit ist auch in Deutschland elementarer Bestandteil der Atomindustrie](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak561/16.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 561 vom 20.5.2011 105. Dosisreserve, 75 Prozent stärker belastet, in: *der freitag*, 20.4.2011, S. 4 oder [längere online-Version](http://www.freitag.de/politik/1116-75-prozent-st-rker-belastet?ref=blog.stuetzle.cc) 106. [Vermögensentwicklung, Staatsverschuldung und Umverteilung](http://www.stuetzle.cc/2011/01/vermogensentwicklung-staatsverschuldung-und-umverteilung/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 557 vom 21.1.2011 107. [Auf verlorenem Posten. Der Schriftsteller Peter O. Chotjewitz ist tot](http://www.stuetzle.cc/2011/01/auf-verlorenem-posten-der-schriftsteller-peter-o-chotjewitz-ist-tot/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 557 vom 21.1.2011 108. [Mein Name ist Bond - Euro-Bond](http://www.stuetzle.cc/2010/12/mein-name-ist-bond-euro-bond/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 556 vom 17.12.2010 109. Die institutionelle Strategie der Schlichtung, in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 556 vom 17.12.2010 110. [Entgleiste Herrschaft. Der Kampf um Stuttgart 21 am Scheideweg](http://www.stuetzle.cc/2010/10/entgleiste-herrschaft-der-kampf-um-stuttgart-21-am-scheideweg/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 554 vom 15.10.2010 111. [Die EU ist weiterhin auf neoliberalem Kurs,](http://www.stuetzle.cc/2010/10/die-eu-ist-weiterhin-auf-neoliberalem-kurs/?ref=blog.stuetzle.cc) in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 554 vom 15.10.2010 112. [Krisen-FAQ. Drei Fragen, die beantwortet werden wollen](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak551/38.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 551 vom 18.6.2010, S. 14 113. [Grenzen der Staatsverschuldung](http://www.stuetzle.cc/2010/05/der-gipfel-von-schuldenbergen-zu-grenzen-der-staatsverschuldung/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 550 vom 21.5.2010, S. 25 114. [Vor Veränderung kommt Verstehen. Die Commons liefern nur ein schräges Bild vom Kapitalismus](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak549/44.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 549 vom 16.4.2010, S. 14 115. [Bankenabgabe zum Wohle des Kapitalismus](http://www.stuetzle.cc/2010/04/bankenabgabe-zum-wohle-des-kapitalismus/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 549 vom 16.4.2010, S. 25 116. zusammen mit Sabine Nuss: Party mit Marx. 2\. Marx-Herbstschule in der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin 20\. - 22\. November, in: Zeitschrift marxistische Erneuerung, Nr. 81, 21\. Jahrgang, März 2010, 165-168 117. [Die wollen nur spielen. Zur Aktualität von Partei- und Parlamentarismuskritik](http://www.stuetzle.cc/2010/03/die-wollen-nur-spielen-zur-aktualitat-von-partei-und-parlamentarismuskritik/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 548 vom 19.3.2010, S. 13 118. [Die EU im Würgegriff der Spekulation?](http://www.stuetzle.cc/2010/03/handreichungen-zum-klassenkampf-die-eu-im-wurgegriff-der-spekulation/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 548 vom 19.3.2010; S. 25 119. [Ein Pleitekandidat in der fünften Jahreszeit. Griechenland hat vor allem Probleme mit Deutschland und der EU](http://www.stuetzle.cc/2010/02/ein-pleitekandidat-in-der-funften-jahreszeit-griechenland-hat-vor-allem-probleme-mit-deutschland-und-der-eu/?ref=blog.stuetzle.cc), in: [ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak547/24.htm?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 547 vom 19.2.2010 120. 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Interessenkonflikte prägten den G20-Gipfel in Pittsburgh](http://www.stuetzle.cc/2009/10/grosser-gipfel-kleine-wirkung-interessenkonflikte-pragten-den-g20-gipfel-in-pittsburgh/?ref=blog.stuetzle.cc), in: [analyse & kritik. ak - zeitung für linke debatte und praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 543 vom 16.10.2009 124. [Wer soll das bezahlen? Besteuerung als Umverteilungsmaschinerie](http://www.stuetzle.cc/2009/09/wer-soll-das-bezahlen-besteuerung-als-umverteilungsmaschinerie/?ref=blog.stuetzle.cc), in: [analyse & kritik. ak - zeitung für linke debatte und praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 542 vom 18.9.2009 125. [Welches Geld regiert die Welt? Nicht nur China zweifelt an der Rolle des US-Dollars als Weltwährung](http://www.stuetzle.cc/2009/08/welches-geld-regiert-die-welt/?ref=blog.stuetzle.cc), in: [analyse & kritik. ak - zeitung für linke debatte und praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 541 vom 21.8.2009 126. 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Magazin für Freiheit und Sozialismus](http://www.prager-fruehling-magazin.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr.3, 9-10. 129. zusammen mit Sabine Nuss und Anne Steckner: [Die Marx-Bubble. Vom Medienhype des Longsellers in Zeiten der Finanzkrise](http://www.das-kapital-lesen.de/?p=120&ref=blog.stuetzle.cc), in: [ak - zeitung für linke debatte und praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 533 vom 21.11.2008 130. [Sozialismus droht nicht. Vordenker?](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2008/10/keyns-im-freitag-40-2008-1.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) Der Streit um Keynes geht an der Sache und seiner Theorie vorbei, erschienen in: [Freitag Nr. 40 vom 3.10.2008](https://www.freitag.de/2008/40/08400402.php?ref=blog.stuetzle.cc) 131. zusammen mit Markus Wissen: [Yourope? Warum die EU (k)ein Thema für die Linke ist](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak530/19.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 530 v. 15.8.2008 132. [Eine Torte für Keynes. Keynes' 125\. Geburtstag und wie der Ökonom in der LINKEN (nicht) diskutiert wird](http://www.stuetzle.cc/?p=102&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 529 v.20.6.2008, S. 23. 133. [Marx reloaded. Nicht nur in der theoretischen Auseinandersetzung wird Marx wieder entdeckt](http://www.stuetzle.cc/?p=94&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 528 v. 23.5.2008 134. zusammen mit Sabine Nuss: [privatize me! Die Legitimationskrise der Privatisierung leitet eine zweite Phase ein. Der Kampf um Öffentliche Güter ist nicht zu Ende](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2008/05/privatize-me-1.pdf?ref=blog.stuetzle.cc), in: [They Gonna Privatize the Air. Eine Broschüre über Privatisierung im allgemeinen und konkret und die Kämpfe dagegen](http://www.antifa-versand.de/zoom.php?produkt=317&ref=blog.stuetzle.cc), herausgegeben von der Antifaschistischen Linken Berlin 135. [Marx' innerer Monolog. Vor 150 Jahren schrieb Karl Marx die "Grundrisse](http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/601.marx-innerer-monolog.html?ref=blog.stuetzle.cc), in: Z., Nr. 73, März 2008, 113-122. 136. [Marx' innerer Monolog. Vor 150 Jahren schrieb Karl Marx die "Grundrisse"](http://www.stuetzle.cc/?p=83&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 523 v. 14.12.2007 137. [Dem Wert auf der Spur: Von der Unmöglichkeit, den Wert zu messen, ohne sich einen abzubrechen. Eine Kritik der Äquivalenzökonomie und ihrer Kritiker](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/Z%2071%20Dem%20Wert%20auf%20der%20Spur.pdf?ref=blog.stuetzle.cc), in: Z., Nr. 71, September 2007, 154-163. 138. zusammen mit Jan Hoff, Alexis Petrioli, Frieder Otto Wolf: [Eine "Probe aufs Exempel", die schief ging oder wie die "Theorien über den Mehrwert" nicht zu lesen sind](http://stuetzle.cc/2007/09/eine-probe-aufs-exempel-die-schief-ging-oder-wie-die-theorien-ueber-den-mehrwert-nicht-zu-lesen-sind/?ref=blog.stuetzle.cc), in: [Sozialismus](http://www.sozialismus.de/socialist/?ref=blog.stuetzle.cc), 9/2007, 41-47. 139. zusammen mit Lars Bretthauer: [Mit Poulantzas die G8 verstehen. Das Gipfeltreffen der Industriestaaten als staatstheoretisches Problem](http://www.stuetzle.cc/?p=77&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 518 v. 22.6.2007, 20. 140. zusammen mit mb.: Der präventive Sicherheitsstaat in Aktion. Der G8, die Polizei, die Medien und der nicht erklärte Ausnahmezustand, erschienen in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 518 v. 22.6.2007 141. zusammen mit Markus Euskirchen: [Kein Blut für Petro-Dollars? Das Weltgeld und das Schmiermittel des globalen Kapitals](http://www.stuetzle.cc/?p=100&ref=blog.stuetzle.cc), in: [G8 - Deutung der Welt. Kritik. Protest. Widerstand](http://www.akweb.de/fantomas/?ref=blog.stuetzle.cc), Gemeinschaftsausgabe von ak - analyse & kritik, arranca!, Fantômas und So oder So, Seite 60-61. 142. [Der Yen zu Gast in China. Das Treffen der G7 in Essen und der Börsencrash](http://www.stuetzle.cc/?p=73&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 515 v. 16.3.2007 143. [Wir sind alle Konterrevolutionäre. Zum Tod von Milton Friedman](http://www.stuetzle.cc/?p=66&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 512 vom 15.12.2006, 27. 144. Poulantzas lesen! Der Staat ist nicht neutral: Warum der Staatstheoretiker unverändert aktuell bleibt, in: WoZ - Die Wochenzeitung, Nr. 38 v. 21.10.2006 145. [Der Klassenfeind steht immer im Staat. Nicos Poulantzas zum 70\. Geburtstag](http://www.stuetzle.cc/?p=59&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 509 v. 15.9.2006 146. [»Was machst Du denn gerade?« In der Linken wird seit einiger Zeit viel über Prekarisierung diskutiert – Proletariat war gestern](http://www.stuetzle.cc/?p=56&ref=blog.stuetzle.cc), in: Neues Deutschland v. 21.07.2006 147. [Neuer Ehrendoktor für Helmut Schmidt? Pro und Kontra zur Ernennung des Altkanzlers in Marburg](http://www.stuetzle.cc/?p=53&ref=blog.stuetzle.cc), in: Neues Deutschland, Nr. 146 v. 26.06.2006, 4. 148. zusammen mit Sabine Nuss: [Was ist und welchen Zweck hat Privatisierung? Anmerkungen zu einer linken Politik öffentlicher Güter](http://www.stuetzle.cc/?p=55&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 507 v. 16.6.2006 149. [Pfannkuchen, Emanzipation und Vergesellschaftung](http://www.stuetzle.cc/?p=49&ref=blog.stuetzle.cc). Zu Befreiung der Körper ([arranca! 33](http://arranca.nadir.org/arranca/article.do?id=315&ref=blog.stuetzle.cc)), in: arranca!, Nr. 34, Frühling 2006, 52-54. 150. [Vier Tage gemeinsam fragmentiert. Das vierte Europäische Sozialforum (ESF) war dieses Jahr zu Gast in Athen](http://www.stuetzle.cc/?p=49&ref=blog.stuetzle.cc), in: analyse & kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 506 v. 19.5.2006, S. 28 151. [Kuba-Krise in der Linkspartei.PDS. Die Frage der Menschenrechte reißt alte Gräben auf](http://www.stuetzle.cc/?p=47&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - analyse & kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 505 v. 21.4.2006, Seite 10 152. [Von Haushaltslöchern und Schuldenbergen. Hintergründe deutscher Sozialpolitik](http://www.labournet.de/diskussion/wipo/finanz/stuetzle.html?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - analyse + kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 501 v. 16.12.2005 153. [Ideal und Wirklichkeit. Freihandelstheoretiker und ihre Kritiker haben einiges gemeinsam](http://www.stuetzle.cc/?p=36&ref=blog.stuetzle.cc) ([kommentierte Literaturliste](http://www.iz3w.org/iz3w/Ausgaben/289/literaturliste%5Fstutzel.html?ref=blog.stuetzle.cc)), in: iz3w, Nr.289, 2005 154. [Existenzgeld – Einkommen zum auskommen ohne zu buckeln](http://perspektiven.verdi.de/mindestsicherung/existenzgeld?ref=blog.stuetzle.cc), in: [ver.di-Hintergrundmagazin »Perspektiven«](http://perspektiven.verdi.de/?ref=blog.stuetzle.cc) 155. Parlamentarismus und Öffentlichkeit, in: arranca!, Nr. 33, Herbst 2005 156. zusammen mit Henrik Lebuhn: [Vorsicht Linksdings. Die neue Linkspartei und die außerparlamentarische Linke](https://blog.stuetzle.cc/vorsicht-linksdings-die-neue-linkspartei-und-die-auserparlamentarische-linke/), in: ak - analyse + kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 498 v. 16.09.2005, 33-34. 157. [Wie hältst du's mit der Linkspartei? Eine Wahl, zwei Parteien, vier Meinungen](https://blog.stuetzle.cc/wie-haltst-dus-mit-der-linkspartei-eine-wahl-zwei-parteien-vier-meinungen/): Ralf Krämer, Rainer Rilling, Ingo Stützle und Kalle diskutieren über das Auftauchen des Wahlbündnisses aus PDS + WASG sowie über das Verhältnis zwischen parlamentarischer + außerparlamentarischer Linken, in: ak - analyse + kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 497v. 19.08.2005, 5-6. 158. [Ein Kessel Buntes. Nachbetrachtungen zum Euromayday 2005 in Hamburg](http://archiv.akweb.de/ak%5Fs/ak496/15.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - analyse + kritik - Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 496 v. 17.6.2005, 31. 159. zusammen mit Silke van Dyk: Aneignungspolitik oder Bezahlt wird nicht!, in: Das Argument: 257/2004, 710-720. 160. [Von Stellungs- und Bewegungskriegen – Kämpfe in und um den Staat. Eine Einführung in die materialistische Staatstheorie](http://www.stuetzle.cc/uploads/fantomas%5F05%5Flangfassung.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) \[pdf-Datei\], Langversion von 10 161. [Von Stellungs- und Bewegungskriegen – Kämpfe in und um den Staat. Eine Einführung in die materialistische Staatstheorie](https://blog.stuetzle.cc/von-stellungs-und-bewegungskriegen-kampfe-in-und-um-den-staat-eine-einfuhrung-in-die-materialistische-staatstheorie/), in: fantômas, Nr.5, 2004, 7 - 10. 162. [Faktisch taktisch? Über das Verhältnis der Wahlinitiativen zur Parteipolitik und zu sich selbst](http://www.linksnet.de/artikel.php?id=1220&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr.484 v. 21.05.2004 163. [Zwischen Konsens und Konkurrenz. Überlegungen zum Zusammenhang von bürgerlichem Staat und Krieg](https://blog.stuetzle.cc/zwischen-konsens-und-konkurrenz-uberlegungen-zum-zusammenhang-von-burgerlichem-staat-und-krieg/), in: ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr.472 v. 18.04.2003 164. [Staatstheorien oder "BeckenrandschwimmerInnen der Welt vereinigt euch!"](http://www.stuetzle.cc/uploads/grundrisse%5F06.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) (Langfassung von 14), in: grundrisse - zeitschrift für linke theorie und debatte, Heft 6, 2003, S. 27 - 38. 165. [BeckenradschwimmerInnen der Welt vereinigt Euch! Staatstheoretischer Überblick](http://arranca.nadir.org/arranca/article.do?id=140&ref=blog.stuetzle.cc), in: arranca!, Nr. 24, Juli 2002 166. [Vage Gefühle - spontane Kritik. Vor dem ATTAC-Kongreß (II): Typische Ein-Punkt-Bewegung hängt einem Kapitalismusbegriff an, der radikaler Kritik und emanzipatorischer Politik entgegensteht](https://blog.stuetzle.cc/vage-gefuehle-spontane-kritik-vor-dem-attac-kongress-typische-ein-punkt-bewegung-haengt-einem-kapitalismusbegriff-an-der-radikaler-kritik-und-emanzipatorischer-politik-entgegensteht/), in: Junge Welt v. 18.10.2001 167. [Sand im antikapitalistischen Alltagsverstand - Kritik an Attac](http://arranca.org/ausgabe/23/sand-im-antikapitalistischen-alltagsverstand?ref=blog.stuetzle.cc), in: arranca!, Nr.23, Januar 2002 168. Dabei sein ist alles - ATTAC: Politisch nahe der Fernsehkameras, in: ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr.459 v. 22.02.2002 169. "Abenteuer Menschlichkeit" Rolle von NGOs im Krieg, in: arranca!, Nr.18, 1999, S. 32 - 35. 170. Zur Rolle der NGOs im Kosovokrieg - Disko aus der jungle world, 41/1999 v. 06.10.1999 - [Komplizen der Macht - Die NGOs ergänzen der nationalen Wettbewerbsstaat und sind integraler Teil der neuen Weltordnung](http://jungle-world.com/artikel/1999/40/29523.html?ref=blog.stuetzle.cc), von Ingo Stützle - [Komplizierte Macht - Die NGOs sind nicht nur "erweiterte Staatsapparate", sondern immer auch ein Moment der sozialen Selbstorganisation](http://jungle-world.com/artikel/1999/40/29524.html?ref=blog.stuetzle.cc), von Thomas Seibert (medico international) ### Buchbesprechungen 1. [Sozialdemokratischer Ideen-Parcours. Trotz des Plädoyers für einen »partizipativen Sozialismus« bleibt Thomas Piketty auch in seinem neuen Buch ein bürgerlicher Ökonom](https://blog.stuetzle.cc/sozialdemokratischer-ideen-parcours-trotz-des-plaedoyers-fuer-einen-partizipativen-sozialismus-bleibt-thomas-piketty-auch-in-seinem-neuen-buch-ein-buergerlicher-oekonom/), erschienen in: ak – analyse & kritik, Nr. 662 (August 2020). Eine erweiterte Fassung findet sich im letzten Kapitel von: Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre (Bertz + Fischer, 2020) 2. [Kaputtalismus. Zu Robert Misiks "Kaputtalismus. Wird der Kapitalismus sterben, und wenn ja, würde uns das glücklich machen?"](https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-kaputtalismus/), in: ak – analys & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 616 vom 24.5.2016 3. [Marx mich nicht voll. Der neue HKWM-Band bietet nur bedingt historisch-kritische Orientierung](https://blog.stuetzle.cc/marx-mich-nicht-voll-diskussion-der-neue-hkwm-band-bietet-nur-bedingt-historisch-kritische-orientierung/), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 609 vom 20.10.2015 4. D[er Hund hat die Hausaufgaben gefressen. Der Ökonom und Ideologiekritiker Philip Mirowski geht der Kugelsicherheit des Neoliberalismus nach](https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-oekonom-und-ideologiekritiker-philip-mirowski-geht-der-kugelsicherheit-des-neoliberalismus-nach/), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 611 vom 15.12.2015 5. [Formative Phase: zum neuesten MEGA-Band und die »Manchester Hefte«](https://blog.stuetzle.cc/formative-phase-zum-neuesten-mega-band-und-die-manchester-hefte/), erschie­nen in: *neues deutsch­land*, 21.3.2015. 6. Wider die Logik der Austerität. [Zwei neue Bücher räumen mit den neoliberalen Dogmen auf](https://blog.stuetzle.cc/aufgebaettert-wider-die-logik-der-austeritaet/). Sammelbesprechung zu Mark Blyth (Wie Europa sich kaputtspart) und Flo­rian Schui (Aus­te­ri­tät. Poli­tik der Spar­sam­keit) 7. Gregor Kritidis zu [Griechenland auf dem Weg in den Maßnahmestaat](https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-wahlen-im-massnahmenstaat-griechenland/) 8. [Stefan Beck zur deutschen Exportorientierung](http://stuetzle.cc/2015/01/aufgeblaettert-stefan-beck-zur-deutschen-exportorientierung/?ref=blog.stuetzle.cc), in: [ak - ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis](http://archiv.akweb.de/ak%5Fs/ak600/03.htm?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 600 vom 16.12.2014. 9. [Kein pfiffig ausgedachtes Auskunftsmittel](https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-kein-pfiffig-ausgedachtes-auskunftsmittel-viele-neuerscheinungen-schlagen-sich-mit-geld-als-sozialer-realitaet-herum/), Sammelbesprechung zu Chris­tian Fel­ber (Geld. Die neuen Spiel­re­geln), Ulrike Herr­mann (Der Sieg des Kapi­tals), Felix Mar­tin (Geld, die wahre Geschichte.), in: ak -ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 597 vom 16.9.2014 10. [Tödliche Austerität](https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-toedliche-austeritaet/), zu: David Stuck­ler und San­jay Basu: Spar­pro­gramme töten. Die Ökono­mi­sie­rung der Gesund­heit, in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 594 vom 20.5.2014, Seite 36. 11. [Europas Revolution von oben](https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-europas-revolution-von-oben/), zu Stef­fen Vogels »Euro­pas Revo­lu­tion von oben. Spar­po­li­tik und Demo­kra­tie­ab­bau in der Euro­krise«, in: ak — ana­lyse & kri­tik — zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 587 vom 15.10.2013 12. [Linke Kommunismuskritik](https://blog.stuetzle.cc/aufgeblattert-linke-kommunismuskritik/), zu »Nie wie­der Kom­mu­nis­mus? Zur lin­ken Kri­tik an Sta­li­nis­mus und Real­so­zia­lis­mus«, in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 577 vom 16.11.2012 13. [Keine Krise der Krisenliteratur. Neue Bücher und Zeitschriften gehen der autoritären Krisenpolitik in Europa nach](http://www.blog.stuetzle.cc/aufgeblattert-keine-krise-der-krisenliteratur/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 571 vom 20.4.2012, Seite 30 14. [Zu Enno Stahl: Für die Katz und wider die Maus. Pohlands Film nach Grass](https://blog.stuetzle.cc/aufgeblattert-katz-und-maus/), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 571 vom 20.4.2012, Seite 36 15. [Radikale Kritik mit Bart.](http://archiv.akweb.de/ak%5Fs/ak568/29.htm?ref=blog.stuetzle.cc) Nicht alle Neuerscheinungen über Marx taugen etwas, in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 568 vom 20.1.2012 16. [Gespenstisches Kapital](https://blog.stuetzle.cc/aufgeblattert-gespenstisches-kapital/), zu: Joseph Vogl: Das Gespenst des Kapitals, Zürich 2010, in: ak – zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 562 vom 17.6.2011 17. [Es gilt das gebrochene Wort](https://blog.stuetzle.cc/es-gilt-das-gebrochene-wort/), zu: Pascal Beucker, Anja Krüger: Die verlogene Politik. Macht um jeden Preis, München 2010, in: ak – zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 559 v. 18.3.2011, Seite 35 18. [Geld und Kapitalismus](https://blog.stuetzle.cc/aufgeblattert-geld-und-kapitalismus/), zu: Lucas Zeise: Geld - der vertrackte Kern des Kapitalismus, in: ak – zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 553 v. 17.9.2010, Seite 35 19. [Eine Herde schwarzer Schafe](http://www.stuetzle.cc/2010/09/eine-herde-schwarzer-schafe/?ref=blog.stuetzle.cc), zu: Leo Müller: [Bank-Räuber. Wie kriminelle Manager und unfähige Politiker uns in den Ruin treiben](http://www.ullsteinbuchverlage.de/econ/buch.php?id=16008&page=suche&auswahl=a&pagenum=1&page=buchaz&PHPSESSID=b918de53c5c7acccac00af79b59e88a5&ref=blog.stuetzle.cc). Econ, Berlin 2010, in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 553 v. 17.9.2010, Seite 18 20. Piraten im Ausnahmezustand, zu: Daniel Heller-Roazen: [Der Feind aller. Der Pirat und das Recht.](http://www.perlentaucher.de/buch/34279.html?ref=blog.stuetzle.cc) S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010, in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 553 v. 17.9.2010, Seite 5 21. [Marktversagen](http://archiv.akweb.de/ak%5Fs/ak553/07.htm?ref=blog.stuetzle.cc), zu: Franz Garnreiter: [Der Markt. Theorie - Ideologie - Wirklichkeit. ISW Forschungsheft 4](http://www.isw-muenchen.de/forschungshefte40.html?ref=blog.stuetzle.cc), München 2010, in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 553 v. 17.9.2010, Seite 35 22. [Ökonomie anders denken](http://archiv.akweb.de/ak%5Fs/ak552/03.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Zu: Joachim Becker u.a.: [Heterodoxe Ökonomie. Metropolis, Marburg](http://www.metropolis-verlag.de/Heterodoxe-Oekonomie/772/book.do?ref=blog.stuetzle.cc) 2009, in: ak - analyse & kritik. zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 552 v. 20.8.2010, S. 35 23. [Pathologische Kampflosigkeit. Ein neues Buch über die sich polarisierende deutsche Klassengesellschaft](http://www.stuetzle.cc/2010/06/pathologische-kampflosigkeit-ein-neues-buch-uber-die-sich-polarisierende-deutsche-klassengesellschaft/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 551 vom 18.6.2010, S. 23 24. [Aufstandsbekämpfung in Afghanistan. Zu Marc Thörners Afghanistan-Code. Reportagen über Krieg, Fundamentalismus und Demokratie](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak550/16.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 559 vom 21.5.2010, S. 35 25. [Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik, Nr. 57 (Staat und Krise)](http://www.stuetzle.cc/2010/02/aufgeblattert-staat-und-krise/?ref=blog.stuetzle.cc), Heft 2, 2009, 16 EUR, erschienen in: [ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 547 vom 19.2.2010 26. [*Jan Hoff: Marx global. Zur Entwicklung des internationalen Marx-Diskurses seit 1965*](http://www.stuetzle.cc/2010/01/aufgeblattert-jan-hoff-marx-global/?ref=blog.stuetzle.cc)*. Akademie Verlag, Berlin (345 S., 49,80 € ), in:* [*Widerspruch 57*](http://www.widerspruch.ch/?ref=blog.stuetzle.cc)*, 29\. Jg., H.2, 195-198.* 27. [Neoliberale EU](http://www.stuetzle.cc/2009/12/aufgeblattert-neoliberale-eu/?ref=blog.stuetzle.cc), zu: Anne Karrass: Die EU und der Rückzug des Staates. Eine Genealogie der Neoliberalisierung der europäischen Integration, Anja Baisch: Soziale Kämpfe in der EU. Neogramscianismus und eine Kritik der europäischen Wirtschafts- und Sozialpolitik, erschienen in: [ak – ](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak545/04.htm?ref=blog.stuetzle.cc)[analyse & kritik. zeitung für linke debatte und praxis](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak545/04.htm?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 545 vom 18.12.2009 28. [Die parlamentarische Linke in Europa](http://www.stuetzle.cc/2009/06/aufgeblattert-die-parlamentarische-linke-in-europa/?ref=blog.stuetzle.cc), zu: Martin Schirdewan: Links - kreuz und quer. Die Beziehungen innerhalb der europäischen Linken, Berlin 2009, in: [ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 540 vom 19.6.2009 29. [Politics of scale](https://www.iz3w.org/zeitschrift/ausgaben/311/markus-wissen-bernd-roettger-susanne-heeg-hg.-politics-of-scale?ref=blog.stuetzle.cc), zu: Markus Wissen/ Bernd Röttger/ Susanne Heeg (Hg.): Politics of Scale. Räume der Globalisierung und Perspektiven emanzipatorischer Politik, Münster 2008, in: iz3w, Nr. 311 (März/April) 30. [Blau machen. Ein Zwischenresümee zu Klassenpolitik und Sozialstaatskritik](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak535/23.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 535 vom 16.1.2009 31. Auch die Marx-Blase platzt. Zu Ingo Elbe: "Marx im Westen", in: [WoZ - Die Wochenzeitung](http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2008/nr51/Wirtschaft/17303.html?ref=blog.stuetzle.cc), 18.12.2008. 32. Vier Bücher zur Krise, in: [ak - zeitung für linke debatte und praxis](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak533/04.htm?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 533 vom 21.11.2008 33. Besprechung zu: Stefania Maffeis, [*Zwischen Wissenschaft und Politik. Transformation der DDR-Philosophie 1945-1993*](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2008/09/maffeis-1.pdf?ref=blog.stuetzle.cc)([Frankfurt/M.-New York 2008](http://www.campus.de/isbn/9783593384375?ref=blog.stuetzle.cc)), in: UTOPIE kreativ, Nr. 213/214 (Juli/August), 2008, 753-755. 34. [Marx reloaded. Nicht nur in der theoretischen Auseinandersetzung wird Marx wieder entdeckt](http://www.stuetzle.cc/?p=94&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 528 v. 23.5.2008 35. [Der Schriftsteller und der Anwalt. Peter O. Chotjewitz' Roman über Klaus Croissant](http://www.stuetzle.cc/?p=85&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - zeitung für linke debatte und praxis, Nr. 523 v. 14.12.2007 36. [Logik mit mittelgroßen Löchern. Viktor A. Važjulins "Die Logik des 'Kapitals' von Karl Marx"](http://www.stuetzle.cc/?p=115&ref=blog.stuetzle.cc), in: in: Z., Nr. 72, Dezember 2007, 216-220. 37. [Privatisierte Alterssicherung und soziale Konflikte. 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Müller, Eva, Marxsche Reproduktionstheorie. Kritik der volkwirtschaftlichen Gesamtrechnung, VSA, Hamburg 2005 (162 S., br., 16,50 €), in: Das Argument 265, 2006 42. Kurz, Robert, [Das Weltkapital. Globalisierung und innere Schranken des modernen warenproduzierenden Systems, Edition Tiamat](http://www.stuetzle.cc/2007/08/aufgeblattert-das-weltkapital-von-robert-kurz/?ref=blog.stuetzle.cc), Berlin 2005 (479 S., br., 18 €), in: Das Argument 265, 2006 43. Holman, Otto, Hans-Jürgen Bieling, Joachim Bischoff u.a., Euroimperialismus?, Forschungsgruppe Europäische Integration (FEI), Studie Nr. 20, Philipps-Universität Marburg, Marburg 2005 (175 S., br., 14 €), in: Das Argument, Nr. 263, 2005 44. Sammelbesprechung von: Bollinger, Stefan (Hg.), Imperialismustheorien. Historische Grundlagen für eine aktuelle Kritik, Promedia, Wien 2004 (173 S., br., 12,90 €); Deppe, Frank, Stephan Heidbrink, David Salomon u.a., Der neue Imperialismus, Diestel, Heilbronn 2005 (155 S., br., 9,50 €); Harvey, David, Der neue Imperialismus, VSA, Hamburg 2005 (236 S., br., 22,80 €), in: Das Argument, Nr. 262, 2005 45. Huffschmid, Jörg, Dieter Eißel, Hannes Koch u. Margit Walter, Öffentliche Finanzen: Gerecht gestalten!, AttacBasisTexte 10, VSA, Hamburg 2004, in: Das Argument, Nr. 260, 2005 46. Umherschweifende Zweckentfremdung. Eine Einführung in die situationistische Revolutionstheorie, in: ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 491 vom 21.01.2005 47. [Konkrete Arbeit am Kapital: Michael Heinrichs Einführung die "Kritik der politischen Ökonomie"](http://www.stuetzle.cc/?p=37&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr.481 v. 20.02.2004 48. ["Der drittbeste Deutsche" - Michael Heinrich zeigt mit seiner Neuveröffentlichung die Aktualität von Marx auf](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/razzia08-6.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) \[pdf-Datei\], in: razzia # 8, Januar 2004, Seite 6. 49. NGOs auf dem Abstellgleis, in: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 14.Jg., H.4, 2001, 108 - 110. 50. [Marxismus im Kurzschluss. Das neue Marx-Buch des Krisenpropheten Robert Kurz ist ein Ärgernis](http://www.stuetzle.cc/?p=89&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak - analyse & kritik, Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr.449 v. 12.04.2001 ### Interviews (Antworten) 1. [Im Interview spricht Ingo Stützle vom Karl Dietz Verlag Berlin über Mühen und Erkenntnisgewinn der Überarbeitung der Marx-Engels-Werke](https://blog.stuetzle.cc/marx-engels-werke-keine-unschuldige-lektuere/). 2. Karl Marx: Warum er heute in Berlin für viele noch Idol ist, [TIP Berlin, 14.2.2022](https://www.tip-berlin.de/stadtleben/politik/chefdenker-karl-marx-er-ist-noch-immer-ein-idol/?ref=blog.stuetzle.cc) 3. Telepolis-Interview zum Buch »Ist die Welt bald pleite?« Teil 1: [„Staatliche Sparsamkeit kennt immer Profiteure und Verlierer“](http://www.heise.de/tp/artikel/46/46248/1.html?ref=blog.stuetzle.cc); Teil 2: [„Jede Wette, dass die Schuldenbremse die nächste Krise nicht überlebt“](http://www.heise.de/tp/artikel/46/46249/1.html?ref=blog.stuetzle.cc) 4. [»Keynesianismus ist nicht unbedingt links«](http://jungle-world.com/artikel/2013/46/48826.html?ref=blog.stuetzle.cc), in: [*Jungle World*](http://jungle-world.com/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 46, 14\. November 2013 \[engl.: [the northstar](http://www.thenorthstar.info/?p=11059&ref=blog.stuetzle.cc); français: [contretemps](http://www.contretemps.eu/interviews/keyn%C3%A9sianisme-nest-pas-forc%C3%A9ment-gauche-entretien-ingo-st%C3%BCtzle?ref=blog.stuetzle.cc); español: [marxismo critico](http://marxismocritico.com/2014/02/17/el-keynesianismo-no-es-neceseriamente-de-izquierdas/?ref=blog.stuetzle.cc)\] ### Interviews (Fragen) 1. [Zwischen den Zeilen lesen. In »Lire le Capital« fragte sich Louis Althusser, was Marx im »Kapital« eigentlich macht – nach 50 Jahren erscheint endlich eine vollständige Neuübersetzung](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak600/05.htm?ref=blog.stuetzle.cc), erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis. Nr. 600 vom 16.12.2014 2. Wenn Bodo neben dir in der Blockade sitzt. Was erwartet die Bewegungslinke von Rot-Rot-Grün in Thüringen? erschienen in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 600 vom 16.12.2014 3. »Sich da aufzuregen ist Doppelmoral«: [Karl Marx erklärt im taz-Interview die Netzneutralität](http://taz.de/Karl-Marx-ueber-Netzneutralitaet/!136106/?ref=blog.stuetzle.cc). 4. Anwerbung und Abschottung sind kein Widerspruch. Die Katastrophe vor Lampedusa ist eine Folge der EU-Politik (Interview mit Sonja Buckel), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 587 vom 15.10.2013 5. Knapp daneben ist auch vorbei. Für einen Erfolg des Berliner Volksentscheids fehlten 20.000 Stimmen (Interview mit FelS-Klima-AG vom Energietisch Berlin), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 587 vom 15.10.2013 6. [Linke Literatur mit politischem Rahmenprogramm. Der Verleger Jörg Sundermeier über den Büchermarkt, künstlerische Avantgarde und E-Books](http://akweb.de/ak%5Fs/ak587/41.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 587 vom 15.10.2013 7. Ord­nung ist das halbe Leben. [Der His­to­ri­ker Anton Tant­ner über die Über­wa­chung vor Inter­net und Glas­fa­ser­ka­bel](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak586/04.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 586 vom 17.9.2013 8. [Poli­tik im Modus der Zuspit­zung. Der von oben eska­lierte Kon­flikt in der Tür­kei hat eine demo­kra­ti­sche Bewe­gung frei­ge­setzt](http://akweb.de/ak%5Fs/ak584/37.htm?ref=blog.stuetzle.cc) (Inter­view mit Ser­hat Kara­ka­yali), ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 584 vom 21.6.2013 9. Erst lesen, dann rum­kli­cken. Mit dem Par­tei­tag der Pira­ten setzt auch ein Kon­so­li­die­rungs­pro­zess ein ((Inter­view mit Mareike Peter), in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 584 vom 21.6.2013 10. [Dyna­mi­sche Spra­che gegen Herr­schaft und Dis­kri­mi­nie­rung. Sprach­pra­xis ist poli­ti­scher Bewe­gung nicht nach­ge­ord­net](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak577/26.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Inter­view mit Lann Horn­scheidt für ak — ana­lyse & kri­tik — zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 577 vom 16.11.2012 11. [Es kam mir bedeut­sam vor. Was pas­siert, wenn man bei die-linke.de auf »Mit­glied wer­den« klickt](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak576/39.htm?ref=blog.stuetzle.cc),. in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 576 vom 19.10.2012 12. [Wir brau­chen einen lin­ken Popu­lis­mus. Katja Kip­ping und Bernd Riex­in­ger erklä­ren, warum sie einen ande­ren Ton anschla­gen und was Linke in und außer­halb der Par­tei von der neuen Füh­rung erwar­ten kön­nen](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak575/31.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 575 vom 21.9.2012 13. [Demons­tra­tive Ankün­di­gung. Block­upy war ein Erfolg und Aus­druck einer neuen Form von Poli­tik. Inter­view mit Michael Jäger](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak573/04.htm?ref=blog.stuetzle.cc) für ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 573 vom 15.6.2012 14. Bur­nout durch linke Poli­tik. Die Bro­schüre »Game over?« — für poli­ti­schen Akti­vis­mus, ohne kaputt­zu­ge­hen, in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 573 vom 15.6.2012 15. Pes­si­mis­ten haben nicht immer Recht. Eine Links­re­gie­rung hätte mit größ­ten Schwie­rig­kei­ten zu kämp­fen. Inter­view mit Sofia Kou­si­antza für ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 573 vom 15.6.2012 16. [Tat­ort als Kar­stadt des Kul­tur­be­triebs. Der Streit um das Urhe­ber­recht ist neu ent­brannt. Meist geht er an der Sache vor­bei. Ein Inter­view mit dem Künst­ler und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Flo­rian Cra­mer](http://akweb.de/ak%5Fs/ak572/03.htm?ref=blog.stuetzle.cc) für ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 572 vom 18.5.2012 17. Wenn Die­ter Boh­len neo­li­be­rale Herr­schaft orga­ni­siert. Auch 75 Jahre nach sei­nem Tod lohnt es, die herr­schafts­kri­ti­schen Stu­dien von Anto­nio Gramsci zu lesen, in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 572 vom 18.5.2012 18. Den Dis­kurs der Ver­harm­lo­sung stö­ren. Ein Jahr nach Fukus­hima ist der AKW-Widerstand in Japan mit den Pro­ble­men des All­tags kon­fron­tiert. Ein Inter­view mit Soi­chiro Sumida vom Say-Peace-Project (NOP) für ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 570 vom 16.3.2012 19. [Wenn aus Fik­tion Wirk­lich­keit spricht](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak567/18.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Wolf­gang [Schor­lau](http://www.schorlau.de/?ref=blog.stuetzle.cc) zu rech­tem Ter­ror und Geheim­diens­ten, in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 567 vom 16.12.2011 20. Zel­tend schrei­ten wir voran. Inter­view mit Flo­rian Becker über Kri­sen­pro­teste und Occupy-Camps, in: [ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 566 vom vom 18.11.2011](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak566?ref=blog.stuetzle.cc) 21. [Aus­te­ri­täts­ex­pe­ri­mente in Grie­chen­land. Die Euro-Krise ist kein Kampf zwi­schen Staa­ten, son­dern ein sozia­ler Kon­flikt](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak565/08.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Ein Inter­view mit [Jan­nis Milios](http://users.ntua.gr/jmilios/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 565 vom 21.10.2011 22. Mit der Kata­stro­phe leben. Seit Fukus­hima ver­schiebt sich auch in Japan die Dis­kus­sion über Atom­kraft. Inter­view mit Reinold Ophüls-Kashima, Japa­no­loge an der Sophia-Universität in Tokio, in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 563 vom 19.8.2011 23. [Wir brau­chen keine lin­ken Zeu­gen Jeho­vas. Nach der Schlich­tung ist vor dem Pro­test gegen Stutt­gart 21.](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak563/33.htm?ref=blog.stuetzle.cc) Inter­view mit Peter Groh­mann (AnStif­tern), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 563 vom 19.8.2011 24. [Unser Wirt­schafts­sys­tem ist nicht gerech­tig­keits­fä­hig. Indus­trie­staa­ten sind mit­ver­ant­wort­lich für die Hun­ger­ka­ta­stro­phe in Ost­afrika](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak563/24.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Inter­view mit Anne Jung von der sozi­al­me­di­zi­ni­schen Hilfs– und Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tion medico inter­na­tio­nal, in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 563 vom 19.8.2011 25. (Dis)harmonischer Drei­klang. Ein Gespräch über öffent­li­che Güter, Grund­ein­kom­men und Com­mons mit Frie­de­rike Haber­mann, Dag­mar Pater­noga und Tho­mas Sei­bert, in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 562 vom 17.6.2011 26. Der große Abwe­sende. In Neu­über­set­zung gut auf­ge­legt: die Schrif­ten von Louis Alt­hus­ser, Inter­view mit dem Her­aus­ge­ber Frie­der Otto Wolf, in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 562 vom 17.6.2011 27. [Wenn das poli­ti­sche Band­maß ver­sagt. Das Ham­bur­ger Netz­werk Recht auf Stadt berei­tet (sich auf) einen Kon­gress vo](http://www.akweb.de//ak%5Fs/ak561/38.htm?ref=blog.stuetzle.cc)r, in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 561 vom 20.5.2011 28. Ein Etap­pen­ziel. Han­nes Rocken­bauch über Stutt­gart 21 und den Wahl­sieg der Grü­nen, in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 560 vom 15.4.2011 29. [Anzei­chen für eine brei­tere Bewe­gung. Inter­view mit dem japa­ni­schen Anti-AKW-Aktivisten Takaaki Masuno](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2011/06/Masuno-Interview-1.pdf?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 560 vom 15.4.2011 \[auch in ak-Extra\] 30. [Eine ver­lo­gene Debatte. Die Guttenberg-Affäre hat den Leis­tungs­my­thos gestärk](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak559/10.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 559 vom 18.3.2011 31. [Die Revolte erschüt­tert die Geschlech­ter­ord­nung. Die Femi­nis­tin und Men­sch­ne­recht­le­rin Hoda Salah über die Rolle der Frauen im ägyp­ti­schen Auf­stand](http://www.akweb.de//ak%5Fs/ak558/19.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 558 vom 18.2.2011 32. [Kil­ling in the name of. Bini Adam­czak über linke Ver­ant­wor­tung für den Sta­li­nis­mus und die Zukunft des Kom­mu­nis­mus](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak558/14.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 558 vom 18.2.2011 33. Erin­ne­rungs­ar­beit ohne Zeit­zeu­gen. Ein Inter­view mit Karin Graf vom Bil­dungs­werk Sta­nis­law Hantz e.V., in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 557 vom 21.1.2011 34. Bau­stopp sel­ber machen. Nach dem Schlich­ter­spruch beginnt in Stutt­gart der Wider­stand plus, in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 556 vom 17.12.2010 35. Kehr­seite kapi­ta­lis­ti­scher Glo­ba­li­sie­rung. Die mari­time Sozio­lo­gin Heide Gers­ten­ber­ger zu Pira­te­rie nicht nur in Soma­lia, in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 556 vom 17.12.2010 36. [Es ist ein Junge. Inter­view über Geschlech­ter­ver­hält­nisse im Inter­net und femi­nis­ti­sches Blog­gen](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak555/16.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 555 vom 19.11.2010 37. Wes­sen Stadt? Unsere Stadt! Der Kon­flikt um Stutt­gart 21 ist auch eine Aus­ein­an­der­set­zung um kul­tu­relle Frei­räume, in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 555 vom 19.11.2010 38. Linke Infra­struk­tur. Inter­view mit Flo­rian Weis zum 20\. Geburts­tag der Rosa-Luxemburg-Stiftung, in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 555 vom 19.11.2010 39. [Noch nicht ein­mal demo­kra­ti­scher Schein. Ein Inter­view mit Astrid Rund über die Auf­he­bung des Atom­aus­stiegs](http://www.solidarische-moderne.de/de/article/110.noch-nicht-einmal-demokratischer-schein.html?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 553 vom 17.9.2010, S. 29 40. [Ban­ken? Blo­ckie­ren! Die Akti­ons­gruppe Georg Büch­ner ruft zu einer Aktion zivi­len Unge­hor­sams auf](http://www.georg-buechner.org/2010/09/banken-blockieren/?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 553 vom 17.9.2010, S. 40 41. [Pro­jekte statt Bewe­gun­gen. Was uns der Pro­test gegen Stutt­gart 21 über neue For­men des Poli­ti­schen sagt (Inter­view mit Klaus Schön­ber­ger)](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak553/37.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 553 vom 17.9.2010, S. 37 42. zusam­men mit Eva Völ­pel: [Die Ambi­va­lenz des Rechts. Der Völ­ker­recht­ler Andreas Fischer-Lescano über den deut­schen Krieg in Afgha­nis­tan](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak553/23.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 553 vom 17.9.2010, S. 23 43. [It’s time to say good­bye. Die Krise des Auto­mo­bils und die not­wen­dige große Trans­for­ma­tion der Mobi­li­täts­ord­nung (Inter­view mit Rai­ner Ril­ling)](http://www.auto-mobil-krise.de/?p=772&ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 553 vom 17.9.2010, S. 26 44. [Die Macht­frage ist gestellt. Stadt­rat Han­nes Rocken­bauch zum Wider­stand gegen Stutt­gart 21](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak552/35.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 552 vom 20.8.2010, S. 12 45. [Spie­ßig wie ein Gar­ten­zwerg In der neuen Kul­tur der Gesund­heit zählt Eigen­ver­ant­wor­tung. Ein Inter­view mit Regina Brun­nett](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak552/45.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 552 vom 20.8.2010, S. 14 46. Glo­bal, gerecht, gesund. Basi­sin­itia­ti­ven, NGOs und Sach­ver­stän­dige dis­ku­tie­ren Per­spek­ti­ven glo­ba­ler Gesund­heit, in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 552 vom 20.8.2010, S. 14 47. [Zyni­sches Spar­ge­habe. Die Spar­pläne der Bun­des­re­gie­rung. Inter­view mit Ste­phan Les­se­nich](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak551/28.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 551 vom 18.6.2010, S. 12 48. [Nach der Krise ist vor der Krise. Michael Hein­rich zum bis­he­ri­gen Ver­lauf der Krise und ihren struk­tu­rel­len Ursa­chen](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak551/45.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 551 vom 18.6.2010, S. 13 49. Viel Show um Nichts. Die Talk­show als Moment von Anti­auf­klä­rung (Inter­view mit [Diet­rich Leder](http://www.khm.de/personen/lehrendeforschende/vcard/48%5Fleder/?ref=blog.stuetzle.cc)), in: ak – ana­lyse & kri­tik. zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 551 vom 18.6.2010, S. 30/31 50. [Das wird schon wie­der. Der Schrift­stel­ler Diet­mar Dath zu Kunst und Poli­tik](http://archiv.akweb.de/ak%5Fs/ak548/06.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak – zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 548 vom 19.3.2010, S.3 51. [Wider­sprü­che bear­bei­ten ler­nen. Inter­view zum lin­ken Think Tank Insti­tut Soli­da­ri­sche Moderne](http://archiv.akweb.de/ak%5Fs/ak547/17.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak — ana­lyse & kri­tik — zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 547 vom 19.2.2009, S. 7 52. Dis­kurs­hai und Gegen­in­for­ma­tion. Ein Inter­view zum Web­log lafontaines-linke.de, in: ak — ana­lyse & kri­tik — zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 547 vom 19.2.2009, S. 32 53. Not­hilfe und Selbst­hilfe. Inter­view mit Die­ter Mül­ler von medico inter­na­tio­nal, in: ak — ana­lyse & kri­tik — zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 547 vom 19.2.2009, S 15 54. Das war der Gip­fel. Inter­view mit Tad­zio Mül­ler zu Repres­sion und Stra­te­gien nach Kopen­ha­gen, in: ak — ana­lyse & kri­tik — zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 546 vom 22.1.2009, S. 7 55. Rea­lis­tisch ist, wofür man kämpft. Ein Gespräch zehn Jahre nach dem Existenzgeld-Kongress, in: ak — ana­lyse & kri­tik — zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 538 vom 17.4.2009, S. 14 56. Es wird zu einem Zyklus neuer Kämpfe kom­men. Inter­view mit Karl Heinz Roth zur aktu­el­len Krise und ihren Fol­gen, in: ak — ana­lyse & kri­tik — zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 534 vom 19.12.2008 57. [Co-Management statt Klas­sen­kampf. Bedin­gun­gen gewerk­schaft­li­cher Betriebs­po­li­tik ange­sichts der Krise](http://archiv.akweb.de/ak%5Fs/ak534/34.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak — ana­lyse & kri­tik — zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 534 vom 19.12.2008 58. [Die Krise und die Per­spek­ti­ven lin­ker Poli­tik](http://archiv.akweb.de/ak%5Fs/ak533/16.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Ein Gespräch mit Wer­ner Rätz, in: ak — zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 533 vom 21.11.2008 59. [Eine Frage der Trans­pa­renz. Katja Kip­ping über das Ver­hält­nis zu sozia­len Bewe­gun­gen und die Mobi­li­sie­rung nach Hei­li­gen­damm](http://archiv.akweb.de/ak%5Fs/ak512/30.htm?ref=blog.stuetzle.cc), in: ak — zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 512 vom 15.12.2006 60. Lern­pro­zesse orga­ni­sie­ren. Das bil­dungs­po­li­ti­sche Netz­werk reflect! fei­ert sein zwei­jäh­ri­ges Beste­hen, in: ak — zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 510 vom 20.10.2006 61. Genug für alle oder alles für alle? Min­dest­lohn und Exis­tenz­geld. Ein Streit­ge­spräch, in: ak — zei­tung für linke debatte und pra­xis, Nr. 505 vom 14.4.2006 62. [Mach den Mund zu, wenn Du mit mir redest! Inter­view mit Jochen Distel­meyer ](https://web.archive.org/web/20060515151132/http://skyeyeliner.endorphin.ch/blumfeld%5Fartikel/arranca.html)([Blum­feld](http://www.blumfeld.de/?ref=blog.stuetzle.cc)), in: arranca!, Nr.17, Mai 1999 63. [Jetzt wächst zusam­men, was zusam­men gehört … wie der Arsch auf den Eimer. Inter­view mit Peter O. Chot­je­witz](http://www.stuetzle.cc/uploads/chotjewitz.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) \[pdf-Datei\], in: arranca!, Nr.16, 1998 ## Posts ### Marx' Exzerpte zur Geschichte des Grundeigentums in der MEGA erschienen, aber wie lesen? URL: https://blog.stuetzle.cc/marx-exzerpte-zur-geschichte-des-grundeigentums-in-der-mega-erschienen-aber-wie-lesen/ Last updated: 2026-08-07T11:58:50.000Z Vor wenigen Tagen ist [Band 24 der vierten MEGA-Abteilung](https://megadigital.bbaw.de/exzerpte/index.xql?volume=IV/24&ref=blog.stuetzle.cc#IV-24) erschienen. Die Bände der Abteilung der [Marx-Engels-Gesamtausgabe](https://mega.bbaw.de/de?ref=blog.stuetzle.cc), die die Exzerpte, Notizen und Marginalien und Marginalien umfassen, werden seit einiger Zeit nur noch online publiziert, ebenso die Briefe (Abteilung III). Das ist einerseits grandios, denn die Ergebnisse der öffentlich finanzierten Forschungs- und Editionsarbeiten ist derart auch öffentlich zugänglich. Nur wie bekommt man mit, dass neue Bände erschienen sind? Ich nutze hierfür den [RSS-Feed](https://megadigital.bbaw.de/rss/mega-rss.xml=?ref=blog.stuetzle.cc) des Projekts und freue mich jedes Mal, dass die Technik verwendet wird. ![](https://blog.stuetzle.cc/content/images/2026/08/Bildschirmfoto-2026-08-07-um-13.42.57.png) Marx’ Maurer-Exzerpte, [Quelle: ISG](https://access.iisg.amsterdam/universalviewer/?ref=blog.stuetzle.cc#?manifest=https://hdl.handle.net/10622/ARCH00860.B%5F133?locatt=view:manifest) Digitale Editionen bringen neben vielen Vorteilen jedoch das Problem mit sich, dass anders mit ihnen gearbeitet werden muss. Wer Texte anstreichen oder kommentieren und mit Haftnotitzen verschlagworten will, muss erfinderisch werden. Am Bildschirm ist das schlecht möglich. Die Website als PDF ausdrucken und am eReader lesen? Eher suboptimal. Ich nutze hierfür seit einiger Zeit die Annotation-Plattform [https://hypothes.is/](https://hypothes.is/?ref=blog.stuetzle.cc). Mit einem Account und einem Plugin ist es möglich, zu annotieren, die Anmerkungen oder ganze Texte zu verschlagworten und sogar mit anderen zu teilen, denn die Plattform ist als social network angelegt. Aber auch für den weiteren workflow ist gesorgt, denn etwa für den [Zettelkasten obsidian](https://obsidian.md/de/?ref=blog.stuetzle.cc) gibt es ein Plugin, mit dem alles synchronisiert werden kann, eine gute Grundlage, um mit dem Material nach der Lektüre weiterarbeiten zu können. Ich freue mich darauf zu entdecken, wie Marx etwa [Georg Ludwig von Maurer](https://de.wikipedia.org/wiki/Georg%5FLudwig%5Fvon%5FMaurer?ref=blog.stuetzle.cc) gelesen hat und ob es stimmt, was der verehrte Ludolf Kuchenbuch in [»Marx feudal. Beiträge zur Gegenwart des Feudalismus in der Geschichtswissenschaft, 1975-2021«](https://dietzberlin.de/produkt/marx-feudal/?ref=blog.stuetzle.cc) schrieb: > »Gerade die\[\] Präsenz Maurers lässt \[…\] vermuten, dass die Maurer-Exzerpte manchen wichtigen Hinweis enthalten für Verschiebungen von Marxens Mittelalter-Bild.« Diese Vermutung lässt sich erst jetzt prüfen, dank der wichtigen Edition, eingeführt von der lesenswerten [Einführung von Timm Graßmann](https://megadigital.bbaw.de/about/intro.xql?id=M1117755&ref=blog.stuetzle.cc). ### Hitzenotstand: Sprachlosigkeit und Nicht-Entscheidung URL: https://blog.stuetzle.cc/hitzenotstand-sprachlosigkeit-und-nicht-entscheidung/ Last updated: 2026-06-29T15:24:44.000Z Es wurde heute die »Sprachlosigkeit« angesichts des Hitzenotstand bei der Bundespressekonferenz beklagt oder die Leblosigkeit von Carsten Schneiders Interviews im DLF. In den 1960er-Jahren entwickelten [Bachrach/Baratz das Konzept der »Nicht-Entscheidungen«](https://www.jstor.org/stable/1952568?ref=blog.stuetzle.cc), um zu verstehen, wie in einer Gesellschaft und ihrer herrschenden Politik Sachverhalte verhandelt werden, die politisch nicht mehr zur Diskussion gestellt und nicht mehr eigens entschieden werden. Sie werden immer schon stillschweigend vorausgesetzt. Dazu gehört vieles, was als Sachzwang und »natürlich« daherkommt, von der Wirtschaftsweise, geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung oder Eigentumsordnung. Diese Bereiche zu politisieren war und ist eine Reaktion darauf, die darauf abzielt, politische Entscheidung herbeiführen zu können, indem öffentlich ausgehandelt wird, was der Politik entzogen war. Inzwischen scheint die politische Herrschaft noch einen Schritt weiterzugehen. [Was Paul Schuberth während der Pandemie im Rahmen der »Eugenetik der Praxis« beobachtet hat](https://jungle.world/artikel/2023/47/covid-corona-privatisierung-des-schutzes-sozialisierung-der-gefahr?ref=blog.stuetzle.cc), war, dass politische Entscheidungen kaum mehr richtig begründet wurden – denn so konnte man sie auch nicht öffentlich kritisieren. Die Sprachlosigkeit könnte demnach auch als inhärenter Moment der Politik der Nicht-Entscheidung gedeutet werden, die sich weigert, die gesellschaftlichen Herausforderungen überhaupt politisch auszuhandeln. Sprachlosigkeit als Herrschaftstechnik. ### »Der verdrängte Kapitalismus« erschienen URL: https://blog.stuetzle.cc/der-verdrangte-kapitalismus-erschienen/ Last updated: 2025-11-30T15:33:27.000Z »…kapitalismuskritisch, illusionslos … in Ton und Stil unakademisch, unkompliziert … eine Analyse, von der aus es weiterzudenken und zu handeln gilt.« So die [erste Besprechung von Sebastian Klauke in nd](https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195763.gespraechsband-antifa-heisst-kapitalismuskritik.html?ref=blog.stuetzle.cc) zum [Sabine Nuss](https://www.sabinenuss.de/?ref=blog.stuetzle.cc) kuratierten und herausgegebenen [Buch »Der verdrängte Kapitalismus«, der gerade bei Dietz Berlin erschienen](https://dietzberlin.de/produkt/der-verdraengte-kapitalismus/?ref=blog.stuetzle.cc) ist. Danke an den großartigen [Andreas Homann](https://andreashomann.de/?ref=blog.stuetzle.cc) für die Gestaltung! Zum Inhalt: Das Buch ist ein Gesprächsband. Sabine Nuss führt ein in die Thematik »antifaschistische Wirtschaftspolitik« – was ist das eigentlich, woher kommt die Debatte? Dann spricht sie mit vier Personen zu je einer wirtschaftspolitischen Maßnahme (Vermögenssteuer, Preiskontrollen, staatliche Investitionen, Mietendeckel). Mich hat Sabine zur Thematik Vermögenssteuer in die Mangel genommen. Die genannten vier Maßnahmen sollen zu mehr sozialer Gleichheit beitragen, um so das Erstarken der Rechten einzudämmen. Wir prüfen diese Instrumente auf ihre Möglichkeiten. Wir zeigen aber auch Grenzen auf: Wieso stoßen diese Instrumente an die Eigenlogiken des Kapitalismus, der einer sozial gerechten und umweltfreundlichen Produktionsweise entgegen steht? Am Ende diskutiere Sabine Nuss erstens inwiefern diese Grenzen unterschätzt oder übersehen werden und was das möglicherweise mit dem Verdrängen kapitalistischer Tiefenstrukturen zu tun hat und zweitens wie weit die Annahme trägt, dass Menschen rechts wählen, wenn sich ihre soziale und ökonomische Lage verschlechtert. Im [SurplusMagazin](https://www.surplusmagazin.de/sabinenuss-antifaschistischewirtschaftspolitik-buch/?ref=blog.stuetzle.cc) ist inzwischen auch ein Interview erschienen, das vielleicht noch mehr Interesse für den Band macht. ![](https://blog.stuetzle.cc/content/images/2025/11/Verdraengter_Kapitalismus_RGB_neu-1.jpg) ### Mit Marx gegen Moskau? URL: https://blog.stuetzle.cc/mit-marx-gegen-moskau/ Last updated: 2025-11-03T17:20:01.000Z ### Rezension zu „Marx gegen Moskau. Zur Außenpolitik der Arbeiterklasse“ von Timm Graßmann ![](https://blog.stuetzle.cc/content/images/2025/10/grafik.png) Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat eine lange Vorgeschichte und spätestens seit dem 24\. Februar 2022 viele Linke an ihrem antimilitaristischen Selbstverständnis zweifeln lassen. Diejenigen, die daran festhalten, handeln sich den Vorwurf ein, Putin oder Russland politisch nahezustehen. Dabei ist Putin ein Rechter, was ebenso für seine Stichwortgeber gilt, egal ob Alexander Dugin oder Iwan Iljin [\[1\]](#Fn1). Dabei waren und sind eher Mitglieder der AfD, der SPD, auch der CDU und CSU in Geschäfte mit dem russischen Staatskapitalismus verwickelt. Schon länger wird etwa von der Linkspartei oder den Grünen ein Untersuchungsausschuss eingefordert, der die Abhängigkeit Deutschlands von russischen Gaslieferungen aufarbeiten soll. Dennoch tut sich die Linke schwer damit, den Krieg, dessen Ende auch nach mehr als dreieinhalb Jahren dauernder Bombardements und Kämpfe kaum abzusehen ist, im Rahmen einer marxistischen Theorietradition zu analysieren. Im Oktober 2024 erschien im Schmetterling Verlag *Marx gegen Moskau* von Timm Graßmann. Der Band berücksichtigt erstmals alle derzeit zugänglichen marxschen Texte und Editionen, inklusive der neuesten Veröffentlichungen in der historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA²); die Diskussion der marxschen Positionen zu Russland umfasst die Zeit der europäischen Revolutionen um 1848 bis zu seinen letzten Lebensjahren. Ausgewertet werden nicht nur die zu Lebzeiten publizierten Texte, sondern auch Exzerpte, die zeigen, wie intensiv Marx sich bis ins hohe Alter mit der russischen Geschichte auseinandergesetzt hat und die Relevanz, die er dem Zarenreich für die internationalen Beziehungen zuschrieb. Graßmann fragt nicht nur nach Marx’ Analyse der russischen Außenpolitik (und der Rolle des Westens), sondern geht auch Marx’ politischen Positionen und seinem Engagement nach, eine „Außenpolitik der Arbeiterklasse“ zu formulieren, denn, so Marx’ Analyse, auf die (westlichen) Nationalstaaten ist bei der Unterstützung von demokratischen Republiken kein Verlass. Eindringlich zeigt Graßmann, wie Marx im Rahmen der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) und darüber hinaus für eine Politik eintrat, die die politische Form „Republik“ gegenüber absolutistischen oder autoritären Formen der Herrschaft verteidigte – und nicht selten deshalb mit politischen Mitstreitern über Kreuz lag. Seit Veröffentlichung der sehr lesenswerten und erhellenden Studie Graßmanns sind mehrere Interviews, \[2\] jedoch nur wenige Besprechungen des Buches erschienen. \[3\] In den Gesprächen mit Graßmann wird deutlich, was ihn zu diesem Buch bewog und was er herausgefunden hat. Denn selbst für Graßmann, der sich mit Marx sehr gut auskennt, war dann doch manches neu, etwa Marxʼ Beschäftigung mit den Arbeiten des ukrainischen Historikers Mykola Kostomarov (russ.: Nikolaj Ivanovič Kostomarov, in früheren Editionen der ethnologischen Arbeiten \[4\] ausgespart, jetzt aber in der MEGAdigital \[5\] erschienen). Gegenüber der *taz* stellt Graßmann heraus: > „Ich arbeite jeden Tag mit Marx-Texten und wusste schon immer, dass Russland und Polen für Marx irgendwie wichtig waren, aber auch ich konnte lange nicht richtig verstehen, was eigentlich dahintersteckt.“ \[6\] Anlass für das Buch war der Angriffskrieg Russlands; es stellt jedoch „keinen Versuch einer unmittelbaren Erklärung der aktuellen Ereignisse dar“ (S. 12). Vielmehr ziele es auf das „Schaffen von Marx und seiner Zeitgenossen“ ab und sei deshalb „als eine Art ‚Vorgeschichte‘ zu verstehen, mit deren Hilfe auch Voraussetzungen zu einem Begriff von der Herrschaft Putins und seiner Großinvasion gewonnen werden können. Mittels des Marx’schen Verständnisses der Vergangenheit wird es möglich, einen neuen Blick auf die Gegenwart zu werfen“ (ebd.). Das ist trotz der zurückhaltenden Formulierung eine starke These. Die Unterzeile des Beitrags in den *Blättern für deutsche und internationale Kritik* spitzt sie zu: „Wie Karl Marx Russlands Krieg gegen die Ukraine betrachten würde“. Das Buch hat drei Teile. Im ersten Teil stellt Grassmann Marx’ Kritik der russischen Autokratie sowie seine Analysen zu Ursprung, Entwicklung, Zielen und Methoden ihrer Außenpolitik dar. Dabei spielt der Begriff der asiatischen Produktionsweise eine zentrale Rolle. In den *Blättern* fasst Graßmann zusammen: > „Den Ursprung der russischen Autokratie und ihrer planmäßigen Eroberungspolitik sah Marx noch vor der Entstehung des Kapitalismus. Er lag vielmehr in der ‚asiatischen Produktionsweise‘. Diese galt ihm – neben der antiken, der feudalen und der kapitalistischen Produktionsweise – als eine der besonderen Produktionsformen, welche die Menschheit bislang hervorgebracht hat. In der ‚asiatischen‘ Form der gesellschaftlichen Beziehungen erhebt sich ein despotischer Staat, ausgestattet mit einer bürokratischen Klasse und einer starken Armee, über eine atomisierte, inaktive, zur gemeinsamen Aktion unfähige Gesellschaft aus voneinander isolierten Produzenten und presst deren Surplusarbeit durch exzessive Besteuerung ab.“ \[7\] Graßmann tritt der gängigen Erzählung entgegen, Marx wäre in frühen Jahren kritisch gegenüber Russland gewesen, habe später aber seine Position revidiert. Dieses Narrativ diente im 20\. Jahrhundert der Legitimierung sowjetischer Herrschaft. Moskaukritische Töne störten da nur. Leider ist es bis heute wirkmächtig geblieben. Es bleibt zu hoffen, dass Graßmanns Buch dieses Bild korrigiert. Aus der Darstellung der marxschen Positionen lasse sich – das ist der zweite Teil – die Unterscheidung von Staat und autoritärem Staat herausarbeiten: „Nach Marx fassen autoritäre Staaten die Gesellschaft nicht zusammen, sondern versuchen, sie sich zu unterzuordnen.“ (S. 15) Für diese Analyse sind die Begriffe Bonapartismus und Zarismus entscheidend. Marx hielt gegen diese Form des autoritären Staats die Republik hoch. \[8\] Welche politischen Konsequenzen er aus seiner Kritik an Zarismus und Bonapartismus zog, was für einen Kompass für eine „Außenpolitik der Arbeiterklasse“ (S. 17) er daraus entwickelte, ist wesentlich im dritten Teil nachzulesen. Bereits in der Einleitung resümiert Graßmann: > „Aus Marx’ Praxis in der internationalen Politik mag sich ein außenpolitischer Kompass ergeben, der noch heute funktioniert. Die Außenpolitik der Arbeiterklasse sollte nach Marx weder pro- noch anti-westlich, weder pazifistisch noch militaristisch sein. Sie hätte sich in erster Linie gegen das Imperium der Reaktion zu richten, da dieses keinerlei ‚zivilisierende‘ Seite hat, sondern bloße Gewalt bedeutet. Seine Außenpolitik war republikanisch, demokratisch und abolitionistisch sowie anti-autoritär, anti-bonapartistisch und damit gewissermaßen ‚anti-faschistisch‘. Am Ende seines Lebens machte Marx sich durch die Schriften des ukrainischen Historikers Mykola Kostomarov auch näher mit der Geschichte der Ukraine und ihren Unabhängigkeitskämpfen im 17\. Jahrhundert vertraut \[…\]. Er entdeckte eine weitere demokratische Bewegung in Osteuropa, die sich Moskau schon lange in den Weg gestellt hatte und dies auch weiterhin tun würde.“ (S. 19) Fragen, die der russische Angriffskrieg aufwirft, ziehen sich wie ein Silberfaden durch das Buch; der rote Faden ist ein anderer. Leider werden damit sowohl die Ausführungen zu Marx als auch der Anspruch, Lehren für die Gegenwart zu ziehen, vermengt. Es gibt bisher keine vergleichbare Arbeit, die sich mit Marx’ Positionen zu Russland beziehungsweise seinem außenpolitischen Selbstverständnis derart kenntnisreich und anhand des neusten Materials auseinandersetzt (ältere Texte gibt es durchaus \[9\]). Das Buch hätte also das Zeug zu einem „Geheimtipp“, einem Klassiker, den man auch in einigen Jahren noch mit Gewinn in die Hand nimmt. Der in den gegenwärtigen Konflikten befangene Blick strukturiert jedoch stark die Aneignung der marxschen Auseinandersetzung (und auch die Besprechungen des Buchs). Es wäre erhellender gewesen, der Frage, was wir für heute mitnehmen können und was nicht, ein separates Kapitel zu widmen. So aber bekommen beide Aspekte – der historische und der aktuelle – nicht den jeweils *eigenen* Stellenwert, den sie verdient haben: Marx‘ Auseinandersetzung mit Russland, seine Erklärung des kolonialen Charakters sowie seine „Außenpolitik“, seine Solidarität mit demokratischen Gegenkräften einerseits und eine informierte Positionierung zur Vorgeschichte von Putins Regime und seinem Krieg andererseits. \[10\] Parallelen zieht Graßmann an mehreren Stellen. Eine möchte ich herausgreifen. „Einige Elemente der traditionellen russischen Außenpolitik, wie sie Marx in ihrer Grundstruktur beschrieben hat, *scheinen* heute ungebrochen weiter zu existieren. In der Tat gab es niemals einen konsequenten Bruch mit ihr, sie ist immer nur transformiert worden. Die ‚russische Welt‘ zusammenzuführen, einen (größtmöglichen) Pol der schönen neuen multipolaren Ordnung zu besetzen scheinen nur Vorwände zu dem übergeordneten Ziel, selbst über die Welt zu herrschen. Eine Eroberung ist nur das Sprungbrett für die nächste. Russland nutzt dabei sowohl die Kraft der unterworfenen und kontrollierten Völker als auch die des Westens, die schlussendlich gebrochen werden soll. Das Einschmuggeln von Technologie, die Bestechung aufstrebender und etablierter Politiker, Propaganda- und Spionageapparate, die Unterstützung reaktionärer und ‚linker‘ Kräfte. Russland zieht weiterhin alle Register der Manipulation und der Gewalt.“ (S. 80, Hervorhebungen von mir) An dieser Stelle ist Graßmann unsicher, ob es eine Tradition gibt oder nicht. Marx ging von einer aus. In seiner Schrift *Enthüllungen zur Geschichte der Diplomatie im 18\. Jahrhundert* verfolgte er diese Tradition bis ins 17\. Jahrhundert zurück. Der Text wurde bis heute nicht in die Marx-Engels-Werkausgabe (MEW) aufgenommen, da das Moskauer Institut für Marxismus-Leninismus 1952 beschied, sie solle „nicht in Deutschland publiziert werden“. (Die Veröffentlichung ist geplant für Band 45 der MEW). \[11\] In den *Enthüllungen*, die Graßmann ausführlich referiert und diskutiert, \[12\] formuliert Marx zusammenfassend: > „Das moskowiter Reich wurde in der schrecklichen und nichtswürdigen Schule mongolischer Sklaverei genährt und aufgezogen. Zu Kräften gelangte es nur, weil es in der Kunst des Sklaventums zum Virtuosen wurde. Selbst nach seiner Emanzipation spielte es die traditionelle Rolle des zum Herrn gewordenen Sklaven weiter. Peter der Große schließlich war es, der das politische Gewerbe des Mongolensklaven mit dem stolzen Ehrgeiz des mongolischen Gebieters vereinte, dem Dschingis Khan in seinem Testament die Eroberung der Erde vermacht hatte.“ \[13\] Wer mag da nicht an Russlands Kriege (von Tschetschenien über Georgien) bis hin zum gegenwärtigen Krieg und Putins Terror denken? Graßmann schreibt deshalb: > „Ausgehend von der Frage, warum es gerade das kleine, unbedeutende, unauffällige Moskau, und nicht ein anderes Fürstentum oder gar die große Republik Novgorod war, aus dem das moderne Russland hervorging und zum flächenmäßig größten Land der Erde aufstieg, gelangte Marx zu einer anderen *allgemeinen Formel*: Die alte mongolische Tradition eines Strebens nach weltweiter Macht wurde von den Moskauer Großfürsten adaptiert und unter Peter dem Großen zur Staatsgesinnung weiterentwickelt. Er beschrieb damit, anders als Geyer (2020, 113) es verstand, \[14\] kein ‚Naturgesetz der russischen Geschichte‘, sondern eine politische Tradition, mit der bis heute niemals bewusst gebrochen worden ist.“ (S. 65, Hervorhebungen von mir) Von „Tradition“ ist bei Graßmann vielfach die Rede, der Begriff wird jedoch weder expliziert noch sozialwissenschaftlich verankert (etwa als Pfadabhängigkeit, *longue durée* oder Institution). Was meint Tradition – und vor allem: Wie stellt sie sich her, wie können „Elemente traditioneller russischer Außenpolitik“ in der von Marx beschriebenen „Grundstruktur“ bis heute ungebrochen weiterexistieren? Diese Frage nicht zu stellen, gleichzeitig ein „Naturgesetz“ abzulehnen, lässt die Lesenden etwas ratlos zurück. Was nicht nötig gewesen wäre, würde man Marx nicht zu viel Erklärungskraft für die Gegenwart aufbürden. Denn „Tradition“ wird hier nicht allein als bewusste Wiederaufnahme verstanden, als Kokettieren mit der Vergangenheit, als eine „rekursive“ Tradition, auf die sich Putin beruft, sondern als eine „präfigurative“ Tradition, als eine die wirksam ist, die Entwicklungen erklären kann, die Putin quasi vollstreckt. Ich habe anfangs gezögert, Graßmanns *Marx gegen Moskau* zu besprechen, weil das eine zentrale Kritik ist und ich mich zu wenig in der russischen Geschichte auskenne, um substanziell diskutieren zu können, wie die *longue durée*, die unterste Ebene der Zeitschichten für Russland nachgezeichnet werden müsste, um Braudels Begriff der „strukturellen Zeit“ beispielhaft für diese Frage heranzuziehen. Unter dieser verstand er eine Realität, „die von der Zeit wenig abgenutzt und sehr langsam fortbewegt wird“. \[15\] Aber manche „langlebigen Strukturen werden zu stabilen Elementen einer unendlichen Kette von Generationen: Sie blockieren die Geschichte, stören – und bestimmen also – ihren Ablauf. Andere zerfallen wesentlich schneller. Aber alle sind gleichzeitig Stützen und Hindernisse. Hindernisse machen sich als Grenzen bemerkbar (als Eingrenzungen im mathematischen Sinne), die der Mensch mit seinen Erfahrungen kaum überschreiten kann. Man braucht nur daran zu denken, wie schwierig es war, gewisse geographische Rahmen, gewisse biologische Gegebenheiten, einige Grenzen der Produktivität, sogar manche geistigen Zwänge zu sprengen: Auch Denkverfassungen sind Gefängnisse der langen Zeitabläufe.“ \[16\] Aber umgekehrt liegt die „argumentative Bringschuld“ für den Traditionsbegriff nicht bei mir, ebenso wenig die Aufgabe, am historischen Material aufzuzeigen, warum und wie sich Grundelemente russischer Außenpolitik reproduzieren. Von einer Tradition auszugehen, bedeutet, diese zu bestimmen und diese nachzuweisen, vom 16\. Jahrhundert an über die Jahrhunderte hinweg, bis zum russischen Umsturz 1917 und durch den Stalinismus hindurch über die Geschichte der UdSSR bis heute. Nicht einfach als Geschichte, sondern als charakteristische Tradition mit einem Kern, der sich tradiert. Graßmann zitiert den russischen Außenminister Sergei Lawrow, der auf die Frage eines verblüfften Oligarchen antwortet, wie Putin denn eine so gewaltige Invasion in einem so kleinen Kreis hatte planen können, ohne dass die meisten hochrangigen Beamten des Kremls es für möglich gehalten hätten: „Er hat nur drei Berater. Ivan der Schreckliche, Peter der Große, Katharina die Große.“ \[17\] Das Zitat liest Graßmann als Illustration, wenn nicht gar Beweis seiner These der Kontinuität, führt jedoch an anderer Stelle selbst das an, was der Politikwissenschaftler Franz Neumann die „cäsaristische Identifizierung“ nennt (S. 93, FN 17). Aus Angst, Ablehnung zu erfahren, lehnen sich bonapartistische Herrscher an andere große Figuren an, identifizieren sich mit ihnen und zeigen, so Graßmann, „eine Obsession, mit der Vergangenheit zu pflegen“, die sich „typischerweise“ darin zeige, „dass sie als Hobbyhistoriker in Erscheinung treten und die ‚wahre Version‘ der Geschichte, die sie wiederaufzuführen gedenken, am liebsten selbst schreiben.“ \[18\] Als Beispiel wird Napoleons Werk über Cäsar angeführt, das Émile Zola als Auto-Apologie bezeichnete. Rudi Schmidt schrieb 2022 in der Zeitschrift *PROKLA* zu Putins Rechtfertigungsrede vom 24\. Februar 2022: „Putin weiß die Geschichte auf seiner Seite, wenn er sich handlungslegitimierend auf sie bezieht, er missachtet sie, wenn es gilt, ihre Ergebnisse zu korrigieren, weil er nicht mit ihnen einverstanden ist.“ \[19\] Das Lawrow-Zitat ist also Legitimierungsideologie, wie sie Graßmann selbst kritisiert, weder Erklärung noch Begründung für eine strukturelle Verankerung der dort aufgerufenen Kontinuität. Eine Fundierung der Außenpolitik legt das Buch jedoch nahe, die bereits angeführte sogenannte asiatische Produktionsweise, eine von Marx diskutierte Produktionsweise, \[20\] von der Stalin nichts mehr wissen wollte, weil man sonst mit Marx den Stalinismus kritisieren konnte. Eine Debatte darüber wurde in der Sowjetunion zweimal administrativ abgewürgt, 1931 und 1972\. \[21\]. Auch Graßmann bezieht sich positiv auf die „asiatische Produktionsweise“, schreibt ihr erklärenden Charakter zu. \[22\] Gerade deshalb und weil die Tradition der russischen Außenpolitik nicht anhand des historischen Materials aufgezeigt wird, müsste der Begriff der asiatischen Produktionsweise, der für sich in Anspruch nimmt, die Tradition des russischen Despotismus zu begründen, über einen großen Zeitraum hinweg diskutiert werden – und das ausführlich. \[23\] Nicht nur, um die eigene These zu bekräftigen, sondern auch, um die Kritik zu entkräften, die es an diesem Begriff gibt. Denn es gibt Kritik und nicht von dem Schlag, der Russlands despotischen und imperialen Charakter kleinreden möchte. \[24\] Heiko Haumann fasst in seiner breit angelegten Geschichte Russlands beispielhaft zusammen: „Die Kategorie der asiatischen Produktionsweise taugt zur Kennzeichnung Russlands nicht, auch nicht in Zwischenformen.“ \[25\] Die Diskussion des Begriffs wäre deshalb notwendig, weil Graßmann herausstellt, dass Russlands Außenpolitik selbst-zweckhaft sei, ^Graßmann, Marx gegen Moskau, S. 109.\] wie das Kapital, was eine sehr starke These ist, die begründet werden müsste: > „Die traditionelle russische Außenpolitik ist einerseits wie das Kapital – übergriffig, alles verschlingend, selbstbezüglich, maßlos – aber andererseits ohne dessen Dialektik. Sie hat keinen Doppelcharakter und kommt ohne das aus, was Marx in den Grundrissen die ‚civilisirenden Tendenzen‘ (MEGA2 II/1, 326) des Kapitals genannt hat.“ (S. 109) Eine gute Begründung wäre vor allem deshalb von Interesse, weil das Thema politisch aufgeladen ist. Während sich einige Linke gar nicht vorstellen können, dass Russland einen imperialistischen Krieg angezettelt hat und nicht einfach auf die geopolitischen Handlungen der NATO reagiert, so fühlen sich andere nur in ihrem antikommunistischen oder traditionell-reaktionären Russlandbild („Anti-Europa“) bestätigt und kommen gar nicht auf die Idee, nach Gemeinsamkeiten der Entwicklungen zwischen kapitalistischen Staaten zu fragen – und zu diesen gehört Russland. \[26\] Es ist auch nicht nachzuvollziehen, warum mit Marx die Erklärung für die koloniale und imperialistische Geschichte Russlands (seit dem 16\. Jahrhundert) derart eng geführt werden muss. Fast die gesamte Literatur zur russischen Geschichte erachtet diesen Aspekt als erklärungsbedürftig; auch die von Graßmann herangezogene Literatur, die über weite Strecken jedoch durchaus differenzierter argumentiert. „Die fortgehende Ausdehnung des imperialen Herrschaftsraums“, so etwa der auch von Graßmann rezipierte Dietrich Geyer, „verlangt nach einer Erklärung, nach einer Auskunft über die Ursachen dieses Tatbestands.“ \[27\] Gerd Koenen, den Graßmann nicht zitiert, konstatiert einen „seltsamen Kontrast“ \[28\] zwischen innerer Antriebsschwäche Russlands aufgrund rückständiger wirtschaftlicher Entwicklung und der Dynamik äußerer Expansion – im Westen oft am Rande von Kriegen mit europäischen Staaten und im Osten als ständige Ausdehnung des Herrschaftsbereichs. Die Liste an Zitaten, die einen Erklärungsbedarf konstatieren, ließe sich fortsetzen. Die Erklärungen dieser Expansionen selbst sind jedoch differenziert und Graßmann zählt sie nahezu alle auf: > „Für den eigentümlichen Expansionismus Russlands hat es selbstredend eine Vielzahl an Erklärungsversuchen gegeben. Herangeführt wurden so unterschiedliche Dinge wie: Russlands geographische Lage, die ihm entweder günstig (Handelsroute zwischen Ost und West) oder ungünstig (verzweifelter Versuch, einer einklemmten Landmasse Zugang zu schiffbarem Wasser zu verschaffen) sei; seine sicherheitspolitische Gefährdung, ob durch die Mächte Ost- und Nordeuropas \[…\] oder durch nomadische Einfälle aus der eurasischen Steppe \[…\]; die Erfordernisse seines Wirtschaftssystems, ob seiner alten Agrar- \[…\] oder seiner neuen Industrieökonomie \[…\]; die Widersprüche des Feudalismus, die gesetzmäßig zur staatlichen Zentralisierung der zersplitterten Fürstentümer führen mussten \[…\]; dynastische Ambitionen, eine besonders messianische orthodoxe Kirche, die Ruhmsucht seines Militärapparats und seiner öffentlichen Meinung sowie natürlich eine zu einem bestimmten Zeitpunkt gegebene Gemengelage aus all diesen und noch viel mehr Faktoren.“ (S. 64/65) \[29\] Er kommt aber dennoch mit Marx auf eine „allgemeine Formel“, auf die politische Tradition, mit der bis heute nicht gebrochen worden sei. (S. 64/65) Dietrich Geyer hält hingegen fest: „Die Geschichte der Machtausdehnung Russlands geht in Globalerklärungen \[die unter anderem Marx liefert; ISt\] und handlichen Formeln nicht auf. Deshalb ist es wichtig, die einzelnen Expansionsvorgänge zu unterscheiden – nach ihrem jeweiligen historisch-chronologischen Zusammenhang und ihrer geographischen Bewegungsrichtung. Keiner Erläuterung bedarf, dass bei der östlichen und südöstlichen Ausweitung des Moskauer Herrschaftsraumes durchaus andere Faktoren wirksam waren als bei der Erweiterung des Reichsterritoriums nach Westen hin, die sich im Rahmen des europäischen Staatensystems vollzog und Russland als europäische Großmacht in Erscheinung brachte.“ \[30\] Allein diese Skizze deutet an, dass es geografisch unterschiedliche Expansionen gab, die jeweils unterschiedlich beurteilt und erklärt werden müssen – in ihrem jeweiligen historischen Kontext. Sie aus einem politischen Prinzip, einer „allgemeinen Formel“ (Graßmann) heraus erklären zu wollen, zudem mit einer transhistorischen Geltung, überzeugt nicht und taugt wenig, den aktuellen Krieg gegen die Ukraine zu erklären. Trotz der von mir bemängelten Lücke sind Graßmanns Ausführungen zu Marx erhellend und aufschlussreich, viele Zitate und Ausführungen von Marx laden dazu ein, ihn im originalen Kontext zu lesen. Denn eines macht das Buch deutlich, dass internationale Verhältnisse und nicht zuletzt die Deutung Russlands als autoritärer Staat und Hort beziehungsweise Akteur der Reaktion für Marxʼ politisches Selbstverständnis konstitutiv waren. Das ist etwas, das ebenso gerne überlesen wird wie die Tatsache, dass er staatliche Außenpolitik nicht einfach aus ökonomischen Gegebenheiten ableitete. Wie auch bei anderen Fragen lag Marx hier über Kreuz mit Mitstreiter:innen und politischen Weggefährt:innen – weil er sich solidarisch mit demokratisch-republikanischen Kräften etwa in Polen zeigte. \[31\] Marx Auseinandersetzung mit der Geschichte Russlands zeigt auch, dass Russlands Wiege eben nicht in der Kyjiwer Rus lag: > „Das moderne Russland ging aus dem Großfürstentum Moskau hervor – das wiederum ein Neubeginn war und keine Kontinuität mit der Kyjiwer Rus aufwies \[…\] – und existierte in seiner modernen Gestalt, so Marx, erst seit dem 18\. Jahrhundert. Es gab kein ‚tausendjähriges‘ einheitliches russisches Reich: weder ein einziges russisches Volk noch eine zusammengehörige politische Tradition.“ (S. 183/184) \[32\] Der Pluralität wurde unter Lenin noch Rechnung getragen (nicht zuletzt um ukrainische Nationalisten für die junge Sowjetunion zu gewinnen), unter Stalin bekämpfte man sie schließlich brutal. Damit ist der historische Bezugspunkt für die Erfindung einer russischen Nation nicht der Umsturz von 1917, sondern der Große Vaterländische Krieg als Gründungsmythos, \[33\] was wiederum erklärt, warum Stalin und der Sieg über Nazideutschland im gegenwärtigen Russland eine derart zentrale Rolle für die Legitimation des Systems und Propaganda einnimmt. Ein Umstand, dem man auch mit Marx nicht nachgehen kann. \[34\] Auch Graßmanns Ausführungen zu den Herrschaftstechniken lesen sich erhellend – Einbindung beherrschter Kräfte für die Sicherung und Ausübung der eigenen Herrschaft – und können für die Analyse der Gegenwart fruchtbar gemacht werden (etwa im Rahmen eines sozialwissenschaftlich fundierten Begriffs von Oligarchie \[35\] und der Bonapartismustheorie). Dies wäre im Rahmen eines eigenen Kapitels zu theoretischen Konzepten möglich gewesen, ohne eine ungebrochene Kontinuität zu unterstellen. \[36\] Aus seinem späten Leben sind vor allem Marx’ Briefentwürfe an Vera Sassulitsch bekannt, aus denen deutlich seine Abkehr vom Eurozentrismus herauszulesen ist, sein Interesse an nichteuropäischen Gesellschaften – und an Russland. \[37\] Das zeigt Graßmann auch anhand Marxʼ Interesse an Kostomarov, einem russischen und ukrainischen Historiker, Ethnologen und Schriftsteller sowie Panslawist und proukrainischen Sozialaktivist, der unter anderem in Kyjiw (1846/1847) und St. Petersburg (1859–1862) lehrte. Dank ihm entwickelt Marx die Position, dass nicht nur Polen, sondern auch die Ukraine eine demokratische Tradition *gegen* Moskau vorzuweisen hat. \[38\] Diese historischen Bezugspunkte im Kampf gegen Moskau entbinden jedoch nicht von der Aufgabe, auf Grundlage der gegenwärtigen Verhältnisse zu begründen, warum Putin den Krieg begann – und ihn beginnen konnte. *Zuerst erschienen bei:* [*soziopolis*](https://www.soziopolis.de/mit-marx-gegen-moskau.html?ref=blog.stuetzle.cc) *(1\. Oktober 2025)* --- 1. Die russische Präsidialverwaltung verteilte bereits im Januar 2014 „Unsere Aufgaben“ des glühenden Antisemiten Iljin an Gouverneure, wichtige Beamte und die politischen Kader. Zu Russlands Rechten vgl. Katharina Bluhm / Mihai Varga, „Zwischen Loyalität und Konfrontation“, in: Michael Zürn (Hg.). Zur Kritik des liberalen Skripts. Innere Spannungen, gebrochene Versprechen und die Notwendigkeit der Selbsttransformation, Baden-Baden 2024, S. 64–89\. [↩︎](#fnref1) 2. Vgl. Yelizaveta Landenberger, „Karl-Marx-Experte über Außenpolitik. ‚Dann ist es eben nur ein halber Marx‘“, in: Die Tageszeitung, 11.1.2025; online unter: [https://taz.de/Karl-Marx-Experte-ueber-Aussenpolitik/!6058339/](https://taz.de/Karl-Marx-Experte-ueber-Aussenpolitik/!6058339/?ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\]; Sebastian Klauke, „Mit Marx für Waffenlieferungen?. Ein Interview mit dem Sozialwissenschaftler Timm Graßmann über Marx' Haltung zu Nation und Nationalismus - und deren Anwendung auf den Ukrainekrieg“, in: Neues Deutschland, 29.11.2024; online unter: [https://www.nd-aktuell.de/artikel/1187168.marxologie-mit-marx-fuer-waffenlieferungen.html](https://www.nd-aktuell.de/artikel/1187168.marxologie-mit-marx-fuer-waffenlieferungen.html?ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\]; Paul Simon, „Timm Graßmann, Marx-Experte, im Gespräch über sein Buch ‚Marx gegen Moskau‘. ‚Bonapartismus im Westen, Zarismus im Osten‘“, in: Jungle World, 23.1.2025; online unter: [https://jungle.world/artikel/2025/04/interview-timm-grassmann-marx-bonapartismus-im-westen-zarismus-im-osten](https://jungle.world/artikel/2025/04/interview-timm-grassmann-marx-bonapartismus-im-westen-zarismus-im-osten?ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\]; Jungle World publizierte zudem einen Auszug aus Graßmanns Buch: Timm Graßmann, „Was Marx über Russland dachte. Marx gegen Moskau“, in: Jungle World, 23.1.2025; online unter: [https://jungle.world/artikel/2025/04/marx-gegen-moskau](https://jungle.world/artikel/2025/04/marx-gegen-moskau?ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\]; Die Blätter für deutsche und internationale Politik veröffentlichten einen Beitrag auf Basis von Buchauszügen: Timm Graßmann, „Auf Eroberung folgt Eroberung. Wie Karl Marx Russlands Krieg gegen die Ukraine betrachten würde“, in: Blätter für deutsche und internationale Politik (2025), 1; online unter: [https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/januar/auf-eroberung-folgt-eroberung](https://www.blaetter.de/ausgabe/2025/januar/auf-eroberung-folgt-eroberung?ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\] ↩︎ 3. Helge Buttkereit, „Linksdrehende Kriegstreiberei. Kriegstüchtig ‚mit Marx‘: Timm Graßmann zieht mit haltlosen Analogieschlüssen ‚gegen Moskau‘ zu Felde“, in: Junge Welt, 6.1.2025; online unter: \[30.9.2025\]; Raimund Ernst, „Rezension Timm Graßmann: Marx gegen Moskau“, in: Marxistische Blätter (2025), 2; Die knappe Besprechung in der Schweizer Wochenzeitung wagt kaum eine inhaltliche Auseinandersetzung: Michael Krätke, „Marx und der Imperialismus“, in: Die Wochenzeitung, 6.2.2025; online unter: [https://www.woz.ch/2506/sachbuch/marx-und-der-imperialismus/!RQCHR81AW6T0](https://www.woz.ch/2506/sachbuch/marx-und-der-imperialismus/!RQCHR81AW6T0?ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\]; Ausführlicher ist die Rezension im Philosophie Magazin: Christoph David Piorkowski, „Gegen die ‚Friedenswindbeutel‘ – Karl Marx‘ Kritik des bequemen Pazifismus“, in: Philosophie Magazin, 16.5.2025; online unter: [https://www.philomag.de/artikel/gegen-die-friedenswindbeutel-karl-marx-kritik-des-bequemen-pazifismus](https://www.philomag.de/artikel/gegen-die-friedenswindbeutel-karl-marx-kritik-des-bequemen-pazifismus?ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\]; Dass in den Marxistischen Blättern im Zuge eines sehr harten Urteils der Vorwurf formuliert wird, Graßmann argumentiere frei von der Wissenschaft, weil er etwa einen Band von 1977 nicht genutzt habe (Hans-Peter Harstick (Hg.), Karl Marx über Formen vorkapitalistischer Produktion. Vergleichende Studien zur Geschichte des Grundeigentums 1879–1880, Frankfurt am Main 1977, S. 2–345), also als Mitarbeiter der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2) an der Quelle sitze, diese aber ignoriere, wirkt arg albern, denn genau die Texte, die das Buch vor bald fünfzig Jahren zugänglich gemacht hat, rezipiert Graßmann, aber eben nach der neuesten wissenschaftlichen Edition ([https://megadigital.bbaw.de/exzerpte/index.xql?band=IV-27#IV-27](https://megadigital.bbaw.de/exzerpte/index.xql?band=IV-27&ref=blog.stuetzle.cc#IV-27)), die der Rezensent offensichtlich nicht kennt. ↩︎ 4. Karl Marx, Die ethnologischen Exzerpthefte. hrsg. von Lawrence Krader, übers. von Angelika Schweikhart, Frankfurt am Main 1976\. ↩︎ 5. Ohne Autor, „Nikolaj Ivanovič Kostomarov (Костомаров). 1817–1885“, in: MEGAdigital; online unter: [https://megadigital.bbaw.de/exzerpte/intro.xql?id=M3601189](https://megadigital.bbaw.de/exzerpte/intro.xql?id=M3601189&ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\] ↩︎ 6. Yelizaveta Landenberger, „Karl-Marx-Experte über Außenpolitik“. ↩︎ 7. Timm Graßmann, „Auf Eroberung folgt Eroberung.“ ↩︎ 8. Siehe hierzu auch Bruno Leipold, Citizen Marx. Republicanism and the Formation of Karl Marx‘ Social and Political Thought, Princeton 2014; ders., „Marx’ Soziale Republik“, in: Politik & Ökonomie, 20.1.2023; online unter: [https://politischeoekonomie.com/marx-soziale-republik/](https://politischeoekonomie.com/marx-soziale-republik/?ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\]; sowie die lesenswerte Besprechung von Søren Mau, „Marx‘ Republican Communism. A Review of Bruno Leipold’s Citizen Marx”, in: Spectre, 29.5.2025; online unter: [https://spectrejournal.com/marxs-republican-communism/](https://spectrejournal.com/marxs-republican-communism/?ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\]. ↩︎ 9. Angefangen mit David Rjasanoff, „Karl Marx über den Ursprung der Vorherrschaft Rußlands in Europa“, in: Die Neue Zeit (1909), Ergänzungshefte 5, S. 1–64; und Helmut Krause, Marx und Engels und das zeitgenössische Rußland, Gießen 1958; bis zu anderen Arbeiten, u.a.: Maximilien Rubel, Rußland und die russische Revolution im Denken von Karl Marx (Schriften aus dem Karl-Marx-Haus, Heft 2), Trier 1969; Aber auch neuere Arbeiten konnten noch nicht auf das Material zurückgreifen, das Graßmann auswertet, etwa: Skadi Krause, „Marx’ Russlandbild“, in: Die Internationale Marx-Engels-Stiftung (Hg.), Marx-Engels-Jahrbuch 2010, Berlin 2011, S. 53–69\. ↩︎ 10. Putins Herrschaft mit Marxʼ Bonapartismus-Konzeption zu analysieren ist durchaus erhellend, wie Felix Jaitner gezeigt hat, Graßmann zitiert den Beitrag: Felix Jaitner, „Die Entstehung des Kapitalismus und das ‚Regime der Ruhe‘. Bonapartismus in Russland von Jelzin bis Putin“, in: Martin Beck / Ingo Stützle (Hg.), Die neuen Bonapartisten. Mit Marx den Aufstieg von Trump & Co. verstehen, Berlin 2018, S. 205–223\. Der Beitrag malt den Krieg bereits damals an die Wand: „Dennoch zeichnen sich im ‚Krim-Konsens‘ bereits die Konturen modifizierter Herrschaftsverhältnisse ab. Am deutlichsten ist die Neuausrichtung der Außenpolitik zur Sicherung der imperialen Interessen Russlands, die mit einer schärferen nationalistischen, imperialen Rhetorik einhergeht. Vorläufig stärkt der ‚Krim-Konsens‘ die Position des Präsidenten. Als charismatischer Bonaparte steht Putin nicht nur für Stabilität in ökonomischen Krisenzeiten, er verkörpert auch die Rückkehr Russlands auf die Weltbühne.“ (S. 220). Wichtig ist hier herauszustellen, dass „Bonapartismus“ nicht allein eine Herrschaftsform charakterisiert, vielmehr ein Erklärungsversuch darstellt, wie und warum sich diese politische Geltung verschaffen kann. Wie der imperiale Charakter zu erklären ist, steht auf einem anderen Blatt. ↩︎ 11. Ohne Autor, „Das neue Kapitel der Studienausgabe MEW seit 2006 und was sie von der Gesamtausgabe unterscheidet“, in: Dietz Berlin, 2.3.2022; online unter: [https://dietzberlin.de/das-neue-kapitel-der-studienausgabe-mew-seit-2006-und-was-sie-von-der-gesamtausgabe-unterscheidet/](https://dietzberlin.de/das-neue-kapitel-der-studienausgabe-mew-seit-2006-und-was-sie-von-der-gesamtausgabe-unterscheidet/?ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\]. ↩︎ 12. Zur Geschichte des Textes, der noch nicht in der MEGA2 erschienen ist, unter anderem: Hanno Strauß, Karl Marx über die russisch-englischen Beziehungen im 18\. Jahrhundert in dem Fragment „Revelations of the diplomatic history of the 18th Century“, in: Berliner Jahrbuch für osteuropäische Geschichte 1997, Berlin 1998, S. 239–270; sowie Svetlana Gavrilcenko, „Zur Entstehungsgeschichte von Marx’ ‚Revelations of the diplomatic history of the 18th century‘“, in: Rolf Hecker / Carl-Erich Vollgraf / Richard Sperl (Hg.), Marx-Engels-Edition und biographische Forschung (Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge 2000). Hamburg 2000, S. 80–85; und jüngst anhand der 1981 bei Suhrkamp erschienen Ausgabe mit einem Vorwort von Karl August Wittfogel: Doris Maja Krüger, „Erkenntnisversprechen in beunruhigenden Zeiten. Karl August Wittfogel ediert Karl Marx, 1979–1981“, in: Doris Maja Krüger (Hg.), Karl Marx in der Geschichte. Entstehung und Rezeption der Marx’schen Kritik, Bielefeld 2025, S. 91–118\. ↩︎ 13. Karl Marx, Enthüllungen zur Geschichte der Diplomatie im 18\. Jahrhundert, hrsg. u. eingel. v. Karl August Wittfogel, übers. von Elke Jessett und Iring Fetscher, Frankfurt am Main 1980, S. 126\. Lange gingen Marx und Friedrich Engels davon aus, dass das sogenannte Testament Zar Peters des Großen echt ist und Aussagen zu Russland basieren darauf. Bereits zu Lebzeiten von Marx und Engels, in den 1850er Jahren wurden Zweifel laut und weil schließlich nachgewiesen wurde, dass das Dokument eine Fälschung ist. In seinem Blätter-Beitrag schreibt Graßmann: „Den Kritikern seiner Russland-Publizistik erschien Marx als unmaterialistisch, idealistisch und verschwörungstheoretisch.“ Leider erwähnt er nicht, dass Marx selbst lange einer Fälschung aufsaß, einem Verschwörungsnarrativ, was die Frage aufwirft, wie diese – wie auch das eurozentristische Russlandbild, das auch bei den Junghegelianern zu finden war – Marx‘ Analyse geprägt haben. Hierzu etwa Helmut Fleischer, „Marx, Engels, der Zar und die Revolution“, in: Mechthild Keller (Hg.), Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 19\. Jahrhundert: Von der Jahrhundertwende bis zur Reichsgründung (1800–1871), München 1991, S. 684–738; Skadi Krause, Marx’ Russlandbild; Dieter Groh, Russland im Blick Europas. 300 Jahre historische Perspektiven, Frankfurt am Main 1988, S. 383–386\. ↩︎ 14. Graßmann zitiert: Dietrich Geyer, Das russische Imperium: von den Romanows bis zum Ende der Sowjetunion, Berlin 2020\. ↩︎ 15. Fernand Braudel, „Geschichte und Sozialwissenschaften. Die longue dureé“, in: Claudia Honegger (Hg.), M. Bloch, F. Braudel, L. Febvre u. a. Schrift und Materie der Geschichte Vorschläge zur systematischen Aneignung historischer Prozesse, Frankfurt am Main 1977, S. 47–85, hier: S. 55\. ↩︎ 16. Ebd. ↩︎ 17. Max Seddon / Christopher Miller / Felicia Schwartz, “How Putin blundered into Ukraine — then doubled down”, in: Financial Times, 23.2.2023; online unter: [https://www.ft.com/content/80002564-33e8-48fb-b734-44810afb7a49](https://www.ft.com/content/80002564-33e8-48fb-b734-44810afb7a49?ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\]. Katharina Bluhm deutet das „Losschlagen des militärisch-industriellen Komplexes“ unter „Stilllegung anderer Elitefraktionen, die ganz offenbar nicht in die Kriegsvorbereitung einbezogen waren“ als „Wahrnehmung einer scheinbar günstigen Gelegenheit“: „Aber das Eingehen eines solchen Risikos erscheint vor allem als Ausdruck von Panik – einer Panik, womöglich die letzte Chance zur Geschichtskorrektur zu verpassen. Dabei geht es nicht um die Wiederherstellung eines vorherigen Zustandes, sondern um die Zukunft.“ Katharina Bluhm, „Die Ideologie hinter Russlands Krieg“, in: ZOiS, 23.3.2022; online unter: [https://www.zois-berlin.de/publikationen/zois-spotlight/die-ideologie-hinter-russlands-krieg](https://www.zois-berlin.de/publikationen/zois-spotlight/die-ideologie-hinter-russlands-krieg?ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\]. ↩︎ 18. Ebd., S. 94\. ↩︎ 19. Rudi Schmidt, „Putins Rechtfertigungsrede vom 24\. Februar für seinen Krieg gegen die Ukraine“, in: \[PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 52 (2022), 206.\](file:///Users/istuetzle/Downloads/schmidt\_putin\_ende-1.pdf) ↩︎ 20. Die asiatische Produktionsweise zeichnet sich Marx zufolge durch fehlendes Privateigentum an Boden, Gemeindestrukturen und eine ökonomisch regulierende politische/despotische Instanz aus („Staat“). Besonders relevant ist das System von Bewässerung (siehe hierzu Marx' Manuskript zu den „Formen, die der kapitalistischen Produktion vorhergehn“ in den sogenannten Grundrissen (Karl Marx / Friedrich Engels, Werke, 42: Werke - Band 42 / Karl Marx, Friedrich Engels, Berlin 1983, S. 382ff; vgl. auch Band 13, S. 9, 21). Es spricht wiederum für Marx, dass er, nach Studium nicht-europäischer Gesellschaften, den Begriff nicht mehr verwendet, wenn auch das Wort „asiatisch“ durchaus auftaucht, etwa in Marx‘ Exzerpte von 1878 zu Ilarion Ignat’evič Kaufmans Theorie und Praxis des Bankwesens (russisch), vgl. Karl Marx, „Exzerpte und Notizen: MEGA IV/25\. Heft I (1878)“, in: MEGAdigital; online unter: [https://megadigital.bbaw.de/exzerpte/detail.xql?id=M0012596](https://megadigital.bbaw.de/exzerpte/detail.xql?id=M0012596&ref=blog.stuetzle.cc) \[30.9.2025\]. ↩︎ 21. Reinhart Kößler, Despotie in der Moderne, Frankfurt am Main 1993, S. 19\. In seinem Buch: ders., Dritte Internationale und Bauernrevolution. Die Herausbildung des sowjetischen Marxismus in der Debatte um die „asiatische“ Produktionsweise, Frankfurt am Main 1982; stellt Kößler die konstitutive Rolle der Debatte um die asiatische Produktionsweise in den 1920er- und 1930er Jahren für den Sowjetmarxismus heraus. ↩︎ 22. Siehe Zitat oben und im Buch u.a. S. 13/14, 67, 77, auch wenn er auf S. 77 hinzufügt, dass sie „wohl“ heute nicht mehr existiere. In einer Fußnote schreibt Graßmann: „Womöglich hätte Karl August Wittfogel \[…\] der die stalinistische Sowjetunion (‚ein auf Industrie beruhendes System allgemeiner (Staats-)Sklaverei‘) als Weiterentwicklung der asiatischen Produktionsweise auffasste, das heutige Russland als ‚industrielle Apparatsgesellschaft‘ und Putins Herrschaft als Transformation des totalen ‚Apparatstaats‘ verstanden.“ (S. 77, Fn. 2) Zu Wittfogels Russland-Bild und der späten Rezeption des marxschen Textes: Doris Maja Krüger, „Erkenntnisversprechen in beunruhigenden Zeiten“; Sowie: Reinhart Kössler / Karl August Wittfogel (1896–1988). „Orientalische Despotie und mehrlinige Entwicklung“, in: Zeitschrift für Entwicklungspolitik (2005), 21, S. 60–62; der resümiert: „freilich ist seine \[Wittfogels\] Argumentation historiographisch unhaltbar: Wittfogel übertreibt den Einfluss der Mongolenherrschaft und spielt den immer präsenten Austausch mit dem Westen herunter, vor allem die strategischen Anstrengungen zur Verwestlichung seit Peter I. \[…\]. Dies gilt auch schon für Marx’ Russland-Broschüre (1856/57), die bei Erscheinen dem Forschungsstand rund 100 Jahre hinterher hinkte, von Wittfogel aber als Dokument der Einsicht in den asiatischen Charakter Russlands gepriesen wurde, wovor Marx ebenso wie Lenin angeblich später zurückgewichen seien \[…\]“ (S. 61). ↩︎ 23. Das ist auch eine Kritik von Christoph David Piorkowski im Philosophie Magazin: „Denn auch wenn Marx streng materialistisch argumentiert, und später die Hoffnung hegte, dass Russland sich von der Moskowiter Tradition lossagen könnte, hat die Rede von der ‚asiatischen Produktionsweise‘ doch einen essentialistischen Klang, der mit guten Gründen kritisiert werden kann.“ ↩︎ 24. Vgl. Etwa Maurice Godelier, „The Concept of the Asian Mode of Production and the Marxist Model of Social Development“, in: Soviet Anthropology and Archeology 4 (1965), 2, S. 39–41; über Perry Anderson, „The ‘Asiatic Mode of Production’“, in: ders. (Hg.), Lineages of the Absolutist State, London 1974, S. 462–549; (in der deutschen Übersetzung nicht übernommen) und Reinhart Kößler (anhand von Rudi Dutschkes Promotion und Bernd Rabehls Edition von Marx‘ Geschichte der Geheimdiplomatie in: Reinhart Kößler, „Zur Kritik des Mythos vom ‚asiatischen‘ Rußland“, in: PROKLA. Zeitschrift für Kritische Sozialwissenschaft 35 (1979), 9, S. 105–131.) über Bipan Chandra (ders., „Karl Marx, His Theories of Asian Societies, and Colonial Rule“, in: Review (Fernand Braudel Center) 5 (1981), 1, S. 13–91) und Young-bae Song (ders., Konfuzianismus, Konfuzianische Gesellschaft und die Sinisierung des Marxismus, ein Beitrag zur Widerlegung der Theorie der ‚asiatischen Produktionsweise‘ und zum sozialen und ideengeschichtlichen Verständnis der chinesischen Revolution. Promotion an der Universität Frankfurt, Frankfurt am Main 1982.). Auf Kößlers Haupteinwand, Marxʼ Ausführungen zur russischen Geschichte nicht mit dem Stand der Forschung abzugleichen, geht Graßmann nicht ein, sondern verwirft nur dessen Kritik, Marx argumentiere in „idealistischer Manier“. Jairus Banaji bezeichnet die asiatische Produktionsweise als „Restkategorie der Unwissenheit“: „It was clearly a residual category, a sort of ‘non-Europe’ which Marx believed (or half-believed) embodied a common economic structure where the ruling class, if one could speak of such a class, was subsumed in the state, and the mainspring of the economy lay in the tenacity of unchanging village-communities. This model is usually called the ‚Asiatic mode of production’ and was a sort of default-category, the most sense Marx and Engels could make of societies whose history was largely inaccessible to them.“ (Jairus Banaji, Theory as History. Essays on Modes of Production and Exploitation, Leiden 2010, S. 349) Die allgemeinere Literatur zur sogenannten asiatischen Produktionsweise ist nahezu unüberschaubar und mangelt meist daran, dass Manuskripte, die noch nicht veröffentlicht waren, nicht berücksichtigt werden konnten. Beispielhaft für Marx‘ Londoner Heft vgl. Soichiro Sumida, “The Breadth and Depth of ‚the Asiatic Form‘ in Pre-Capitalist Economic Formations. A Study from the London Notebooks and the Manuscript of Capital”, in: Die Internationale Marx-Engels-Stiftung (Hg.), Marx-Engels-Jahrbuch 2015/16, Berlin 2016, S. 103–114\. Der Artikel im Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus von Lawrence Krader rezipiert leider nicht die relevante Literatur. ↩︎ 25. Heiko Haumann, Geschichte Russlands, 2\. Aufl., Zürich 2010, S. 75\. ↩︎ 26. Felix Jaitner zeichnet in zwei Bücher die Entwicklung nach: Einführung des Kapitalismus in Russland von Gorbatschow bis Putin, Hamburg 2014; Ende einer Weltmacht. Vom autoritär-bürokratischen Staatssozialismus zum Ressourcenextraktivismus und Kriegswirtschaft in die Zukunft?, Hamburg 2023\. Katharina Bluhm bezeichnet das Modell in ihrem Buch: Russland und der Westen. Ideologie, Ökonomie und Politik seit dem Ende der Sowjetunion, Berlin 2023; als „oligarchischen Staatskapitalismus“. ↩︎ 27. Dietrich Geyer, Das russische Imperium. Von den Romanows bis zum Ende der Sowjetunion, Berlin 2020, S. 113\. ↩︎ 28. Gerd Koenen, Der unerklärte Frieden: Deutschland, Polen und Russland. Eine Geschichte, Frankfurt am Main 1985, S. 69\. ↩︎ 29. Neben den genannten Gründen und der entsprechenden Literatur lässt sich ergänzen: Carsten Goehrke, „Raum als Schicksal? Geographische und geopolitische Entwicklungsbedingungen in der Geschichte Russlands“, in: Karl Schlögel (Hg.), Mastering Russian Spaces. Raum und Raumbewältigung als Probleme der russischen Geschichte, München 2011, S. 27–45; Dominic Lieven, Empire. The Russian Empire and its Rivals, New Haven / Conn 2000, S. 264; Andreas Kappeler, Russland als Vielvölkerreich. Entstehung, Geschichte, Zerfall, München 1992, S. 21, 44, 93–98; Marc Raeff, “Patterns of Russian Imperial Policy towards the Nationalities”, in: Edward Allworth (Hg.), Soviet Nationality Problems, New York 1971, S. 22-42; Koenen, Der unerklärte Frieden, S. 69–75\. ↩︎ 30. Geyer, Das russische Imperium, S. 115\. ↩︎ 31. Siehe hierzu prägnant Graßmanns Ausführungen in den *Blättern*. ↩︎ 32. Zum Ursprungsmythos der Kyjiwer Rus als Kristallisationspunkt konkurrierender Geschichtsdeutungen vgl. Andreas Kappeler, Russland und die Ukraine. Verflochtene Biographien und Geschichten, Wien 2012, S. 231–240\. ↩︎ 33. Bluhm, Russland und der Westen, S. 347\. Aus Stalins Vortrag „Aufgaben der Wirtschaftler“ von 1931 werden zwar gerne die Ausführungen zur Notwendigkeit von industriellem Fortschritt zitiert, aber nicht, in welchen Kontext er diese stellt: „Die Geschichte des alten Rußland bestand unter anderem darin, daß es wegen seiner Rückständigkeit geschlagen wurde. Es wurde geschlagen von den mongolischen Khans. Es wurde geschlagen von den türkischen Begs. Es wurde geschlagen von den schwedischen Feudalen. Es wurde geschlagen von den polnisch-litauischen Pans. Es wurde geschlagen von den englisch-französischen Kapitalisten. Es wurde geschlagen von den japanischen Baronen. Es wurde von allen geschlagen wegen seiner Rückständigkeit.“ \[in: J. W. Stalin: Werke, Bd. 13, Berlin 1950–1955, S. 35 – diese auf 16 Bände angelegte Werkausgabe beim ostdeutschen Karl Dietz Verlag endet mit Band 13 und wurde nach Stalins Tod eingestellt. In der Bundesrepublik wurde die Ausgabe der Werke von der KPD/ML mit Band 14 (Dortmund 1976) und Band 15 (Dortmund 1979) fortgesetzt.\] ↩︎ 34. Hierzu: Gerd Koenen, „Der fatale Nexus. Deutschland und Russland 1925–2025“, in: Osteuropa 75 (2025), 1–3, S. 7–34\. ↩︎ 35. Joachim Becker, „Oligarchie – eine Form bürgerlicher Herrschaft: Das Beispiel osteuropäischer semi-peripherer Kapitalismus“, in: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft 45 (2015), 180, S. 409–432\. ↩︎ 36. Wie divers und polyphon politische Motive, Ideen und Konzepte in Russland nach 1990 waren, stellt Bluhm (Russland und der Westen) dar. Sie kann zeigen, wie unter Putin einerseits eine ideologische und politische Zurichtung stattfand, die jedoch auch mit sich brachte, dass Russland nicht auf den von Putin begonnenen Krieg politisch-militärisch-ideologisch vorbereitet war (ebd., S. 357ff.). Die längeren Linien, die auch Bluhm zeichnet, machen zudem deutlich, dass auch ohne Putin das Modell des oligarchischen Staatskapitalismus nicht an ein Ende kommen dürfte. Gleichzeitig stellt sie resümierend heraus: „Die Rückkehr Russlands als eine autoritäre, illiberale und konservative Weltmacht war nicht vorherbestimmt, weder durch seine Geschichte noch durch einzelne Ereignisse.“ (ebd., S. 383) ↩︎ 37. Hierzu: Kolja Lindner (Hg.), Marx, Marxism and the Question of Eurocentrism, Cham 2022; sowie jüngst Kevin Anderson, The Late Marx’s Revolutionary Roads. Colonialism, Gender, and Indigenous Communism, London / New York 2025\. ↩︎ 38. Marx’ Exzerpte bekommen verstärkt Interesse in der Marxforschung. Zurecht. Jedoch wäre gerade dann, wenn sie unmittelbarer Gegenstand des Interesses werden, nicht nur wichtig, was Marx liest und exzerpiert, sondern eben auch, was er in den Büchern überblättert, nicht erwähnt und vor allem der Stand der Forschung etc. Kappeler (Russland und die Ukraine) etwa zeichnet ein differenziertes Bild von Kostomarow, der mitunter der auch als Spitzel und Denunziant für die russische Staatspolizei aktiv war und antijüdische Pogrome rechtfertigte. ↩︎ ### Der Zollhammer und die schlechte Theoriebilanz der Ökonomiekritik URL: https://blog.stuetzle.cc/der-zollhammer-und-die-schlechte-theoriebilanz-der-okonomiekritik/ Last updated: 2025-04-07T08:37:04.000Z »Der Präsident muss den Welthandel neu regeln«, sagte US-Handelsminister Howard Lutnick dem Fernsehsender CBS. Der »Zollhammer«, mit dem die USA auf den Amboss des Weltmarkts gehauen hat, sorgte für ebenso viel Entsetzen wie Unverständnis. Unverständnis im wortwörtlichen Sinn, dass nämlich nur schwer erklärt werden kann, was die treibende Motive und Interessen sind, welche Machverhältnisse und Akteure sich hier Geltung verschaffen. Nur wenige Tage danach plädiert Elon Musk, Donald Trumps extrem rechte Hand, für eine Freihandelszone mit der Europäischen Union (EU) und es verdichten sich die Anzeichen, dass der Vorstoß nicht als wirtschaftspolitische Maßnahme, sondern viel eher als geopolitisches Machtmittel zu erklären ist. Ich bin gefragt worden, ob ich dazu etwas Erhellendes schreiben könnte – und habe abgesagt. Vielleicht könnte ich das eine oder andere zur Klärung beitragen, aber nichts, was mich selbst zufriedenstellt und die Fragen beantwortet, die an mich herangetragen wurden. Die Vorgänge bieten jedoch Anlass, über Zusammenhänge aufzuklären, die einem breiteren Publikum meist unbekannt sind, aber in der wirtschaftspolitischen Debatte implizit präsent – ohne dass darüber gesprochen wird. Der Ökonom [Heiner Flassbeck](https://de.wikipedia.org/wiki/Heiner%5FFlassbeck?ref=blog.stuetzle.cc) springt im [Surplus](https://www.surplusmagazin.de/flassbeck-trump-zoelle-exporte/?ref=blog.stuetzle.cc)\-Magazin Trump zur Seite: > Wer jedoch der amerikanischen Regierung angesichts der ergriffenen Maßnahmen Merkantilismus vorwirft, ist ein Narr. Die Merkantilisten sind diejenigen, die über Jahre und Jahrzehnte Leistungsbilanzüberschüsse aufweisen und sich nun wundern, dass das wichtigste und größte Defizitland dieser Erde ihren Merkantilismus, auf den sie in der Regel noch stolz sind, nicht mehr erträgt. Besonders Deutschland steht zu Recht am Pranger und wird zu Recht von den amerikanischen Maßnahmen getroffen. Der Ökonom [Rüdiger Bachmann](https://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCdiger%5FBachmann?ref=blog.stuetzle.cc) geht im [Interview mit t-online](https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/usa/id%5F100663430/-trumps-zoelle-werden-zur-verarmung-des-amerikanischen-volkes-fuehren-.html?ref=blog.stuetzle.cc) von einer konträren Problembeschreibung aus. > Ein Handelsbilanzdefizit kann zwar ein Anzeichen für Probleme sein, aber gerade für Amerika ist es genau das Gegenteil. Das Defizit bedeutet zunächst, dass der Rest der Welt Amerika Güter überlässt im Gegenzug für Schuldverschreibungen. \[…\] Es gibt einen Kapitalimport in die USA, der dann wiederum Güterimporte finanziert, mit denen Amerika über seine eigenen Produktionsmöglichkeiten hinaus konsumieren kann. Das Handelsbilanzdefizit ist im Grunde das Spiegelbild der großen Attraktivität des amerikanischen Kapitalmarkts. Wie kann es sein, dass man zu derart konträren Aussagen kommt? Ausgangspunkt ist die [Zahlungsbilanz](https://de.wikipedia.org/wiki/Zahlungsbilanz?ref=blog.stuetzle.cc), die die Transaktionen zwischen In- und Ausland erfasst. Internationale Wirtschaftsbeziehungen zwischen Ländern werden quasi-buchhalterisch dargestellt, es werden ökonomische Prozesse nachvollzogen, von Handel (mit Waren und Dienstleistungen) – diese stellt Flassbeck ins Zentrum – und Kapitalbewegungen (vor allem von Vermögenpapieren in Form von Krediten, Wertpapieren und Direktinvestitionen) – die wiederum Bachmann als Ausgangspunkt seiner Erläuterung wählt. Die Zahlungsbilanz setzt sich aus diesen beiden Bilanzen zusammen. Da die berücksichtigten Leistungs- wie Kapitalströme sich auf eine bestimmte Periode beziehen, handelt es sich bei der Zahlungsbilanz nicht um eine Bilanz im engeren Sinne; es werden keine Bestände, sondern Stromgrößen, d.h. Kapital-, Waren- und Geldbewegungen, einer bestimmten Periode – meist eines Jahres – dokumentiert. Eine Zahlungsbilanz muss immer ausgeglichen sein, d.h. die Differenz aus Leistungsbilanzsaldo und Kapitalbilanzsaldo ergibt Null. Das ist keine rechnerische Finesse, sondern entspringt aus dem im Kapitalismus vorherrschenden Prinzip des Tausches, d.h. dass für Waren und Dienstleistungen ebenso Geld bezahlt werden muss wie für Kredite Zins oder für Aktien und Wertpapiere der jeweilige Kurswert. Importiert ein Land mehr Waren oder Dienstleistungen als es exportiert, muss die Differenz irgendwie finanziert werden – entweder mit den Devisen der Zentralbank oder mit einem Kredit aus dem Ausland – so bei den USA. Einem Leistungsbilanzüberschuss müssen Kapitalexporte gegenüberstehen, so etwa bei China oder Deutschland. Diese gewähren halten Forderungen gegenüber den USA (in Form von Wertpapieren), weshalb auch gerne gesagt wird, hier werde »gespart«. Der saldentechnische Zusammenhang unterstellt keinen bestimmten Kausalzusammenhang zwischen Kapital- und Leistungsströmen, sondern macht eine theoretischen Interpretation notwendig. Dass also Flassbeck und Bachmann die Zusammenhänge vom jeweils anderen Ende her aufziehen, lässt sich *nicht* mit der Zahlungsbilanz begründen, sondern nur mit den ökonomietheoretischen Prämissen, die beide nicht explizieren. Interessanterweise gilt Flassbeck als der progressive Ökonom, der sich an [John M. Keynes](https://de.wikipedia.org/wiki/John%5FMaynard%5FKeynes?ref=blog.stuetzle.cc) orientiert, Bachmann hingegen als pragmatischer Anhänger der Orthodoxie (siehe hierzu im Rahmen eines »kleinen« Methodenstreits [Fabian Linder im ehemaligen Blog Herdentrieb der ZEIT](https://blog.zeit.de/herdentrieb/2015/11/10/wie-wissenschaftlich-ist-die-neoklassik%5F9033?ref=blog.stuetzle.cc)). Warum ist das erstaunlich? Mit einer keynesianischen Interpretation der Zahlungsbilanz müsste der Ausgangspunkt die Nicht-Neutralität des Geldes und die Hierarchie der Märkte sein. Die konstitutive Rolle des Geldes bekommt auf dem Weltmarkt eine neue und weitere Bestimmung: Für den internationalen ökonomischen Zusammenhang bedarf es eines Weltgeldes – das ist der US-Dollar. Wer Geld sicher halten will, legt es deshalb in US-Wertpapieren an. Zudem bestimmen im Anschluss an die These von der Hierarchie der Märkte die Kapitalströme die Leistungsströme: Importierte Waren und Dienstleistungen müssen finanziert werden, weshalb immer die Gläubiger die Schuldner dominieren. Diese zwei grundlegenden theoretischen Prämissen bestimmen wesentlich die keynessche Interpretation der Zahlungsbilanz. Ein Ausgangspunkt, der sich eher in der Position von Bachmann wiederfindet. Wir kennen die Diskussion aus der Debatte um die Bewertung der Zahlungsbilanz bei der Bewertung der [Eurokrise](https://de.wikipedia.org/wiki/Eurokrise?ref=blog.stuetzle.cc) ab 2010\. Schon damals rückte Flassbeck (zusammen mit Friederike Spiecker) das deutsche Exportmodell und die Leistungsbilanzungleichgewichte ins Zentrum (siehe [hier](https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2011/heft/7/beitrag/der-staat-als-schuldner-quadratur-des-boesen.html?ref=blog.stuetzle.cc)). Griechenlands Leistungsbilanzdefizite war jedoch [Folge und nicht Ursache des Kapitalimporte](https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/19448953.2010.506806?ref=blog.stuetzle.cc) – eine Position, die aus einer an Keynes und an Marx orientierten Perspektive viel plausibler ist. Im Vergleich zum Zentrum der EU konnte das Land mit hohen Wachstumsraten und einer hohen Profitabilität des Kapitals aufwarten. Für die USA als Weltmacht hatte [Leo Panitch](https://en.wikipedia.org/wiki/Leo%5FPanitch?ref=blog.stuetzle.cc) ähnlich argumentiert und immer wieder davor [gewarnt, die USA abzuschreiben](https://www.versobooks.com/products/2267-the-making-of-global-capitalism?ref=blog.stuetzle.cc) oder ihren Niedergang zu prophezeien. Der Weltmarkt ist keine Handelsplattform, sondern er ist kapitalistischer Weltmarkt, in Nationalstaaten fragmentiertes Terrain, auf dem das Kapital nach Verwertungsmöglichkeiten sucht. Der Kapitalismus ist eine Geldwirtschaft mit einem Zentrum, die das Weltgeld innehat. Konkurrenzfähigkeit bedeutet nicht einfach, dass ein Land mehr Exporte als Importe erzielen muss. Es bedeutet auch, dass höhere Wachstumsraten erzielt werden müssen, d.h. relativ höhere Profitraten – nicht allein des industriellen Kapitals, sondern auch des fiktiven Kapitals. Es bedarf einen großen Kapitalmarkt mit einer Währung, die in der Hierarchie der Währungen oben steht. Diese Zusammenhänge werden – wie bei Flassbeck – bei einem einseitigen Fokus auf der Anpassung des Lohnverhältnisses zur Steigerung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit weitgehend ausgeblendet. Bachmann ist hier – absurderweise – näher an der Realität. Wie es derzeit angeraten ist, [über den Faschismus-Begriff zu diskutieren](https://www.akweb.de/ausgaben/713/?ref=blog.stuetzle.cc#thema), sich zu fragen, welche politische Form der Herrschaft sich in den USA herausbildet, so wichtig ist eine ökonomietheoretische Alphabetisierung, die nicht an der Oberfläche bleibt, sondern nach grundlegenden Zusammenhängen des kapitalistischen Weltmarkts fragt (Zwischenergebnisse hat Thomas Sablowski in der PROKLA aufbereitet, [Teil 1](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/1775?ref=blog.stuetzle.cc) und [Teil 2](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/1824?ref=blog.stuetzle.cc)). Nicht zu letzt deshalb, um den »Sachzwang Weltmarkt« ([Elmar Altvater](http://www.elmaraltvater.net/index.html?ref=blog.stuetzle.cc)) als Resonanzboden des Faschismus begreifen zu können. ### Autoritär durchgreifen URL: https://blog.stuetzle.cc/autoritar-durchgreifen/ Last updated: 2025-03-31T19:17:37.000Z Mir ist noch immer die [DLF-Presseschau vom 17\. Dezember 2024](https://www.deutschlandfunk.de/die-presseschau-aus-deutschen-zeitungen-7996.html?ref=blog.stuetzle.cc) im Ohr, ein Kommentar aus [*Die Rheinpfalz*](https://de.wikipedia.org/wiki/Die%5FRheinpfalz?ref=blog.stuetzle.cc), der mich an Passagen meiner damaligen Lektüre erinnerte, an Jens Biskys Buch [»Die Entscheidung. Deutschland 1929 bis 1934«](https://www.rowohlt.de/buch/jens-bisky-die-entscheidung-9783644010680?ref=blog.stuetzle.cc). > »Die Menschen im Land wollen raus aus der Kriegsangst, aus der Rezession, nichts mehr hören von Migrationskonzepten, nicht mehr ständig höhere Preise für Butter und Benzin bezahlen. Sie beschleicht das unangenehme Gefühl, dass keine Regierung imstande ist, die Republik zu reparieren.« Repariert werden kann, was einmal funktioniert hat – und wie in der Vergangenheit das Modell Deutschland funktioniert hat, ist Teil des Problems, nicht die Lösung. Im zitierten Kommentar schwingt zudem mit, was in vielen Kommentaren derzeit ähnlich formuliert wird, etwas was mich an eine Passage erinnert, die Jens Bisky aus der Zeitschrift [*Tage-Buch*](https://de.wikipedia.org/wiki/Das%5FTage-Buch?ref=blog.stuetzle.cc) zitiert (S. 125/126). Es geht um das Narrativ der »lahmgelegten Politik«, die sich auf nichts einigen kann. Denn jenseits der praktischen Politik bestehe damit bereits eine Staatskrise: > »Sie existiert in den Gefühlen, dem Denken des ganzen Volkes, sie besteht im Überdruß an der jetzigen Regierungsart - ein Überdruß, der von Feindschaft bis zu Gleichgültigkeit abschattiert ist, aber fast alle Reste von Beifall und Vertrauen aufgezehrt hat.« Bisky zitiert weiter, das Volk habe »mangelndes Regieren« satt. Es sei den Millionen Wählerïnnen gewiss nicht brennend wichtig, »ob eine notwendige Steuererhöhung« Kaffee oder Zucker betreffe. Dass aber Kaffee- und Zuckerparteien sich über Wochen bekämpfen, »gegenseitig lahmlegen« und schließlich den Ausweg beschreiten, grüne Erbsen zu besteuern, nähre den Überdruss. Die Kritik treffe in erster Linie nicht Einzelmaßnahmen, sondern »das Unvermögen aller Beteiligten, die Maßnahmen durchzusetzen, die sie selbst für richtig halten«. Gewünscht werde, so fasst Bisky zusammen, anstelle einer immerzu strauchelnden Regierung eine aktionsfähige. Um mit der *Rheinpfalz* zu sprechen: Es bedarf einer Regierung, die endlich repariert. [Heinrich Brüning](https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich%5FBr%C3%BCning?ref=blog.stuetzle.cc) nahm den Ball auf. Bisky schreibt (S. 164): > »In jedem Fall schien ihm ein anderer Politikstil erforderlich, verbrämt als Frontkämpferideologie. Das entsprach der weitverbreiteten Meinung, der Parteienstaat befinde sich in der Krise, entschlossene Führung sei notwendig. Brüning ging es um den Staat, weniger um die demokratische Republik und die Gesellschaft, er setzte auf die Exekutive.« Letztere verselbstständigte sich, lange vor Hitler. ### Die verhimmelten Formen des Anarchokapitalismus URL: https://blog.stuetzle.cc/die-verhimmelten-formen-des-anarchokapitalismus/ Last updated: 2025-03-31T14:15:16.000Z In Marx' ersten Band von **Das Kapital** gibt es eine Passage, an die ich derzeit oft denken muss. Für aktuelle Prozesse - etwa in den USA - werden gegenwärtig schnell die ideologischen Stichwortgeber benannt und als Kern des politischen Übels identifiziert. Aber, zunächst das Marx-Zitat: > »Es ist in der Tat viel leichter, durch Analyse den irdischen Kern der religiösen Nebelbildungen zu finden, als umgekehrt, aus den jedesmaligen wirklichen Lebensverhältnissen ihre verhimmelten Formen zu entwickeln. Die letztre ist die einzig materialistische und daher wissenschaftliche Methode.« (S. 393, Fn. 89) Im zitierten Kapitel geht es um die Produktion des relativen Mehrwerts, darum, wie durch Einsatz von neuer Technologie die Arbeitsproduktivität gesteigert werden kann - und damit die Ausbeutung effizienter wird. In einer Fußnote macht Marx dann ein paar Hinweise, wie eine »kritische Geschichte der Technologie« geschrieben werden sollte. Diese würde > »nachweisen, wie wenig irgendeine Erfindung des 18\. Jahrhunderts einem einzelnen Individuum gehört. Bisher existiert kein solches Werk.« Danach folgt schon bald das längere Zitat von oben, mit dem Marx herausstellen will, dass eine Erfindung weniger von einem genialen Kopf hervorgebracht wurde, sondern vielmehr durch ihn hindurch. Zentral seien also die sozialen und ökonomischen Verhältnissen und ihre je spezifischen Herausforderungen und Konstellationen, die die Bedingungen dafür bereitgestellt haben, dass eine Erfindung auch möglich wurde. Sie sind die erklärende Größe der zu erklärenden genialen Erfindung - nicht umgekehrt. Ohne der Frage weiter nachzugehen und welche Kontigenzen es hierbei möglicherweise gibt, ist Marx zentraler Punkt, dass es einfach sei, ein bereits existierendes Resultat auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zurückzuführen. Schwerer sei es hingegen, diese - hier: Erfindungen - aus den Verhältnissen selbst zu erklären. An anderer Stelle führt Marx das am Beispiel der heiligen Familie aus, dass naheliegend ist, die [»heilige Familie«](https://de.wikipedia.org/wiki/Heilige%5FFamilie?ref=blog.stuetzle.cc) auf die bürgerliche Kleinfamilie zurückzuführen bzw. diese darin wiederzuerkennen. Umgekehrt sei es schwieriger - aber eben der richtige Weg -, die ideologische Form der heiligen Familie aus der bürgerlichen Kleinfamilie zu erklären, einer sozialen Form, einer spezifischen Form des Haushalts, die es nicht schon immer so gegeben habe. Was hat das nun mit den USA und den ideologischen Stichwortgebern des derzeitigen administrativen Staatsstreichs zu tun? Ich denke hier an [Friedrich A. Hayek](https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich%5FAugust%5Fvon%5FHayek?ref=blog.stuetzle.cc) und [Milton Friedman](https://de.wikipedia.org/wiki/Milton%5FFriedman?ref=blog.stuetzle.cc), [Ludwig von Mises](https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig%5Fvon%5FMises?ref=blog.stuetzle.cc) bis [Murray Newton Rothbard](https://de.wikipedia.org/wiki/Murray%5FRothbard?ref=blog.stuetzle.cc) oder [Curtis Guy Yarvin](https://de.wikipedia.org/wiki/Curtis%5FYarvin?ref=blog.stuetzle.cc) \- alle werden genannt, wenn es um den Geist des [Projekt 2025](https://de.wikipedia.org/wiki/Project%5F2025?ref=blog.stuetzle.cc) geht oder was Elon Musk herumtreibt. Das ist alles nicht falsch. Mit vielen Ausführungen legitimiert die Trump-Administration und ihr Umfeld nicht nur, was sie tun, sondern sie erklären es damit auch, nicht nur Dritten, sondern auch sich selbst. Aber Marx zufolge müsste eine wissenschaftliche Methode gerade umgekehrt vorgehen, aus den sozialen Verhältnissen, den je konkreten gesellschaftlichen Kräfte- und Klassenverhältnissen erklären, warum die sozialen Träger diese »Ideologien« sich als Block an der Macht konstituieren können, was es ihnen umgekehrt ermöglicht, ihre Partikularinteressen als Interessen aller zu verallgemeinern. Die genannten Personen sind meist schon tot. Warum wirken ihre Ideen und Strategien erst jetzt? Wieso finden sie soziale Träger, die gesellschaftsfähig sind? Das würde auch Aufschluss darüber geben, wie eine Gegenstrategie aussehen könnte, die sich nicht darauf beschränkt, Ideologiekritik zu betreiben und Fakten zu checken. Diese Analyse dürfte auch dabei helfen, Bruchlinien innerhalb der herrschenden Klassen festzustellen. Eine solche Perspektive ist dann »materialistisch«, aber eben auch durchaus nicht »leicht« einzunehmen, sondern schwerer, weil es deutlich mehr Zeit und Ressourcen bedarf, sie sich zu erarbeiten, in Kooperation und gemeinsamen Anstrengungen. Aber es dürfte sich lohnen. ### Neues Blog URL: https://blog.stuetzle.cc/neues-blog/ Last updated: 2025-03-31T14:12:32.000Z Vor fast 20 Jahren habe ich mein [wordpress](https://stuetzle.cc/blog?ref=blog.stuetzle.cc) aufgesetzt. Damals lösten sich langsam kollektive Nutzung von weblogs auf und viele begannen, mit eigener Domain zu bloggen oder ihre Texte zugänglich zu machen. So auch ich. Am Anfang war noch die Hoffnung, dass die diversen Blogs miteinander kommunizieren, etwa mit pingback oder dank der Kommentarfunktion. Langsam verlagerte sich die Debatte zu Social Media: facebook, diaspora, indenti.ca, twitter und wie es alles hieß. Ich bin selbst in den letzten Jahren kaum mehr zum Schreiben gekommen, habe nur noch Texte, die ich für Print geschrieben habe, zugänglich gemacht und derart natürlich auch für mich gesammelt. Twitter habe ich 2022 den Rücken gekehrt und facebook bereits früher. Zukünftig hoffe ich wieder mehr kürzere Texte zu bloggen, die über einen Post bei mastodon hinausgehen. Leider verzettle ich mich dabei schnell und Blogposts werden zu lang. Vielleicht lerne ich dazu und finde einen Modus, einen Workflow, wie Gedanken und Ideen von Social Media über Blogpost langsam zu einem längeren Text heranreifen, quasi als öffentlicher Prozess. Ich habe meine alten wp-Posts hierher umgezogen und werde nach und nach aussortieren, aufräumen und aufhübschen. Bevor ich aber alles auf den Sankt-Nimmerlein-Tag verschiebe, fange ich jetzt einfach an und stelle alles scharf. Wir lesen uns. Edit: Ich habe den ganzen *content* nochmals migriert, da Bilder verloren gegangen sind und alle Links auf das alte Wordpress verwiesen haben, nicht auf die Texte hier. Sorry an alle, die bereits den RSS-Feed abonniert haben. ### CDU-Wahlprogramm: Austerität ist nie gegenfinanziert URL: https://blog.stuetzle.cc/cdu-wahlprogramm-austeritaet-ist-nie-gegenfinanziert/ Last updated: 2025-03-31T14:08:37.000Z Nicht gegenfinanziert sei, was die CDU da vor habe - so ein Vorwurf der anlässlich der Vorstellung des Wahlprogramms laut wurde. Nicht nur von Robert Habeck (Grüne), sondern auch von Ökonomïnnen. Das stimmt zwar, ist aber nur die halbe Wahrheit, denn: um was geht es der CDU? Einerseits um eine Umverteilung zugunsten hoher Einkommen. Das zeigen die Umverteilungseffekte wie Stefan Bach vom DIW auf X gezeigt hat. Andererseits soll die Bevölkerung bereit sein, »den Gürtel enger zu schnallen«, wieder mehr »Leistungsbereitschaft« zeigen - und hier können Staatsschulden nützlich sein. Das ist altbekannt und der Politik auch durchaus bewusst. Der ehemalige »Wirtschaftsweise« Peter Bofinger schrieb 2008: > »Wenn man die Rolle des Staates beschneiden möchte, muss man ihm seine finanziellen Ressourcen entziehen. \[…\] In einem ersten Schritt werden umfangreiche Steuerentlastungen vorgenommen. \[…\] Bei unveränderten Ausgaben ergibt sich dadurch eine steigende Neuverschuldung. Wenn man gleichzeitig in der Bevölkerung eine hohe Angst vor der Staatsverschuldung schürt, wird alsbald ein hoher politischer Druck für die Ausgabenkürzungen geschaffen.« ([WSI Mitteilungen 7/2008](https://www.nomos-elibrary.de/10.5771/0342-300X-2008-7-351/das-jahrzent-der-entstaatlichung-jahrgang-61-2008-heft-7?page=1&ref=blog.stuetzle.cc)) Die Idee, die Angst vor den Folgen der Verschuldung für die Politik zu nutzen, nannte Roland Reagans ehemaliger Direktor des Office of Management, David Stockman, »strategisches Defizit«. Vor diesem Hintergrund erscheint die fehlende Gegenfinanzierung des CDU-Programms in einem anderen Licht. Eine politische Kritik, die nur diese in den Blick nimmt, zielt an der politischen Dimension vorbei, die mit dem Programm verfolgt wird - Austerität. ### DAX-Rekord als Symptom der Überproduktion URL: https://blog.stuetzle.cc/__trashed/ Last updated: 2024-12-05T08:24:31.000Z Der [DAX sprengt die 20.000-Punkte-Marke](https://www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/dax-rekordhoch-104.html?ref=blog.stuetzle.cc) und alle so, hä?!?, es ist doch gerade überall von Krise der deutschen Wirtschaft die Rede. Tja. Die Krise ist eben u.a. eine Überproduktionskrise, weil es etwa zu viele Autos gibt. Und was schreibt Karl Marx für diesen Fall: Hier > »ist der Widerspruch nicht zwischen den verschiednen Arten des produktiven Kapitals, sondern zwischen dem industriellen und loanable Kapital – zwischen dem Kapital, wie es als in den Produktionsprozeß direkt involviert und wie es als Geld selbständig (relativement) außer demselben erscheint« (MEW, Bd. 42, S. 326) \- und selbstständig ist es am Kapitalmarkt. Dieser ist nicht einfach nur Finanzierungsmöglichkeit für das industrielle Kapital (Aktien, Anleihen), sondern eben immer auch eine alternative Investitionsmöglichkeit. Wenn in der Produktion kein Profit winkt, dann doch lieber in Aktien das Geld anlegen - und sei es, um Kursgewinne mitnehmen zu können. Also sind 20.000 Punkte vieles, nur kein Widerspruch. ### Karl Marx heute und die neue MEW – ein Interview mit Ingo Stützle URL: https://blog.stuetzle.cc/karl-marx-heute-und-die-neue-mew-ein-interview-mit-ingo-stuetzle/ Last updated: 2024-07-15T14:46:03.000Z Im [Verlag Barbara Budrich](https://budrich.de/?ref=blog.stuetzle.cc) ist die dritte Ausgabe der [Kieler sozialwissenschaftliche Revue](https://www.budrich-journals.de/index.php/ksr/index?ref=blog.stuetzle.cc) erschienen, das internationale Tönnies-Forum. Der Schwerpunkt des Heftes bilden die Werkstattberichte zu unterschiedlichen aktuellen Werkausgaben von Klassikerïnnen der Sozialwissenschaft und Philosophie ([zum Inhalt](https://www.budrich-journals.de/index.php/ksr/issue/view/3381?ref=blog.stuetzle.cc)). Sebastian Klauke und Tatjana Trautmann unternehmen einen [Streifzug](https://www.budrich-journals.de/index.php/ksr/article/view/44554?ref=blog.stuetzle.cc) durch gegenwärtige sozialwissenschaftliche Gesamtausgaben. Es schließt die Annotation zum – in einer neuen Auflage erschienen – Band 21 der Marx Engels Werke (MEW) an. In einem [Interview](https://www.budrich-journals.de/index.php/ksr/article/view/44556?ref=blog.stuetzle.cc) berichtet ich über meine Arbeit an der MEW. Die digitale Transformation der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) ist der Gegenstand des [Beitrags von Norman Jakob und Caroline Lura](https://www.budrich-journals.de/index.php/ksr/article/view/44557?ref=blog.stuetzle.cc) \- ein sehr erhellender Beitrag, der die Gratwanderung zwischen geduldigem Papier (die [MEGA](https://mega.bbaw.de/de?ref=blog.stuetzle.cc) erscheint seit den 1970er Jahren) und neuen digitalen Formaten beschreibt (hier zur [MEGAdigital](https://megadigital.bbaw.de/?ref=blog.stuetzle.cc)). ### Adam Tooze' Kritik an der Modern Monetary Theory, MMT URL: https://blog.stuetzle.cc/adam-tooze-kritik-an-der-modern-monetary-theory-mmt/ Last updated: 2025-03-31T14:09:06.000Z Der Historiker Adam Tooze war zu Gast bei Jung & Naiv ([Sendung hier](https://www.youtube.com/watch?v=2p1vzAQcyJo&ref=blog.stuetzle.cc)). Ab Stunde 3:14 wird er zur Modern Monetary Theory, kurz MMT, befragt. Zwar muss Tooze aufgrund der drängenden Zeit offen lassen, welche Erkenntnissen er der MMT zuschreibt, aber diesen könne er im Grund voll zustimmen. Er sieht bei der MMT vor allem zwei Probleme: 1. Die Erkenntnisse wurden bereits in den 1930er- und 1940er-Jahren vorweggenommen, von linken Vertreterïnnen des Keynesianismus und der sogenannten »Functional Finance (von [Thomas Strobl einst im FAZ-Blog](https://web.archive.org/web/20090714025803/http://faz-community.faz.net/blogs/chaos/archive/2009/06/03/moegen-sie-abba.aspx) diskutiert, interessierte damals nur kaum wen, Strobl war mit seinen Ideen und seinem Buch einfach ein paar Jahre zu früh dran). 2. Bei der Umsetzung werde die Handlungsfähigkeit des Staates vorausgesetzt, so Tooze weiter. Diese sei in der Konzeption der MMT nur ideologisch beschränkt. Es müsse nur eine Bekehrung zur Wahrheit über das Geld stattfinden, damit sich alle Probleme auflösen. MMT sei eine Glaubenslehre, die eine neue Realität nach sich ziehe, teilt oder erkennt man ihre Einsichten. Das sei, so Toozes, eine sehr idealistische Position. Als Beispiel für die USA nennt Tooze den neuen Film von und Stephanie Kelton »Finding the Money«. Abgesehen werde unter anderem von »Schwerkraft des Staates an sich« und die MMT scheue sich zudem über Inflation zu reden, vor allem wenn es um die US-Erfahrung gehe, also es eine von der Nachfrage getriebene Preisentwicklung gebe, die weniger als Preisschock erklärt werden könne, sondern Züge einer allgemeinen Form von Inflation zeige. Tooze' Argumentation deckt sich in vielem mit dem, was ich in meinem PROKLA-Aufsatz zu MMT ausgeführt habe. Das zentrale Feld, um diese Probleme genauer zu diskutieren, ist nicht nur der Staatsbegriff, sondern eben der Begriff des Steuerstaats. Der Steuer-Begriff ist bei der MMT sehr reduziert, beschreibt eine Menge Geld, entstanden durch die Besteuerung, den Geldfluss Richtung Staat (aufgrund einer Steuerschuld). In der Text-Fassung für [Exploring Economics](https://www.exploring-economics.org/de/entdecken/eine-kritik-der-modern-monetary-theory-als-geldtheoretisches-konzept/?ref=blog.stuetzle.cc) halte ich dem entgegen: > Politik und Ökonomie sind unterschiedliche gesellschaftliche Logiken, nach denen die gesellschaftliche Gesamtarbeit verteilt wird. Die Frage, ob Steuern erhoben werden müssen, ist nicht allein eine Frage der Staats*finanzierung* \[was MMT verneint\]. Steuern bringen – verkürzt formuliert – ein gesellschaftliches Machtverhältnis zum Ausdruck in dem sich entscheidet, was eine Gesellschaft in Form von Warenproduktion und was als öffentliches Gut bereitstellt. Beide Logiken gesellschaftlicher Produktion sind Teil des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses, welcher zudem noch die Produktion im Privathaushalt und in der Zivilgesellschaft umfasst. Soll der Reproduktionsprozess funktionieren, müssen die Akteure sich der jeweiligen gesellschaftlichen Logik dieser Formen unterwerfen – oder gesellschaftlich dafür eintreten, dass für bestimmte Bereiche eine andere Logik herrscht. Was als Warenproduktion oder als öffentliches Gut bereitgestellt wird oder dem Privathaushalt anheimfallen soll, ist eine gesellschaftliche Frage, eine Machtfrage. Der Vorschlag, Geld einfach ‚zu drucken‘, glaubt, sich darüber hinwegsetzen zu können. Aber Geld ist eben nicht einfach eine Anweisung auf einen Teil des Sozialprodukts, sondern es ist die Form, in der im Nachhinein der gesellschaftliche Charakter von Privatarbeiten anerkannt wird. Diese Formbestimmung des Geldes kann der Staat nicht einfach aufheben, indem er Geld ausgibt und sich Ressourcen aneignet. Vielmehr muss der Privatwirtschaft Organisationsleistung für die Gesellschaft abgerungen werden. Deshalb sind hier die gesellschaftliche Kräfteverhältnisse zentral, die darüber bestimmen, was konkurrenz- und profitförmig in Form privater Warenproduktion organisiert wird und was von Staats wegen als Bereitstellung öffentlicher Güter. Bei der Warenproduktion erkennt das Geld *ex post* den gesellschaftlichen Charakter der Arbeit an. Bei öffentlichen Gütern wird sie politisch-gesellschaftlich *ex ante* festgelegt. Welche Arbeiten als unmittelbar gesellschaftliche gelten sollen, muss gesellschaftlich durchgesetzt werden. Dafür muss Gegenmacht gegen die herrschenden Macht- und Kräfteverhältnisse organisiert werden. > Steuern sind die spezifische Form, wie Mittel zur Finanzierung öffentlicher Güter in einer Gesellschaft beschafft werden, in der Geld Mittel der Verwertung ist. So wenig Geld einfach eine nützliche Sache ist, so wenig sind es die Steuern. Sie sind eine Form, wie die gesellschaftliche Arbeit im Kapitalismus organisiert ist. In der Form der Steuer wird dem Kapital die Verfügungsmacht über fremde Arbeit entrissen, ihr Zweck nicht mehr Profit bzw. Verwertung von Wert, sondern die Bereitstellung öffentlicher Güter.« > > > > [Exploring Economics](https://www.exploring-economics.org/de/entdecken/eine-kritik-der-modern-monetary-theory-als-geldtheoretisches-konzept/?ref=blog.stuetzle.cc) So gesehen, kann man auch nicht einfach den Erkenntnissen der MMT zustimmen, das, was Tooze kritisiert, ist gerade Resultat einer Theorie, die *keinen Begriff von Steuern* hat. Oder anders formuliert: Wer sich fragt, warum die MMT die von Tooze bemängelten Schwachstellen hat, wird darauf stoßen, dass sie keinen sozial- und ökonomietheoretisch oder auch finanzsoziologisch informierten *Begriff* von Steuern aufweist, sondern in eigentümlicher Weise das *Wort* »Steuern« verwendet (auch nicht in ihrem historisch spezifischen Sinn, wie ich ausführe). Steuern sind jedoch eine Kategorie der Politische Ökonomie, eine Vermittlungskategorie, zwischen dem Staat als »Wirtschaftssubjekt sui generis«, so der Finanzsoziologe Herbert Sultan, und der privaten Sphäre. Steuern sind nicht einfach eine Summe Geld, sondern vermitteln Politik und Ökonomie - politisch, ökonomisch und institutionell. Wer von Steuern spricht, muss deshalb von Steuerstaat, Staatsbudget sprechen, davon, wie auf dem Terrain des Staates politische darüber gestritten wird, nach welchen Logiken die gesellschaftliche Gesamtarbeit organisiert werden soll (in Form öffentlicher Güter oder als Teil der profitorientierten Privatwirtschaft). Damit wären wir bei Tooze Kritik, dass die Schwerkraft des Staates nicht berücksichtigt werde. Und, um es zuzuspitzen, ich würde sagen »it's not a bug of MMT, it's a feature«. ### Newsletter URL: https://blog.stuetzle.cc/newsletter-67eaa1054afbb4001b4ebbdd/ Last updated: 2024-05-06T19:23:59.000Z Wenn hier etwas passiert, ich einen neuen Text poste oder blogge, bekommt ihr das dank [RSS-Feed](https://de.wikipedia.org/wiki/RSS%5F%28Web-Feed%29?ref=blog.stuetzle.cc) (super Erfindung!) mit oder wenn ihr mir bei social media folgt (fediverse, bluesky). Für alle, für die beides nichts ist, habe ich jetzt einen [Newsletter](https://mailman.stuetzle.cc/mailman/listinfo/newsletter-stuetzle.cc?ref=blog.stuetzle.cc) aufgesetzt. Einfach [eintragen](https://mailman.stuetzle.cc/mailman/listinfo/newsletter-stuetzle.cc?ref=blog.stuetzle.cc) oder eine [E-Mail schreiben](mailto:newsletter-request@stuetzle.cc?subject=subscribe) und ihr werdet benachrichtigt, sobald hier etwas passiert. ### Exploring Economics: Eine Kritik der Modern Monetary Theory als geldtheoretisches Konzept URL: https://blog.stuetzle.cc/exploring-economics-eine-kritik-der-modern-monetary-theory-als-geldtheoretisches-konzept/ Last updated: 2024-02-29T08:31:34.000Z Angesichts der Wirtschafts-, Geld- und Finanzpolitik infolge der COVID-19-Pandemie sowie den finanziellen Spielräumen, die anlässlich des russischen Kriegs gegen die Ukraine plötzlich für das Militär möglich waren, wurde das geldtheoretische Konzept Modern Monetary Theory (MMT) prominent. Das Projekt [»Explorings Economics«](https://www.exploring-economics.org/?ref=blog.stuetzle.cc) des [Netzwerks Plurale Ökonomik](https://www.plurale-oekonomik.de/?ref=blog.stuetzle.cc) hat mir gebeten, meine Kritik an MMT, die ich ursprünglich für die [Zeitschrift PROKLA](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/1930?ref=blog.stuetzle.cc) ausformuliert hatte, zu überarbeiten. Der Text ist jetzt frei zugänglich: [https://www.exploring-economics.org/de/entdecken/eine-kritik-der-modern-monetary-theory-als-geldtheoretisches-konzept/](https://www.exploring-economics.org/de/entdecken/eine-kritik-der-modern-monetary-theory-als-geldtheoretisches-konzept/?ref=blog.stuetzle.cc) ### Marx' Exzerpt zu Ethnologe Lewis Henry Morgan URL: https://blog.stuetzle.cc/marx-exzerpt-zu-ethnologe-lewis-henry-morgan/ Last updated: 2025-03-31T14:08:45.000Z ![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2024/02/Front-Exzerptheft.jpg) Im Dezember 2023 erschien der [MEGA2\-Band IV/27](https://megadigital.bbaw.de/exzerpte/index.xql?band=IV-27&ref=blog.stuetzle.cc#IV-27) (online Edition MEGAdigital), ein Band mit Exzerpten in der [historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe](https://de.wikipedia.org/wiki/Marx-Engels-Gesamtausgabe?ref=blog.stuetzle.cc). Neun Monate zuvor war der von mir überarbeitete und einem neuen Vorwort versehne [Band 21 der Marx-Engels-Werke](https://dietzberlin.de/produkt/mew-marx-engels-werke-band-21-2/?ref=blog.stuetzle.cc) aus dem Druck gekommen. Darin finden sich die Arbeiten, die Engels zwischen Mai 1883 und Dezember 1889 geschrieben hat - unter anderem die Schrift »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. Im Anschluß an Lewis H. Morgans Forschungen«, die 1884 in Zürich erschien. Morgan, ein US-amerikanischer Anthropologe und Ethnologe, hatte 1877 »Ancient Society« publiziert, in dem er, von Darwin beeinflußt, mit einer entwicklungstheoretischen Perspektive auf die Menschheitsgeschichte und ihre Formen von Gesellschaftlichkeit blickte. Wie kam Engels dazu, sich zu diesem Thema zu äußern? Nach dem Marx' Tod am 14\. März 1883 mietete Engels das marxsche Haus für ein weiteres Jahr, um sich dessen Hinterlassenschaften zu widmen. Am 22\. Mai 1883 schrieb er munter an Laura Lafargue: »Ich kann Dir versichern, daß es mir viel Spaß macht, diese alten Sachen durchzustöbern, von denen die meisten mich genauso wie Mohr \[Karl Marx\] angehen, und es gibt so vieles, worüber ich lachen muß. Nim \[Helene Demuth\] hilft mir – es muß schrecklich viel Staub gewischt werden! – Und wir lachen so manches Mal herzlich über die vergangenen Zeiten.« Zwischen all den Büchern, Kisten und Papierstapeln fand' Engels auch ein Konspekt von Marx zu Morgans Buch. Als Engels am 18\. September 1883 der Bitte Kautskys nachkam, dessen Artikel zu Ehe und Familie zu kommentieren, ein Thema, über das es zwischen ihnen bereits 1881 »lebhaftige Auseinandersetzungen« gegeben hatte, hatte er Marx՚ Konspekt im Nachlass noch nicht entdeckt. Wenige Wochen später nahm Engels dann Marx՚ Notizen und Kommentare nicht nur zum Anlaß, Kautsky auf das Buch hinzuweisen, sondern gleich einen Text für die *[Neue Zeit](https://de.wikipedia.org/wiki/Die%5FNeue%5FZeit%5F%28Revue%29?ref=blog.stuetzle.cc)* zu schreiben, der sich zu einem ganzen Buch ausweiten sollte. In seinem Brief vom 16\. Februar 1884 schrieb er an Kautsky: »Über die Urzustände der Gesellschaft existiert ein entscheidendes Buch, so entscheidend wie Darwin für die Biologie, es ist natürlich wieder von Marx entdeckt worden: Morgan, ›Ancient Society‹, 1877\. M\[arx\] sprach davon, aber ich hatte damals andre Sachen im Kopf, und er kam nicht wieder darauf zurück, was ihm gewiß angenehm war, da er selbst das Buch bei den Deutschen einführen wollte, wie ich aus seinen sehr ausführlichen Auszügen sehe. Morgan hat die Marxsche materialistische Geschichtsanschauung in den durch seinen Gegenstand gebotenen Grenzen selbständig neu entdeckt und schließt für die heutige Gesellschaft mit direkt kommunistischen Postulaten ab.« Namentlich hat Marx Morgan erstmals im ersten und längsten Briefentwurf an [Vera Sassulitsch](https://de.wikipedia.org/wiki/Wera%5FIwanowna%5FSassulitsch?ref=blog.stuetzle.cc) angeführt. Das Morgan-Konspekt passt zu dem [thematischen Schwerpunkt des späten Marx, der sich stark für nichtkapitalistische, außereuropäische Gesellschaften und ihre Formen von Gemeineigentum interessierte](https://press.uchicago.edu/ucp/books/book/chicago/M/bo22776846.html?ref=blog.stuetzle.cc). Bisher waren Marx' Exzerpthefte in einer Ausgabe von Lawrence Krader ediert ([Frankfurt a. M. 1976](https://d-nb.info/760321043?ref=blog.stuetzle.cc)). Bereits in den 1960er-Jahren diskutierte Erhard Lucas das Material ([hier](https://doi.org/10.7788/saeculum.1964.15.jg.153?ref=blog.stuetzle.cc) und [hier](https://doi.org/10.7788/saeculum.1964.15.jg.327?ref=blog.stuetzle.cc)). Nun sind die Exzerpte endlich in der MEGA2 zugänglich. Im Laufe des Jahres sollen weitere Hefte folgen und den Band 27 vervollständigen. Vieles lässt sich so überprüfen und korrigieren. So lässt sich auch der Widerspruch auflösen, dass Marx eine Ausgabe zitiert, die lange nicht auffindbar war. Maxim Kowalewski hatte in seinen »Erinnerungen an Marx« (1909) überliefert, dass er Marx aus den USA mitgebracht hatte - Marx zitiert aber nach der englischen, nicht der US-Ausgabe. In der Einführung von Jürgen Rojahn und Emanuela Conversano heißt es nun: > Erst in den 1990er Jahren wurde bekannt, dass sich im Besitz der Familie Longuet ein Exemplar der zweiten New Yorker Ausgabe von 1878 mit Marginalien von Marx sowie von fremder Hand (wahrscheinlich von Paul Lafargue) befand, das offenbar aus Marx’ Besitz stammte. Vermutlich handelt es sich bei diesem um das von Kovalevskij – und zwar 1882 – aus Amerika mitgebrachte. Auf seinem Rückweg über London traf er dort, wie Engels am 31\. Juli 1882 Lavrov mitteilte, nur Eleanor Marx an, die danach zu den Longuets nach Argenteuil fuhr, wo sich zu dieser Zeit auch Marx aufhielt. Vermutlich nahm sie das Buch dorthin mit und Marx las es dort noch einmal. > > [Einführung, MEGA IV/27](https://megadigital.bbaw.de/exzerpte/index.xql?band=IV-27&ref=blog.stuetzle.cc#IV-27) Demnächst erscheinen weitere Exzerpte unter anderem zu Indien und es ist zu hoffen, dass damit eine Debatte weitergeht, die das Bild von Marx als Eurozentristen korrigiert, der viel auf staatliche Souveränität gibt. Vieles, was er in den berühmten Briefentwürfen an Vera Sassulitsch andachte, ist in Studienmaterial verankert, das wir jetzt endlich lesen können. ### Die Herrschaft des Privateigentums URL: https://blog.stuetzle.cc/die-herrschaft-des-privateigentums/ Last updated: 2023-09-11T19:18:04.000Z ## **Ingo Stützle schreibt zu Mythos und Realität der »Chicago Boys« bei der Durchsetzung der neoliberalen Agenda nach dem Militärputsch in Chile vor 50 Jahren.** um ein Text, der sich kritisch mit der Geschichte und der Durchsetzung des Neoliberalismus beschäftigt, der nicht den Militärputsch in Chile vor 50 Jahren und die sogenannten Chicago Boys erwähnt. So schreibt David Harvey in seiner »Kleinen Geschichte des Neoliberalismus«: »Damals wurde ein Team von Ökonomen nach Santiago beordert, das der chilenischen Wirtschaft wieder auf die Beine helfen sollte. Man nannte sie die ›Chicago Boys‹«. Die chilenischen Ökonomen, ausgebildet bei neoliberalen Größen wie Milton Friedmann und Friedrich August von Hayek, so die gängige Erzählung, hätten damals das neoliberale Handwerkszeug von Privatisierung bis Deregulierung im Handgebäck gehabt, das sie unter Laborbedingungen ausprobieren sollten. Für Liberale ist die solidarische Begleitung der mörderischen Militärdiktatur, nicht mehr als ein »Sündenfall«, so Rainer Hank, dessen Artikel in der [*Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung* (*FAS*, 26.3.2023)](https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/hanks-welt/der-suendenfall-des-liberalismus-was-trieb-gute-oekonomen-in-die-arme-pinochets-18773865.html.?ref=blog.stuetzle.cc) auch mit den »Chicago Boys« betitelt ist. Wenn auch so einiges, was hierzu geschrieben wird, stimmt, so zeigt sich, dass das konterrevolutionäre Bündnis aus Militär und Wissenschaft nicht so »organisch« und fest war, wie gerne behauptet wird – und der Faschismus ist auch keine »Ursünde« der liberalen Tradition, wie es etwa Hank behauptet, sondern ihr als Potenzialität eingeschrieben. \>>> [Weiterlesen bei Politik & Ökonomie. Beiträge zur politischen Ökonomie.](https://politischeoekonomie.com/die-herrschaft-des-privateigentums/?ref=blog.stuetzle.cc) ### Pausenlose Profitlogik URL: https://blog.stuetzle.cc/pausenlose-profitlogik/ Last updated: 2023-08-18T14:47:10.000Z #### Wer die Ursachen für die Erwerbszentrierung der Gesellschaft ergründen will, kommt am Mehrwert nicht vorbei »Ökonomie der Zeit, darin löst sich schließlich alle Ökonomie auf« heißt es in Karl Marx‘ »Grundrissen «. Was meint er damit? Menschen leben und überleben, indem sie füreinander da sind, mit- und füreinander »arbeiten«. Die Formen, wie diese Arbeitsteilung organisiert ist, sind jedoch sehr verschiedenartig. Nicht nur historisch, also über die Jahrhunderte, ja Jahrtausende hinweg, sondern auch unter den herrschenden kapitalistischen Verhältnissen sind da recht unterschiedliche soziale Logiken am Werk. ![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2015/09/PunchingTimeClock-1.gif) In der Wohngemeinschaft regelt die Putzuhr, wann wer was zu tun hat. Wird sie von wem ignoriert, kann man zumindest daran erinnern, dass man sich einmal gemeinsam auf diese Form der Arbeitsteilung verständigt hat. In Haushalten von Kleinfamilien gibt es eine Putzuhr eher selten. Die patriarchal geprägten Geschlechterverhältnisse bestimmen hier, dass meist Frauen ihre Lebenszeit für reproduktive Arbeiten opfern müssen. Vor allem an Wochenenden, so zeigen Studien, haben Männer Freizeit – Frauen weniger. Damit aber auf dem Herd überhaupt etwas gekocht werden kann, müssen Lebensmittel vorhanden sein. Die erhält man im Supermarkt gegen ein Teil des Lohns. Diesen bekommt man nur dann, wenn man einen Teil der eigenen Lebenszeit jemand anderem als Arbeitszeit zur Verfügung stellt – als Arbeitszeit in einem Unternehmen, indem die eigene Arbeitskraft verkauft wird, gegen Lohn. In einer von Herrschaft geprägten Gesellschaft verfügt man nur selten über die eigene Lebenszeit. Selbst dann, wenn man keine Lohnarbeit hat, arbeitslos ist: Das Jobcenter will nicht, dass man unangekündigt in Urlaub geht, man soll sich »zur Verfügung« halten. Der Staat garantiert jedoch auch, dass Arbeitsprodukte, etwa die durch Lehrkräfte verrichtete Bildungsarbeit an einer Schule, nicht die Form einer Ware annehmen, nicht der Profitlogik von Einzelunternehmen unterworfen sind, sondern als öffentliches Gut zur Verfügung stehen. Das Gleiche gilt für Polizei, Justiz, Militär – all die in diesen Institutionen verrichteten Arbeiten sollen nicht der Logik des Marktes gehorchen. Sie gehören zu dem, was Marx die allgemeinen Produktionsbedingungen des Kapitals nennt, »travaux publiques«. (Sozial-)Staat und die öffentlichen Güter, der Haushalt, die Reproduktionsarbeit und die privatkapitalistische Ökonomie mit den dort agierenden Einzelkapitalen sind die sozialen Formen, die die gesellschaftliche Arbeitsteilung organisieren. Ihre sozialen Logiken, wie wer was mit welchem Zweck arbeitet, sind verschieden – ebenso die zugehörigen Macht- und Herrschaftsverhältnisse, die in diesen unterschiedlichen gesellschaftlichen Formen institutionalisiert sind. Hinzuzuzählen ist noch die Zivilgesellschaft, die in Vereinen, Kirchen, NGOs etc. verrichteten Arbeiten, die der einfachhalthalber im Folgenden ausgeblendet werden. Wie und in welchen Formen eine Gesellschaft ihre Arbeitszeit aufteilt, wie sie füreinander arbeitet, ist eine historische und damit politische Frage. Diese Fragen dem Raum des Politischen zu entziehen, ist eine zentrale Art und Weise, wie Herrschaft im Kapitalismus funktioniert, Herrschaft über die Organisierung der gesellschaftlichen Arbeit, die Verfügung über die Lebens- und Arbeitszeit. Hat ein kapitalistisches Unternehmen die Verfügungsmacht über die Arbeitszeit, wird sie »produktiv« genutzt, um aus investiertem Geld mehr Geld zu machen, einen Profit zu realisieren. Die Profitlogik kennt keine Grenzen, weshalb ihr Anspruch auf Arbeitszeit ebenso unstillbar ist – die nie enden wollenden Konflikte über die Länge des Arbeitstags, ja des Erwerbslebens (Rentenalter), haben hier ihre Ursache. Hat die öffentliche Hand die Verfügungsmacht, ist das Ziel nicht Profit, sondern ein öffentliches Gut gesellschaftlich bereitzustellen. »Steht es frei«, so Marx, der hierfür ein passendes Beispiel, nämlich das einer Schule wählt, eines »außerhalb der Sphäre der materiellen Produktion«, »so ist ein Schulmeister produktiver Arbeiter, wenn er nicht nur Kinderköpfe bearbeitet, sondern sich selbst abarbeitet zur Bereicherung des Unternehmers. Dass letztrer sein Kapital in einer Lehrfabrik angelegt hat, statt in einer Wurstfabrik, ändert nichts an dem Verhältnis.« Ist die Schule keine private, sondern eine öffentliche, dann mögen zwar folgsame und disziplinierte Staatsbürger: innen herangezogen werden, aber es findet weder Warenproduktion statt, noch wird hier Profit erwirtschaftet. Der Sache nach passiert in öffentlichen und privaten Schulen nichts wesentlich anderes – es mag nur anders zugehen. Die gesellschaftliche Form ist zentral, ob Kapital verwertet oder ein öffentliches Gut zur Verfügung gestellt werden soll. Dass die Schulausbildung zumindest bis zu einer bestimmen Jahrgangsklasse frei zugänglich ist, ist Resultat eines gesellschaftlichen Entscheidungsprozesses, dass die Bildungsarbeit in dieser und nicht in jener Form organisiert sein soll. In seinem Hauptwerk »Das Kapital« konzentriert sich Marx auf die Analyse der Herrschaft des Kapitals und dessen Kommando über die Arbeitszeit. »Die Zeit ist in fact \[tatsächlich\] das aktive Dasein des Menschen. Es ist nicht nur das Maß seines Lebens. Es ist der Raum seiner Entwicklung. Und das encroachment of capital over time of labour \[Übergriff des Kapitals auf die Arbeitszeit\] ist Aneignung des Lebens, geistigen und physischen, des Arbeiters.« So Marx in Manuskripten, die in Vorbereitung auf das »Kapital« entstanden sind. Die Ausbeutung von Menschen durch Menschen nimmt im Kapitalismus eine besondere Form an: Sie ist sachlich vermittelt (Ware, Geld, Kapital) und erscheint als Naturgegebenheit. Dass das Essen auf dem Tisch zuvor einmal Waren waren, dass man dafür Geld bezahlen muss, scheint das Normalste der Welt – und schon immer so gewesen zu sein. Diesen Schein zu zerstören, ist Ziel von Marx‘ Analyse im »Kapital« und dass das gar nicht so einfach ist, zeigen die von ihm verwendeten Begriffe, die man sich besser in einem Lesekreis gemeinsam erarbeitet als in einem Zeitungsartikel zur Schau stellt. Als normal erscheint auch, dass vor allem Frauen das Essen kochen – und natürlich auch Geschirr abspülen. Dafür hat sich Marx jedoch kaum interessiert. So wichtig es ist, dass diese beide sozialen Formen (kapitalistische Ökonomie und Haushalt) ineinandergreifen, so wichtig ist es, zu verstehen, dass es zwei unterschiedliche Logiken sind, die hier organisieren, wer wie wo seine Arbeitszeit einbringen muss. Denn, hier hat Teresa Bücker, Autorin des kürzlich erschienenen Buchs »Alle\_Zeit«, ganz recht, wer wie über Zeit verfügen kann, ist eine Machtfrage. Aber die von ihr angeprangerte gesellschaftliche »Erwerbszentrierung« existiert eben nur, weil diese Gesellschaft kapitalistisch formatiert ist, das Kapital auf der Verfügungsmacht über unsere Arbeitszeit gründet und die Menschen, frei von Produktionsmitteln, ihre Lebenszeit dem Kapital verkaufen müssen, um ihre Existenz sichern zu können. Die Erwerbszentrierung ist selbst erklärungsbedürftig – ebenso die sozialen Formen, in denen das Kommando über fremde Arbeitszeit organisiert ist. Fürs Arbeiten braucht es bekanntlich mehr als Arbeitskraft, nämlich Produktionsmittel. Im Kapitalismus sind die Arbeitskraft und die Produktionsmittel getrennt und es liegt beim Kapital, den Eigentümer: innen der Produktionsmittel, dass das Arbeitsvermögen auch realisiert, gearbeitet wird, Kontrolle über fremde Arbeit ausgeübt wird. Wie findet nun Ausbeutung statt? Die Arbeitskraft bekommt nur das als Lohn, was ihre Reproduktion ermöglicht. Die Zeitspanne, die dafür gearbeitet werden muss, nennt Marx »notwendige Arbeit«. Sagen wir, bei einem Achtstundentag vier Stunden. Alles, was darüber hinausgeht, also die restlichen vier Stunden, ist die »Mehrarbeit«. Das in der Zeit entstandene Wertprodukt (Mehrprodukt) streicht das Kapital ein – die Arbeitskraft verkauft sich zu ihrem Wert, wird nicht beschissen und dennoch ist Profit möglich. Während in vorkapitalistischen Gesellschaften die Ausbeutung immer auf Grundlage persönlicher Herrschaftsverhältnisse organisiert war, ersichtlich war, wann (auf dem Feld des Herrn) und was (»Zehnter«) für die »Herren« geschuftet wurde, sind die Verhältnisse im Kapitalismus sachlich vermittelt und die Mehrarbeit erscheint als bezahlt: Im Lohn gilt der Achtstundentag als entgolten, die geleistete Arbeit – kaum eine Gewerkschaft unterscheidet heutzutage zwischen Arbeitskraft und Arbeit, sondern in ihren Forderungen (»gerechter Lohn für Arbeit«) nähren sie die Vorstellung, man werde für die geleistete Arbeit, nicht für die Arbeitskraft bezahlt. Als Skandal erscheint nur, dass zu lange oder zu intensiv gearbeitet wird. Marx hingegen wollte auch die Ausbeutung, die auf Grundlage »gerechter Löhne« organisiert wird im Museum wissen. Der Kampf für kürze Wochenarbeitszeiten und weniger Lebensarbeitszeit ist dennoch ein sehr wichtiger gesellschaftlicher Kampf. Er hat zum Ziel, die Kontrolle des Kapitals über die Lebenszeit zurückzudrängen. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass das, was als lebensnotwendig gilt, nicht gleichermaßen sinkt. Und nicht erst seit Hartz IV bzw. Bürgergeld wird genau hier Hand angelegt. Ein gewerkschaftlicher Kampf für kürzere Arbeitszeit muss deshalb einhergehen mit einem Kampf für gute Lebensbedingungen für diejenigen, die nicht arbeiten können oder wollen, nicht ihre Arbeitskraft verkaufen. Wenn die Politik über »Zumutbarkeitsregelungen«, das »Lohnabstandsgebot « und soziale Leistungen oder die Höhe der menschenwürdigen Mindestsicherung diskutiert, dann hat sie immer auch das Lohnniveau im Blick – ein Grund, warum sich gewerkschaftliche Kämpfe nicht allein um Arbeitszeit und Löhne drehen sollten, sondern auch um ein gutes Leben ohne Arbeit. »Zeit ist der Raum zu menschlicher Entwicklung «, schreibt Marx im Manuskript zu seinem Vortrag »Lohn, Preis und Profit«, gehalten am 27\. Juni 1865 vor dem Provisorischen Zentralrat der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA). »Ein Mensch, der nicht über freie Zeit verfügt, dessen ganze Lebenszeit – abgesehn von rein physischen Unterbrechungen durch Schlaf, Mahlzeiten usw. – von seiner Arbeit für den Kapitalisten verschlungen wird, ist weniger als ein Lasttier. Er ist eine bloße Maschine zur Produktion von fremdem Reichtum, körperlich gebrochen und geistig verroht. Dennoch zeigt die ganze Geschichte der modernen Industrie, dass das Kapital, wenn ihm nicht Einhalt geboten wird, ohne Gnade und Barmherzigkeit darauf aus ist, die ganze Arbeiterklasse in diesen Zustand äußerster Degradation zu stürzen.« Die verelendungstheoretischen Töne einmal ausgeblendet, so bleibt die Tatsache, dass dieses Szenario immer droht, gibt es keine Gegenmacht: »Das Kapital ist daher rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird.« Deshalb ist die Verkürzung der Arbeitszeit, wie Marx notiert, »unerlässlich, um der Arbeiterklasse mehr Zeit für die geistige Entwicklung zu geben«. Gesetzliche Beschränkungen des Arbeitstages seien der erste Schritt zum geistigen und physischen Aufschwung und zur endgültigen Befreiung der Arbeiterklasse. Und darum sollte es schließlich gehen – und um das Ende der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung. *Erschienen in: OXI. Wirtschaft anders denken, Nr. 7/2023, S. 3/4*. ### Die Leidenschaft am Eigeninteresse. Adam Smith und die Politische Ökonomie auf der Suche nach ihrem Gegenstand URL: https://blog.stuetzle.cc/die-leidenschaft-am-eigeninteresse-adam-smith-und-die-politische-oekonomie-auf-der-suche-nach-ihrem-gegenstand/ Last updated: 2023-06-05T14:11:16.000Z Auch wer von Adam Smith noch nie etwas gehört hat, kennt wahrscheinlich die fixe Idee, dass die Marktkräfte wie eine „unsichtbare Hand“ wirken und dafür sorgen, dass die Wirtschaft effizient und gerecht funktioniert.\[1\] Diese Metapher wird gerne dann strapaziert, wenn wahlweise Staats- oder Marktversagen beklagt und eine neue „Balance“ angemahnt wird – oder Adam Smith gewürdigt werden soll, dessen 300\. Geburtstag in diesen Tagen zu feiern wäre. Wann genau, weiß man bis heute nicht, denn der Tag seiner Geburt ist nicht überliefert. Das Datum, an dem er getauft wurde, hingegen schon. Es war der 5\. Juni – zumindest nach dem julianischen Kalender, einem der ältesten Sonnenkalender, dem Vorläufer des heute gebräuchlichen gregorianischen.\[2\] Die Umstellung vom einen auf den anderen sollte dem Auseinanderdriften von Kalender- und Sonnenjahr entgegenwirken – quasi zweier Zeitrechnungen, einer abstrakten und einer „natürlichen“, ein Gegensatzpaar, das geradezu symptomatisch für die Zeit steht, in der Smith sich den Kopf über den „Wohlstand der Nationen“ zerbrach. Adam Smith wurde 1723 in Kirkcaldy geboren, am Meeresarm Firth of Forth, gegenüber von Edinburgh.\[3\] Dank eines Stipendiums konnte er eine Universität besuchen, wichtiger dürfte jedoch das „Selbststudium“ gewesen sein. In Oxford wurde er bei der Lektüre von David Humes „A Treatise of Human Nature“ erwischt und erhielt einen Verweis, das gottlose Buch wurde konfisziert. Mit Hume sollte ihn später eine lebenslange Freundschaft verbinden. Smith wurde bereits 1752 Professor für Logik, und acht Jahre später erschien sein erstes Buch, „Theory of Moral Sentiments“, das bis zu seinem Tod mehrfach neu aufgelegt werden musste, wofür Smith jedes Mal Korrekturen beisteuerte. Das Buch steht in der englisch-schottischen Tradition der sogenannten empiristischen Gefühlsethik, in der Emotionen als konstitutiv für die moralische Urteilsbildung gelten. Smith selbst hob hervor, dass es sich nicht um eine Sollens-Ethik handele. In einer Anmerkung führte er aus, „dass die vorliegende Untersuchung nicht eine Frage des Sollens betrifft, wenn ich so sagen darf, sondern eine Frage nach Tatsachen“.\[4\] Die Tatsachen sind in diesem Fall die Natur der Dinge oder die menschliche Natur. Smith ist dem Empirismus verpflichtet. Zwar berief man sich damals in vielen Fragen noch auf Gott, doch wenn begründet werden sollte, wie die Menschen zu leben haben, wurden im Zuge der Aufklärung andere Maßstäbe relevant, nicht zuletzt die Vernunft, die erkennt, was ist, was die Natur der Sachen und des Menschen ausmacht. Smiths Terminologie lehnte sich an die des Naturrechts an, seine Argumente sind die des Utilitarismus, der sich damals allmählich durchzusetzen beginnt, also der Idee, dass moralisch richtig ist, was das Wohlergehen für alle oder doch möglichst viele steigert. Der Zweck heiligt die Mittel, auch und gerade ohne Gott. Stichwortgeber waren nicht zuletzt Smiths akademischer Lehrer Francis Hutcheson und sein Freund Hume. Eine derartige „Nutzethik“ war zuvor kaum vorstellbar, da die Mittel noch nicht „geheiligt“ waren. Hier zeigt sich, dass 1723, als Adam Smith geboren wurde, eine alte und eine neue Zeit gleichermaßen herrschten. Als noch heftig darüber debattiert wurde, welche Zeitrechnung nun gelten sollte und dann die Reform des julianischen Kalenders in Angriff genommen wurde, vollzog sich in England eine Revolution, die dem modernen Kapitalismus zum Durchbruch verhalf. Vor diesem Hintergrund wurde Adam Smith retrospektiv zum Begründer der Politischen Ökonomie erklärt, die später – vor allem im deutschsprachigen Raum – auch Nationalökonomie oder Volkswirtschaftslehre heißen würde. Diese Disziplin gab es im engeren Sinn noch gar nicht. Ein Lehrstuhl explizit für Politische Ökonomie wurde erst viele Jahre nach seinem Tod eingerichtet. Auf einer mehrjährigen Reise nach Frankreich, Smith begleitete als Privatgelehrter einen jungen Adligen, begegnete er nicht nur Voltaire, sondern auch den beiden großen Vertretern der physiokratischen Schule, Anne Robert Jacques Turgot und François Quesnay, damals Leibarzt von Ludwig XVI. Während die sogenannten Merkantilisten Gewinn allein als Aufschlag auf das Produkt im Handel erklärten, eine Vorstellung, die unmittelbar der kaufmännischen Praxis entsprang, lenkten die Physiokraten das Interesse auf die Produktion: Preise seien nicht allein durch Angebot und Nachfrage bestimmt, sondern auch vom den Waren hinzugesetzten Wert, der, so die zentrale Annahme, allein in der landwirtschaftlichen Arbeit entstand. Marx nannte sie die „ersten systematischen Dollmetscher des Capitals“.\[5\] Deren Überlegungen wird Smith später aufgreifen, weshalb der Ökonom Joseph A. Schumpeter sich zu der Behauptung hinreißen ließ, in „The Wealth of Nations“, dem 1776 veröffentlichten Hauptwerk von Adam Smith, seien „keine wirklich neuen Ideen“ zu finden.\[6\] Angesichts der nach Smiths Tod publizierten Mitschriften seiner Vorlesungen, Manuskripte hatte er vernichten lassen, ist diese Behauptung kaum haltbar. Smith hatte die zentralen Gedanken bereits vor seiner Reise nach Frankreich formuliert.\[7\] Seine beiden wichtigsten Bücher – „The Theory of Moral Sentiments“ und „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations” – erschienen zu Beginn der Phase, die der Historiker Reinhart Koselleck „Sattelzeit“ genannt hat. In dieser Zeit vollzog sich ein grundlegender gesellschaftlicher Wandel, begleitet von verschiedenen Erschütterungen des menschlichen Selbstverständnisses. Der soziale Sinn vieler Begriffe veränderte sich, die Zeiterfahrung erfuhr einen grundlegenden Wandel und es entstand überhaupt erst so etwas wie „die Geschichte“: „Seit der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts häufen sich die Indizien, die auf den Begriff einer neuen Zeit im emphatischen Sinn hinweisen. Die Zeit bleibt nicht die Form, in der sich alle Geschichten abspielen, sie gewinnt selber eine geschichtliche Qualität. Nicht mehr in der Zeit, sondern durch die Zeit vollzieht sich dann die Geschichte. Die Zeit wird metaphorisch dynamisiert zu einer Kraft der Geschichte selber.“\[8\] Adam Smith lebte inmitten dieser Übergangszeit und bewegte sich daher entlang mehrerer Grenzen, die ihm nicht unmittelbar bewusst waren. Wie viele seiner Zeitgenossen, auch die Ökonomen Turgot und Quesnay, trug er gepuderte Perücken, auf die der jüngere David Ricardo, Jahrgang 1772, dann verzichten würde. Smith unterrichtete auf Englisch, nicht mehr auf Latein. Er war zwar zunächst Professor für Logik, später für Moralphilosophie, eine Ausdifferenzierung in die diversen Gesellschaftswissenschaften stand erst noch aus.\[9\] Während der 1755 verstorbene Philosoph Montesquieu von der vermeintlichen Stabilität Chinas fasziniert war, schreckte gerade diese Smith ab. Er hielt sie für rückschrittlich, für das Gegenteil von Dynamik und Fortschritt in der Geschichte. Mit der Idee, dass es einen Fortschritt in der Geschichte gibt, konnte sich auch eine Vorstellung verallgemeinern, die auf die Physiokraten zurückgeht, dass es im Wirtschaftsprozess ein produit net oder surplus gibt, ein Mehr, dass Wirtschaft also kein Nullsummenspiel ist. Das musste begründet werden – der Sache nach und moralisch, angesichts der noch immer geltenden Annahme einer göttlichen Ordnung, die Bereicherung nicht vorsah. Heute scheint es – übersetzt als „Wachstum“ – unabdingbar, auch wenn die auf ihr gründende Wirtschaftsweise die Menschheit auf einen ökologischen Abgrund zu manövriert. Und erst für Adam Smith war es – auf der Suche nach Wert und Wertgröße in der Ökonomie – wissenschaftlich nicht nachvollziehbar, dass Gold oder Silber als Maßstab gelten sollte, ein Maß „dessen Größe ständig schwankt, wie etwa ein normaler Fuß, eine Armlänge oder eine Handvoll, kann niemals die Menge anderer Dinge exakt angeben.“\[10\] Smith versuchte, die Verhältnisse in aufklärerischer Absicht auf den Begriff zu bringen, doch brachte die Aufklärung, nicht zuletzt die Politische Ökonomie, eine neue Verklärung der gesellschaftlichen Verhältnisse mit sich. In dem Versuch, der Natur der Sachen auf den Grund zu gehen, organisierte sie begrifflich eine Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse, die im Vokabular der Politischen Ökonomie als Wert, Gebrauchswert, Ware, Preise, Kapital etc. erfasst wurden. Erst Karl Marx klärte mit seiner Kritik der Politischen Ökonomie über diese Verklärung auf: „Formen, denen es auf der Stirn geschrieben steht, dass sie einer Gesellschaftsformation angehören, worin der Produktionsprozess die Menschen, der Mensch noch nicht den Produktionsprozess bemeistert, gelten ihrem bürgerlichen Bewusstsein für ebenso selbstverständliche Naturnotwendigkeit als die produktive Arbeit selbst. Vorbürgerliche Formen des gesellschaftlichen Produktionsorganismus werden daher von ihr behandelt wie etwa von den Kirchenvätern vorchristliche Religionen.“ Marx weiter in einer Fußnote, in der er sich selbst zitiert: „Die Ökonomen verfahren auf eine sonderbare Art. Es gibt für sie nur zwei Arten von Institutionen, künstliche und natürliche. Die Institutionen des Feudalismus sind künstliche Institutionen, die der Bourgeoisie natürliche. Sie gleichen darin den Theologen, die auch zwei Arten von Religionen unterscheiden. Jede Religion, die nicht die ihre ist, ist eine Erfindung der Menschen, während ihre eigene Religion eine Offenbarung Gottes ist. – Somit hat es eine Geschichte gegeben, aber es gibt keine mehr.“\[11\] Adam Smith war einer der wichtigsten Ökonomen, die begründeten, warum die neue aufgeklärte Ordnung der Politischen Ökonomie eine „natürliche“ ist. Er habe, so Karl Marx, die politische Ökonomie „zu einer gewissen Totalität entwickelt, gewissermaßen das Terrain, das sie umfasst, abgeschlossen“\[12\]. Mit ihm entwickelte sich das Wissenschaftsfeld der Politischen Ökonomie zu einer der zentralen Instanzen gesellschaftlicher Selbstreflexion, mit ihr erhielt die bürgerliche Gesellschaft eine Anschauung von sich selbst. „Es war immer das dominierende Interesse der klassischen politischen Ökonomie, die ‚natürlichen Gesetze‘ dieser sich selbst regulierenden Ordnung zu formulieren.“\[13\] Wie Matthias Bohlender gezeigt hat, zeichnet sich die Politische Ökonomie jedoch nicht allein dadurch aus, dass sie sich mit dem aufkommenden Kapitalismus entwickelt, sondern auch dadurch, dass sie mit einer Kritik an einer bestimmten Rationalität des Regierens einherging.\[14\] Genau diese beiden Momente verband Smith. Bis heute irritieren seine Ausführungen, weil sie die Trennung von Politik und Ökonomie noch nicht ganz vollzogen haben. Bei seinem Versuch, den Wert auf den Begriff zu bringen, ging Smith zwar radikaler als viele vor ihm vor, stiftete aber zugleich viel Verwirrung. Dank seiner Überlegungen konnten Politik und Ökonomie als einander äußerliche Sphären mit je eigener Rationalität begriffen und als solche kritisiert werden. Die später nur noch impliziten moralphilosophischen Prämissen, die die bürgerliche Gesellschaft auszeichnen, werden hier noch explizit diskutiert. Deshalb lohnt es auch heute noch, Adam Smith zu lesen und ihm sozusagen dabei über die Schulter zu sehen, wie er daran arbeitet, die modernen, bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse als eine vermeintlich natürliche Ordnung zu konzeptualisieren. ## Trennung von Politik und Ökonomie Adam Smith etablierte die Politische Ökonomie als eigenständigen Wissensbereich, während der neue „Gegenstand“ mit seiner Eigenlogik erst im Begriff war, gesellschaftlich Raum zu greifen und zu dominieren. Für den Merkantilismus war die Rationalität der Staatsräson noch immanent, der Zweck des Staates war der Staat selbst, der die gesellschaftliche Wirklichkeit nach seinem Willen formte. Das wurde infrage gestellt, sobald die Marktkräfte zu wirken begannen. Daraus folgte für die Physiokraten, so Foucault, dass „man die Reglementierung auf Grund polizeilicher Autorität durch eine Regulierung ersetzen \[muss\], die vom Preis der Dinge selbst ausgeht.“\[15\] Diese Preise konnten nicht einfach festgesetzt, sie mussten auf dem Markt ermittelt werden. Die Idee des „gerechten Preises“ löste sich auf, es begann die Zeit des „natürlichen Preises“. Die Widerspenstigkeit der Preise deutete die Politische Ökonomie als Materialität einer eigenständigen ökonomischen Sphäre. Wie bestimmt sich der Preis und was macht den Wert der Dinge aus? Diese Fragen mussten beantwortet werden, sollte die Politik mit dieser neuen Realität regieren. Es galt also, die „Regierungskunst“ einer „höheren Logik“ zu unterwerfen. Der Staat sollte fortan der von der Politischen Ökonomie ausgerufenen „ökonomischen Vernunft“ Folge leisten. Dies sei die Voraussetzung für „gutes“ Regieren. Die Bezeichnung „Politische Ökonomie“ stellte jedoch nicht den „politischen“ Charakter des Ökonomischen heraus, sondern markierte eine Differenz zum Wissenschaftskanon der Antike bis ins „Mittelalter“, in dem „Ökonomie“ für „Hauswirtschaft“ stand, für die Bewirtschaftung des einzelnen Hauses („oikos“) oder Hofes als herrschende Form der Subsistenz. Die Wirtschaft des gesamten Gemeinwesens, das ist der zentrale Unterschied, musste selbst begrifflicher Gegenstand werden.\[16\] So entstand ein ganzes „Wahrheitsfeld“, über das der Staat in Kenntnis sein musste. Bei der Politischen Ökonomie als Erkenntnisform handelt es sich also „nicht um eine irgendwie geartete Erkenntnis der Regierung selbst \[…\], die der Regierung wesentlich wäre. \[…\] Es handelt sich vielmehr um eine Wissenschaft, die gewissermaßen der Regierungskunst gegenübertritt, eine Wissenschaft, die ihr äußerlich ist“.\[17\] Die staatliche Regierung „kann nicht die Ökonomie als Prinzip, Gesetz, Richtlinie oder innere Rationalität haben. Die Ökonomie ist eine Hilfswissenschaft im Verhältnis zur Regierungskunst. Man muss mit der Ökonomie regieren, man muss an der Seite der Ökonomen regieren, man muss regieren, indem man auf die Ökonomen hört, aber es ist ausgeschlossen, unmöglich und steht außer Frage, dass die Ökonomie die Rationalität der Regierung selbst ist.“\[18\] Adam Smith verstand sich als Hilfswissenschaftler in diesem Sinne. Sein Buch „Der Wohlstand der Nationen“ markiert den zentralen Durchgangspunkt für die Herausbildung des neuen Regierungswissens, von dem Foucault berichtet. Smith schrieb es eher als Handreichung für den Souverän, quasi noch in der Tradition der Fürstenspiegel, allerdings berief er sich nicht einfach auf Gottes Gnaden, sondern auf „die Natur“ – auf die Natur des Menschen, natürliche Preise, natürliche Ordnung. Auch bedeutenden Ökonomen späterer Jahrhunderte war die Rolle als Hilfswissenschaftler durchaus bewusst. So gab der Wirtschaftswissenschaftler Paul Samuelson, der mit „Economics. An Introductory Analysis“ ein weit verbreitetes ökonomisches Lehrbuch verfasste, zu Protokoll: „I don’t care who writes a nation’s laws \[…\] if I can write its economics textbooks“.\[19\] Wie das Verständnis von Ökonomie und die kaum mehr hinterfragten Prämissen politisch wirksam werden, ist im politischen Diskurs der Gegenwart jedoch kaum präsent. Es herrscht die „Diskursregel“ (Foucault) der „Versachlichung“, die keine Interessen kennt, widersprüchliche schon gar nicht, und nur noch im Namen des „Wohlstands der Nation“ regieren will. Werden gesellschaftliche Widersprüche – die ökologische Krise eingeschlossen – zu stark, wird nur über das „richtige Verhältnis“ von Markt und Staat diskutiert, ohne zu verstehen, dass diese Gegenüberstellung Teil des Problems ist, ein Resultat verkürzter Analyse, die einer natürlichen Ordnung die gestaltende Politik gegenüberstellt. Wirtschaft wird nicht mehr oder weniger „regiert“, sondern immer nur anders. Der Staat stellt keine „räumliche“ Beschränkung des Privateigentums dar, sondern ist dessen Voraussetzung. Ökonomie und Staat sind zwei Seiten einer Medaille, etwas, was zur Zeit von Adam Smith im öffentlichen Bewusstsein durchaus noch präsent war. Schließlich grenzte sich die neue Regierungsweise, für die er eintrat von einer kritisierten alten ab und wollte damit den wirtschaftlichen Triebkräften Geltung verschaffen, die man als organisierendes Moment einer „natürlichen“ Ordnung identifizierte. ## Smiths Revolutionierung der Werttheorie Aufgrund der sich durchsetzenden kapitalistischen Logik sah sich Adam Smith auch gezwungen, einen Paradigmenwechsel in der Frage einzuleiten, was den ökonomischen Wert ausmacht und wie seine Größe zu bestimmen ist. Schon lange war diese Frage diskutiert worden. Eine Antwort lautete: Der Wert einer Sache ist durch ihre Nützlichkeit bestimmt. So sah es etwa Smiths Lehrer Hutcheson. Diese Antwort hatte eine gewisse gesellschaftliche Plausibilität, solange der herrschende Zweck der Produktion nicht, wie im Kapitalismus, der Profit, sondern die Befriedigung von Bedürfnissen war, wenn nicht der eigenen, dann der Bedürfnisse der Herren. Erst Adam Smith stellte diese Tradition infrage. Er formulierte die Trennung von Gebrauchswert („value in use“) und Tauschwert („value in exchange“) systematisch aus.\[20\] Hintergrund war das sogenannte Wertparadoxon, demnach etwas, was großen Nutzen besitzt (Wasser), kaum Wert habe und etwas, was kaum nützlich sei (Diamant), hingegen einen großen Wert.\[21\] Um letzteren zu verstehen, so Smith, müsse bei der Bestimmung des Werts der Nutzen konsequent ignoriert und vielmehr nach dem Grund der Tauschwertgröße gefragt werden. Das Maß für den Tauschwert sei die Arbeit, nicht die Nützlichkeit. Als Maßstab für den Wert sei Gold nicht tauglich, da dessen Wert selbst schwanke. Aber die Frage nach einem Maß der Werte war für Smith weniger relevant, denn „tauscht und vergleicht man somit Waren weit häufiger mit anderen als mit Arbeit. Es ist daher nur ganz natürlich, wenn man ihren Tauschwert nach der Menge einiger Waren schätzt und nicht nach der Arbeitsmenge, die man damit kaufen kann. Sobald nun der unmittelbare Tausch aufhört und das Geld das übliche Tauschmittel beim Handel geworden ist, wird jede Ware häufiger gegen Geld als gegen eine andere Ware getauscht. So kommt es, dass der Tauschwert jeder Ware häufiger nach der Menge Geld geschätzt wird als nach der Menge Arbeit oder einer beliebigen anderen Ware, die man dafür eintauschen kann.“\[22\] Smith untersucht hier den Tausch als einen isolierten Akt zweier Akteure, ganz im Sinne des von ihm vertretenen Empirismus, also im gedanklichen Nachvollzug dessen, was zu beobachten ist. Einerseits vollzieht er hier bereits Abstraktionen, für die er von Zeitgenossen kritisiert wurde; andererseits ist er noch nicht in der Lage, noch weiter zu abstrahieren, was ihm Ricardo und Marx vorwerfen sollten. Der Tausch ist bei Smith noch nicht das, was die moderne Gesellschaftlichkeit spezifisch ausmacht, als herrschende Form des gesellschaftlichen Stoffwechsels. Smith geht vielmehr von einer anthropologisch verankerten „Neigung zum Tausch“\[23\] aus, die einerseits zu Arbeitsteilung führe und somit zu mehr Wohlstand, aber gleichzeitig die Abhängigkeit der Menschen untereinander erhöhe. Er fragt jedoch nicht nach dem gesellschaftlichen Charakter dieser Abhängigkeit – auch sie erscheint als: natürlich. Für Smith realisiert sich der Wohlstand der Nationen gerade als nicht-intendiertes Resultat der Verfolgung eigener Interessen. „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“\[24\] Eigennutz ist also kein Laster mehr, keine Form der Habsucht wie noch in vorbürgerlichen Gesellschaften, sondern positiv besetzt. Auch in dieser Frage ist Smith ein Grenzgänger. Das Zusammenspiel der Eigeninteressen führt im Effekt zu Gemeinwohl, dank der unsichtbaren Hand des Marktes. Was wir heute als „Interessen“ kennen, bildete sich erst im 17\. und 18\. Jahrhundert heraus. Davor hatte der Begriff eine andere Bedeutung, bezeichnete Zins oder Beteiligung. Im Zuge des Wandels wurde er Ausdruck dafür, dass menschliches Verhalten kalkulierbar ist. Diese Transformation zeichnete Albert O. Hirschman in seinem Buch „Leidenschaften und Interessen. Politische Begründungen des Kapitalismus vor seinem Sieg“ nach.\[25\] Zuvor gab es keine Garantie für kalkulierbares menschliches Verhalten, nur die Hoffnung, dass der gemeinsame Glauben Verlässlichkeit stiftet. Das sich nun herausbildende Verständnis unterstellte Individuen, die ihre materiellen Lebensumstände sichern und verbessern wollen. Smith arbeitet mit diesem Interessenbegriff, der jedoch nicht politisch verstanden wird, sondern die menschliche Natur auf den Begriff bringen soll, die sich zu einer natürlichen Ordnung fügt. Was an dieser Ordnung „natürlich“ ist, wurde schon bald Gegenstand theoretischer Debatten – nicht zuletzt aufgrund sozialer und politischer Konflikte und Kämpfe. Bei Smith waren die Produktionsverhältnisse und die Verteilung des produzierten Reichtums noch Teil der natürlichen Ordnung. Selbstredend gibt es bei ihm auch einen „natürlichen Lohn“. Die gegenseitige Abhängigkeit der Menschen ist sachlich vermittelt, nimmt die Formen von Waren und Geld an. Es findet keine gesellschaftliche Absprache statt, sondern nur noch Ansprache, man muss hören, was die Märkte sagen oder wie es Heinz Dieter Kittsteiner formuliert hat: „Smith ist ein Prominenter in der großen Kette der Erfinder des Über-Ich“.\[26\] Im 19\. Jahrhundert unterschied John Stuart Mill dann zwischen Produktionsverhältnissen, die als Ausdruck technischer Notwendigkeiten unveränderlich, und Distributionsverhältnissen, die gesellschaftlich produziert und veränderbar seien. Das war auch das Ende der sogenannten Lohnfondstheorie, die nur einen begrenzen und vor allem festgelegten „Kuchen“ für die Löhne der Arbeiter vorsah. Dies musste jedoch nicht einfach aufgrund theoretischer Kritik aufgegeben werden, sondern angesichts der Erfolge der Gewerkschaftsbewegung zusammenbrach. So wurde ein Bereich der Ökonomie politisiert, dem Reich der „natürlichen“ Notwenigkeit entzogen. Voraussetzung war jedoch, dass auch Bedürfnissen politische Interessen wurden, weil die Bedürfnisse nur noch am und gegen den Markt durchgesetzt werden können.\[27\] Adam Smith ist vor diesem Hintergrund eine ambivalente Figur der Ideengeschichte, der aufgrund seiner widersprüchlichen Antworten auf die von ihm aufgeworfenen Fragen für sich widersprechende Theorietraditionen anschlussfähig ist. Die marxistische Tradition sieht sich als Nachfolger der auf Smith begründeten Arbeitswerttheorie und diejenigen, die gerade in Abgrenzung davon die Theorie des Grenznutzens entwickelten (Marginalismus), kritisieren Smith dafür, dass er für die Bestimmung des Werts ausgerechnet den Gebrauchswert außen vor lasse, der es doch gerade erlaube, die „Nützlichkeit“ zu messen. Es verhält sich damit durchaus so, wie Rosa Luxemburg anmerkte, wenn sie bezüglich Smiths Konzeption vom „Hang zum Tausch“ konstatierte, dass diese „wie so manche andere Stelle \[…\] bekanntlich späteren bürgerlichen Ökonomen vielfach zu überlegenem Lächeln und Achselzucken Anlass gegeben \[habe\]. Die naseweisen Jünger Smiths ahnen gar nicht, dass in den von ihnen belächelten Naivitäten des alten Meisters gerade seine ‚klassische Deduktion‘ am klassischsten zum Ausdruck kommt und dass sie, die bürgerlichen Ökonomen, mit jener Naivität auch das Simsonshaar, den Urquell ihrer Forschungskraft, unwiederbringlich verloren haben.“\[28\] Adam Smith ist, gerade zu Jubiläen, vor allem eine Projektionsfläche für unterschiedlichste Positionen. Dabei bietet er weit mehr, weil er begrifflich den Raum der aufkommenden bürgerlichen Gesellschaft vermessen hat. Dieser Raum existiert jedoch in der überkommenden Form nicht mehr, die weitere Ausdifferenzierung der Wissenschaften hat ihn fragmentiert. Im Zuge dessen hat sich die Ökonomietheorie weiter von ihren sozialwissenschaftlichen Wurzeln befreit. Tatsächliche Naturgesetze wurden zum Vorbild, um ökonomische Gesetzmäßigkeiten zu formalisieren, wie der Wissenschaftshistoriker Philip Mirowski aufgezeigt hat.\[29\] Übrig geblieben ist fast nur noch die Mathematik, eine vom Sozialen befreite Disziplin, die mit den Sozialwissenschaften kaum mehr etwas gemein hat. „Ökonomische Wahrheiten“, so etwa Alfred Marshall (1842-1924), ein Gründungsvater der modernen Neoklassik, seien „so eindeutig wie die Geometrie“.\[30\] Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen, als das Ende des Kapitalismus heißt es oft. Das liegt nicht allein daran, dass es angesichts von Klimakatastrophe, globaler Ungleichheit und Armut sowie autoritärer Formierung vieler Gesellschaften wenig Positives zu berichten gibt, sondern auch daran, dass sich die „natürliche Ordnung“, von der Smith anfing, Rechenschaft abzulegen, weiter gegen spontane wie wissenschaftliche Kritik immunisiert hat, nicht trotz, sondern dank der Wirtschaftswissenschaften. Das sollte jedoch kein Grund zur Resignation sein, sondern vielmehr Anlass eines interdisziplinär angelegten Forschungs- und Kritikprogramms. „Der einzelne und vereinzelte Jäger und Fischer, womit Smith und Ricardo beginnen, gehört zu den phantasielosen Einbildungen des 18\. Jahrhunderts.“\[31\] – So Marx, der wie kein zweiter gezeigt hat, dass gerade wenn diese „Fiktionsweise ohne Phantasie“\[32\] zu einer „Religion des Alltagslebens“ wird, sie zum Gegenstand wissenschaftlicher Kritik werden muss. Zuerst erschienen bei *Soziopolis*, 5\. Juni 2023: [https://www.soziopolis.de/die-leidenschaft-am-eigeninteresse.html](https://www.soziopolis.de/die-leidenschaft-am-eigeninteresse.html?ref=blog.stuetzle.cc) | Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgenden Persistent Identifier (PID): [https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-87236-1](https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0168-ssoar-87236-1?ref=blog.stuetzle.cc) ## Fußnoten 1\] Weniger bekannt ist, dass Adam Smiths Metapher auf Shakespeares „Macbeth“ (III. Akt, 2\. Szene) anspielt, wo „invisible hand“ für „fate“ steht. 2\] Während Schottland bereits 1600 damit begann, das neue Jahr auf den 1\. Januar zu datieren, was dem gregorianischen Kalender entsprach, zogen England und Großbritannien nach langen Debatten erst 1752 nach. Davor begann das Jahr mit dem 25\. März – innerhalb des Königreichs herrschten also über Jahrzehnte selbst zwei Zeitrechnungen, was auch ein Ausdruck von Machtkämpfen zwischen den Kirchen war. 3\] Ausführlicher zur Biografie vgl. Gerhard Streminger, Adam Smith – Wohlstand und Moral. Eine Biographie, München 2017; dazu die Besprechung von Timo Luks: [www.soziopolis.de/markt-und-moral.html](http://www.soziopolis.de/markt-und-moral.html?ref=blog.stuetzle.cc). 4\] Adam Smith, Theorie der ethischen Gefühle \[1759\], übers., hrsg. und eingeleitet von Walther Eckstein, Hamburg 2004, S. 113. 5\] Karl Marx, Ökonomische Manuskripte 1863-1867, Teil 2, MEGA2, Bd. II/4.2, S. 725; Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band, in: MEW, Bd. 25, S. 792. 6\] Joseph A. Schumpeter, Geschichte der ökonomischen Analyse \[1954\], übers. von Gottfried Frenzel unter Mitarb. von Johanna Frenzel, nach dem Manuskript herausgegeben von Elizabeth B. Schumpeter, Göttingen 2009, S. 245, 7\] Maurice Dobb, Wert- und Verteilungstheorien seit Adam Smith. Eine nationalökonomische Dogmengeschichte \[1973\], übers. von Cora Stephan, Frankfurt am Main 1977, S. 51f. 8\] Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt am Main 1984, S. 321. 9\] Vgl. hierzu: Immanuel Wallerstein, Das moderne Weltsystem, Bd. IV, Der Siegeszug des Liberalismus (1789-1914) \[2011\], übers. von Gregor Kneussel, Wien 2012, S. 283ff. 10\] Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen \[1776\], vollständige Ausgabe nach der 5\. Auflage, letzter Hand, London 1789, übers. von Horst Claus Recktenwald, München 1978, S. 30\. Vgl. hierzu auch Philip Mirowski, More Heat than Light. Economics as Social Physics, Physics as Nature's Economics, Historical Perspectives on Modern Economics, Cambridge 1991, S. 109. 11\] Karl Marx, Elend der Philosophie, MEW, Bd. 4, S 139. 12\] Karl Marx, Zur Kritik der politischen Ökonomie, Manuskript 1861–1863, in: Marx-Engels-Gesamtausgabe, MEGA2, Bd. II/3.3, S. 816; MEW, Bd. 26.2, S. 162. 13\] Dobb, Wert- und Verteilungstheorien seit Adam Smith, S. 53. 14\] Matthias Bohlender, Metamorphosen des liberalen Regierungsdenkens. Politische Ökonomie, Polizei und Pauerismus, Weilerswist 2007. 15\] Ebd., Herv. ISt. 16\] Vgl. Alfred Bürgin, Zur Soziogenese der politischen Ökonomie. Wirtschaftsgeschichtliche und dogmengeschichtliche Betrachtungen, Marburg 1996; Terence W. Hutchison, Before Adam Smith. The Emergence of Political Economy 1662-1776, Oxford 1988. 17\] Ebd. 18\] Michel Foucault, Geschichte der Gouvernementalität, Bd. 2, Die Geburt der Biopolitik. Vorlesung am Collège de France (1978-1979), übers. von Jürgen Schröder. Herausgegeben von Michel Senellart, Frankfurt am Main 2004, S. 393. 19\] Zitiert nach: [www.nytimes.com/2009/12/14/business/economy/14samuelson.html](http://www.nytimes.com/2009/12/14/business/economy/14samuelson.html?ref=blog.stuetzle.cc) 20\] Smith, Der Wohlstand der Nationen, S. 27. 21\] Ebd. 22\] Ebd., S. 29f. 23\] Ebd., S 17. 24\] Ebd. 25\] Albert O. Hirschman, Leidenschaften und Interessen. Politische Begründungen des Kapitalismus vor seinem Sieg \[1977\], übers. von Sabine Offe, Frankfurt am Main 1987\. Siehe die Erinnerungen an Albert O. Hirschman von Wolf Lepenies: [www.soziopolis.de/leidenschaft-und-interessen.html](http://www.soziopolis.de/leidenschaft-und-interessen.html?ref=blog.stuetzle.cc). 26\] Heinz D. Kittsteiner, Weltgeist, Weltmarkt, Weltgericht. Paderborn/München 2008, S. 23. 27\] Eine Generation später sollte der sogenannte Marginalismus den Zusammenhang zur Arbeit ganz kappen, etwas, was ohne die Klassenkämpfe am 1830 und die Strömung der sogenannten ricardianischen Sozialisten kaum erklärt werden kann. Siehe u.a. Roland L. Meek, Der Untergang der Ricardoschen Ökonomie in England \[1950\], in: Ökonomie und Ideologie, übers. von Joska Fischer und Jürgen Ritsert, Frankfurt am Main 1973, S. 73–104; Dobb, Wert- und Verteilungstheorien seit Adam Smith, 110ff. 28\] Rosa Luxemburg: Zurück zu Adam Smith! (1899/1900), in: Gesammelte Werke, Bd. 1.1, 8\. überarbeitete Auflage, Berlin 2007, S. 735, online: rosaluxemburgwerke.de/buecher/band-1-1/seite/735. 29\] Siehe Mirowski, More Heat than Light. 30\] Zitiert nach Dobb, Wert- und Verteilungstheorien seit Adam Smith, S. 13. 31\] Marx, Einleitung \[zu den „Grundrissen der Kritik der politischen Ökonomie“\], MEW, Bd. 42, S. 19. 32\] Der Begriff geht auf den Soziologen Sebastian Herkommer zurück, der die „Fiktionsweise ohne Phantasie“ (S. 31ff.) von der „Fiktionsweise mit Phantasie“ (S. 73ff.) abgrenzt: Sebastian Herkommer, Ideologie. Eine Einführung, Hamburg 1985. ### Marx-Engels-Werke: Keine unschuldige Lektüre URL: https://blog.stuetzle.cc/marx-engels-werke-keine-unschuldige-lektuere/ Last updated: 2023-05-02T21:17:51.000Z Im [Interview mit *neues deutschland*](https://www.nd-aktuell.de/artikel/1172625.marx-engels-forschung-marx-engels-werke-keine-unschuldige-lektuere.html?ref=blog.stuetzle.cc) spricht Ingo Stützle vom [Karl Dietz Verlag Berlin](https://dietzberlin.de/?ref=blog.stuetzle.cc) über Mühen und Erkenntnisgewinn der Überarbeitung der Marx-Engels-Werke. ***Sebastian Klauke:*** *Ende März 2023 ist die überarbeitete Neuauflage des Bands 21 der Marx-Engels-Werke (MEW) erschienen. Warum sollte dieser heute noch gelesen werden?* **Ingo Stützle:** Der Band umfasst die Texte, die nach Marx’ Tod im März 1883 entstanden sind. Engels war in dieser Zeit mit dem Nachlass von Marx und ihrem gemeinsamen politischen und publizistischen Erbe betraut. Wie er dieses Erbe annahm und was er daraus machte, lässt sich in dem Band nachvollziehen. Es findet sich darin etwa Engels’ »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« sowie »Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie«. Dies sind zwei Texte, die vor allem aufgrund der politischen Umstände zu dem wurden, als das sie bis heute gelten: zu Referenzwerken des historischen Materialismus, wie er sich nach Marx’ Tod herausbildete. *Seit 2019 sind Sie zuständig für die Überarbeitung der MEW beim Karl-Dietz-Verlag in Berlin. Was bedeutet »überarbeiten« in diesem Fall?* Ich führe beim Verlag fort, was dort seit 2006 gemacht wird. Damals feierte die Werkausgabe den 50\. Geburtstag. Zu diesem Anlass verfassten die damaligen Bearbeiter Rolf Hecker und Richard Sperl nicht nur ein neues Vorwort für die Neuauflage, sondern es wurde ins Auge gefasst, die Bände sukzessive zu überarbeiten. Seit 2006 erfolgt die Herausgabe der MEW durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Dank der Stiftung ist es überhaupt möglich, dass die Bände weiterhin lieferbar sind und überarbeitet werden können. Inzwischen wurden acht Bände aufbereitet. Wesentlich geht es dabei um das Vorwort und den Apparat der Bände – die Texte, ihre Auswahl und Anordnung bleiben bestehen. Die Vorworte der einzelnen Ausgaben wurden bis 1990 immer vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee (ZK) der SED gezeichnet. Sie hatten eine ideologisch-politische Funktion, die darin bestand, Marx und Engels staatsoffiziell auszulegen. Aus diesem Grund werden die Vorworte bei Neuauflagen ersetzt. *War der Anmerkungsapparat auch ideologisch eingefärbt?* Ja und Nein. In den Anmerkungen schlagen zwar häufig jene für die Texterschließung wertvollen Sachinformationen in Bewertungen im Sinne des Marxismus-Leninismus um. So fehlen etwa vollständige Angaben zur Textgeschichte, was der vom ZK angestrebten Enthistorisierung der Schriften entgegenkam. Die Texte sollten aktuell und allgemeingültig zugleich wirken – Klassiker, die die SED-Herrschaft legitimieren. Die Schriften von Marx und Engels selbst wurden jedoch weder verkürzt noch verfälscht, sondern auf Grundlage der Originale ediert. Vor diesem Hintergrund stellt sich bei jeder Neuauflage die Frage, wie Verlag und Herausgeberin ihrem Anspruch am sinnvollsten gerecht werden können, der politischen Verantwortung nachzukommen, die mit dieser Imprägnierung der MEW einhergeht. *Worin liegen die größten Herausforderungen Ihrer Arbeit?* Nicht zu viel und nicht zu wenig zu ändern und eine historisch-kritische Einordnung der Texte vorzunehmen, ohne den Zeitgeist einzuflechten. Denn die Anmerkungen sollen keine Kommentare zum Text sein, sondern Erläuterungen. Die Herausforderung ist also nicht zu kommentieren, obwohl ich natürlich eine Meinung zu diesem und jenem habe. *Gibt es neue Erkenntnisse, die auch Sie bei Ihrer Arbeit überraschen?* Eine Re-Lektüre von Texten ist meistens überraschend. Denn man liest die Ausführungen mit neuen Augen, mit neuen Fragen im Kopf und bringt durch die Lektüre anderer Texte Neues mit, weiß also selbst mehr. Man liest deshalb anders und wird überrascht, gerade wenn man denkt, den Text bereits zu kennen. Das ist, was der französische Marxist Louis Althusser meinte, als er behauptete, es gebe keine »unschuldige« Lektüre von Texten. *Das Vorhaben der Überarbeitung existiert schon länger, in der DDR etwa gab es neben der MEW noch eine weitere Gesamtausgabe.* Ja, ab 1975 erschien beim Dietz-Verlag die Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2). Damit verbunden war ein Qualitätssprung in der Edition der Werke von Marx und Engels, sie wird also nicht ohne Grund noch immer weitergeführt. Sonst wurde ja fast alles, was aus der DDR kam, abgewickelt – aber die Gesamtausgabe von Marx und Engels nicht! Auf dieser Grundlage wurden MEW-Bände bereits in den 1980er-Jahren überarbeitet oder neu ediert. Wie die hochgestellte Ziffer bei MEGA2 verrät, gab es aber zuvor schon eine Gesamtausgabe. In der Sowjetunion war in den 1920ern und 1930ern eine historisch-kritische Ausgabe angestrengt worden – übrigens inklusive einer Kooperation mit dem Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main, das dieses Jahr sein 100\. Jubiläum feiert. Die Arbeit an dieser ersten Edition wurde allerdings unter Stalin abgebrochen, die wichtigsten Mitarbeiter am Marx-Engels-Institut wurden entlassen, viele ermordet. Was ja Bände spricht: Stalin wollte nicht, dass Marx und Engels im Original gelesen werden. *In welchem Verhältnis stehen die MEW zur Marx-Engels-Gesamtausgabe? Gibt es hier einen Austausch?* Während die beiden Editionen früher organisatorisch und verlegerisch unter einem Dach waren – bis 1993 erschien die MEGA2 bei Dietz – gibt es inzwischen keinen offiziellen Austausch mehr. Die MEGA² ist für die Marx-Forschung, für die Edition von Studientexten und für Übersetzungen sowie für die politische und wissenschaftliche Diskussion von immenser und grundlegender Bedeutung, weil sie die Textgrundlagen erschließt, auf denen alles Folgende basiert. Die Editionsprinzipien der MEGA2 unterscheiden sich von denen der MEW: Als Gesamtausgabe strebt erstere eine vollständige und originalgetreue, historisch-kritische Edition an. Dies umfasst auch die Darstellung der Textentwicklung vom Manuskript zur Druckfassung sowie zwischen den unterschiedlichen Druckfassungen. Die MEW als Studienausgabe hingegen beinhaltet die letzte Fassung der Texte und alles ist ins Deutsche übersetzt. Innerhalb der MEGA2 stehen noch viele Bände aus, die unser Bild von Marx und Engels beträchtlich erweitern werden. Inzwischen werden sie auch online zugänglich gemacht. Es ist daher sehr zu wünschen, dass dieses Projekt, wie vorgesehen, bis zum Abschluss weiter gefördert wird. Zeitaufwendige Großeditionen stehen ja in der Wissenschaftspolitik seit Längerem in starkem Gegenwind und allenthalben werden Finanzierungsvorbehalte geäußert. Solche Editionen wie die MEGA2 stellen aber eine immens wichtige Grundlagenwissenschaft dar. *Welche Veröffentlichungen der Marx-Forschung der letzten Jahre erachten Sie außerdem als besonders wichtig?* Neben der MEGA2 gibt es de facto die »Beiträge zur Marx-Engels-Forschung« und die »Marx-Engels-Jahrbücher«, die sehr nah an den Texten sind. Sie beschäftigen sich losgelöst von theoretischen oder politischen Fragen mit dem Werk von Marx und Engels selbst. Besonders dankbar kann man für die MEGA2-Edition der unvollendeten Manuskripte und Exzerpte von Marx und Engels sein – und denjenigen, die im Rahmen ihrer Arbeit an der Edition eine Promotion verfasst haben, etwa Ulrich Pagel zur »Deutschen Ideologie«, Timm Graßmann zu Marx’ Krisenverständnis oder Kohei Saito zu den naturwissenschaftlichen Exzerpten. Sehr gespannt bin ich auch auf die Arbeit von Emanuela Conversano. Sie arbeitet derzeit zu Marx’ ethnologischen Studien, die gerne herangezogen werden, um zu unterstreichen, dass Marx eurozentristische Positionen nach und nach aufgegeben hat. *Welcher Band wird innerhalb der MEW als Überarbeitung folgen?* Bisher war es möglich, sich die Reihenfolge sozusagen vom Abverkauf diktieren zu lassen. Das wird zukünftig nicht mehr so sein. Unsere Bestände stammen zum Teil noch aus der Zeit vor 1990, zu viele Bände müssen gleichzeitig überarbeitet werden. Das ist vom Arbeitsaufwand und auch finanziell kaum zu stemmen. Gerade bei Bänden, deren Nachdruck aufgrund der Nachfrage nur in kleinen Auflagen gerechtfertigt wäre, etwa die Briefbände. Hier übersteigen die Herstellungskosten den Verkaufspreis unverhältnismäßig. *Welche Bücher werden – neben den Bänden des Kapitals – am häufigsten nachgefragt?* Das sind die »Grundrisse« (MEW 42) und die zeitlich danach entstandenen ökonomischen Manuskripte in den Bänden 43 und 44, »Die deutsche Ideologie« – also MEW 3 – und der vierte Band mit unter anderem dem »Kommunistischen Manifest« sowie die Frühschriften, die sich in den Bänden 1 und 40 finden. Briefe und die Bände der 1850er und 1860er-Jahre, in denen sich viele journalistische und organisationspolitische Schriften finden, sind indes nicht der Renner. *Ist eine Digitalisierung der MEW geplant?* Wir sind mittendrin. Digitalisiert sind sie ja schon seit Jahren, in diversen Formaten und auch zugänglich gemacht auf den unterschiedlichsten Websites. Von uns gab es etwa CDs oder eine USB-Card mit einer innovativen Suchfunktion. Jetzt sitzen wir gemeinsam mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung an einer digitalen Edition. Sie wird hoffentlich die Zugänglichkeit, Lektüre und Arbeit auf ganz neue Füße stellen und den MEW nicht nur in Form der blauen Bände, sondern auch als digitale Edition eine Heimat geben. *2018 ist der vollständig neue MEW-Band 44 erschienen. Wird es weitere gänzlich neue Bände geben?* MEW 44 war der erste neue Band nach 1990, bearbeitet von Rolf Hecker und mir. Mit ihm arbeite ich jetzt an Band 45\. Was viele nicht wissen: Die englische und auch die russische Werkausgabe umfassen deutlich mehr Bände als die deutschsprachige MEW. Nach 1990 wurden diese Editionsprojekte nicht einfach abgebrochen. In Deutschland schon. *Was wird uns mit MEW 45 erwarten?* Das ist schwer zusammenzufassen, weil wir mit diesem Band versuchen, alles das in die Werkausgabe aufzunehmen, wovon wir denken, dass es im Rahmen der Studienausgabe ediert gehört und nicht in einer Einzelpublikation, wie wir etwa Engels »Anti-Dühring« 2020 aufgelegt haben. In MEW 45 werden knapp 200 Briefe von Marx und Engels zugänglich gemacht, die in den letzten 50 Jahren aufgetaucht sind, etwa die Briefe an La Chârtre, dem Verleger der französischen Übersetzung des »Kapitals«. Aber auch ein paar Texte aus der Frühphase, die bisher nicht berücksichtigt wurden sowie Beiträge zu Polen und Russland werden wir edieren, die teilweise laut Meinung des Moskauer Instituts für Marxismus-Leninismus 1952 »nicht in Deutschland publiziert werden sollten«. Grund war unter anderem die nicht gerade wohlwollende Marx’sche Charakterisierung Russlands. Es ist genau diese Geschichte, die wir als Verlag kritisch aufzuarbeiten gedenken. Erschienen in: *[neues deutschland](https://www.nd-aktuell.de/artikel/1172625.marx-engels-forschung-marx-engels-werke-keine-unschuldige-lektuere.html?ref=blog.stuetzle.cc)*, 22.4.2023 ### Material für Theoriearbeit: Was Karl Marx und Friedrich Engels in England suchten und fanden URL: https://blog.stuetzle.cc/material-fuer-theoriearbeit-was-karl-marx-und-friedrich-engels-in-england-suchten-und-fanden/ Last updated: 2023-04-01T07:49:32.000Z > »In England ist immer Wales eingeschlossen, in Großbritannien England, Wales und Schottland, im Vereinigten Königreich jene drei Länder und Irland.« > > Karl Marx: Das Kapital, MEW, Bd. 23, S. 683, Fn. 107. Im Vorwort zur Erstauflage des »Kapitals« von 1867 schreibt Karl Marx, dass die »klassische Stätte« der kapitalistischen Produktionsweise England ist. Dies sei der Grund, warum er es zur »Hauptillustration« seiner »theoretischen Entwicklung« herangezogen habe. Wer glaube, mit den Achseln zucken zu müssen, so Marx weiter, dem rufe er zu: »Über dich wird hier berichtet!« Sein Hauptwerk »Das Kapital« erschien fast 20 Jahre nachdem er auf die Insel geflüchtet war; die englische Übersetzung des ersten Bandes des »Kapitals« sollte er jedoch nicht mehr erleben. Sie erschien vier Jahre nach seinem Tod im Jahr 1883\. Warum fand Marx England so zentral für die Analyse des Kapitalismus, stellte diese aber auf Deutsch an? England war nicht Marx\` Wahlheimat, sondern das Land, das ihn noch aufnahm, nachdem er aus einigen europäischen Ländern ausgewiesen wurde. Seit Ende 1845 war er staatenlos. Die Muttersprache seiner jüngsten Tochter, Eleanor, 1855 in London geboren, lernte er spät: Englisch. In der Schule wurde sie nicht gelehrt und im Gegensatz zu seiner Frau, Jenny Marx, hatte er keinen Privatunterricht. Französisch war seine Passion. Selbst die Klassiker der Politischen Ökonomie, Adam Smith und David Ricardo, las und exzerpierte Marx zunächst in französischer Übersetzung – im Pariser Exil. Bis zu einem Studienaufenthalt im Sommer 1845 findet sich in seinen Exzerpten kein einziges englischsprachiges Buch. Diese Studienreise unternahm Marx mit Friedrich Engels – nach dem Verbot der »Rheinischen Zeitung«, die Marx leitete und vor den Revolutionen und demokratischen Massenbewegungen, die 1848 fast ganz Europa erfassten. Was man sich heute kaum mehr vorstellen kann: Der Aufenthalt galt der Lektüre. Viele Bücher gab es auf dem Festland weder käuflich zu erwerben noch in Bibliotheken. Kopiergeräte existierten nicht, also lasen und exzerpierten Marx und Engels gemeinsam über mehrere Wochen Bücher aus diversen Bibliotheken und Leihgaben sozialistischer Kampfgefährten. Engels hatte einen anderen Werdegang, wenngleich auch er nach der gescheiterten Revolution nach England emigrierte. Aber nicht in Armut und Ungewissheit wie Marx, sondern in die Chefetage einer Fabrik. Auch konnte er schon fließend Englisch. Schon lange schwebte Engels\` Vater vor, dass »Ermen & Engels« ein geachtetes deutsch-englisches Familienunternehmen werden sollte, geleitet von den Söhnen. Bereits im Frühjahr 1840 hatte Engels‘Vater den angehenden Kaufmann Friedrich auf eine Reise nach England mitgenommen. Ende März 1841 beendete dieser zwar seine Lehre im Handelshaus Heinrich Leupold in Bremen, aber sie war für die ihm zugedachte Zukunft nicht ausreichend. Er sollte in Manchester »English commercial methods« erlernen: Kalkulationen, Preise, Geschäftspraktiken, Maschinenparks, Technologien, um diese recht schnell nach Engelskirchen zu bringen – so die Idee des Vaters. Der junge Friedrich Engels sollte als »General Assistent« Peter Ermen in Manchester zur Seite stehen, davor jedoch Land und Leute kennenlernen. Von Anfang Dezember 1842 bis Mitte August 1844 lebte er in England. Die Berichte aus dieser Zeit sind weniger schmeichelhaft. Peter Ermen gab zu Protokoll: »Er arbeitete so wenig für die Firma, wie er sich leisten konnte, und verbrachte seine meiste Zeit auf politischen Versammlungen und mit dem Studium der sozialen Zustände Manchesters.« Das stimmt natürlich nicht ganz, denn nach zehn Stunden Arbeit besuchte er sogar noch die Nachtschule, um sein Englisch zu verbessern. Diesen Aufenthalt nutzte er aber auch, seine Sozialstudie »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« auszuarbeiten, die 1845 erschien, eine Arbeit, die Marx immer wieder in höchsten Tönen lobt. In einem zu Lebzeiten nicht publizierten Manuskript heißt es: »Die beiden Schriften von Dr. Ure und Friedrich Engels sind unbedingt die besten über das Fabriksystem und beide dem Inhalt nach identisch, nur das Ure als Knecht dieses Systems ausspricht, als innerhalb des Systems befangner Knecht, was Engels als freier Kritiker.« Was Engels in seinem Buch dokumentierte, war jedoch keine Analyse des Kapitalismus, sondern Material, das Marx für die Illustration seiner »theoretischen Entwicklung« im »Kapital« verwendete, wie er sich ausdrückt. Dennoch war es nicht nur Engels’ Buch, das Marx für sein »Kapital« zu Rate zog, sondern er profitierte über Jahre auch von dessen Praxiswissen. In den vielen Briefen, die sie austauschten, erkundigte sich Marx immer wieder nach Praktiken in der Buchhaltung oder nach Berufsbezeichnungen und maschinellen Vorgängen. Aber nicht nur das: Marx besuchte sogar einen Kurs an der »Royal School of Mines«, bei Professor Robert Willis, um mechanische Prozesse im Bergbau besser zu verstehen. England war jedoch nicht nur industrieller Vorreiter, sondern die koloniale Weltmacht und kapitalistische Avantgarde auch in anderen Bereichen. Nicht zuletzt aufgrund des entwickelten Bankensystems, in dessen Zentrum die Bank of England stand, mit dem britischen Pfund als Weltgeld, was wiederum Kapital anzog, das sich dank der modernen englischen Industrie optimal verwerten ließ. England war um die Mitte des 19\. Jahrhunderts also der ideale Ort, um darüber nachzudenken, was den Kapitalismus eigentlich kapitalistisch macht. England war auch Ursprungsland der kapitalistischen Logik. Damit ist nicht die Erfindung der Dampfmaschine gemeint. Damit diese neue Antriebstechnik überhaupt ihren Zweck erfüllen konnte, bedurfte es zweier Voraussetzungen: des modernen Eigentums und einer Produktionstechnik, an der man die industrielle Revolution tatsächlich festmachen kann. Modernes Eigentum ist nicht allein durch das Recht bestimmt, Dritte von Nutzungsrechten ausschließen zu können, sondern Eigentum ist zentrales Moment des ökonomischen Reproduktionsprozesses, der Akkumulation. Die Spezifik des kapitalistischen Eigentums ist, dass sich auf seiner Grundlage die Bewegung G-G’ vollzieht, dass aus vorgeschossenem Geld mehr Geld wird, sich Kapital verwertet. Dafür bedarf es jedoch Eigentumslose, die gezwungen sind, im Dienst des neuen Eigentums zu arbeiten – als Lohnabhängige. Der Scheidungsprozess vollzog sich im Bereich der Agrikultur, auf dem Land, schaffte Grundeigentümer auf der einen und doppelt freie Lohnarbeiter auf der anderen Seite. Dieser Prozess revolutionierte die Eigentumsverhältnisse. Im Zuge der Einhegung und der Zerstörung der Gemeingüter, der Enteignung der Bauernschaft von Grund und Boden, wurde die moderne Form des Privateigentums durchgesetzt, die ökonomische Voraussetzung dafür organisiert, dass die eigene Arbeitskraft verkaufen werden musste. Marx nannte diesen Prozess ironisch die sogenannte ursprüngliche Akkumulation und sah England lange als das Land, in dem der Prozess in idealtypischer Weise stattgefunden hatte. Diese Voraussetzung ermöglichte laut der Historikerin Ellen Meiksins Wood eine Dynamik, die in den spezifisch englischen Bedingungen gründete, der Dreierkonstellation aus Grundeigentümern, Pächtern und Lohnarbeitern. »Pächter waren gezwungen, nicht nur auf einem Markt um Konsumenten zu konkurrieren, sondern auf einem Markt für den Zugang zu Land.« Diese Konkurrenz um Land brachte den Zwang, möglichst gute Renten zahlen zu können, was durch die Erhöhung der Produktivität ermöglicht werden sollte. Aus dem Markt als Möglichkeit wurde ein Imperativ. Um in der Konkurrenz mithalten zu können, wurde die Steigerung der Produktivität das zentrale Mittel. Sie ist aufs Engste mit dem Begriff der industriellen Revolution verknüpft. Was macht diese aus, wenn es nicht die Dampfmaschine ist? Der Technikhistoriker Akoš Paulinyi argumentiert, aufbauend auf Marx, dass die Produktionstechnik den Ausschlag gibt, nämlich die Ablösung der Hand-Werkzeug-Technik durch die Maschinen-Werkzeug-Technik – und zwar nicht nur punktuell, sondern als vorherrschendes Prinzip. Den unmittelbaren Produzenten wurde also das Werkzeug »aus der Hand« genommen, ihre Arbeitsqualifikationen entwertet. Erst indem das Werkzeug selbst Teil einer Maschinerie wurde, konnte die Antriebskraft (Dampfmaschine) den Arbeitsprozess in einem Maße beschleunigen, die mit Handarbeit niemals denkbar gewesen war – ein Prozess der sich in England zwischen 1760 und 1860 vollzog. Dieser Paradigmenwechsel in der Produktionstechnik markiert die industrielle Revolution; das Elend, das sie produzierte, zeigte Engels in seinem Buch von 1845. Für Marx hingegen war England der ideale Ort für die Analyse des Kapitalismus, weil dort die bürgerliche Gesellschaft in Form der Wissenschaft »Politische Ökonomie« bereits früh begann, Anschauungen von sich selbst zu erarbeiten. Deshalb musste Marx trotz der Studienreise von 1845, wie er es 1859 rückblickend ausdrückte, »ganz von vorn wieder anfangen« und sich »durch das neue Material kritisch« durcharbeiten, weil das »ungeheure Material für Geschichte der politischen Ökonomie, das im British Museum aufgehäuft ist« einen günstigen Standpunkt für die Beobachtung der bürgerlichen Gesellschaft gewährte. In den 1850er Jahren war Marx noch ganz eingenommen davon, dass England den Fortschritt in die Welt trägt – und sei es als brutale Kolonialmacht. Das lässt sich in seinen Artikeln für die »New York Daily Tribune« (NYDT) nachlesen. Dieses »Zeitungsschmieren« (Marx), mit dem er sein Lebensunterhalt verdiente, war es auch, das ihm zunehmend ein schriftliches Englisch abverlangte. Erst ab Januar 1853 begann er, seine Artikel für die NYDT auf Englisch zu schreiben, nachdem sie Engels zuvor übersetzt hatte. Dieser schreibt anerkennend: »Je t‘en fais mon compliment. Das Englisch ist nicht nur gut, es ist brillant.« Marx sah lange in der englischen Entwicklung die Zukunft für andere Länder, die Dynamik betrachtete er als alles andere als zufällig. Das änderte sich in den 1870er Jahren, seine Aussagen waren jedoch Anlass für kritische Fragen, deren Beantwortung ihm alles andere als leichtfiel. So konfrontierte die russische Revolutionärin Wera Sassulitsch Marx kurz vor seinem Tod mit seinem Satz zu England aus dem »Kapital« und fragte, was das für Russland bedeute, einem Land, in dem etwa die Dorfgemeinde eine soziale Eigentumsform darstelle, die noch nicht von der kapitalistischen Logik vereinnahmt sei. Marx‘ »Kapital« wurde bereits 1872 ins Russische übersetzt. Es war die erste fremdsprachige Ausgabe überhaupt. Somit prägte diese den Diskurs des radikalen Milieus in Russland, wenn auch viele im Exil lebten und, wie Sassulitsch in Genf, das »Kapital« auch auf Deutsch oder Französisch hätten lesen können. Die Briefe an Marx formulierte Sassulitsch auf Französisch, der wiederum in der gleichen Sprache antwortete und auch die französische »Kapital«-Ausgabe zur Beantwortung der Frage heranzog. In der 1\. und 2\. Auflage des »Kapitals« schreibt Marx noch davon, dass die Geschichte der »Expropriation der Arbeiter von Grund und Boden« als Grundlage der sogenannten ursprünglichen Akkumulation »in verschiednen Ländern verschiedne Färbung« annehme und nur in England ihre »klassische Form« besitze. In der französischen Übersetzung spricht er nicht mehr allgemein von »verschiednen Ländern«, sondern von den »pays de l’Europe occidentale« (den westeuropäischen Ländern) und vermeidet den Ausdruck »klassische Form« für England. Gegen Ende des Lebens gewinnt zudem der sich in den USA entwickelnde Geld- und Kapitalmarkt zunehmend für Marx‘Analyse an Bedeutung, wie auch die Peripherie für ihn nicht mehr nur defizitär gegenüber der kapitalistischen Entwicklung ist. Keine zwei Jahre vor seinem Tod kündigt er schließlich an, das »Kapital« grundlegend umzuarbeiten. England berichtet nicht mehr von unserer Zukunft. Und Engels? Auf die Frage August Bebels, ob er nach dem Ende des Sozialistengesetzes, das im Herbst 1890 der Sozialdemokratie endlich wieder erlaubte, legale Strukturen und Publizistik zu haben, wieder nach Deutschland komme und der sozialistischen Bewegung zur Seite stehe, präsentierte Engels ganz ungewohnte Vorteile des englischen Exils: »Seit dem Ende der Internationale ist hier absolut keine Arbeiterbewegung außer als Schwanz der Bourgeoisie, Radikalen und für kleine Zwecke innerhalb des Kapitalverhältnisses. Also hier allein hat man Ruhe für theoretisches Weiterarbeiten.« Erschienen in: [OXI. Wirtschaft anders denken, Nr. 3/2023 vom 10\. März 2023](https://oxiblog.de/marx-engels-england-material-fuer-theoriearbeit/?ref=blog.stuetzle.cc) ### Silvester: Die Unsitte des Einschlagens der Zylinderhüte scheint abgenommen zu haben URL: https://blog.stuetzle.cc/silvester-die-unsitte-des-einschlagens-der-zylinderhuete-scheint-abgenommen-zu-haben/ Last updated: 2022-12-30T14:53:09.000Z Auch vor über 100 Jahren wurde heftig über Silvester-Bräuche diskutiert, jedoch nicht über Böllern. > Ein Standardbericht sah folgendermaßen aus: „Die Silvesternacht ist in Berlin, begünstigt vom besten Wetter, im großen und ganzen recht lebhaft, aber ohne besonderen Radau verlaufen. Verhaftungen sind weniger als sonst vorgekommen, und auch die Zahl der Sistierten war geringer als in früheren Jahren. Auf den Straßen wurde es um Mitternacht lebhafter, besonders wie immer in der Friedrichstraße, Ecke Behren- und Französischen Straße, wo schließlich mehrere Tausend Personen sich eingefunden hatten, die zum Ulken aufgelegt waren, aber von der zahlreich versammelten Schutzmannschaft fortwährend zum Weitergehen veranlaßt wurden, wodurch Ausschreitungen vermieden wurden. Harmloser Unfug, wie das Werfen von Konfetti, das Benutzen von allerhand Dingen zum Radaumachen und Singen wurde nur bei Übertreibungen verboten. Über solch scherzhaften Ulk amüsierten sich selbst die Wachleute und duldeten ihn selbst dann, wenn er einmal auf ihre Kosten getrieben wurde. Der Verkehr in den Straßen und Lokalen war in der ganzen Nacht lebhaft; erst gegen Morgen wurde es ruhiger, so daß die Schutzmannschaft zurückgezogen werden konnte. Die Unsitte des Einschlagens der Zylinderhüte scheint abgenommen zu haben. — Ein amtlicher Bericht lautete: Die Sylvesternacht ist in gewohnter Weise verlaufen. Größere Exzesse haben nicht stattgefunden. Im ganzen wurden 278 Personen wegen Unfugs festgenommen, davon 180 in der Gegend der Friedrichstraße und Unter den Linden; in den äußeren Stadtbezirken ging es verhältnismäßig ruhig zu.“ \[…\] > > Den Ursprung des großstädtischen Silvesterbrauchs zu ergründen, ist diese Untersuchung nicht der geeignete Ort. Über seine unmittelbare Vorgeschichte in der zweiten Hälfte des 19\. Jahrhundert lassen sich jedoch einige Informationen zusammenstellen, die die fortwährende Rede von seinem Rückgang zumindest im ersten Jahrzehnt des 20\. Jahrhunderts als Wunschvorstellung erscheinen lassen. Die seit 1890 von der Schutzmannschaft geführten Nachweisungen über die Anzahl der Sistierungen während der Silvesternacht zeigen, daß 1904 der Höhepunkt des polizeilichen Einschreitens mit 331 erreicht wurde. > > Aus: Thomas Lindenberger: [Straßenpolitik. Zur Sozialgeschichte der öffentlichen Ordnung](https://www.academia.edu/2780673/Stra%C3%9Fenpolitik%5FZur%5FSozialgeschichte%5Fder%5F%C3%B6ffentlichen%5FOrdnung%5Fin%5FBerlin%5F1900%5F1914%5F432%5Fp?source=swp%5Fshare) \[link zum PDF\] in Berlin 1900 bis 1914, Bonn 1995 ### Wie die Mathematik in die Wirtschaftswissenschaften kam und die Verhältnisse mystifiziert URL: https://blog.stuetzle.cc/wie-die-mathematik-in-die-wirtschaftswissenschaften-kam-und-die-verhaeltnisse-mystifiziert/ Last updated: 2022-12-21T10:03:32.000Z Wenn jeder Mensch auf eine Zahl reduziert wird, kann das Unternehmen niemals die ganze Person sehen«, heißt es im Harvard Business manager (7/2022, S. 28), womit das Magazin eine gängige Kritik formuliert, warum der Kapitalismus unmenschlich ist, nämlich, dass von all dem, was einen Menschen ausmacht, abstrahiert wird und am Ende nur eine Zahl übrig bleibt. Ein Businessmagazin hat selbstredend keine Gesellschaftskritik im Sinn. Wer diese jedoch formuliert, kommt nicht umhin, auch die Wirtschaftswissenschaften zu kritisieren, die beanspruchen, die herrschende Wirtschaftsweise zu verstehen. Nicht ohne Grund trägt Marx’ Hauptwerk »Das Kapital« den Untertitel »Kritik der Politischen Ökonomie«, womit der Kapitalismus und die Wissenschaft gemeint sind. Und die Disziplin, selbst die Strömungen, die sich als »heterodox«, also nicht dem Mainstream folgend, verstehen, zeichnen sich heute durch Mathematik aus: Formeln, Gleichungssystem, Kurven und Matrizen. In einem verhältnismäßig weit verbreiteten heterodoxen VWL-Lehrbuch heißt es: »Es gibt Vertreter in der Zunft der Volkswirte, die davon ausgehen, dass erst mit der Einführung der Mathematik die Volkswirtschaftslehre zur Wissenschaft geworden ist und theoretische Aspekte, die nicht mathematisch formulierbar sind, in der Volkswirtschaftslehre keinen Platz haben sollten.« ## Die marginalistische Revolution Mathematik fasste erst im 19\. Jahrhundert Fuß in den Wirtschaftswissenschaften, während aus political economy die Selbstbezeichnung economics wurde, und mauserte sich zur tonangebenden wissenschaftlichen Methode. Das lässt sich anhand der Verwendung in Fachzeitschriften aufzeigen. So wurden 1930 in zehn Prozent der Beiträge in den Fachzeitschriften Economic Journal und American Economic Review Formeln verwendet, während es 50 Jahre später bereits 75 Prozent waren. Im Jahr 1892 wurden in 95 Prozent aller Artikel in den vier führenden Wirtschaftszeitschriften weder geometrische Darstellungen noch Formeln verwendet, während etwa hundert Jahre später sich das Verhältnis umgedreht hatte. Dieser Prozess ging mit der sogenannten marginalistischen Revolution einher, die sich im letzten Drittel des 19\. Jahrhunderts vollzog und die neue Fragestellungen etablierte. Die gesellschaftliche Konfliktlinie war nicht mehr die zwischen grundbesitzendem Feudaladel und industriellem Kapital, wie zur Zeit der ökonomischen Klassik (von William Petty bis David Ricardo), sondern der Kapitalismus hatte sich bereits etabliert und die zentrale Konfliktlinie war nunmehr die zwischen Lohnarbeit und Kapital – zwischen formal Freien und Gleichen, die gleichermaßen nach Glück streben. Der neue Klassenkonflikt kippte auch ein zentrales Theorem der damals herrschenden Lehre. Während bis in die 1860er Jahre davon ausgegangen worden war, dass für Löhne ein begrenzter Fonds des gesellschaftlichen Reichtums zur Verfügung stehe, der nicht vergrößert, nur anders aufgeteilt werden könne, musste dieses Theorem aufgrund von Erfolgen der Arbeiter\*innenklasse aufgegeben werden: Die Löhne stiegen, ohne dass die Arbeitslosigkeit wuchs. Es wurde daraufhin die Flucht nach vorne angetreten und anerkannt, dass die Distributionsverhältnisse gesellschaftlich veränderbar sind; die Produktionsverhältnisse seien jedoch Ausdruck technischer Notwendigkeiten und damit unveränderlich. > Das Marginalprinzip stellte für die Politische Ökonomie die Brücke zur Mathematik her. Hinzu kamen die Attacken auf die sogenannte Arbeitswerttheorie, die zunehmend Sozialist\*innen für sich in Anspruch nahmen, um ihr Anrecht auf das ganze Arbeitsprodukt zu begründen. Der Wirtschaftshistoriker Mark Blaug resümiert hier: »Es ist bezeichnend, dass die Autoren, die die Ansichten der ›Arbeitstheoretiker‹ angriffen (…) auch unter den ersten waren, die die Abstinenztheorie des Profits hervorbrachten (d.h. dass Profit auf Sparen zurückgehe; ISt.). In diesem Sinne waren die theoretischen Neuschöpfungen dieser ›vernachlässigten britischen Ökonomen‹ nicht ohne Beziehung zu der Natur des Klassenkampfes nach 1830.« Mit diesen und anderen Verschiebungen stand nicht mehr die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums im Zentrum, sondern wie Individuen ihre Bedürfnisse maximal befriedigen – und alle ihren gerechten Anteil vom Kuchen bekommen. Diese Verschiebung brachte einen neuen ökonomischen Wertbegriff hervor. Der unterschiedliche Wert der Produkte wurde fortan aus dem Grenznutzen (deshalb: marginalistisch) erklärt, also dem Nutzenzuwachs, den jede zusätzliche Einheit im Verhältnis zur vorherig konsumierten zeitigt. Für das erste Bier mag ich noch bereit sein, viel auf den Tisch zu legen, für alle weiteren weniger. ## Formalisierung der Ökonomie Nachdem die Differenzialrechnung Teil der höheren Schulbildung wurde, war diese auch für Ökonom\*innen anwendbar. Das Marginalprinzip wiederum stellte für die Politische Ökonomie die Brücke zur Mathematik her. Die Konzeption des Grenznutzens lässt sich mathematisch wie viele Naturgesetze darstellen. Diese Konzeption von Francis Edgeworth (1845-1926) griff Vilfredo Pareto (1848-1923) auf und entwickelte die noch verwendete Definition eines (gesellschaftlichen) Optimums: ein Zustand bei dem keine*r besser gestellt werden kann, ohne mindestens eine*n schlechter zu stellen (Pareto-Prinzip). Diese Kurvengrafiken lassen sich auch als mathematische Funktion darstellen, etwas, das man in der Schule in der Sekundarstufe nahegebracht bekommt. Der Wissenschaftshistoriker Philip Mirowski zeigte auf, wie Ökonom\*innen bewusst die Physik für sich in Anspruch genommen haben, um ihre Wissenschaft auszubuchstabieren bzw. besser: zu formalisieren. Es wurden nicht einfach physikalische Metaphern verwendet, sondern die »Naturgesetze« waren das Vorbild, um ökonomische Gesetzmäßigkeiten zu formalisieren. Das gilt für zentrale Vertreter der Disziplin. »Ökonomische Wahrheiten«, so etwa Alfred Marshall (1842-1924), seien »so eindeutig wie die Geometrie«; Politische Ökonomie sei »Mechanik des Nutzens und des Eigeninteresses«, meinte William S. Jevons (1835-1882) bzw. eine »mathematisch-physische Wissenschaft«, so Léon Walras (1834-1910). Im weiteren Verlauf wurde diese Modellierung auf nahezu alle Bereiche der Wirtschaft übertragen. Mit Pareto verzichtete man schließlich ganz auf den Rückgriff auf Nutzen und skalierte nur noch Präferenzen. Ohne es offen auszusprechen war die erste Generation der Grenznutzentheorie nämlich in eine Sackgasse geraten: Es ist unmöglich, subjektiven Nutzen intersubjektiv zu messen und zu vergleichen. Jevons behauptete zwar, dass seine Wissenschaft mathematisch sein müsse, allein aus dem einfachen Grund, weil sie mit Quantitäten arbeitet – welche Qualität diese Größen jedoch sind und warum sie vergleichbar und deshalb miteinander »verrechenbar« sein sollten, darüber schwieg er sich aus. ## Ein neues begriffliches Koordinatensystem Marx kritisiert, dass moderne Kategorien der Politische Ökonomie wie Geld, Ware und Kapital als natürliche Gegebenheiten menschlichen Lebens erscheinen und eben nicht als das erkannt und verhandelt werden, was sie sind: historisch-spezifische soziale Verhältnisse. Mit der Neoklassik als dominante Wirtschaftstheorie findet eine Naturalisierung zweiter Ordnung statt. Menschen werden nicht nur zum nutzenmaximierenden Individuum erklärt, kapitalistische Logik als Menschennatur festgeschrieben, sondern mit der mathematischen Modellierung und Formalisierung findet eine weitere Versachlichung sozialer Verhältnisse statt, indem die Kategorien der Politischen Ökonomie in mathematische Modelle gebannt werden, wo vermeintlich nur noch mathematische Gesetzmäßigkeiten gelten. Das zeigt sich etwa für den Gebrauch von Produktionsmittel, in den mathematischen Modellen der Neoklassik »Produktionsfunktion« genannt. Diese soll den maximalen Ertrag ermitteln, d.h. den bestmöglichen Einsatz von Produktionsmittel. Profit und Privateigentum an Produktionsmitteln ist somit nichts Gesellschaftliches, historisch-spezifisches, sondern als inhärente Logik dem mathematischen Modell eingeschrieben. Das müsste nun an vielen konkreten Beispielen einmal aufgezeigt werden. Hier bleibt nur eine Anekdote des Soziologen Leo Kofler anzuführen, die er einmal in einer seiner Vorlesungen anbrachte: »Wenn sie hören, die Preise steigen, glauben sie es nicht! Die Preise tun nämlich gar nichts!« Das mathematische Auftreten trägt jedoch nicht nur dazu bei, gesellschaftliche Verhältnisse zu naturalisieren, sondern erleichtert es auch, über innertheoretische Probleme hinwegzugehen, da die eigenen Prämissen der Funktionen kaum reflektiert werden. So sind makroökonomische Aussagen neoklassischer Kurvenkonstruktion nur dann haltbar, wenn eine Ein-Gut-Welt unterstellt wird. Das ist jedoch eine völlig unrealistische Annahme – zumal in der Neoklassik von einer zentralen Kategorie abstrahiert wird: Geld. Die Neoklassik ist selbst auf Grundlage eigener Prämissen nicht in der Lage, Aussagen etwa über den Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und Beschäftigung, oder Profitrate bzw. Zinssatz und Kapitalbestand oder über die Verteilung des Volkseinkommens zu machen. Obwohl das seit den 1960er Jahren selbst von einigen Neoklassiker*innen eingestanden wird, sitzen ihre Vertreter*innen noch immer fest im Sattel. Da ist die Physik weiter, denn hier haben sich theoretische Konzeptionen weiterentwickelt. So hat Albert Einstein mit Isaac Newtons Konzept der Gravitationskraft aufgeräumt. Im Feld der Politischen Ökonomie scheint das weitaus schwieriger zu sein, das begriffliche Koordinatensystem zu transformieren – trotz der Inkonsistenz der neoklassischen Lehre und ihrer mathematischen Modellwelt. Das liegt unter anderem daran, dass sie mit all dem weitaus stärker verwoben ist, was den Kapitalismus als Klassengesellschaft ausmacht. Wie im 19\. Jahrhundert wird sich also hier wohl erst wieder etwas bewegen, wenn Klassenkämpfe dazu zwingen, andere Fragen zu stellen. Erschienen in: [ak 688 (Dezember 2022)](https://www.akweb.de/ausgaben/688/rechnen-im-kapitalismus-wie-die-mathematik-in-die-wirtschaftswissenschaften-kam/?ref=blog.stuetzle.cc). ### Profit-Preis-Spirale URL: https://blog.stuetzle.cc/profit-preis-spirale/ Last updated: 2025-03-31T14:09:29.000Z In den letzten Tagen hatten sich einige in den sozialen Medien darüber empört, dass die DAX-Konzerne nicht nur hohe Gewinnen ausweisen, sondern diese auch noch in Form von Dividenden an die Anteilseignerïnnen weitergeben: »Einer Prognose zufolge werden sie so viel Geld an ihre Aktionäre ausschütten wie noch nie« [heißt es bei tagesschau.de](https://www.tagesschau.de/wirtschaft/dividenden-dax-konzerne-101.html?ref=blog.stuetzle.cc). Die Rede ist von 54 Milliarden Euro; das sind nochmal sechs Prozent mehr als in diesem Jahr. Die Empörung rührt daher, dass angesichts der hohen Inflationsraten immer wieder das Gespenst der Lohn-Preis-Spirale beschworen wird, das dazu dienen soll, Lohnzurückhaltung einzufordern, um die Preissteigerungen nicht noch weiter anzuheizen: »Mit der Warnung »Lohn-Preis-Spirale!« wird dem Lohn nicht die Schuld an der hohen Inflation gegeben; aber die Verantwortung dafür zugeschrieben, die Inflation zu senken«, [so Stephan Kaufmann](https://twitter.com/StephanKaufman1/status/1594216498687803393?ref=blog.stuetzle.cc). Während also einerseits [Reallohnverluste von fast 6 Prozent](https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2022/11/PD22%5F497%5F62321.html?ref=blog.stuetzle.cc) hingenommen werden sollen, um den »Standort Deutschland« nicht zu gefährden, werden Gewinne weitergereicht, um Reiche noch reicher zu machen. Das mag empörend sein, aber, um einmal Marx zu zitieren, zeigt sich hier »zugleich die Stärke und die Schwäche einer Art von Kritik, welche die Gegenwart zu be- und verurteilen, aber nicht zu begreifen weiß.« Die Inflation hat nicht mit der falschen Geldpolitik der letzten Jahre zu tun, vielmehr mit gestörten Lieferketten und höheren Energiepreisen, die nicht einmal »gegenwärtige« Preise sind, sondern mögliche Engpässe in der Zukunft »einpreisen«. Aber um dem Gespenst der Lohn-Preis-Spirale etwas entgegenzusetzen, ist etwas anderes viel zentraler: Es gibt auch das Theorem der Gewinninflation – davon will nur niemand reden. In John M. Keynes’ [»Treatise«](https://en.wikipedia.org/wiki/A%5FTreatise%5Fon%5FMoney?ref=blog.stuetzle.cc) gibt es zwei Ansätze, die er aus der Verteilungsgleichung (Y = W + Q) ableitet, demnach nicht nur die Lohnstückkosten preisniveaubestimmend sind, sondern auch die ausgeschütteten Gewinne im Verhältnis zum realen Sozialprodukt sowie I - Sh (Investitionen minus Haushaltsersparnisse, ist diese Größe ungleich Null, haben wir ein Ungleichgewicht am Gütermarkt). Dass derzeit nur von Lohn-Preis-Spirale geredet wird, statt Gewinninflation, sagt viel über das Kräfteverhältnisse zwischen Lohnarbeit und Kapital aus – ganz unabhängig davon, ob diese Theorien die derzeitigen Entwicklungen überhaupt erklären können (die Lohn-Preis-Spirale ja ganz offensichtlich auch nicht). Diese analytische Perspektive ist deshalb so zentral, weil ich [Doug Henwood](https://jacobin.com/2022/11/inflation-adam-tooze-left-monetary-policy-cost-of-living-crisis/?ref=blog.stuetzle.cc) zustimmen würde: »we should be using this period of inflation to think about transcending capitalism, not apologizing for the monetary printing press«. ### Ist Kriegswirtschaft ein gutes Beispiel für eine »andere« Wirtschaft? URL: https://blog.stuetzle.cc/ist-kriegswirtschaft-ein-gutes-beispiel-fuer-eine-andere-wirtschaft/ Last updated: 2022-10-14T13:46:08.000Z »Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich selbst zum Gedanken drängen.« – Ein Satz des frühen Marx. Die Revolution von 1848 war noch ein paar Jahre hin, die Politische Ökonomie hatte er als Gegenstand noch nicht für sich entdeckt und das Proletariat war nicht mehr als ein philosophischer Demiurg, zumindest im Text, aus dem das Zitat stammt. Ich musste an den Satz nach einer Lektüre eines Textes von Ulrike Herrmann in den aktuellen [Blättern](https://www.blaetter.de/ausgabe/2022/oktober/raus-aus-der-wachstumsfalle?ref=blog.stuetzle.cc) denken ([ein Auszug aus ihrem neuen Buch](https://www.kiwi-verlag.de/buch/ulrike-herrmann-das-ende-des-kapitalismus-9783462002553?ref=blog.stuetzle.cc)). Darin formuliert sie einige Ideen „Raus aus der Wachstumsfalle“, anhand der britischen Kriegswirtschaft. Diese soll illustrieren, dass es funktioniert, wenn Staaten wirtschaftliche Prozesse planen, statt sie der Marktlogik zu überlassen. An das Marx-Zitat musste ich denken, weil es kein Zufall ist, dass das Beispiel Kriegswirtschaft gewählt wird. Auch die Ökonomin [Mariana Mazzucato](https://de.wikipedia.org/wiki/Mariana%5FMazzucato?ref=blog.stuetzle.cc) greift in ihrem neuen Buch (»[Mission. Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft](https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/wirtschaft/mission-16517.html?ref=blog.stuetzle.cc)«) zu den Sternen, indem sie die Möglichkeiten umreißt, was wirtschaftspolitisch alles möglich ist, wenn der Staat sich nur ein Herz nimmt, und sie stellt die Frage: »Wenn uns all das zu Kriegszeiten gelingt, warum dann nicht auch zu Friedenszeiten, wenn es dringende gesellschaftliche Schlachten zu schlagen und gemeinsame Ziele zu erfüllen gilt?« (S. 205) Einen [Aufsatz zur Umsetzung eines Green New Deal](http://www.levyinstitute.org/publications/how-to-pay-for-the-green-new-deal?ref=blog.stuetzle.cc) titeln zwei MMT-Ökonomïnnen mit einer Referenz auf Keynes berühmten Arbeit [„How to Pay for the War“ von 1940](https://en.wikipedia.org/wiki/How%5Fto%5FPay%5Ffor%5Fthe%5FWar?ref=blog.stuetzle.cc) (ein Text, den Herrmann in ihrem Buch interessanterweise nicht rezipiert). Dahingestellt, was von all diesen Vorschlägen zu halten ist. Eine radikale Abkehr von der zerstörerischen kapitalistischen Wirtschaftsweise ist in jedem Fall notwendig. Es springt jedoch ins Auge, dass sie mit politischen Konstellationen argumentieren, die sich dadurch auszeichnen, dass sich die Exekutive teilweise verselbstständigt hat, gesellschaftlich-demokratische Aushandlungsprozesse blockiert oder autoritär formiert sind und ein nationalistischer Korporatismus herrscht, aufgrund einer „Ausnahmesituation“, (Kalter) Krieg, die wesentlich bestimmt, was das „öffentliche Interesse“ ist, damit wesentliche Bedingung der Möglichkeit dieser gelobten Wirtschaftspolitiken ist. Dass es einen inneren Zusammenhang gibt, zeigt auch Wolfgang Schivelbusch in seinem Buch [»Entfernte Verwandtschaft«](http://d-nb.info/984345043?ref=blog.stuetzle.cc) (von Faschismus und New Deal), in dem er in einem Unterkapital die Bedeutung der Kriegsmetaphorik für den New Deal unter Franklin D. Roosevelt diskutiert. Vor dem Hintergrund der [Inaugurationsrede im März 1933](https://www.youtube.com/watch?v=HRylj-%5FHBAw&ref=blog.stuetzle.cc) kommt er zu dem Schluss: > „Die wirtschaftliche und soziale Bekämpfung der Krise genügte nicht. Es musste ihr regelrecht den Krieg erklären werden. Ohne diesen Akt, der die Nation vereinte und verpflichtete, ließen sich die notwendigen Energien und Opfer nicht aufbringen.“ > > Wolfgang Schivelbusch: [»Entfernte Verwandtschaft«](http://d-nb.info/984345043?ref=blog.stuetzle.cc), Frankfurt/M. 2008, S. 43f. Wie Schivelbusch weiter schreibt, war es nicht allein Rhetorik. Wirtschaftspolitische Vorschläge, die keine Rechenschaft darüber ablegen, unter welchen Prämissen die formulierten Ideen gelten und was das gesellschaftlich und demokratietheoretisch bedeutet, sind leider nicht nur stumpfe Waffen gegen den Irrsinn des Kapitalismus, sondern zudem nicht aufklärerisch in der Frage, wie eine andere Wirtschaft gegen die herrschenden Herrschafts- und Kräfteverhältnisse durchgesetzt werden können. ### Kredit der Macht. Staatsschulden – was sie sind, was sie leisten und für wen sie ein Problem sind URL: https://blog.stuetzle.cc/kredit-der-macht-staatsschulden-was-sie-sind-was-sie-leisten-und-fuer-wen-sie-ein-problem-sind/ Last updated: 2022-02-10T09:19:00.000Z [![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2022/04/kredit-mach.jpg)](https://www.rosalux.de/publikation/id/45749/kredit-der-macht?ref=blog.stuetzle.cc) Trotz enormer Investitionsbedarfe für einen sozial-ökologischen Umbau hält auch die Ampelkoalition an der Schuldenbremse grundsätzlich fest. Damit bewahrt sie sich einen politisch konstruierten Sachzwang, um staatliche Ausgabendisziplinierung und -kürzungen zu begründen, wenn es ins Konzept passt. Denn obwohl die Erzählung von den Vorteilen eines schlanken Staats im Zuge der Pandemiebekämpfung Risse bekommen hat, ist der Marktfundamentalismus in der Praxis weiterhin dominant. Zu seiner Rechtfertigung gibt es viele Mythen, die in den Alltagsverstand eingesickert sind. Etwa, dass zu hohe Staatsschulden künftige Generationen belasten. Auch die Europäische Zentralbank (EZB) steht wegen ihrer Anleihekäufe und Zinspolitik zur Krisenbekämpfung immer wieder in der Kritik, zum Beispiel weil sie Sparer\*innen angeblich enteigne. »Kredit und Macht«, zusammen mit Stephan Kaufmann verfasst, klärt über diese und viele andere Mythen im Zusammenhang mit Staatsverschuldung und Zentralbankpolitik auf und erläutert ausführlich, wie die EZB arbeitet: Geldschöpfung, Leitzinspolitik und das Agieren in der Krise («Kreditgeber letzter Instanz», Strategien von «fiskalischer Dominanz» und «finanzieller Repression») werden anschaulich und in verständlicher Sprache beschrieben. Das ist wichtig, denn eine gesellschaftliche Linke, die den gängigen marktliberalen Mythen etwas entgegensetzen will, muss die Hemmschwelle für die Beschäftigung mit solchen komplexen Themen senken und mit verständlichen Argumenten und Bildern in der Öffentlichkeit Gehör finden, um Debatten zu beeinflussen. Die Broschüre kann hier als PDF heruntergeladen oder bestellt werden: [https://www.rosalux.de/publikation/id/45749/kredit-der-macht](https://www.rosalux.de/publikation/id/45749/kredit-der-macht?ref=blog.stuetzle.cc) ### Digitales Geld als money proper URL: https://blog.stuetzle.cc/digitales-geld-als-money-proper/ Last updated: 2021-05-29T09:21:19.000Z Seitdem es Bitcoin & Co gibt, sind auch Politik und Zentralbanken gefragt. Bereits 2013 hat das deutsche Finanzministerium [Bitcoin als privates Geld anerkannt](https://www.faz.net/aktuell/finanzen/devisen-rohstoffe/digitale-waehrung-deutschland-erkennt-bitcoins-als-privates-geld-an-12535059.html?ref=blog.stuetzle.cc); die digitalen Geldinnovationen wurden beobachten und letztes Jahr rief die »Bank der der Zentralbanken«, die Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), sogar ihre mehr als 60 Mitglieder[ dazu auf, endlich nachzuziehen, ein digitales Geld zu entwickeln und anzubieten](https://www.faz.net/aktuell/finanzen/digitales-geld-die-digitalisierung-ueberrollt-die-finanzwelt-16830753.html?ref=blog.stuetzle.cc). Während viel über technische Fragen (Blockchain) oder Datenschutz diskutiert wurde, waren geld*theoretische* Fragen bisher kaum Thema. Nun scheint der EZB-Rat schon bald beschließen zu wollen, in eine sogenannte Gestaltungsphase eintreten zu wollen ([ähnlich die US-amerikanische Fed](https://www.cnbc.com/2021/05/20/the-fed-this-summer-will-take-another-step-ahead-in-developing-a-digital-currency.html?utm%5Fcontent=Main&utm%5Fmedium=Social&utm%5Fsource=Twitter#Echobox=1621533836)). Auch wurden weitere Details bekannt: > Der große Unterschied des digitalen Euro in der jetzt geplanten Version zum bestehende elektronischen Geld ist, dass er eine Forderung der Bürger unmittelbar gegen die Zentralbank darstellt, so wie bislang nur das Bargeld. > > [faz.net](https://www.faz.net/aktuell/finanzen/plaene-der-ezb-der-digitale-euro-gewinnt-konturen-17360960.html?utm%5Fcontent=buffer088fd&utm%5Fmedium=social&utm%5Fsource=twitter.com&utm%5Fcampaign=GEPC%253Ds30) (27.5.2021) Dieser Punkt wurde bisher geldtheoretisch viel zu wenig ausgeleuchtet, immer nur - wie auch im angeführten FAZ-Artikel - als Antwort auf die Gefahr einer Bankpleite. Es geht aber um mehr, um die Frage, was Geld ist, um das, was John M. Keynes in »Vom Gelde« als »money proper« bezeichnet und in der deutschen Fassung einfach als »Bargeld« übersetzt wurde, Keynes meinte damit jedoch »wirkliches Geld« und aus heutiger Perspektive zeigt sich: es kann nicht allein Bargeld sein, aber: Wenn wir Guthaben bei Geschäftsbanken oder digitalen Zahlungsdienstleistern (paypal & Co) haben, dann ist das eben Buchgeld oder Guthaben, eine Forderung, kein Geld. Die aktuellen Entwicklungen sind nicht nur geldtheoretisch interessant, denn es zeigt sich auch, wie die Geldgeschichte weitergeschrieben wird, wie sie Marie-Thérèse Boyer-Xambeau, Ghislain Deleplace und Lucien Gillard in ihrem Buch [»Private Money and Public Currencies. The 16th Century Challenge«](https://www.routledge.com/Private-Money-and-Public-Currencies-The-Sixteenth-Century-Challenge-The/Xambeau-Azodi/p/book/9781563245084?ref=blog.stuetzle.cc) (1994) nachgezeichnet haben, als Zusammenspiel und Prozess zwischen privaten Akteuren und politischer Herrschaft. ### MMT und die Staatsfinanzen im Ausnahmezustand URL: https://blog.stuetzle.cc/mmt-und-die-staatsfinanzen-im-ausnahmezustand/ Last updated: 2025-03-31T14:09:45.000Z MMT ist derzeit auf vielen Kanälen und wird breiter denn je rezipiert. Auch ein Teil der völkischen Faschisten-Szene scheinen sich derzeit für die Modern Monetary Theory (MMT) zu interessieren. Ich könnte Wetten annehmen, dass die Tage aus Schnellroda der Ansatz mit Arbeiten aus den 1940er-Jahren – [Ernst Wagemann](https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst%5FWagemann?ref=blog.stuetzle.cc) (Bild), [Otto Donner](https://de.wikipedia.org/wiki/Otto%5FDonner?ref=blog.stuetzle.cc) (Die Grenzen der Staatsverschuldung, in: [Weltwirtschaftliches Archiv 56/1942](https://www.jstor.org/stable/40430922?seq=1&ref=blog.stuetzle.cc)) oder [Fritz Reinhardt](https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz%5FReinhardt%5F%28Staatssekret%C3%A4r%29?ref=blog.stuetzle.cc) – verrührt wird (alles übrigens schöne Beispiele für die Nazi-Kontinuität in der jungen BRD – eine knappe Übersicht zum Wandel »moderner« Staatsfinanzierung seit den 1920er-Jahren findet sich bei [Stefanie Middendorf](https://www.fes.de/index.php?eID=dumpFile&t=f&f=46576&token=a39faf8d8dba7d16019978c2443b38fbe882cf58&ref=blog.stuetzle.cc)) Diese Arbeiten aus den 1940er-Jahren waren mit der Frage der Kriegsfinanzen beschäftigt und der Vermittlung: Es musste nicht allein eruiert werden, was ökonomisch möglich ist, sondern auch der Bevölkerung musste vermittelt werden, wie der Staat die exorbitanten finanziellen Ressourcen mobilisiert – für Krieg und Vernichtung. Nicht erst seit Kurzem ist die Angst vor Inflation ein wesentliches Moment der deutschen »Stabilitätskultur«. ![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2021/05/Wagemann.jpg) Krieg war für die Entwicklung des modernen Geld- und Kreditsystems auch historisch bedeutsam. Dazu gibt es jede Menge Literatur (von [Werner Sombart](http://d-nb.info/362366365?ref=blog.stuetzle.cc) über [Peter G.M. Dickson](https://www.taylorfrancis.com/books/mono/10.4324/9781315239668/financial-revolution-england-dickson?ref=blog.stuetzle.cc) zu [John Brewer](https://www.hup.harvard.edu/catalog.php?isbn=9780674809307&ref=blog.stuetzle.cc)). Er ist jedoch als Potenzialität in das Geld- und Kreditsystem eingeschrieben wie die Krise. Dass MMT derzeit viel diskutiert wird, hat natürlich nichts mit Krieg und schon gar nichts mit Nazis zu tun, sondern mit einer schweren Krise des Kapitalismus (die zweite innerhalb eines Jahrzehnts). Und darin ähneln sich die politisch-gesellschaftlichen Voraussetzungen, als Ausnahmezustand, in dem der Staat seine Handlungsfähigkeit beweisen und finanzieren muss (auch wenn MMT hier schon kritisch einhaken würde, weil der Staat sich gar nicht finanzieren müsse; mein ausführlicher Beitrag dazu in der [PROKLA](https://blog.stuetzle.cc/money-makes-the-world-go-green-eine-kritik-der-modern-monetary-theory-mmt-als-geldtheoretisches-konzept/) 202). Auch die Ökonomin [Mariana Mazzucato](https://de.wikipedia.org/wiki/Mariana%5FMazzucato?ref=blog.stuetzle.cc) greift in ihrem neuen Buch ([Mission.](https://www.campus.de/buecher-campus-verlag/wirtschaft-gesellschaft/wirtschaft/mission-16517.html?ref=blog.stuetzle.cc) Auf dem Weg zu einer neuen Wirtschaft) MMT positiv auf (ab S. 225). Die falsche Frage sei: »Wie viel Geld ist da, und was können wir damit tun?« (S. 27) Die richtige Frage lautet: »Was ist zu tun und wie können wir unsere Budgets so strukturieren, dass wir diese Ziele auch tatsächlich erreichen?« (Ebd.) (Wobei anzumerken ist, dass ein Staatsbudget *immer* durch Planung gekennzeichnet ist, keine Bilanz, keine »Erfolgsrechnung« im betriebswirtschaftlichen Sinne ist, also quasi immer mit einem »Soll« beginnt. Der erste Grundsatz des Budgets, so Kurt Heinig in seinem [dreibändigen Buch zum Staatsbudget](http://d-nb.info/451924312?ref=blog.stuetzle.cc), ist also seine *Vorherigkeit*.) Später im Buch stellt Mazzucato eine weitere Frage, jedoch ohne ihr ernsthaft nachzugehen: »Wenn uns all das zu Kriegszeiten gelingt, warum dann nicht auch zu Friedenszeiten, wenn es dringende gesellschaftliche Schlachten zu schlagen und gemeinsame Ziele zu erfüllen gilt?« (S. 205) Ja, warum nicht? Vielleicht weil ein nicht unwesentlicher Teil der Gesellschaft nicht die dringenden gesellschaftlichen Schlachten schlagen will, die Mazzucato vor Augen hat? Weil mit einem »anderen« Kapitalismus nicht so gut Profit zu machen ist? Weil es »das« öffentliche Interesse nicht gibt? Weil wir in einer kapitalistischen Klassengesellschaft leben? In kapitalistischen Klassengesellschaften, die von vielfältigen Widersprüchen und Interessenskonflikte geprägt ist, stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen diese stillgestellt werden (können), um eine »Mission« zu verfolgen. Es sind offensichtlich Ausnahmezustände, Krieg oder Wirtschaftskrisen. Mazzucato führt anhand der Apollo-Mission aus, wie sie sich eine andere Wirtschaft (im Kapitalismus) vorstellt, ohne deutlich herauszustellen, was die »Systemauseinandersetzung«, die die Welt bis an den Rand eines Atomkriegs führte, für die Mittelbeschaffung und für das »missionsorientierte Denken« bedeutete. Dass es einen inneren Zusammenhang gibt, zeigt auch Wolfgang Schivelbusch in seinem sehr lesenswerten Buch [»Entfernte Verwandtschaft«](http://d-nb.info/984345043?ref=blog.stuetzle.cc) (von Faschismus und New Deal), in dem er in einem Unterkapital die Bedeutung der Kriegsmetaphorik für den New Deal unter Franklin D. Roosevelt diskutiert. Vor dem Hintergrund der [Inaugurationsrede im März 1933](https://www.youtube.com/watch?v=HRylj-%5FHBAw&ref=blog.stuetzle.cc) kommt er zu dem Schluss: > Die wirtschaftliche und soziale Bekämpfung der Krise genügte nicht. Es musste ihr regelrecht den Krieg erklären werden. Ohne diesen Akt, der die Nation vereinte und verpflichtete, ließen sich die notwendigen Energien und Opfer nicht aufbringen. > > Wolfgang Schivelbusch: [»Entfernte Verwandtschaft«](http://d-nb.info/984345043?ref=blog.stuetzle.cc), Frankfurt/M. 2008, S. 43f. Wie Schivelbusch weiter schreibt, war es nicht allein Rhetorik. Mazzucato hingegen ist zwar bewusst, dass das Apollo-Projekt »wesentlichen Bestandteil des Kalten Krieges« war (S. 92). Dieser habe es erleichtert, die »astronomischen Ausgaben« zu rechtfertigen. Statt aber die spezifischen politischen und gesellschaftlichen Bedingungen von »Missionen« zu reflektieren und auszuführen, was das angesichts der zu »schlagenden Schlachten« bedeutet, geht Mazzucato davon aus, dass es derzeit ausreiche, neues Vokabular und neue Narrative (S. 26) zu entwickeln und eine inspirierende Vision (S. 92) zu haben. Manchmal wäre es schön, wenn rhetorische Fragen beantwortet werden. ### Money makes the world go green? Eine Kritik der Modern Monetary Theory (MMT) als geldtheoretisches Konzept URL: https://blog.stuetzle.cc/money-makes-the-world-go-green-eine-kritik-der-modern-monetary-theory-mmt-als-geldtheoretisches-konzept/ Last updated: 2021-03-12T12:49:33.000Z In der aktuellen [PROKLA](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/1930?ref=blog.stuetzle.cc) (202) ist mein Beitrag zu MMT (Modern Monetary Theory) erschienen. Bisher nur im gedruckten Heft zugänglich. In den letzten Jahren ist ein geldtheoretisches Konzept prominent geworden, das für sich beansprucht, mit den Irrtümern der ökonomischen Orthodoxie zu brechen und eine Antwort auf die Frage zu geben, wie etwa ein Green New Deal finanziert werden kann: Modern Monetary Theory (MMT). Der Beitrag diskutiert vor dem Hintergrund der marxschen Theorie die geld- und kapitalismustheoretischen Prämissen von MMT. Entgegen ihrer Bezeichnung ist MMT weder modern noch spielt bei ihr Geld für das Verständnis der kapitalistischen Ökonomie eine zentrale Rolle, was zu analytischen, politischen und strategischen Fehlschlüssen führt. Hier geht es zum Heft: [https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/issue/view/206](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/issue/view/206?ref=blog.stuetzle.cc) ### Schulden, ohne Sühne URL: https://blog.stuetzle.cc/schulden-ohne-suehne/ Last updated: 2021-03-02T15:40:59.000Z [![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2021/03/bp_w20_u1gr.jpg)](https://igbildendekunst.at/bildpunkt/zur-aesthetischen-oekonomie-der-schulden/?ref=blog.stuetzle.cc) Man kann sich etwas zu Schulden kommen lassen und Schulden haben. Auch wenn hier das gleiche Wort verwendet wird, so liegen dem Satz ganz unterschiedliche gesellschaftliche Phänomene zugrunde. Im Folgenden soll es allein um das ökonomische Phänomen der Schulden gehen, die Schulden, die mit Geld beglichen werden können. Und damit ist man bereits mitten drin, denn Schulden bezeichnen wesentlich eine soziale Beziehung, eine zwischen Schuldnerinnen und Gläubigerinnen. Die Beziehung endet erst, wenn die Schuld beglichen wird, mit Geld. Das ist ein wesentlicher Unterschied zum Geld. Wechselt eine Ware die Hände und wird unmittelbar mit Geld bezahlt, ist die Beziehung zwischen Käuferin und Verkäuferin bereits wieder aufgelöst. Anders bei einer Schuldbeziehung. Sie besteht, solange das Kreditverhältnis besteht. Zudem setzt eine Schuldnerinnen-Gläubigerinnen-Beziehung immer Geld voraus, d.h. ein Medium, das laut Kontrakt die Kreditbeziehung beendet. Wie aber entsteht eine Kreditbeziehung? Entweder man kauft eine Ware und verspricht, zu einem späteren Zeitpunkt zu bezahlen. Oder der Kreditbeziehung geht kein Warenkauf voraus, sondern besteht allein darin, dass A eine bestimmte Geldsumme bei B leiht. Aber der Kapitalismus zeichnet sich nur oberflächlich dadurch aus, dass Ware und Geld die Hände wechseln. Vielmehr wird kapitalistisch produziert, mit dem Zweck aus Geld mehr Geld zu machen. Wie passen hier die Schulden rein? Schuldbeziehungen können danach unterschieden werden, wer jeweils Schuldnerin und wer Gläubigerin ist. Damit einher gehen all die ökonomischen Verhältnisse, die die Bedingungen dafür sind, dass eine Schuld beglichen werden kann. Geld kann in Form eines Kredits an Unternehmen, an den Staat oder an Privatpersonen vergeben werden. Zunächst zur Seite der Schuldner: Unternehmen nehmen Kredit auf, um ihrem üblichen Geschäft nachzugehen, aus Geld mehr Geld zu machen. Damit ist auch schon gesagt, woraus Zins und Tilgung finanziert werden. Aus dem Profit, den der Produktionsprozess ermöglicht. Der Kredit ist hierbei nichts Außergewöhnliches, dem kapitalistischen Produktionsprozess Fremdes oder Äußerliches. Dieser bedarf eines Geldvorschusses, d.h. Kreditfinanzierung. Kredit ist auch ein Indikator für gut laufende Geschäfte. Sie können mit Krediten ausgeweitet und Kredite dank guter Geschäfte zurückgezahlt werden. Der größte Kreditnehmer ist jedoch der Staat. Er verschuldet sich nicht nur aus anderen Gründen als kapitalistische Unternehmen, sondern finanziert sie auch anders. Der Staat ist kein kapitalistisches Unternehmen. Er konsumiert unproduktiv, d.h. aus dem investierten Geld soll nicht mehr Geld werden. Der Staat baut Straßen und Schulen, bezahlt Lehrkräfte und sorgt für Ruhe und Ordnung dank eines juristisch-repressiven Komplexes aus Polizei und Justiz. Er organisiert das, was Karl Marx die allgemeinen Produktionsbedingen des Kapitals nannte. Was dazugehört und was nicht, darüber wird nicht nur lauthals gestritten, sondern finden auch handfeste soziale Kämpfe statt. Warum aber wird dem Staat Kredit gewährt, wenn er doch keinen Gewinn produziert? Weil er Steuerstaat ist. Er hat nicht nur das Monopol physischer Gewaltsamkeit (Weber), sondern auch das alleinige Recht, mittels Zwang Steuern einzuziehen, zu Steuerausbeutung. Etwas, was der Tauschlogik des Kapitalismus widerspricht, denn Steuern sind immer eine einseitige Geldbewegung hin zum Staat, ohne konkrete Gegenleistung. Besteuerung bedarf deshalb immer der Legitimation und ist immer umkämpft. Nicht nur deren Höhe, sondern auch wer wie belastet wird und schließlich auch dahingehend, dass darüber gestritten wird, für was das Geld ausgegeben werden soll – und für was nicht. Wie der Kredit an Unternehmen eine profitorientierte und funktionierende Wirtschaft unterstellt, so die Staatsschuld einen funktionierenden Steuerstaat. Hierbei sind Staaten jedoch nicht gleich, sondern gruppieren sich entlang einer sogenannten Hierarchie der Währungen: Während die USA kreditwürdig sind, können andere Staaten sich nicht einmal in ihrer eigenen Währung verschulden. Bleiben die Schulden der Privaten, die nichts haben, als ihre Arbeitskraft gegen Lohn zu verkaufen, um ihr Leben zu bestreiten. Damit ist auch benannt, wie sie ihre Schulden bezahlen. Aus dem kargen Lohn – oder gar nicht. Dieser ist auch der Grund, warum Private Schulden aufnehmen. Sie müssen ihr Leben bestreiten, ohne über ein ausreichendes Einkommen zu verfügen. Schulden sind hier Ausdruck und Form der Verarmung, während sie für Unternehmen ein Mittel zur Steigerung der Verwertung sind. Was aber ist nun mit der anderen Seite des Schuldenverhältnisses? Gläubigerinnen sind in der Regel diejenigen, die über Geld verfügen oder einen Zugang zu Geld haben – die Banken. Banken vergeben Kredite oder kaufen Schuldpapiere, etwa Anleihen von Unternehmen oder von Staaten, um u.a. ihr Geldkapital zu verwerten oder in Sicherheit zu bringen. Hier zeigt sich auch deutlich: Jeder Schuld, jeder Verbindlichkeit stehen Vermögen gegenüber. Es ist aber nicht so, dass die Banken einfach das Geld verleihen, das sie von Bankkundinnen einsammeln. Nein. Sie haben einen privilegierten Zugang zu einem viel größeren Geldtopf, den der Zentralbank. Geldtopf ist jedoch das falsche Bild, denn die Zentralbank kann nicht einfach nur Geld an die Geschäftsbanken geben, das sie in ihrem Topf hat, sondern das, was sie „produziert“. Der Reihe nach: Das moderne Geld- und Kreditsystem ist auf besondere Weise mit den Staatsschulden verwoben: Staatsschulden bieten in Form von Wertpapieren eine sichere Geldanlage für das Finanzkapital – sind also eine Finanzierungsalternative zur Steuerausbeutung, die den Privaten und der Privatwirtschaft liquide Mittel entzieht. Als „sicherer Hafen“ sind Staatsanleihen zugleich eine tragende Säule der Weltfinanzmärkte. Oder wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung zusammenfasst: „Moderne Finanzsysteme sind auf Staatsanleihen angewiesen.“ Als Wertpapier sind Staatsanleihen zudem elementares Moment des modernen Geldsystems. Staatsanleihen sind die Sicherheiten, mit denen Geschäftsbanken bei den Zentralbanken frisches Geld bekommen. Die Zentralbank gibt hier für Reserven/Zentralbankgeld gegen Zins (Leitzins). Dem ökonomischen Inhalt nach betrachtet, wird aus einem (verbrieften) Zahlungsversprechen temporär wirkliches Geld. Diese Kreditbeziehung ist aber formal wie inhaltlich von einem normalen Verhältnis zwischen Gläubigerin und Schuldnerin zu unterscheiden, denn die Zentralbank kann dieses Geld einfach „drucken“, sie ist auf keine Einlagen von Privatkunden angewiesen. Die Zentralbank fungiert als „Lender of last resort“. Mit der Zentralbank sind die Geschäftsbanken auch nicht mehr von den Einlagen ihrer Kunden (Depositen) oder dem Geld- bzw. Kapitalmarkt abhängig, also von anderen Banken, sondern können sich bei der Zentralbank mit Liquidität versorgen. Das Zentralbankgeld kommt im Rahmen eines zweistufigen Bankensystems in die Zirkulation, ist aber kein Kredit. Schulden sind demnach als eine Kreditbeziehung zu entschlüsseln, jedoch danach zu unterscheiden, wer Gläubigerin, wer Schuldnerin ist. Dabei sind Schulden dem Kapitalismus nichts Fremdes oder gar Zerstörerisches, wenn sie Krisen auch verschärfen können. Umgekehrt sind Schulden auf Grundlage einer Produktionsweise, die wesentlich auf Profit aus ist, Antrieb und Katalysator der Verwertungsdynamiken. Ähnliches gilt auch für die Staatsschulden. Sie sind nicht nur Stabilitätsfaktor des Finanzsystems, sondern konstitutiv für das gegenwärtige Geldsystem, das zweistufige Bankensystem aus Geschäftsbanken und Zentralbank. Erschienen in: [Bildpunkt. Zeitschrift der IG Bildende Kunst](https://igbildendekunst.at/zeitschrift/?ref=blog.stuetzle.cc). #56 [Zur ästhetischen Ökonomie der Schulden](https://igbildendekunst.at/bildpunkt/zur-aesthetischen-oekonomie-der-schulden/?ref=blog.stuetzle.cc), Winter 2020 ### Neue Studienausgabe von Engels’ »Anti-Dühring« mit Begleitband erschienen URL: https://blog.stuetzle.cc/neue-studienausgabe-von-engels-anti-duehring-mit-begleitband-erschienen/ Last updated: 2020-12-16T12:17:14.000Z ![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2020/12/twitter_EnwaHuMWMAYcVGV.jpg) Es gibt kaum ein Buch, das mit der Geschichte des Marxismus und seiner Metamorphose zur Weltanschauung so eng verbunden ist wie Engels’ »Anti-Dühring«. Die von Rolf Hecker und mir edierte Neuausgabe bei [Dietz Berlin](https://dietzberlin.de/Engels-Anti-Duehring?ref=blog.stuetzle.cc) präsentiert den Text der Erstauflage mit einem Anhang, der einen Textvergleich zu weiteren Auflagen ermöglicht. Ergänzt wird sie durch einen Sammelband ([Inhaltsverzeichnis](https://dietzberlin.de/Hecker-Stuetzle-Anti-Duehring?ref=blog.stuetzle.cc)), der einen Einblick in die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des »Anti-Dühring« gibt. Beide Bände gibt auch zusammen in einem [Schuber.](https://dietzberlin.de/Anti-Duehring-Schuber?ref=blog.stuetzle.cc) ### How Unscientific is the Labor Theory of Value? URL: https://blog.stuetzle.cc/how-unscientific-is-the-labor-theory-of-value/ Last updated: 2020-10-20T18:00:52.000Z \[Translated version of [»Wie unwissenschaftlich ist die Arbeitswerttheorie?«](https://blog.stuetzle.cc/wie-unwissenschaftlich-ist-die-arbeitswerttheorie/), originally published by [Viewpoint Magazine](https://viewpointmag.com/2020/10/01/how-unscientific-is-the-labor-theory-of-value/?ref=blog.stuetzle.cc) \- thanks a lot!\] In any Capital course, the question of whether the labor theory of value is still valid is a much discussed issue, one that extends to the third volume, as the transformation problem (which I won’t go into at all) shows. The point of departure for my elaboration is a [podcast](https://www.youtube.com/watch?v=MWQMn5G-Ln0&ref=blog.stuetzle.cc) that is currently popular in Germany that deals with Marx’s Capital, and the reaction by listeners in a Twitter thread. I wanted to keep my response short, but my two observations are too long for Twitter. In my opinion, Marx does not formulate a substance theory, \[1\] because that which is referred to as substance, value, is purely social. He also does not intend to prove that labor underlies value (see his [letter to Kugelmann](https://www.marxists.org/archive/marx/works/1868/letters/68%5F07%5F11-abs.htm?ref=blog.stuetzle.cc)); rather, he poses the question of why labor, under the reign of the capitalist mode of production, takes on the forms of value. In the Contribution to the Critique of Political Economy (an earlier work from 1859), he makes it more explicit by writing that he only examines commodities that are products of labor (and not those that aren’t products of labor – which means conversely that he must be able to explain how something that is not a product of labor obtains a price, such as untilled soil). Marx is often readily placed in the tradition of Adam Smith and David Ricardo. Yes and no, I’d say. Smith may be the one who wanted to investigate value in abstraction from utility, but he is much closer to a subjective theory of value than Marx’s theory. That’s why the neoclassical mainstream regards Smith as much better than Ricardo. Ricardo is the first one to break with all that. He no longer accepted the then-prevailing circular argument that the value of commodities is, among other things, whatever is paid for wages, whereby the follow-up question must of course be how the value of the means of subsistence is determined. Ricardo is the first economist who traces value back to the expenditure of labor-power, but he got entangled in many contradictions (which not only Marx struggled with, but which Samuel Bailey pointed out with relish; Bailey was a harbinger of the theory of marginal utility, whose elaborations forced Marx to refine his analysis of the value-form). Although Ricardo remained a dominant figure for a long time after his death, his theory would soon enter a crisis – and the “journey backwards” began. Modern neoclassical economics is not interested in value theory, only in price formation. Its predecessor, the theory of marginal utility, at least still attempted a theory of value, but fell behind Smith, ending up right back at use-value. Even John Maynard Keynes could not evade the questions that plagued Marx. Although Keynes was not interested in value theory, he agreed with classical political economy (which he called “pre-classical”) that the “basis” of value was labor (thus distinguishing himself from neoclassical economics): “I sympathise, therefore, with the pre-classical doctrine that everything is produced by labour.” \[2\] Keynes even touched upon the question of the possibility of the homogeneity of labor and its measure, but – like the classical political economists – could not solve the problem. Keynes’ break with classical political economy (which he sees in the constitutive relevance of money) thus remains at least ambivalent. According to an often-formulated accusation, Marx’s theory of value is “unscientific”: it can’t be “experienced” or “measured.” “Unscientific” is a harsh judgment – and one can formulate the question of why this applies to Marx, but not to physics, since no theoretical concept of physics can be observed either. We can observe the movement of bodies and then conclude that certain forces are at play. When this way of viewing things becomes predominant, it is then said that such forces can be observed and measured, which, strictly speaking, is not at all true. Only the movement of bodies is measured, not the forces. With the differing notions of what constitutes these forces, what can be measured also changes: for example, Einstein cleared away Newton’s concept of gravitational force. Something that was previously measurable suddenly no longer existed. Instead of a spectral long-distance effect (Newton), the force is now explained by the curvature of the four-dimensional space-time continuum (Einstein) – not exactly directly accessible to human imagination either, but: if Marx’s value theory is accused of not being scientific, then that should also apply to physics. But the opposite is the case: we need the concepts in order to understand the interrelations. As in physics – where the various paradigms that have asserted themselves as the predominant explanations for certain phenomena represent scientific progress – so in political economy: whereby the neoclassical school is only capable of laughing at Marx (and Keynes constitutes an additional third paradigm). The replacement of a social theory, or a change in its significance, has much to do with social relations or conflicts, and little to do with scientific progress. Thus Ricardo remained a dominant figure for a long time after his death, but his theory soon entered into a crisis – and the “journey backwards” began, sometimes driven by circles that had no interest in Ricardo’s theory being used by socialists to denounce the exploitation of workers and claim a right to the entire product of labor. At the time, the idea that there were socialist implications to Ricardo’s theory sounded politically transparent, if one listens to what contemporary economists or publicists were saying. It is, according to the economist Samuel Read, a “mischievous and fundamental error” that labor is the source of wealth, and only expresses a hostility to entrepreneurs. Ultimately, according to the geologist and economist Poulett Scrope in 1833, it does not recognize how much time the owner of capital sacrifices for its application. The North American economist Thomas Cooper wrote in 1830: “If these be the proposals that the mechanics combine to carry into effect, it is high time for those who have property to lose, and families to protect, to combine in self-defense.” The economist Mark Blaug, writing from the perspective of the history of theory, summarizes: “It is significant that the writers who attacked the views of the ‘labour theorists’ - Scrope, Read and Longfield - were also among the first to advance the abstinence theory of profit \[according to which profit can be traced back to saving\]. In this sense, the theoretical innovations of the ‘neglected British economists’ were not unrelated to the nature of the class struggle after 1830.” So the polemics of neoclassical economists against Marx’s theory of value – that it’s ideology, not science – can be confidently held up as a mirror to their own tradition. Conversely, however, it is also my opinion that a certain reading of Marx does not recognize the break that Marx – albeit insufficiently – marks with classical economics when he is simply placed in the lineage of Smith/Ricardo, and the claim is made that value and abstract labor can be quantified. I would dispute that. Concrete labor can be measured with the stopwatch, not abstract labor. Neither can value. That brings us back to physics and the concepts that make it possible to measure something. In the case of force fields, for example, in order to measure field potential, something like a calibration value has to be determined (for example, how the height of a mountain is determined by the arbitrary assumption that sea level is zero). In order to be able to “measure” value, what is required is: money. Money is the only tangible form of value (the objective form of money also marks a difference from physics, in which concepts do not take on objective form); through money, “the individual carries his social power, as well as his bond with society, in his pocket.” \[3\] Unlike Marx, neoclassical economics is only interested in price formation, not in what a price actually is, and why in capitalism money must exist alongside commodities (why not directly measure labor?). For the economic mainstream and everyday common sense, supply and demand play the central role: if a commodity is in great demand or very scarce, the price is high, since the market quickly indicates how much can be demanded for it. Industrially manufactured products, however, are anything but scarce under capitalism. They are only scarce in terms of money, i.e., in terms of who is able to pay, not as a state of nature, as the mainstream assumes. Value “regulates” social production, and Marx demonstrates that the market authorizes the conditions in which commodities are produced, which is why prices are so important under capitalism: those who pay wages that are too high, or allow work to be performed in too unproductive a manner, will not survive on the market for long. Accordingly, value can indeed be experienced – as a compulsory social nexus. The price form, according to Marx, is the appropriate form for a mode of production “whose laws can only assert themselves as blindly operating averages between constant irregularities.” \[4\] The movement of prices of commodities on the market thus assumes very specific social relations, interconnections, and economic mechanisms that make prices necessary in the first place, and determine their movements. Commodity-producing labor is a central determining factor, which was clear to Marx, but which neoclassical economics wants to know nothing about, and which Keynes prevented himself from understanding. – Translated by Alexander Locascio **References** 1. For an overview of substance theories, see Philip Mirowski, More Heat Than Light: Economics as Social Physics: Physics as Nature’s Economics (Cambridge: Cambridge University Press, 1989), 139-192. 2. John Maynard Keynes, The Collected Writings of John Maynard Keynes Volume 7: The General Theory of Employment, Interest and Money (Cambridge: Cambridge University Press, 2013), 213. 3. Karl Marx, Grundrisse: Foundations of the Critique of Political Economy, trans. Martin Nicolaus (New York: Penguin Books, 1993), 157. 4. Karl Marx, Capital: A Critique of Political Economy Volume I, trans. Ben Fowkes (New York: Penguin Books, 1990), 196. ### Erweiterte Neuauflage von »Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre« erschienen URL: https://blog.stuetzle.cc/erweiterte-neuauflage-von-kapitalismus-die-ersten-200-jahre-erschienen/ Last updated: 2020-10-20T10:18:48.000Z Thomas Pikettys »Das Kapital im 21\. Jahrhundert« hat wie kaum ein anderes wissenschaftliches Werk international Furore gemacht, Begeisterung hervorgerufen – aber auch heftige Kritik provoziert. Angesichts des sensationellen Erfolgs der 800-Seiten-Studie stellt sich die Frage, woher der Hype um Pikettys Buch kommt. In kompakter, verständlicher Form referieren wir Inhalt und Argumente des monumentalen Werks und erörtert die Kontroversen, die diese »Bibel der Umverteilungspolitiker« (Manager-Magazin) ausgelöst hat; zudem zeigen die beiden Autoren die Grenzen, Leerstellen und Irrtümer der »Piketty-Revolution« (Paul Krugman) auf. – [Die gerade erschienene Neuauflage ist um ein Kapitel zu Pikettys »Kapital und Ideologie« erweitert.](https://bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten?ref=blog.stuetzle.cc) [![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2020/10/arton43-cb5a9.jpg)](https://bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten?ref=blog.stuetzle.cc) Stephan Kaufmann / Ingo Stützle: Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre. Thomas Pikettys »Das Kapital im 21\. Jahrhundert« und »Kapital und Ideologie« 124 Seiten, 13 Abbildungen ISBN 978-3-86505-764-8 Erweiterte Neuauflage, September 2020 [Verlag Bertz + Fischer](https://bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten?ref=blog.stuetzle.cc) ### Sozialdemokratischer Ideen-Parcours URL: https://blog.stuetzle.cc/sozialdemokratischer-ideen-parcours-trotz-des-plaedoyers-fuer-einen-partizipativen-sozialismus-bleibt-thomas-piketty-auch-in-seinem-neuen-buch-ein-buergerlicher-oekonom/ Last updated: 2020-10-20T10:09:53.000Z ## Trotz des Plädoyers für einen »partizipativen Sozialismus« bleibt Thomas Piketty auch in seinem neuen Buch ein bürgerlicher Ökonom ![Kein neuer Marx, sondern am Ende och nur ein bürgerlicher Ökonom: Thomas Piketty. Foto: Sue Gardner / Wikimedia, CC BY-SA 3.0](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2020/10/2560px-Piketty_in_Cambridge_3.jpg) Kein neuer Marx, sondern am Ende och nur ein bürgerlicher Ökonom: Thomas Piketty. Foto: [Sue Gardner](https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Thomas%5FPiketty?ref=blog.stuetzle.cc#/media/File:Piketty%5Fin%5FCambridge%5F3.jpg) / Wikimedia, [CC BY-SA 3.0](https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0?ref=blog.stuetzle.cc) Viele werden es nicht einmal geschafft haben, die Lektüre von Thomas Pikettys »Das Kapital im 21\. Jahrhundert« abzuschließen, das 2014 auf deutsch erschien und international eine breite Diskussion über Ungleichheit lostrat. Nun hat der französische Wirtschaftswissenschaftler bereits ein neues Buch veröffentlicht: »Kapital und Ideologie«. Es sorgt bis dato, obwohl explizit politischer, nicht für vergleichbaren Wirbel. Pikettys jüngstes Werk »befasst sich mit der Geschichte und Zukunft von Ungleichheitsregimen«. Seine zentrale These ist, dass der »Kampf für Gleichheit und Bildung … die Wirtschaftsentwicklung und den menschlichen Fortschritt möglich gemacht hat, nicht die Heiligsprechung von Eigentum, Stabilität und Ungleichheit.« Der Autor führt sein Projekt **–** eine Analyse der Ungleichheit und ihrer Dynamiken **–** demnach fort, diskutiert jedoch vertieft deren Ursache **–** die Eigentumsverhältnisse **–** und deren Rechtfertigung **–** die Ideologie. Sie ist der zentrale Begriff im neuen Buch. Piketty versteht darunter ein »Gefüge von Ideen und Diskursen«, die »auf grundsätzlich plausible Weise beschreiben wollen, wie die Gesellschaft zu organisieren sei.« Der Begriff bezeichnet somit weder eine Illusion oder einen falschen Schein, angesiedelt im Reich der Ideen. Ideologie ist für Piketty wesentlich eine Praxis der Legitimierung, etwa der Ungleichheit. Grundlegend seien hier »politisch-ideologische Kräfteverhältnisse zwischen den verschiedenen Gruppen und Diskursen« in der Gesellschaft. Diese seien nicht allein »materielle«, sondern »vor allem intellektuelle und ideologische Kräfteverhältnisse«. ## Der Beginn der Eigentümergesellschaft Auch wenn es so klingen mag: Piketty greift hier nicht explizit die bald 150-jährige Diskussion im Anschluss an Marx, Gramsci, Althusser, Foucault und Poulantzas auf, wie Ideologie die Zustimmung der Beherrschten organisiert und wie die kapitalistische Klassengesellschaft ver- und erklärt wird. Vielmehr grenzt er sich von einem Marxschen Abziehbild ab, gemäß dem der ideologische Überbau »nachgerade mechanisch vom Stand der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse determiniert sei«. Er, Piketty, beharre hingegen auf »einer genuinen Autonomie der Ideen«. Seine Darstellung erinnert freilich an den Marxismus der Zweiten Internationalen ab 1889 oder an den Realsozialismus und hat mit Marx wenig zu tun. So wirken seine Ausführungen zur Ideologie nur in Abgrenzung zu dieser sehr verzerrten Marx-Darstellung plausibel. Pikettys wenig tiefgehende Ausführungen in der Einleitung erklären, warum er auf den folgenden Seiten kaum in der Lage ist, den Bedingungen für die Stabilität von Herrschaft und Ungleichheit oder von gesellschaftlicher Veränderung nachzugehen. Er beschreibt mehr, als dass er erklärt. »Kapital und Ideologie« umfasst vier Teile. Im ersten stellt Piketty Ungleichheitsregime in der Geschichte dar und geht vor allem auf die feudalen Gesellschaften in Europa ein. Deren Ungleichheit war durch die Dreiteilung in Klerus, Adel und dritten Stand gekennzeichnet. Mit der Französischen Revolution ab 1789 wurden politische Hoheitsbefugnisse beim Staat zentralisiert, während die Eigentumsordnung **–** und damit die soziale Ungleichheit **–** fortbestand. Die detaillierte Rekonstruktion dieser Trennung wurde als eines »der Glanzstücke« Pikettys bewertet: »Die Französische Revolution erscheint hier nicht als Erringung von Demokratie und Menschenrechten, sondern als Triumph von Eigentum und Geldstabilität in Europa«, schreibt Oliver Schlaudt in seiner lesenswerten Besprechung. (1) Hier beginnt das, was Piketty als Eigentümergesellschaft bezeichnet, weil mit ihr die moderne Konzeption von Privateigentum beginnt und sich die Gesellschaft in eine private und eine politische Sphäre ausdifferenziert. Das erklärt zwar, warum Piketty davon ausgeht, dass das Problem der Ungleichheit sich dadurch lösen lasse, dass das Eigentum der Politik unterworfen wird. Doch so instruktiv die Darstellung ist, so drückt sie auch ein begrenztes Verständnis von Kapitalismus aus, das bereits »Das Kapital im 21\. Jahrhundert« ausgezeichnet hat. (2) Kapitalismus lässt sich nicht einfach durch seine ungleiche Eigentumsstruktur charakterisieren, sondern durch eine historisch-spezifische: Die unmittelbar Produzierenden sind von den Mitteln der Produktion ausgeschlossen; sie haben nichts als ihre Arbeitskraft, die sie verkaufen können. Hinzu kommt jedoch **–** und das ist zentral **–**, dass der Zweck der Produktion die Erzielung von Profit ist, angetrieben durch die Konkurrenz der Kapitale um rentable Anlagemöglichkeiten. Diese Logik der Produktion findet ihren Ursprung nicht erst im Frankreich des 19\. Jahrhunderts, sondern bereits in England ab etwa dem 16\. Jahrhundert. Bei Piketty geht diese Spezifik verloren, obwohl er für sich in Anspruch nimmt, dass politökonomische Kategorien wie Gewinn, Lohn, Kapital oder Schulden »soziale und historische Konstruktionen« seien, die es nicht »als solche« gebe. Allerdings: Konsequent historisch spezifisch verhandelt Piketty zum Beispiel die Kategorie Eigentum oder Ware nicht **–** trotz seines Bezugs auf den Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi. Das zeigt sich, wenn es sowohl um die Vergangenheit als auch um die Zukunft geht. So verweist Piketty auf archäologische Funde und stellt fest, dass bei den Gesellschaften von Jäger\*innen und Sammler\*innen eine geringe Konzentration von »Eigentum« vorlag, weil es noch wenige »Waren« gab, die man hätte tauschen und anhäufen können. Ähnlich unhistorisch geht er mit der Zukunft um: Im partizipativen Sozialismus, wie Piketty sein Konzept bezeichnet, erlaube es eine »echte progressive Eigentumsteuer«, »eine Kapitalausstattung für alle zu finanzieren«. Dem Staat kommt demnach bei Piketty eine zentrale Rolle zu und er wähnt sich in guter Tradition, denn das politische Ziel der sozialistischen Bewegung sei immer Verstaatlichung gewesen, was für Piketty die einzig vorstellbare Form der grundlegenden Veränderung der Eigentumsordnung zu sein scheint. Die Geschichte der Genossenschaftsbewegung, Friedrich Engels‘ Kritik an der Sozialdemokratie, die auf Verstaatlichungen setzte, oder neuere Debatte um commons nimmt er nicht zur Kenntnis. Piketty bleibt demnach auch in seinem neuen Buch ein zutiefst bürgerlicher Ökonom, obwohl er die »Überwindung des Kapitalismus und des Privateigentums zugunsten eines partizipativen Sozialismus« als Ziel formuliert. ## Kolonialismus und Sklaverei Dem Aufstieg Europas, der mit Kolonialismus und Sklaverei einherging ist der zweite Teil des Buches gewidmet. Piketty stellt beides nicht nur als eine Form der Herrschaft extremer Ungleichheit dar, sondern als Grundlage für die Fortsetzung der Ungleichheit auf Grundlage von Eigentum und Rechtssicherheit. Das zeigt das Beispiel des von Armut und Ungleichheit geprägten Haitis. Nach einem erfolgreichen Aufstand der Sklav\*innen 1791 wurde Haiti 1804 unabhängig. Frankreich jedoch erpresste Entschädigungen für die ehemaligen Herren, weil sie ihres Eigentums an Sklav\*innen »beraubt« wurden. Die zu zahlende Summe entsprach einem Dreifachen von Haitis Nationaleinkommen. Die Schuld war erst im Jahr 1950 offiziell beglichen. Ohne diese organisierte Ungleichheit ist Haitis weitere Geschichte und Entwicklung kaum zu verstehen. Des Weiteren geht Piketty in diesem Kapital auf viele andere Länder ein, so auf China, Japan oder den Iran. Allerdings wird das umfassendere Bild eher oberflächlicher **–** mit Ausnahme von Indien. Was überdies fehlt, ist eine Diskussion des Zusammenhangs zwischen ausbeuterischen Praktiken wie Sklaverei und ihrer Legitimation durch zum Beispiel rassistische Ideologien. Der dritte Teil des Buchs nimmt den Niedergang der Eigentümergesellschaften infolge der beiden Weltkriege in den Blick. Die Zerstörung durch Krieg, die Weltwirtschaftskrise und eine neue Wirtschaftspolitik griffen tief in die Eigentümergesellschaften ein **–** nicht nur in Form von Sozialstaat und progressiver Steuerpolitik im Rahmen des sogenannten Keynesianismus, sondern in Ländern wie der Sowjetunion auch durch Aufhebung des Privateigentums. Diese Periode bezeichnet Piketty im Anschluss an Karl Polanyi als »große Transformation«. Diese umfasse jedoch auch die Gegenbewegung, das heißt eine erneute Zunahme der Ungleichheit ab den 1980er Jahren, die sich mit dem Ende der Blockkonfrontation nochmals beschleunigte. Wie bereits in seinem Vorgängerbuch beschrieben, zeichnet sich die Ungleichheit vor allem durch die extrem hohen Einkommen aus **–** etwa von Manager\*innen, die nicht Eigentümer\*innen sind. Das unterscheidet die gegenwärtige Ungleichheit von der vor dem Ersten Weltkrieg. ## Soziale Kämpfe: Fehlanzeige In vierten und letzten Teil von »Kapital und Ideologie« zieht Piketty politische Schlüsse aus den historischen Erfahrungen und skizziert die Idee eines »partizipativen Sozialismus«. Diese versteht er explizit als Teil des Kampfs um Ideen. Er stellt jedoch heraus, dass es eines kollektiven Prozesses der Verständigung bedarf, was als eine gerechte Gesellschaft gilt und wie diese zu organisieren sei. Einerseits stellt er durchaus heraus, dass die Kriterien dafür, was als ein richtiges Argument gilt, von gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen geprägt sind. Doch geht er dem weder konzeptionell noch in seinen historischen Ausführungen nach. Überdies analysiert Pikettty nicht die Antriebskraft, die die Ungleichheit immer wieder herstellt: der Zweck der kapitalistischen Produktion, der Profit, angetrieben durch eine auf Konkurrenz basierende Produktionsweise. Insofern bleibt sich Piketty treu. Deutlicher wird in seinem neuen Buch, dass er auch die Gegenkräfte nicht in der Lage ist zu identifizieren. Sein Credo, aus der Geschichte zu lernen, wird zu einer Nullnummer. Das zeigt sich daran, wie prosaisch er die sozialen Kämpfe diskutiert. In der Realität wurden Veränderungen durch Kämpfe herbeigeführt, bei Piketty aber sind es vor allem die Ideen **–** dem konkreten Zusammenhang zwischen beiden geht er nicht nach. Nur ein Beispiel dafür ist seine Präsentation des deutschen Mitbestimmungsrechts, das für ihn eine politische Richtschnur darstellt: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es 1952 eingeführt, nachdem es im Nationalsozialismus suspendiert worden war. »Ein zweites Mal soll es dem deutschen Arbeiter \[sic!\] nicht passieren, was in den Jahren 1920/21 passiert ist, dass sie trotz ihres ehrlichen Bemühens doch wieder die Betrogenen sind.« So das Protokoll der 1\. Gewerkschaftskonferenz der britischen Zone 1945\. (3) Bereits 1920 waren die infolge der Novemberrevolution 1918/19 errungenen Rechte mit dem Betriebsverfassungsgesetz zurückgenommen worden. Es sollte jedoch anders kommen: 1952 beschloss die bürgerliche Mehrheit im Bundestag das Betriebsverfassungsgesetz, ohne dass auch nur im geringsten die zuvor formulierten Vorstellungen und erhobenen Forderungen berücksichtigt wurden. Und das, obwohl die Jahre zuvor Streiks und Klassenkämpfe die Westzonen prägten und es eine breite Debatte um Sozialisierung und Wirtschaftsdemokratie gab. (4) Diese erneute Niederlage der Arbeiterklasse verkauft Piketty aber als Erfolg, der Modell für seinen »partizipativen Sozialismus« sein soll. Wer aber, wie Piketty, weder auf Bedingungen, Kräfteverhältnisse noch Kämpfe eingeht, die diese Niederlage zeitigten, wird auch seinem Vorhaben nicht gerecht, »aus der Geschichte zu lernen« **–** Pikettys Sozialismus-Vorschlag wird zu einem Papiertiger. Man könnte einwenden, dass eine detaillierte Thematisierung gesellschaftlicher Kämpfe für das Buch nicht so wichtig ist, das Thema ein anderes ist. Dem ist aber nicht so. Piketty betont, wie erwähnt, dass die politökonomischen Kategorien »soziale und historische Konstruktionen« seien. Diesem Anspruch wird er jedoch nicht gerecht, weder bei der Frage, was den Kapitalismus allgemein auszeichnet, noch bei den vielen besonderen Ideen und Veränderungsprozessen und den ihnen zugrunde liegenden Prozessen. Statt auf den 1.300 Seiten öfters detaillierter auf reale Kämpfe einzugehen und so manche Redundanz zu streichen, verweist Piketty lieber auf Filme, Serien oder Romane, die einen bestimmten Konflikt veranschaulichen sollen. Das mag ein netter Gimmick sein, in der Schwerpunktsetzung macht es ihn aber selbst zum Teil der »brahmanischen Linken«, die er selbst als Teil des Problems diskutiert, weil sie sich nicht an den Interessen der Arbeiter\*innen (Pikettys Wortwahl), sondern an dem bildungsbürgerlichen Wählerpotenzial orientierten. Thomas Piketty: Kapital und Ideologie. C.H. Beck Verlag, München 2020\. 1.312 Seiten, 39,95 EUR **Anmerkungen:** 1) Oliver Schlaudt: Eine Weltkarte der Ungleichheit. Thomas Pikettys neues Buch »Kapital und Ideologie«, in: Merkur, März 2020, S. 49-58, hier: S. 52f. 2) Siehe Stephan Kaufmann, Ingo Stützle: Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre. Thomas Pikettys Das Kapital im 21\. Jahrhundert – Einführung, Debatte, Kritik. Berlin 2014. 3) Zit. nach: Frank Deppe u.a.: Kritik der Mitbestimmung: Partnerschaft oder Klassenkampf? Frankfurt am Main 1973, S. 83. 4) Ute Schmidt, Tilman Fichter: Der erzwungene Kapitalismus. Klassenkämpfe in den Westzonen 1945-48\. Berlin 1972; Eberhard Schmidt: Die verhinderte Neuordnung 1945-1952\. Zur Auseinandersetzung um die Demokratisierung der Wirtschaft in den westlichen Besatzungszonen und in der Bundesrepublik Deutschland. Frankfurt am Main 1981. Erschienen in: [ak - analyse & kritik, Nr. 662](https://www.akweb.de/ausgaben/662/?ref=blog.stuetzle.cc) (August 2020). Eine erweiterte Fassung findet sich im letzten Kapitel von: [Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre](https://bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten?ref=blog.stuetzle.cc) (Bertz + Fischer, 2020) ### Hexen verbrennen, Geldfälscher hängen URL: https://blog.stuetzle.cc/hexen-verbrennen-geldfaelscher-haengen/ Last updated: 2020-08-21T13:41:27.000Z > »Um dieselbe Zeit, wo man in England aufhörte, Hexen zu verbrennen, fing man dort an, Banknotenfälscher zu hängen.« (MEW 23: 783) [![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2020/08/BertzFischer_Prokla_199_148x21-RGB-3-72dpi.jpg)](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/issue/view/202?ref=blog.stuetzle.cc) Karl Marx stimmt mit diesem Satz an, wie die moderne Eigentums- und Geldordnung durchgesetzt wurde, blut- und schmutztriefend, als Resultat eines gewaltsamen Prozesses. Er wendet sich damit gegen die Selbstverklärung der bürgerlichen Gesellschaft, die ihre eigene Geschichte – etwa in der Politischen Ökonomie – gern als eine von Fortschritt und Zivilisation zeichnet und idealisiert. Dieses Bild zurecht zu rücken, fällt vor allem bei den Kategorien Geld und Eigentum schwer, die als etwas Selbstverständliches, immer schon Vorhandenes gelten. In der Vergangenheit werden nur die modernen Formen wiedererkannt, statt diese in ihrer historischen Spezifik zu begreifen. Marx hatte für diese Form der Rückprojektion oft beißenden Spott übrig. Während Marx die historische Durchsetzung der modernen Eigentumsordnung im *Kapital* kritisch nachzeichnet, bleiben seine Ausführungen zu Geld auffällig spärlich. Für die *[PROKLA](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/issue/view/202?ref=blog.stuetzle.cc)* bin ich der Genese nachgegangen und wollte dem historischen Hintergrund des Zitats zu Hexerei und Geldfälschung nachgehen. Leider war hierfür kein Platz und der Exkurs hätte etwas vom Thema des Beitrags weggeführt. Deshalb möchte ich meine Notizen hier zugänglich machen. Stabile Eigentumsverhältnisse und stabiles Geld gehören zu den wesentlichen Voraussetzungen der kapitalistischen Produktionsweise. Was »stabil« konkret bedeutet und wie diese Stabilität zu garantieren ist, darüber wird seit John Locke (und früher) bis heute gestritten (vgl. Nuss 2006). Ohne Recht kein Eigentum, kein Privateigentum an Produktionsmittel. Ohne Geld keine Akkumulation, denn Kapitalismus ist wesentlich Geldwirtschaft. Privateigentum und Geld werden *politisch* garantiert, ohne einfach eine gesellschaftliche Konvention zu sein. Sie sind ein Strukturmerkmal des Kapitalismus. Die Genese der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise zeigt schließlich, dass die Hexenjagd und die Verfolgung der Geldfälscherïnnen eine gemeinsame Geschichte teilen ([auf letzteres gehe ich im *PROKLA*\-Beitrag ein](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/1886?ref=blog.stuetzle.cc)). Dieser historische Prozess war in seiner frühen Phase, so behauptet Silvia Federici, von Hexenjagd begleitet, diese seien genuiner Moment einer großen Transformation (vgl. direkter Bezug zu Polanyi 1944 bei Federici 2019: 25), der sogenannten ursprünglichen Akkumulation (Federici 2004). Sie scheint damit das oben angeführte Marx-Zitat aufzugreifen. Federici zitiert es jedoch an keiner Stelle. Der Grund liegt darin, dass der Satz in der von Engels autorisierten englischen Übersetzung des *Kapital* gestrichen wurde (MEGA2, Bd. II.9: 762 – vgl. auch MECW 35: 743 sowie die von Ben Fowkes besorgte Übersetzung, die 1990 als Penguin Classics erschien und eigentlich die deutsche Werkausgabe als Grundlage hat \[hier: 920\]). Die Gründe sind nicht bekannt. Sie scheint damit eine ähnliche Beobachtung zu machen: Ältere, alleinstehende Frauen auf dem Land, so Federici, litten besonders unter der Einhegung und Vertreibung von, Trennung von Subsistenzmitteln und der Zerstörung der Nutzungsrechte der *commons*. Weil sie diesen Prozess nicht widerstandlos hinnahmen, sondern weil sie es waren, die die Lebensmittelrevolten in der Regel anführten (Federici 2004: 97). Zusammenfassend hält Ferderici fest: > »Mit der Hexe bestraften die Machthaber\*innen gleichzeitig den Angriff auf das Privateigentum, sozialen Ungehorsam, die Verbreitung des Magieglaubens, der die Existenz einer Macht voraussetzte, die sie nicht kontrollieren konnten, sowie die Abweichung von der sexuellen Norm, nach der nun das Sexualverhalten und die Fortpflanzung unter staatlicher Kontrolle stand.« (Federici 2019: 35) Federicis Thesen wurden von Historikern nicht rezipiert oder explizit kritisiert, eher ignoriert.[\[1\]](#%5Fftn1) Sicherlich verallgemeinert Federici in unzulässiger Weise. Statt ihrer Beobachtung als Phänomen bestimmter geografischer Bereiche Englands in einer bestimmten historischen Phase zu betrachten und dieser konkreter nachzugehen, verallgemeinert sie ihre Aussagen nicht nur geografisch, sondern auch in der Zeit. Neuere Hexenforschung zeigt deutlich, wie unterschiedlich die Gründe, Kontextbedingungen etc. waren – und dass die Jagd in Deutschland wesentlich heftiger als etwa in England war. Zudem ist es problematisch davon auszugehen, wie sie Federici tendenziell macht, dass die Hexenverfolgung eine politische Durchsetzungsform der ursprünglichen Akkumulation war – und nicht eine Begleiterscheinung.[\[2\]](#%5Fftn2) Umgekehrt dürften jedoch historische Arbeiten zur Hexenjagd differenzierter werden, wenn die Erkenntnis mit einbezogen werden würden, was konkret den Übergang zum Kapitalismus als Paradigmenwechsel auszeichnet, nämlich die Durchsetzung einer neuen Eigentumsordnung und die Freisetzung des doppelt freien Lohnarbeiters. So bestätigt etwa Brian P. Levack nicht nur, dass es vor allem Frauen aus dem ländlichen Raum aus den unteren Gesellschaftsschichten waren, die als Hexen gejagt wurden, sondern betont zudem die sozialen und gesellschaftlichen Ursachen (Levack 1999: 128f., 145f.): > »Da die Armut der Betroffenen offensichtlich in weitem Umfang dazu beitrug, dass sie der Hexerei beschuldigt wurden, erscheint die Annahme gerechtfertigt, dass die Veränderungen der Wirtschaftsstrukturen in der Frühen Neuzeit zu den Ursachen der großen Hexenjagd gehören.« (Levack 1999: 146) Was aber zeichnet die »Veränderungen der Wirtschaftsstrukturen« aus? Laut Levack: Bevölkerungswachstum, Überangebot an Arbeitskräften, sinken der Reallöhne, Inflation vor dem Hintergrund »begrenzter Ressourcen« (Levack 1999: 146). Auch Gaskill (2000: 57) betont, dass den Bezichtigungen der Hexerei oft auf soziale Spannungen zurück gehen, die ökonomischen Ursprungs sind, was ihn veranlasst, die Haushalte zu untersuchen (ebd.). Damit wird jedoch etwas unterstellt, was sich erst im Begriff ist, historisch herauszubilden, die Trennung von Produktions- und Reproduktionssphäre. Diese beispielhaften Ausführungen sind unspezifisch wie von einer Rückprojektion kapitalistischer Verhältnisse in die Frühe Neuzeit geprägt. Die »begrenzte Ressourcen« sind geradezu der Inbegriff neoklassischer Modellierung von Wirtschaft, Ausdruck, kapitalistische Eigentumsverhältnisse zu naturalisieren. Dass es überhaupt »freie« Arbeitskräften auf einem Arbeitsmarkt gab, ist Resultat der Freisetzung. Andere aktuelle Forschung, die umfassend Quellenmaterial aufbereitet (etwa Elmer 2016), geht erst gar nicht den sozialen und ökonomischen Ursachen nach (kritisch hierzu Gaskill 2016). Kurzum, es scheint, dass nicht nur Federicis Forschungen defizitär sind, sondern auch die historische Hexenforschung. Es wäre die Mühe wert, Marx’ kühner Behauptung intensiver nachzugehen, die er an keiner Stelle weiter ausführt oder wiederholt. Aber warum folgt auf die Hexenverbrennung die Verfolgung der Geldfälscher und eben auch Geldfälscherinnen? Denn ganz offensichtlich waren auch hier viele Frauen am Werk (vgl. Gaskill 2000: 123–199). Auf die Einhegungen der *commons* geht Marx ein. Er führt dies gegen Ende des ersten Bandes des *Kapital* aus. Diese Darstellung folgt der Einsicht, dass zunächst die kapitalistischen Formen analysiert und dargestellt werden müssen, was sie als spezifisch kapitalistisch auszeichnet, um dann ihre historische Genese zu rekonstruieren. Während die methodischen Fragen und der historische Prozess der sogenannten ursprünglichen Akkumulation hinsichtlich der Durchsetzung des modernen Eigentums in den wissenschaftlichen Auseinandersetzungen Beachtung fand, ist die historische Durchsetzung moderner Geldverhältnisse nur wenig untersucht – und das, obwohl Marx den monetären Charakter der kapitalistischen Produktionsweise deutlich herausstreicht. Marx analysiert die Wertform und begründet die Notwendigkeit von Geld für die kapitalistischen Warenwirtschaft. Damit sich die Waren allumfassend als Werte aufeinander beziehen können, der Tausch als herrschende Form des Stoffwechsels funktionieren möglich ist, muss nicht nur die Arbeitskraft als Ware existieren MEW, Bd. 23: 184 Fn. 41), sondern alle müssen sich auf Geld beziehen, ein gemeinsames Geld, in der Auspreisung, im Warentausch, Kreditvergabe, Buchhaltung etc. Kapitalismus ist immer auch Geldwirtschaft. Wie jedoch aus der allgemeinen Äquivalentform, wenn sich alle Waren auf ein allgemeines Äquivalent beziehen, schließlich das Geld entspringt, ist nicht begrifflich zu entwickeln. Marx spricht in diesem Zusammenhang von »gesellschaftlicher Tat« (MEW, Bd. 23: 101): > »Allgemeines Äquivalent zu sein wird durch den gesellschaftlichen Prozess zur spezifisch gesellschaftlichen Funktion der ausgeschlossenen Ware. So wird sie – Geld.« (ebd.: 101).[\[3\]](#%5Fftn3) Während Marx bei den Eigentumsverhältnissen, dem doppelt freien Lohnarbeiter und schließlich im dritten Band bei den Formen Handels- und zinstragendes Kapital der historischen Genese dieser Formen nachgeht (vgl. Hafner/Gehring 1998), bleiben die Ausführungen ausgerechnet beim Geld aus – und das, obwohl Marx immer wieder auf die historische Dimension und die Kontingenz der Herausbildung von Geld- und Kreditverhältnissen abhebt. Zwar wurde in der Marxforschung diskutiert, inwiefern die Goldbindung des Geldes historisch kontingent (vgl. Stützle 2006) und wie wesentlich eine Zentralbank ist, die die »Münzung« übernimmt, das heißt dem Geld nicht nur einen Namen gibt, sondern auch hoheitlich die Einheiten festlegt. Bisher kaum diskutiert wurde hingegen, die »gesellschaftliche Tat«, mit der das Geld ebenso »blut- und schmutztriefend« (MEW, Bd. 23: 788) in die Welt kommt, begleitet von »grotesk-terroristischen Gesetzen« (ebd.: 765), wie bei der Freisetzung und Disziplinierung der Lohnarbeit. Strafpraktiken wurden nämlich auch gegenüber *clipping* und Geldfälschung angewendet. Geld und Eigentum bzw. Eigentumslosigkeit verweisen demnach auch in ihrer historischen Genese eine gemeinsame Geschichte auf. Um in Marx’ Bild zu bleiben, dass die die ursprüngliche Akkumulation für die Politische Ökonomie das sei, was in der Theologie die Legende vom Sündenfall, wird der Ursprung des Geldes, »indem er als Anekdote der Vergangenheit erzählt wird« (MEW, Bd. 23: 741). Marx weiter: »In der sanften politischen Ökonomie herrschte von jeher die Idylle. \[…\] In der Tat sind die Methoden der ursprünglichen Akkumulation alles andere, nur nicht idyllisch.« (MEW, Bd. 23: 742) Das gilt auch für die Geschichte des Geldes. Hierzu dann – ohne den hier ausgeführten Exkurs – [mein Aufsatz in der *PROKLA* 199](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/1886?ref=blog.stuetzle.cc). --- [\[1\]](#%5Fftnref1) Gerd Schwerhoff, Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit und Mitglied im Beirat der Reihe »Hexenforschung«, hat eine wohlwollende Besprechung sehr pointiert kritisiert, jedoch ohne das Buch gelesen zu haben. [https://fnzinfo.hypotheses.org/917#comments](https://fnzinfo.hypotheses.org/917?ref=blog.stuetzle.cc#comments) [\[2\]](#%5Fftnref2) Vgl. kritisch zu Federicis Konzeption des Übergangs zum Kapitalismus Blank (2014) und Leach (2019). [\[3\]](#%5Fftnref3) In den Manuskripten zum dritten Band schreibt Marx im Kapitel »Geschichtliches über das Kaufmannskapital«, dass dieses durch seine Bewegung Äquivalenz setze (MEW, Bd. 25: 342). Auf diesen Punkt und den damit einhergehenden Umstand, dass historisch zunächst die Niederlande und schließlich England in ihrer Rolle als Handelsmacht auch das dominante Finanzzentrum stellten, kann hier nicht weiter eingegangen werden. --- **Literatur** Blank, Gary (2014): Marxism, Gender and ‚the Transition’: A Comparative Review of Federici and Seccombe. In: [Analize](http://www.analize-journal.ro/library/files/review%5F1%5Fmarxism%5F.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) (16)2. Elmer, Peter (2016): Witchcraft, Witch-Hunting, and Politics in Early Modern England. Oxford. Federici, Silvia (2004): Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Wien 2012 Federici, Silvia (2019): Hexenjagd. Die Angst vor der Macht der Frauen. Münster. Gaskill, Malcolm (2000): *Crime and Mentalities in Early Modern England*, Cambridge Studies in Early Modern British History. Cambridge. DOI: [http://doi.org/10.1017/CCOL0521572754](http://doi.org/10.1017/CCOL0521572754?ref=blog.stuetzle.cc). Gaskill, Malcolm (2016): Review of »Witchcraft, Witch-Hunting, and Politics in Early Modern England« by Peter Elmer. In: History. Journal of the Historical Association (101)348: 785-787. Hafner, Kornelia / Gehring, Thomas (1998): Historisches über das Kaufmannskapital. Über das notwendige Hereintreten des Historischen in die Darstellung der Kritik der politischen Ökonomie. In: Beiträge zur Marx-Engels Forschung Neue Folge 1997: 161-179. Leach, Nicole (2019): Rethinking the Rules of Reproduction and the Transition to Capitalism: Reading Federici and Brenner Together. In: Lafrance, Xavier / Post, Charles (Hg.): Case Studies in the Origins of Capitalism. Cham: 317-342. Levack, Brian P. (1999): Hexenjagd : Die Geschichte der Hexenverfolgungen in Europa. München Nuss, Sabine (2006): [Copyright & Copyriot. Aneignugskonflikte um geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus](https://nuss.in-berlin.de/buecher/copyright-copyriot/?ref=blog.stuetzle.cc). Münster. Polanyi, Karl (1944): The Great Transformation. Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen. Frankfurt/M 1997. Stützle, Ingo (2006): Die Frage der konstitutiven Relevanz der Geldware in Marx' Kritik der politischen Ökonomie. In: Hoff, Jan / Petrioli, Alexis / Stützle, Ingo, u.a. (Hg.): Das Kapital neu lesen. Beiträge zur radikalen Philosophie. Münster: 256-286. ### Wie unwissenschaftlich ist die Arbeitswerttheorie? URL: https://blog.stuetzle.cc/wie-unwissenschaftlich-ist-die-arbeitswerttheorie/ Last updated: 2020-08-11T13:13:04.000Z Ich habe mir den [Wohlstand-für-alle-Podcast zum *Kapital*](https://www.youtube.com/watch?v=MWQMn5G-Ln0&ref=blog.stuetzle.cc) angesehen und es gäbe viel zu sagen, aber die Bitte, mich zu Wort zu melden, war nicht der Podcast, sondern ein [Twitter-Thread](https://twitter.com/MaxReso/status/1286031281243983872?ref=blog.stuetzle.cc) bzw. ein [Reply darauf](https://twitter.com/aleftbanker/status/1286290083818217476?ref=blog.stuetzle.cc). Auch hier gäbe es viel zu sagen und zu erwidern. Ja, der Thread bietet Anlass, einen längeren Text zum Thema zu schreiben, denn es stimmt: In jedem *Kapital*\-Kurs ist die Frage danach, ob die Arbeitswerttheorie noch gilt, eine gern diskutierte Frage, eine, die sich bis zum dritten Band zieht, wie das Trafo-Problem zeigt (worauf ich gar nicht eingehen will). Ich will nur zwei Anmerkungen machen, die viel zu lang geraten sind, um sich bei Twitter wohl zu fühlen. Es ist aber auch noch kein längerer Text. Meiner Meinung formuliert Marx keine Substanztheorie, weil das, was als Substanz bezeichnet wird, der Wert, rein *gesellschaftlich* ist. Er will auch nicht beweisen, dass dem Wert Arbeit zugrunde liegt (siehe hierzu auch sein Brief an Kugelmann, MEW, Bd. 32, S. 522f.), sondern umgekehrt stellt er sich die Frage, warum Arbeit unter Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise Wertformen annimmt. In *Zur Kritik* (einer früheren Arbeit von 1859) macht er es expliziter, indem er schreibt, dass er sich nur diejenigen Waren ansieht, die Arbeitsprodukt sind (und nicht diejenigen, die kein Arbeitsprodukt sind – was umgekehrt mit sich bringt, dass er erklären können muss, wie etwas, was kein Arbeitsprodukt ist, einen Preis bekommt, etwa unbearbeiteter Boden). Der WFA-Podcast wie die Thread-Kritik behaupten, Marx steht in der Tradition von Adam Smith und David Ricardo. Jein, würde ich sagen. Smith ist zwar derjenige, der dem Wert unter Abstraktion vom Nutzen auf die Spur kommen wollte, aber er ist einer subjektiven Werttheorie weitaus näher als Marx' Theorie. Deshalb findet der neoklassische Mainstream Smith auch weitaus besser als Ricardo. Erst Ricardo bricht damit. Er akzeptierte die damals vorherrschende zirkuläre Argumentation nicht mehr, dass Waren das wert seien, was u.a. für den Lohn ausgegeben wurde, wo natürlich die Anschlussfrage lauten müsste, wie sich der Wert der Lebensmittel bestimme. Ricardo ist der erste Ökonom, der den Wert auf Verausgabung von Arbeitskraft zurückführt – verstrickt sich aber in viele Widersprüche (mit denen sich nicht nur Marx herumschlägt, sondern die auch Samuel Bailey genüsslich benennt, ein Vorbote der Grenznutzentheorie, dessen Ausführungen Marx dazu zwingen, seine Analyse der Wertform zu präzisieren). Nach seinem Tod ist Ricardo zwar noch lange eine dominante Figur, seine Theorie gerät aber schon bald in eine Krise – und es beginnt die »Reise rückwärts«. Die moderne Neoklassik interessiert sich nicht für Werttheorie, nur für die Preisbildung. Ihr Vorläufer, die Grenznutzentheorie, versuchte sich zumindest noch an einer Werttheorie, viel aber hinter Smith zurück, weil sie wieder beim Gebrauchswert landete. [Auch John M. Keynes kommt um Fragen, die Marx plagten, nicht herum](https://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/414?ref=blog.stuetzle.cc). Obwohl sich Keynes nicht für die Werttheorie interessierte, stimmte er mit der Klassik (er bezeichnet sie als Vorklassik) zumindest darin übereinstimmt, dass der »Grund« des Werts die Arbeit sei (und sich damit von der Neoklassik abgrenzt). Keynes streift sogar die Frage nach der Möglichkeit der Homogenität von Arbeit und ihrem Maß, kann aber das Problem – wie die Klassik – nicht lösen. Keynes’ vollzogene Bruch mit der Klassik (die er in der konstitutiven Bedeutung des Geldes sieht) bleibt damit zumindest ambivalent. Marx Werttheorie sei »unwissenschaftlich«, so ein Vorwurf im Thread, sie lasse sich »nicht erfahren« oder »messen« (was auch für den »Nutzen« der neoklassischen Theorie gelte). »Unwissenschaftlichkeit« ist ein hartes Urteil – und es lässt sich die Frage formulieren, warum dies für Marx, aber nicht für die Physik gilt. Denn auch kein theoretisches Konzept der Physik ist beobachtbar. Wir können zwar Bewegung von Körpern sehen und dann schlussfolgern, dass da bestimmte Kräfte im Spiel sind. Wenn sich diese Sichtweise durchsetzt, dann ist davon die Rede, dass diese Kraft beobachtet und gemessen werden kann, was aber strenggenommen gar nicht stimmt. Es werden nur die Körperbewegungen gemessen. Mit den je unterschiedlichen Vorstellungen, was diese Kraft ausmacht, verändert sich auch das, was man messen konnte: So hat Einstein mit Newtons Konzept der Gravitationskraft aufgeräumt. Etwas, was vorher messbar war, gab es plötzlich nicht mehr. Statt einer gespenstigen Fernwirkung (Newton) wird die Kraft nun mit der Krümmung des vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuums (Einstein) erklärt – auch nicht gerade der menschlichen Vorstellungsgabe unmittelbar zugänglich, aber: das, was Marx Werttheorie vorgeworfen wird, sie sei nicht wissenschaftlich, müsste dann auch für die Physik gelten (neben dem skizzierten Beispiel könnte man das gleiche für Kraftfelder durchspielen). Umgekehrt wird jedoch ein Schuh daraus: Wir brauchen die Begriffe um die Zusammenhänge zu verstehen. Wie in der Physik die unterschiedlichen Paradigmen, die sich als vorherrschende Erklärung für bestimmte Phänomene durchgesetzt haben, einen wissenschaftlichen Fortschritt beschreiben, so in der Politischen Ökonomie – wobei die Neoklassik über Marx nur noch lächeln kann (daneben noch: Keynes, als drittes Paradigma). Derweil hat die Ablösung oder die gesellschaftliche Bedeutung, die einer Theorie zukommt, viel mit sozialen Verhältnissen bzw. Auseinandersetzungen und wenig mit wissenschaftlichem Fortschritt zu tun: So ist Ricardo nach seinem Tod zwar noch lange eine dominante Figur, seine Theorie gerät aber schon bald in eine Krise – und es beginnt die »Reise rückwärts«. Mitunter angetrieben von Kreisen, die kein Interesse daran hatten, dass Ricardos Theorie von Sozialistïnnen dazu verwendet wurde, die Ausbeutung von Arbeiterïnnen anzuklagen und einen Anspruch auf das ganze Arbeitsprodukt einzuklagen. Das klang damals durchaus politisch durchsichtig, wenn man zeitgenössische Ökonomen oder Publizisten zuhört. Es sei, so Samuel Read, ein anti-ricadianischer Ökonom 1829, »ein schändlicher und fundamentaler Irrtum«, dass Arbeit Quelle des Reichtums sei, und bringe nur eine Feindseligkeit gegenüber Unternehmern zum Ausdruck, schließlich werde nicht anerkannt, wie viel Zeit der Eigentümer des Kapitals für dessen Anwendung opfere (so etwa der Geologe und Ökonom Poulett Scrope 1833). Und der nordamerikanische Ökonom Thomas Cooper schrieb 1830: »Wenn dies die Vorschläge sind, zu deren Durchsetzung sich die Handwerker und Arbeiter zusammenschließen, so ist es für jene, die Eigentum zu verlieren und Familien zu beschützen haben, hohe Zeit, sich zur Selbstverteidigung zusammenzufinden.« Der Ökonom Mark Blaug resümiert aus theoriegeschichtlicher Perspektive: »Es ist bezeichnend, daß die Autoren, die die Ansichten der ›Arbeitstheoretiker‹ angriffen – Scrope, Read und Longfield –, auch unter den ersten waren, die die Abstinenztheorie des Profits hervorbrachten \[dass Profit auf Sparen zurückgehe\]. In diesem Sinne waren die theoretischen Neuschöpfungen dieser ›vernachlässigten britischen Ökonomen‹ nicht ohne Beziehung zu der Natur des Klassenkampfes nach 1830.« Die Polemik neoklassischer Ökonomen gegen die marxsche Werttheorie, sie sei Ideologie, keine Wissenschaft, kann also getrost der Spiegel der eigenen Tradition vorgehalten werden. Umgekehrt gilt meiner Meinung jedoch auch, dass eine bestimmte Marx-Lesart den Bruch nicht anerkennt, den Marx – wenn auch unzureichend – mit der Klassik markiert, wenn er einfach in die Reihe Smith/Ricardo gestellt wird, behauptet wird, Wert und abstrakte Arbeit ließe sich quantifizieren (so auch Ole und Wolfgang). Dem würde ich widersprechen. Konkrete Arbeit lässt sich mit der Stoppuhr messen, nicht abstrakte Arbeit. Wert ebenso wenig. Damit wären wir wieder bei der Physik und Begrifflichkeiten, die es erst ermöglichen etwas zu messen. So muss etwa bei Kraftfeldern, um das Feldpotenzial messen zu können, so etwas wie eine Eichgröße bestimmt werden (d.h. so ähnlich wie die Höhe eines Berges durch die willkürliche Setzung, dass der Meeresspiegel die Höhe Null hat, bestimmt wird). Um Wert »messen« zu können bedarf es: Geld. Das Geld ist die einzige handgreifliche Form des Werts (die sachliche Form des Geldes macht auch den Unterschied zur Physik aus, in der Begriffe keine gegenständliche Form annehmen), das Geld »trägt seine gesellschaftliche Macht, wie seinen Zusammenhang mit der Gesellschaft in der Tasche mit sich.« (MEW, Bd. 42, S. 90) Anders als Marx interessiert sich die Neoklassik nur für die Preisbildung, nicht, was ein Preis überhaupt ist und warum es im Kapitalismus neben den Waren überhaupt Geld geben muss (warum nicht unmittelbar die Arbeit messen?). Für den wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream und den Alltagsverstand spielen Angebot und Nachfrage die zentrale Rolle, wenn eine Ware sehr begehrt ist oder sehr knapp, ist der Preis hoch, denn der Markt zeigt schnell, was verlangt werden kann. Industriell hergestellte Produkte sind im Kapitalismus jedoch alles andere als knapp, sondern nur in Geld knapp, d.h. ob wer zahlungsfähig ist, nicht von Natur aus, wie der Mainstream unterstellt. Der Wert »reguliert« die gesellschaftliche Produktion und Marx zeigt, dass der Markt die Bedingungen sanktioniert, unter denen die Waren hergestellt wurden, Preise also überhaupt im Kapitalismus so wichtig sind: Wer zu hohe Löhne zahlt oder zu unproduktiv arbeiten lässt, wird sich nicht lang am Markt halten. Der Wert ist demnach sehr wohl erfahrbar – als gesellschaftlicher Zwangszusammenhang. Die Preisform, so Marx ist die passende Form einer Produktionsweise, »worin sich die Regel nur als blindwirkendes Durchschnittsgesetz der Regellosigkeit durchsetzen kann« (MEW 23, Bd. 23, S. 117). Die Preisbewegungen der Waren am Markt unterstellen also ganz spezifische gesellschaftliche Verhältnisse, Zusammenhänge und ökonomische Mechanismen, die Preise überhaupt nötig machen und deren Bewegungen bestimmen. Warenproduzierende Arbeit ist ein zentraler Bestimmungsfaktor, was Marx klar war, aber wovon die Neoklassik nichts wissen will und Keynes sich selbst im Weg stand. ### Forschungsnotiz: Eigentumsprämie, Urwert und Geld bei Gunnar Heinsohn und Otto Steiger URL: https://blog.stuetzle.cc/forschungsnotitz-eigentumspraemie-urwert-und-geld-bei-gunnar-heinsohn-und-otto-steiger/ Last updated: 2020-06-03T07:20:19.000Z Für die [neue *PROKLA*](https://prokla.de/index.php/PROKLA/issue/view/202?ref=blog.stuetzle.cc) habe ich einen [Beitrag zu Eigentum und Geld](https://prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/1886?ref=blog.stuetzle.cc) beigesteuert. Wie es so ist, war nicht für alles Platz – nicht nur weil der Beitrag keine 20 Druckseiten umfassen sollte, sondern auch weil die konzeptionelle Anlage des Beitrags es nicht zuließ. Wenn eine Zwischenüberschrift »Exkurs« im Namen trägt, sollte man sich immer zwei Mal überlegen, ob das meist durchaus interessante Material wirklich für die Fragestellung relevant ist. Weil ich aber darum gebeten wurde, meine Auseinandersetzung mit Gunnar Heinsohn und Otto Steiger zugänglich zu machen, stelle ich meine skizzenhaften Überlegungen hier ein. Skizzenhafte Überlegungen deshalb, weil ich den Exkurs *nicht* ausgearbeitet habe. Wer in der ökonomietheoretischen Debatte etwas bewandert ist, weiß, dass der politisch indiskutable Gunnar Heinsohn und bereits verstorbene Otto Steiger (2002; 2008) im Rahmen ihrer Eigentumstheorie eine Eigentumsökonomik entwickelt haben, einen unmittelbaren Zusammenhang von modernem Eigentum und Geld herstellen. Ihr Anspruch, Tabula rasa mit der Politischen Ökonomie zu machen, führt sie durchaus zu provozierenden Schlüssen (so habe vor ihnen niemand eine Theorie des Wirtschaftens entwickelt) und durchaus bekannten Aussagen, so etwa dass das Eigentum und das Geld sehr moderne Phänomene seien, ja den Kapitalismus auszeichnen.[\[1\]](#%5Fftn1) Er sei wesentlich *Eigentumsgesellschaft*, nicht einfach Marktgesellschaft. Geld gehe nicht aus dem Tausch hervor, sei keine Schmiermittel für den Warentausch. Mit Ethnologie und Wirtschaftsgeschichte kritisieren sie so manche Fiktion der Politischen Ökonomie, von Klassik und Neoklassik, kritisieren jedoch auch Marx und Keynes.[\[2\]](#%5Fftn2) Eigentum entstehe durch einen Rechtsakt, ein für die ökonomische Analyse exogener Faktor. Damit sei es möglich, alle vom verwenden des Eigentums auszuschließen. Das Eigentum kann jedoch auch umgekehrt als Pfand hinterlegt werden, für ein Zahlungsversprechen. Aus der Beziehung Eigentümer–Nicht-Eigentümer entsteht so ein Kreditverhältnis – und schließlich Geld. Heinsohn/Steiger vertreten demnach eine Kredittheorie des Geldes. Diesem Zusammenhang liege eine Eigentumsprämie zugrunde, die sie nach dem Vorbild von Keynes Liquiditätsprämie entwickeln. Sie resultiert aus der Tatsache, dass das verpfändete Eigentum blockiert ist, damit nicht gewirtschaftet werden könne. Dieser Verzicht übersetze sich in die Möglichkeit einen Zins zu verlangen. Die Eigentumsprämie bezeichnen sie als »Urwert« (Heinsohn/Steiger 2008: 111). Das Rechengeld hingegen gehe kategorial dem eigentlichen Geld (»money proper«, Keynes) voraus, weil ein Schuldtitel immer in Rechengeld ausgedrückt werden müsse. Heinsohn/Steiger setzen demnach Geld und Geldversprechen gleich. Das mag alles recht antiquiert wirken, aber die Autoren beanspruchen auch das moderne Geldsystem erklären zu können: > »Bis heute hält sich der Glaube, dass bis zur Beseitigung des Goldstandards nur Gold und andere Edelmetalle wirkliches Geld gewesen seien, während Banknoten dieses Geld lediglich verträten, weil sie das ›Geldgut‹ \[…\] Gold eingelöst werden könnten. Gold liefert jedoch lediglich *eine* *Variante* von Eigentum. Es kann Geld ohne Gold emittiert werden, aber niemals ohne Eigentum. Moderne Zentralbanken, die mittlerweile ganz auf Gold verzichten \[…\], müssen statt Gold dann ausschließlich andere Aktiva einsetzen. Gültig bleibt, dass allein gegen dafür zu belastendes Vermögen Geld emittiert werden darf.« (Heinsohn/Steiger 2008: 128f.) Heinsohn/Steiger und ihr konstatierter Zusammenhang von Eigentum und Geld wird breit rezipiert, gerade von heterodoxen Strömungen der Politischen Ökonomie, die sich nicht mit der Neoklassik zufriedengeben wollen, deren theoretischen Annahmen wesentlich ohne Geld auskommen. Es ist jedoch Kritik angebracht: - Eigentum ist nicht einfach eine juristische Setzung. Privateigentum und Privatproduktion – beides gehört unmittelbar zusammen – stellt spezifisches gesellschaftliches Verhältnis dar, das einen juristischen Ausdruck bekommt, rechtlich sanktioniert wird. - Eine ähnliche Verdrehung findet auch zwischen Eigentum und Geld statt. Rechengeld (bei Marx: Maßstab der Preise) setzt immer schon ein Maß des Werts (Wertstandard), Geld voraus: »Eigentum kann \[…\] niemals ein Wertstand sein, weil es keine eindeutig definierte Einheit ›Eigentum‹ gibt. Aus Eigentum kann auch kein Wertstandard abgeleitet werden. Umgekehrt wird ein Schuh aus der Beziehung zwischen Geld und Eigentum. Eigentum ist ein bewerteter Vermögensbestand. Jegliche quantitative Erfassung von Eigentum setzt Geld als Wertstandard voraus.« (Herr 1999: 195; vgl. auch Riese 1999) - Heinsohn/Steiger machen, was sie vor allem der Neoklassik vorwerfen, nämlich die eigenen theoretischen Prämissen wider der realen und sehr heterogenen Geschichte des Geldes in die Vergangenheit zurück zu projizieren. Da sie eine Form der Kredittheorie des Geldes vertreten, schreiben sie die Geschichte des Geldes als eine des Kredits um (Ganßmann 2012: 156). Auch wenn das zusammengetragene historische Material von Interesse und Bedeutung ist, [darin ähnelt die Arbeit der von David Graeber](https://blog.stuetzle.cc/nachtrag-zur-graeber-besprechung/), so ist die theoretische Aufbereitung wenig überzeugend. **Literatur** Ganßmann, Heiner (2012): *Doing Money. Elementary monetary theory from a sociological standpoint*. London-New York Graeber, David (2011): *Schulden. Die ersten 5000 Jahre*. Stuttgart 2012 Heinsohn, Gunnar / Steiger, Otto (2002): *Eigentum, Zins und Geld: ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft*. Marburg Heinsohn, Gunnar / Steiger, Otto (2008): *Eigentumsökonomik*. Marburg Herr, Hansjörg (1999): Die Rolle des Eigentums im Transformationsprozess von Plan- und Geldwirtschaft. In: Betz, Karl / Roy, Tobias (Hg.): *Privateigentum und Geld. Kontroversen um den Ansatz von Heinsohn und Steiger*, Studien zur monetären Ökonomie, 24\. Marburg: 177–199. Reichelt, Helmut (2000): *Zur logischen Struktur des Kapitalbegriffs bei Karl Marx*. Freiburg/Br. Riese, Hajo (1999): Eigentum, Zins und Geld: Die Apokryphen des Gunnar Heinsohn und Otto Steiger. In: Betz, Karl / Roy, Tobias (Hg.): *Privateigentum und Geld. Kontroversen um den Ansatz von Heinsohn und Steiger*, Studien zur monetären Ökonomie, 24\. Marburg: 145–155. Zeise, Lucas (2010): *Geld – der vertrackte Kern des Kapitalismus. Versuch über die politische Ökonomie des Finanzsektors*. Köln --- [\[1\]](#%5Fftnref1) Deshalb rezipieren auch etwa Reichelt (2000) oder Zeise (2010: 42-48) die Eigentumsökonomik von Heinsohn/Steiger durchaus wohlwollend. [\[2\]](#%5Fftnref2) In vielen Ausführungen gleicht ihre Argumentation der von David Graeber (2011), der sie aber nur beiläufig erwähnt (ebd.: 414). ### Mein Buch »Austerität als politisches Projekt« frei zugänglich URL: https://blog.stuetzle.cc/mein-buch-austeritaet-als-politisches-projekt-frei-zugaenglich/ Last updated: 2025-06-17T15:08:36.000Z Seit 2013 (2\. Auflage 2014) liegt meine Promotion »Austerität als politisches Projekt« zwischen zwei Buchdeckeln vor. Nachdem [inzwischen eine zweite Eurokrise droht](https://prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/1873/1803?ref=blog.stuetzle.cc#toc), der Verlag das Buch nicht nochmals auflegen will, nachdem es seit Jahren vergriffen ist, habe ich beschlossen, es [als PDF-Datei ins Netz zu stellen und frei zugänglich zu machen](https://hcommons.org/deposits/item/hc:29375/?ref=blog.stuetzle.cc). Mehr zum Buch findet ihr [hier](https://blog.stuetzle.cc/promotion-austeritaet-als-politisches-projekt/). ### Sammelband »Work-Work-Balance« erschienen URL: https://blog.stuetzle.cc/sammelband-work-work-balance-erschienen/ Last updated: 2020-03-26T16:26:25.000Z ![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2020/03/Work_Work_RGB.jpg) *»Die deutsche Wirtschaft braucht mehr als bloße Experimentierräume, wir fordern mit Nachdruck ein grundlegendes Update des Arbeitszeitgesetzes.«* Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände *»Das Kapital ist daher rücksichtslos gegen Gesundheit und Lebensdauer des Arbeiters, wo es nicht durch die Gesellschaft zur Rücksicht gezwungen wird.«* Karl Marx Mit dem Untertitel «Marx, die Poren des Arbeitstags und neue Offensiven des Kapitals« ist der von mir herausgegebene [Sammelband »Work-Work-Balance« bei Dietz Berlin erschienen](https://dietzberlin.de/Stuetzle-Ingo-Work-Work-Balance?ref=blog.stuetzle.cc). Wie im Kapitalismus aus Geld mehr Geld werden kann, zeigt Marx im »Kapital«. Das Zauberwort lautet Ausbeutung. Sie umfasst auch immer die Verfügungsmacht über die Arbeits- und Lebenszeit derjenigen, die ausgebeutet werden. Es wundert also nicht, dass eines der zentralen Kapitel im »Kapital« den Arbeitstag und seine Grenzen diskutiert. Ebenso wenig verwundern die immerwährenden Forderungen von Unternehmensverbänden nach längeren und flexibleren Arbeitszeiten inkl. längerer Lebensarbeitszeit. »Work-Work-Balance« geht vor diesem Hintergrund auf der Suche nach einem besseren Leben jenseits von Selbstoptimierung und Arbeitsverdichtung den historischen und vor allem aktuellen Kämpfen um Lebens- und Arbeitszeit nach. Mit Beiträgen von Christian Brütt, Christian Christen, Christoph Deutschmann, Lukas Eggert, Norman Jakob, Leo Kühberger, Kalle Kunkel, Hanna Meißner, Gabriela Muri, Gisela Notz, Claudia Sorger und Regina Wecker. Inhaltsverzeichnis und Bestellmöglichkeit gibt es direkt im [Dietz-Berlin-Online-Shop](https://dietzberlin.de/Stuetzle-Ingo-Work-Work-Balance?ref=blog.stuetzle.cc). ### Die Grenze der Werttheorie. Politische Ökonomie der Grundrente und Marx’ Kritik URL: https://blog.stuetzle.cc/die-grenze-der-werttheorie-politische-oekonomie-der-grundrente-und-marx-kritik/ Last updated: 2025-06-17T15:09:10.000Z Karl Marx habe Friedrich Engels einmal vorgeworfen, so eine von Marx’ Schwiegersohn Paul Lafargue (1905: 438) überlieferte Anekdote, dass dieser sich „so zersplittere, auf so vielerlei Gegenstände, nur zum Vergnügen, ‘ohne daran zu denken, für die Welt zu arbeiten’“ . Engels reagierte darauf nicht weniger tadelnd: „Ich würde mit Vergnügen die russischen Veröffentlichungen über die Lage der Landwirtschaft verbrennen, die dich seit Jahren hindern; das ‘Kapital’ zu voll-enden!“ (Ebd .) Marx hatte sich an das Studium der russischen Sprache gemacht und einer seiner Brieffreunde, der Übersetzer des Kapital ins Russische, Nikolai Danielson, ihm die zahlreichen und dicken Berichte einer landwirtschaftlichen Enquetekommission geschickt hatte, deren Veröffentlichung von der russischen Regierung verboten worden war. Marx erhoffte sich tiefere Einblicke in das Thema Grundrente. Bis dahin war seine Analyse v.a. durch die Grundeigentumsverhältnisse in Frankreich und England sowie die englischsprachige und französische Literatur geprägt. Marx stellte in Aussicht, sich im dritten Band des Kapital, im Abschnitt über das Grundeigentum, „sehr ausführlich mit der russischen Form \[zu\] beschäftigen“ (MEW 33: 549). Am Thema Grundrente hat sich Marx die Zähne ausgebissen . In einem Brief an Engels macht er deutlich, worauf es ihm ankommt: ... [*Weiterlesen in PROKLA 191*](http://www.prokla.de/index.php/PROKLA/article/view/87/72?ref=blog.stuetzle.cc)\[PDF\]. ### Neuerscheinung: Mythen über Marx. Die populärsten Kritiken, Fehlurteile und Missverständnisse URL: https://blog.stuetzle.cc/neuerscheinung-mythen-ueber-marx-die-populaersten-kritiken-fehlurteile-und-missverstaendnisse/ Last updated: 2018-05-03T20:51:12.000Z [![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2018/05/mythenmarx-1.jpg)](http://www.bertz-fischer.de/product%5Finfo.php?cPath=21%5F44&products%5Fid=531&ref=blog.stuetzle.cc) 200 Jahre Karl Marx, 150 Jahre Das Kapital, 100 Jahre russische Revolution – anlässlich der Jubiläen erscheinen fast täglich Einschätzungen und Kommentare zum Werk des großen Denkers. In der Regel wird Marx kritisiert und verworfen. Und wenn er gewürdigt wird, dann nur mit einer gewissen gönnerhaften Nachsicht. Schließlich sind sich fast alle einig: Marx hat zumeist falsch gelegen. Er hat den Untergang des Kapitalismus prophezeit, heißt es. Sein Werk beschreibe nur eine bestimmte historische Phase und beruhe auf einer überholten Arbeitswertlehre. Marx wollte alles verstaatlichen, er habe die Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen ebenso ignoriert wie die ökologische Frage und stattdessen den industriellen Fortschritt verherrlicht. Einige dieser Urteile sind zumindest fragwürdig, manche schlicht falsch, andere Kritiken treffen einen wunden Punkt. So geläufig vielen der Name Marx ist, so unbekannt ist oftmals sein Werk. Der vorliegende Band will in knapper und leicht verständlicher Form für Aufklärung sorgen und dafür werben, sich mit Marx´ Theorie zu beschäftigen. Hat er wirklich die fortschreitende Verelendung der Arbeiter∗innen prophezeit? Gibt es heute keine Klassen und keine Ausbeutung mehr? Führt ein direkter Weg von seiner Theorie zum Gulag? Ob und inwieweit Marx doch richtig lag, ist nicht bloß von historischem Interesse. Denn die Haltung zu seinen Analysen spaltet heute noch die politischen Lager in aller Welt. Und anhand von Marx´ Werk wird noch immer die Frage diskutiert: Ist eine andere Welt möglich? Das Autor\*nnenkollektiv sind: Valeria Bruschi, Jakob Graf, Charlie Kaufhold, Anne-Kathrin Krug, Antonella Muzzupappa und Ingo Stützle. Erschienen sind die 136 Seiten bei [BERTZ + FISCHER](http://www.bertz-fischer.de/product%5Finfo.php?cPath=21%5F44&products%5Fid=531&ref=blog.stuetzle.cc). Leseproben - [Inhaltsverzeichnis](https://www.bertz-fischer.de/IMG/pdf/mythenmarx%5Finhalt.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) im PDF-Format (26 KB) - [Warum dieses Buch?](https://www.bertz-fischer.de/IMG/pdf/mythenmarx%5Feinleitung.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) im PDF-Format (79 KB) Pressestimme - »Marx hat viele Texte hinterlassen und seine Gedanken oft revidiert. Allein deswegen kann das Buch die Frage ›Hatte Marx recht?‹ nicht abschließend beantworten. Aber das ist kein Mangel. Denn die heiße Frage ist ja nicht, ob Marx unfehlbar war. Sondern ob der Kapitalismus eine feine oder zumindest alternativlose Sache ist. Dazu hat Karl Marx einiges gesagt, mit dem man sich beschäftigen sollte. Dieses Buch lädt dazu ein.« (Stephan Kaufmann, der freitag) - »Nicht jeder wird sich auf die umfangreicheMarx-Literaturstürzen wollen – wohl aber ein paar aktuelle Fragen haben. Dafür empfiehlt sich das Büchlein „Mythen über Marx“, verfasst von einem „Autor\_innenkollektiv“ marxistischer Provenienz. Sei’s drum; das Büchlein, das Fragen in Aussageform wie „Es gibt keine Klassen mehr“ formuliert und ohne längliche Zitierung von geheiligten Marx-Sentenzen beantwortet, sorgt zumindest für erste Aha-Erlebnisse – etwa jenes, dass das Kollektiv bei Fragen wie nach dem „Untergang des Kapitalismus“ ins Schleudern gerät. Samt einem nur mit Humor zu nehmenden Verweis auf die „Blauen Bände“ der DDR-Marx-Engels-Ausgabe: „MEW 23: 657 Fn 77c“. Jetzt schnell mal nachschlagen!« (Bernhard Schulz, Der Tagesspiegel) ### Marx’ Achtzehnte Brumaire, seine Aktualität und die neuen Bonapartisten URL: https://blog.stuetzle.cc/marx-18-brumaire-bonapartisten-trump/ Last updated: 2025-06-17T15:09:36.000Z Nach dem Brexit, dem Sieg Donald Trumps in den USA und den Wahlerfolgen rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien in Deutschland, Frankreich, Österreich und den Niederlanden hat eine hektische Suche nach Erklärungen für diese Entwicklung eingesetzt. Dabei wurde und wird auch immer wieder auf den *18\. Brumaire* von Karl Marx rekurriert. Wie weit das Bonapartismus-Konzept trägt, um die Wiederkehr von Autoritarismus und Nationalismus zu verstehen, wird im gerade erschienenen Band [*Die neuen Bonapartisten*](https://dietzberlin.de/epages/03607a27-71de-4f7f-9a3b-96673e540f68.sf/de%5FDE/?ObjectPath=/Shops/03607a27-71de-4f7f-9a3b-96673e540f68/Products/02348-5&ref=blog.stuetzle.cc) in historischer Rückschau und aktuellen Länderuntersuchungen etwa zu Großbritannien, Polen, den USA, Russland oder der Türkei diskutiert, in Beiträgen von Hauke Brunkhorst, Frank Deppe, Axel Gehring, Felix Jaitner, Bob Jessop, Horst Kahrs, Michele Nobile, Sebastian Reinfeldt, Dorothea Schmidt, Ingar Solty, Rudolf Walther, Gerd Wiegel und Przemyslaw Wielgosz. Im *Achtzehnten Brumaire*, einer seiner bedeutendsten politischen Schriften, beschrieb Marx detailliert, wie und warum die Februarrevolution von 1848 in Frankreich in einer Konterrevolution endete. Er führt somit seine Untersuchung *Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850* fort, wobei die Revolution von 1848 Marx zufolge auch eine unmittelbare Folge der Wirtschaftskrise von 1847/48 war. Marx ging in seiner damaligen Einschätzung sogar noch weiter: mit der nächsten größeren Krise werde die nächste Revolution kommen. Nicht zufällig erschien die erste Fassung des *18\. Brumaire* in der deutschsprachigen Wochenzeitschrift mit dem programmatischen Titel *Die Revolution*. Dass diese in Nordamerika erschien und von dem dorthin migrierten 1848er-Revolutionär Joseph Weydemeyer gründet wurde, ist bereits das Echo der Niederlage einer ganzen politischen Generation. Der Zusammenhang von ökonomischer Krise und Revolution lag für Marx zu dieser Zeit auf der Hand, was ihn, gerade im Londoner Exil eingetroffen, zu erneuten Studien motivierte. Es entstanden 24 Exzerpthefte (Londoner Hefte, 1850–1853 , vgl. MEGA2 II.7–11) und in seiner 1859 erschienenen Schrift *Zur Kritik der politischen Ökonomie* berichtete er davon, dass das „ungeheure Material für Geschichte der politischen Ökonomie, das im British Museum aufgehäuft“ war, ihn dazu nötigte, „ganz von vorn wieder anzufangen und mich durch das neue Material kritisch durchzuarbeiten“. Für Marx löste sich in den kommenden Jahren der unmittelbare Zusammenhang von ökonomischer Krise und Revolution, der 1851, zum Zeitpunkt des Staatsstreichs des Louis Bonaparte für ihn noch prägend war. Mit dem Putsch am 2\. Dezember 1851 begann sogleich ein intensiver Briefaustausch zwischen Marx und seinem Freund Friedrich Engels. Eine erste Einschätzung Engels schlug sich sogar bis in die Formulierungen des Anfangs im *18\. Brumaire* nieder. Der Marx’sche Text entstand zwischen Mitte Dezember 1851 und 25\. März 1852\. Weil Marx‘ Handschrift unleserlich war, diktierte er seiner Frau Jenny den Text oder sie besorgte die Reinschrift. Im Hause Marx galt in dieser Frage die klassische patriarchale Arbeitsteilung. Trotz aller Mühen war der Text ein Flop – ökonomisch wie politisch. Adolf Cluß, ein anderer befreundeter „Forty-Eighter“, musste Geld zuschießen, damit überhaupt eine Auflage von 1.000 Exemplaren zustande kam, was das publizistische Unternehmen nicht davor bewahrte, dass die Hälfte der mit vielen Fehlern gespickten Exemplare erst später ausgelöst werden konnte und solange von der Druckerei zurückgehalten wurde. Die Rechnung wurde nicht bezahlt. In Europa kam nur eine unbedeutende Menge der *Revolution*\-Ausgabe mit Marx’ Text an: Sie gingen verloren oder kamen aufgrund von Zensur nicht in den Buchhandel. Sie landeten eher gezielt bei Freunden und Kampfgenossen – sowie bei der preußischen Polizei. Marx wartete lange auf seine Belege. Eine französische Übersetzung von Marx Schrift erschien erst nach seinem Tod 1890. Trotz dieser für Marx’sche Texte sehr typische Geschichte wurde der 18\. Brumaire zu einer bis heute bedeutendsten Analysen dessen, was sich damals ereignete: Nach der Niederschlagung des Arbeiteraufstands im Juni 1848 wurde noch im gleichen selben Jahr der im Volk beliebte Louis Bonaparte zum Präsidenten gewählt. Am 2\. Dezember 1851 putschte Bonaparte und sprach er sich selbst diktatorische Vollmachten zu. E, ein Jahr später ließ er sich nach einem Plebiszit zum Kaiser ernennen und firmierte fortan als Napoleon III. „Zu einer Zeit, wo die Bourgeoisie die Fähigkeit, die Nation zu beherrschen, schon verloren und wo die Arbeiterklasse diese Fähigkeit noch nicht erworben hatte“, habe sich, so Marx, in Gestalt Bonapartes „der Staat gegenüber der Gesellschaft verselbstständigt“, ohne die soziale Herrschaft der Bourgeoisie infrage zu stellen. Dabei habe sich die Regierung Bonapartes auf das „Lumpenproletariat“ gestützt, den „Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen“, sowie auf einen großen Teil der konservativen Parzellenbauern, die – voneinander isoliert – keine Klasse bildeten, deshalb ihre Interessen nicht vertreten konnten und vertreten werden mussten. Verhält es sich heutzutage in den vielen deindustrialisierten Regionen der USA, Englands, Deutschlands oder Polens ähnlich, wo Menschen entweder um ihre Arbeitsplätze fürchten oder sich in Jobs verdingen, die mehr als das Überleben nicht zulassen? Und nutzen charismatische Figuren diese Lage aus, um autoritäre Regimes unter ihrer Führung zu etablieren? Unter anderem diese Fragen sind Gegenstand des Bandes *Die neuen Bonapartisten*. Das [Inhaltsverzeichnis](https://dietzberlin.de/WebRoot/Store22/Shops/03607a27-71de-4f7f-9a3b-96673e540f68/MediaGallery/Bonapartisten%5FInhaltsverzeichnis.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) (PDF). Eine erste Besprechung von Tom Strohschneider findet sich im *neuen deutschland*: [Bunte Klassen. Hilft Marx’ «Achtzehnter Brumaire» dabei, den aktuellen Rechtsruck zu verstehen?](https://www.neues-deutschland.de/artikel/1081890.bunte-klassen.html?ref=blog.stuetzle.cc) ### Ein nagelneuer blauer Band, die MEW Nummer 44, ist aus dem Druck URL: https://blog.stuetzle.cc/marx-engels-werke-blauer-band-mew-44/ Last updated: 2025-06-19T12:15:58.000Z Nach fast 30 Jahren ist es jetzt wieder soweit: Ein nagelneuer blauer Band, die MEW Nummer 44, ist aus dem Druck und glänzt, nicht nur mit den goldenen Lettern auf dem Titel, sondern auch mit Vorwort, Register, etc.pp., ediert und kommentiert von Rolf Hecker und mir - mit einem [interessanten Entstehungskontext](https://oxiblog.de/ein-samt-aus-schimmel-karl-marx-mew-dietz-verlag-kapital/?ref=blog.stuetzle.cc). Rechtzeitig zum 200\. Geburtstag von Karl Marx erscheint damit erstmals ein weiterer Band der Marx-Engels-Werke. Mit dem neuen Band MEW 44 liegt das 23 Hefte umfassende Manuskript »Zur Kritik der politischen Ökonomie« in den Marx-Engels-Werken nun fast vollständig vor. Teile davon sind bereits in den Bänden MEW 26.1-3 und 43 erschienen. Marx schrieb dieses Manuskript in den Jahren 1861 bis 1863\. Es ist die größte zusammenhängende Ausarbeitung, die Marx zwischen den »Grundrissen« und dem »Kapital« verfasst hat. Die Manuskripte, die jetzt als MEW 44 erscheinen, erlauben einen tiefen Einblick in die Art und Weise, wie Marx mit der Darstellung der Mehrwertproduktion und der Akkumulation des Kapitals gerungen hat. Aus der Perspektive des »Kapital« gelesen, kann man hier nachvollziehen, wie Marx manchen theoretischen Problemen bei der Analyse der kapitalistischen Produktionsverhältnisse einerseits einen Schritt näher war, andere Probleme, wie die Verwandlung von Mehrwert in Profit, jedoch noch nicht lösen konnte. Die Manuskripte gewähren damit einen intimen Blick in das Forschungslabor von Marx. [→ Zum Karl Dietz Verlag.](https://dietzberlin.de/epages/03607a27-71de-4f7f-9a3b-96673e540f68.sf/de%5FDE/?ObjectPath=/Shops/03607a27-71de-4f7f-9a3b-96673e540f68/Products/02336-2&ref=blog.stuetzle.cc) ### Nie wieder! URL: https://blog.stuetzle.cc/nie-wieder-2/ Last updated: 2025-06-17T15:11:17.000Z > *1\. Januar. Wir lagen in einer Welt der Toten und der Larven. Um uns und in uns war die letzte Spur von Zivilisation geschwunden. Das Werk der Vertierung, von den triumphierenden Deutschen begonnen, war von den geschlagenen Deutschen vollbracht worden* > *Mensch ist, wer tötet, Mensch ist, wer Unrecht zufügt oder erleidet; kein Mensch ist, wer jede Zurückhaltung verloren hat und sein Bett mit einem Leichnam teilt. Und wer darauf gewartet hat, bis sein Nachbar mit dem Sterben zu Ende ist, damit er ihm ein Viertel Brot abnehmen kann, der ist, wenngleich ohne Schuld, vom Vorbild des denkenden Menschen weiter entfernt als der roheste Pygmäe und der grausamste Sadist. (…)* > *27\. Januar. Morgengrauen. Auf dem Fußboden das schandbare Durcheinander verdorrter Glieder, das Ding Sómogyi.* > *Es gibt dringendere Arbeiten. Man kann sich nicht waschen, wir können ihn nicht anfassen, bevor wir nicht gekocht und gegessen haben. Und dann »… rien de si dégoutant que les débordements«, wie Charles richtig meint; der Latrineneimer muss geleert werden. Die Lebenden stellen größere Ansprüche. Die Toten können warten. Wir begaben uns an die Arbeit, wie jeden Tag.* > *Die Russen kamen, als Charles und ich Sómogyi ein kurzes Stück wegtrugen. Er war sehr leicht. Wir kippten die Bahre in den grauen Schnee.* [Primo Levi](https://de.wikipedia.org/wiki/Primo%5FLevi?ref=blog.stuetzle.cc)s autobiografischer Bericht [»Ist das ein Mensch?«](https://de.wikipedia.org/wiki/Ist%5Fdas%5Fein%5FMensch%3F?ref=blog.stuetzle.cc) endet mit der Befreiung in Auschwitz. ### Soft Shell, Hard Core: On the 150th Anniversary of the Publication of Karl Marx's Capital, Vol. 1 URL: https://blog.stuetzle.cc/soft-shell-hard-core-on-the-150th-anniversary-of-the-publication-of-karl-marxs-capital-vol-1/ Last updated: 2017-11-23T12:50:10.000Z ``` Isaac Deutscher once told the following story about reading Capital: ``` I was relieved to hear that Ignacy Daszynski,1 our famous member of parliament, a pioneer of socialism, … admitted that he too found hard a nut. “I have not read it,” he almost boasted, “but Karl Kautsky has read it. I have not read Kautsky either, but Kelles-Krauz, our party theorist, has read him, and he summarized Kautsky’s book. I have not read Kelles-Krauz, either, but … Herman Diamond, our financial expert, has read Kelles-Krauz, and he has told me all about it.”2 Deutscher’s anecdote illustrates the fate of Karl Marx’s most important work, *Das Kapital.* Since then, the summaries and their contexts of origin have changed, as well as why and who wrote them and what they focus on—but the original still often sits unread on the shelf. But which original actually? On September 14, 1867, the financial paper of the German book market reported the publication of *Das Kapital*. Otto Wigand’s Leipzig printer had to put 3.2 tons of lead typesetting into motion in order to print the 1000 copies “ordinarily,” as it was then called, without a binding, wrapped in yellow paper. Whoever wanted to have a “real” book had to first bring it to the bookbinder. The pages were also uncut. The book cost three taler and ten cents. This was the weekly wage of a skilled male worker. Foreign-language quotes and terms were not translated; there was no annotation apparatus that explained anything. For normal wage earners, the book was neither readable nor affordable. **Which “*Capital”?*** The first edition is not the book familiar to most. In fact, today we read a version of *Capital* that Marx did not know at all. In April 1867, Marx went to his publisher Otto Meissner in Hamburg. He was afraid that Meissner would drastically cut the text, since it was supposed to be a somewhat thinner book. Meissner had printed in Leipzig so that Marx could not stand next to the printing press and intervene in the production process. So Marx visited his friend Louis Kugelmann in Hanover. There, the first printing sheets arrived. Kugelmann suggested to Marx that he make the beginning much clearer in a new appendix. The beginning was too difficult to understand. Friedrich Engels agreed. Although the book was already in print, Marx wrote an appendix that reworked the “cryptic” beginning. Nevertheless, Engels was not satisfied: “But how could you leave the outward structure of the book in its present form! The fourth chapter is almost 200 pages long … Furthermore, the train of thought is constantly interrupted by illustrations, and the point to be illustrated is never summarized after the illustration, so that one is for ever plunging straight … into the exposition of another point. It is dreadfully tiring, and confusing, too, if one is not all attention.”3 Scarcely one month after the publication of the volume, Marx impatiently turned to Engels: “The time for *action* has now come. You are better placed to write … about my book than I am.”4 Engels wrote two anonymous reviews, “appropriate for almost any bourgeois paper.”5 The point was to draw attention to *Capital*. In the last 150 years, little has changed in the review of difficult books. Sales were sluggish. It was always the political conjuncture that spurred demand for Marx’s main work. With the Paris Commune in 1871, interest in *Capital* rose. In 1873, a new edition was needed, for which Marx wrote a new beginning, so that the appendix dropped out and the whole volume could be reorganized. In the same year, the first part of the French translation appeared, for which Marx made several changes. In the year of his death, an unchanged third edition came on the market, which was already introduced by Engels and announced that Marx’s changes would be incorporated into the fourth edition. Marx wanted to fundamentally rework *Capital*, and considered using the USA as his main example instead of England. He was aware that the center of capitalist development had shifted, although he did not come back to this. Engels adopted some, but definitely not all, of the changes for the fourth edition. This is the basis for the most well known German version of *Capital*, Volume 23 of the blue-bound Marx-Engels-Werke (MEW). It was only after Marx’s death that the second (1885) and third (1894) volume of *Capital* were published, reworked and edited by Engels. The manuscripts used for them were sometimes thirty years old. The three blue volumes of *Capital* were thus completely unknown to Marx in that form. ***“Capital” and Revolution*** The fact that the demand for reading *Capital* always boomed in the course of social revolts, revolutions, and defeats is proved not only by the suppression of the Paris Commune. Even later, around 1918, when the November revolution led to a broader reception in Germany, several new editions of Julian Borchardt’s “popular” summary were soon necessary. Similarly, in 1968, even before the massive revolts, there were new appropriations of *Capital*, not only in Germany, but also in France and Italy. Since the protests in Seattle (1999) and Genoa (2001), sales figures rose at the Dietz publishing house, which published the blue volumes, and rose again with the recent capitalist crisis since 2008. Every generation reads *Capital* anew. Every generation struggles with the reading of the one before. There is thus no end to re-reading. Not only because access to the original manuscripts changes, but also because the historical and political situations to which *Capital*lends itself or even imposes itself as a reading are always different and specific. In the Soviet Union, suddenly faced with the task of organizing a planned economy, economists turned to the second volume of *Capital* in order to smarten up, based on the reproduction process analyzed there. In his studies on *History and Class Consciousness*, Georg Lukács processed his own experiences as a People’s Commissioner in the Hungarian Soviet Republic, anticipating certain questions of Critical Theory. In light of the massive support for the Nazis, the absence of a proletarian revolution, and the defeat of the working class, the Frankfurt School critical theorists wondered why it is not immediately obvious that capitalist relations should be overcome. In France, Louis Althusser defied Communist Party orthodoxy without turning away from *Capital* and towards the “young Marx,” as was customary at the time. In Italy, Marx and the proletariat had to be wrested away from the powerful Italian Communist Party, from which the *operaist* tendency emerged. The list goes on and on. Why still read *Capital*? The domination of capital organizes itself discursively as the science of political economy. It translates the compulsion of the market into “arguments,” articulating its economic laws. Marx criticized this science as a whole field of knowledge in its terminology and premises, not in individual questions (such as the determination of the “wage level”). Marx formulated the most radical critique of economics. Radical not just in terms of the political conclusions it allows, but in terms of how fundamentally it analyzes the scientific field of the theory of economics and shatters its foundations. Marx showed that capitalism is internally crisis-prone and destructive, corrosive towards man and nature. This is not a reparable construction error of the economy; the error is the economy. ***Why still read “Capital”?*** In bourgeois economic theory, competition, commodity production, profit seeking, and growth express something like the human essence. They are ahistorical constants, not the results of specifically capitalist relations that have historically emerged and can therefore be overcome. This is exactly what makes Marx’s critique of economics highly topical. Beyond this, he analyzes the destructiveness of capital and the form of class struggles and exploitation, and can show why money “rules the world” in capitalism. In mainstream economics, money is not even needed to analyze capitalist economies. More intelligent neoclassical economists, like Frank H. Hahn, even admit that their theory has no place for money—a modeling of the economy with a complete lack of contact with reality. John Maynard Keynes, one of the most important critics of neoclassical economics, emphasizes the monetary character of capitalism, but he does not show why of all things capitalism must be a monetary economy. He simply presupposes money instead of explaining why it is necessary. According to Marx, domination has become independent of human beings in material form (commodity, money, etc.), presenting itself as natural, imper- sonal. This makes emancipation more complicated and the question of how to organize enlightenment more urgent. For Marx knows that a good argument alone causes little political change. Enlightenment must be organized as a political power. Enlightenment must be the self-enlightenment of those who want to free themselves from capitalism—not a party affair. “The emancipation of the working class must be the act of the workers themselves,” says Marx. This also means that the reading of *Capital* must be seized from the academic ivory tower. The university is a central institution of the bourgeoisie, which no longer rules with the church but with science behind it. It is an institutionalized expression of the separation of manual and intellectual labor. And it is a myth that reading *Capital* and organizing are mutually exclusive, that over here is only talking, while over there is political practice. Paul Mattick, a council communist who emigrated to the USA from Germany in 1926, who organized with the Industrial Workers of the World (IWW) and, after the world economic crisis of 1929, was active in the budding movement of the unemployed, wrote: “In the unemployed movement, of course the question arose about what to do with people who have nothing to do. So we set up study groups. For this purpose, I wrote a brief guide on how to teach people *Capital* or preferably how it can be read and discussed with them. For two years, we had regular courses on Marx’s *Capital*, which were attended by about eighty to a hundred people and were very successful in every respect. ...The main thing was the workers themselves—here, that meant the unemployed—who were supposed to learn self-determination and who had to decide for themselves what they wanted to do. We left it to them, we made proposals, but we did not try to push through a political agenda, but simply what the workers wanted. We tried to put ourselves behind them and, at the same time, influence them ideologically, but not through party propaganda, but through Marx’s *Capital*, to which neither the Socialists nor the Communists could object."6 Translated from the German by Jacob Blumenfeld. Published here: [brooklynrail.org](https://brooklynrail.org/2017/10/field-notes/SoftShell-HardCore-On-the-150th-Anniversary-of-the-Publication-of-Karl-Marxs-Capital-Vol-1?ref=blog.stuetzle.cc) 1. Daszynski (1866–1936) was a well-known socialist around the turn of the century and the first Prime Minister of Poland after the restoration in 1918. 2. Isaac Deutscher, *Marxism in our Time*, 1973, p. 257 3. Engels to Marx, 23 Aug, 1867 in: *Marx & Engels Collected Works* Vol. 42, p. 405-6 4. Marx to Engels, 10 Oct, 1867 in: *Marx & Engels Collected Works* Vol. 42, p. 438-9 5. Engels to Kugelmann, 12 Oct, 1867 in: *Marx & Engels Collected Works* Vol.42, p. 443 6. Paul Mattick in conversation with Michael Buckmiller: *Die Revolution war für mich ein großes Abenteuer*. Münster 2013. ### Weiche Schale, harter Kern. Vor 150 Jahren erschien der erste Band des »Kapitals« von Karl Marx URL: https://blog.stuetzle.cc/weiche-schale-harter-kern-vor-150-jahren-erschien-der-erste-band-des-kapitals-von-karl-marx/ Last updated: 2017-09-19T20:32:43.000Z ``` Von Ingo Stützle ``` »Das Kapital« sei eine zu harte Nuss, meinte Ignacy Daszynski (1), er habe es deshalb nicht gelesen. Aber Karl Kautsky habe es gelesen und vom ersten Band eine populäre Zusammenfassung geschrieben. Diese habe er zwar ebenfalls nicht rezipiert, aber Kazimierz Kelles-Krauz, der Parteitheoretiker, habe Kautskys Buch gelesen und es zusammengefasst. Kelles-Krausz Abriss habe er zwar auch nicht gelesen, aber der Finanzexperte der Partei, Hermann Diamand, habe sie gelesen und ihm, Daszynski, alles darüber erzählt. Die von Isaac Deutscher überlieferte Anekdote illustriert das Schicksal der wichtigsten Schrift von Karl Marx: »Das Kapital«. (2) Inzwischen haben sich die Zusammenfassungen und die jeweiligen Kontexte ihrer Entstehung geändert, ebenso warum und von wem sie geschrieben wurden und auf was sie jeweils einen Schwerpunkt legen - aber das Original steht sicher noch immer oft ungelesen im Regal. Aber welches Original eigentlich? Das Börsenblatt des deutschen Buchhandels meldete am 14\. September 1867, dass »Das Kapital« erschienen ist. Die Leipziger Druckerei von Otto Wigand musste dafür 3,2 Tonnen Bleisatz in Bewegung setzen, um die 1.000 Exemplare »ordinär« zu drucken, wie es damals hieß, das heißt ohne Einband, eingeschlagen in einem gelben papiernen Umschlag. Wer ein »richtiges« Buch haben wollte, musste es erst einmal zum Buchbinder bringen. Die Seiten waren zudem ungeschnitten. Der Band kostete drei Taler und zehn Neugroschen. Das war der Wochenlohn eines qualifizierten männlichen Arbeiters. Fremdsprachige Zitate und Ausdrücke waren nicht übersetzt, es gab keinen Anmerkungsapparat, der irgendetwas erklärte. Das Buch war für normale Lohnabhängige weder bezahl- noch lesbar. ### Welches Kapital eigentlich? Die Erstauflage ist nicht das Buch, wie es die meisten kennen. Überhaupt lesen wir ein »Kapital«, das Marx so überhaupt nicht kannte. Marx war im April 1867 nach Hamburg zu seinem Verleger Otto Meissner gefahren. Er hatte Angst, dass dieser den Text zusammenstreichen würde. Es war nämlich ein etwas dünneres Buch ausgemacht. Meissner ließ in Leipzig drucken, damit Marx nicht neben der Druckerpresse stehen und in den Produktionsprozess eingreifen konnte. Marx besuchte deshalb seinen Freund Louis Kugelmann in Hannover. Dort trafen die ersten Druckbogen ein. Kugelmann schlug vor, in einem Anhang den Anfang übersichtlicher nachzuzeichnen. Dieser sei schwer verständlich. Friedrich Engels schloss sich der Kritik an. Obwohl das Buch also schon im Druck war, schrieb Marx einen Anhang, der den »kryptischen« Anfang aufbereitete. Engels war dennoch nicht zufrieden: »Aber wie hast Du die äußere Einteilung des Buches so lassen können, wie sie ist! Das 4\. Kapitel ist fast 200 Seiten lang ... Dabei der Gedankengang fortwährend durch Illustration unterbrochen und der zu illustrierende Punkt nie am Schluss der Illustration resümiert, so dass man stets ... in die Aufstellung eines andren Punkts hineinplumpst. Das ist scheußlich ermüdend und bei nicht ganz scharfer Aufmerksamkeit auch verwirrend.« Einen knappen Monat nach der Auslieferung des Bandes wandte sich Marx ungeduldig an Engels: »...nun (ist) die Zeit zur action gekommen. Du kannst besser über mein Buch ... schreiben als ich selbst«. Engels schrieb zwei anonyme Rezensionen, die in »jede bürgerliche Zeitung passen«. Es ging darum, auf »Das Kapital« aufmerksam zu machen. An der Rezensionskultur schwer verständlicher Bücher hat sich in den letzten 150 Jahren also wenig verändert. ### »Kapital« und Revolution Der Verkauf lief schleppend. Es war immer die politische Konjunktur, die die Nachfrage nach Marx Hauptwerk beflügelte. Mit der Pariser Kommune 1871 stieg das Interesse am »Kapital« an. 1873 wurde eine Neuauflage nötig, für die Marx einen neuen Anfang schrieb, so dass der Anhang wegfiel und der ganzen Band neu gegliedert werden konnte. Im gleichen Jahr erschien der erste Teil der französischen Übersetzung, für die Marx etliche Veränderungen vornahm. In seinem Todesjahr kam eine unveränderte dritte Auflage auf den Markt, die bereits von Engels eingeleitet wurde und ankündigte, die marxschen Veränderungen in die vierte Auflage einzupflegen. Marx wollte »Das Kapital« sogar grundlegend überarbeiten und erwog, statt England die USA als Illustration heranzuziehen. Ihm war bewusst, dass sich das Zentrum kapitalistischer Entwicklung verschoben hatte. Dazu kam er nicht mehr, und Engels übernahm für die vierte Auflage zwar einige, aber längst nicht alle Veränderungen. Sie ist die Grundlage für die wohl bekannteste Fassung des »Kapitals«, den blauen Band MEW 23\. Erst nach Marx Tod erschienen der zweite (1885) und dritte (1894) Band des »Kapitals«, aufbereitet und herausgegeben von Engels. Die dafür verwendeten Manuskripte waren inzwischen mitunter 30 Jahre alt. Die drei blauen Bände waren Marx also in ihrer Form völlig unbekannt. Dass die »Kapital«-Lektüre immer im Zuge von sozialen Revolten, Revolutionen und Niederlagen Konjunktur hat, zeigt nicht nur die Niederschlagung der Pariser Kommune. Auch später, etwa nach 1918, als in Deutschland die Novemberrevolution zu einer breiteren Rezeption führte, waren bald mehrere Neuauflagen von Julian Borchardts »gemeinverständlichen« Zusammenfassung nötig. Ähnlich 1968, als es schon vor den massiven Revolten neue Aneignungen des »Kapitals« gab, nicht nur in Deutschland, auch in Frankreich oder Italien. Seit den Protesten von Seattle (1999) und Genua (2001) stiegen die Verkaufzahlen beim Dietz-Verlag, der die blauen Bände verlegt, und wieder mit der jüngsten kapitalistischen Krise seit 2008. Jede Generation las und liest das »Kapital« erneut. Jede schlägt sich mit den Lektüren der Generation davor herum. Deshalb gibt es kein Ende der Re-Lektüre. Nicht nur weil sich die zugängliche Manuskriptlage ändert, sondern auch, weil die historischen und politischen Situationen, in denen sich »Das Kapital« als Lektüre anbietet oder gar aufdrängt, jeweils andere und je spezifische sind. In der Sowjetunion, plötzlich vor die Aufgabe gestellt, eine Planwirtschaft zu organisieren, wandten sich Ökonom\_innen dem zweiten Band des »Kapitals« zu, um anhand des dort analysierten Reproduktionsprozesses schlauer zu werden. Georg Lukács verarbeitete seine Erfahrungen als Volkskommissar in der ungarischen Räterepublik in seinen Studien »Geschichte und Klassenbewußtsein« und nahm bestimmte Fragestellung eder Kritischen Theorie vorweg. Diese wendeten sich angesichts der massenhaften Unterstützung der Nazis, dem Ausbleiben einer proletarischen Revolution und der Niederlage der Arbeiterklasse der Frage zu, warum es nicht unmittelbar einsichtig ist, dass die kapitalistischen Verhältnisse überwunden werden mussten. Louis Althusser bot in Frankreich der KP-Orthodoxie die Stirn, ohne, wie damals üblich, sich vom »Kapital« ab- und dem »frühen Marx« zuzuwenden. In Italien mussten Marx und das Proletariat der mächtigen KPI entrissen werden, woraus die Strömung des Operaismus entstand. Die Liste ließe sich fortsetzen. Warum noch immer »Das Kapital« lesen? Die Herrschaft des Kapitals organisiert sich mitunter im Diskurs in der Wissenschaft der politischen Ökonomie. Sie übersetzt den Sachzwang des Marktes in »Argumente«, artikuliert die ökonomischen Gesetzmäßigkeiten. Diese Wissenschaft kritisierte Marx als ganzes Wissensfeld in ihren Begrifflichkeiten und Prämissen, nicht in einzelnen Sachfragen (etwa »Lohnhöhe«). Marx formuliert die radikalste Ökonomiekritik. Radikal nicht einfach hinsichtlich der politischen Schlussfolgerungen, die sie zulässt, sondern hinsichtlich dessen, wie grundlegend er das Wissensfeld der Ökonomietheorie analysiert und in ihren Grundfesten erschüttert. Marx zeigt, dass der Kapitalismus aus sicher heraus krisenhaft und destruktiv, zerstörerisch gegenüber Menschen und Natur ist. Das ist kein wirtschaftspolitisch reparabler Konstruktionsfehler, der Fehler liegt im System. ### Warum noch immer »Das Kapital« lesen? Für die bürgerliche Ökonomietheorie bringen Konkurrenz, Warenproduktion, Profitstreben und Wachstum etc. noch immer quasi das menschliche Wesen zum Ausdruck, sind überhistorische Konstanten, nicht Resultate der spezifisch kapitalistischen Verhältnisse, die historisch entstanden sind und deshalb überwunden werden können. Genau das zeigt Marx' Ökonomiekritik, deshalb ist sie hochaktuell. Darüber hinaus analysiert er die Destruktivität des Kapitals und die Form der Klassenkämpfe und Ausbeutung und kann zeigen, warum im Kapitalismus Geld »die Welt regiert«. Im wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream wird davon abgesehen, dass Geld für die Analyse kapitalistischen Wirtschaftens notwendig ist. Klügere Neoklassiker, wie etwa Frank H. Hahn, gestehen sogar ein, dass ihre Theorie keinen Platz für Geld habe - eine realitätsferne Modellierung der Wirtschaft. John Maynard Keynes, einer der wichtigsten Kritiker der Neoklassik, stellt zwar den monetären Charakter des Kapitalismus heraus, zeigt aber nicht, warum ausgerechnet der Kapitalismus wesentlich Geldwirtschaft sein muss. Er setzt Geld einfach voraus, statt zu begründen, warum es notwendig ist. Die Herrschaft, so Marx, hat sich in sachlicher Form (Ware, Geld etc.) gegenüber den Menschen verselbstständigt, stellt sich als natürlich dar und ist unpersönlich. Das macht Befreiung komplizierter und die Frage, wie Aufklärung organisiert werden soll, um so dringlicher, schließlich weiß Marx, dass allein ein gutes Argument wenig politische Veränderung bewirkt. Aufklärung muss als politische Macht organisiert werden. Aufklärung muss Selbstaufklärung derjenigen sein, die sich vom Kapitalismus befreien wollen - keine Parteisache. »Die Befreiung der Arbeiterklasse muss die Tat der Arbeiter selbst sein«, so Marx. Das bedeutet auch, dass die Lektüre des »Kapitals« dem akademischen Elfenbeinturm entzogen werden muss. Die Universität ist eine zentrale Einrichtung des Bürgertums, das nicht mehr mit der Kirche, sondern mit der Wissenschaft im Rücken herrscht, sie ist institutionalisierter Ausdruck der Trennung von Hand- und Kopfarbeit. Und es ist ein Mythos, dass sich »Kapital«-Lektüre und Organisierung ausschließen, dass hier nur geredet wird, dort die politische Praxis herrscht. Paul Mattick, der 1926 in die USA migrierte Rätekommunist, der sich dort bei den Industrial Workers of the World (IWW) organisierte und sich nach der Weltwirtschaftskrise ab 1929 in der aufkeimenden Arbeitslosenbewegung organisierte, schrieb: »In der Arbeitslosenbewegung kam natürlich die Frage auf, was mit den Leuten tun, die ja nichts zu tun haben. So richteten wir Studienkurse ein. Für diesen Zweck habe ich eine kleine Anleitung geschrieben, wie man Leuten »Das Kapital« beibringen oder es am besten gemeinsam mit ihnen lesen und diskutieren kann. Für zwei Jahre hatten wir regelmäßig Kurse zum Kapital von Marx, die von ungefähr achtzig bis hundert Leuten besucht wurden und die in jeder Hinsicht sehr erfolgreich waren. (...) Die Hauptsache waren die Arbeiter selbst - das heißt hier die Arbeitslosen -, die Selbstbestimmung lernen sollten und die selbst entscheiden mussten, was sie tun wollten. Wir überließen es ihnen, wir machten Vorschläge, wir versuchten aber nicht, eine Politik durchzusetzen, sondern einfach nur das, was die Arbeiter wollten. Wir versuchten, uns hinter sie zu stellen und sie zur gleichen Zeit ideologisch zu beeinflussen, aber nicht durch Parteipropaganda, sondern durch Marx' Kapital, wogegen weder die Sozialisten noch die Kommunisten Einspruch erheben konnten.« (3) **Ingo Stützle** war langjähriger Kapitalkurs-Teamer und unangefochtener Marx-Experte der ak-Redaktion. Heute ist er Redakteur bei Prokla - Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft. Anmerkungen: 1. Daszynski (1866-1936) war ein bekannter Sozialist um die Jahrhundertwende und der erste Ministerpräsident nach der Wiederherstellung des Staates Polen 1918. 2. Isaac Deutscher: Marxism in Our Time, London 1972, S. 257. 3. Paul Mattick: Die Revolution war für mich ein großes Abenteuer. Münster 2013. Erschienen in: [ak – analyse & kritik. zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 630](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak630/32.htm?ref=blog.stuetzle.cc) vom 19.9.2017, S.3. ### Even closer to the truth URL: https://blog.stuetzle.cc/even-closer-to-the-truth/ Last updated: 2025-06-17T15:12:08.000Z Why we ought to read Keynes with Marx in mind, and why doing so can help us learn – from Keynes. A response to Michael Roberts. To many who subscribe to Marx’s theory and critique of political economy, the economist John M. Keynes is a provocation: aside from Marx, hardly any other scholar so fundamentally challenged the predominant economic theory of his time. ⇒ [http://marx200.org/en/debate/even-closer-truth](http://marx200.org/en/debate/even-closer-truth?ref=blog.stuetzle.cc) ### Einblicke in Marx’ Laboratorium - Neuerscheinung URL: https://blog.stuetzle.cc/einblicke-in-marx-laboratorium-neuerscheinung/ Last updated: 2017-03-10T11:11:01.000Z [![](http://stuetzle.cc/wp-content/uploads/US_Das-Kapital-1.5_Web-RGB_ml.jpg)](http://dietzberlin.de/Karl-Marx-Das-Kapital-1-5?ref=blog.stuetzle.cc) Im April 1867 fährt Karl Marx nach Hamburg. Im Gepäck befindet sich das Manuskript zum »Kapital«. Zu Besuch bei seinem Freund Ludwig Kugelmann in Hannover treffen die ersten Druckfahnen ein und Kugelmann setzt Marx einen Floh ins Ohr: Der Anfang des »Kapitals« sei derart kompliziert, dass Marx einen erläuternden Anhang schreiben soll. Zurück in London macht sich Marx an die Arbeit. Viele, die sich mit der Wertformanalyse beschäftigen, kennen nur die MEW 23, die sich an der Auflage von 1890 orientiert. Anlässlich 150 Jahre »Das Kapital« wird nun der Anfang der Erstauflage erstmals allgemein zugänglich gemacht. Der Band enthält die in der ersten Ausgabe von 1867 veröffentlichten beiden Fassungen des Wertformabschnitts, einen Teil des Überarbeitungsmanuskripts für die 2\. Auflage (1873) und den entsprechenden Teil aus der Broschüre »Kapital und Arbeit« von [Johann Most](https://de.wikipedia.org/wiki/Johann%5FMost?ref=blog.stuetzle.cc), den Marx redigiert hat. Die unterschiedlichen Fassungen verdeutlichen, wie Marx darum gerungen hat, den logisch-systematischen Zusammenhang im »Kapital« klar herauszuarbeiten, im Unterschied zur populären Darstellung in »Kapital und Arbeit«, wo eine historische Abfolge der Kategorien, also sozusagen die Herausbildung des Warenaustausches in den vorkapitalistischen Gesellschaften, illustriert wird. [Karl Marx: Die Wertform](http://dietzberlin.de/Karl-Marx-Das-Kapital-1-5?ref=blog.stuetzle.cc) Hrsg. von Rolf Hecker und Ingo Stützle 224 Seiten, Bruschur ISBN 978-3-320-02334-8 *Karl Dietz Verlag Berlin GmbH 2017* (Die kleine Schwester der MEW – [demnächst komplett im Schuber](http://dietzberlin.de/epages/03607a27-71de-4f7f-9a3b-96673e540f68.sf/de%5FDE/?ObjectPath=/Shops/03607a27-71de-4f7f-9a3b-96673e540f68/Categories/Seite%5F%5FKategorie&ref=blog.stuetzle.cc)) ### Aufgeblättert: Keine Kapitalismuskritik ist auch keine Lösung. In ihrem neuen Buch kritisiert Ulrike Herrmann den ökonomischen Mainstream URL: https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-keine-kapitalismuskritik-ist-auch-keine-loesung-in-ihrem-neuen-buch-kritisiert-ulrike-herrmann-den-oekonomischen-mainstream/ Last updated: 2025-06-17T15:12:45.000Z In ihrem neuen Buch kritisiert Ulrike Herrmann den ökonomischen Mainstream – mit Smith, Marx und Keynes. Leider bleibt sie dabei auf halber Strecke hängen. Um die blamable Rolle der Wirtschaftswissenschaften angesichts der Krise ab 2008 zu illustrieren, wird gern eine Frage von Queen Elisabeth II. zitiert, die sie an die Zunft der britischen ÖkonomInnen richtete: »Wie konnte es passieren, dass niemand diese Krise vorhergesehen hat?« Die Antwort ließ auf sich warten, kam aber in unerwarteter Deutlichkeit: »Um die Sache zusammenzufassen, Ihre Majestät; hier hat die kollektive Vorstellungskraft vieler kluger Menschen versagt.« Für die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann liegt das Versagen mitunter daran, dass viele WissenschaftlerInnen die ökonomischen Klassiker nicht zur Kenntnis nehmen. Weiterlesen bei [https://oxiblog.de](https://oxiblog.de/keine-kapitalismuskritik-ist-auch-keine-loesung/?ref=blog.stuetzle.cc) ### Hätte, müsste, sollte – die Kritik der Neoklassik URL: https://blog.stuetzle.cc/haette-muesste-sollte-die-kritik-der-neoklassik/ Last updated: 2025-06-17T15:13:40.000Z Nach Jahrzehnten der neoklassischen Dominanz wird in den Wirtschaftswissenschaften die Forderung nach Pluralismus wieder lauter. Doch der lässt sich nicht herbeiwünschen. ![Ein Bild von Karl Marx](https://oxiblog.de/wp-content/uploads/2016/06/Marx-Sharing.jpg) Gehört an die ökonomischen Fakultäten, meinen die einen. Nein!!, sagen die anderen. Foto: ms.akr / Flickr CC-BY 2.0 Lizenz Vom Nobelpreisträger und Autor des wohl wirkungsmächtigsten VWL-Lehrbuchs, [Paul A. Samuelson](http://www.nytimes.com/2009/12/14/business/economy/14samuelson.html?pagewanted=all&%5Fr=0&ref=blog.stuetzle.cc), ist der Satz überliefert, dass es ihm egal sei, wer die nationalen Gesetze formuliere, wenn er die Ökonomielehrbücher schreiben könne. Ein selbstbewusster Satz, der den Gestaltungs- und Machtanspruch des ökonomietheoretischen Mainstreams, der Neoklassik, zum Ausdruck bringt, sozusagen die Software des Neoliberalismus. Der Neoklassik hat auch die Weltwirtschaftskrise nichts anhaben können, wie Philip Mirowski in seinem jüngsten Buch nachzeichnet: [Untote leben länger](http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/untote-leben-laenger.html?ref=blog.stuetzle.cc). Auch wenn es – etwa [von Studierenden vor zwei Jahren](http://blog.zeit.de/herdentrieb/2014/05/06/studentenaufruf-wider-die-intellektuelle-monokultur-in-den-wirtschaftswissenschaften%5F7346?ref=blog.stuetzle.cc) – den Ruf nach [mehr Pluralität in der Hochschullehre](http://www.fr-online.de/wirtschaft/oekonomik-ideologie-statt-wissenschaft,1472780,32908928.html?ref=blog.stuetzle.cc) gibt. Aber was ist das, Pluralität in den Wissenschaften? → [Weiterlesen bei OXIblog](https://oxiblog.de/kritik-der-neoklassik/?ref=blog.stuetzle.cc) ### Die Schuldenfrage ist eine Verteilungsfrage. Staatsverschuldung gilt heute als eines der zentralen Probleme der Weltwirtschaft URL: https://blog.stuetzle.cc/die-schuldenfrage-ist-eine-verteilungsfrage-staatsverschuldung-gilt-heute-als-eines-der-zentralen-probleme-der-weltwirtschaft/ Last updated: 2016-06-17T11:46:30.000Z ``` Auf dem CDU-Parteitag in Stuttgart 2008 prägte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel eine simple Lösung für das Staatsschuldenproblem, die bis heute wie ein Mantra wiederholt wird: „Man hätte hier in Stuttgart einfach nur eine schwäbische Hausfrau fragen sollen. Sie hätte uns eine ebenso kurze wie richtige Lebensweisheit gesagt, die da lautet: ‚Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben.’“ Der Vergleich mit Privathaushalten ist bei PolitikerInnen beliebt, wenn sie der Wählerschaft die Nöte des Staatshaushalts erklären wollen. Dabei ist dieser Vergleich falsch. Denn ein Staatshaushalt folgt eigenen Regeln.  --> Weiterlesen bei ila, der  Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika. ``` ### market failure URL: https://blog.stuetzle.cc/market-failure/ Last updated: 2016-06-17T11:43:26.000Z ``` - John M. Keynes: »Markets can remain irrational a lot longer than you and I can remain solvent.« ``` - Karl Marx: »The market is never rational and I'm never solvent.« ### Aufgeblättert: Kaputtalismus URL: https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-kaputtalismus/ Last updated: 2016-05-29T12:43:54.000Z ``` Fast zehn Jahre nach Beginn der Krise hat sich die Aufregung etwas gelegt, und nachdem lange die Ursachen im Fokus standen, wenden sich viele Autor_innen den vermeintlich »langfristigen Tendenzen« des Kapitalismus zu. So auch der Vielschreiber Robert Misik. Da ist er nicht allein, wenn wir an Paul Mason, Wolfgang Streeck, Jeremy Rifkin oder Immanuel Wallerstein denken, die Misik alle referiert. Der Kapitalismus stoße an seine eigenen Schranken - deshalb auch Kaputtalismus -, habe seine »besten Zeiten hinter sich«, und es sei »sehr unwahrscheinlich«, »dass wir den Kapitalismus, wie wir ihn in den vergangenen 300 Jahren kannten (...) noch einmal flottbekommen«. Da liegt schon ein Problem: Wollen wir das überhaupt? Misik schon. Er will den Kapitalismus vor sich selbst retten, will, wie schon Keynes, die destruktiven Momente des Kapitalismus beseitigen oder regulieren, die vermeintlich positiven aber beibehalten. Auf die Konkurrenz will er nicht gänzlich verzichten, denn sie habe auch ihr Gutes. Zerstörerisch wirkten vor allem die Finanzmärkte, während Gütermärkte zu Stabilität tendierten. Auch wenn das Buch gut geschrieben ist und viele Debatten einem breiten Publikum zugänglich macht, zeigt es einmal mehr, dass es innerhalb der Linken einer grundlegenden Diskussion darüber bedarf, was den Kapitalismus eigentlich ausmacht - und was nicht. Denn so schnell werden wir ihn leider nicht loswerden, den Kaputtalismus. ``` **Ingo Stützle** Robert Misik: Kaputtalismus. Wird der Kapitalismus sterben, und wenn ja, würde uns das glücklich machen? Aufbau Verlag, Berlin 2016\. 224 Seiten, 16,95 EUR. Erschienen in: [ak - analyse & kritik.](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc) Zeitung für linke Debatte und Praxis, [Nr. 616](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak616/03.htm?ref=blog.stuetzle.cc) vom 24.5.2016. ### Deutschland am Ziel: Athen zieht die Schuldenbremse URL: https://blog.stuetzle.cc/deutschland-am-ziel-athen-zieht-die-schuldenbremse/ Last updated: 2025-06-17T15:15:36.000Z Auf Druck der Gläubiger hat die SYRIZA-Regierung eine Schuldenbremse beschlossen. Wo sind jetzt die Stimmen, die sonst so laut den Demokratieverlust in der EU beklagen? Gestern beriet die sogenannte [Eurogruppe](https://de.wikipedia.org/wiki/Euro-Gruppe?ref=blog.stuetzle.cc) in Brüssel über die Freigabe weiterer Milliarden für Griechenland, heute kommen die EU-FinanzministerInnen zusammen. Das Parlament in Athen hatte extra dafür letzte Woche ein 7.500 Seiten starkes [Gesetzespaket verabschiedet](http://www.heise.de/tp/artikel/48/48326/1.html?ref=blog.stuetzle.cc). Neben Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen wurde auch eine sogenannte Schuldenbremse verabschiedet. Ein Produkt – wie könnte es anders sein – made in Germany. In Deutschland beschloss bereits Anfang 2009 die Föderalismuskommission eine Schuldenbremse, also eine verfassungsrechtliche Regelung, die zum Ziel hat, die Staatsverschuldung zu begrenzen. Seit 2011 erlegt sie Bund und Ländern [verbindliche Vorgaben zur Reduzierung des Haushaltsdefizits](https://de.wikipedia.org/wiki/Schuldenbremse%5F%28Deutschland%29?ref=blog.stuetzle.cc) auf. In der neuen Formulierung von [Artikel 115 des Grundgesetzes](https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art%5F115.html?ref=blog.stuetzle.cc) heißt es seitdem: »Einnahmen und Ausgaben sind grundsätzlich ohne Einnahmen aus Krediten auszugleichen.« Der ausgeglichene Staatshaushalt hat de facto Verfassungsrang. Deutscher Exportschlager AusteritätDas Beispiel der Schuldenbremse zeigt: Bei der rechtlichen Kontrolle von Staatsverschuldung und autoritären Stabilitätspolitik spielt [Deutschland eine Vorreiterrolle](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak606/26.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Dieses finanzpolitische Leitbild europäisierte die Bundesrepublik im Zuge der Krise. Möglich war dies, weil es Berlin gelungen ist, bei der Verabschiedung von Hilfspaketen für Euro-Länder die Bedingungen durchzusetzen, unter denen die Krisenpolitik stattfand. Hilfskredite an Euro-Länder wurden nur dann zugelassen, wenn sie von Maßnahmen zur Konsolidierung und Überwachung der Staatsfinanzen flankiert werden. Auf europäischer Ebene drängte Deutschland auf die Verschärfung des [Stabilitäts- und Wachstumspakts](https://de.wikipedia.org/wiki/Stabilit%C3%A4ts-%5Fund%5FWachstumspakt?ref=blog.stuetzle.cc) (SWP) und auf eine erweiterte Kontrolle der nationalen Wirtschafts- und Finanzpolitiken. Auf dem EU-Gipfel im Dezember 2011 setzte Berlin Schuldenbremsen für die Euro-Mitgliedsstaaten durch. Auch der sogenannte Euro-Plus-Pakt, den Deutschland gegen Frankreich durchdrückte, soll das Vertrauen der Finanzmärkte wieder herstellen. Hierbei wird der Sozialstaat als Mitverursacher zu hoher Verschuldung ins Visier genommen: Die »Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen«, so [heißt es da](http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/264.die-europaeische-union-auf-dem-weg-in-eine-autoritaere-wirtschaftsregierung.html?ref=blog.stuetzle.cc), soll durch die »langfristige Tragfähigkeit von Renten, Gesundheitsvorsorge und Sozialleistungen« garantiert werden. »Tragfähigkeit« bedeutet hier einmal mehr Finanzierbarkeit dank »Wettbewerbsfähigkeit«. Hierfür sollen die teilnehmenden Staaten Vorschläge machen und jedes Jahr konkrete Verpflichtungen eingehen. Zwar bleiben die Maßnahmen in der Verantwortung eines jeden Landes, allerdings stellt der Pakt einen Kriterienkatalog bereit – Maßstab ist das leistungsstärkste Land: Deutschland. »Europa spricht Deutsch«Mit der Verabschiedung der Schuldenbremse in Griechenland ist Deutschland am Ziel seines austeritätspolitischen Kurses. Dabei ist sie keine Schulden-, sondern eine Ausgabenbremse, die unterschiedslos alle staatlichen Bereiche betrifft, wenn das fiskalpolitische Ziel nicht erreicht wird. Dieses Regime der Austerität und der autoritären Finanzpolitik passt in die Zeit, in der bürgerlich-parlamentarische Demokratien selbst ihren eigenen Ansprüchen kaum mehr genügen. Lautstark wird die Angst geäußert, dass Brüssel und die EU den Nationalstaaten die Budgethoheit entziehen könnten. Doch wenn tatsächlich nicht mehr der politische Streit innerhalb und außerhalb des Parlaments darüber entscheidet, wofür öffentliche Gelder ausgegeben und wie sie organisiert werden, sondern allein die Finanzbürokratie mit dem Rotstift regiert, sind die KritikerInnen nicht zu hören. Die WissenschaftlerInnen der Privatbank M.M.WARBURG & CO [notierten daher schon 2011](http://www.mmwarburggruppe.com/system/galleries/download/research.mmwarburg.com/konjunktur%5Fstrategie/eco1711.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) zufrieden: »Hohe Verschuldung ist ein wichtiges Disziplinierungsinstrument zur Durchsetzung struktureller Reformen, die sonst nicht zielstrebig durchgeführt würden.« Der Begründer der Finanzsoziologie [Rudolf Goldscheid](https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf%5FGoldscheid?ref=blog.stuetzle.cc) bezeichnete 1929 das Budget als das »aller verbrämenden Ideologie entkleidete Gerippe des Staates«. Dass das Staatsbudget »Klassenbudget« ist, wusste bereits Karl Marx. Dass es künftig eine deutsche Handschrift tragen würde, kündigte Volker Kauder (CDU) bereits 2011 an: »Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen. Nicht in der Sprache, aber in der Akzeptanz der Instrumente, für die Angela Merkel so lange und dann erfolgreich gekämpft hat.« Erschienen bei: [oxiblog.de](https://oxiblog.de/athen-zieht-die-schuldenbremse/?ref=blog.stuetzle.cc) (25.5.2016) ### Dostojewski, Marx, Liza Minelli – vom Geld und seinen Mythen URL: https://blog.stuetzle.cc/dostojewski-marx-liza-minelli-vom-geld-und-seinen-mythen/ Last updated: 2025-06-17T15:16:02.000Z ![Das Pyramidenauge auf dem Dollar-Schein](https://oxiblog.de/wp-content/uploads/2016/05/Dollar-Bill.jpg) Um das Geld und seine Macht ranken sich Mythen und Verschwörungstheorien. *Die Bargeldbegrenzung wird derzeit heiß diskutiert. Eine gute Gelegenheit, ein paar grundlegende Fragen zum Zusammenhang von Geld und Kapitalismus zu beantworten – und mit Mythen und Missverständnissen aufzuräumen.* In Berlin finden im Durchschnitt über fünf Demonstrationen statt – pro Tag. In Frankfurt am Main sind es sicherlich weniger. Dafür steht dort die Europäische Zentralbank (EZB), was der Finanzmetropole schon mehrmals [Proteste](http://blockupy.org/?ref=blog.stuetzle.cc) beschwert hat. Und deshalb wird dort heute unter dem Motto [»Finger weg von unserem Bargeld«](http://www.pro-bargeld.com/pdf/flyer.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) für eine neue Geldordnung demonstriert. Denn wer die Presse gut verfolgt hat, weiß: Es soll nicht nur der [500-Euro-Schein abgeschafft](https://www.tagesschau.de/wirtschaft/500euro-abschaffung-101.html?ref=blog.stuetzle.cc) werden, sondern, so die Befürchtungen einiger ZeitgenossInnen, das Bargeld überhaupt. Im Aufruf für die heutige Kundgebung in Frankfurt am Main heißt es deshalb: »Wir rufen zur Verteidigung unseres Bargeldes und unserer Freiheit auf. Gegen Gängelung und Bevormundung von uns freien Bürgern!« Nicht ohne Grund wird in den letzten Wochen gerne der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821-1881) zitiert: [»Geld ist geprägte Freiheit«](http://www.zeit.de/wirtschaft/2016-02/bargeld-europa-euro-krise?ref=blog.stuetzle.cc). //→ [Weiterlesen bei oxi-blog](https://oxiblog.de/vom-geld-und-seinen-mythen/?ref=blog.stuetzle.cc). ### »Schuldentragfähigkeit« verlangt der IWF. Was heißt das? URL: https://blog.stuetzle.cc/schuldentragfaehigkeit-verlangt-der-iwf-was-heisst-das/ Last updated: 2025-06-17T15:16:40.000Z *Griechenlands Schulden werden nicht weniger. Nun streiten die Gläubiger, was zu tun ist. Deutschland meint: noch härter sparen! Der IWF findet, Griechenlands Schulden sollen »tragfähig« werden. Das Ziel ist das gleiche: die Diktatur der Gläubiger erhalten.* Griechenland hat zu viele Schulden, heißt es. Dieses Urteil haben die Finanzmärkte bereits vor Jahren gefällt, als das Geldkapital, das die Kredite vergibt, Athen keinen mehr gab. Schon vor fast zehn Jahren war klar, dass Athen seine Schulden nicht mehr ordnungsgemäß bedienen kann, dass Griechenland nicht dauerhaft als rentable Anlagesphäre dient. 2010 wurde der ökonomische Kredit durch einen politischen ersetzt (»1\. Hilfspaket«). Die privaten [Gläubiger wurden rausgeboxt](https://oxiblog.de/drei-luegen-in-einem-satz?ref=blog.stuetzle.cc), die [Banken gerettet](https://www.neues-deutschland.de/artikel/1010790.griechenland-gerettet-wurde-die-finanzindustrie.html?ref=blog.stuetzle.cc), und an ihre Stellen traten die öffentlichen Gläubiger: Von den 322 Milliarden Euro Schulden, die Griechenland (2015) hat, halten private Gläubiger, vor allem griechische Banken, inzwischen nur noch 65 Milliarden Euro. Die anderen Gläubiger sind die EZB (27 Milliarden Euro) und der IWF (35 Milliarden). Den größten Batzen teilen sich der Euro-Rettungsfonds EFSF/ESM (142 Milliarden) und die Euro-Staaten (53 Milliarden). **Was heißt »Griechenland hat zu viele Schulden«?** Dass Griechenland also »zu viele« Schulden hatte, bedeutet: eine Entwertung der Finanzvermögen wäre nötig, weil Griechenland bankrott ist, die Schulden nicht mehr bedient. Diese Wertvernichtung wird jedoch seit Jahren auf Biegen und Brechen verhindert, vor allem von Deutschland. Die Euro-Staaten haben alles daran gesetzt, dass die Schulden Finanzkapital bleiben, indem sie Griechenland dazu zwangen, alte Schulden durch neue Schulden zu ersetzen, statt Bankrott anzumelden. Als Gegenzug für die »Finanzhilfe« musste Athen zudem »Reformen« durchsetzen (»Austerität«). All das verschlimmerte offensichtlich das Problem. Obwohl Wolfgang Schäuble (CDU) versprochen hat, dass [keine neue große Griechenlandkrise](http://www.faz.net/agenturmeldungen/adhoc/schaeuble-dieses-jahr-droht-keine-grosse-griechenland-krise-14214693.html?ref=blog.stuetzle.cc) droht, wird wieder heftig darüber gestritten, wie es in der Eurozone weitergehen soll. Keinen Schuldenschnitt! Darin sind sich das Bundesfinanzministerium und der Verband der Herzen, der [Bund der Steuerzahler Deutschland](http://www.steuerzahler.de/Kein-Schuldenschnitt-fuer-Griechenland/73247c84352i1p637/index.html?ref=blog.stuetzle.cc), einig: »Ein Schuldenschnitt … löst die Strukturprobleme nicht. Jedes weitere Entgegenkommen gegenüber Athen in der Schuldenfrage wäre eine Vernichtung von Steuergeld.« **Weshalb der IWF zum Gegenspieler Schäubles wurde** Als vermeintlicher Gegenspieler tritt der Internationale Währungsfonds (IWF) auf, der einen Schuldenschnitt zur Bedingung für weitere »Zusammenarbeit« macht. Das zentrale Kriterium des IWF sei die Schuldentragfähigkeit. Was bedeutet das? Die Schulden sind dann »tragfähig«, wenn Griechenland in der Lage ist, Zinsen und Tilgungen zu leisten. Es geht dem IWF also nicht darum, die Schulden zu streichen, sondern sicherzustellen, dass die Schulden überhaupt und dauerhaft bedient werden können. Dafür nimmt der IWF einen Abschlag in Kauf bzw. korrekter formuliert: Der IWF erkennt an, dass der an Griechenland vergebene Kredit schon lange nichts mehr wert ist. Deshalb ein Schuldenschnitt – um Griechenland dauerhaft als Schuldner zu erhalten. Und Schulden bedienen bedeutet, die Renditeansprüche der Gläubiger zu bedienen. Gestritten wird also nur über die unterschiedlichen Mittel, nicht jedoch über einen grundlegend unterschiedlichen Kurs. Es soll weiterhin eine Diktatur der Gläubiger herrschen, in der die Gläubiger darüber entscheiden können, welchen Preis Griechenland für seine Schulden bezahlen muss: Austerität. *Zuerst erschienen als Begriff des Tages bei* [*oxiblog.de*](https://oxiblog.de/iwf-will-schuldentragfaehigkeit/?ref=blog.stuetzle.cc) *(10.5.2016).* ### Die letzte Form der politischen Ökonomie: die Professoralform URL: https://blog.stuetzle.cc/die-letzte-form-der-politischen-oekonomie-die-professoralform/ Last updated: 2016-02-09T09:43:47.000Z ``` »Die letzte Form [der politischen Ökonomie] ist die Professoralform, die ›historisch‹ zu Werke geht und mit weiser Mäßigung überall das ›Beste‹ zusammensucht, wobei es auf Widersprüche nicht ankommt, sondern auf Vollständigkeit. Es ist die Entgeistung aller Systeme, denen überall die Pointe abgebrochen wird, und die sich friedlich im Kollektaneenheft zusammenfinden. Die Hitze der Apologetik wird hier gemäßigt durch die Gelehrsamkeit, die wohlwollend auf die Übertreibungen der ökonomischen Denker herabsieht und sie nur als Kuriosa in ihrem mittelmäßigen Brei herumschwimmen läßt. Da derartige Arbeiten erst auftreten, sobald der Kreis der politischen Ökonomie als Wissenschaft sein Ende erreicht hat, ist es zugleich die Grabstätte dieser Wissenschaft.« (Karl Marx, MEW 26.3, 492) ``` ### FAQ. Noch Fragen? (A)typisch: Prekarität als neue Normalität URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-atypisch-prekaritaet-als-neue-normalitaet/ Last updated: 2025-06-17T15:17:38.000Z Laut einer neuen DGB-Studie (»Arbeitsqualität aus der Sicht von jungen Beschäftigten«) gehen etwa 30 Prozent der unter 35-Jährigen einer »atypischen« Beschäftigung nach - bei den unter 25-Jährigen ist es sogar fast die Hälfte. Unter »atypisch« versteht man befristete oder Teilzeitjobs, Zeitarbeit oder Minijobs. Laut dem gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) waren 2014 sogar fast 40 Prozent aller abhängig Beschäftigten in Teilzeit, Leiharbeit und Minijobs tätig. Selbst im öffentlichen Dienst schreitet die atypische Beschäftigung voran - und nicht nur im Wissenschaftsbetrieb. Das zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit von 2015 (»Befristete Beschäftigung im öffentlichen Dienst«). Ihre Untersuchung zeigt, dass der Anteil der befristeten Beschäftigungsverhältnisse im öffentlichen Sektor über zehn Prozent höher ist als in der Privatwirtschaft. Untersucht wurde der Zeitraum von 2004 bis 2014. Bereits 2008 stellte die Gruppe Blauer Montag heraus, [dass auch in Großbetrieben die Prekarität steigt, indem Arbeitsabläufe reorganisiert und verstärkt indirekt gesteuert werden und die Beschäftigten zunehmend gespalten werden](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak532/01.htm?ref=blog.stuetzle.cc). (ak 532) »Atypische Beschäftigung« ist also nicht nur eine Form der verschärften Ausbeutung und Disziplinierung von Arbeitskräften, sondern auch ein Mittel der Herrschaft und Kontrolle über die Arbeiterklasse insgesamt. Und: Atypische Beschäftigung hat auch ein Geschlecht: Sie ist weiblich. Allerdings holen die Männer in den Beschäftigungsverhältnissen auf, die für viele Frauen seit Jahrzehnten normal sind. Eigentlich ist das alles ein alter Hut: In den letzten Jahrzehnten ist das reguläre Beschäftigungsverhältnis erodiert, prekäre Beschäftigungsverhältnisse haben sich ausgeweitet. Prekarisierung ist inzwischen selbst zur Normalität geworden - sie prägt die Arbeitsverhältnisse insgesamt. Das müssen Eltern erfahren, die ihren Kindern monatelang unbezahlte Praktika finanzieren, und Großeltern, die auf die Frage, was die Enkelkinder von Beruf seien, nur ein Schulterzucken als Antwort bekommen. Mit Prekarisierung wird nicht nur die Zunahme an Unsicherheit (in) der Arbeit bezeichnet, sondern aufgrund der Entgrenzung von Leben und Arbeit die umfassende Verunsicherung des menschlichen Daseins. Dabei steht weniger Verarmung im Mittelpunkt des Interesses - auch wenn klar ist, dass die Einkommen aus atypischer Beschäftigung meist unter dem Durchschnitt liegen. Armut ist vielmehr ständig als Damoklesschwert präsent und liefert der ideologischen Anrufung des Neoliberalismus eine soziale Grundlage: »You can get it if you really want«. Vor diesem Hintergrund stellt sich indes die Frage, was hieran neu sein soll. Schließlich schrieb bereits Karl Marx vor über 150 Jahren: »In dem Begriff des freien Arbeiters liegt schon, dass er Pauper (Armer; Anm. ak) ist: virtueller Pauper«. Dass Menschen dazu gezwungen sind, ihre Arbeitskraft auf den Markt zu tragen, bedeutet also immer schon die Möglichkeit, dass die Ware Arbeitskraft entweder gar nicht oder nur zu einem nicht existenzsichernden Lohn verkauft werden kann. Ständige Produktivkraftentwicklung und die Einführung neuer Technologien entwerten die Arbeitskraft und setzen sie einem ungeheuren Anpassungsdruck aus - man geht dann auch mal krank zur Arbeit. Wer also Marx gelesen hat, weiß, wie prekär die kapitalistische Normalität für all diejenigen ist, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen. Für die andere Seite des Kapitalverhältnisses, das Kapital, das sich die Mehrarbeit aneignet, ist diese Normalität nur von Vorteil: »Schon der Begriff atypisch ist völlig falsch und an der Sache vorbei. Es gibt keine atypische Beschäftigung« - so Roland Wolf, Geschäftsführer der Abteilung Arbeits- und Tarifrecht bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Befristung eröffne schließlich den Einstieg in eine Entfristung. Laut einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) vom November 2015 (»Atypische Beschäftigung - ein europäischer Vergleich«) arbeitet mehr als ein Drittel der europäischen Erwerbstätigen inzwischen in »atypischen« Beschäftigungsformen. In 20 von 28 EU-Ländern ist im Zeitraum von 2006 bis 2014 der Anteil an atypischer Beschäftigung gestiegen - auch dank der Eurokrise. In der FES-Studie ist zu lesen: »In den Programmländern der Troika, insbesondere in Griechenland, Portugal und Spanien, wurden Maßnahmen wie die rechtliche Erleichterung von atypischer Beschäftigung, die Herabsetzung von Mindestlöhnen, die Schwächung der Tarifbindung sowie der Abbau von Kündigungsschutz eingesetzt, die zu sozialen Schieflagen führen und sozialpolitische Zielsetzungen wie den Abbau von Armut konterkarieren.« Zeit, dass die Arbeiterklasse die sogenannte Eurokrise nicht als Staatsschuldenkrise interpretiert, sondern als einen Angriff des Kapitals auf Lebens- und Arbeitsverhältnisse. **Ingo Stützle** Erschienen in: ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 612 vom 19.1.2016. ### Neue Besprechung zu »Austerität als politisches Projekt« URL: https://blog.stuetzle.cc/neue-besprechung-zu-austeritaet-als-politisches-projekt/ Last updated: 2025-06-17T15:19:36.000Z Bei H-Soz-Kult ist eine neue Besprechung zu meinem Buch *Austerität als politisches Projekt* erschienen - im Rahmen einer Sammelrezension zu Büchern, die ich auch gemeinsam besprochen habe. Zu meinem Buch ist zu lesen: > Jedenfalls ist es geradezu eine Erleichterung, mit der Arbeit von Ingo Stützle eine Arbeit rezensieren zu dürfen, die sich von den zwei oben besprochenen positiv abhebt. Man muss nicht alles unterschreiben, was der Autor äußert; mitunter wiederholt er auch sattsam bekannte Klischees, auch wenn die von ihm beschriebenen empirischen Zusammenhänge eine andere Interpretation nahelegen würden. Trotzdem handelt es sich um eine inhaltsreiche und zum Nachdenken anregende Arbeit, deren Grundthese allerdings außerhalb von explizit marxistisch orientierten „epistemic communities“ kaum ohne Widerspruch akzeptiert werden wird. Die gesamte Besprechung [findet sich hier](http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24552?ref=blog.stuetzle.cc). ### Marx mich nicht voll. Der neue HKWM-Band bietet nur bedingt historisch-kritische Orientierung URL: https://blog.stuetzle.cc/marx-mich-nicht-voll-diskussion-der-neue-hkwm-band-bietet-nur-bedingt-historisch-kritische-orientierung/ Last updated: 2016-01-28T16:12:19.000Z ![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2016/01/HKWM8-II_L-1.jpg) Vor mehr als 20 Jahren erschien der erste Band des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus (HKWM). Das erste Vorwort im ersten Band ist noch geprägt vom Ende des »Nominalsozialismus« (Agnoli) und dem sogenannten Ende der Geschichte. Es sei, so heißt es gleich auf der ersten Seite, hinsichtlich eines Vergleichs mit anderen Wörterbüchern, als spräche das HKWM »in ein gähnendes Schweigen hinein«. Seitdem hat sich einiges verändert. Der Stille folgte ein Gemurmel und das Bedürfnis vieler Linker, sich positiv auf »den« Marxismus zu beziehen. Angesichts der Krise 2008ff. wurde Marx wiederentdeckt, ebenso vom Feuilleton und damit auch so manches Ressentiment. Viele Jüngere haben es mitunter schwer, sich die Traditionslinien des Marxismus anzueignen, ohne sich an antikommunistischen Abziehbildchen abzuarbeiten. Orientierung könnte das Historisch-kritischen Wörterbuch (HKWM) bieten, von dem nun Band 8.I vorliegt. Während im ersten Band die Grenzen noch recht eng gefasst scheinen, bleibt unklar, warum in den folgenden Bänden die Stichworte »Jeans« und »Klonen« oder »Lüge« und »Mafia« im aktuellen Band zu finden sind. Sicher, es sind durchaus interessante Texte, und sicher lässt sich auch mit einer an Marx orientierten Kritik zu vielem etwas sagen - nur warum muss das in ein Wörterbuch? (1) Vor diesem Hintergrund ist es schließlich verwunderlich, dass ein paar Begriffe fehlen, die man als Kopie etwa gerne in einem Kapital-Lektürekurs verteilen könnte. Etwa die Frage nach der »Grenznutzentheorie«, auch »Marginalismus« genannt (beide Begriffe fehlen). Die ist heute die vorherrschende Form der Erklärung von »Wert«, die Marx' Ansatz fundamental widerspricht. Dass Marx, der diese Ansätze noch nicht kennen konnte, deren Vorläufer einfach als »Vulgärökonomie« links liegen ließ, macht die Sache nicht einfacher. Die Begriffe »Lohnform« und »Lumpenproletariat« im neuen Band (oder »Krisentheorie« im vorherigen) bieten hingegen eine sehr gute Orientierung für das marxsche Werk und die anschließenden Debatten bzw. dafür, welche unrühmliche Funktion Begriffe mitunter im Marxismus erfüllten (»Lumpenproletariat«). Der neue HKWM-Band ist besonders. Er umfasst die Begriffe »Marxismus« und »Marxismus-Leninismus« oder die auch etwas eigentümlich klingenden Stichworte »Lenins Marxismus« oder »Marxistsein/Marxistinsein«. Das eine oder andere Stichwort liest sich wie ein Essay, nicht wie ein Stichwort in einem Wörterbuch. Erst nach mehreren Absätzen wird dem/der unbedarften Leser\_in klar, um was es eigentlich geht - etwa »Marxismus-Enteignung«, bei dem zudem im Dunkeln bleibt, welchen Ursprung das Stichwort eigentlich hat, das die Ausschlüsse nach 1945 in der DDR thematisiert, als die SED in mehreren »Wellen« das Monopol auf Auslegung des Marxismus repressiv durchsetzte. Aber wieso »Enteignung«? **Passagen gleichen Schattenboxen** Neben dem essayistischen Charakter einiger Beiträge fällt zudem auf, dass statt inhaltlicher Bestimmung von Begriffen einige Passagen durch viele aneinandergereihte Zitate geprägt sind, wobei die angeführte Literatur nicht unbedingt dazu dient, Orientierung zu geben. So bei »Lenins Marxismus«, über den nach der Entmachtung der Sowjets durch Lenin ein Zitat vom Herausgeber Wolfgang Fritz Haug zu lesen ist: »Der Name Sowjet blieb, die Sache verschwand.« Das ist der Sache nach richtig, aber gerne wüsste man, worauf der Autor des Stichworts, Wolfgang Küttler, die Einschätzung an dieser Stelle stützt, dass nach »dem Sieg der Revolution, unterm Druck von Bürgerkrieg und materieller Not« Lenin sich auf eine »Zentralisierung« orientierte, die die Räte letztlich kaltstellte. War die autoritäre Zuspitzung unter Lenin nur ein Ergebnis äußerer Umstände? Wohl kaum. Das Stichwort Marxismus verhandelt nur »seine konstitutiven Widersprüche (nicht zu verwechseln mit vermeidbaren Fehlern)« (Haug). Letztere werden wohl nicht »dem« Marxismus angekreidet, sondern den diversen »Marxismus-Enteignungen« zugeschrieben, etwa dem Marxismus-Leninismus. Die selbstkritische Aufarbeitung der Geschichte des Marxismus findet auch bei diesem Stichwort seine Grenzen. Zur Geschichte der Ersten Internationale ist zu lesen, dass die Assoziation zwischen der marxschen und bakuninschen Linie »zerrissen« wurde. Dass Marx daran alles andere als unbeteiligt war, fällt leider unter den Tisch. Ein Umstand, dessen sich die Marxisten leider bis heute noch immer nicht offensiv und kritisch angenommen haben. Obwohl ein Wörterbuch beziehungsweise die Arbeit daran der Verständigung dienen sollte, also inhaltliche Differenzen nachvollziehbar zu machen, wird das HKWM dieser Aufgabe also nur bedingt gerecht. Das ist deshalb nicht irrelevant, weil das HKWM für viele Jüngere sicher eine der ersten Anlaufstellen ist, wenn sie einen Bibliothekszugang haben. Es ist auch deshalb bedeutsam, weil sich in den letzten Jahren die Debatte in manchen Fragen verhärtet hat - etwa in der Frage um die sogenannte Neue-Marx-Lektüre (NML). Das entsprechende Stichwort liegt noch nicht vor, aber sie ist als Diskurs präsent. Einige Begriffe und Passagen gleichen einem Schattenboxen. Es besteht keine Einigkeit darüber, was unter NML verstanden wird. Ein weites Verständnis fasst darunter die vielfältigen Versuche um 1968, die marxschen Texte und vor allem »Das Kapital« von Marx neu zu lesen, jenseits sozialdemokratischer und ML-Dogmatik. Deshalb zählt der italienische Operaismus ebenso dazu wie das Vorhaben von Louis Althusser und seinen Mitarbeitern oder diverse Arbeiten aus Deutschland, die sich mit der Frage beschäftigten, wie sich Marx' Werttheorie eigentlich von der politischen Klassik unterscheidet. (2) Ein enges Verständnis der Neuen-Marx-Lektüre beschränkt die Bezeichnung auf letztere Lesart und Arbeiten, die vor allem mit den Namen Michael Heinrich (geboren 1957) und Hans-Georg Backhaus (geboren 1929) verbunden sind. Wie eng es das HKWM in der Frage sieht, zeigt sich jetzt nur noch subtil. Das war schon anders, als etwa für den dritten HKWM-Band das Stichwort »einfache Warenproduktion« ohne Rücksprache inhaltlich derart umgeschrieben wurde, dass es eher der Position des Herausgebers entspricht, nicht aber dem eigentlich Autor und der originär intendierten Aussage. (3) Der Begriff geht auf Engels zurück. Er ging davon aus, dass Marx zu Beginn des »Kapitals« von einer vorkapitalistischen Warenproduktion ausgeht, die weder Geld noch Kapital kannte (aber Wert) und diese auch eine realhistorische Konstellation (etwa im Mittelalter) beschreibt, eine Aussage, die Marx eigentlich kritisiert. **Keine Garantie für klasse Kämpfe** Der Neuen-Marx-Lektüre wird mitunter der Vorwurf gemacht, dass sie Klassenkämpfen sowie der Möglichkeit von politischer Veränderung keinen Raum gebe. Vor diesem Hintergrund scheint Haugs »praxeologische Lesart« attraktiv. Nur - und das ist der große Fehlschluss - ist Haug kein Garant dafür, dass Traditionen ihren Platz bekommen, für die Klassenkämpfe wichtig sind. Ein Beispiel ist das HKWM-Stichwort »Maschinenstürmer«. Hierfür wurde zwar ein prominenter Autor gewonnen, Walther Müller-Jentsch, der aber linke Geschichte leider nur teilweise zugänglich macht. Müller-Jentsch weicht dem Thema Technikkritik de facto aus und referiert kaum die internationale Debatte, etwa die Kritik des Operaismus oder der Industrial Workers of the World. Auch die Arbeiten des ehemaligen WSI-Mitarbeiters Ulrich Briefs, die Müller-Jentsch kennt, tauchen nicht auf. (4) Briefs war Industriesoziologe, der Sabotage als Mittel des Arbeitskampfs in Betracht zog und dem vom gewerkschaftlichen Institut 1986 gekündigt wurde, als er für die Grünen in den Bundestag ziehen wollte - nach mehreren gescheiterten Versuchen, ihn rauszuwerfen. Während Briefs in den Abwehrkämpfen gegen Rationalisierung in den 1980er Jahren eine technikkritische Position bezog, steht etwas Müller-Jentsch für eine gewerkschaftliche Strömung, die weit weniger auf Konfrontation innerhalb dieser Kämpfe setzt. Die genannten Punkte sind Ausdruck für die vielen inhaltlichen Differenzen und vielen Leichen im Keller des Marxismus (Verantwortung für den Leninismus und Stalinismus), etwas, was die Arbeit an einem Wörterbuch sicher nicht alleine lösen kann, sondern nur die vielen Menschen, die Marx gemeinsam lesen, mit ihm gegen Marx selbst und untereinander streiten, mit der Geschichte des Marxismus hadern und eine Form finden, finden müssen, die Klärung von Differenzen ermöglicht. Anmerkungen: 1. Gegenteiliger Meinung ist Georg Fülberth in konkret 10/2015. 2. Auch in realsozialistischen Ländern setzte eine Neu-Lektüre von Marx ein. 3. Das [Original ist bei wikipedia unter dem gleichnamigen Beitrag](https://de.wikipedia.org/wiki/Einfache%5FWarenproduktion?ref=blog.stuetzle.cc) verlinkt. 4. Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) ist ein gewerkschaftsnahes Forschungsinstitut. *Das Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus (HKWM) wird herausgegeben von Wolfgang Fritz Haug, Frigga Haug, Peter Jehle und Wolfgang Küttler. Der neue Band 8/II umfasst die Begriffe Links/rechts bis Maschinenstürmer. Es umfasst 512 Seiten, ist im Argument-Verlag (Hamburg 2015) erschienen und kostet 98 Euro.* Erschienen in: [ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 609 vom 20.10.2015 ### Aufgeblättert: Der Hund hat die Hausaufgaben gefressen. Der Ökonom und Ideologiekritiker Philip Mirowski geht der Kugelsicherheit des Neoliberalismus nach URL: https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-oekonom-und-ideologiekritiker-philip-mirowski-geht-der-kugelsicherheit-des-neoliberalismus-nach/ Last updated: 2025-06-17T15:21:14.000Z Mit der Krise vor über fünf Jahren witterten so manche Linken Morgenluft. Die Risse in der Hegemonie des Neoliberalismus würden größer. Inzwischen ist deutlich geworden, dass der Neoliberalismus alles andere als infrage steht. Dieser Hartnäckigkeit widmet Philip Mirowski sein neues Buch. Der Wirtschaftswissenschaftler war bereits zu Beginn der Krise gern gesehener Interviewpartner oder Autor in der FAZ, als noch der verstorbene Frank Schirrmacher dem Feuilleton vorstand. Dieser verstand jedoch nie, dass Konservative wie er für Mirowski ein Teil des Problems sind - nämlich als Verteidiger des Status quo. (1) Das zeigt das neue Buch, das bereits 2013 in englischer Sprache erschien. Das Buch »soll die Strategien der Neoliberalen dokumentieren und ihre Erfolge begutachten, zu denen häufig auch die Wirtschaftswissenschaftler beigetragen haben.« Hierfür hält der Autor einen ganzen Strauß an Erklärungen bereit. Ein Großteil davon besaß jedoch auch schon vor der Krise Gültigkeit: Mirowski zeichnet nach, wie sich der Neoliberalismus etablierte und festigte und nach und nach alle Poren der Gesellschaft besetzte. Die neoliberale Wirtschaftslehre charakterisiert Mirowski additiv. Dies liege auch daran, so der Autor, dass das »neoliberale Denkkollektiv« selbst ein eher verschwommenes Bild abliefere, was wiederum eine seiner Stärken sei. Es werde Heterogenität suggeriert, obwohl man im Grundsatz am gleichen Strang ziehe. Mit dem »neoliberalen Denkkollektiv« meint er ein unzusammenhängendes Ensemble von Akteuren aus Wissenschaft und Öffentlichkeit, die als »öffentlich wirkende Wissenseliten« etwa in Thinktanks, Medien, Forschungs- und Beratungseinrichtungen die neoliberale Fahne hochhalten. Kritik und Häme gegenüber der Mainstreamwissenschaft, die die Krise von 2008 nicht kommen sah und wenig an Erklärungen zur Hand hatte, begegnet dieses Denkkollektiv mit der Produktion von Scheinwahrheiten und Verwirrungsstrategien, wie Mirowski an vielen Wortmeldungen nachzeichnet. Die Ökonom\_innen kämen meist mit Entschuldigungen daher, die der in nichts nachstünden, dass der Hund die Hausaufgaben gefressen habe. Der Mainstream sei auch deshalb so mächtig geblieben, weil es eine recht große Drehtür zwischen der Wall Street und der US-Regierung und zudem eine ausgeprägte Abhängigkeit der Wissenschaft von staatlichen Forschungsaufträgen, etwa der US-Zentralbank Fed, gebe. Mirowski spricht hier von einem »akademisch-staatlich-finanziellen Komplex«. Die Stärke des Neoliberalismus begründet sich weiter darin, dass viele seiner Protagonisten bereit waren, den Markt temporär zu »suspendieren«, um die Herrschaft des Marktes zu erhalten - etwa als Banken gerettet wurden. Zugespitzt laufen Mirowskis Ausführungen jedoch leider auf eine relativ simple Argumentation hinaus - nämlich auf das, was er Agnotologie nennt, die Herstellung und Aufrechterhaltung von Unwissen mittels Manipulation. Leider fällt er hier hinter den auch von ihm geschätzten Michel Foucault zurück, der allein negative Praktiken der Absicherung für ungenügend hielt und immer wieder nach positiven Verfahren zur Herstellung von Macht fragte. Erfrischend ist es dennoch, wenn Mirowski vor diesem Hintergrund etwa die als links geltenden Nobelpreisträger Paul Krugman und Joseph Stiglitz (oder Vertreter\_innen der sogenannten Verhaltensökonomie) auseinandernimmt, die von Linken gerne als Kronzeugen dafür herangezogen werden, dass eine »falsche Wirtschaftspolitik« praktiziert werde. Dass die beiden alles andere als dem Neoklassikkritiker John M. Keynes verpflichtet sind, fällt dabei gerne unter den Tisch, was wiederum für Mirowski ein Grund ist, warum sich die neoklassische Lehre so hartnäckig hält: Oberflächlich werden Zugeständnisse gemacht, ohne jedoch auch nur ansatzweise die Prämissen der Neoklassik zu hinterfragen. Interessant wäre zu hören, was Mirowski etwa zu Thomas Piketty sagt, dem französischen Ökonomen, der bei vielen Linken mit seinem Buch »Das Kapital im 21\. Jahrhundert« für Hofknickse sorgte, aber bei genauerer Betrachtung auf neoklassischer Grundlage argumentiert. (2) Bleibt die Frage, warum selbst die noch so aufmüpfigen Ökonom\_innen nicht bereit sind, die neoklassischen Prämissen hinter sich zu lassen? Dass die Wirtschaftswissenschaften von der Neoklassik durchsetzt sind, ist relativ bekannt. Die Frage ist aber deshalb, wie etwa Universitäten, die Lehrbücher und der Markt für dieses Mittel der Ausbildung, die Simplifizierung in Form von Formalisierungen, der Arbeitsmarkt für angehende Ökonom\_innen und so weiter als Filter und Disziplinierungsinstanz wirken, also die Vorherrschaft der Neoklassik reproduzieren. (3) Hier liegt bei allem informativen Gehalt die Schwäche des Buchs. Täuschungen und »Mauschelei« reichen als Erklärung für die anhaltende Dominanz des Neoliberalismus nicht aus. Vielmehr müsste die Frage beantwortet werden, warum derartige Praktiken überhaupt funktionieren. Sicher ist die neoliberale Interpretationsfolie allgegenwärtig, auch im Alltag präsent. Aber auch hier stellt sich die Frage, warum sie sich so hartnäckig halten kann. Vieles von dem, was Mirowski als Erklärung präsentiert, ist eigentlich das, was er erklären müsste. [*Philip Mirowski: Untote leben länger. Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist*](http://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/untote-leben-laenger.html?ref=blog.stuetzle.cc)*. Matthes & Seitz, Berlin 2015 325 Seiten, 29,90 EUR.* **Anmerkungen:** 1. Siehe hierzu etwa den [Schirrmacher-Nachruf von Ulrike Herrmann in der taz (2.7.2014)](https://www.taz.de/!5038707/?ref=blog.stuetzle.cc). 2. Ingo Stützle und Stephan Kaufmann: [Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre. Thomas Pikettys »Das Kapital im 21\. Jahrhundert« - Einführung, Debatte, Kritik](http://www.bertz-fischer.de/product%5Finfo.php?cPath=21%5F48&products%5Fid=447&ref=blog.stuetzle.cc). Berlin 2014. 3. Die Frage stellte bereits vor 20 Jahren David Gordon in seinem Aufsatz »Zwischen Kelch und Lippe: Die Rolle der Mainstream-Ökonomie bei der Gestaltung der Wirtschaftspolitik«. Siehe [PROKLA 99](http://www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/1995/Prokla99.pdf?ref=blog.stuetzle.cc). Erschienen in:[ ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 611 vom 15.12.2015 ### Nie wieder! URL: https://blog.stuetzle.cc/nie-wieder/ Last updated: 2025-06-17T15:21:30.000Z > 26\. Januar. Wir lagen in einer Welt der Toten und der Larven. Um uns und in uns war die letzte Spur von Zivilisation geschwunden. Das Werk der Vertierung, von den triumphierenden Deutschen begonnen, war von den geschlagenen Deutschen vollbracht worden.Mensch ist, wer tötet, Mensch ist, wer Unrecht zufügt oder erleidet; kein Mensch ist, wer jede Zurückhaltung verloren hat und sein Bett mit einem Leichnam teilt. Und wer darauf gewartet hat, bis sein Nachbar mit dem Sterben zu Ende ist, damit er ihm ein Viertel Brot abnehmen kann, der ist, wenngleich ohne Schuld, vom Vorbild des denkenden Menschen weiter entfernt als der roheste Pygmäe und der grausamste Sadist. (...)27\. Januar. Morgengrauen. Auf dem Fußboden das schandbare Durcheinander verdorrter Glieder, das Ding Sómogyi.Es gibt dringendere Arbeiten. Man kann sich nicht waschen, wir können ihn nicht anfassen, bevor wir nicht gekocht und gegessen haben. Und dann »... rien de si dégoutant que les débordements«, wie Charles richtig meint; der Latrineneimer muss geleert werden. Die Lebenden stellen größere Ansprüche. Die Toten können warten. Wir begaben uns an die Arbeit, wie jeden Tag.Die Russen kamen, als Charles und ich Sómogyi ein kurzes Stück wegtrugen. Er war sehr leicht. Wir kippten die Bahre in den grauen Schnee. [Primo Levi](https://de.wikipedia.org/wiki/Primo%5FLevi?ref=blog.stuetzle.cc)s autobiografischer Bericht [»Ist das ein Mensch?«](https://de.wikipedia.org/wiki/Ist%5Fdas%5Fein%5FMensch%3F?ref=blog.stuetzle.cc) endet mit der Befreiung in Auschwitz) ### Ellen Meiksins Wood ist tot. Marxistische Historikerin und Ex-Herausgeberin der »Monthly Review« im Alter von 73 Jahren gestorben URL: https://blog.stuetzle.cc/ellen-meiksins-wood-ist-tot-marxistische-historikerin-und-ex-herausgeberin-der-monthly-review-im-alter-von-73-jahren-gestorben/ Last updated: 2016-01-18T15:21:17.000Z ``` Sie war eine der wichtigsten englischsprachigen Marxistinnen: Ellen Meiksins Wood. Geboren 1942 in New York, studierte die Tocher lettischer Flüchtlinge Politikwissenschaften in Los Angeles, lehrte später in Toronto und publizierte in vielen linken Theoriezeitschriften. Ellen Meiksins Wood war Redaktionsmitglied der New Left Review, neben unter anderem Paul M. Sweezy Mitherausgeberin der »Monthly Review« und Autorin für das »Socialist Register« und »Against the Current«. Hierzulande sorgte sie unter anderem mit dem Buch »Demokratie contra Kapitalismus. Beiträge zur Erneuerung des historischen Materialismus« für Aufmerksamkeit. Zuletzt erschien von ihr auf Deutsch »Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche«. ``` Warum der Kapitalismus – obwohl er so krisenhaft ist – so stabil ist, darüber hat sich schon manch kluger Mensch das Hirn zermartert. Wer sein Ende herbeisehnt, kommt um die Frage, wie er funktioniert und wie alles anfing, nicht herum. Wobei das zwei unterschiedliche Fragen sind, wie Karl Marx immer betont. Zur historischen Frage erschien vor mehr als zehn Jahren ein Standardwerk: »Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche«. Die nun verstorbene Ellen Meiksins Wood referiert darin nicht nur die bisher prominenten marxistischen Positionen und Debatten zum Thema, sondern legt ihre ganz eigene, zugespitzte Analyse vor. Die 1942 geborene Historikerin hatte es schwer in der marxistischen Männerwelt – und das, obwohl ihre Beiträge zum Besten gehören, was die von Marx geschulte Historiografie zu bieten hat. Bisher wurde kaum etwas von ihr ins Deutsche übersetzt. Zusammen mit Robert Brenner gilt sie als die wichtigste Vertreterin des sogenannten politischen Marxismus, der einiges infrage stellte, was der traditionelle Marxismus selbstverständlich akzeptierte. Bisher wurden von dieser »Schule« etwa die Französische Revolution ([Georg C. Comninel](http://www.versobooks.com/books/668-rethinking-the-french-revolution?ref=blog.stuetzle.cc)), die Entstehung des Staates ([Heide Gerstenberger](http://www.dampfboot-verlag.de/shop/artikel/die-subjektlose-gewalt?ref=blog.stuetzle.cc)) bzw. des Staatensystems ([Benno Teschke](http://www.versobooks.com/books/406-the-myth-of-1648?ref=blog.stuetzle.cc)) und eben die Ursprünge des Kapitalismus (Robert Brenner, Meiksins Wood) oder dessen Entwicklung in den Vereinigten Staaten ([Charles Post](http://www.haymarketbooks.org/pb/The-American-Road-to-Capitalism?ref=blog.stuetzle.cc)) untersucht. MarxistInnen haben es sich oft recht einfach gemacht, die Entstehung des Kapitalismus zu erklären. Das lag mitunter auch an ihrem Kapitalismusverständnis, also dem, was ihn oder gar »die« Geschichte auszeichnen soll: etwa Klassenkämpfe, die Dialektik von Produktionskräften und -verhältnissen, der Handel und seine Märkte oder unmittelbare Gewalt, das heißt Krieg. Demnach würden etwa die Kämpfe zwischen aufstrebender und herrschender Klasse die Geschichte von einer zur nächsten Epoche bringen (wie bei der Französischen Revolution). Allerdings, so Meiksins Woods zentrale Kritik, setzen alle diese Erklärungen schon eine kapitalistische Logik oder Verhältnisse voraus, deren Entstehung sie ja gerade erklären sollen, was sie zurecht als »Zirkelschluss« bezeichnet. Einem ähnlichen Zirkelschluss sitzt die bürgerliche politische Ökonomie auf, wenn sie den sich bis zur Entstehung des Kapitalismus ausbreitenden Handel etwa auf einen anthropologisch veranlagten »Hang zum Tausch« (Adam Smith) zurückführt. In ihrer Darstellung der marxistischen Debatte seit den 1950er Jahren referiert sie nachvollziehbar die Argumente all derjenigen, die sie zugleich kritisiert, bleibt dabei also nicht oberflächlich oder besserwisserisch. Meiksins Woods Punkt ist, dass sich der Kapitalismus ausgehend vom 16\. Jahrhundert in einem sehr spezifischen Milieu in England entwickeln konnte – auf dem Land. Der »alte Schlawiner« (Peter Licht) Kapitalismus hat also einen »agrarischen Ursprung«, beginnt nicht in der Stadt oder mit »der Industrie«. Ihr zentrales Argument ist, dass sich der Markt von einer Möglichkeit (die es schon lange gab) zu einem Imperativ entwickelte, zu einem allgemeinen Zwang, der nicht mehr durch unmittelbare Gewalt (etwa der Grundherren) vermittelt ist. Wie kommt es dazu? Das sehr spezifische Verhältnis von Grundherren, kapitalistischen Pächtern und Lohnarbeitern brachte in England eine gesellschaftliche Konstellation hervor, in der die Pächter darauf aus sein mussten, dass Kosten gespart und Produktivkräfte entwickelt werden. Flexible Grundrenten und die spezifisch politischen Verhältnisse in England führten dazu, dass diejenigen Pächter Land bekamen, die die höchste Pacht zahlten. Damit waren die Pächter gezwungen, möglichst viel aus der Landarbeit herauszuholen, die Arbeitsproduktivität zu erhöhen und Kosten zu sparen. Dies setzte eine Dynamik in Gang, die historisch ein- und erstmalig viele ArbeiterInnen freisetzte, weil sie nicht mehr benötigt wurden. Die vielfältigen Gewohnheitsrechte, Grund und Boden zu nutzen, wurden verdrängt von einer neuen, der kapitalistischen Logik, die geprägt ist von Konkurrenz und dem Markt als Zwangsinstanz. Darauf folgte all das, was Marx im Kapitel über die sogenannte ursprüngliche Akkumulation skizziert, wo er deutlich macht, dass der Kapitalismus »blut- und schmutztriefend« (Marx) zur Welt kam, als die unmittelbaren ProduzentInnen auf vielfache Weise von den Mitteln ihrer Reproduktion getrennt wurden – durch Vertreibung vom Land, brutale Gewalt, Zwang zur Arbeit, die Einschränkung von Nutzungsrechten und die Zerstörung von Gemeingütern (Commons) – alles unter dem Einsatz von unmittelbarem Zwang. Das Resultat war eine historisch einmalige Figur, die gezwungen ist, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen: der doppelt freie Lohnarbeiter. Der Ausschluss oder die Abwesenheit anderer Möglichkeiten der Reproduktion ist hierfür die Voraussetzung. Mit der Arbeitskraft als Ware hat sich, wie Marx schreibt, die Warenproduktion verallgemeinert, es herrscht das Kapital. Meiksins Woods Analyse bringt nicht nur tiefe Einblicke in die Entstehung des Kapitalismus, sondern trägt zudem einiges dazu bei, scheinbare Kompromisse, wie die eines Marktsozialismus, kritisch zu hinterfragen. Die Analyse bringt auch Fragen mit sich, wie ein Bruch mit den herrschenden Verhältnissen zu denken ist, wenn im Rückblick viele marxistische Erklärungen etwa der bürgerlichen Revolutionen (Französische Revolution) sich als nicht haltbar erwiesen haben (wie etwa Heide Gerstenberger in ihrer historischen Studie »Die subjektlose Gewalt« zeigt). Bleibt zu hoffen, dass diesem hervorragend übersetzten und sehr gut zu lesenden ersten Band der »Ausgewählten Werke« von Meiksins Wood weitere Übersetzungen folgen, etwa »Abschied von der Klasse« und vor allem »Imperium des Kapitals«, in dem sie den Faden des vorliegenden Buchs weiter sponn und deutlich machte, wie sich der Kapitalismus zwar als Weltsystem entwickelt, sich aber die Internationalisierung kapitalistischer Imperative, die etwa mit einer »kapitalistischen Außenpolitik« (Imperialismus) einhergehen, von den vorkapitalistischen Imperien (Rom) oder expansiven Formationen (italienische Handelsstädte, Holland) grundlegend unterscheidet. **Ingo Stützle** *Ellen Meiksins Wood: Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche (Ausgewählte Werke, Band I), LAIKA-Theorie, Band 55, Hamburg, Laika Verlag. 232 Seiten, 28 Euro.* Erschienen bei [neues-deutschland.de](http://www.neues-deutschland.de/artikel/998149.ellen-meiksins-wood-ist-tot.html?ref=blog.stuetzle.cc) (online) und leicht modifiziert Print (18.1.2016) ### FAQ. Noch Fragen? Europäische Einlagensicherung URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-europaeische-einlagensicherung/ Last updated: 2015-12-28T11:10:02.000Z ``` Die Europäische Kommission stellte im November 2015 ihren Vorschlag zur europäischen Einlagensicherung vor, die die sogenannte Bankenunion abschließen soll. Wir erinnern uns: Im Oktober 2008 traten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr damaliger Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) vor die Presse und beteuerten: »Ihre Einlagen sind sicher.« Dieses Jahr versprach der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis Ähnliches. Aber niemand glaubte ihm so richtig: Die griechischen Banken mussten für mehrere Tage schließen, weil ein Bankrun drohte, der die Geldhäuser in ihrer Existenz hätte bedrohen können. ``` Als Einlagen bezeichnet man das Geld, das die Kund\_innen bei der Bank »einlegen«. Sie werden auch Depositen genannt. Die Kund\_innen geben der Bank quasi einen Kredit, die Bank ist der Schuldner und hat damit eine Zahlungsverpflichtung gegenüber den Kund\_innen. Diese wiederum haben ein Guthaben, das sie im Sparbuch schwarz auf weiß oder auf dem Girokontoauszug sehen. Sogenanntes Buchgeld ist entstanden. Mit dem Geld der Kund\_innen »arbeitet« die Bank, vergibt zum Beispiel Kredite. Sind ihre sonstigen Geschäfte, die sie mit ihrem Eigenkapital und aufgenommen Krediten tätigt zu risikoreich, gefährdet sie auch die Guthaben ihrer Kund\_innen. Im Zuge der letzten Krise wurden Banken davor bewahrt, bankrottzugehen, nachdem deutlich wurde, welchen Dominoeffekt es haben kann. Als die US-Regierung Lehman Brothers fallen ließ, verschärfte sich die Krise. Dass die Staaten jedoch die Banken in großem Stil rausboxten, auch in Griechenland, hatte zur Folge, dass die Staatsschulden explodierten. Die Banken zeichnet somit eine Abhängigkeit von den Staaten aus. Die Staaten sind in der Verantwortung für ein funktionierendes Bankensystem - ein Teufelskreis, der aufgebrochen werden sollte, etwa mit dem jetzt geplanten Einlagensicherungssystem. Die Banken sollen quasi für sich selbst geradestehen. Diese »Versicherung« soll die dritte Säule der europäischen Bankenunion werden (Erste Säule: Gemeinsame Bankenaufsicht bei der Europäische Zentralbank, EZB. Zweite Säule: Gemeinsamer Abwicklungsmechanismus für kriselnde Banken). Die europäischen Banken sollen in einen gemeinsamen Topf Geld einzahlen, der bei einer Bankenpleite die Einlagen der Bankkund\_innen absichert. Bisher ist angedacht, dass alle Guthaben bis 100.000 Euro »sicher« sind. Bei dieser Konstruktion ist natürlich nicht nur problematisch, dass bei einer systematischen Bankenkrise, also wenn massenhaft Banken ins Straucheln kommen, eigentlich jeder Topf zu klein sein wird. 2024 sollen etwa 43 Milliarden Euro zur Verfügung stehen, was nur etwa 0,8 Prozent aller Spareinlagen in Europa entspricht. Vielmehr wird gar nicht mehr darüber diskutiert, welche Geschäftspraktiken die letzte Krise provoziert haben (Verbriefung, Schattenbankensystem, to-big-to-fail-Banken etc.). Die Genossenschaftsbanken und die Sparkassen sind gegen das EU-Vorhaben, da sie ein eigenes Absicherungssystem haben und auch ein anderes Geschäftsmodell - und sollen zukünftig trotzdem für die Deutsche Bank oder andere Banken haften, deren Geschäftsmodell auf Investmentbanking ausgerichtet ist. Die Deutsche Bundesbank und auch die Politik (Finanzminister Wolfgang Schäuble) sind aus anderen Gründen gegen die Einlagensicherung. Dass Deutschland nicht will, dass deutsche Banken für spanische geradestehen, torpediert jedoch den Grundgedanken der Bankenunion. Diese hat zum Ziel, gemeinsame EU-Regeln zu etablieren, damit nicht jeder Eurostaat »seine« Banken rettet und damit die Gemeinschaftswährung Euro gefährdet. Dass Deutschland von einer europäischen Lösung profitieren würde, behauptet hingegen Guntram B. Wolff, Direktor des Thinktanks Bruegel aus Brüssel: »Gerade auch Deutschland würde davon profitieren, wenn Europas Bankensystem endlich stabil wäre und die Europäische Zentralbank nicht mehr indirekt haften müsste. Auch würde das deutsche und europäische Bankensystem effizienter: Kredite würden stärker nach ökonomischen statt nach politischen Kriterien vergeben werden.« Wobei »ökonomisch« in diesem Zusammenhang »profitabel« bedeutet. Deutschland deutet zudem einen sozialen Konflikt erneut nationalistisch: Wer zahlt im Zweifelsfall für die Krise? Deutschland bleibt sich also treu, denn die grundlegende Logik der Eurozone, die Gewinner und Verlierer produziert (Hoch lebe die Wettbewerbsfähigkeit!), wird nicht infrage gestellt, während Deutschland nicht für die Verlierer einstehen will - seien es Staaten oder Banken. Eine Sozialunion will schon mal gar niemand. Wohin das führt, zeigten die letzten Jahre: zu einer Eurosystemkrise. Diese zeigte zwar in extremer Weise, wer gewinnt und wer verliert, hat aber leider nicht dazu geführt, dass die gesellschaftliche Logik, die die EU, den Euro und die kapitalistische Produktionsweise ausmacht, radikal infrage gestellt wird. **Ingo Stützle** Erschienen in: [ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 611 vom 15.12.2015, ### FAQ. Noch Fragen? Der Kampf gegen die Zeit des Kapitals URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-der-kampf-gegen-die-zeit-des-kapitals/ Last updated: 2015-11-28T11:05:20.000Z ``` Menschen leben und überleben, indem sie füreinander da sind, mit- und füreinander arbeiten. Die Formen, wie Arbeitsteilung organisiert ist, sind sehr verschiedenartig. Nicht nur historisch, sondern auch unter den herrschenden kapitalistischen Verhältnissen sind es recht unterschiedliche soziale Logiken, die da am Werke sind. ``` In der Wohngemeinschaft regelt die Putzuhr, wann wer was zu tun hat. Die patriarchal geprägten Geschlechterverhältnisse bestimmen, dass vor allem Frauen ihre Lebenszeit dem Haushalt opfern müssen. Damit überhaupt etwas gekocht werden kann, müssen Lebensmittel vorhanden sein. Die erhält man im Supermarkt gegen einen Teil des Lohns. Diesen bekommt man nur dann, wenn man einen Teil der eigenen Lebenszeit jemand anderem als Arbeitszeit zur Verfügung stellt. In einer von Herrschaft geprägten Gesellschaft verfügt man nur selten über die eigene Lebenszeit. Selbst dann, wenn man keine Arbeit hat: Das Arbeitsamt will nicht, dass man in Urlaub geht, man soll sich vielmehr »zur Verfügung« halten. Die sozialen Logiken, die über Teile unserer Lebenszeit verfügen, sind aber durchaus verschieden - und die Macht- und Herrschaftsverhältnisse in unterschiedlichen gesellschaftlichen Formen institutionalisiert: (Sozial-)Staat, Haushalt oder Kapital. In seinem Hauptwerk Das Kapital konzentriert sich Marx auf die Analyse der Herrschaft des Kapitals. Wie aber sieht die Herrschaft des Kapitals aus und was hat das mit Arbeitszeitverkürzung zu tun? Die Ausbeutung von Menschen durch Menschen nimmt im Kapitalismus eine besondere Form an: Sie ist sachlich vermittelt und bekommt einen natürlichen Anstrich. Dass das Essen auf dem Tisch vorher mal Ware war, für die man Geld bezahlen muss, erscheint als das Natürlichste der Welt. Ist aber nicht so. Das Perfide daran: Erstmals erscheint die Ausbeutung als beglichen. Wie das? Marx stellt sich die Frage, wie in einer Tauschgesellschaft aus Geld überhaupt mehr Geld werden kann, das heißt Profit. Schließlich werden beim Warentausch immer gleiche Wertgrößen ausgetauscht. Wo soll da ein »Mehr« herkommen? Marx ist es zu einfach, Ausbeutung dadurch zu erklären, dass irgendwer irgendwen aufgrund irgendwelcher Gewaltverhältnisse übers Ohr haut. Marx will der Ausbeutung in einer Gesellschaft auf die Schliche kommen, die keine persönlichen Knechtschaftsverhältnisse kennt, sondern in der die Menschen formal frei und gleich sind. Wie ist Ausbeutung hier möglich? Unter all den Waren, die getauscht werden, gibt es eine Ware, die einen besonderen Gebrauchswert hat, nämlich den, die Quelle von Wert zu sein: die Arbeitskraft. Marx macht im weiteren seiner Analyse deutlich, dass »Arbeitskraft« eben nicht »Arbeit« sei. Die Arbeitskraft sei Arbeitsvermögen, also eine Potenz. Arbeit sei dagegen der Vorgang selbst. Marx führt süffisant hinzu: »Wer Arbeitsvermögen sagt, sagt nicht Arbeit, so wenig, als wer Verdauungsvermögen sagt, Verdauen sagt. Zum letzteren Prozess ist bekanntlich mehr als ein guter Magen erfordert.« Fürs Arbeiten braucht es bekanntermaßen auch mehr, nämlich Produktionsmittel. Im Kapitalismus sind die Arbeitskraft und die Produktionsmittel getrennt und es liegt beim Kapital, dass das Arbeitsvermögen auch realisiert, gearbeitet wird. Wie findet nun Ausbeutung statt? Die Arbeitskraft bekommt nur das als Lohn, was ihre Reproduktion ermöglicht. Die Zeitspanne, die dafür gearbeitet werden muss, nennt Marx »notwendige Arbeit«. Sagen wir bei einem Acht-Stunden-Tag vier Stunden. Alles, was darüber hinausgeht, also die restlichen vier Stunden, ist die »Mehrarbeit«. Das in der Zeit entstandene Wertprodukt (Mehrprodukt) streicht das Kapital ein - die Arbeitskraft verkauft sich zu ihrem Wert, wird nicht beschissen und dennoch ist Profit möglich. Im Lohn gilt der Acht-Stunden-Tag als entgolten, die geleistete Arbeit. Als Skandal erscheint nur, dass zu lange oder zu intensiv gearbeitet wird. Der Kampf für eine kürzere Wochenarbeitszeit und weniger Lebensarbeitszeit ist dennoch ein sehr wichtiger gesellschaftlicher Kampf. Er hat zum Ziel, die Kontrolle des Kapitals über die Lebenszeit zurückzudrängen. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass das, was als lebensnotwendig gilt, nicht gleichermaßen sinkt. Und nicht erst seit Hartz IV wird genau hier Hand angelegt. Wenn die Politik über »Zumutbarkeitsregelungen«, das »Lohnabstandsgebot« und soziale Leistungen oder die Höhe der menschenwürdigen Mindestsicherung diskutiert, dann hat sie immer auch das Lohnniveau im Blick. Ein gewerkschaftlicher Kampf für kürzere Arbeitszeit muss deshalb einhergehen mit einem Kampf für gute Lebensbedingungen für diejenigen, die nicht arbeiten können oder wollen, nicht ihre Arbeitskraft verkaufen. **Ingo Stützle** Erschienen in: [ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 610 vom 17.11.2015. ### Telepolis-Interview zum Buch »Ist die Welt bald pleite?« URL: https://blog.stuetzle.cc/telepolis-interview-zum-buch-ist-die-welt-bald-pleite/ Last updated: 2025-06-19T12:10:25.000Z In der Öffentlichkeit wird der ökonomische Verstand einer schwäbischen Hausfrau stets als Vorbild staatlichen Haushaltens gepriesen, aber wird dieses Bild der vielleicht doch komplexeren volkswirtschaftlichen Wirklichkeit gerecht? Stephan Kaufmann und ich argumentieren in unserem Buch *Ist die Welt bald pleite?* dagegen. Sparprogramme der Politik liefen in der Vergangenheit regelmäßig wie folgt ab: Mit dem Versprechen, Schulden abzubauen, wurden zu Lasten der Armen und der Bevölkerungsmehrheit Sozialausgaben gestrichen und öffentliche Güter privatisiert, während Unternehmen und Vermögende von missliebigen politischen Maßnahmen verschont blieben. In der Praxis waren am Ende solcher Maßnahmen die Schulden üblicherweise höher als davor, was häufig zu einer Verschärfung der Sparprogramme führt. In einem Telepolis-Interview stehen wir Rede und Antwort: Teil 1: ["Staatliche Sparsamkeit kennt immer Profiteure und Verlierer"](https://web.archive.org/web/20151031025652/http://www.heise.de/tp/artikel/46/46248/1.html) Teil 2: ["Jede Wette, dass die Schuldenbremse die nächste Krise nicht überlebt"](https://web.archive.org/web/20151031025652/http://www.heise.de/tp/artikel/46/46248/1.html) ### FAQ. Noch Fragen? VW: Ein Skandal, der keiner ist URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-vw-ein-skandal-der-keiner-ist/ Last updated: 2025-08-28T12:26:42.000Z Der VW-Skandal ist eine kleine Geschichte technischer Innovation. Bisher wurden Autoabgaswerte stationär in großen Laboren getestet. Dort stehen die Dreckschleudern auf Laufbändern, zwischen immobiler Messtechnik. Bisher konnte nur gesagt werden, dass die dort ermittelten Daten nicht mit den Zahlen übereinstimmen, die während der Fahrt ermittelt werden konnten, die aber bisher recht ungenau und deshalb eigentlich nicht vergleichbar waren. Die große Kluft wurde schon länger beklagt. Aber erst auf Grundlage neuer technischer Möglichkeiten konnten die US-Behörden auf gesicherter Basis bei VW kritisch nachhaken - und die Autobauer aus Wolfsburg mussten ihren Betrug eingestehen. Wie aber kam es dazu? VW macht seit Jahren Milliardengewinne und legte 2014 trotzdem ein »schmerzhaftes« Sparprogramm auf. Der Grund? »Die Marke Volkswagen braucht eine wettbewerbsfähige Rendite. Das ist zwingend«, erklärt der Konzern. Denn in der Autobranche »herrscht ein brutaler Wettbewerbs- und Ergebnisdruck«. Toyota, einer der wichtigsten Konkurrenten, hatte 2013 eine Umsatzrendite von über acht Prozent erzielt. VW lag bei etwa zwei Prozent und peilte sechs Prozent an. 2014 verkaufte VW über zehn Millionen Autos, eine Marke, die der zurückgetretene VW-Chef Martin Winterkorn eigentlich erst für 2018 ausgegeben hatte. Planübererfüllung also - obwohl der Automarkt chronisch von (etwa 30 Prozent) Überkapazitäten geplagt ist. Damit hatte VW mit Toyota und General Motors gleichgezogen. Nun ist VW in den Schlagzeilen: Nicht wegen einer wettbewerbsfähigen Rendite, sondern weil der Konzern eine Software bei Dieselfahrzeugen installierte, die bei Abgastests gezielt und systematisch niedrige Abgaswerte vortäuschte. Schnell wurde klar, warum dieser Schritt gewählt wurde: Der vorgegebene Kostenrahmen für den betroffenen Motor konnte nicht eingehalten werden. Deshalb wurde statt besserer Technik auf Betrug gesetzt. Wie hängt nun die Software mit dem Renditeziel zusammen? Eine höhere Umlaufrendite (Gewinn bezogen auf Umsatzerlöse) ist dann möglich, wenn Kosten gesenkt oder die Gewinne im Vergleich zum Umsatz erhöht werden. Der Konkurrenzdruck auf dem Automarkt lässt jedoch kaum zu, dass die Hersteller\_innen einfach durch Kostenaufschläge höhere Profite machen. Bleibt, möglichst kostensparsam zu produzieren, um mit möglichst wenig Ausgaben möglichst viel Profit zu machen. Deshalb die »schmerzhaften« Sparprogramme, deshalb Kostenrahmen für einzelne Bauteile. So versucht das VW-Management, die »Ökonomie des konstanten Kapitals« (Marx) zu steuern. Warum Diesel? Audi, VW und BMW wollten ab den 1990er Jahren den Selbstzünder rehabilitieren. Er verbraucht weniger Sprit - was attraktiv ist. Das Problem: Diesel produziert mehr Schadstoffe. In einer Gesellschaft, in der inzwischen jeder Supermarkt eine eigene Bio-Reihe auflegt, ist das ein Problem. Ein Problem, dem technisch beizukommen versucht wird - nur zu teuer darf es eben nicht sein. Und da liegt die Schwierigkeit. Während Bosch liebend gerne saubere Dieseltechnik verkaufen würde, will VW sparen. Der Kostendruck war auch der US-Konkurrenz bekannt: »Dieselmotoren mit Partikelfilter sind in der Herstellung fast doppelt so teuer wie Benziner, mit dem Clean Diesel wird das Missverhältnis noch größer«, klagte 2008 der damalige GM-Chef für Forschung und Entwicklung, Larry Burns. In Deutschland wurde der Dieselaufschwung in den letzten Jahren staatlich gefördert. Etwa durch Steuersubventionierung (weniger Energiesteuer, dafür höhere Kfz-Steuer), was Diesel attraktiv für Vielfahrer\_innen machte - also eigentlich die typischen US-amerikanischen Kunden. Der staatliche Beistand half: 2003 waren in Deutschland nur 17 Prozent aller zugelassenen Pkw ein Dieselfahrzeug. 2013 waren es schon 29 Prozent. Den Boom in Europa wollte VW als Sprungbrett in die USA nutzen. Dort hatten Dieselfahrzeuge 2013 einen Marktanteil von weniger als drei Prozent, ein »Marktmagen« (Marx), den VW füllen wollte. Das deutsche Kapital schnupperte Morgenluft: »2008 wird das Jahr des Clean-Diesel-Durchbruchs in den USA«, jubelte VDA-Chef Matthias Wissmann (auch ehemaliger Bundesminister für Verkehr). Auch die US-Konkurrenz sah sich genötigt mitzuziehen und bot 2013 erstmals nach langer Zeit wieder einen Selbstzünder an. Als der neue VW-Chef Müller in der FAZ (7.10.2015) gefragt wurde, ob der Eingriff an den Motoren der wohl etwa elf Millionen betroffenen Fahrzeuge zur Folge habe, dass die Motorleistung geschwächt werde, antwortete er, es erscheine ihm wichtiger, »das CO₂-Ziel zu halten und dafür auf vielleicht 3 bis 5 km/h Höchstgeschwindigkeit zu verzichten.« Klare Augenwischerei: VW hat nicht das CO₂-Ziel, sondern das Renditeziel von sechs Prozent vor Augen. Daraus wird wohl so schnell nichts werden. → Erschienen in: [ak - analyse & kritik](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak609/13.htm?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 609 vom 20.10.2015. ### Der Gott der Waren. Die ökonomische Theorie und ihr Geld URL: https://blog.stuetzle.cc/der-gott-der-waren-die-oekonomische-theorie-und-ihr-geld/ Last updated: 2025-08-28T12:31:20.000Z In Krisensituationen wird der gesellschaftliche Umgang mit Geld‬ verstärkt zum Problem – und ein politisches prisantes Thema. So auch in den letzten Jahren. Das hat die PROKLA zu einem [Schwerpunktheft zu Geld](http://www.prokla.de/2015/06/19/editorial-prokla-179/?ref=blog.stuetzle.cc) motiviert. Unbestritten spielt Geld eine zentrale Rolle, die kapitalistische Wirtschaft ist wesentlich Geldwirtschaft: Geld regiert die Welt. Aber hier beginnt bereits die Unübersichtlichkeit. Es herrschen sehr unterschiedliche Auffassungen davon, in welchem Sinne Geld relevant ist. Mein einführender Beitrag [»Der Gott der Waren. Die ökonomische Theorie und ihr Geld«](http://www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/2015/stuetzle.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) soll im ersten Teil einen Überblick über die großen Paradigmen der politischen Ökonomie geben – ‪Neoklassik‬, ‪Keynes‬ und ‪Marx‬. In einem zweiten Teil werden drei relevante Problemfelder diskutiert (‎Inflation‬, ‪Kredit‬, gegenwärtiges Geldsystem). Der Beitrag ist [jetzt im Volltext online](http://www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/2015/stuetzle.pdf?ref=blog.stuetzle.cc). Das [Editorial und der Inhalt findet sich hier](http://www.prokla.de/2015/06/19/editorial-prokla-179/?ref=blog.stuetzle.cc). ### Ist die ganze Welt bald pleite? Populäre Irrtümer über Schulden URL: https://blog.stuetzle.cc/out-now-st-die-ganze-welt-bald-pleite-populaere-irrtuemer-ueber-schulden/ Last updated: 2025-08-28T12:37:43.000Z Pressestimmen: > [Werner Rätz](http://www.werner-raetz.de/fileadmin/user%5Fupload/Autor/besprechungen/besprechung%5Fkaufmann%5Fstuetzle.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) > [Michael Jäger, der Freitag](https://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/schulden-na-und?ref=blog.stuetzle.cc) > [*Das Blättchen*](http://das-blaettchen.de/2015/09/ist-die-ganze-welt-bald-pleite-33899.html?ref=blog.stuetzle.cc) \----- »Geht die Welt bankrott?« titelte der »Spiegel«, und tatsächlich gilt die Staatsverschuldung heute als zentrales Problem der Weltwirtschaft. In der öffentlichen Diskussion scheinen zwei Dinge klar: Staatsschulden sind schlecht. Und sie sind zu viel. »Sparen« ist daher das Gebot der Stunde. Die Staaten werden »schlanker«, öffentliches Eigentum wird privatisiert, das Lohnniveau soll sinken, um die »Wettbewerbsfähigkeit« des Standortes zu erhöhen. Wo kommen überhaupt die ganzen Schulden her? Und warum machen alle Staaten Schulden – obwohl sie allgemein als Übel gelten? Warum streicht man die Schulden nicht einfach, wenn schon die ganze Welt unter ihnen leidet? Dies sind einige Fragen, die dieses Buch beantworten will. Die Autoren zeigen, welchem Zweck Staatsschulden dienen, wann sie zu einem Problem werden – und für wen. Denn am Ende sind Schuldenfragen immer Verteilungsfragen: Einige müssen zahlen, andere dürfen verdienen. Stephan Kaufmann / Ingo Stützle **Ist die ganze Welt bald pleite?** **Populäre Irrtümer über Schulden (Kapital & Krise 2)** 92 Seiten, 10 Grafiken | 978-3-86505-751-8 Erschienen im August 2015 bei [Bertz + Fischer](http://www.bertz-fischer.de/product%5Finfo.php?products%5Fid=454&ref=blog.stuetzle.cc) [Inhaltsverzeichnis](http://www.bertz-fischer.de/istdieganzewelt/pdf/istdieganzewelt%5Finhalt.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) im PDF-Format (32 KB) [Einleitung](http://www.bertz-fischer.de/istdieganzewelt/pdf/istdieganzewelt%5Feinleitung.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) im PDF-Format (53 KB) Ein [Auszug des Buchs hat das *neue deutschland* dokumentiert](http://www.neues-deutschland.de/artikel/984347.eine-verteilungsfrage.html?ref=blog.stuetzle.cc). ### FAQ. Noch Fragen? China: Bang, Boom, Börse URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-china-bang-boom-boerse/ Last updated: 2015-09-16T13:09:37.000Z ``` Chinas Börsen erschütterten den Kapitalismus. Diverse chinesische Aktienindices knickten ein - und mit ihnen der deutsche Dax. Nur was ist eine Börse, und was ein Aktienindex? Unter einer Börse versteht man den Ort, an dem Finanzanlagen wie Aktien (verbriefte Anteile an einem Unternehmen), Staatsanleihen oder Derivate gehandelt werden. Börsen sind eine tragende Säule der Finanzmärkte - also jener Märkte, auf denen »Finanzprodukte« gehandelt werden. Der Begriff des Finanzmarkts kam erst in den 1970er Jahren auf und umfasst meist den Kapitalmarkt (für Wertpapiere wie Aktien und Anleihen), den Geldmarkt (kurzfristige Geldgeschäfte zwischen Banken und mit der Zentralbank) und den Devisenmarkt für Währungsgeschäfte. Hinzugezählt wird auch der Derivatenmarkt, auf dem »abgeleitete« Wertpapiere gehandelt werden. »Abgeleitet« deswegen, weil mit Derivaten auf die Wertentwicklung von anderen Wertpapieren wie Aktien, Anleihen, Zinsen oder Rohstoffen gewettet wird. Akteure an den Finanzmärkten sind vor allem Banken, Investmentfonds, Pensionsfonds, (Lebens-)Versicherungen und vermögende Einzelanleger. ``` Die wichtigsten Börsen befinden sich in New York, Chicago, London, Tokio und Frankfurt am Main. Die Bedeutung der chinesischen Börsen in Hongkong, Shenzhen und Schanghai war bisher relativ gering, ist aber gewachsen - sowohl was die Börsengänge als auch die Börsenkapitalisierung angeht, also den Aktiengesamtwert der Unternehmen, die an einer Börse gelistet sind. Auf einer Börse treffen sich Käufer und Verkäufer von Wertpapieren. Die Geldsumme, zu der Wertpapiere gehandelt werden, ist ihr Preis (bei der Aktie »Kurs«). Anleger kaufen Wertpapiere zumeist, weil sie glauben, sie in Zukunft teurer verkaufen zu können und so einen Gewinn zu machen; und sie verkaufen sie, weil sie einen Wertverlust erwarten. Erwartungen sind hier also entscheidend und werden häufig zu Selbstläufern. Ein Beispiel: Händler A kauft Wertpapier B, weil er denkt, dass sein Wert steigen wird. Erwarten viele Händler, dass das Wertpapier B steigt, so kaufen sie es. Die hohe Nachfrage nach Wertpapier B lässt seinen Kurs steigen - die lediglich erwartete Wertsteigerung wird Realität. Umgekehrt: Erwarten die Händler, dass ein Wertpapier fallen wird, verkaufen sie es und machen die erwarteten Verluste zum Fakt. Aber an der Börse werden nicht nur Erwartungen Realität, die Sache ist noch skurriler. Denn ein Händler wird Wertpapier B nur dann kaufen, wenn er erwartet, dass alle anderen Händler einen Wertanstieg erwarten. Denn nur dann wird der Kurs des Papiers auch steigen. Die Erwartungen der Investoren richten sich also stets auf die Erwartungen aller anderen Investoren. Die Börse agiert zirkulär. Der Ökonom John Maynard Keynes (1883-1946) verglich den Wertpapierhandel daher mit einem Schönheitswettbewerb, bei dem jeder nicht den Kandidaten wählt, den er am schönsten findet, sondern den, von dem er glaubt, dass alle anderen ihn am schönsten finden. Das Auf und Ab vieler Aktienwerte oder auch ein »Crash« wird meist an einem sogenannten Börsenindex abgelesen, etwa dem Dax, dem Dow Jones oder dem führenden chinesischen Aktienindex, dem Hongkonger Hang Seng Index. Den historisch ersten Aktienindex brachte Charles Henry Dow 1885 auf den Weg. Der Wirtschaftsjournalist und Mitbegründer des Wall Street Journal wollte anhand einer Kennzahl messen, wie sich der noch junge US-Aktienmarkt entwickelt. Dow zog damals einfach den Durchschnitt aus den Schlusskursen der zwölf wichtigsten Aktienwerte. Die mathematische Formel wurde mit der Zeit ausgefeilter, und weitere Faktoren wurden einbezogen. Dafür sorgte bereits der Statistiker und Dows Geschäftspartner Edward David Jones, der das »sehr wichtige Börsenbarometer« (Jones) zu einem wichtigen Erfolgsmaßstab für Börsianer\_innen machen wollte - der US-Aktienindex Dow Jones war geboren. Der Finanz- und Aktienmarkt ist, so die VWL-Lehre im Anschluss an den Wirtschaftsnobelpreisträger von 2013, Eugene Fama, ein vollkommener Markt: Hier herrsche nahezu vollständige Information, weshalb jeder bekannte Faktor im Aktienkurs reflektiert sei: Alle entscheidungsrelevanten Informationen über Vergangenheit und Zukunft seien bereits im Kursverlauf enthalten und ermöglichten so Prognosen, die wiederum relevant für den Kauf und Verkauf von Aktien sind. Allerdings hat die VWL-Modellierung ein grundlegendes Problem: Sie unterstellt, dass die Zukunft richtig vorweggenommen wird, sozusagen eingepreist ist. Eine absurde Vorstellung. Aber die Ökonom\_innen wären keine Ökonom\_innen, wenn sie aus der Not keine Tugend machten. **Ingo Stützle** Erschienen in: [ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 608 vom 15.9.2015 ### Arbeitszeit und Arbeitskraft. Was Karl Marx über Ausbeutung und den Verkauf der eigenen Lebenszeit schreibt URL: https://blog.stuetzle.cc/arbeitszeit-und-arbeitskraft-was-karl-marx-ueber-ausbeutung-und-den-verkauf-der-eigenen-lebenszeit-schreibt/ Last updated: 2015-09-14T15:03:11.000Z ![PunchingTimeClock](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2015/09/PunchingTimeClock-1.gif) »Ökonomie der Zeit, darin löst sich schließlich alle Ökonomie auf«, heißt es in »Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie« von Karl Marx. Was meint er damit? Menschen leben und überleben, indem sie füreinander da sind, mit- und füreinander arbeiten. Die Formen, wie Arbeitsteilung organisiert ist, sind jedoch sehr verschiedenartig. Nicht nur historisch, sondern auch unter den herrschenden kapitalistischen Verhältnissen sind es recht unterschiedliche soziale Logiken, die da am Werke sind. In der Wohngemeinschaft regelt die Putzuhr, wann wer was zu tun hat. Die patriarchal geprägten Geschlechterverhältnisse bestimmen, dass vor allem Frauen im Haushalt ihre Lebenszeit für sogenannte reproduktive Arbeiten opfern müssen. Damit aber auf dem Herd überhaupt etwas gekocht werden kann, müssen Lebensmittel vorhanden sein. Die erhält man im Supermarkt gegen einen Teil des Lohns. Diesen bekommt man nur dann, wenn man einen Teil der eigenen Lebenszeit jemand anderem als Arbeitszeit zur Verfügung stellt. In einer von Herrschaft geprägten Gesellschaft verfügt man nur selten über die eigene Lebenszeit. Selbst dann, wenn man keine Arbeit hat: Das Arbeitsamt will nicht, dass man in Urlaub geht, man soll sich »zur Verfügung« halten. Die sozialen Logiken, die über Teile unserer Lebenszeit verfügen, sind aber durchaus verschieden – und die Macht- und Herrschaftsverhältnisse in unterschiedlichen gesellschaftlichen Formen institutionalisiert: (Sozial-)Staat, Haushalt oder Kapital. In seinem Hauptwerk, »Das Kapital«, konzentriert sich Marx auf die Analyse der Herrschaft des Kapitals. Wie aber sieht die Herrschaft des Kapitals aus und was hat das mit Arbeitszeitverkürzung zu tun? Die Ausbeutung von Menschen durch Menschen nimmt im Kapitalismus eine besondere Form an: Sie ist sachlich vermittelt und bekommt einen natürlichen Anstrich. Dass das Essen auf dem Tisch vorher mal Waren waren, dass man dafür Geld bezahlen muss, erscheint als das Natürlichste der Welt - und schon immer so gewesen zu sein. Ist aber nicht so. Das perfide daran: Erstmals erscheint die Ausbeutung als beglichen. Wie das? Marx stellt sich die Frage, wie in einer Tauschgesellschaft aus Geld überhaupt mehr Geld werden kann, das heißt Profit. Schließlich werden beim Warentausch immer gleiche Wertgrößen ausgetauscht. Wo soll da ein »Mehr« herkommen? Marx ist es zu einfach, Ausbeutung dadurch zu erklären, dass irgendwer irgendwen aufgrund irgendwelcher Gewaltverhältnisse übers Ohr haut. Marx will der Ausbeutung in einer Gesellschaft auf die Schliche kommen, die keine persönlichen Knechtschaftsverhältnisse kennt, sondern in der die Menschen formal frei und gleich sind. Wie ist Ausbeutung unter diesen gesellschaftlichen Voraussetzungen möglich? Unter all den Waren, die getauscht werden, gibt es eine Ware, die einen besonderen Gebrauchswert hat, nämlich Quelle von Wert zu sein: die Arbeitskraft. Marx macht im weiteren seiner Analyse deutlich, dass »Arbeitskraft« eben nicht »Arbeit« sei. Die Arbeitskraft sei Arbeitsvermögen, also eine Potenz. Arbeit sei dagegen der Vorgang selbst und führt süffisant hinzu: »Wer Arbeitsvermögen sagt, sagt nicht Arbeit, so wenig als wer Verdauungsvermögen sagt, Verdauen sagt. Zum letzteren Prozess ist bekanntlich mehr als ein guter Magen erfordert.« Fürs Arbeiten braucht es bekanntlich auch mehr, nämlich Produktionsmittel. Im Kapitalismus sind die Arbeitskraft und die Produktionsmittel getrennt und es liegt beim Kapital, den Eigentümern der Produktionsmittel, dass das Arbeitsvermögen auch realisiert, gearbeitet wird, Kontrolle über fremde Arbeit ausgeübt wird. Wie findet nun Ausbeutung statt? Die Arbeitskraft bekommt nur das als Lohn, was ihre Reproduktion ermöglicht. Die Zeitspanne, die dafür gearbeitet werden muss, nennt Marx »notwendige Arbeit«. Sagen wir bei einem Acht-Stundentag vier Stunden. Alles, was darüber hinausgeht, also die restlichen vier Stunden, ist die »Mehrarbeit«. Das in der Zeit entstandene Wertprodukt (Mehrprodukt) streicht das Kapital ein - die Arbeitskraft verkauft sich zu ihrem Wert, wird nicht beschissen und dennoch ist Profit möglich. Während in vorkapitalistischen Gesellschaften die Ausbeutung immer auf Grundlage persönlicher Herrschaftsverhältnisse organisiert war, ersichtlich war, wann (auf dem Feld des Herrn) und was (»Zehnter«) für die »Herren« geschuftet wurde, sind die Verhältnisse im Kapitalismus sachlich vermittelt und die Mehrarbeit erscheint als bezahlt: Im Lohn gilt der Acht-Stunden-Tag als entgolten, die geleistete Arbeit - kaum eine Gewerkschaft unterscheidet heutzutage zwischen Arbeitskraft und Arbeit. Sie nähren stattdessen in ihren Forderungen (»gerechter Lohn für Arbeit«) die Vorstellung, man werde für die geleistete Arbeit, nicht für die Arbeitskraft bezahlt. Als Skandal erscheint nur, dass zu lange oder zu intensiv gearbeitet wird. Marx hingegen wollte auch die Ausbeutung im Museum wissen, die auf Grundlage »gerechter Löhne« organisiert wird. Der Kampf für eine kürzere Wochenarbeitszeit und weniger Lebensarbeitszeit ist dennoch ein sehr wichtiger gesellschaftlicher Kampf. Er hat zum Ziel, die Kontrolle des Kapitals über die Lebenszeit zurückzudrängen. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass das, was als lebensnotwendig gilt, nicht gleichermaßen sinkt. Und nicht erst seit Hartz IV wird genau hier Hand angelegt. Ein gewerkschaftlicher Kampf für kürzere Arbeitszeit muss deshalb einhergehen mit einem Kampf für gute Lebensbedingungen für diejenigen, die nicht arbeiten können oder wollen, nicht ihre Arbeitskraft verkaufen. Wenn die Politik über »Zumutbarkeitsregelungen«, das »Lohnabstandgebot« und soziale Leistungen oder die Höhe der menschenwürdigen Mindestsicherung diskutiert, dann hat sie immer auch das Lohnniveau im Blick – ein Grund, warum sich gewerkschaftliche Kämpfe nicht allein um Arbeitszeit und Löhne drehen sollten, sondern auch um ein gutes Leben für diejenigen, die keine Arbeit haben. Erschienen in: [*neues deutschland*](http://www.neues-deutschland.de/artikel/984106.arbeitszeit-und-arbeitskraft.html?ref=blog.stuetzle.cc), 11.9.2015. ### Gefangen im Schuldenturm. Deutschland drängt Griechenland weiter seinen politischen Willen auf URL: https://blog.stuetzle.cc/gefangen-im-schuldenturm-deutschland-draengt-griechenland-weiter-seinen-politischen-willen-auf/ Last updated: 2015-09-14T14:34:59.000Z ``` Wer Anfang Juli für ein paar Wochen im Urlaub war und wenig von der Welt mitbekam, wurde nach der Rückkehr Mitte Juli schnell auf den Boden der deutschen Tatsachen geholt. Anfang Juli hatte SYRIZA ein Referendum über die Zumutungen der Troika ausgerufen, was die größte gesellschaftliche Mobilisierung seit Monaten zur Folge hatte. Bei einer höheren Wahlbeteiligung als bei den letzten Parlamentswahlen stimmten mehr Griech_innen mit OXI (Nein), als noch im Januar die Partei SYRIZA gewählt hatten. Eine klare Ansage: SYRIZA, so möchte man meinen, hatte den Auftrag, die Zumutungen aus Brüssel zurückzuweisen. Mehr noch: Die Nein/Ja-Stimmenverteilung hatte einen deutlichen Klassencharakter: In proletarischen Wahlbezirken wurden mit Nein, in bürgerlichen hingegen mit Ja gestimmt. Die Abstimmung machte einmal mehr deutlich, dass es in Griechenland um eine soziale Frage geht, um einen Klassenkonflikt - nicht um nationale Interessensgegensätze. ``` Auf dem EU-Gipfel am 12\. Juli 2015, auf dem die Bedingungen für neue Kredite diktiert wurden, wurde einem die normative Kraft der faktischen Kräfteverhältnisse vor Augen geführt. Als hätte das Referendum nie stattgefunden, setzte Tsipras nach dem EU-Gipfel Austeritätsmaßnahmen im Parlament durch - gegen die eigene Partei, mithilfe der Opposition. Die [FAZ (11.8.2015)](http://www.faz.net/aktuell/politik/europaeische-union/griechenland-krise-alexis-tsipras-bleibt-ein-raetsel-13745636.html?ref=blog.stuetzle.cc) triumphierte wenige Wochen später: Mittlerweile hebe sich die SYRIZA-Regierung »sogar wohltuend von der Anfang 2015 abgewählten Regierung Samaras ab, die gegen Ende ihrer Amtszeit kraftlos war und nichts mehr anpackte.« Warum hatte die Regierung Tsipras überhaupt ein Referendum angesetzt? Nahe liegt die Vermutung, dass sich die Regierung ein starkes Verhandlungsmandat holen wollte. Griechenland wurde bis dahin in die Enge getrieben, vor allem von Deutschland, obwohl unzählige Zugeständnisse gemacht wurden. Zu glauben, mit einem Referendum die eigene Verhandlungssituation zu stärken, wäre reichlich naiv gewesen. Eine andere Vermutung liegt nahe, wie etwa Jannis Milios herausstellt, der bis Frühjahr 2015 Chefökonom bei SYRIZA war: Tsipras sei von moderaten Teilen von SYRIZA zu einem Referendum gedrängt worden, und niemand sei von einem so deutlichen OXI-Ergebnis ausgegangen (über 60 Prozent). Ein Abstimmungspatt von um die 50 Prozent hingegen und ein klares Ja zum Euro wären eine legitime Basis gewesen, ein neues Memorandum zu verhandeln. Es kam anders. **Institutionelle Strategie** Das Referendum war auch das traurige Ende einer Strategie, die - statt den Konflikt mit den griechischen Eliten (in Wirtschaft, Gesellschaft und dem Staatsapparat) zu suchen - alles daran setzte, in den institutionellen Verhandlungen mit der Troika ein gutes Ergebnis herauszuholen. Eine Strategie, die bereits nach der Wahlniederlage 2012 eingeschlagen wurde, bei der SYRIZA noch etwa drei Prozentpunkte hinter der konservativen Nea Dimokratia (ND) zweitstärkste Kraft wurde. Tsipras setzte seitdem auf den institutionellen Weg (statt auf den politischen Konflikt in Griechenland), brach de facto mit den heterogenen außerparlamentarischen Kräften und forderte seitdem - zusammen mit Yanis Varoufakis - vor allem, dass die Wirtschaft wieder wachsen müsse. Deshalb ist es den Vermögenden nicht an den Kragen gegangen; deshalb wurde so wenig darauf gesetzt, in den Staatsapparaten eine andere Logik durchzusetzen; in der Berichterstattung wird der linke Flügel mit der linken Plattform gleichgesetzt, die Kräfte, die Tsipras und SYRIZA nach 2010 eigentlich starkgemacht haben, sind verschwunden - die außerparlamentarische (Jugend-)Bewegung und die sozialen Initiativen. Die politische Strategie, auf den institutionellen Weg zu setzen, war aber auch der »Stand der Bewegung« in dem Sinne, dass der Widerstand der Bewegungen in Griechenland und die Praktiken der solidarischen Ökonomien an eine Grenze geraten waren. Schnappte also nur die altbekannte Parlamentarisierungsfalle zu? Nicht nur, aber bisher ist es der Linken nicht gelungen, ein konkreteres und differenzierteres Bild zu zeichnen. Eine derartige Skizze ist jedoch nötig, um ein Bild jenseits des Verratsvorwurfs und der nahezu zynischen Feststellung zu malen, SYRIZA habe den Riss in der Troika vergrößert. Der Riss wurde nicht größer, sondern nur die Kräfteverhältnisse innerhalb der Eurozone offensichtlich. »Den bürgerlichen Ökonomen schwebt nur vor, dass sich mit der modernen Polizei besser produzieren lasse als z.B. im Faustrecht. Sie vergessen nur, dass auch das Faustrecht ein Recht ist, und dass das Recht des Stärkeren unter andrer Form auch in ihrem Rechtsstaat fortlebt« - so Marx in seiner Kritik an den ideologischen Verklärungen zu Recht und Gesetz. Das Recht des Stärkeren hatte sich im Juli einmal mehr durchgesetzt. Das zeigte sich gleich mehrfach. **Signale Richtung Frankreich** In der [US-Zeitschrift Foreign Policy schrieb der Ökonom Philippe Legrain](http://foreignpolicy.com/2015/07/31/france-plan-eurozone-integration-is-a-bad-idea/?ref=blog.stuetzle.cc): »Was Berlin und Frankfurt Griechenland angetan haben, können - und werden - sie auch anderen antun.« Nicht die politische Grundausrichtung Deutschlands hat sich verändert, sondern Berlin muss weitaus weniger Kompromisse machen als noch vor Jahren. [In der New York Times schrieb Shahin Vallée](http://www.nytimes.com/2015/07/28/opinion/how-the-greek-deal-could-destroy-the-euro.html?%5Fr=0&ref=blog.stuetzle.cc) (European Institute der London School of Economics): »Deutschland signalisierte Richtung Frankreich, dass es für einen Alleingang vorbereitet war.« Dass die Macht des stärkeren Deutschland auch in rechtlichen Fragen gilt, lässt sich an zwei Beispielen veranschaulichen. Griechenlands Kreditversorgung hing über Monate an den Notkrediten der Europäischen Zentralbank (EZB). Deshalb waren die sogenannten ELA-Notkredite auch ein derartiges Politikum, und nicht selten kam aus den Reihen der CDU/CSU die Forderung, die EZB solle endlich den Geldhahn zudrehen. Die Praxis sei nicht vom EZB-Mandat gedeckt, sondern verdeckte Staatsfinanzierung. Martin Hellwig vom Max-Planck-Institut, der »vielleicht angesehenste deutsche Ökonom« (FAZ), sah das begründetermaßen anders und spitzte zu: »Das Gefügigmachen von Mitgliedsregierungen gehört nicht zu den Zielen und Aufgaben des Eurosystems. (...) Um so schlimmer, dass die deutschen Protagonisten die Erpressungsinterpretation so glaubhaft machen.« ([Handelsblatt, 3.7.2015](http://www.oekonomenstimme.org/artikel/2015/07/die-ezb-und-die-deutschen-in-der-griechenlandkrise/?ref=blog.stuetzle.cc)) Ähnlich sieht es für den Schuldenschnitt aus, den selbst der Internationale Währungsfonds (IWF) fordert, fordern muss, weil der Fonds nur Kredite vergeben darf, wenn die Tragfähigkeit der Schulden garantiert ist, das heißt, der Schuldnerstaat aufgrund von Steuereinnahmen die Kredite bedienen kann. Vor allem Wolfgang Schäuble (CDU) zieht hier eine ähnliche Karte: Ein Schuldenschnitt sei eine nicht erlaubte Staatsfinanzierung. Für den IWF ist ein sogenannter Haircut jedoch Voraussetzung dafür, dass er Teil der Troika bleibt. Der größte Widerspruch herrscht also zwischen Deutschland und dem IWF. Inzwischen nähert sich sogar Brüssel dem IWF an, Berlin hingegen nicht, will den IWF aber dabei haben - wie das gehen soll, ist bisher Schäubles Geheimnis. 2010 war es Deutschland, das gegen Frankreich den IWF bei der »Griechenlandrettung« ins Boot holte, nicht nur aufgrund seiner Erfahrung bei neoliberalen Strukturanpassungsprogrammen, sondern auch, um einen »harten Hund« bei der Troika zu haben, der verhindert, dass es zu einer Lösung innerhalb der EU kommt. **Austerität: nicht irrational** Aber auch was den Schuldenschnitt betrifft, sind nicht alle Schäubles Meinung. So haben die Ökonomen und Juristen Armin von Bogdandy (Direktor am Max-Planck-Institut), Marcel Fratzscher (Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung) und Guntram Wolff (Direktor des Bruegel-Instituts) in der [FAZ (23.7.2015)](http://www.faz.net/aktuell/politik/staat-und-recht/griechenland-krise-schuldenschnitt-auch-ohne-grexit-moeglich-13715803.html?ref=blog.stuetzle.cc) herausgestellt, dass ein Schuldenschnitt nicht nur wirtschaftlich notwendig, sondern auch rechtlich möglich wäre. Wie das Recht, so galt auch das wissenschaftliche Argument in den letzten Monaten wenig: Yanis Varoufakis berichtete nach seinem Rücktritt mehrmals davon, dass in den Verhandlungen Argumente und auch die Diskussion wirtschaftlicher Zusammenhänge keinen Raum bekamen. Der Wissenschaftler musste schnell feststellen, dass die politische Arena eben kein Hörsaal ist. Eine eigentlich wenig verwunderliche Erkenntnis. Aber SYRIZA und auch viele Linke (vor allem die Linkspartei) akzeptierten schon früh die Fragestellung der Gläubiger: Wie kann die griechische Wirtschaft wieder wachsen? Nur über die Methoden, wie das Ziel erreicht werden kann, wurde gestritten: investieren oder sparen. Aber Austerität ist eben keine irrationale Politik, die Griechenland einfach in die Rezession treibt und die durch eine andere Form der Wirtschaftspolitik ersetzt werden sollte. Austerität hat einen Klasseninhalt, der das Ziel hat, die Kosten für das Kapital zu senken. Das ist nicht einfach irrational - und entsprechend müsste dem auch begegnet werden. So wenig wie die Austeritätspolitik irrational ist, so wenig ist die deutsche Politik jedoch einfach Ausdruck bestimmter Klasseninteressen in Deutschland. Sicher macht die Bundesregierung im Großen und Ganzen Politik für das exportorientierte Kapital (und solange das noch funktioniert, solange sind die Gewerkschaften/Lohnabhängigen Teil des Modells). Auch versucht Deutschland, das eigene Modell zu europäisieren: Alle sollen wettbewerbsfähig werden und sich auf dem Weltmarkt behaupten können. Aber die letzten Entscheidungen (vor allem von Schäuble) sind eben nicht einfach Klassenpolitik, sondern Außen- und Europapolitik (wie die Gründung des Euros auch vor allem vom deutschen Außenministerium vorangetrieben wurde). Den Linken ist es in den letzten Monaten jedoch nicht gelungen, diese beiden Dimensionen (Klasseninteressen des exportorientierten Wirtschaftsmodells, Außenpolitik der Mittelmacht Deutschland) miteinander zu vermitteln - was wiederum auf die Notwendigkeit einer Imperialismustheorie auf Höhe der Zeit verweist. Erschienen in: *ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis*, Nr. 607 vom 18.8.2015 ### FAQ. Noch Fragen? Puerto Rico: Griechenland in der Karibik? URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-puerto-rico-griechenland-in-der-karibik/ Last updated: 2015-09-14T14:25:11.000Z ``` Auf einer Konferenz der Bundesbank Anfang Juli verbat sich Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in besonders arroganter Weise die Kritik von Jack Lew, dem US-Finanzminister. Nicht nur Lew, sondern auch einige US-Ökonom_innen hatten im Juli Deutschland öffentlich aufgefordert, die Griechenlandkrise endlich zu lösen. Schäuble, ganz in seinem Element als Patriarch der Eurozone, bot Lew an, Puerto Rico in die Eurozone aufzunehmen, wenn die USA im Gegenzug Griechenland in die US-Dollar-Zone aufnehmen. Die Karibikinsel stand damals kurz vor der Pleite. Inzwischen wird das Land von Ratingagenturen als zahlungssäumig geführt. Ein absurder Vergleich, den Schäuble da strapazierte? ``` Die USA besetzte Puerto Rico im Zuge des Spanisch-Amerikanischen Kriegs 1898\. Zwei Jahre später endete zwar die militärische Besatzung, aber unabhängig war die Insel damit nicht. Bis heute müssen alle Waren, die über den Seeweg ankommen oder abgehen, mit einem US-beflaggten Schiff und US-Besatzung transportiert werden. Obwohl die Puerto-Ricaner\_innen seit 1917 die US-Staatsbürgerschaft haben, ist die Insel bis heute kein offizieller US-Bundesstaat, sondern hat seit 1941 nur einen assoziierten Status. Die offizielle Währung ist dennoch der US-Dollar, der Insel ist somit eine unabhängige Geldpolitik verwehrt. Wer in Puerto Rico lebt, dient in der US-Armee, ist aber in den USA nicht wahlberechtigt oder steuerpflichtig. Dennoch werden Teile der öffentlichen Aufgaben von der US-Administration wahrgenommen, etwa Sozialhilfe, Rentenversicherung, Gesundheitsbeihilfen, was etwa die inländische Nachfrage trotz Krise stabilisierte. Damit unterscheidet sich die Karibikinsel von Griechenland. Die Krise setzte ein, als 2006 Steuerprivilegien für US-Unternehmen abgeschafft wurden. Die Abschaffung wurde bereits 1996 beschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollten US-Unternehmen ermuntert werden, auch auf der Karibikinsel zu investieren, wo auch das US-Arbeitsrecht und der US-Mindestlohn gelten - und was dem US-Kapital mit dem Ende der Subventionierung dann doch zu kostspielig wurde. Besonders attraktiv war Puerto Rico für die Pharmabranche. 16 von 20 der in den USA meist verkauften Medikamente wurden auf der Insel hergestellt. Sonst ist sie eher auf Landwirtschaft und Tourismus ausgerichtet. 2006 setzte das Minuswachstum ein, das inzwischen zehn Jahre anhält. Viele Unternehmen schlossen, entließen Arbeitskräfte. Die Wirtschaft schrumpfte, die US-Tourist\_innen blieben aufgrund der Krise seit 2008 weg, die Steuereinnahmen blieben aus - und die Staatsschulden wuchsen. Zwar hat Puerto Rico eine niedrigere Schuldenquote als Deutschland, aber relevant ist eben, ob die Schuldenlast getragen werden kann, das heißt Zinsen und Tilgung mittels Steuern bezahlt oder alte durch neue Schulden ersetzt werden können. Die USA machten bisher Andeutungen, Puerto Rico zu unterstützen - ähnlich wie bei der de facto Pleite Kaliforniens. (Siehe ak 605) Interessant ist aber, was die US-Administration als Tipp mitgab: Das Land solle sich doch bitte direkt an die Hedgefonds wenden. Trotz aller Ähnlichkeiten zur Griechenlandkrise sind die Fronten hier etwas klarer. Die Hedgefonds haben sich inzwischen in einer Ad Hoc Group of Puerto Rico zusammengefunden und sich von ehemaligen IWF-Ökonom\_innen altbekannte Vorschläge mit klar neoliberaler Kante vorlegen lassen: Steuererhöhungen für die Bevölkerung, Arbeitsmarktreformen, Kürzungen im öffentlichen Sektor. Ähnlich einfallsreich sind die Vorschläge des Thinktanks Centennial Group: Privatisierung des internationalen Hauptstadtflughafens, Einsparungen bei der Bildung - und das, obwohl bereits in der ersten Jahreshälfte von 2015 etwa 100 Schulen geschlossen wurden. Auch soll das Gesundheitswesen »reformiert« werden. Die Folge ist eine erneute Migrationswelle in die USA. Das erste Mal in der Geschichte leben dort mehr Puerto-Ricaner\_innen als auf der Insel. 2012 stimmten über 60 Prozent der Bevölkerung in Puerto Rico dafür, den Status eines vollwertigen US-Bundesstaats zu beantragen. Dem muss der US-Kongress noch zustimmen. Aber obwohl die Demokratische wie auch die Republikanische Partei ihre Unterstützung angekündigt hatten, ist mit der Pleite nun die Frage, ob die USA den Schritt nun noch gehen. Bisher deutet sich zumindest an, dass, im Gegensatz zu Griechenland, »die Finanzmärkte« durchaus Vertrauen haben - möglicherweise nicht in Puerto Rico, so doch in die US-Fiskalmacht und die Zentralbank Fed. Puerto Rico könnte dennoch ein langjähriger juristischer Streit drohen, wie ihn etwa Argentinien mit Hedgefonds bis heute austrägt. Das Land zahlte nach der Pleite 2001 nicht alle Gläubiger aus. **Ingo Stützle** Erschienen in: *ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis*, Nr. 607 vom 18.8.2015 ### Dialektisch gegliedert: Karl Marx und seine kaum erreichte Weise, Das Kapital nie drucken zu lassen URL: https://blog.stuetzle.cc/karl-marx-und-seine-kaum-erreichbare-weise-das-kapital-nie-drucken-zu-lassen/ Last updated: 2025-06-19T12:18:48.000Z Heute vor 150 Jahren, am 31.7.1865, schrieb Karl Marx einen seiner vielen Briefe an Friedrich Engels, in dem er nicht nur von seinen körperlichen Beschwerden und Geldnöten berichtete, sondern auch schrieb, wie es um *Das Kapital* steht: > Was nun meine Arbeit betrifft, so will ich Dir darüber reinen Wein einschenken. Es sind noch 3 Kapitel zu schreiben, um den theoretischen Teil (die 3 ersten Bücher) fertigzumachen. Dann ist noch das 4\. Buch, das historisch-literarische, zu schreiben, was mir relativ der leichteste Teil ist, da alle Fragen in den 3 ersten Büchern gelöst sind, dies letzte also mehr Repetition in historischer Form ist. Dass Marx Engels »reinen Wein« einschenken will, zeigt, dass er es nicht immer tat – und Engels auch in den kommenden Jahren immer wieder vertröstete. Immer wieder ließ Marx Engels glauben, dass er de facto mit dem *Kapital* fertig sei. Das angedeutete vierte Buch ist nicht das, wie oft geglaubt wird, was als sogenannten *Theorien über den Mehrwert* bekannt ist (ab 1905 zu großen Teilen von Karl Kautsky herausgegeben), sondern ein Manuskript, das zwischen August 1861 und Juli 1863 entstand (und [in der MEGA vollständig vorliegt](http://mega.bbaw.de/struktur/abteilung%5Fii?ref=blog.stuetzle.cc)). Marx setzte sich an dieses Manuskript, nachdem er sein erstes Heft *Zur Kritik der politischen Ökonomie* 1859 veröffentlicht hatte. Auch wenn das Manuskript 1861-1863 oft als Vorarbeit fürs *Kapital* bezeichnet wird (so auch die Bezeichnung der [zweiten Abteilung der MEGA](http://mega.bbaw.de/struktur?ref=blog.stuetzle.cc)), so sprach Marx erst im Winter 1862 vom *Kapital* Buchprojekt als selbstständigem Werk. Nach 1859 wollte er zunächst weitere Hefte von *Zur Kritik der politischen Ökonomie* veröffentlichen, ließ den Plan aber fallen – den Auflösungsprozess des Vorhabens kann man in den Manuskripten 1861 bis 1863 nachvollziehen. Auch begrifflich, etwa anhand des »Kapitals im Allgemeinen«, eine Idee, die er fallen ließ. Das am 31\. Juli 1865 angedeutete 4\. Buch zur Geschichte der politischen Ökonomie ist das Manuskript 1861/1863 in jedem Fall nicht. In seinem Brief begründet Marx gegenüber Engels sogleich, warum er mit dem *Kapital* immer noch nicht fertig ist: > »Ich kann mich aber nicht entschließen, irgendetwas wegzuschicken, bevor das Ganze vor mir liegt. Whatever shortcomings they may have, das ist der Vorzug meiner Schriften, dass sie ein artistisches Ganzes sind, und das ist nur erreichbar mit meiner Weise, sie nie drucken zu lassen, bevor sie ganz vor mir liegen. Mit der [Jacob Grimmschen Methode](https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches%5FW%C3%B6rterbuch?ref=blog.stuetzle.cc) ist dies unmöglich und geht überhaupt besser für Schriften, die kein dialektisch Gegliedertes sind.« Aber nicht nur methodische Fragen kommen zur Sprache (dialektische Darstellung als »artistisches Ganzes« als Form der Kritik und Wissenschaft), sondern auch die Frage, was sich mit dem *Kapital* verdienen lässt: > Ich würde dann mit Meißner abmachen, dass er außer den Korrekturbogen mir von jedem Bogen den Reinabzug schickt, sodass die Korrektur des Deutschen und die Übersetzung ins Englische Hand in Hand gingen. Bei dem letztern muss ich allerdings auf Deine Mitwirkung rechnen. Ich erwarte von der englischen Ausgabe die eigentliche Zahlung dieser Arbeit. Marx verdiente jedoch nichts daran,[ denn die englische Übersetzung erschien erst 1886](http://marxforschung.de/2012/wp-content/uploads/2012/05/BzMEF-23-W.-Falk+F.-Zschaler-S.-78-81.pdf?ref=blog.stuetzle.cc), nach seinem Tod. Ebenso die zwei weiteren Bände des *Kapital*, die Engels für den Druck aufbereitete. Wenige Tage nach seinem Brief vor 150 Jahren, am 8\. August 1865, unterstrich Marx gegenüber Engels nochmals, dass er erst alle der drei Bände vor sich haben wolle, etwa um abschätzen zu können, wie viel er streichen und straffen müsse. Laut seinem Julibrief fehlten ja nur noch drei Kapitel, d.h. das, was in MEW-Ausgabe die Abschnitte zu zinstragendem Kapital, zur Grundrente (beides thematisch bis heute größere Baustellen) und zu den Revenuen und ihren Quellen. Aber auch im August wirkt Marx beruhigend auf seinen Freund ein: > Sonst kannst Du Dich darauf verlassen, das alles geschieht, um möglichst bald zu Ende zu kommen, denn das Zeug lastet auf mir wie ein Alp. Es hindert mich nicht nur, irgend etwas andres zu tun, sondern ist auch damnedly lästig, wenn das Publikum mehr oder minder mit Zukunftslorbeerkronen (zwar nicht von mir, aber doch von Liebknecht und andern) unterhalten wird. Und ich weiß dazu, dass die Zeit nicht immer so still bleiben wird, wie sie grade jetzt ist. Erst Anfang 1866 freundete sich Marx mit dem Gedanken an, den ersten Band des *Kapital* doch separat zu veröffentlichen. Laut Carl-Erich Vollgraf haben dazu einige Spitzen und süffisante Bemerkungen in Briefen von u.a. Wilhelm Liebknecht geführt, Marx habe bis auf Flugschriften und Bruchstücke bisher kaum etwas veröffentlicht. Der erste Band erschien schließlich im Herbst 1867 – und zwar um einen Anhang zur Wertform erweitert. Marx’ Freund Louis Kugelmann und auch Engels, beide hatten die Druckfahnen gelesen, und hatten Marx darum gebeten. Marx habe, so die Kritik von Engels, > den großen Fehler begangen, den Gedankengang dieser abstrakteren Entwicklungen nicht durch mehr kleine Unterabteilungen und Separatüberschriften anschaulich zu machen. ... Der populus, selbst der gelehrte, ist eben an diese Art zu denken gar nicht mehr gewöhnt, und man muss ihnen da jede mögliche Erleichterung zukommen lassen. (Engels an Marx, 6\. Juni 1867) Dass ein Anhang zum ersten Kapitel alles andere als ein »artistisches Ganzes« darstellt, hat Marx schließlich dazu veranlasst, für die Zweitauflage (1872) die Struktur des Bandes zu überarbeiten – und auch den Anfang zu Wertform. Aber auch diese »popularisierte« (Marx) Version hat nicht alle Unklarheiten beseitigt und bis heute wird eifrig darüber diskutiert, wie es auszusehen hat, das »artistische Ganze«, das »dialektisch Gegliederte«, was eben keine Frage der Didaktik ist, sondern eine Frage, wie die das System, die Kategorien der politischen Ökonomie darzustellen und damit zu kritisieren sind - und warum *Das Kapital* eben kein Wörterbuch ist. \---- Siehe auch: [Ein typischer Fall von Prokrastination: Vor 150 Jahre hielt Karl Marx einen Vortrag »Value, price and profit«](https://blog.stuetzle.cc/ein-typischer-fall-von-prokrastination-vor-150-jahre-hielt-karl-marx-einen-vortrag-value-price-and-profit/) und [Formative Phase: zum neuesten MEGA-Band und die »Manchester Hefte«](https://blog.stuetzle.cc/formative-phase-zum-neuesten-mega-band-und-die-manchester-hefte/). ### FAQ. Noch Fragen? Der Euro: stabil und unterbewertet URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-der-euro-stabil-und-unterbewertet/ Last updated: 2015-07-24T10:59:35.000Z ``` Deutschland ist Exportweltmeister. In Brüssel heißt es: »Deutschlands erfolgreichste Armee ist die deutsche Industrie.« Wenn der Außenwert des Euro schwach ist, sind Waren »made in Germany« billig, was den Außenhandel weiter anheizt. Das findet nicht nur Merkel gut, schließlich ist das die Voraussetzung dafür, dass es an der »Heimatfront« ruhig bleibt. Gleichzeitig sorgt sich nicht nur die Bundesbank um den Euro. Er sei zu schwach, die Europäische Zentralbank (EZB) verfolge eine falsche Politik - und nicht nur deshalb drohe Inflationsgefahr. Die Bundesbank versteht sich als Stabilitätsanker einer harten und stabilen Währung. Ein Widerspruch? ``` Die sogenannte merkantilistische Strategie prägt die deutsche Wirtschaft seit den 1950er Jahren, als das »Wirtschaftswunder« dank des Koreakriegs so richtig losging. Ab den 1980ern ist allerdings ein Wandel bei der Exportorientierung festzustellen, als Deutschland verstärkt auf den europäischen Binnen- und den Weltmarkt setzte. Während davor relativ hohe Löhne und Wirtschaftswachstum noch keinen Widerspruch zur Exportorientierung darstellten, ist die Phase seit den 1990er Jahren von einer »Unterdrückung lohngetriebener Wachstumsimpulse« geprägt. Ein sogenannter selektiver Korporatismus, der Teile der Gewerkschaften und der Lohnabhängigen auf Kosten anderer Teile einbindet, sicherte somit selbst bei sinkenden Löhnen das »Modell Deutschland«. Begleitet ist diese Politik von der stabilitätsorientierten Geldpolitik, die nur möglich ist, weil der Korporatismus von Lohnarbeit und Kapital moderate Lohnabschlüsse garantiert. Die Bundesbank fürchtet nichts mehr als eine Lohn-Preis-Spirale. Dieser »soziale Frieden« drückt sich auch in einer spezifischen »Stabilitätskultur« aus, die einerseits historisch entstanden ist, andererseits als nationales Narrativ aufgerufen wird: Deutschland habe mit einer galoppierenden Inflation ein nationales Trauma erlebt. Das wirkt. Auch wenn wenig davon stimmt (so war nicht Inflation, sondern Deflation und ein Währungswettlauf nach 1929 das zentrale Problem). Es kann sich aber auch gegen die politische Klasse verselbstständigen. Keine Partei kann mehr gegen das »gesunde Volksempfinden«, die Sorgen um »unser« Geld, Politik machen. Verankert sind dieses Volksempfinden und die Politik der Bundesbank in einer Spielart des Monetarismus, die davon ausgeht, dass ein schwacher Außenwert einer Währung Inflation nach sich zieht. Das will man nicht. Deutschland betreibt seit den 1970er Jahren aber eine Politik der stabilitätsorientierten Unterbewertung, das heißt niedrige Inflation bei gleichzeitiger Unterbewertung des Außenwerts. Eine Strategie, die auch in der Krise 2007ff. als Lösungsform praktiziert wurde. Zur internationalen Wettbewerbsfähigkeit tragen nämlich viele Faktoren bei, nicht nur die Lohnstückkosten, sondern eben auch der Außenwert einer Währung, also was Waren in einer anderen Währung kosten. Wettbewerbsvorteile werden kleiner, wenn dadurch der Wechselkurs steigt. Schließlich bringt die Stabilität einer Währung Kapitalimporte mit sich, da Vermögen in einer sicheren und stabilen Währung gehalten werden. Es kann also durchaus dazu kommen, dass ein Land unter seinem eigenen Erfolg leidet: Die Stabilität einer Währung kann die Wettbewerbsfähigkeit verringern (Aufwertungskrise). Mit diesem Problem war die D-Mark in den 1970er Jahren konfrontiert. Ende März 1978 schrieb der damalige Vizepräsident der Bundesbank, Karl Otto Pöhl, an Bundeskanzler Helmut Schmidt, dass die Gefahr einer D-Mark-Aufwertung und das damit einhergehende Risiko einer dauerhaften Massenarbeitslosigkeit »auf möglichst viele Schultern verteilt« werden müsse. Klartext: Pöhl wollte die Krisenfolgen (Arbeitslosigkeit) auf das europäische Ausland auslagern. Vor diesem Hintergrund war die Bundesbank bereit, erste Schritte einer europäischen Währungspolitik zu machen, stabilisierte die D-Mark gegenüber den anderen europäischen Währungen im Rahmen des Europäischen Währungssystems (EWS). Der Aufwertungsdruck sank. Eine ähnliche Konstellation herrscht derzeit, wenn einerseits Geldkapital in den deutschen Euro fließt, die europäische Währung insgesamt aber aufgrund der Eurokrise unter Druck ist. Perfekte Voraussetzungen für Deutschland und seine Strategie der stabilitätsorientierten Unterbewertung, in der die Verteilungskämpfe zwischen Lohnarbeit und Kapital ohne drohende Inflation ausgetragen werden sollen: Der relativ schwache Euro liefert nicht nur der Bundesbank die Argumente, dass neben der Geldpolitik nicht auch noch »überzogene« Löhne die Gefahr einer Inflation vergrößern. Der Hauptgewinn geht damit mal wieder an das exportorientierte Kapital. **Ingo Stützle** Erschienen in: [*ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis*, Nr. 606](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak606/36.htm?ref=blog.stuetzle.cc) vom 16.6.2015. ### Man spricht Deutsch. Trotz seiner NS-Vergangenheit ist Deutschland in Europa dominant URL: https://blog.stuetzle.cc/man-spricht-deutsch-trotz-seiner-ns-vergangenheit-ist-deutschland-in-europa-dominant/ Last updated: 2015-07-06T10:25:54.000Z ``` Deutsche Politiker_innen betonten mehr als ein Mal: Die Forderungen nach Reparations- und Entschädigungszahlungen gegenüber Deutschland sollten nicht mit den Verpflichtungen Griechenlands gegenüber seinen Gläubigern vermengt werden. So bezeichnete der Vorsitzende des Europa-Ausschusses des Bundestages, Gunther Krichbaum (CDU), die griechischen Reparationsforderungen als Manöver, mit der »nur von der eigenen Unfähigkeit« abgelenkt werden solle, um »sich selbst in eine Opferrolle« zu begeben. Deutschland zeigt damit ein weiteres Mal, dass es nicht nur Exportweltmeister ist, sondern auch Weltmeister in der Disziplin Täter-Opfer-Umkehr. ``` Dabei war es Berlin unter Rot-Grün, das Griechenland den verspäteten Zutritt zur Eurozone gewährte, nachdem Athen davon abgelassen hatte, Entschädigungen für die NS-Verbrechen zu fordern. Obwohl allen Beteiligten schon damals klar war, dass Griechenland die formalen Kriterien nicht erfüllte. Gerhard Schröder gestand demnach Griechenland den Euro zu, wenn Athen im Gegenzug die deutsche Vergangenheit zu den Akten legt. (Vgl. ak 604). Die deutsche Vergangenheit reicht also bis in die Gegenwart. **Die NS-Geschichte dient nicht der Völkerverständigung** Die deutsche Vergangenheit, die Verantwortung für zwei Weltkriege, war Anlass für die europäische Integration: Deutschland sollte es im Rahmen der Einbindung in ein europäisches Projekt nicht mehr möglich sein, ganz Europa mit Krieg und Barbarei zu überziehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstützten auch die USA diesen Prozess, schließlich waren sie an einer Modernisierung der europäischen Ökonomie interessiert, um einen schlagkräftigen Partner gegen die Sowjetunion zu haben. Trotz der Skepsis Frankreichs schaffte es Deutschland, auf dem Ticket der NATO und der EU seine Wiederbewaffnung durchzusetzen. Nur zehn Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus war Deutschland wiederbewaffnet und in den Westblock eingebunden. Diese antikommunistische Strategie hatte nicht zuletzt auch innenpolitische Auswirkungen. Der Feind wurde markiert - er stand links. Als Gegenleistung für die Kooperation bei der europäischen Einbindung verbat sich Deutschland nicht nur jede Kritik, sondern auch die Erinnerung an die NS-Vergangenheit. So verhinderte die deutsche Regierung 1956 die Aufführung des Dokumentarfilms »Nacht und Nebel« über die deutschen Konzentrationslager bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Begründung, dass dieser Film einer Völkerverständigung nicht dienlich sei. Das Projekt Europa und schließlich der Euro waren somit zugleich die Form, in der Deutschland wieder Dominanzmacht wurde. Auch hier nimmt ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) kein Blatt vor den Mund: »Sollte es der Wunsch Frankreichs gewesen sein, den Euro zu gründen, um die vermeintliche deutsche Dominanz zu brechen, dann ist genau das Gegenteil eingetreten.« So Schröder gegenüber dem Journalisten David Marsh.\[1\. David Marsh: Der Euro. Hamburg 2009, S. 321.\] Dass Schröder nicht all zu falsch liegt, zeigt sich daran, dass derzeit Deutschland in anderer Art und Weise eingebunden werden soll - es soll endlich verantwortlich »führen«. Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis gab kurz nach Amtsantritt in einem ZEIT-Interview zu Protokoll, dass Deutschland »das mächtigste Land Europas« sei und er glaube, »dass die EU davon profitieren würde, wenn Deutschland sich als Hegemon verstünde. Aber ein Hegemon muss Verantwortung übernehmen für andere. Das war der Ansatz der USA nach dem Zweiten Weltkrieg.« Ein Repräsentant des linken Hoffnungsträgers SYRIZA forderte tatsächlich das ein, was die Linke in Deutschland immer kritisiert. Damit ist Varoufakis nicht allein. Bereits zwei Jahre zuvor wagte sich Radoslaw Sikorski aus der Deckung: »Ich bin wohl der erste polnische Außenminister in der Geschichte, der das sagt, aber hier ist es: Ich fürchte die deutsche Macht weniger, als ich beginne, die deutsche Tatenlosigkeit zu fürchten. Es ist Europas unverzichtbare Nation geworden. Es darf nicht darin versagen, zu führen. Nicht beherrschen, aber in der Reform anzuführen.« Selbst Merkel spielte mit: »Deutschland ist in einer schwierigen Position. Wenn wir zu viel tun, dominieren wir. Wenn wir zu wenig tun, werden wir kritisiert. Ich werde immer dafür sorgen, dass nicht ein großes Land die Direktiven vorgibt.« Was »zu tun« ist, was der politische Inhalt einer hegemonialen Politik sein soll und was an der bisherigen deutschen Krisenpolitik zu kritisieren ist, lässt sich entlang der institutionellen Verfasstheit und der »Rettung« des Euro skizzieren, denn bereits diese ist Ausdruck der deutschen EU-Dominanz. Frankreich war seit den 1970er Jahren, verstärkt in den 1980er Jahren, mit der neoliberalen Agenda des EU-Binnenmarktes von der bundesdeutschen Geldpolitik abhängig. Die Bundesbank gab in der EU den Ton an. Zwar sorgte das Europäische Währungssystem (EWS) ab 1979 bis zur Gründung des Euro für relativ stabile Wechselkurse in Europa. Zugleich erlaubte es Ländern, ihre Währung abzuwerten, wodurch Exporte billiger und damit eher nachgefragt wurden. Abwerten mussten die Währungen meist gegenüber der D-Mark, obwohl die Länder versuchten, mit gegenüber der Bundesbank höheren Leitzinsen Kapital anzulocken; damit verteuerten sich aber Kredite, und die Wirtschaft wurde abgewürgt. Im EWS waren Abwertungen nur nach politischer Übereinkunft möglich, meist gegenüber der D-Mark, was Deutschland lange hinauszögerte. Deshalb bedeutete bereits das EWS »eine weitgehende Aufgabe« der »geldpolitischen Autonomie« der EWS-Mitgliedstaaten, so der damalige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl. Vor diesem Hintergrund drang Frankreich auf eine weitere Europäisierung der Geldpolitik - bereits vor 1990\. Der ehemalige französische Staatspräsident François Mitterrand nannte die D-Mark Deutschlands Atomwaffe. **Die D-Mark: Deutschlands »Atomwaffe«** Mit dem Ende der DDR war schließlich klar: Deutschland musste zeigen, dass es keine Bedrohung für den Weltfrieden war, weiter auf europäischem Kurs blieb. Der Vorstoß Frankreichs, eine europäische Zentralbank einzurichten, wurde deshalb vom deutschen Außenministerium (!) aufgegriffen, quasi als außenpolitische Initiative, worüber die Bundesbank und das Finanzministerium gar nicht entzückt waren. Dieser Widerspruch innerhalb der deutschen Staatsapparate brachte jedoch den Vorteil mit sich, dass die monetaristischen Trutzburgen - später gesellte sich zur Bundesbank und dem Finanzministerium noch die CSU hinzu - die Bedingungen vorgeben konnten, unter denen schließlich der Euro gegründet wurde. Von Beginn an trug die neue Währung deshalb die deutsche Handschrift: »Wir bringen die D-Mark nach Europa ... Der vereinbarte Vertrag (von Maastricht) über die Wirtschafts- und Währungsunion trägt in allen entscheidenden Punkten die deutsche Handschrift. Unsere bewährte Stabilitätspolitik ist zum Leitmotiv für die zukünftige europäische Währungsordnung geworden«, sagte 1995 der ehemalige Finanzminister Theo Waigel (CSU) in einer Debatte im Bundestag. Die unabhängige, allein der Geldwertstabilität verpflichtete EZB institutionalisierte die deutsche Stabilitätskultur. Sie wurde in Frankfurt am Main angesiedelt, obwohl auch andere europäische Städte im Gespräch waren. Die neue Währung sollte nicht ECU heißen, weil das »zu französisch« klinge. Die Banque de France musste bereits 1993 unabhängig werden. Das war eine deutsche Bedingung dafür, überhaupt über den Euro zu verhandeln. Schließlich setzte Deutschland weitere Bedingungen durch: Der Maastrichter Vertrag sah fiskalpolitische Ziele vor, die den finanziellen Spielraum der Eurostaaten beschränkten, Regeln, die mit dem sogenannten Stabilität- und Wachstumspakt verschärft und auf Dauer gestellt wurden. Deutschland drang aber nicht nur auf dieses System des gegenseitigen Misstrauens, das verhindern sollte, dass andere Eurostaaten den »deutschen« Euro missbrauchten. Berlin blockierte auch Initiativen, die auf einen Ausgleichsmechanismus setzten, in einer entstehenden Währungsunion, die notwendigerweise Gewinner\_innen und Verlierer\_innen produziert. Bereits existierende europäische Einrichtungen, die originär für »Ausgleich« angelegt waren, wie etwa in der Regionalpolitik, wurden selbst zu einem Mittel, neoliberale Wettbewerbspolitik zu verschärfen. Die EG-Regionalpolitik hat keinen ausgleichenden Charakter mehr. Vielmehr stellte sie, so Ingeborg Tömmel in einer Studie, »eine zukunftsgerichtete Strategie dar, die Betrieben der Peripherie mit relativen Konkurrenzvorteilen auf europäischen Märkten zum Durchbruch verhilft. Insofern kompensiert die Regionalpolitik auch nicht die ökonomischen Nachteile, die sich aus dem Binnenmarkt ergeben, sondern fungiert umgekehrt als Instrument zur verbesserten Nutzung der potenziellen Vorteile, die sich auch fur Teile der peripheren Wirtschaft infolge der Marktintegration bieten.«\[2\. Ingeborg Tömmel: Staatliche Regulierung und europäische Integration. Baden-Baden 1994, S. 396.\] **Eliten beklagten sich über unproduktive EU-Partner** Die deutschen Spielregeln und der Imperativ der Wettbewerbsfähigkeit wurden auch in der Krise beibehalten - trotz Kritik. Allen voran die griechische Bevölkerung muss darunter leiden. Die von Deutschland gegenüber den peripheren Eurostaaten durchgesetzte Politik ab 2009 lässt sich summarisch aufzählen: Deutschland holte (gegen das Interesse Frankreichs) den IWF als nicht-europäischen Akteur ins Boot, um gegen Griechenland »Strukturanpassungen« und Austeritätspolitik durchsetzen zu können - unabhängig davon, was andere Eurostaaten wollten. Auch war der IWF härter in seinen Forderungen und wollte zum Beispiel den Mindestlohn in Griechenland gleich ganz abschaffen. Deutschland war es auch, das darauf drängte, dass es Hilfe nur gegen Auflagen gibt; es brachte zudem den Fiskalpakt auf den Weg und europäisierte damit die deutsche Schuldenbremse. Dem Fiskalpakt mussten alle Staaten beitreten, die etwa wollten, dass die EZB durch den Aufkauf von Staatsanleihen hilft, zu hohe Zinsen zu drücken. Für Merkel soll Europa an Deutschlands Wesen genesen: »Europa kann in der internationalen Konkurrenz mit aufstrebenden Mächten wie China oder Brasilien nur bestehen, wenn es so wettbewerbsfähig wie Deutschland wird.« Der Thinktank European Council on Foreign Relations (ECFR) hielt bereits vor einigen Jahren fest, dass die industriellen Eliten im Kampf um Weltmarktanteile »ihren Blick schon seit Langem von Europa abwenden«. Die EU gelte allenfalls als nützliche »Basis für globale Marktstrategien« und die Eliten beklagten sich »über die unproduktiven europäischen Partner«, während Berlin glaube, zunehmend »von Europa zurückgehalten« zu werden. Kein Wunder, heißt es etwa bei der Bank Unicredit: »Deutsche Reformerfolge sind die Blaupause für Europa«. Viele alternative Möglichkeiten, auf die Krise zu reagieren, verhinderte Deutschland, etwa Eurobonds, bei der die Eurostaaten gemeinschaftlich für die Europeripherie gebürgt hätten, um derart den Zinsdruck zu nehmen, oder europäische Investitionsprogramme. Dass in den letzten Monaten das Schicksal der SYRIZA-Regierung allein am »good will« des deutschen Finanzministers Wolfgang Schäuble (CDU) zu hängen scheint, steht somit symbolisch dafür, wie Deutschland in der EU den Ton angibt. Nicht ohne Grund war Deutschland das einzige Land, dem Barak Obama nach seiner Wiederwahl einen Staatsbesuch abstattet. Der ehemalige US-Botschafter John Kornblum kommentierte 2013: Für Washington gibt es keine Europäische Union mehr. Wie weit Deutschland in seiner Selbstherrlichkeit geht, zeigte Merkel bereits im Juni 2010, als sie forderte, dass Ländern mit finanzpolitischem Schlendrian das Stimmrecht entzogen werden müsste - eine Möglichkeit, die das Europarecht durchaus vorsieht: »Wir haben Artikel 7 akzeptiert für die Verletzung von Menschenrechten. Und wir müssen den gleichen Grad und Ernsthaftigkeit zeigen, wenn wir bei der Frage des Euro ankommen.« Wenige Monate später konnte ohne Umsetzung dieser fixen Idee, die Staatsverschuldung quasi als Menschenrechtsverletzung wertet, der CDU-Fraktionschef Volker Kauder befriedigt feststellen: »Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen. Nicht in der Sprache, aber in der Akzeptanz der Instrumente, für die Angela Merkel so lange und dann erfolgreich gekämpft hat.« Zum Weiterlesen: Ingo Stützle: [Austerität als politisches Projekt. Von der monetären Integration Europas zur Eurokrise](https://blog.stuetzle.cc/promotion-austeritaet-als-politisches-projekt/). Münster 2014. Erschienen in: ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 606 vom 16.6.2015 **Anmerkungen:** ### Wilhelm Liebknecht, staatenlos URL: https://blog.stuetzle.cc/wilhelm-liebknecht-staatenlos/ Last updated: 2015-07-03T10:32:37.000Z ``` Die Geschichte Deutschlands ist eine Geschichte von Ausschlüssen aus der »imaginierten Gemeinschaft« (Benedict Anderson). Heute vor 150 Jahren, am 3. Juli 1865, wurde Wilhelm Liebknecht aus »allgemeinen polizeilichen Gründen« ausgebürgert, wie er noch am selben Tag an Karl Marx schrieb. Der Brief wurde erstmals in MEGA III.13 veröffentlicht. ``` [![L-M](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/L-M.jpg)](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2015/07/L-M-1.jpg?ref=blog.stuetzle.cc) Marx selbst war bereits seit Ende 1845 »freiwillig« staatenlos. Er hatte gehofft, durch die Aufgabe der Staatsbürgerschaft einer Ausweisung aus Belgien zu entgehen. 1848 und 1861 versuchte er erfolglos, seine Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen. ### Ein typischer Fall von Prokrastination: Vor 150 Jahre hielt Karl Marx einen Vortrag »Value, price and profit« URL: https://blog.stuetzle.cc/ein-typischer-fall-von-prokrastination-vor-150-jahre-hielt-karl-marx-einen-vortrag-value-price-and-profit/ Last updated: 2015-06-27T05:15:46.000Z Vor genau 150 Jahren, am 27\. Juni 1865, hielt Karl Marx den zweiten Teil eines Vortrags vor dem Provisorischen Zentralrat der *Internationale Arbeiterassoziation* ([IAA](https://de.wikipedia.org/wiki/Internationale%5FArbeiterassoziation?ref=blog.stuetzle.cc)), der später als *Value, price and profit* bekannt wurde. \[1.\] Marx selbst hatte das Vortragsskript nicht veröffentlicht und es war auch nicht dafür vorgesehen. Vielmehr war es wirklich das Vortragsmanuskript, denn entgegen so manchen Mythen war Marx nämlich alles andere als ein guter Redner – er las ab. Die Blätter trugen keine Überschrift. Angefangen zu schreiben hatte Marx bereits im Mai. Der erste Teil des Vortrags (20.6.1865) arbeitete sich an John Weston ab, der zuvor ein Vortrag hielt. Von ihm ist wenig bekannt. [Laut Thomas Kuczynski nicht einmal die Lebensdaten](http://www.laika-verlag.de/mbp/thomas-kuczynski-zu-karl-marx-lohn-preis-profit?ref=blog.stuetzle.cc). Er war Gründungsmitglied der IAA, Arbeiter, »old Owenist« (Marx) und Aktivist, der auch nach 12 Stunden Arbeit für den Sozialismus agitierte. Bei der Spaltung der IAA 1872 [folgte er nicht dem von Marx angeführten Flügel](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak574/30.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Weston war also ein IAA-Genosse, dessen Thesen Marx so nicht stehen lassen wollte. Schließlich ging es um die politische Ausrichtung der IAA, die in diesen Jahren viele Grundsatzdebatten führte, etwa wie sich zu Gewerkschaften und ihren Kämpfen verhalten sollte. Die Auseinandersetzung mit Weston ist ein Beispiel dafür, dass Marx nicht nur eine Kritik der politischen Ökonomie formulierte, sondern sich immer auch mit den Sozialisten und Sozialismen seiner Zeit kritisch auseinandersetzte. \[2.\] Wenn auch nicht immer auf dem theoretischen Niveau und der Anerkennung, die er den Bürgerlichen oft zuteilwerden ließ. Und Westons Thesen waren ganz im Sinne der ökonomischen Klassik, etwa Ricardo, die Marx im *Kapital* gerade einer grundlegenden Kritik unterziehen wollte. Weston ginge von zwei Voraussetzungen aus. Er argumentiere, dass das, was man heute Bruttoinlandsprodukt nennen würde \[3.\], eine unveränderliche Größe sei und zweitens der Reallohn ein unveränderlicher, konstanter Betrag – Lohnveränderungen würden nur ein erhöhtes Preisniveau nach sich ziehen, namentlich bei den Lebensmitteln. Ein gewerkschaftlicher Kampf für höhere Löhne ginge also ins Leere – oder seien sogar kontraproduktiv. Eigentlich wollte Marx den Vortrag nicht halten. An Engels schrieb er dennoch am 20\. Mai 1865: »Man erwartet natürlich von mir die Widerlegung. Ich hätte also eigentlich meine Réplique für heut abend ausarbeiten sollen, hielt es aber wichtiger, an meinem Buch fortzuschreiben, und muß mich so auf die Improvisation verlassen.« Er arbeite derzeit »wie ein Pferd, da ich die arbeitsfähige Zeit benutzen muß und die carbuncles immer noch da sind, ohne mich jetzt anders als lokal, aber nicht im Hirnkasten zu stören.« Er wollte mit dem *Kapital* fertig werden. *Schließlich schrieb Marx s*eit Sommer 1863 daran. Mitte 1865 kam er mit einem Manuskript aller drei Bände zum Ende, also just in der Zeit, zu der er den Vortrag hielt. Wenige Wochen zuvor, im März 1865, hatte Marx bereits Post aus Deutschland bekommen. Mit dem Schreiben des Otto-Meißner-Verlags kamen auch die Vertragsunterlagen für *Das Kapital*. Dass er den Vortrag dennoch hielt, ist wohl ein typischer Fall von *Prokrastination.* Bereits ein halbes Jahr nach seinem Vortrag Anfang 1866 begann Marx mit der Redaktion der Druckfassung des ersten Bandes. Laut Carl-Erich Vollgraf könnten einige Spitzen und süffisante Bemerkungen in Briefen von u.a. Wilhelm Liebknecht, Marx habe bis auf Flugschriften und Bruchstücke bisher kaum etwas veröffentlicht, dazu geführt haben, dass Marx Anfang 1866 sich doch mit dem Gedanken anfreundete, den ersten Band des Kapitals [separat zu veröffentlichen](http://marxforschung.de/2012/?page%5Fid=1505&ref=blog.stuetzle.cc). Der Vortrag am 20\. Juni begann um 21 Uhr. Der zweite Teil des Vortrags fand eine Woche später wahrscheinlich zur gleichen Uhrzeit seine Fortsetzung. Die Diskussion zu Marx‘ Vortrag wurde bis in den August fortgesetzt. Marx kritisiert Weston zunächst immanent und anhand empirischen Materials. Marx hatte sich Notizen zu Lohn- und Preisentwicklungen der letzten Jahrzehnte gemacht und konnte zeigen, dass die allgemeine Lohnsteigerung von 1849 bis 1855 in England, nach Inkrafttreten des Gesetzes zum 10-Stunden-Tag (1848) begleitet war von einem Fallen der Preise für Industrie- und Landwirtschaftsprodukte. Marx war also bei Weitem kein empiriefeindlicher Philosoph – ganz im Gegenteil: Er kannte die Zahlen. \[4.\] Bereits nach dem ersten Vortrag stand die Frage im Raum, ob Marx den Vortrag publizieren würde. In einem Briefwechsel mit Engels fiel folgendes Gegenargument: Er sei, so Marx, mit »›Mr.Weston‹ als Gegner nicht grade söhr schmeuchelhaft« umgegangen. Am 24\. Juni, also zwischen den beiden Vorträgen, schreibt Marx Engels und berichtet, dass er mit seinem Vortrag begonnen habe: »Ich habe in dem Central Council ein paper gelesen … über die von Mr. Weston eingebrachte Frage, wie a generell rise of wages etc. wirken würde. Der erste Teil davon Antwort auf Westons Blödsinn; der zweite a theoretical Auseinandersetzung, soweit Gelegenheit passend dazu.« Veröffentlichen wollte er den Vortrag auch deshalb nicht, weil er »in außerordentlich gedrängter, but relatively popular form, viel Neues« präsentiere, »das aus meinem Buch vorweggenommen ist, während es zugleich doch notwendigerweise über allerlei wegschlüpfen muß.« Das dürfte der eigentliche Grund gewesen sein, warum Marx Abstand davon nahm, den Vortrag zu veröffentlichen, denn in anderen politischen Auseinandersetzungen, die durchaus gedruckt wurde, war Marx alles andere als zurückhaltend mit seinen Gegnern umgegangen. Engels riet ihm, den Vortrag zu veröffentlichen, und auch andere IAA-Mitglieder baten ihn darum: Die Arbeiterklasse brauche Politökonomen! Marx nahm dennoch Abstand davon. Und Engels wusste nach Marxens Tod nicht einmal, dass das Vortragsskript noch existierte. Erst 1898, drei Jahre nach Engels Tod, wurde es von Marx Tochter [Eleanor Marx](https://de.wikipedia.org/wiki/Eleanor%5FMarx?ref=blog.stuetzle.cc) in englischer Sprache unter dem Titel *Value, price and profit* publiziert – und kurz zuvor in einer deutschen Übersetzung von [Eduard Bernstein](https://de.wikipedia.org/wiki/Eduard%5FBernstein?ref=blog.stuetzle.cc). Das »Neue«, in »gedrängter Form« vorgestellt, führte Marx im zweiten Teil seines Vortrags aus: Er kritisiert die wissenschaftliche Perspektive, die den Einsatzpunkt der Analyse in den Bereich des Willens der Akteure verlegt: »Sicher ist es der *Wille* des Kapitalisten, zu nehmen, was zu nehmen ist. Uns kommt es darauf an, nicht über seinen *Willen* zu fabeln, sondern seine *Macht* zu untersuchen, die *Schranken dieser Macht* und den *Charakter dieser Schranken*.« ([MEW 16, 105](http://www.mlwerke.de/me/me16/me16%5F101.htm?ref=blog.stuetzle.cc)) Hier deutet sich das Marxsche Forschungsprogramm an, das davon ausgeht, dass die Untersuchung von intentionalen Handlungen durch die Analyse von gesellschaftlichen Formbestimmungen, unter denen diese Handlungen erfolgen, fundiert werden müssen. Das führt mitunter zu einer bestimmten Darstellung im *Kapital*. In seinem Vortrag wendet sich Marx dagegen, dass Konkurrenz oder Preisbewegungen den Charakter der Schranken erklären könnten, die Gesetze lüften. Dennoch geht Marx Analyse der aufgeworfenen Frage nach, ob eine Erhöhung der Geldmenge (etwa durch höhere Löhne), die Preise beeinflusse. Marx widerspricht: Der Geldumlauf habe mit der Wertgröße der Waren nichts zu schaffen – und letzterer müsste man auf die Spur kommen. Bereits die ökonomische Klassik widmete sich der Frage, wie die Wertgröße zu bestimmen sei, allen voran David Ricardo. Die Spurensuche, so Marx endete jedoch an einem »toten Punkt« (S. 121), die Antworten bewegten sich im Kreis, weil die Wertgröße einer Ware durch den Arbeitslohn (konzipiert als Warenkorb) bestimmt, Wert also durch Wert begründet werde – eine Tautologie. Marx zufolge stellt sich demnach noch immer die Frage danach, wie der quantitative Austausch von Waren reguliert werde (S. 122). Einerseits seien die Proportionen, zu denen Waren ausgetaucht werden, etwas Relatives – je nachdem, welche Ware gegen welche getauscht werde. Dennoch zeichnen diese Austauschverhältnisse etwas Systematisches aus, was auf ein »gemeinsames Maß« (S. 122) verweise, die »durchschnittliche oder einfache Arbeit« (S. 123): > *Waren als Werte vergegenständlichten, dargestellten kristallisierten gesellschaftlichen Arbeitunterscheiden Arbeitsquanta? Dauer der Arbeitszeit* An dieser Passage fällt auf, dass Marx hier noch nicht von »abstrakter Arbeit« spricht, ein Begriff, der erst in der Zweitauflage des *Kapital*[von 1872 zu finden ist](http://www.oekonomiekritik.de/203AbstrakteArbeit.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Aber auch mit dieser Erklärung der Wertgröße steht Marx vor einem Paradox, das er erklären muss: Wie ist auf Grundlage von Äquivalententausch, einem Warenaustausch zu Werten, Ausbeutung und Profit möglich? > *allgemeine Natur des Profits zu ihren wirklichen Werten verkauft Profite sich herleiten aus dem Verkauf der Waren zu ihren Werten* Um das Paradoxon aufzulösen, führt er die Unterscheidung von Arbeit und Arbeitskraft ein, die zentral für seine Argumentation im *Kapital* sein wird und die er in seinem Vortrag nur skizziert. Der Lohn entspreche der Wertgröße, die notwendig ist, um die Arbeitskraft mittels Lebensmittel etc. zu erhalten (S. 131). Die Lohnabhängigen müssten aber länger arbeiten, d.h. produzieren mehr Neuwert als das, was in Form des Lohns an sie geht. Marx macht ein Zahlenbeispiel: Sind sechs Stunden Arbeit nötig, um ein Wertprodukt hervorzubringen, dass die Arbeitskraft erhalten kann, dann entsprechen diese sechs Stunden Arbeit dem Lohn, den das Kapital bezahlt. Die weiteren sechs Stunden Arbeit eines 12-Stunden-Tags nennt Marx »Mehrarbeit« – das in dieser Zeit entstandene Mehrprodukt repräsentiert den Mehrwert. Die Lohnabhängigen verkaufen demnach ihre Ware Arbeitskraft, bekommen dafür das entsprechende Äquivalent, den Lohn, werden also nicht übers Ohr gehauen und werden dennoch ausgebeutet, das Kapital eignet sich Mehrarbeit an. Marx schreibt deshalb: > *gleicher oder gar gerechter Entlohnung Freiheit* Bereits hier scheint eine politische Perspektive auf, die heute den Gewerkschaften mehr als fremd erscheinen. Marx führt weiter aus: > *Erstens. Der Wert oder Preis der Arbeitskraft Preises oder Werts der Arbeit selbst Zweitens. bezahlterunbezahlter Mehrwert Profit Lohnarbeit historischen unbezahlte bezahltSklaven* So löst sich also auch das Paradox auf, das Marx zuvor konstatiert hatte. Er spricht in seinem Vortrag einige Punkte an, die er im *Kapital* ausführt (Unterschied von Arbeit/Arbeitskraft) und legt somit die Grundlage dafür, zeigen zu können, dass Ausbeutung von Lohnabhängigen stattfinden kann, ohne dass das Prinzip des Äquivalententauschs verletzt wird. Das ist nicht wenig, denn bei der Lohnarbeit erscheint die Mehrarbeit als bezahlt, und die Lohnform, die »Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar macht und grade sein Gegenteil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalistischen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen Flausen der Vulgärökonomie.« (KI, 562) Wie aber verhält sich nun die Aufteilung zwischen notwendiger und Mehr-Arbeit? Zunächst ist relativ einleuchtend, dass ein höherer Lohn bei gegebenem Arbeitstag auf Kosten des Profits gehen kann. Lohnerhöhung, so Marx, habe deshalb keinen Einfluss auf Wertgröße des Wertprodukts (und damit auch nicht auf das Preisniveau). Hier antwortet Marx als nochmals auf die von Weston aufgeworfene Frage – und hier kann sogar unterstellt werden, dass das BIP, wie Weston behauptet, nicht wächst. Und natürlich versuche das Kapital, den Lohn zu drücken, so Marx: > *allgemeiner politischer Aktion* Man ist unmittelbar an das achte Kapitel im *Kapital* erinnert, in dem Marx den Kampf um den Normalarbeitstag schildert: »Zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt. Und so stellt sich in der Geschichte der kapitalistischen Produktion die Normierung des Arbeitstags als Kampf um die Schranken des Arbeitstags dar – ein Kampf zwischen dem Gesamtkapitalisten, d.h. der Klasse der Kapitalisten, und dem Gesamtarbeiter, oder der Arbeiterklasse.« (KI, S. 249) \[5.\] In seinem Vortrag fährt Marx fort: > *Maximalprofitrate* Wobei damit noch nicht geklärt ist, um was gekämpft wird bzw. werden soll. Schließlich sollte der Vortrag Orientierung dahin gehend geben, *wie* sich die IAA hinsichtlich des Bedeutungsgewinns von Gewerkschaften und ihren Kämpfen positionieren sollte. Die Beschäftigung mit dem Thema kam nicht von ungefähr. Auch Weston war eher ein Symptom für eine Entwicklung: Nach einer Phase wirtschaftlicher Prosperität wüteten in vielen Ländern Streiks, Gewerkschaften wurden zunehmend zu einem relevanten gesellschaftlichen Akteur. Auch in Deutschland wurde gestreikt. Allein 1865 fanden über 150 Streiks statt. Das Thema Gewerkschaften stand zwar auch für Marx oben auf der Agenda, besonders sicher war er sich in der Frage jedoch nicht: Die Schlusspassage des Vortrags zeigen viele Varianten auf, also Überarbeitungen und Korrekturen. Das zeigt, dass er sich der Sache nicht sicher war. Ein Zeichen jedoch auch dafür, warum ein Blick in die historisch-kritische Ausgabe der MEGA lohnt, die versucht, die diversen Schichten des Textes transparent zu machen - also auch das, was durchgestrichen wurde. Marx schließt seinen Vortrag wie folgt und Thomas Kuczynski fragt in seinem Vorwort zu Recht, was Marx zu den heutigen Gewerkschaften sagen würde: > *materiellen Bedingungen konservativen «Ein gerechter Tagelohn für ein gerechtes Tagewerk!»revolutionäre Nieder mit dem Lohnsystem!‹* Ob nach dieser Passage geklatscht wurde, ist nicht bekannt. Sicher hat seine Zusammenfassung die Gemüter beruhigt, bevor die Diskussion begann: > »Nach dieser sehr langen und, wie ich fürchte, ermüdenden Auseinandersetzung, auf die ich mich einlassen mußte, um dem zur Debatte stehenden Gegenstand einigermaßen gerecht zu werden, möchte ich mit dem Vorschlag schließen, folgende Beschlüsse anzunehmen: 1\. Eine allgemeine Steigerung der Lohnrate würde auf ein Fallen der allgemeinen Profitrate hinauslaufen, ohne jedoch, allgemein gesprochen, die Warenpreise zu beeinflussen. 2\. Die allgemeine Tendenz der kapitalistischen Produktion geht dahin, den durchschnittlichen Lohnstandard nicht zu heben, sondern zu senken. 3\. Gewerkschaften tun gute Dienste als Sammelpunkte des Widerstands gegen die Gewalttaten des Kapitals. Sie verfehlen ihren Zweck zum Teil, sobald sie von ihrer Macht einen unsachgemäßen Gebrauch machen. Sie verfehlen ihren Zweck gänzlich, sobald sie sich darauf beschränken, einen Kleinkrieg gegen die Wirkungen des bestehenden Systems zu führen, statt gleichzeitig zu versuchen, es zu ändern, statt ihre organisierten Kräfte zu gebrauchen als einen Hebel zur schließlichen Befreiung der Arbeiterklasse, d.h. zur endgültigen Abschaffung des Lohnsystems.« (S. 152) Auch heute lässt sich auf Grundlage des Textes so manche Frage diskutieren. In der Geschichte des Marxismus ist der Text leider [oft in dem Sinne ausgelegt worden](https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1902/wastun/kap2a.htm?ref=blog.stuetzle.cc), dass Marx hier bereits die Notwendigkeit einer Kaderpartei vorwegnehme, die dem »trade-unionistischen Bewusstsein« (Lenin) entgegenwirke. Auch ist der Vortrag keine gute Zusammenfassung des *Kapital.* Dafür veränderte sich noch zu viel in den kommenden Jahren. Im Sinn einer »symptomalen Lektüre« (Althusser) ließe sich vor dem Hintergrund der diversen Veränderungen im *Kapital* und dem Vortrag *Value, Price, Profit* die Frage stellen, welche Probleme sich zwischen 1865 und 1867 sowie nach 1872 für Marx ergeben haben und ihn dazu veranlassten, begriffliche und konzeptionelle Veränderungen vorzunehmen? Warum gab er den Begriff Arbeitsvermögen zugunsten von Arbeitskraft auf? Was passierte nach 1872, schließlich verändert Marx etwa im Rahmen der französischen Übersetzung nochmal einiges und kam später sogar zu dem Schluss, dass eigentlich nicht England, sondern die USA das illustrative Material für seine Darstellung liefern sollte. 1881 deutete Marx sogar eine grundlegende Überarbeitung des *Kapital* an. Michael Heinrich geht sogar so weit, dass Marx Mitte der 1870er Jahre, im Zuge der Arbeit am zweiten und dritten Band des *Kapital,* den Gegenstand der Kritik der politischen Ökonomie und sein Forschungsprogramm derart erweiterte, dass Marx sich insgeheim eingestehen musste, es nicht mehr bewältigen zu können – nicht allein aus alters- und gesundheitlichen Gründen. Marx sollte also nicht nur gelesen, sondern vor allem sein Forschungsprogramm weiterverfolgt werden. Ein Programm, das selbst für diejenigen, die Marx gelesen haben, erst in Umrissen zu erkennen ist. Ein Programm, das in seiner gesellschaftskritischen Dimension hochpolitisch und aktuell ist, wie Marx Vortrag vor 150 Jahren beweist. #### Anmerkungen: 1. Der Vortrag wird gerne als gute, von Marx selbst ausformulierte Zusammenfassung des Kapitals präsentiert – was es nicht ist und nie sein konnte. In der Einleitung der MEGA (II.20: 36\*) heißt es etwa: »Der Vortrag ›Value, price and profit‹ bildet in der Theoriegeschichte der Marxschen politischen Ökonomie ein Bindeglied zwischen dem 1863/1864 entstandenen Entwurf des ersten Bandes des Kapitals und dessen Erstausgabe.« Bereits 1988 wurde der Beitrag in die zweite Abteilung der MEGA aufgenommen (II.4.1), also in die Schriften, die unter der Überschrift Das Kapital und Vorarbeiten firmieren. Während man sich darüber streiten kann, ob dazu etwas die sogenannten Grundrisse zählen (eine Schrift, [die 2008 150\. Geburtstag feierte](http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/601.marx-innerer-monolog.html?ref=blog.stuetzle.cc)), schließlich ist vom Kapital als selbstständigen Werk erst im Dezember 1862 die Rede, so stellt sich auch die Frage, warum ein Vortrag zu »Vorarbeiten« zählen sollte. Der Vortrag wurde wohl auch deshalb nochmals in einem anderen MEGA-Band (I.20) der ersten Abteilung (Werke. Artikel. Entwürfe) aufgenommen. Dort heißt es: »Die Arbeit von Marx ›Value, price and profit‹ wird sowohl in der Ersten als auch in der Zweiten Abteilung der MEGA veröffentlicht. Unserer Auffassung nach ist dieser Schritt absolut gerechtfertigt. Es wäre sogar schwer vorstellbar, welch ein Bruch in der Zweiten Abteilung der MEGA entstünde, wenn diese Arbeit hier fehlen würde. Wir würden uns eines der wichtigsten Glieder zur Lösung des Problems berauben, das chronologisch weit über den Rahmen der drei Teile des vierten Bandes der Zweiten Abteilung der MEGA hinausreicht.« Im Hamburger LAIKA-Verlag ist Lohn Preis Profit eingeleitet von Thomas Kuczynski anlässlich des Jahrestages erschienen. Der Band folgt der Übersetzung von Paul Weller, die auch Grundlage der MEW 16 ist – berücksichtigt aber die MEGA-Anmerkungen. Sie auch: Witali Wygodski: Der Platz des Manuskripts »Lohn, Preis und Profit« im ökonomischen Nachlaß von Karl Marx. In: Marx-Engels-Jahrbuch 6, 1983, S.211-227. 2. Vgl.Jan Hoff(2008): Karl Marx und die ›ricardianischen Sozialisten‹. Ein Beitrag zur Geschichte der politischen Ökonomie, der Sozialphilosophie und des Sozialismus, Köln. 3. Marx: »Betrag der nationalen Produktion« (S. 103). Zur Geschichte des BIP vgl. Philipp Lepenies (2013): Die Macht der einen Zahl. Eine politische Geschichte des Bruttoinlandsprodukts, Berlin. 4. Vgl. Michael R. Krätke (1996): Marxismus als Sozialwissenschaft, in: Haug, Frigga / Krätke, Michael (Hg.): Materialien zum Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus. Materialien zum Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus, Hamburg, 69-122\. Bei einem Besuch in Manchester, Ende August/Mitte September 1861 besuchte er die 31\. Jahresversammlung der British Association for the Advancement of Science an der Sitzung der Sektion für ökonomische Wissenschaft und Statistik. 5. Vgl. Frieder Otto Wolf(2001): [Was tut die ausgebeutete Klasse, wenn sie kämpft? Einige Überlegungen zur Neulektüre der Darstellung des ›Kampfs um den Normalarbeitstag‹ im ›Kapital‹](http://userpage.fu-berlin.de/~frowolf/webseite/images/stories/was%5Ftut%5Fdie%5Fausgebeutete%5Fklasse.pdf?ref=blog.stuetzle.cc), in: Wagner, Hilde (Hg.) (Hg.): Interventionen wider den Zeitgeist. Für eine emanzipatorische Gewerkschaftspolitik im 21\. Jahrhundert. Helmut Schauer zum Übergang in den Un-Ruhestand, Hamburg, 140-151. ### Räuberzivil URL: https://blog.stuetzle.cc/raeuberzivil/ Last updated: 2025-06-19T12:19:36.000Z Ich durfte mich heute mal wieder aufregen. Über die FAZ, die Seite 1 bzw. die Bildunterschrift: Der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis ist in Farbe abgelichtet, wie er eilig die Stufen der [Villa Maximos](https://de.wikipedia.org/wiki/Villa%5FMaximos?ref=blog.stuetzle.cc) hinaufeilt. Er trägt ein weißes Hemd, nicht in der Hose, und vielleicht sogar mit Doc Martens, sehr leger also. Für einen Finanzminister. Welches Synonym fällt der FAZ-Bildredaktion zu »leger« ein? Natürlich »Räuberzivil«. Das Wort kennt der [Duden](http://www.duden.de/rechtschreibung/Raeuberzivil?ref=blog.stuetzle.cc) zwar, aber worauf die FAZ anspielt ist klar und wo sie mitspielt, auf BILD-Niveau. [Mein Tweet](https://twitter.com/istuetzle/status/612866382041104384?ref=blog.stuetzle.cc) hat einige Reaktionen hervorgerufen - und mich klüger gemacht. Danke! \[[View the story "#Räuberzivil" on Storify](//storify.com/istuetzle/r)\] ### Das Geld, Gott der Waren. Zur Debatte über die Abschaffung des Bargeldes URL: https://blog.stuetzle.cc/das-geld-gott-der-waren-zur-debatte-ueber-die-abschaffung-des-bargeldes/ Last updated: 2025-08-28T12:39:04.000Z *Die Debatte über die Abschaffung des Bargeldes hat viele Leerstellen. Und Lehrstellen: Sie fördert das Kapitalismusverständnis - und befähigt zu Kritik an den Verhältnissen.* Um es kurz zu machen: Ja, es ist sinnvoll, Bargeld abzuschaffen. Schon aus hygienischen Gründen. Eine Untersuchung der New York University identifizierte etwa 3000 Bakterientypen allein auf einem US-Dollar-Schein - nur 20 Prozent der nichtmenschlichen DNA konnten genauer bestimmt werden. Und natürlich hat man auch Kokain gefunden. Das alles haben die Ökonomen aber wohl kaum im Kopf, die in den letzten Wochen die Debatte darüber angeheizt haben, ob das Bargeld abgeschafft gehört. Das fordern etwa der ehemalige Chef-Ökonom des IWF Kenneth Rogoff und der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger - was zu Empörung und öffentlichen Bekenntnissen zu Bargeld führte, etwa von Bundesbankchef Jens Weidmann. Besonders die Deutschen scheinen am Bargeld zu hängen. Laut Umfragen sind Dreiviertel dagegen, Scheine und Münzen aus dem Verkehr zu ziehen. Andere Länder sind in der Frage bereits weiter. Nicht nur in den USA, wo die bargeldlose Bezahlung viel verbreiteter ist. Man erinnere sich an den Film »The Big Lebowski«, in dessen Zentrum »der Dude« steht, jener Lebowski, der in der Anfangszene im Supermarkt die Milch für den Cocktail mit einem ungedeckten 69-US-Cent-Scheck bezahlt. Schweden führte als erstes europäisches Land Mitte des 17\. Jahrhunderts das Papiergeld ein und gilt heute als Vorreiter bei der Wiederabschaffung - selbst in der Kirche geht ein Kartenlesegerät rum statt eines Klingelbeutels. Die dänische Notenbank hat angekündigt, ab nächstem Jahr keine neuen Banknoten mehr zu drucken. In Italien und Frankreich herrschen Obergrenzen, so soll nicht mehr mit 1000-Euro-Scheinen bezahlt werden dürfen. Was sind die bisher angeführten Argumente derjenigen, die das Bargeld abschaffen wollen? Ohne Bargeld könnte man die Geschäfte der sogenannten organisierten Kriminalität austrocknen. So ein Argument. Die Rolle des Bargeldes für »dunkle Geschäfte« lässt sich anhand des 500-Euro-Scheins zeigen. Kaum wer hat ihn je in der Hand gehabt und trotzdem machen die hellvioletten Scheine laut EZB rund ein Drittel des Bargeldes in der Euro-Zone aus, etwa 600 Millionen 500-Euro-Scheine sind im Umlauf. Die Banknote wird auch als Matratzen-Geld bezeichnet, schließlich bietet sich der hohe Wert des Scheins an, wenn man sein Vermögen nicht bei einer Bank hinterlegen will. Zudem, so ein weiteres Argument, brächte die Abschaffung des Bargeldes Zeit- und Kostenersparnis mit sich. Scheine und Münzen müssten nicht mehr teuer gedruckt oder geprägt und an der Kasse nicht mehr mühselig im Portemonnaie gesucht werden. Solche Argumente überzeugen kaum. Dass kriminelle Geschäfte mit Milliardengewinnen auch mit Bankkonto möglich sind, zeigte derzeit die Deutsche Bank. Auch gibt es Geldsubstitute wie die Kryptowährung Bitcoin oder andere Formen der Bezahlung. Der Euro ist in diesen Bereichen der informellen Ökonomie eh nicht besonders gefragt. So akzeptieren etwa die Piraten vor der somalischen Küste US-Dollar, keine Euros. Selbst der Kampf gegen Steuerflucht scheitert derzeit nicht daran, dass das Geld in großem Stil als Bargeld vor dem Fiskus in Sicherheit gebracht wird. Und »Matratzen-Geld« sind inzwischen viel eher teure Kunstgemälde oder Immobilien, die als Wertaufbewahrungsmittel dienen. Und wer ab und an im Supermarkt ist, weiß, wie langwierig es sein kann, mit EC-Karte zu bezahlen. Vor diesem Hintergrund bekommt ein letztes Argument besonderes Gewicht, das etwa Rogoff und Bofinger anführen: Ohne Bargeld könne die Geldpolitik der Zentralbanken besser greifen, namentlich die Zinspolitik. Warum? Die Niedrigzinspolitik der EZB soll Kredite billiger machen und so die Wirtschaft ankurbeln. Das passiert jedoch kaum. Unternehmen, die dringend Kredit bräuchten, bekommen trotzdem kein Geld - Banken ist das zu riskant. Niemand kann versprechen, dass sie das Geld wiedersehen. Andere Unternehmen wollen keinen Kredit. Zwar machen sie Profit, aber ihre Produktion kreditfinanziert auszuweiten, wird als zu riskant eingeschätzt - so rosig sind die Gewinnaussichten nun auch wieder nicht. Das Geld bleibt deshalb bei den Banken oder fließt an Finanzmärkte. Soll weiter geldpolitisch versucht werden, die Wirtschaft anzukurbeln, muss der Zins negativ werden. Das könnte dazu führen, dass Geld von den Banken abgehoben wird. Lieber ein paar 500-Euro-Scheine unter der Matratze als eine Entwertung des Ersparten hinnehmen. Gibt es kein Matratzen-Geld oder sogar gar kein Bargeld mehr, wäre das nicht möglich. Ähnliches praktizierte die Politik angesichts der Krise von 1929, zumindest in den USA: Während der deutsche Reichskanzler Heinrich Brüning die Krise mit Spardiktaten zu bekämpfen versuchte und verschärfte, verbot der US-Präsident Franklin D. Roosevelt den Besitz von mehr als fünf Unzen Gold, dem damaligen Matratzen-Geld und setzte so einen Teil der für den New Deal notwendige Liquidität frei. Es gibt jedoch auch Gegenstimmen aus einer anderen Ecke: Während bei Bargeld egal ist, wer den Schein ausgibt oder annimmt, das Verhältnis der Akteure mit dem Händewechsel des Geldscheines beendet ist, ist es bei Kreditgeld nicht nur existenziell zu wissen, wer Sender, wer Empfänger von Zahlungen ist (und sei es ein Nummernkonto), sondern als Kreditbeziehung bleibt es existent - und die Kreditwürdigkeit spielt eine große Rolle, was zusätzliche Informationen über den Gläubiger nötig macht (Kreditratings, Schufa-Auskunft etc pp.). Der Ökonom Martin Shubik formuliert es so: Bargeld hinterlässt keine Papierspur. Die Verpflichtung zu einem Konto bietet also ein Einfallstor für staatliche Überwachung, was (Neo-)Liberale bis Piraten auf den Plan ruft. Geld beginnt so plötzlich wieder zu stinken - Buchgeld ist schließlich auch eine Frage der Glaubwürdigkeit und der Ansicht der Person, des »Standes«. Für die einen ist der Vorschlag, Bargeld abzuschaffen, die Speerspitze des Neoliberalismus, für die anderen ein Angriff auf die liberalen Grundsätze der Marktwirtschaft. Schon dieser Widerspruch deutet an, dass das Problem etwas grundsätzlicher ist, nämlich zur Frage führt, was das eigentlich ist, das Geld. Mehr noch: Was Bargeld eigentlich von Buchgeld, dem Geld auf der Bank unterscheidet - es ist streng genommen kein Geld. Die Grundlage dafür, das Bargeld abgeschafft werden kann, ist, dass Geld etwa bei Banken liegt, Buchgeld entsteht. Das Geld ist jetzt in den Büchern der Bank, womit gegenüber der Bank eine Forderung entsteht. Das Geld hat sich scheinbar verdoppelt. Die Bank ist Schuldner und hat eine Verpflichtung gegenüber dem Kontoinhaber, dem Gläubiger. Zwar stellt sich beim Blick auf den Bildschirm, beim Onlinebanking, die Vorstellung ein, dass ich so und so viel Geld habe, de facto hat es aber die Bank. Das Geld auf den Konten ist somit eine bestimmte Form von Geld: Kredit- oder Buchgeld. Ich habe nur eine Forderung gegenüber der Bank. Buchgeld ist also kein Geld. Das zeigt sich schon daran, dass alle Forderungen und Verpflichtungen einander gegenüberstehen und einen Saldo von Null ergeben. Ein Zahlungsversprechen wird mit Geld beglichen, ist aber kein Geld, kann nur Geldfunktionen vollziehen, etwa in Form von Kreditgeld, früher etwa dem gängigen Handelskredit, dem Wechsel. Heute ist das Buchgeld vorherrschend. Wechsel kennt man aus Geschichtsbüchern oder Schwarz-Weiß-Filmen. Wenn also Person A an Person B eine Überweisung tätigt, dann wandert das Zahlungsversprechen der Bank X gegenüber Person A an die Bank Y, die jetzt eine Verpflichtung gegenüber Person B hat. Dieses Verhältnis ändert sich nicht grundlegend, wenn per EC-Karte gezahlt wird oder Bezahldienste genutzt werden. Buchgeld ist eine risikoreiche Angelegenheit, wie die letzten Jahre gezeigt haben - trotz Einlagensicherung. Dass Angela Merkel 2008 mit dem Wortlaut vor die Kameras treten mussten, »die Spareinlagen sind sicher«, schreibt Bände. Und in Griechenland, von Berlin mit dem Grexit bedroht, ziehen viele Menschen ihr Geld ab und das Banksystem hängt an der EZB-Notfallversorgung. Trotz der vielen Tinte, die in der Krise auf Fragen nach Geld und Kapitalismus verwendet wurde, bleiben für den Alltagsverstand selbst einfache Sachverhalte, die Unterscheidung von Geld und Buchgeld, im Dunkeln. Bei der Debatte um das Bargeld sind mehrere Punkte ungeklärt. Erstens geht es nicht um Geld, sondern darum, wie aus Geld mehr Geld werden kann. Seit der Krise stottert der Wachstumsmotor in Europa und selbst niedrige Zinsen helfen nicht. Das Geld wird nicht zu Kapital, dennoch auch Kapital ist nicht einfach eine große Summe Geld, sondern sich verwertendes Geld. Die Krise der Verwertung soll geldpolitisch gelöst werden. Und hier liegt der Hase im Pfeffer: Die Geldpolitik kommt an seine Grenzen. In der Bargeld-Debatte kommt zweitens zum Ausdruck, was Marx den Kapitalfetisch nannte: die Vorstellung nämlich, dass einer bestimmten Summe Geld scheinbar die natürliche Eigenschaft zukommt, mehr zu werden, nur weil es Geld ist. Mehr werden kann Geld aber eben nur, wenn es als Kapital fungiert, akkumulieren kann, Ausbeutung von Arbeitskräften stattfindet. Ausbeutung lohnt sich für das Kapital jedoch nur, wenn Profit winkt, wenn die Kosten für das Einzelkapital niedrig sind. Dazu gehören, neben den Löhnen, die dank Rot-Grün (Deutschland) und der Troika (Euro-Peripherie) bereits massiv geschliffen wurden, auch die Zinsen. Damit wären wir beim dritten Punkt, es wird nämlich unterstellt, dass Münzen oder Papier sicher sind, im Gegensatz zu Buchgeld, quasi von Natur aus. Dieses Misstrauen rührt aus einem tief sitzenden Ressentiment gegenüber Banken, Finanzalchemie und Kreditgeldschöpfung, wo schon so manche daran gescheitert sind, zu erklären, was sie da eigentlich machen. Das Vertrauen in Papiergeld war aber nicht immer groß. Nach der Französischen Revolution stand die Todesstrafe auf diskreditierende Äußerungen über die von der Revolutionsregierung ausgegebene Papierwährung. Das Vertrauen wurde also erzwungen und war alles andere als spontan. Bargeld, Münzen und Scheine, Buchgeld - das alles sind Formen von Geld. Meist wird einfach alles als Geld bezeichnet, wobei der Unterschied zwischen Kredit, einem Zahlungsversprechen, und Geld verschwimmt. Marx versuchte Ordnung in die Verwirrung zu bringen, fragte, warum es überhaupt die Form Geld braucht. Geld ist ihm zufolge die versachlichte Vergesellschaftungsinstanz, da sie unmittelbar als Wert gilt, unmittelbare Existenzform des Werts ist. Ein spezifisch gesellschaftliches Verhältnis erscheint als natürliches. Das führt Marx im Kapital aus. In der Erstauflage des Kapital von 1867 hat Marx hierfür ein instruktives Beispiel angeführt: »Es ist als ob neben und außer Löwen, Tigern, Hasen und allen andern wirklichen Thieren, die gruppirt die verschiednen Geschlechter, Arten, Unterarten, Familien u.s.w. des Thierreichs bilden, auch noch das Thier existirte, die individuelle Incarnation des ganzen Thierreichs.« Eine verrückte Vorstellung. Erst wenn sich die Warenwelt auf Geld beziehen kann, »das Tier« real zugegen ist, können sich die Waren aufeinander als Werte beziehen. Erst mit Geld können die Waren unabhängig von ihrem Gebrauchswert ihren Wertcharakter geltend machen und qua einem Preisschild vor sich hertragen. Das heißt nicht, dass Geld immer Papier sein muss (oder gar Gold) - selbst das Papiergeld ist ja eine kapitalistische Innovation, die sich erst nach langer Zeit gegen Gold und geprägte Münzen durchsetzen musste. Was es aber braucht ist ein Wertzeichen, eine unmittelbare Existenzweise des Werts, etwas, worauf sich die alle als Geld beziehen, beziehen müssen, um ihre Waren als Werte aufeinander beziehen zu können. Schafft es der Staat nicht mehr, Geld als das »einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel« allgemeinverbindlich durchzusetzen, findet ein Rückzug in andere »Gelder« statt. Kein Geld vereint dann mehr alle Funktionen. Die einen flüchten ins Gold, um ihr Vermögen in Sicherheit zu bringen, es erstarrt zum Schatz und kann weder als Geld noch Kapital fungieren. Es müssen neue Wertstandards für Kreditverträge gefunden werden und ein Geld, das als Zirkulationsmittel fungieren kann, weil niemand mehr Zahlungsversprechen akzeptiert. Der wirtschaftliche Zusammenhang der Gesellschaft zerfällt. »Money makes the world go round« sang einst Liza Minnelli, Geld ist alles andere als eine zu vernachlässigende Größe kapitalistischer Wirtschaft. Ganz im Gegenteil. Und umgekehrt gilt, wie der Soziologe Heiner Ganßmann immer wieder zurecht herausstellt, fördert jede Diskussion über Geld auch das Kapitalismusverständnis - und befähigt zu besserer Kritik an den Verhältnissen. Erschienen in: *neues deutschland*, 20.6.2015. ### PROKLA 179 zur Illusion und Macht des Geldes erschienen URL: https://blog.stuetzle.cc/prokla-179-zur-illusion-und-macht-des-geldes-erschienen/ Last updated: 2025-08-28T12:40:05.000Z Endlich ist die neue PROKLA erschienen. Thema: Illusion und Macht des Geldes. Auch ich habe einen Beitrag zum Gott der Waren beigetragen - Geld. Das [Editorial](http://www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/2015/prokla179-editorial.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) findet ihr[ hier](http://www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/2015/prokla179-editorial.pdf?ref=blog.stuetzle.cc). Der Beitrag von Martin Konecny zu [Syriza unter Druck und den den strategischen Perspektiven des linken Regierungsprojekts in Griechenland](http://www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/2015/konecny.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) ist online. Der Inhalt des ganzen Heftes [sieht aus wie folgt](http://www.prokla.de/2015/06/19/editorial-prokla-179/?ref=blog.stuetzle.cc). ### Wer weiß, wo der Ball liegt, gewinnt die Eurokrise URL: https://blog.stuetzle.cc/wer-weiss-wo-der-ball-liegt-gewinnt-die-eurokrise/ Last updated: 2015-06-15T13:23:45.000Z ``` Sportkommentar von Tom Strohschneider zur Eurokrise: ``` > »Der Ball liegt im Spielfeld der Griechen«, hat der Sprecher des Bundesfinanzministeriums, Martin Jäger, am Montag noch einmal erklärt. Warum? Weil gilt: Wer weiß, wo der Ball liegt, gewinnt die Eurokrise. Und der Sieger ist: Deutschland. Schon am 24\. März hatte der Berliner Ballbeauftragte Jäger gesagt: »Der Ball ist und bleibt im Spielfeld der griechischen Seite.« Offenbar wollte das niemand hören, weshalb Jäger Ende April wiederholte, dass »der Ball definitiv im Spielfeld der Griechen liegt«. Man zog sogar den CDU-Außenpolitiker Röttgen zu Rate, der am 8\. Juni feststellte: »Der Ball ist jetzt im Spielfeld von Griechenland, keine Frage.« Tags darauf bestätigte dies auch CSU-Spielführerin Hasselfeldt: »Der Ball liegt im Spielfeld von Griechenland.« Noch genauer wusste es am 13\. Juni der CDU-Haushälter Rehberg: »Der Ball liegt eindeutig im Spielfeld der griechischen Regierung, der Ball liegt in Athen.« Leider konnten ihn »die Spieltheoretiker« (Sigmar Gabriel) von SYRIZA dort nicht aufspüren. Kein Wunder: Am Samstag hat Griechenland auf den Färöern verloren. Sie haben einfach den Ball nicht gefunden. Gefunden beim *[neuen deutschland](http://www.neues-deutschland.de/artikel/974532.athen-akzeptiert-primaerueberschuss-ziel-von-1-prozent.html?ref=blog.stuetzle.cc)*. ### Leere Versprechen mit System. Was ein extra-institutionelles Treffen wie G7 in Elmau soll URL: https://blog.stuetzle.cc/leere-versprechen-mit-system-was-ein-extra-institutionelles-treffen-wie-g7-in-elmau-soll/ Last updated: 2025-08-28T12:41:27.000Z Viele hatten gedacht, dass nach dem G8-Gipfel in Heiligendamm derartige Treffen kaum mehr eine Rolle spielen. Mit der Krise ab 2008 wurde plötzlich die G20 wichtiger. Nun trifft sich die G7 in Elmau - ohne Russland. Es stellt sich die Frage, gegen was man sich bei derartigen Gipfelprotesten eigentlich richtet. Die G7 ist weder ein Staat, noch etwas, was mit der Europäischen Union (EU) vergleichbar wäre. Nicht einmal der Welthandelsorganisation (WTO) ist der G7-Gipfel ähnlich. Bei der WTO legen miteinander konkurrierende Staaten gemeinsame Spielregeln fest, können ein Schiedsgericht anrufen und sich bei Regelverletzungen sogar sanktionieren. Eine derartig verregelte Institutionalisierung zur Stabilisierung politischer Prozesse stellt die G7 nicht dar. Die G7 verfügen nur über eine schwach ausgebildete Bürokratie und beschränkte Interventionsformen. Die getroffenen Absprachen sind zu wenig verbindlich - im Kern betreibt sie symbolische Politik. Dass sie leere Versprechen sind und bleiben, liegt also in der Sache selbst. Die gesetzten Themen sind massiv von den Gastgeberländern bestimmt, da diese die Agenda festlegen. Als kontinuierlich behandeltes Thema stechen finanzpolitische Fragen heraus: Wechselkurse, Entschuldung, Strukturanpassung, Geldwertstabilität. Dabei werden in der Struktur der G7 nicht nur die Bedingungen der Akkumulation der global orientierten Kapitalfraktionen verhandelt, sondern auch die Bedingungen der Akkumulation überhaupt. Dazu gehört etwa die Energieversorgungssicherheit, die Deutschland dieses Jahr auf die Agenda gesetzt hat. Wenig verwunderlich ist, dass die Eurokrise kein Thema ist. Deutschland will das Thema in der Eurogruppe wissen, wo es seine Interesse geltend machen kann und nicht den Umgang mit Griechenland etwa mit den USA diskutieren, die in dieser Frage gegenüber der Berliner Linie kritisch sind. Aufgrund ihrer dominanten Stellung in den internationalen finanzpolitischen Institutionen wie IWF und Weltbank ist die G7 als informelles, internationales finanzpolitisches Relais mit flexiblen thematischen Erweiterungsmöglichkeiten zu verstehen, das in allen Feldern eine koordinierende Funktion aufweist. Auf internationaler Ebene haben die G7 deshalb eine Filterfunktion im Hinblick auf die Politik in den anderen internationalen Staatsapparaten wie WTO, IWF und OECD. Die Abschlussdokumente der Gipfeltreffen zeigen recht deutlich, wie diese Funktion greift: Zentrale und für dominante Kapitalfraktionen wichtige Anliegen wie Investitionssicherheit werden in ihrer strategischen Ausrichtung definiert und in wichtige und mit Sanktionsmacht ausgestattete Institutionen verschoben (WTO); »soft issues« wie Umwelt und Armut, die dem Gipfel eine gewisse Legitimation verschaffen sollten, werden in schwache Institutionen wie UNCTAD und ILO verschoben. Eine Metapher der Gegenmobilisierungen in Heiligendamm beschrieb die G8 als »Knoten im Netzwerk der Hegemonie«. Die Gipfeltreffen organisieren entsprechend die globale Hegemonie der westlichen Industrieländer und sind zugleich ein Forum, in der das kapitalistische Gesamtinteresse auf globaler Ebene austariert werden soll. Dieses kann nicht einfach vorausgesetzt werden, sondern ist vielmehr Resultat politischer Prozesse und Kompromisse, da es weder gemeinsame Interessen von internationalisierten Einzelkapitalien noch von Nationalstaaten gibt - vielmehr stehen sie wie bei Fragen des Zugangs zu Energieressourcen in Konkurrenz zueinander. In diesem Sinne stellt die G7 einen transnationalen Hegemonial-Apparat dar, der Teile des herrschenden Blocks organisiert und Kompromisse zwischen den herrschenden Kräften aushandelt. Dass Russland dieses und letztes Jahr ausgeladen wurde (erstmals nahm das Land 1998 teil), ist Teil dieser Politik: Russland wird verwehrt, das kapitalistische Gesamtinteresse mitzudefinieren. Zum anderen sorgen die G7 aber auch für die Zustimmung zu bestimmten Herrschaftsverhältnissen, auch zwischen den G7 und Nicht-G7-Staaten. Deshalb wurden in den letzten Jahren im Vorfeld von Gipfeln immer wieder sogenannte Schwellenländer (China, Brasilien, Südafrika, Indien) einbezogen - durchaus mit dem Interesse, einem anderen Gipfeltreffen, dem G20, möglichst keine politische Bedeutung zukommen zu lassen. Der Versuch der G7, eine akzeptierte politische Führung auf globaler Ebene zu erreichen, betrifft aber nicht nur die Schwellenländer, sondern auch subalterne zivilgesellschaftliche Akteure. Gegenüber diesen macht die G7 deutlich, dass die Globalisierung »gestaltet« wird. Mitunter fordert die G7 NGOs und andere politische Gruppen auf, sich konstruktiv einzubringen. Dem G7-Treffen wird meist eine fehlende Legitimität zugesprochen, vor allem weil es sich der demokratischen Partizipation aller Staaten auf der Welt entzieht. Dieses Argument ist nicht nur formal problematisch, sondern auch strategisch gefährlich. Da die G7 als informeller Club keine allgemein verbindlichen Entscheidungen treffen, geht der Vorwurf der mangelnden Partizipation aus demokratischer Perspektive ins Leere. Außerdem ist mit der Diskussion um eine G20 ein Reformprojekt bereits angelegt, das es einem erweiterten Kreis führender Staaten ermöglichen soll, breite Zustimmung, nicht nur bei Entwicklungsländern, zu organisieren, sondern auch bei zivilgesellschaftlichen Kräften. Der Frage nach der fehlenden Legitimität der G7 kann vor diesem Hintergrund nur mit einer Flucht nach vorne in eine radikale Staatskritik begegnet werden. Die Nationalstaaten sichern eine ökonomische Logik ab, die das Lebensinteresse der Menschen systematisch untergräbt, und gleichzeitig rassistische und asymmetrische Geschlechterverhältnisse herstellen. Wer aktuelle Herrschaftsverhältnisse kritisieren will, kommt um eine fundamentale Staatskritik nicht herum. Erschienen in: [ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 605](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak605/25.htm?ref=blog.stuetzle.cc) vom 19.5.2015. ### Das Kapi­tal ist außer sich. Luxem­burgs Begrün­dung der Not­wen­dig­keit nicht­ka­pi­ta­lis­ti­scher Milieus URL: https://blog.stuetzle.cc/das-kapital-ist-ausser-sich-luxemburg/ Last updated: 2015-05-21T13:58:13.000Z > »Ich … hasse Ber­lin und die Deut­schen schon so, dass ich sie umbrin­gen könnte. Über­haupt braucht man anschei­nend zum Leben eine Reserve an Gesund­heit und Kräf­ten.« (Rosa Luxem­burg an Leo Jogi­ches, 16\. Mai 1898) Am 10\. Mai referierte ich auf Einladung der *[jour fixe initia­tive berlin](http://www.jourfixe.net/?ref=blog.stuetzle.cc)* zu Rosa Luxemburg. In der [Ankündigung](http://www.jourfixe.net/series/4/events/51?ref=blog.stuetzle.cc) hieß es: > Im zweiten Band des Kapital verdeutlicht Karl Marx, dass die kapitalistische Produktionsweise zu ihrem Funktionieren vieler Voraussetzungen bedarf. Bis heute wird im Anschluss an Rosa Luxemburg darüber diskutiert, ob Marx hierbei nicht vernachlässigt habe, dass dies nur auf Grundlage kapitalistischer Expansion in nichtkapitalistische Milieus möglich sei. Luxemburg argumentiert im Anschluss an die Marxschen Reproduktionsschemata, dass der Kapitalismus nicht nur krisenhaft, sondern immer auch expansiv sein müsse. Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation, die Trennung der unmittelbaren Produzent\_innen von ihren Produktionsmitteln, habe den Kapitalismus demnach nicht nur in die Welt verholfen, sondern bleibe eine systematische Voraussetzung des Kapitalverhältnisses. Die Veranstaltung soll Luxemburgs Marx-Kritik kritisch diskutieren. Nach dem Vortrag wurde ich mehrmals gebeten, die Folien, die ich dort präsentierte, zugänglich zu machen. [Das möchte ich hiermit tun](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2015/05/Luxemburg-oder-Das-Kapital-ausser-sich.pdf?ref=blog.stuetzle.cc). Die Grafik am Ende der Folien ist von Urs Lindner (»Macht Arbeitsteilung Sinn? Zur Relevanz von Marx für die gegenwärtige Sozialtheorie«, in: Bude, Heinz/ Damitz, Ralf M., et al. (Hg.): [*Marx. Ein toter Hund? Gesellschaftstheorie reloaded*](http://www.vsa-verlag.de/detail/artikel/marx-ein-toter-hund-1/?ref=blog.stuetzle.cc), Hamburg 2010, 175-197.). Die detaillierte Auseinandersetzung mit den Reproduktionsschemata findet ihr [hier](http://stuetzle.cc/2014/04/imperialismustheorie-und-luxemburg-kritik-an-marx-reproduktionsschemata/?ref=blog.stuetzle.cc). [An anderer Stelle](http://stuetzle.cc/2014/04/kapitalismus-und-krieg-zwei-seiten-einer-medaille-nicht-nur-rosa-luxemburg-versuchte-den-ersten-weltkrieg-oekonomisch-zu-erklaeren/?ref=blog.stuetzle.cc) bin ich aus Anlass von 100 Jahre Erster Weltkrieg nochmal auf den Zusammenhang von Kapitalismus und Krieg eingegangen und habe unter anderem den Ansatz von Luxemburg kritisch diskutiert. Zudem möchte ich die Gelegenheit nicht verpassen, auf [Ursula Schmiederers Text zum Verhältnis von Organisation und Spontaneität bei Rosa Luxemburg](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak535/19.htm?ref=blog.stuetzle.cc) hinzuweisen. ### FAQ. Noch Fragen? Offene Offene Beziehung mit Euro? URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-offene-offene-beziehung-mit-euro/ Last updated: 2015-05-20T19:00:26.000Z ```
``` ![bank-of-berlin](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/bank-of-berlin.jpg) Parallelwährung oder nicht - ist das die Frage? Ein Ausstieg aus dem Euro ist rechtlich eigentlich nicht möglich. Deshalb wird in den letzten Wochen eine scheinbar softere Variante ins Spiel gebracht: Athen könnte doch eine Parallelwährung einführen, also eine zweite Währung, die neben dem Euro gilt. Die Tageszeitung Die Welt berichtete, vor dem Treffen der Eurofinanzminister\_innen in Brüssel am 11\. Mai 2015 hätten die Unterhändler\_innen der Gläubigerstaaten nicht mehr ausschließen können, dass Griechenland eine Parallelwährung einführen muss. Wie kann man sich das vorstellen? Wenn die Hilfszahlungen der Troika ausbleiben, ist die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands die unmittelbare Folge - sofern Athen sich nicht woanders Geld besorgen kann. Bisher hält sich Athen mit allerlei Notmaßnahmen über Wasser. Ohne Geld könnte auch der griechische Staat nichts mehr bezahlen - weder Zinsen noch Gehälter für Staatsbedienstete. Aber er könnte Schuldverschreibungen ausgeben, sogenannte IOUs, was phonetisch für »I owe you« (Ich schulde Ihnen) steht, - also ein Versprechen auf spätere Zahlung. Dieses könnte Geldfunktionen übernehmen, solange daran geglaubt wird, dass die Einlösung des Versprechens realistisch ist - und zwar in Euro; schließlich verbrieft der Titel ein Zahlungsversprechen in dieser und keiner anderen Währung. Ob das ein Ausweg sein kann, bei gleichzeitigem Verbleib in der Eurozone, ist jedoch mehr als fraglich - auch wenn anderenorts durchaus einmal Ähnliches praktiziert wurde. Etwa in Kalifornien, als Arnold Schwarzenegger, Gouverneur des Bundesstaates, 2009 Schuldscheine drucken ließ, statt die Steuern zu erhöhen, um damit etwa Pensionsversicherungen und Beamtengehälter zahlen zu können. In Kalifornien standen hinter den IOUs die US-Zentralbank Fed sowie der US-Zentralstaat, sodass nach wenigen Monaten »richtiges Geld« eingelöst werden konnte, nachdem Schwarzenegger wieder Geld zur Verfügung hatte. Nie wurde darüber spekuliert, ob Kalifornien aus dem US-Dollar fliegt. In Griechenland kommen die Schuldscheine jedoch einem Euroaustritt gleich. Hinter den Schuldscheinen stünde nämlich nicht die EZB, niemand würde die IOUs freiwillig akzeptieren, der Staat müsste dazu zwingen. Nur wie? Gezwungen werden könnten nur diejenigen, die ihre Einkünfte in den Zahlungsversprechen ausgezahlt bekommen (Staatsbeamte, Rentner\_innen). Eine andere Form des Zwangs besiegelt de facto eine neue eigene Währung. Athen könnte die IOUs als allein gültiges Zahlungsmittel festschreiben, den Gebrauch von Euros verbieten und beschließen, dass Steuern mit den Schuldscheinen beglichen werden sollen. Mangels Akzeptanz würde jedoch schnell ein Preisverfall der Schuldscheine einsetzen. Obwohl ein IOU vielleicht auf 100 Euro läuft, wäre er nur noch 50 Euro oder weniger wert. Kaum jemand ginge noch davon aus, dass das Versprechen, 100 Euro zu bekommen, auch eingelöst wird. Alle, die gezwungen wären, die Schuldscheine zu akzeptieren, würden versuchen, sie schnell in Euro umzutauschen. Die damit einhergehende wachsende Angst vor einem Grexit würde zu einem Bankrun führen, das Bankensystem würde zusammenbrechen. Weder Zentralbank noch Staat hätten eigenes Geld, es zu stützen. Eine Parallelwährung wäre also keine Alternativlösung, sondern ein Einstig in den Ausstieg - ohne Vorteil für Athen. Die Schulden Griechenlands würden weiterhin in Euro laufen. Damit käme die neue Währung und deren Abwertung einer gewachsenen Schuldenlast gleich. Die Wirtschaft wäre von dem in der Zirkulation befindlichen Geld abhängig. Es dürfte aber kaum verliehen werden - weder in Euro noch in anderen Formen von Zahlungsversprechen. Rechnungen würden nicht bezahlt und die Wirtschaft völlig einbrechen. Die Verarmung der Bevölkerung setzte sich fort. Zudem würden sich alle Importe verteuern und damit die Inflation anfeuern. Denn eine Abwertung der eigenen Währung, wie sie südeuropäische Länder in den 1970er Jahren vornahmen, führt nicht unbedingt zu weniger Konkurrenzdruck. Und nicht zuletzt wäre Griechenland weiterhin von der Geldpolitik der EZB abhängig wie alle europäischen Länder vor dem Euro von der Politik der Bundesbank - so zum Beispiel beim Zinsniveau, das ansteigen müsste, um die Kapitalflucht zu verhindern. Diese Hochzinspolitik würde die griechische Wirtschaft weiter abwürgen. Alles unwahrscheinlich? Nicht, wenn man Schäuble zuhört, der in einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagte: »Das wäre vielleicht sogar eine richtige Maßnahme, das griechische Volk entscheiden zu lassen, ob es das, was notwendig ist, bereit ist zu akzeptieren oder ob es das andere möchte« - was »das andere« sein soll, kann man ahnen. **Ingo Stützle** Erschienen in: [*ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis*, Nr. 605](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak605/36.htm?ref=blog.stuetzle.cc) vom 19.5.2015 ### Melange und Apfelstrudel zum 8. Mai URL: https://blog.stuetzle.cc/melange-und-apfelstrudel-zum-8-mai/ Last updated: 2015-05-08T08:54:55.000Z ``` Eine jüdische Emigrantin ist heimgekehrt und sitzt wieder in ihrem ehemaligen Stammcafé - der Zweite Weltkrieg und die Naziherrschaft sind beendet. Sie bestellt eine Melange, einen Apfelstrudel und den Völkischen Beobachter. Der Kellner antwortet: »Die Melange und den Apfelstrudel bringe ich Ihnen gerne, aber den Völkischen Beobachter gibt es nicht mehr.« Die Szene wiederholt sich in den kommenden Tagen, bis der Kellner fragt: »Gnädige Frau, warum wiederholen Sie denn immer wieder ihre Bestellung, wo ich Ihnen doch sage, den Völkischen Beobachter gibt es nicht mehr.« Sie antwortet: »Ich weiß, aber ich kann es nicht oft genug hören.« ``` (Frei wiedergegeben und zu finden in *[Moische, wohin fährst du?](http://d-nb.info/1002357144?ref=blog.stuetzle.cc)* Dank an: Lukas Oberndorfer) ### FAQ. Noch Fragen? Schuld und Sühne URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-schuld-und-suehne/ Last updated: 2025-08-28T12:41:53.000Z Ein deutscher CDU-Politiker, der Vorsitzende des Europa-Ausschusses des Bundestages, Gunther Krichbaum, bezeichnete die griechischen Reparationsforderungen als Ablenkungsmanöver, mit der »nur von der eigenen Unfähigkeit« mit dem Ziel abgelenkt werden solle, »sich selbst in eine Opferrolle« zu begeben. Deutschland zeigt damit ein weiteres Mal, dass es nicht nur Exportweltmeister ist, sondern auch Weltmeister in der Disziplin Täter-Opfer-Umkehrung. Am 6\. April 1941 überfiel die Wehrmacht Griechenland. Der Überfall war ein regelrechter Beutezug, ein raubwirtschaftlicher »Kahlfraß«, so die Wirtschaftsoffiziere der Wehrmacht in ihren Tagebüchern. Die gesamte Tabakernte der Jahre 1939 und 1940 wurde de facto enteignet: 85.000 Tonnen im Wert von 175 Millionen Reichsmark (RM). Bis zum Frühjahr 1942 wurden 270.000 Tonnen Tabak nach Deutschland geschafft. Das brachte Hitler dank Tabaksteuer nicht nur bis zu 2,5 Milliarden RM ein. Der Tabak war auch ein wichtiger Rohstoff, um die Moral der Mörderbanden der Wehrmacht und SS im Krieg aufrechtzuerhalten. Auch andere wichtige Rohstoffe wurden nach Deutschland »exportiert«: sämtliche Erze, Mineralöl- und Kohlevorräte, Olivenöl, Baumwolle und Korinthen sowie Seide für die Fallschirmproduktion. Die Ausplünderung hatte nach Angaben des Wehrwirtschaftsstabs zur Folge, dass 1941 etwa 40 Prozent des griechischen Realeinkommens von den Besatzungs- und Staatskosten in Anspruch genommen wurden. 1942 waren es bereits 90 Prozent! Die Ausplünderung verursachte eine Destabilisierung der Wirtschaft und eine Hungersnot. Im Hungerwinter 1941/42 starben über 100.000 Menschen. Danach setzte eine andere Form der Ausplünderung ein. 1942 wurde Griechenland dazu gezwungen, den deutschen Besatzern einen Kredit zu gewähren. Nach 1945 waren noch 476 Millionen RM offen, die nie bezahlt wurden. Diese Zwangsanleihe soll aus Sicht Griechenlands bedient und getilgt werden - sie entspräche heute etwa 11 Milliarden Euro. Szenenwechsel: Im Juni 2000 beschließt der Deutsche Bundestag, dass Griechenland in die Eurozone aufgenommen werden soll. Auf dem EU-Gipfel am 19\. Juni wird bestätigt, dass Athen alle gewünschten Kriterien erfüllt und zum 1\. Januar 2001 den Euro einführen darf. Anfang 2015 lehnte das Verwaltungsgericht Berlin eine [Klage des Stern](http://blogs.stern.de/hans-martin%5Ftillack/staatsgeheimnis-griechen-hilfe/?ref=blog.stuetzle.cc) ab. Das Magazin drängte auf die Herausgabe eines Briefwechsels aus der damaligen Zeit zwischen den Duz-Freunden Kostas Simitis (dem damaligen griechischen Premier) und dem seinerzeitigen Bundeskanzler Gerhard Schröder. »Ich hoffe auf deine Unterstützung bei den nun folgenden Verfahren«, schrieb Simitis - den Rest ließ das Kanzleramt schwärzen. Als Begründung führten dessen Hausjurist\_innen unter anderem an, dass es »nicht absehbar« sei, »wie eine Offenlegung der genauen Umstände des Beitritts Griechenlands zur Eurozone bei öffentlichen und privaten Investoren aufgenommen würde«. Was ein offenes Geheimnis ist: Vom EU-Statistikamt bis zur Bundesregierung war eigentlich allen klar, dass Griechenland die formalen Kriterien für einen Eurobeitritt nicht erfüllte. Bleibt die Frage: Wieso unterstützte Schröder Kostas trotzdem? 2014 lieferte der griechische Unternehmensberater Alexandros Avatangelos einen plausiblen Grund: Der Eurobetritt sei Teil eines Koppelgeschäfts mit der deutschen Rüstungsindustrie gewesen. Mit den frisch eingeführten Euro kaufte nämlich Athen 170 Leopard-2-Panzer und U-Boote. Aber ein weiteres »Geben« und »Nehmen« liegt nahe: Anfang Mai 2000 bestätigte das Oberste Gericht Griechenlands, dass den Hinterbliebenen des NS-Massakers in Distomo 54 Millionen D-Mark auszuzahlen seien. Die rot-grüne Bundesregierung weigerte sich. Sie wollte keinen Präzedenzfall schaffen. Die Weigerung führte zu einer Eskalation: Das Vermögen des deutschen Goethe-Istituts in Athen sollte beschlagnahmt und im September 2000 zwangsversteigert werden. Wenige Wochen zuvor gab der griechische Justizminister, Michalis Stathopoulos, noch ein paar Interviews. So machte er Ende Juli 2000 gegenüber der [Berliner Zeitung](http://www.berliner-zeitung.de/archiv/griechenlands-justizminister-stathopoulos--vertrag-von-1960-hat-frage-der-reparationszahlungen-nicht-endgueltig-geklaert--nur-eine-gerechte-loesung-wird-von-uns-akzeptiert-,10810590,9820384.html?ref=blog.stuetzle.cc) deutlich, dass »die allgemeine Frage von Reparationen auch 55 Jahre nach Kriegsende politisch als nicht abgeschlossen betrachtet wird«. Und dem [Magazin Spiegel](http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-16914265.html?ref=blog.stuetzle.cc) sagte er: »Ich bedaure, dass Kultureinrichtungen von diesem Streit nicht ausgenommen werden, aber ich kann von Amts wegen nichts dagegen tun.« Von Amts wegen tat er dann aber wenige Wochen später doch etwas anderes: Er verweigerte seine Unterschrift. Der eigentlich rechtskräftige Beschluss zur Beschlagnahme deutschen Vermögens konnte deshalb nicht in die Tat umgesetzt werden. Die gleichzeitig eingeleitete Zwangsversteigerung des Deutschen Archäologischen Instituts in Athen wurde ebenso abgesagt - just von der Gerichtsvollzieherin, die noch kurz zuvor die Enteignung des Goethe-Instituts angeordnet hatte. Ein aussagekräftiger Zufall, dass plötzlich die NS-Vergangenheit ruhen durfte, als der griechische Eurobeitritt dank deutscher Unterstützung unter Dach und Fach war. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. **Ingo Stützle** Erschienen in: ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 604 vom 21.4.2015 ### FAQ. Noch Fragen? Investitionen für Griechenland URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-investitionen-fuer-griechenland/ Last updated: 2015-03-29T19:13:14.000Z ``` Eine der ersten Wortmeldungen des neuen griechischen Finanzministers Gianis Varoufakis war: »Ich bin Finanzminister eines bankrotten Staats«, und lange stand für die Troika die Forderung im Vordergrund, dass Griechenland den Gürtel enger schnallt. Inzwischen stellt sich die politische Klasse auch die Frage: Wie können Investitionen angeregt werden? In den letzten Wochen wurden deshalb einige Ideen gewälzt. Genannt wurden hierbei einige weniger bekannte Institutionen wie die Europäische Investitionsbank (EIB), die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) oder die diversen EU-Regionalfonds. Aber folgen diese Einrichtungen einer anderen Logik als die der Austerität? ``` Europa brauche einen langen Atem, um die Krise hinter sich zu lassen, sagte Angela Merkel Anfang März 2015 auf einer Konferenz der EIB. Dafür seien jedoch weitere Reformen notwendig - auch in Griechenland. Die Rolle der EIB beim von Deutschland gesteuerten Austeritätskurs skizzierte die Kanzlerin als die eines »Schrittmachers und Helfers«. Das hört sich nicht so an, als markierte die EIB einen Bruch mit dem bisherigen Sparkurs. Schon zuvor hatte die EIB selbst Spekulationen zurückgewiesen, sie werde sich umfassender oder gar anders in Griechenland engagieren. Derzeit habe die Bank 16,9 Milliarden Euro in Griechenland gesteckt, ein »atemberaubendes« Volumen, so EIB-Präsident Werner Hoyer. Seit der Krise seien mehr als 11 Milliarden Euro für Infrastrukturvorhaben, kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sowie Energieprojekte bereitgestellt worden. »Im Moment sehe ich keine neuen Projekte«, sagte er weiter. Auch werde nicht an den Standards gerüttelt: »Schwache Projekte sind ein Ausschlusskriterium für diese Bank.« Also gilt auch hier das Prinzip: Geld gibt es nur für Projekte, die profitabel sind oder die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen. Ähnlich sieht es bei der EBWE aus. Sie wurde kurz nach 1990 mit dem originären Ziel gegründet, die Transformationsphase in den osteuropäischen, ehemaligen realsozialistischen Ländern zu unterstützen - in Richtung kapitalistische Marktwirtschaften. Noch heute ist im Selbstverständnis zu lesen, dass das Ziel der Bank sei, »ein solides Investitionsklima mit zu schaffen, das auf einem wirksamen Rechts- und Regulierungsrahmen basiert«, und dass sie danach strebe, »die Region bei der Umwandlung in erfolgreiche Marktwirtschaften zu unterstützen«. Hört sich schwer nach den neoliberalen Evergreens an: Deregulierung, Privatisierung und Unternehmertum. Die EU-Regionalfonds waren zwar einmal mit dem Ziel gegründet worden, einen sozialen Ausgleich innerhalb Europas zu ermöglichen, entwickelten sich aber bereits in den 1980er Jahren in einen Motor der neoliberalen Integration. Die Gelder, die sie Athen zwischen 2007 und 2013 zugestanden haben, waren erst 2014 zu 80 Prozent ausgeschöpft. Damit belegt Athen den fünften Platz derjenigen EU-Länder, die darauf Anspruch haben. Das ist aber nur einer 2011 von der EU-Kommission eingesetzten Task-Force zu verdanken, die Griechenlands Bürokratie dabei half, die Gelder auch abzurufen. Davor war Griechenland auf dem 18\. Platz. Aber es stellt sich auch die Frage, für was die Gelder genutzt werden können, schließlich werden auch sie nach einer gewissen Logik vergeben. Statt sozialen Ausgleichs, der Widerspruche kompensiert, die durch die Konkurrenz innerhalb der Eurozone entstehen, wird die Logik der Wettbewerbsfähigkeit unterstützt: Die EU-Regionalpolitik stellt »eine zukunftsgerichtete Strategie dar, die Betrieben der Peripherie mit relativen Konkurrenzvorteilen auf europäischen Märkten zum Durchbruch verhilft. Insofern kompensiert die Regionalpolitik auch nicht die ökonomischen Nachteile, die sich aus dem Binnenmarkt ergeben, sondern fungiert umgekehrt als Instrument zur verbesserten Nutzung der potenziellen Vorteile, die sich auch fur Teile der peripheren Wirtschaft infolge der Marktintegration bieten«, so bereits Ingeborg Tömmel in ihrer Studie zur staatlichen Regulierung und europäischen Integration vor 20 Jahren. Das bedeutet nichts anderes, als dass auch die EU-Regionalpolitik die Austeritätslogik darin unterstützt, Gewinner und Verlierer zu produzieren, oder wie es im EU-Sprech heißt: die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Dieses Beispiel zeigt, dass es nicht allein um die Troikapolitik geht, darum, wie das Kleingeruckte des nächsten »Hilfsprogramms« aussieht. Vielmehr müssen die EU-Institutionen selbst Gegenstand eines grundlegenden Transformationsprozesses werden, um auch nur etwas sozialdemokratisch-reformistische Politik zu ermöglichen. **Ingo Stützle** Erschie­nen in: ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 603 vom 17.3.2015 ### Kaum Luft zum Atmen. Alle neuen Maßnahmen der SYRIZA-Regierung hängen am Tropf der EZB URL: https://blog.stuetzle.cc/kaum-luft-zum-atmen-alle-neuen-massnahmen-der-syriza-regierung-haengen-am-tropf-der-ezb/ Last updated: 2025-08-28T12:42:52.000Z Die neue griechische Regierung hat mit der sogenannten Eurogruppe vier Monate Zeit ausgehandelt, die ersten Wochen sind bereits verstrichen und neue Konflikte aufgebrochen. Inzwischen liegen dem neu gewählten Parlament die ersten Vorschläge und Gesetzesentwürfe vor. Ein neuer Mindestlohn soll zwar erst 2016 eingeführt werden, die erste Anhebung soll aber bereits in diesem Jahr kommen. Theano Fotiou, die stellvertretende Ministerin für Arbeit und soziale Solidarität, präsentierte im griechischen Parlament zudem ein erstes Gesetz zur Bekämpfung der humanitären Krise. Die ersten Maßnahmen umfassen: - Wiederanschluss ans Stromnetz für die 300.000 ärmsten Haushalte, kostenloses monatliches Stromkontingent bei niedrigem Einkommen. - 300.000 Haushalte werden mit Lebensmittelkarten ausgestattet. Sie sind Zahlungsmittel in allen Lebensmittelgeschäften. Für die Berechtigten handelt die Regierung Rabatte aus. - Mietförderungen für 30.000 Familien in der Höhe von 70 Euro pro Person und 250 Euro pro Familie. Die Förderung erhalten die Vermieter\_innen direkt, und sie ist steuerlich absetzbar. Ziel ist auch, neue, günstige Mietverträge zu unterstützen. Da SYRIZA mit ihrem Koalitionspartner, der rechten ANEL, die Mehrheit hat, kann dieses Gesetz ohne weitere Verzögerung beschlossen werden. Bleibt die Frage der Finanzierung und die nach der Umsetzung. Die selbstorganisierten Solidaritätsstrukturen sollen für die Umsetzung eingebunden werden. Sie sollen zunächst die Betroffenen über das geplante staatliche Unterstützungsprogramm informieren. Viele Menschen leben inzwischen ohne Strom, Fernsehen und Internet, das heißt sie haben nur bedingt Zugang zu den nötigen Informationen. Ähnliches hat die Regierung mit den Kooperativen, Solidaritätsnetzwerken und der gewachsenen Direktvermarktung vor. Letztere ist in den letzten Jahren vor allem im Bereich der landwirtschaftlichen Güter mit dem Ziel entstanden, den Zwischenhandel zu umgehen - nicht nur um Kosten für die Produzent\_innen und die verarmten Konsument\_innen zu sparen, sondern auch, um den Markt als Vermittlungsinstanz zurückzudrängen. Bisher gibt es jedoch kaum rechtliche Rahmen oder staatliche Unterstützung für diese Strukturen. Das will SYRIZA ändern und so diese Formen des Wirtschaftens stärken. Was bisher jedoch fehlt, ist ein Austausch mit genossenschaftlichen Initiativen - etwa aus Spanien oder Norditalien, die auf eine jahrzehntelange Erfahrung mit Genossenschaften und genossenschaftlichen Banken zurückblicken können. (Siehe ak 580) Auch der geplante Stopp der von der Troika verordneten Privatisierungen ist ein Versuch, die Profit- und Marktlogik zurückzudrängen. Obwohl nach den Wahlen angedeutet wurde, dass die Privatisierungsbehörde unter der neuen Regierung keine Aufgabe mehr habe, nahm sie schon bald wieder ihre Arbeit auf. Denn bereits vereinbarte Privatisierungen sollen nun doch abgeschlossen werden, weitere sollen überprüft werden. Die Vorgängerregierung hatte unter dem Druck der Troika Privatisierungen im Umfang von 50 Milliarden Euro angekündigt. Während Steuern regelmäßige Einnahmen garantieren, stellt eine Privatisierung jedoch nur eine einmalige Möglichkeit dar, an Geld zu kommen. Was verkauft ist, ist verkauft. So wurden die staatlichen Anteile der Lottogesellschaft Opap für 652 Millionen Euro verhökert. Nur: Opap spülte jedes Jahr etwa 200 Millionen Euro in die Staatskasse. Ab dem vierten Haushaltsjahr ist diese Privatisierung also ein Verlustgeschäft. Und das, obwohl sie die bisher größte und lukrativste war. Mit Privatisierung geht Korruption einher. Auch hier will Athen neue Saiten aufziehen - etwa bei Altfällen, unter Beteiligung von Siemens. Griechenland muss jedoch nicht nur Ausgaben finanzieren, sondern auch Kredite bedienen und ablösen. Wie in allen modernen Staaten üblich, soll das in Form einer Refinanzierung geschehen: Alte Kredite werden durch neue Kredite abgelöst. Dafür braucht Athen frisches Geld - von institutionellen oder privaten Gläubigern. Woher kommt das Geld? Die Steuereinnahmen sind eingebrochen. Die Regierung geht derzeit von Steuerrückständen in Höhe von fast 80 Milliarden Euro aus. Viele Griech\_innen haben zunächst ihre Steuerzahlungen zurückgehalten und die Entscheidungen der neuen Regierung abgewartet. Die ausstehenden Kredite des noch laufenden Troikaprogramms wurden noch nicht ausgezahlt. Allein 6,85 Milliarden Euro an Krediten muss Athen diesen März ablösen. Deshalb hat die SYRIZA-Regierung damit begonnen, Ausgaben über die Rentenkasse zu finanzieren, das heißt, sich dort für kurze Zeit Geld zu leihen und mit Zinsen wieder zurück zu zahlen. Zudem organisiert sich Athen Geld auf dem Finanzmarkt. Hierfür gibt Griechenland kurzfristige Staatsanleihen aus, sogenannte T-Bills mit einer Laufzeit von meist drei bis sechs Monaten. Diese kaufen vor allem griechische Banken. Doch es gibt ein Problem. Zur Versorgung mit frischem EZB-Geld können die Geschäftsbanken keine griechischen Staatsanleihen mehr als Sicherheit bei der EZB hinterlegen. Die EZB hat aber der griechischen Zentralbank die Möglichkeit gegeben, die Banken über das Notfallprogramm ELA mit Liquidität zu versorgen. Die Kredite sind jedoch wesentlich teurer als der EZB-Leitzins, der derzeit bei nur 0,05 Prozent liegt, und das Risiko liegt allein bei der griechischen Zentralbank. Zudem ist das ELA-Programm von der EZB gedeckelt. Der Spielraum, den die EZB der griechischen Regierung lässt, sich mit T-Bills zu finanziert, ist recht klein. Deshalb klagte auch Finanzminister Gianis Varoufakis: »Aus meiner Sicht verfolgt die EZB eine Politik gegenüber unserer Regierung, die ihr die Luft zum Atmen nimmt.« Nur bedingt nachgelassen hat der Druck, als die EZB am 12\. März bekannt gab, das ELA-Limit um weitere 600 Millionen Euro auf nun fast 70 Milliarden anzuheben. Die EZB scheint damit Griechenland einerseits nicht fallen zu lassen, was auch offizielle Linie der EU-Kommission ist; andererseits erhöht sie den Druck auf die Eurogruppe, eine »Lösung« zu finden. Was jedoch jetzt schon klar ist: dass sich mit oder ohne Griechenland in der Eurozone, mit jeder Lösung die Widersprüche innerhalb Europas eher verschärfen als auflösen werden. Erschienen in: [ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak603/42.htm?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 603 vom 17.3.2015 ### Formative Phase: zum neuesten MEGA-Band und die »Manchester Hefte« URL: https://blog.stuetzle.cc/formative-phase-zum-neuesten-mega-band-und-die-manchester-hefte/ Last updated: 2025-06-19T12:21:01.000Z ![](http://www.degruyter.com/doc/cover/9783050061238.jpg) Was während des Aufenthalts in Manchester entstand, waren neun Exzerpthefte. Vor ziemlich genau 150 Jahren, um den 23\. März 1865 herum, bekam Karl Marx Post aus Deutschland. Der Philosoph und Ökonom lebte da bereits seit 15 Jahren in London. Mit dem Schreiben des Otto-Meißner-Verlags kamen auch die Vertragsunterlagen für ein Buch, das später zu einem der weltbekanntesten werden sollte: »Das Kapital«. Ein Erscheinen war für den Herbst 1867 geplant. Etwa 20 Jahre vor diesem einschneidenden Ereignis betrat Marx das erste Mal englischen Boden. Eine Studienreise führte ihn zusammen mit seinem Freund Friedrich Engels nach Manchester, wo Engels schon einige Zeit verbracht hatte. Beide planten die Herausgabe einer »Bibliothek der vorzüglichsten sozialistischen Schriftsteller des Auslandes« und wollten hierfür Material sichten. Marx plante zudem eine Schrift, die nie erschien: »Zur Kritik der Politik und Nationalökonomie«. Was während des Aufenthalts in Manchester entstand, waren jedoch neun Exzerpthefte. Vier der sogenannten Manchester-Hefte sind jetzt in der Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) erschienen (die Hefte 1 bis 5 bereits 1988) - sie markieren einen Übergang in Marx’ Arbeit und Selbstverständnis. Die Herausgeber des neuen MEGA-Bandes bezeichnen die Zeit ab 1845 deshalb auch als »formative Phase«: »Marx begibt sich in dieser Phase ganz bewusst auf das Feld der politischen Ökonomie und damit auf die Ebene eines Wissenstyps, der gerade erst seine Formierung und Kanonisierung abgeschlossen hat und maßgeblich das Gesellschaftsdenken des 19\. Jahrhunderts prägen wird.« Der Untertitel des Kapitals wird nicht ohne Grund »Kritik der politischen Ökonomie« sein. 1845 rechneten Marx und Engels mit ihrem »philosophischen Gewissen« ab, wie Marx es selbst formulierte. Marx lässt ein bestimmtes theoretisches Selbstverständnis hinter sich, wendet sich zunehmend der Ökonomiekritik zu - und auch das »Proletariat« ist nicht mehr einfach ein philosophischer Begriff, sondern eine reale, soziale Größe, die wirkliche Assoziation der kämpfenden Arbeiterklasse. »Man muss die ›Philosophie beiseite liegen lassen‹«, schrieben Marx und Engels in der »Deutschen Ideologie«, die fast zeitgleich entstand. Beide sind geradezu berauscht von der gesellschaftlichen Realität und der Empirie, von realen Auseinandersetzungen und der Materialität gesellschaftlicher Praxis - und »der Produktion« im umfassenden Sinn. Etwas, was 1845 in Manchester auch außerhalb der Studierstube zu erfahren war. Manchester war eines der industriellen Zentren der Welt. Aber nicht nur deshalb gingen die beiden Revolutionäre nach Manchester und nicht etwa nach London. Die englische Weltmetropole hatte zwar ungleich mehr Literatur zu bieten, aber ein Bibliotheksbesuch hätte nicht nur Geld gekostet, sondern er war zudem alles andere als einfach: Man brauchte eine persönliche Empfehlung, um überhaupt eine Besucherkarte zu bekommen. In Manchester kannte sich Engels zudem gut in den Bibliotheken aus, Bücher waren einfach auszuleihen und auch Genossen im Vorort hatten Material, das man sichten konnte. Was aber ist so spannend an den Exzerptheften? Wer es geschafft hat, über das Marx’sche Vorwort zum Kapital hinauszukommen, findet sich in der MEW-Auflage im Nachwort zur Zweitauflage von 1873 wieder. Marx schreibt dort: »Die Forschung hat den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiednen Entwicklungsformen zu analysieren und deren innres Band aufzuspüren ... Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt werden. Gelingt dies und spiegelt sich nun das Leben des Stoffs ideell wider, so mag es aussehn, als habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun.« Die Darstellung im Kapital unterscheide sich demnach von der Forschungsweise. Während zig Bücher geschrieben und viele Köpfe zerbrochen wurden, was es mit dieser - dialektischen! - Darstellung im Kapital auf sich hat, wurde Marx‘ Forschungsprozess bisher ungleich wenig gewürdigt. Wann liest Marx was und warum? Welche Erkenntnisprozesse durchläuft er? Wie verändert sich seine Meinung von Autoren wie Ricardo und anderen, wie das begriffliche Selbstverständnis? Allein die vierte Abteilung der Marx-Engels-Gesamtausgabe, die die Exzerpte und Notizen umfasst, ist auf 32 Bände angelegt. Es gibt kaum eine Edition, die die Forschungen eines Autors derart transparent macht. Exzerpieren ist eine Methode der Textarbeit, der Erschließung und Zusammenfassung, eine Technik der Wissensaneignung und -verarbeitung. Exzerpte und Zettelkästen werden zu den wichtigsten individuellen Gedächtnistechniken in einer Zeit, in der man für Bibliotheksbesuche weit reiste - und es weder Kopiergeräte noch nach Stichworten durchsuchbare PDF-Dateien oder E-Books gab. Für Marx war das Exzerpieren eine essenzielle Arbeit. Bücher waren nicht nur teuer, sondern für den »Berufsmigranten« Marx auch ein Ballast, schließlich musste er bis zu seiner Flucht nach London ständig umziehen. So findet sich im vorliegenden MEGA-Band auch ein Katalog der Bücher, auf die er zwischen 1849 und Anfang 1861 verzichten musste. Bücher waren zwar in Bibliotheken zugänglich, aber nicht überall gab es das, was Marx brauchte. Bereits in Brüssel war ihm klar geworden, dass er die englischen Ökonomen studieren und die englische Arbeiterbewegung kennenlernen musste. In Manchester suchten Marx und Engels deshalb gleich drei Bibliotheken auf und auch Engels Privatbibliothek und Kontakte scheinen in den Wochen genutzt worden zu sein. Beides zeigt sich in den Manchester-Exzerpten. Marx liest und exzerpiert etwa die Sozialisten John Francis Bray und Robert Owen. In den ersten Heften werden bereits die Ökonomen William Petty, Thomas Tooke, Nassau William Senior, John Wade und John Ramsay MacCulloch rezipiert. Marx las also nicht nur Ökonomen, sondern auch Theoretiker der Arbeiterbewegung, Sozialisten, die nicht nur einen alternativen, meist auf genossenschaftlichen Prinzipien beruhenden Entwurf von Gesellschaft vorlegten, sondern auch das kapitalistische Wirtschaften verstehen wollten. Hierzu gehört etwa das Buch »Die Leiden der Arbeiterklasse und ihr Heilmittel« von John Francis Bray. Bray zählt wie etwa Thomas Hodgskin und andere zu denjenigen, die »der Theorie des Kapitals zuerst den Fehdehandschuh hinwarfen« - so Marx im Kapital. Zentral ist für Bray der Klassenkampf um das Wertprodukt. Es ist ein Konflikt deshalb, weil die Eigentumsordnung Ungerechtigkeit bedinge und deshalb überwunden werden müsse - Reformen seien nicht zielführend. Die gesellschaftlichen Verhältnisse, so Bray, widersprächen dem Prinzip leistungsgerechter Entlohnung. Kapital, als Anhäufung vergangener Arbeit, erlaube es, die Arbeiter zu bestehlen. Bray, der hier arbeitswerttheoretisch argumentiert, also dass Wert auf Arbeit zurückzuführen sei, geht davon aus, dass trotz formaler Gleichheit das Äquivalenzprinzip, der Tausch gleicher Arbeitsmengen, vom Kapital missachtet werde. Daher die Leiden der Arbeiterklasse. Das Heilmittel ist ein Gemeineigentum an Produktionsmitteln und gerechter Tausch. Geld ist für Bray - wie für die ökonomische Klassik - nichts als ein technisches Hilfsmittel. Wie Marx dieses und andere Bücher aufsaugt, zeigt sich darin, dass er viel zitiert (und ins Deutsche übersetzt), wenig kommentiert. Marx ist erst dabei, sich in das wissenschaftliche Feld der Ökonomietheorie einzuarbeiten. So argumentiert er 1847 im Elend der Philosophie mit Ricardo gegen Proudhon - statt wie 20 Jahre später, im Kapital, die Prämissen von Smith bis Ricardo selbst zu hinterfragen und zu analysieren. Hierzu gehört etwa die Kritik an einem »prämonetären« Verständnis von Wert, für das die Existenz des Geldes unwesentlich ist und das keinem systematischen Zusammenhang von Warenproduktion und Geld nachgeht. Eine Prämisse, die sich bis in die heute herrschende Neoklassik fortsetzt. Auch dem Theorem des »ungleichen Tauschs«, dem u.a. Bray folgt, kann Marx erst im Kapital etwas Analytisches entgegensetzen, als er die Unterscheidung von Arbeit und Arbeitskraft und von konkreter und abstrakter Arbeit trifft. Bis dahin sollten noch einige Jahre vergehen und auch viele Bibliotheksaufenthalte folgen. 1859 schreibt Marx rückblickend, dass er »ganz von vorn wieder« anfangen musste, sich »durch das neue Material kritisch durchzuarbeiten«, nachdem er 1850 nach seiner Flucht nach London das »ungeheure Material« im British Museum »angehäuft« vorfand. Auch hier entstand ein weiterer Berg an Exzerpten, auch Exzerpte »zweiter Ordnung«. Die seit Mitte der 1840er Jahre entstandenen Exzerpte dienen ihm als Grundlage für die weitere Forschung und Ausarbeitung seiner Kritik der politischen Ökonomie: In den sogenannten Theorien über den Mehrwert, den Manuskripten 1861-1863, kommt Marx nochmals auf Bray zurück und zitiert ihn ausführlich - aus seinen Exzerpten. Man muss den Herausgebern der MEGA-Edition und den - teilweise bereits verstorbenen - Bearbeitern dankbar sein, das Material und die lesenswerte Einführung zugänglich gemacht zu haben. Die jetzt endlich veröffentlichten Exzerpte, die Londoner Hefte der 1850er und die vielen noch unveröffentlichten Exzerpte aus den 1860er und 1870er Jahre, die im Zuge der Arbeit am Kapital entstanden sind, ermöglichen, dem Marx’schen Forschungsprozess nachzugehen, wie er was las, wie er die Literatur rezipierte, wie er selbst Schüler war, lernte, sich den Kopf zerbrach. Vom Kapital aus betrachtet zeigt sich rückblickend, wie unter der Marx’schen Hand, im Rahmen einer intensiven Begriffsarbeit in den Exzerpten und Manuskripten, die Kritik der politischen Ökonomie entstand, die Darstellungsweise des Kapitals, die eben zugleich Analyse und Kritik der politischen Ökonomie werden sollte - und uns bis heute beschäftigt. Erschienen in: [*neues deutschland*](http://www.neues-deutschland.de/artikel/965500.formative-phase.html?ref=blog.stuetzle.cc), 21.3.2015. Kasten: **Marx-Engels-Gesamtausgabe** **Die Anfänge** einer historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe liegen in den 1920er Jahren: In Sowjetunion wurde das zunächst auf 40 Bände angelegte Mammutprojekt ab 1927 unter Leitung von David Rjasanow auch begonnen – nach elf Ausgaben endete die Sammlung von wirklich allem, was Marx und Engels je zu Papier brachten. Stalin befahl das Aus, weil das sich in der MEGA abzeichnende Denkgebäude nicht mit dem starren Rahmen eines »Marxismus-Leninismus« zusammenpasste. Rjasanow wurde hingerichtet. In den 1970er Jahren gab es einen Neuanfang: In Berlin und Moskau wurde abermals damit begonnen, bis zur Wende erschienen 34 Text- und Kommentarbände. Die MEGA erwarb hohes Ansehen in einer zunehmend globalen Forschungslandschaft, die sich für Marx, Engels und deren Schriften interessierte. Dann fiel die Mauer – und erneut stand das Projekt vor dem Aus. Doch Wissenschaftler, Politiker und Verleger aus vielen europäischen Ländern, Japan und den USA setzten sich nachdrücklich für die Fortführung der Ausgabe ein. Auf Initiative des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte, in dessen Besitz sich der größte Teil der Handschriften von Marx und Engels befindet, wurde 1990 in Amsterdam die Internationale Marx-Engels-Stiftung gegründet, die seither die MEGA als akademische Edition in internationaler Forschungskooperation herausgibt. Nunmehr auf einen Endumfang von 114 Doppelbände ausgerichtet, sind bisher 60 erschienen. Der hier besprochene Band ist der erste, der im Verlag De Gruyter erscheint und nicht mehr zwei Teilbände umfasst. Der Textband und der wissenschaftliche Apparat finden sich in einem über 600 Seiten starken Buch. ### Der Elefant im Raum. Die EZB zieht zwar die Daumenschrauben für Athen an, setzt aber die Eurozone insgesamt unter Druck URL: https://blog.stuetzle.cc/der-elefant-im-raum-die-ezb-zieht-zwar-die-daumenschrauben-fuer-athen-an-setzt-aber-die-eurozone-insgesamt-unter-druck/ Last updated: 2025-06-19T12:20:24.000Z Nur wenige Tage nach der Europatour einiger Minister der neuen griechischen Regierung ließ die Europäische Zentralbank (EZB) die Muskeln spielen. Sie kündigte an, griechische Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheiten zu akzeptieren. Das war ein Wink mit dem Zaunpfahl, denn vor allem griechische Banken nutzen die Papiere, um sich bei der EZB mit frischem Geld zu versorgen. Ohne diese Möglichkeit könnten sie schnell pleite sein und Griechenland dem Rauswurf aus der Eurozone einen Schritt näher. Bisher machte die EZB eine Ausnahme, denn eigentlich haben Ratingagenturen bereits so schlechte Noten vergeben, dass die Hüterin des Euro Anleihen nicht mehr annehmen darf. Sie hat es bis zum 11\. Februar 2015 aber nur deshalb gemacht, weil Griechenland sich verpflichtete, sich der Troika zu unterwerfen. Als der neue griechische Finanzminister, Yanis Varoufakis, in einer seiner ersten Amtshandlungen die weitere Zusammenarbeit mit den »Men in Black« aufkündigte, sah die EZB keine Grundlage mehr, für die griechischen Anleihen eine Ausnahme zu machen. **Das europäische Sozialmodell ist Vergangenheit** Viele interpretierten die EZB-Ankündigung, keine Anleihen mehr zu akzeptieren, als politisch motiviert und als Versuch, die Daumenschrauben anzuziehen. Selbst Linke stimmten plötzlich in den Chor ein, die EZB solle sich doch bitte politisch neutral verhalten. Bisher war genau ihre Unabhängigkeit und scheinbare Neutralität immer das, was kritisiert wurde. Zudem bleibt die Frage offen, warum die EZB einerseits den Druck gegenüber Griechenland erhöhte, indem sie die Sonderregelungen aufhob, gleichzeitig aber den griechischen Banken neue Möglichkeiten der Geldversorgung zugestand. Dass die EZB auch bisher nicht neutral war, zeigt nicht nur die Beteiligung an der Troika und ihre streng monetaristische Politik, die jedes neoliberale Herz höher schlagen lässt, sondern auch ihr Briefverkehr mit Staaten der Europeripherie. Nachdem ein Journalist klagte, musste die EZB einen Brief veröffentlichen, dessen Existenz die EZB und der ehemalige spanische Ministerpräsident José Zapatero immer verleugnet hatten, den Zapatero dummerweise aber in seinen Memoiren erwähnte. Die EZB veröffentlichte ihn schließlich zu einem politisch günstigen Zeitpunkt, nämlich an »Heiligabend« 2014, was den gewünschten Effekt hatte: keinen. Der Brief ist deutlich - vor allem zwischen den Zeilen: Wenn Spanien nicht bereit sei, den Arbeitsmarkt zu deregulieren, die Löhne unter Druck zu setzen, staatliche Ausgaben zu kürzen, dann werde die EZB im Gegenzug nicht bereit sein, spanische Staatsanleihen aufzukaufen, um so der Spekulation gegen Spanien und den explodierenden Anleihezinsen ein Ende zu setzen. Einen ähnlichen Brief bekamen Italien und Irland, und EZB-Präsident Mario Draghi gab später zu Protokoll: »Das europäische Sozialmodell ist Vergangenheit!« Die EZB ist der Elefant im Raum. Bereits mit der Ankündigung, Staatsanleihen von Staaten der Europeripherie zu kaufen, konnte Draghi im Sommer 2012 den Höhenflug der Zinsen für die südlichen Euroländer mit nur einem Satz stoppen: »Wir werden alles tun, um den Euro als stabile Währung zu erhalten - und glauben Sie mir, es wird genug sein« - so der EZB-Chef auf der Global Investment Conference in London. Hier zeigte sich die Macht der EZB gegenüber dem Finanzkapital, obwohl sie nur andeutet, dass auch sie der Kreditgeber letzter Instanz, der »lender of last resort«, sein könnte. Denn die Taschen von Zentralbanken sind recht tief, wenn diese nur wollen: Sie können das Geld einfach drucken, mit dem sie die Staatsanleihen aufkaufen, was etwa in den USA, Japan oder Großbritannien gängige Praxis ist. Ihre politische Gestaltungsmacht zeigte die EZB auch, als Zypern der EU die Stirn bieten wollte. Die EZB brauchte nur damit zu drohen, die Notfallkredite zu sperren, die die nationalen Notenbanken nur unter Zustimmung der EZB vergeben können (ELA, Emergency Liquidity Assistance) - und Zypern lenkte auf den Kurs der EU ein. Auch der griechischen Nationalbank wurde die Vergabe von Notfallliquidität zugestanden und sogar das Volumen vergrößert, über das verfügt werden kann. Griechenland hofft darauf, dass, wenn es auf EU-Ebene zu keiner Lösung kommt, sich dank dieser Maßnahmen wieder bei den griechischen Banken frisches Geld organisieren lässt, etwas, was die EU-Staaten nicht wollen können. **Eine Griechenlandpleite: Lehman Brothers im Quadrat** Das bedeutet aber auch: Die Linke muss sich eingestehen, dass die EZB den Druck gegenüber der gesamten EU erhöhte, um einen politischen Umgang mit dem Gegenwind aus Athen zu finden. Denn die EZB wird sich wahrscheinlich nicht mehr wie bisher an der Austeritätspolitik beteiligen können. Ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) steht zwar noch aus, aber ein Gutachten des Generalanwalts Cruz Villalón deutet bereits darauf hin, dass das für den Euro wichtige Anleihe-Aufkaufprogramm (OMT) nur unter Auflagen rechtens ist, vor allem unter der Voraussetzung, dass sich die EZB politisch raushält und sich bei Finanzhilfeprogrammen politisch nicht beteiligt. Athens Weigerung, mit der Troika unter den bisherigen Bedingungen weiterhin zu kooperieren, fällt somit mit einer EuGH-Entscheidung im Herbst zusammen, die die EZB politisch »an die Leine« legen könnte. Bereits im März 2014 hatte sich das Europäische Parlament für die Abschaffung der Troika ausgesprochen, und auch der ehemalige Kommissionspräsident, Jean Claude Juncker, kündigte bereits Mitte 2014 an, die Troika zu »reformieren«. Auch die bisherige SYRIZA-Politik scheint von der Einschätzung geleitet zu sein, dass die EZB Griechenland in der Eurozone halten will. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, warum der Ökonom und SYRIZA-Berater, Jannis Milios, gegenüber dem Handelsblatt betont, dass die EZB kein Interesse an einem Austritt aus der Eurozone haben kann und deshalb auf eine politische Lösung drängt: »Wenn ein Land die Währungsunion verlassen muss, zerfällt die Währungsunion, egal wie klein das Land ist. Die Reaktion der Finanzmärkte wäre nicht beherrschbar. Das wäre wie ein neues Lehman Brothers im Quadrat.« Erschienen in: [*ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis*](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak602/37.htm?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 602 vom 17.2.2015 ### FAQ. Noch Fragen? Um- oder Entschuldung für Athen? URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-um-oder-entschuldung-fuer-athen/ Last updated: 2015-02-26T15:34:55.000Z ``` Die neue griechische Regierung wurde schnell aktiv. Kaum war der neue Finanzminister, Yanis Varoufakis, im Amt, kündigte er die Zusammenarbeit mit der Troika aus Europäischer Zentralbank (EZB), Internationalem Währungsfonds (IWF) und EU-Kommission auf. Aber auch nach wenigen Tagen rückte die SYRIZA-geführte Regierung scheinbar von einer zentralen Forderung ab, dem Schuldenschnitt. Anfang Februar meldete die Deutschen Presse-Agentur (dpa), Griechenland habe sich von ihrer zentralen Forderung nach einem Schuldenschnitt verabschiedet. Im Interview mit der Financial Times, auf das sich die dpa bezog, hörte sich das schon ganz anders an: Varoufakis sagte, der Begriff »Schuldenschnitt« sei möglichst zu vermeiden, da ein solcher für die Gläubiger, allen voran Deutschland, nicht akzeptabel sei. Es war von einer Umschuldung, statt einer Entschuldung, also einem Schuldenschnitt die Rede. Wie sieht der vorgebrachte, neue Vorschlag aus? ``` Unter Schuldenschnitt oder auch »Hair-cut« versteht man die Streichung von Schulden. Gläubiger, egal ob Banken, Versicherungen oder Staaten verzichten im Einvernehmen mit den Schuldnern auf Zins und Tilgung. Ist der Schuldenschnitt von beiden Seiten gewollt, gilt er nicht als Staatsbankrott. So 2012 im Fall von Griechenland, als das Troika-Ziel darin bestand, die Schuldenlast »tragfähig« zu gestalten. Athen sollte als Schuldner erhalten bleiben. Damals verzichteten private Gläubiger nominell auf etwa 100 Milliarden Euro. Gleichzeitig wurde Griechenland dazu gezwungen, beim »Rettungsschirm« EFSF und der EU etwa 50 Milliarden Euro an Krediten aufzunehmen, um griechische Banken zu rekapitalisieren und zu stabilisieren. Aus den faulen Krediten, die bei den Banken und Versicherungen lagen, wurden neue Kredite, die nun bei den staatlichen EU-Institutionen lagen. Diese konnten Athen im Gegenzug zu »Reformen« zwingen. Das war das Mindeste, was die Troika wollte, denn Zins und Tilgung dieser Kredite sind sehr niedrig und in ferne Zukunft verschoben worden. Von den 322 Milliarden Euro Schulden, die Griechenland derzeit hat, halten private Gläubiger, vor allem griechische Banken, inzwischen nur noch 65 Milliarden Euro. Die anderen Gläubiger sind die EZB (27) und der IWF (35). Der größte Anteil teilen sich der Euro-Rettungsfonds EFSF/ESM (142) und die Eurostaaten (53). Was sind nun die neuen Vorschläge aus Athen, wenn es nicht um einen Schuldenschnitt gehen soll? Der griechische Finanzminister Varoufakis hat mehrere Vorschläge in den Raum gestellt: Die Kredite bei der EZB sollen in sogenannte ewige Anleihen getauscht werden, Staatsanleihen mit ewiger Laufzeit. Das würde bedeutet, dass die Schulden nur noch auf dem Papier bestünden, de facto gestrichen wären. Die EZB kann ihrem Statut zufolge einen solchen Vorschlag nicht annehmen, weil die Zentralbank die Staatsanleihen nicht direkt von der griechischen Regierung aufkaufen darf, der Vorschlag aber darauf hinausläuft. Ein weiterer Vorschlag aus Athen ist, sogenannte BIP-Bonds aufzusetzen und gegen alte einzutauschen, also Anleihen, deren Verzinsung und Tilgung sich am Wirtschaftswachstum orientieren. Diese Form der Umschuldung würde eine weitere oder erneute Überschuldung von vornherein ausschießen, denn: Ist das BIP eine Kennzahl dafür, wie viel Steuern ein Staat etwa einnehmen kann, dann wäre bei diesen Bonds garantiert, dass die finanziellen Verpflichtungen nicht den finanziellen Spielraum der Regierung einschränken. Darüber hinaus wurde der Vorschlag unterbreitet, die EFSF-Kredite aus dem Eurorettungsschirm, mit denen Athen die Bankensanierung finanzieren musste, in Anteile an den griechischen Banken umzuwandeln. Da die Kredite ein Zigfaches dessen wert sind, was diese Banken auf die Waage bringen, wäre das eine Entwertung der Schulden. Zudem müsste Athen keine Zinsen mehr bezahlen. Rückt SYRIZA also von der Forderung nach einem Schuldenschnitt ab? Jein, denn zunächst ist festzuhalten, dass ein Schuldenschnitt derzeit kaum etwas bringen würde - zumindest was die Schulden des EFSF betrifft. Hierfür muss Griechenland in den kommenden Jahren kaum Zinsen oder Tilgung bezahlen, diese Schulden belasten den Staatshaushalt also kaum. Die letzte Marge ist für das Jahr 2057 eingeplant. Auch für die bilateralen Kredite der EU-Staaten müssen kaum Zinsen bezahlt werden. Belastend sind die IWF-Kredite und die bei der EZB. Helfen würde also, wenn die EU oder die EU-Staaten die Schulden von IWF und EZB übernehmen würden, also die Schuldenlast tatsächlich vergemeinschaftet würde, oder wenn die EZB über ihren Schatten springt, indem sie direkt Anleihen aufkauft und die Schulden annulliert. Letzteres ist die billigste, aber politisch unwahrscheinlichste Variante. **Ingo Stützle** Erschienen in: ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis. Nr. 602 vom 17.2.2015. ### ... darüber entscheidet eben nicht der Schuldnerstaat URL: https://blog.stuetzle.cc/daruber-entscheidet-eben-nicht-der-schuldnerstaat/ Last updated: 2025-08-28T12:44:14.000Z > »Nicht der Schuldner ist die entscheidende Figur bei den Anleihen des Schuldnerstaates. Gewiss ist sein Verhalten für seinen Kredit nicht unwesentlich, ja sogar von sehr großer Bedeutung; aber von welcher Bedeutung es ist, darüber entscheidet eben nicht der Schuldnerstaat, sondern darüber entscheiden seine Gläubiger.« Aus: [Sultan, Herbert](http://de.wikipedia.org/wiki/Herbert%5FSultan?ref=blog.stuetzle.cc) (1932): *Die Staatseinnahmen. Versuch einer soziologischen Finanztheorie als Teil eine Theorie der politischen Ökonomie* (Beiträge zur Finanzwissenschaft. Neue Folge, Bd.1), Tübingen, hier: S. 193 ### Die Austeritätspolitik der EU ist nichts grundlegend Neues URL: https://blog.stuetzle.cc/die-austeritaetspolitik-der-eu-ist-nichts-grundlegend-neues/ Last updated: 2015-02-20T08:47:27.000Z ``` Thomas Sablowski wurde für die Zeitschrift mole interviewt und greift darin meine Arbeit zum Euro auf, die inzwischen in der Zweitauflage vorliegt: ``` > Insofern ist die Austeritätspolitik der EU in der jüngsten Krise nichts grundlegend Neues; vielmehr wurde die bisherige Politik mit der Neuregelung der „Economic Governance“, mit dem Euro-Plus-Pakt, dem Fiskalpakt etc. nur noch einmal erheblich verschärft. Der Titel „Austerität als Projekt“, den Ingo Stützle seiner marxistischen Studie über die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion gegeben hat, charakterisiert diese daher sehr treffend. ### Griechenland: Nächste Ausfahrt Grexit? URL: https://blog.stuetzle.cc/griechenland-naechste-ausfahrt-grexit/ Last updated: 2015-02-17T19:26:23.000Z ``` Was bis­her nur für eine Droh­ku­lisse gehal­ten wurde, um Grie­chen­land auf (deut­sche) Linie zu brin­gen, scheint inzwi­schen für Berlin kein Tabu mehr: der Aus­tritt Grie­chen­lands aus der Euro­zone. Bereits Anfang Januar gab Angela Merkel zu Protokoll, dass sie sich einen Euro ohne Griechenland vorstellen könnte. Norbert Häring wiederum zeigt, dass die derzeitige Politik Berlins auf einen »Nord-Euro« hinausläuft. ``` Es herrscht eine para­doxe Situa­tion: Ein Aus­stieg aus dem Euro ist rechtlich nicht gere­gelt, also eigentlich nicht möglich. Grie­chen­land könnte nur zur Drachme zurück­keh­ren, indem es die Euro­päi­sche Union (EU) ver­lässt. Das will in Grie­chen­land kaum jemand – auch SYRIZA nicht. Die Mehr­heit spricht sich für einen Ver­bleib in der Euro­zone aus. Bei der gegen­wär­ti­gen Debatte zeigt sich erneut die dis­zi­pli­nie­rende Poli­tik gegen­über Grie­chen­land, das Ver­suchs­feld und Exem­pel zugleich ist. Das gilt vor allem für die deutsche Politik. Denn wenn gegen­über Athen Kom­pro­misse bei der Spar­po­li­tik zuge­las­sen wür­den, gäbe es kaum einen Grund, warum nicht auch Spa­nien, Por­tu­gal oder andere Län­der vom einge­schla­ge­nen Spar­kurs abwei­chen kön­nen soll­ten. Nur der drohende Podemos-Wahlsieg Ende 2015 in Spanien lässt Madrid zu einem Verbündeten Deutschlands werden. Deutschland versperrt sich einer altenativen Krisenpolitik und droht also mit dem Joker - der [Grexit](http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/eurokrise/griechenland/schuldenkrise-das-wort-vom-grexit-geht-wieder-um-13434263.html?ref=blog.stuetzle.cc). Was kann man sich darunter vorstellen? Eine schnelle Ein­füh­rung der Drachme ist kaum mög­lich. Dass die grie­chi­sche Zen­tral­bank die Euro­scheine über Nacht mit einem Stem­pel ver­sieht und so eine neue Wäh­rung ein­führt, ist eben­falls wenig wahr­schein­lich. Ver­mut­lich wird es zunächst um eine Par­al­lel­wäh­rung gehen. Wie aber könnte diese entstehen? Voraussetzung wäre, dass die Hilfs­zah­lun­gen der Troika aus­ge­setzt wer­den. Das hat Wolfgang Schäuble de facto angedroht. Ein Bank­rott Griechen­lands wäre die unmit­tel­bare Folge. Wenn Athen sich nicht woanders Geld besorgen kann. Die EZB erkennt grie­chi­sche Staats­an­lei­hen bereits nicht mehr als Sicher­hei­ten für Kre­dite an, gewährt den grie­chi­sche Ban­ken aber Notkredite über das sogenannte [ELA-Programm](https://de.wikipedia.org/wiki/Emergency%5FLiquidity%5FAssistance?ref=blog.stuetzle.cc). Auch die EZB müsste also den Geldhahn zudrehen, [was bisher nicht so aussieht](http://de.reuters.com/article/economicsNews/idDEKBN0LL1BA20150217?ref=blog.stuetzle.cc). Auch die bisherige SYRIZA-Politik scheint von der Einschätzung geleitet zu sein, dass die EZB Griechenland in der Eurozone halten will. Vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, warum der Ökonom und SYRIZA-Berater, Jannis Milios, gegenüber dem Handelsblatt betont, dass die EZB kein Interesse an einem Austritt aus der Eurozone haben kann und deshalb auf eine politische Lösung drängt: »Wenn ein Land die Währungsunion verlassen muss, zerfällt die Währungsunion, egal wie klein das Land ist. Die Reaktion der Finanzmärkte wäre nicht beherrschbar. Das wäre wie ein neues Lehman Brothers im Quadrat.« Der US-Ökonom Barry Eichen­green warnte bereits 2010 in einem FAZ-Inter­view: »Die Grie­chen sind eure Leh­man Bro­thers.« Eine drohende Bankenpleite hätte einen Bankrun zur Folge. [Bereits jetzt](http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/banken-in-griechenland-jetzt-lieber-kasse-machen-1.2355050?ref=blog.stuetzle.cc) holen viele ihr Geld von der Bank und halten Ersparnisse bar oder auf Auslandkonten. Große Vermögen sind schon länger auserhalb Griechenlands geparkt. Auch der Staat könnte in die­ser Situa­tion nichts mehr bezah­len – weder Zin­sen noch Gehäl­ter für Staats­be­diens­te­ten. Aller­dings kann der Staat, weil er kein belie­bi­ges Unter­neh­men ist, son­dern Gewalt– und Steuermono­pol zugleich, Zah­lungs­ver­spre­chen (Schuld­ver­schrei­bun­gen) aus­ge­ben. Sie könn­ten die Geld­funk­tio­nen über­neh­men und sich zu einer Par­al­lel­wäh­rung entwickeln. Die »neue« Wäh­rung hätte gegen­über ande­ren Wäh­run­gen wie­der einen Außen­wert und würde vor allem gegen­über dem Euro massiv abwer­ten. Die Schul­den Grie­chen­lands wür­den aber wei­ter­hin in Euro lau­fen. Damit kämen die neue Wäh­rung und deren Abwer­tung einer gewach­se­nen Schul­den­last gleich. Die Wirt­schaft wäre von dem in der Zir­ku­la­tion befind­li­chen Geld abhän­gig. Es dürfte aber kaum ver­lie­hen wer­den. Rech­nun­gen wür­den nicht bezahlt wer­den und die Wirt­schaft völ­lig ein­bre­chen. Zwar könnte die Abwer­tung den Druck einer inne­ren Abwer­tung (Lohn­sen­kung etc.) verrin­gern, aber eine wei­tere Ver­ar­mung sicher nicht auf­hal­ten. Schließ­lich wür­den sich alle Importe ver­teu­ern und damit die Infla­tion anfeu­ern. Zudem: Eine Abwer­tung der eige­nen Wäh­rung, wie sie etwa viele süd­eu­ro­päi­sche Län­der in den 1970er Jah­ren vor­ge­nom­men hat­ten, führt nicht unbe­dingt zu weni­ger Kon­kur­renz­druck. [Zumal Grie­chen­land vor allem mit Indus­trien in Kon­kur­renz steht, die nicht in der EU (bzw. Deutsch­land) zu fin­den sind](http://www.neues-deutschland.de/artikel/961013.der-gordische-knoten.html?ref=blog.stuetzle.cc). Auch wäre Grie­chen­land [wei­ter­hin von der Geld­po­li­tik der EZB abhän­gig ](http://stuetzle.cc/2013/06/mitterrands-albtraum-ein-europaeisches-waehrungssystem-ist-keine-alternative-das-zeigt-frankreichs-politik-der-achtziger-jahre/?ref=blog.stuetzle.cc)wie alle euro­päi­schen Län­der vor dem Euro von der Poli­tik der Bundesbank, so z.B. beim Zins­ni­veau, das anstei­gen müsste, um die Kapi­tal­flucht zu ver­hin­dern. Diese Hoch­zins­po­li­tik würde die grie­chi­sche Wirt­schaft wei­ter abwür­gen. Die Fol­gen eines Euro-Austritts sind nicht abzu­se­hen. Stu­dien gehen von direk­ten Kos­ten von mehreren hundert Mil­li­ar­den Euro für die Euro­zone aus (Hilfs­pa­kete, grie­chi­sche Anlei­hen bei der EZB und Noten­banks­al­den). Die indi­rek­ten Fol­gen und Kos­ten sind unklar, vor allem weil nie­mand weiß, was tat­säch­lich nach einem Ver­las­sen der Euro-Zone pas­sie­ren könnte. Wie bei Leh­man Bro­thers, das von der US-Regierung auch nur zur Abschre­ckung fal­len gelas­sen wurde, wird man auch die­ses Mal erst hin­ter­her schlauer sein – und es dann natür­lich um so bes­ser wissen. ### Aufgeblättert: Wider die Logik der Austerität. Zwei neue Bücher räumen mit den neoliberalen Dogmen auf URL: https://blog.stuetzle.cc/aufgebaettert-wider-die-logik-der-austeritaet/ Last updated: 2015-02-07T19:29:26.000Z ```
``` [![0457](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/0457.jpg)](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2015/02/0457-1.jpg?ref=blog.stuetzle.cc) Auch wenn das Geschrei angesichts eines möglichen Wahlsiegs von SYRIZA in Griechenland groß ist, schätzten in den letzten Monaten nicht mehr alle Meinungsmacher\_innen in Presse, Politik und Wissenschaft den europäischen Sparkurs als ökonomisch vernünftig ein. Garniert war die leichte Verschiebung des Diskurses mit den breit diskutierten Thesen von Thomas Piketty über die wachsende Ungleichheit. Sparen und Ungleichheit schaden der Wirtschaft, war plötzlich nicht nur von den Gewerkschaften zu hören. Die neoliberale Politik wurde für gescheitert erklärt. Ein Anzeichen dafür ist, dass vor 2009, zu Beginn der Eurokrise, deutlich weniger Menschen als heute mit dem Wörtchen »Austerität« etwas anfangen konnten. Man hätte eher von »Sparen« gesprochen. Aber »Austerität«? Was soll das sein? [![117_533_147366_xl](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/117_533_147366_xl.jpg)](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2015/02/117%5F533%5F147366%5Fxl-1.jpg?ref=blog.stuetzle.cc) Inzwischen erscheinen Bücher zum Thema, so die beiden ins Deutsche übersetzen Bücher von Mark Blyth und Florian Schui, die die Politik gegenüber Griechenland als einen »großen Fehler« (Schui) oder Austerität als »gescheiterte« bzw. »gefährliche Idee« (Blyth) bezeichnen. Beide Bücher sind in erster Linie ideengeschichtlich angelegt, wobei Blyth sich nicht nur für die wissenschaftliche Ausgestaltung des Austeritätsprinzips interessiert, sondern auch für die politische Praxis in den 1930er Jahren, im gegenwärtigen Osteuropa und den von der Troika abhängigen Staaten. Für die bis jetzt anhaltende Variante der europäischen Austeritätspolitik zeichnet Blyth die Krise ab 2008 detailliert nach und diskutiert einige aus seiner Sicht wichtige Ursachen (Finanzmärkte und -produkte, Ungleichheit). Blyth macht vor diesem Hintergrund deutlich, dass die EU nicht mit einer Staatsschuldenkrise konfrontiert ist, sondern mit einer Bankenkrise, die »verstaatlicht« wurde. Das gleiche gilt für die USA. Die Staaten hätten sich zu Bütteln der Banken gemacht. Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass beide Autoren in ihrem Ausblick für eine schärfere Regulierung des Banken- und Finanzsektors plädieren und für eine Erhöhung der Steuern. Die Bankenrettung soll nicht die öffentliche Hand zahlen. Die Reichen sollten zur Kasse gebeten werden. Austerität habe ideengeschichtlich eine lange Tradition, auch wenn die Sparpolitik in der Eurozone besonderen Charakter habe - unter anderem aufgrund der Rolle Deutschlands und des Euros, einer Währung, über die die Krisenländer keine geldpolitische Souveränität mehr hätten, weil die EZB autonom ist. Die von beiden Autoren herausgestellte Tradition ist der Grund, warum Blyth die »Geschichte einer gefährlichen Idee« anhand wichtiger Ökonomen seit dem Ende des 17\. Jahrhunderts nachzeichnet. Hierzu gehören John Locke (1632-1704), David Hume (1711-1776) und Adam Smith (1723-1790), aber auch der die Bundesrepublik prägende Ordoliberalismus sowie die neoliberalen Propheten Friedrich August von Hayek (1899-1992) und Ludwig von Mises (1881-1973). Schui holt sogar noch weiter aus und geht bis auf Aristoteles (384 v.u.Z) und Thomas von Aquin (1225-1774) zurück. Das Problem dieser durchaus lehrreichen Ideengeschichten ist mitunter, dass die »Ideen« nicht mit dem sozialen Gehalt der jeweiligen Zeit vermittelt werden. Wenn Aristoteles eine Aussage trifft, ist der gesellschaftliche Kontext ein anderer als bei Smith oder Hayek, auch wenn vielleicht die gleichen Wörter verwendet werden (Maßhalten/Sparsamkeit). Wird das nicht deutlich, ist die Ideengeschichte ideologisch, obwohl sie nach ihrem Selbstverständnis ideologiekritisch ist. Wenn Schui etwa feststellt, dass es in Aristoteles' Welt zwar kein Wirtschaftswachstum gab, so ist die Aussage erst dann erhellend, wenn zugleich herausgestellt wird, dass der unmittelbare Zweck der Produktion eben nicht der Profit war, und mehr noch: es auch keine Trennung der gesellschaftlichen Bereiche »Wirtschaft«, »Privathaushalt« und »Staat« im heutigen Sinn gab. Es gab auch kein Kapital und keine freie Lohnarbeit, also die sozialen Realitäten, die wir immer dann unterstellen, wenn wir von Wachstum, Sparen oder Investitionen sprechen. Blyth ist nicht generell gegen einen Austeritätskurs, denn dieser könne »in gewissen Situationen die richtige politische Antwort sein«, wobei unklar bleibt, welche »spezifischen Bedingungen« gegeben sein müssen, damit Austerität zu befürworten ist. Ähnlich Florian Schui, der schreibt, dass Austerität »in ihrer heutigen Form schlicht ein großer Fehlschlag« sei. Hier zeigt sich, dass Blyths zentrale Argumentation an eine Grenze gerät, weil eigentlich nicht mehr über wirtschaftspolitische Konzepte oder Ideen diskutiert werden müsste, sondern darüber, wie politisch darüber entschieden wird, wann welche wirtschaftspolitische Situation herrscht, die durch Austerität aufgelöst werden muss. Das ist auch ein wunder Punkt seiner verdienstvollen Arbeit, denn wo ständig die offensichtliche Dummheit der Wirtschaftspolitik unterstrichen wird, die dem gesunden Menschenverstand widerspricht, fragt man sich doch: Wie konnte diese Politik eigentlich so lange und bis heute für so viele Menschen Plausibilität besitzen? Aus welchen Quellen speist sich die Logik der Unlogik? Für Schui springt die Moral an die Stelle der Logik: »Austerität spricht unser Über-Ich auf eine Weise an, die rationalen ökonomischen Argumenten einfach nicht gegeben ist.« Blyth hingegen löst den Widerspruch nicht auf, denn während er auf der einen Seite von der »Macht der ökonomischen Ideen« spricht, stellt er im Nachwort seines Buches heraus, dass die Politik »in vollem Bewusstsein« ihres Klasseninhalts durchgesetzt werde: »Das ist auch der Grund, warum diese Politik, trotz des Umdenkens bei einigen, fortgesetzt wird.« Kurzum: Austerität ist nicht einfach eine Frage des gesunden Menschenverstands, sondern eine Klassenfrage - und müsste als solche diskutiert werden. Während die Klassenfrage unterbelichtet bleibt, macht Schui einen guten Punkt, wenn er die grüne Konsumkritik im Zusammenhang mit Austerität diskutiert. Die ökologische Kritik in Form der Konsumkritik sei mit dem Austeritätsdiskurs kompatibel, ein Diskurs, den Schui ja gerade kritisieren will. Hier zeigt sich, wie Wachstumskritik, die nicht als Kapitalismuskritik formuliert wird, zu einem Dilemma führt: Obwohl die Sparsamkeit des Austeritätskurses gerade kritisiert werden soll, fordert man Sparsamkeit mit ökologischen Vorzeichen im Rahmen einer Konsumkritik. Gleiches gilt für die Frage, wie das Selbstverständnis der politischen Ökonomie angesichts der Krise und der ökologischen und sozialen Herausforderungen aussehen könnte. Schui landet hier nicht bei einer Kritik der Ökonomietheorie, sondern will ihr nur eine »Wissenschaft der Moral« zur Seite stellen: »Sobald die Maximierung des Wachstums nicht mehr das höchste Wirtschaftsziel ist, müssen wir andere Kriterien definieren, nach denen wir beurteilen können, wie viel Konsum genug ist.« Die Wachstumstendenz der Wirtschaft liegt jedoch nicht im maßlosen Privatkonsum, sondern im unmittelbaren Zweck des kapitalistischen Wirtschaftens, dass aus Geld mehr Geld wird, Kapital Profit abwirft. Dafür müssen vor allem die Unternehmen konsumieren: Rohstoffe und Arbeitskräfte. Der lohnfinanzierte Konsum ist also auch nicht mehr als Mittel zum Zweck und eben nicht das eigentliche Problem. Wachstumskritik darf sich nicht in moralischer Kritik verlieren, sondern muss als gesellschaftskritische und politische Kritik formuliert werden. Vor allem dann, wenn sie sich auch als Austeritätskritik versteht, die die damit einhergehenden Verarmungsprozess kritisieren will, aber nicht einfach auf »Wachstum« setzen will. **Ingo Stützle** **Literatur:** Mark Blyth: *Wie Europa sich kaputtspart. Die gescheiterte Idee der Austeritätspolitik*. [J. H. W. Dietz Nachf. Verlag](http://dietz-verlag.de/isbn/9783801204570/Wie-Europa-sich-kaputtspart-Die-gescheiterte-Idee-der-Austeritaetspolitik-Mark-Blyth?ref=blog.stuetzle.cc), Bonn 2014\. 352 Seiten, 26 EUR. Florian Schui: *Austerität. Politik der Sparsamkeit. Die kurze Geschichte eines großen Fehlers*. [Karl Blessing Verlag](http://www.randomhouse.de/Buch/Austeritaet-Politik-der-Sparsamkeit-Die-kurze-Geschichte-eines-grossen-Fehlers/Florian-Schui/e462856.rhd?ref=blog.stuetzle.cc), München 2014\. 256 Seiten, 19,99 EUR. Erschienen in: *[ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc)*, Nr. 601 vom 20.1.2015 ### FAQ. Noch Fragen? Berliner Schuldenkonferenz? URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-berliner-schuldenkonferenz/ Last updated: 2015-02-05T16:32:19.000Z ``` »Griechen für deutsche Lösung«, titelte die taz Anfang 2015. Die Tageszeitung spielte damit auf eine Forderung des griechischen Linksbündnisses SYRIZA an. »Auch Deutschland wurde 1953 ein Großteil der Kriegs- und Vorkriegsschulden erlassen, um einen Neustart zu ermöglichen«, so Jannis Milios, Wirtschaftsprofessor in Athen und wichtiger SYRIZA-Wirtschaftsberater, in der Berliner Zeitung (13.1.2015). Damals erließen die Westalliierten der Bundesrepublik fast die Hälfte der Altschulden - auch Griechenland unterschrieb in London das Schuldenabkommen, das oft als eine Voraussetzung für das sogenannte Wirtschaftswunder benannt wird. Warum also nicht ähnliche Verhandlungen für Griechenland? Sind die ökonomischen und politischen Bedingungen für einen Schuldenschnitt überhaupt vergleichbar? ``` Die deutsche Auslandsverschuldung, die in London zur Diskussion stand, stammte aus der Vor- und Nachkriegszeit, also auch aus der Weimarer Republik. Es handelte sich zudem nicht nur um Staats-, sondern auch um Bankschulden. Die Verhandlungen wurden zunächst weniger zwischen den Westalliierten und Deutschland, als vielmehr zwischen den Alliierten selbst geführt. Die USA waren der größte und wichtigste Gläubiger, nicht nur gegenüber Deutschland, sondern auch gegenüber den Westalliierten, und hatten somit eine mächtige Verhandlungsposition. Diese hatten sie bereits vor 1945 ausgenutzt. So mussten sich die Schuldnerländer der US-Außenhandelspolitik unterwerfen. 1941 verpflichteten die USA etwa im Gegenzug zu US-Krediten Länder zum Abbau von Handels- und Zollschranken. Von der sich abzeichnenden neuen Weltwirtschaftsordnung profitierten die USA und der US-Dollar. Großbritannien und das britische Pfund waren die großen Verlierer. Ein Großteil der deutschen Bankschulden lag in der Londoner City. Die USA hatten im Gegensatz zu Großbritannien die Banken bereits in den 1930er Jahren dazu gedrängt, ihre Kredite aus Deutschland abzuziehen. Kein Wunder, dass London wenig Interesse an einer Entwertung ihrer Vermögen (Kredite) hatte. Die USA hatten auch mehr Spielraum, weil sie das deutsche Auslandseigentum einfach konfiszierten - entschädigungslos. Die britische Regierung hatte diese Möglichkeit nicht und kritisierte die US-Politik als feindlich gegenüber dem Prinzip des Privateigentums. Deutschland konnte also nur aufgrund des Konflikts zwischen den USA und Großbritannien profitieren sowie dank des Interesses der USA, nicht nur Deutschland im aufkommenden Kalten Krieg einzubinden, sondern auch Verwertungsmöglichkeiten für US-Kapital zu erschließen. Die USA ordneten die Interessen ihres Bündnispartners Großbritannien den eigenen geo- und wirtschaftspolitischen Interessen unter. Der wirtschaftliche »Erfolg« des Londoner Schuldenabkommens ist nur vor dem Hintergrund des Marshallplans, der Reorganisation des Weltmarktes und schließlich des Koreakriegs ab Sommer 1950 zu verstehen, der Deutschland einen Exportboom bescherte, weil Investitionsgüter und Rohstoffe nachgefragt wurden und Deutschland als einziges bedeutendes Industrieland Kapazitätsreserven besaß. Denn es darf nicht vergessen werden: Das Ausmaß der Kriegsschäden wird bis heute stark überschätzt. Das industrielle Anlagevermögen war kaum zerstört. Bezogen auf 1936 war das Bruttoanlagevermögen der Industrie um etwa 20 Prozent gewachsen. Ideale Voraussetzungen für das US-Kapital, das nach profitablen Anlagemöglichkeiten suchte und auf einen Weltmarkt angewiesen war, der auch nicht ausgelastete Produktionskapazitäten zur Verfügung stellte. Griechenland bringt keine vergleichbaren Voraussetzungen mit. Die Wirtschaftsstruktur ist mit der deutschen nach 1945 nicht vergleichbar und es herrscht kein Interesse der Hegemonialmächte vor, Griechenland (etwa im Gegensatz zur Ukraine) in ein geopolitisches Projekt einzubinden. Die griechische Wirtschaft ist nach 2008 zusammengebrochen und der Warenexport macht etwa zehn Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 40%, Irland: fast 60%). Wirtschaftlich bedeutsam ist vor allem der Tourismus. Griechenlands hohe Staatsschulden stellen zwar durchaus eine schlechte Voraussetzung für eine wirtschaftliche Erholung dar. Sie sind aber auch ein Ergebnis einer im Weltmarktvergleich unproduktiven Ökonomie. Griechenlands Staatsschuld beträgt derzeit über 170 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Auslandsschulden Deutschlands machten 1953 keine 20 Prozent des BIP aus. Vor diesem Hintergrund ist die Forderung nach einem Schuldenschnitt, nach Neuverhandlungen mit der Troika politisch legitim und richtig, aber weder politisch noch ökonomisch mit dem Londoner Schuldenabkommen vergleichbar. **Ingo Stützle** Erschienen in: *[ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak601/12.htm?ref=blog.stuetzle.cc)*, Nr. 601 vom 20.1.2015 ### Varoufakis: »Ich glaube, dass die EU davon profitieren würde, wenn Deutschland sich als Hegemon verstünde« URL: https://blog.stuetzle.cc/varoufakis-ich-glaube-dass-die-eu-davon-profitieren-wuerde-wenn-deutschland-sich-als-hegemon-verstuende/ Last updated: 2015-02-04T10:51:10.000Z ```
Deutschland ist das mächtigste Land Europas. Ich glaube, dass die EU davon profitieren würde, wenn Deutschland sich als Hegemon verstünde. Aber ein Hegemon muss Verantwortung übernehmen für andere. Das war der Ansatz der USA nach dem Zweiten Weltkrieg.
``` So der neue griechische Finanzminister Varoufakis in einem [ZEIT-Interview](http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-02/yanis-varoufakis-griechenland-finanzminister-inhalt-interview/seite-3?ref=blog.stuetzle.cc). Die Linke sollte sich mal darüber verständigen, was das, wenn das tatsächlich eintritt, für ihre kritische Solidarität, Einschätzung, Analysen und Kommentierungen bedeutet. ### Pressestimmen zu »Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre« URL: https://blog.stuetzle.cc/pressestimmen-zu-kapitalismus-die-ersten-200-jahre/ Last updated: 2015-01-08T16:03:12.000Z ``` Seit Januar 2015 ist die Zweitauflage unseres Piketty-Büchleins im Handel - und einige erfreuliche Besprechungen sind erschienen: ``` - »Wer Piketty verstehen will, sollte Stelter sowie Stützle und Kaufmann lesen – am besten im Vergleich.« ([Ulrike Herrmann, taz](http://www.taz.de/!152127/?ref=blog.stuetzle.cc)) - »Auf weniger als 100 Seiten fassen die Autoren zunächst prägnant und verständlich die These des ![Piketty-Buch](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2014/09/kapitalismusdieersten1-1.jpg)französischen Ökonomen zusammen und stellen die Mediendebatte sowie die wichtigsten der bisher vorgetragenen Kritiken vor. Dabei gehen sie auch der Frage nach, warum das Buch ein solch durchschlagender Erfolg werden konnte. Der sei nicht nur auf gutes Timing, Charisma des VWL-Newcomers und eine leicht verständliche einprägsame Formel zurückzuführen, sondern rühre vor allem aus dem Umstand, dass Piketty die bestehende Wirtschaftsform zwar angreife, aber an keiner Stelle antikapitalistisch argumentiert. Wie systemkonform die Pikettysche Kapitalismuskritik letztlich ist, verdeutlicht eindrucksvoll das letzte Drittel des Begleitbuchs. Dort arbeiten die Autoren präzise den ideologischen Gehalt der angeblich unideologischen, nur der objektiven Wissenschaft verpflichteten Ausführungen des Starökonomen heraus.« ([Sebastian Friedrich, Junge Welt)](https://www.jungewelt.de/2015/01-05/003.php?ref=blog.stuetzle.cc) - »Die Autoren fassen die wichtigsten Erkenntnisse Pikettys zusammen und ergänzen sie mit historischen Hintergründen und den wichtigsten Äußerungen zur Ungleichheitsdebatte. Wirtschaftswissen für die Hosentasche.« (Frankfurter Rundschau) - »Die Wirtschaftspublizisten Stephan Kaufmann und Ingo Stützle haben mit ihrem gut 100 Seiten langen Reader im A6-Format ›Kapitalismus die ersten 200 Jahre‹ nicht nur eine kompakte Zusammenfassung von Pikettys Forschung geschaffen, sie bringen auch eine ebenso kompakte Kritik daran. Wie jede gute Kritik würdigt sie zuerst die Verdienste des Autors (er hat das Problem wachsender Ungleichheit erkannt), referiert die Debatte um das Buch und zeigt dann dessen Defizite auf. Pikettys größtes: Er kokettiert im Titel mit Karl Marx, nimmt diesen aber ›nicht ernsthaft zur Kenntnis‹.« ([Armin Thurnher im Falter 45/2014)](http://www.falter.at/falter/rezensionen/buecher/?issue%5Fid=820&item%5Fid=9783865057303&ref=blog.stuetzle.cc) - Stephan Kaufmann sprach über Thomas Pikettys Thesen mit [Telepolis](http://www.heise.de/tp/artikel/43/43477/1.html?ref=blog.stuetzle.cc). ### Aufgeblättert: Wahlen im Maßnahmenstaat Griechenland URL: https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-wahlen-im-massnahmenstaat-griechenland/ Last updated: 2015-01-07T16:52:47.000Z ``` »Seit den Kreditverträgen vom Mai 2010 zwischen Griechenland, der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds stehen alle zentralen Entscheidungen des griechischen Parlaments unter dem Vorbehalt der Gläubiger« – so der Klappentext zu Gregor Kritidis Buch »Griechenland – auf dem Weg in den Maßnahmenstaat«. Und man möchte ergänzen: Selbst die Wahl des Parlaments steht unter Vorbehalt. Zumindest wenn man den deutschen Pressekommentaren lauscht. Denn seit dem klar ist, dass im Januar Neuwahlen anstehen und die Linkspartei SYRIZA laut Umfragen die stärkste Kraft ist, dreht vor allem die deutsche Politikelite am Rad. Obwohl klar ist, dass es keine rechtlichen Möglichkeiten gibt, dass Griechenland die Eurozone verlässt, wird das Grexit-Szenario angerufen und somit deutlich gemacht: die EU und auch der Euro beruhen vor allem auf Machtverhältnissen, die Deutschland bestimmt und bestimmen will. In den kommenden Wochen wird sich deshalb auch zeigen, wie es EU- und Euro-Institutionen gelingt, sich gegen Deutschland durchzusetzen. ``` Die gegenwärtige Debatte ist die Spitze eines Eisbergs, Ausdruck der autoritären Krisenpolitik der letzten Jahre, die Kritidis in seinem Buch in neun Abschnitten nachzeichnet. Griechenland, so die Frage im Titel, auf dem Weg in den Maßnahmenstaat? Den Begriff Maßnahmenstaat hat Kritidis von Ernst Fraenkel übernommen, der in seiner [Analyse des Faschismus](https://www.antifainfoblatt.de/artikel/der-doppelstaat?ref=blog.stuetzle.cc) nachzeichnet, wie sich die Logik eines Maßnahmenstaats gegenüber dem Normenstaat zunehmend Bahnen bricht. Wer wissen will, wie die »verordnete Schocktherapie« (Kritidis) Griechenland in eine soziale und politische Krise trieb, sollte das Buch zur Hand nehmen. Der Zerfall der demokratischen Institutionen, die Verelendung und der Aufstieg der extrem rechten Kräfte sind kein Zufall, sondern Ergebnis der Troika-Politik zugunsten der Gläubiger-Institutionen und -Staaten. Die gesammelten Beiträge verstehen sich als Aufklärung und Form von Gegenöffentlichkeit in einer Zeit, in der Unwissenheit und Ressentiments die Berichterstattung und Deutung der Eurokrise prägt. So kurz vor den Wahlen in Griechenland, sind dem Buch noch viele LeserInnen zu wünschen. ### FAQ. Noch Fragen? Investitionslücke URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-investitionsluecke/ Last updated: 2015-01-07T09:52:18.000Z ``` Nachdem das Haushaltsloch gestopft ist und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) eine schwarze Null schreiben kann, war plötzlich in der Zeitung von einem neuen Mangel zu lesen: Um eine bestehende »Investitionslücke« zu stopfen, seien bis 2017 jährlich mehrere Milliarden Euro notwendig - so ein Gutachten der Ökonomen Henrik Enderlein und Jean Pisani-Ferry für das deutsche Wirtschaftsministerium. Bereits im August 2014 hatte das Deutsche Wirtschaftsinstitut (DIW) behauptet, dass schwache Investitionen ein geringes Wachstum zur Folge hätten. Warum aber sollen ausbleibende Investitionen dafür verantwortlich sein, dass die Wirtschaft kaum wächst? Wenn keine Investitionen getätigt werden, werden keine Arbeitskräfte engagiert, werden keine Rohstoffe und Produktionsmittel gekauft - und keine Waren hergestellt, die wiederum verkauft werden. Okay. Aber gilt der Satz nicht auch anders herum? Sind die Investitionen nicht deshalb so schwach, weil die Wirtschaft kaum wächst? Wann sind Unternehmen bereit, Geld in die Hand zu nehmen, sogar Kredite aufzunehmen und zu investieren, das heißt Geld für Löhne, Rohstoffe und Produktionsmittel auszugeben? Genau, dann, wenn die Wirtschaft wächst, Profite winken, aus investiertem Geld (G) mehr Geld (G') wird. Es zeigt sich also, dass Investitions- und Wachstumsschwäche zwei Seiten einer Medaille sind, nämlich der kapitalistischen Verwertungslogik, deren unmittelbarer Zweck die Verwertung von Geldkapital ist - und der »ultimative Zweck allen Wirtschaftens« ist eben nicht, wie ZEIT-Wirtschaftsredeakteur Mark Schiernitz im Zuge der Debatte um die Investitionslücke behauptete, »der Konsum«. ``` Lange Zeit war das staatliche Credo, für die Profitabilität von Investitionen die Löhne und Steuern zu senken. Selbst die Krise kratzte bisher kaum an diesem Einmaleins neoliberaler Wirtschaftspolitik. Und dennoch hat sich der Diskurs etwas verschoben. Nicht erst seit dem Erfolg von Thomas Pikettys Buch über die sich verschärfende Ungleichheit der letzten Jahrzehnte wird herausgestellt, dass soziale Ungleichheit wachstumshemmend wirke und große Konzerne und Superreiche doch bitte Steuern zahlen sollen. In dieses Horn blasen inzwischen auch die OECD und der IWF. Überhaupt müsse der Staat, nachdem er den Banken Geld hinterhergeworfen habe, endlich etwas für die »Realwirtschaft« tun bzw. das tun, was eigentlich deren Job wäre: investieren. Das gelte vor allem für Deutschland, so etwa das DIW. Marode Brücken, Schlaglochpisten und zu wenig Ausgaben bei Forschung und Bildung seien hierfür ein Kennzeichen. Aber nicht nur staatliche Investitionen in das, was Marx die »allgemeinen Produktionsbedingungen« nannte, werden hier und da gefordert, sondern natürlich sollen auch private Investitionen durch Steuererleichterungen oder Subventionen wieder attraktiver werden. Alle Vorschläge haben zum Ziel, dass die Bewegung G-G' wieder rund läuft, sie bewegen sich nur von unterschiedlichen Seiten auf das gleiche Problem zu - und es ist ein Problem. Das muss seit Monaten etwa die Europäische Zentralbank (EZB) erfahren, die mit ihrem geldpolitischen Latein am Ende ist. Selbst eine Nullzinspolitik führt nicht dazu, dass billiges Geld auch investiert wird. Schließlich versucht die EZB mit ihrer Strategie die Hürde dafür, dass G-G' auch profitabel ist, möglichst gering zu halten. Aber auch das hilft nichts. Hartz IV und die jahrelange Lohnzurückhaltung führen dazu, dass der private Konsum als Nachfragefaktor de facto ausfällt; der Staat spart selbst und gehört etwa als Bauträger zu den säumigsten Zahlern. Wenn dann auch noch das Kapital sein Geld lieber an den Finanzmärkten platziert, statt es risikoreich und wenig profitabel zu investieren, stottert das Wachstum. Aber nochmals zur Lücke: Zwischen was soll die eigentlich aufklaffen? Marode Brücken sind gefährlich, aber das, was sie überbrücken, kann kaum die Lücke sein, von der hier die Rede ist. Es ist wohl auch nicht die zwischen Angebot und Nachfrage. Laut DIW hängt die Lücke von der »gesamtwirtschaftlichen Investitionsquote« ab, also dem Verhältnis von Bruttoanlageinvestitionen (also inklusive Abschreibungen) zum Bruttoinlandsprodukt. Anhand dieser Kennziffer, so das DIW, »lässt sich beurteilen, wie stark ein Land in seine künftige wirtschaftliche Entwicklung investiert«. Und im Vergleich zu anderen Ländern herrsche in Deutschland eine Investitionslücke von rund drei Prozent des BIP. Es geht also bei der Lücke um die Konkurrenz auf dem Weltmarkt um anlagesuchendes Kapital und um Marktanteile. Auf dem Weltmarkt regelt eben nicht nur die unsichtbare Hand des Marktes das Geschehen, sondern auch die Faust des Staates - und die muss auch mal Geld in die Hand nehmen. **Ingo Stützle** Erschienen in: [ak — ana­lyse & kri­tik](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc). Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis, Nr. 600 vom 16.12.2014. ### Aufgeblättert: Stefan Beck zur deutschen Exportorientierung URL: https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-stefan-beck-zur-deutschen-exportorientierung/ Last updated: 2015-01-07T09:45:33.000Z ``` Im Zuge der Eurokrise wurde oft kritisiert, dass Deutschlands Wirtschaft stark auf den Export ausgerichtet ist, eine sogenannte merkantilistische Strategie fährt. Die dadurch entstehenden Handelsungleichgewichte, wenn einige Länder mehr exportieren als importieren, wirken destabilisierend - vor allem dann, wenn man eine gemeinsame Währung hat: den Euro. Dass die deutsche Strategie kein neues Phänomen ist, zeigt Stefan Beck in seiner wichtigen Studie über die wirtschaftliche Entwicklung seit den 1950er Jahren. Er stellt dabei zwar einen Wandel innerhalb der Exportorientierung ab den 1980ern fest, als Deutschland verstärkt auf den europäischen Binnen- und den Weltmarkt setzte, aber der Export spielte seit dem Koreakrieg Anfang der 1950er Jahre immer eine besonders wichtige Rolle. Während in der ersten Phase hohe Löhne und Wirtschaftswachstum noch keinen Widerspruch zur Exportorientierung darstellten, ist die Phase seit den 1990er Jahren von einer »Unterdrückung lohngetriebener Wachstumsimpulse« geprägt. Ein sogenannter selektiver Korporatismus, der Teile der Gewerkschaften und der Lohnabhängigen auf Kosten anderer Teile einbindet, sicherte selbst bei sinkenden Löhnen das »Modell Deutschland«. Beck zeigt also, dass das, was die Gewerkschaften derzeit beklagen - schwache Binnenwirtschaft aufgrund niedriger Löhne - etwas ist, was sie aktiv mitgetragen haben bzw. das gegenwärtige wettbewerbsorientierte Modell gerade ausmacht. ``` **Ingo Stützle** Stefan Beck: [Vom Fordistischen zum Kompetitiven Merkantilismus. Die Exportorientierung der Bundesrepublik Deutschland zwischen Wirtschaftswunder und Europäischer Krise](http://www.metropolis-verlag.de/Vom-Fordistischen-zum-Kompetitiven-Merkantilismus/1074/book.do?ref=blog.stuetzle.cc). Metropolis, Marburg 2014\. 426 Seiten, 38 EUR. Erschienen in: [ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak600/03.htm?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 600 vom 16.12.2014. ### FAQ. Noch Fragen? Schäubles schwarze Null URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-schaeubles-schwarze-null/ Last updated: 2014-12-05T15:58:11.000Z ``` Bereits vor Monaten triumphierte Wolfgang Schäuble (CDU): Erstmals seit 1969 schreibe ein deutscher Finanzminister eine schwarze Null. Während ihm ParteifreundInnen auf die Schulter klopften, waren andere empört, dass ausgerechnet Deutschland - das Land, das in der Eurozone den größten finanzpolitischen Handlungsspielraum hat - diesen nicht dazu nutzte, Geld auszugebe, um die Wirtschaft zu stabilisieren. Die sogenannte schwarze Null könnte zudem bald wie »Kindergarten« oder »Panzer« in den englischen Sprachgebrauch eingehen, denn selbst das US-Wirtschaftswebportal Businessinsider titelte auf Deutsch mit »schwarzer Null«. ``` Aber was soll das heißen, schwarze Null? Wenn ein Unternehmen Gewinne und keinen Verlust macht, schreibt es schwarze Zahlen. Warum aber schwarze Null? Ein Staatshaushalt ist keine Unternehmensbilanz. Das Staatsbudget umfasst die Einnahmen und Ausgaben des Staates, stellt jedoch keine Bilanz dar, keine Erfolgsrechnung im kaufmännischen Sinne. Deshalb schreibt eine Regierung auch keine schwarzen Zahlen, sondern eine schwarze Null. Das Budget ist ein Vorschlag uber die voraussichtlichen Einnahmen und Ausgaben fur ein Haushaltsjahr und beginnt deshalb mit einem »Soll«, das später dem vollzogenen Haushalt gegenubersteht. Schäuble will mit der schwarzen Null also einen ausgeglichenen Haushalt erreichen, nicht mehr ausgeben als einnehmen, keine neuen Schulden machen. Deshalb war das Geschrei auch groß, als wenige Wochen später die Steuerschätzung ergab, dass aufgrund der schwachen Wirtschaftsentwicklung mit etwa 21 Milliarden Euro Steuermindereinnahmen gerechnet werden muss - die schwarze Null stand wieder zur Disposition. Dass es endlich auch mal Deutschland »erwischt«, war Wasser auf die Mühlen derjenigen, die kritisieren, dass die schwarze Null nicht nur kein wirtschaftspolitisches Ziel sein könne, sondern schädlich sei: linke SozialdemokratInnen, Gewerkschaften und Euro-Länder, die den Austeritätskurs aufweichen. Der französische Wirtschaftsminister Emmanuel Macrons wird mit dem Satz in Richtung Schäuble zitiert: »50 Milliarden Euro Einsparungen bei uns, und 50 Milliarden zusätzliche Investitionen bei Ihnen - das wäre ein gutes Gleichgewicht«. Ein ausgeglichener Haushalt sei dann eine gute Sache, wenn es der Wirtschaft »gut« gehe. Wenn die Konjunktur lahmt, müsse der Staat Geld ausgeben oder Steuermindereinnahmen hinnehmen, damit die Wirtschaft wieder anspringt und auf diese Weise Steuern eingenommen werden können. In diesen Chor stimmten in den letzten Wochen selbst Organisationen ein, die sonst für eine strikte Austeritätspolitik plädieren (EU-Kommission, OECD, IWF). Sie empfahlen Deutschland, Verschuldungsspielräume auszunutzen. Ferdinand Fichtner, Konjunkturchef am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), stellte klar: »Ich halte die schwarze Null aus ökonomischer Sicht derzeit nicht für angebracht.« Laut DIW werden jedes Jahr 75 Milliarden Euro zu wenig (u.a. in Forschung, Bildung und Infrastruktur) investiert. Die öffentlichen Investitionen gingen von 4,7 Prozent des BIP im Jahr 1970 auf nur noch 1,6 Prozent 2013 zurück. Nur die Grünen wollen es mal wieder allen beweisen: Der Staat soll ihnen zufolge quasi wie ein Unternehmen funktionieren, nicht nur eine schwarze Null, sondern schwarze Zahlen schreiben und so für die zukünftigen Renten vorsorgen. Bei der Diskussion um die schwarze Null geht es demnach um mehr, nämlich darum, wie die Wirtschaftspolitik insgesamt aussehen soll. So ist es kein Zufall, dass Frankreichs Vorstoß vor dem nächsten deutsch-französischen Wirtschaftsrat am 1\. Dezember 2014 kam, wo die beiden Länder gemeinsame Vorschläge für Investitionen erarbeiten wollen. Einen grundlegenden Politikwechsel wird es allerdings kaum geben. Das zeigen nicht nur die vorsichtigen Wortmeldungen aus Frankreich, die den Sparwillen unterstreichen, sondern auch die letzten Monate: Zwar wird die Kritik an den Spardiktaten immer lauter, seit Präsident François Hollande auf deutschen Druck hin weitere Kürzungen auf den Weg brachte, aber der Raum des Sagbaren wurde gleichzeitig deutlich enger: »Wenn wir uns der extremistischsten Orthodoxie der deutschen Rechten anpassen müssen, dann bedeutete das ..., dass die Franzosen, auch wenn sie die französische Linke wählen, in Wahrheit für die Anwendung des Programms der deutschen Rechten stimmen.« Man müsse nun endlich »einen anderen Ton anschlagen« und dürfe sich »nicht mehr alles gefallen lassen«, so Arnaud Montebourg, der ehemalige französische Wirtschaftsminister, der nach seinen Äußerungen an die frische Luft gesetzt wurde. **Ingo Stützle** Erschienen in: [ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 599 vom 18.11.2014. ### PolyluxMarx. Zweiter Band der Bildungsmaterialien für Einführungen ins Kapital URL: https://blog.stuetzle.cc/polyluxmarx-zweiter-band/ Last updated: 2014-12-05T09:33:32.000Z ``` «A superb instrument for teaching the fundamentals of Das Kapital.» Dieses Lob stammt von dem US-amerikanischen Historiker Mark Mancall von der Stanford University und gilt dem ersten Band von PolyluxMarx, der inzwischen in mehreren Sprachen aufgelegt wurde. Im Januar 2015 erscheint die zweite Ausgabe dieser Bildungsreihe. ``` Für die über 2.500 Seiten von Marx’ Kapital braucht man fast sechs Jahre, wenn man pro Tag eine Seite liest. Wer soll das alles lesen? Und wann? Der zweite Band von PolyluxMarx bietet eine verdichtete Einführung in die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie. Er enthält animierte und kommentierte Folien, die sich für Abendveranstaltungen, Tages- und Wochenendseminare eignen – anders als der erste Band, der für die Kapitallektüre im Rahmen eines länger dauernden Kurses gedacht ist. Der zweite Band von PolyluxMarx ist verständlich aufbereitet und methodisch abwechslungsreich – mit Spielen und einem Comic-Clip. PolyluxMarx richtet sich an TeamerInnen, die einen ersten Einstieg in die Marxsche Analyse anbieten und so TeilnehmerInnen auf die Lektüre des Originals neugierig machen wollen. PolyluxMarx. Zweiter Band bestellen und Comic Clip (Danke an [123comics](http://www.123comics.net/?ref=blog.stuetzle.cc)) anschauen: [http://vol2.polyluxmarx.de/](http://vol2.polyluxmarx.de/home.html?ref=blog.stuetzle.cc) PolyluxMarx. Erster Band herunterladen oder bestellen: [http://vol1.polyluxmarx.de/](http://vol2.polyluxmarx.de/home.html?ref=blog.stuetzle.cc) PolyluxMarx ist im Rahmen der politischen Bildungsarbeit der [Rosa-Luxemburg-Stiftung](http://www.rosalux.de/?ref=blog.stuetzle.cc) entstanden und beim [Karl-Dietz-Verlag](http://www.dietzberlin.de/?ref=blog.stuetzle.cc) erschienen. Weitere Infos zu Kapital-Lektürekursen und rund um das Thema Kritik der politischen Ökonomie: [www.das-kapital-lesen.de](http://www.das-kapital-lesen.de/?ref=blog.stuetzle.cc) ### Austerität tötet. Wer das Sparen erfand und wem es heute nützt - ein BR2-Feature URL: https://blog.stuetzle.cc/austeritaet-toetet-wer-das-sparen-erfand-und-wem-es-heute-nuetzt-ein-br2-feature/ Last updated: 2014-10-21T16:08:18.000Z ``` Piketty-BuchAuf die Sparprogramme der Troika folgte in vielen Krisenländern die humanitäre Katastrophe. Während die EU-Länder weiter ihre Schulden reduzieren wollen, wird die Krise für immer mehr Menschen zum Alltag – auch in Deutschland. Julia Fritzsche und Sebastian Dörfler haben für den Bayrischen Rundfunk ein hörenswertes Feature zu Austerität produziert, zu dem ich auch ein paar Ideen beisteuern durfte. Das Feature ist als Podcast verfügbar: ``` [direkt anhören](http://cdn-storage.br.de/iLCpbHJGNL9zu6i6NL97bmWH%5F-bG/%5FAES/5AF6528H/141018%5F1305%5FradioFeature%5FAusteritaet-toetet---Wer-das-Sparen-erfand-.mp3?ref=blog.stuetzle.cc) Meine Besprechung von »Sparprogramme töten – Die Ökonomisierung der Gesundheit« von David Stuckler und Sanjay Basu findet ihr [hier](http://stuetzle.cc/2014/05/aufgeblaettert-toedliche-austeritaet/?ref=blog.stuetzle.cc). Die aktuelles Ausgabe von [»Gesundheit braucht Politik. Zeitschrift für eine soziale Medizin«](http://www.vdaeae.de/index.php/gesundheit-braucht-politik?ref=blog.stuetzle.cc) (Sonderausgabe zu Griechenland) [hier](http://www.vdaeae.de/index.php/gesundheit-braucht-politik/doc%5Fdownload/50-gesundheit-braucht-politik-sonderausgabe-2014-austeritaet-toedliche-medizin-fuer-griechenlands-gesundheitswesen?ref=blog.stuetzle.cc). ### Out now: Thomas Pikettys »Das Kapital im 21. Jahrhundert« – Einführung, Debatte, Kritik URL: https://blog.stuetzle.cc/out-now-thomas-pikettys-das-kapital-im-21-jahrhundert-einfuehrung-debatte-kritik/ Last updated: 2014-10-20T19:00:36.000Z ``` Piketty-Buch»Das vielleicht wichtigste Buch des letzten Jahrzehnts«, nannte es US-Nobelpreisträger Paul Krugman: Thomas Pikettys Das Kapital im 21. Jahrhundert, das im Oktober auf Deutsch erscheint, hat wie kaum ein anderes wissenschaftliches Werk international Furore gemacht, die Bestsellerlisten erobert und Begeisterung hervorgerufen – aber auch heftige Kritik provoziert. Piketty wurde zum neuen Karl Marx erklärt und mit dem Revolutionär der Wirtschaftswissenschaften, John Maynard Keynes, in eine Reihe gestellt. Die Grundthese des »Rockstar-Ökonomen« (Financial Times): Im Kapitalismus der letzten Dekaden hat die Ungleichheit dramatische Ausmaße angenommen und wächst stetig weiter – nicht bloß zufällig, sondern mit System. Auf eine Formel gebracht: r > g (die Rendite aus Kapital ist im Normalfall höher als das Wirtschaftswachstum). Damit wird eine kleine Elite immer reicher – und zugleich immer mächtiger. Gerade auch in Deutschland geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander: Das Vermögen der 10 reichsten Deutschen ist größer als das der ärmeren Bevölkerungshälfte (etwa 35 Mio. Menschen) zusammen. ``` Angesichts des sensationellen Erfolgs der nicht gerade leicht konsumierbaren 800-Seiten-Studie, die bis ins 18\. Jahrhundert zurückreicht, stellt sich die Frage, woher der Hype um Pikettys Buch kommt. Was steht überhaupt drin? Was wird an ihm kritisiert? Und was ist davon zu halten – vom Buch und der Kritik daran? Zusammen mit Stephan Kaufmann referiere ich in [»Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre«](http://www.bertz-fischer.de/product%5Finfo.php?cPath=1%5F33&products%5Fid=447&ref=blog.stuetzle.cc) Inhalt und Argumente von Pikettys Kapital und erörtere die Kontroversen, die diese »Bibel der Umverteilungspolitiker« (Manager-Magazin) ausgelöst hat; zudem zeigen wir die Grenzen, Widersprüche und Irrtümer der vermeintlichen »Piketty-Revolution« (Krugman) auf. → Das [Inhaltsverzeichnis](http://www.bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten/pdf/kapitalismusdieersten%5Finhalt.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) und eine [Leseprobe](http://www.bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten/pdf/kapitalismusdieersten%5Fleseprobe.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) sind als PDF online. → Zum Dos­sier [»Piket­tys *Das Kapi­tal im 21\. Jahr­hun­dert*«](https://blog.stuetzle.cc/thomas-pikettys-das-kapital-im-21-jahrhundert/) ### FAQ. Noch Fragen? Grenzen der Geldpolitik URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-grenzen-der-geldpolitik/ Last updated: 2014-10-20T17:09:23.000Z ```
EZB-Neubau.August-2013
Der EZB-Neubau in Frankfurt am Main (August 2013)
``` Der Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn ist außer sich. Scharf kritisiert er den neusten Vorstoß der Europäischen Zentralbank (EZB), Kreditverbriefungen aufzukaufen: »Die EZB wird damit vollends zu einer Bail-out-Behörde und einer Bad Bank Europas«. Was war passiert? Bereits im Juni 2014 hatte EZB-Chef Mario Draghi verkündet, den Leitzins auf historische 0,15 Prozent zu senken. Zum Leitzins leihen sich die Geschäftsbanken Geld bei der Zentralbank, um damit unter anderem Kredite zu vergeben. Die Kreditvergabe an Unternehmen lässt in den Augen der EZB jedoch zu wünschen übrig. Deshalb wurde zudem ein Negativzins für Einlagen bei der EZB beschlossen. Er soll die Geschäftsbanken dazu bringen, den Unternehmen Geld zu leihen, statt das Geld wieder bei der EZB anzulegen. Ist der Einlagezins bei der EZB nämlich negativ, machen die Geschäftsbanken einen Verlust. Aber selbst dieser geldpolitische Winkelzug der EZB hat nichts geholfen: Am 7.10.2014 war in der FAZ zu lesen: »Deutsche Industrieproduktion bricht ein. Deutschlands Firmen drosseln ihre Produktion so stark wie seit dem Jahr 2009 nicht mehr.« Aus dem Wirtschaftsministerium war zu hören: »Die Industriekonjunktur durchläuft gegenwärtig eine Schwächephase«. Die Kreditvergabe der Banken ist noch durch etwas anderes beschränkt: ihr Eigenkapital. Das sieht die Bankenregulierung so vor. Genau hier setzt der neue Vorstoß der EZB an, denn Banken übernehmen etwa 80 Prozent der Finanzierung der europäischen Volkswirtschaft. Deshalb kündigte EZB-Chef Mario Draghi an, bis zu einer Billion Euro auszugeben, um den Banken Wertpapiere abzukaufen: Pfandbriefe, die mit Immobilien abgesichert sind, und verbriefte Unternehmens- und Verbraucherkredite, sogenannte Asset Backed Securities (ABS). Vor allem die Entlastung des Bankensystems von verbrieften Unternehmenskrediten soll die Kreditvergabe wieder in Schwung bringen: schließlich wären die Banken mit dem Verkauf der Wertpapiere nicht nur selbst wieder kreditwürdiger, sondern zudem wieder mit mehr Eigenkapital ausgestattet. Durch die Versorgung des Bankensystems mit weiterem Geld erhofft sich die EZB zudem, eine Deflation abzuwenden. (Siehe ak 597) Der Coup d'Draghi zeigt aber vor allem die Grenzen der Geldpolitik auf. Denn selbst wenn Banken quasi umsonst Geld von der EZB bekommen, wird es nicht zu Kredit. Warum? Geld wird nur dann mehr, wenn es als Kapital fungiert, akkumulieren kann, Ausbeutung von Arbeitskräften stattfindet. Ausbeutung lohnt sich für das Kapital jedoch nur, wenn Profit winkt, wenn die Kosten für das Einzelkapital niedrig sind. Dazu gehören neben den Löhnen, die dank der Troika bereits massiv geschliffen wurden, auch die Zinsen. Was jedoch selbst Linke in der Verteidigung der EZB-Politik oft vergessen, ist, dass ein Kreditverhältnis eben nur dann zustande kommt, wenn Profit winkt. Da helfen weder niedrige Zinsen noch Strafzinsen, die die Geschäftsbanken dank ihrer Gewinne an den Finanzmärkten leicht wettmachen können. Die kapitalistische Produktionsweise ist, das zeigt die EZB-Entscheidung, eine bornierte Produktionsweise, weil ihr unmittelbarer Zweck der Profit ist. Niedrig- und Negativzinsen sind damit erstens Ausdruck dafür, dass Profite in der Euro-Peripherie noch nicht an der Tagesordnung sind. Und zweitens dafür, dass in der Krise die Gläubiger vor Entwertung ihres Geldkapitals bewahrt wurden: Das Bankenkapital wurde - in den USA und der EU zusammen - mit über 3.000 Milliarden Euro gestützt. Das Geldkapital kann vor dem Hintergrund einer verhinderten Entwertung seinen Anspruch auf Verwertung aufrechterhalten - einen Anspruch, dem die Akkumulation des industriellen Kapitals nicht nachkommen kann. Das wiederum führt nicht nur zu Unternehmenspleiten, sondern auch dazu, dass unter anderem Unternehmensanleihen mitunter als riskante Anlagen gelten. Da diese wiederum bei den Banken liegen, die sich davon regelmäßige Zinszahlung erwarten, will Draghi sie davon »befreien« - in der frohen Erwartung, dass dann die Kreditvergabe wieder anspringt. Ist die EZB damit aber eine Bad Bank? Mitnichten. Zwischen Juli 2007 und Ende 2013 lag die Ausfallrate von Wertpapieren, wie sie jetzt die EZB aufkauft, bei 0,1 Prozent oder niedriger. Ein Vergleich mit den US-Papieren, die schließlich zum Zusammenbruch von Lehman Brothers führten, ist damit unangebracht. Hier lag die Ausfallrate bei fast 20 Prozent. Was aber wird passieren? Die EZB wird dank der Wertpapiere Geld verdienen und unter anderem an die Deutsche Bundesbank auszahlen. Wie bei der »Griechenlandhilfe« wird es wieder ein Geschäft werden - und kein Desaster für die deutschen SteuerzahlerInnen. **Ingo Stützle** Erschienen in: [ak - analyse & kritik](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc). Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 598 vom 14.10.2014, S. 9. ### Des Teufels großer Haufen. Der französische Ökonom Thomas Piketty plädiert für mehr Leistungsgerechtigkeit URL: https://blog.stuetzle.cc/des-teufels-grosser-haufen-der-franzoesische-oekonom-thomas-piketty-plaediert-fuer-mehr-leistungsgerechtigkeit/ Last updated: 2014-10-15T09:02:21.000Z ``` Piketty-KapitalDer Volksmund weiß: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Was man wahlweise als Verdacht oder als Erfahrungswissen deuten kann, das hat der französische Ökonom Thomas Piketty nachgewiesen. Zumindest wollte er das. In einem dicken Buch (1) mit viel statistischem Material legt er dar, wie, wann und warum die Vermögensverteilung immer ungleicher wurde und wird. Piketty zeigt, dass die Ungleichheit immer dann zunimmt, wenn die Kapitalrendite (r) das Wirtschaftswachstum (g) übersteigen. Auf eine Formel gebracht: r > g. Die Ungleichheit habe in den letzten Jahrzehnten zugenommen, und zwar derart, dass sie die kapitalistische Wirtschaftsweise selbst untergrabe: Nicht mehr Arbeitsleistung, sondern vor allem Erbschaften würden sich lohnen, d.h. dazu beitragen, Vermögen aufzubauen. ``` Damit bewegten sich die westlichen Industriegesellschaften wieder hin zu Verhältnissen, wie sie im 19\. Jahrhundert herrschten. So hätte Piketty den mittellosen Karl Marx zitieren können, der 1852 an seinen Freund Friedrich Engels uber seinen Onkel schrieb: »Stirbt der Hund jetzt, so bin ich aus der Patsche heraus. « Marx erhoffte sich eine Erbschaft, nachdem er beim Tod seines Vaters »leer« ausgegangen war. Engels antwortet Marx: »Zu der Nachricht von der Krankheit des alten Braunschweiger Erbschaftsverhinderers gratuliere ich und hoffe, dass die Katastrophe endlich eintreten wird.« → Weiterlesen in [*ak - analyse & kritik*](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak598/06.htm?ref=blog.stuetzle.cc). ![piketty](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2014/10/piketty-1.jpg) ### Helmut Kohl gibt zu, Diktator gewesen zu sein URL: https://blog.stuetzle.cc/helmut-kohl-gibt-zu-diktator-gewesen-zu-sein/ Last updated: 2014-10-13T11:45:15.000Z ``` Die Aufregung um das Buch von Heribert Schwan ist groß; mehrere Passagen sollen aus Die Kohl-Protokolle geschwärzt werden. Zu anderen Zitaten steht Kohl scheinbar noch, so etwa zu der von Jens Peter Paul entlockten Kohl-Aussage, die in Pauls Promotion [PDF] einfloss: ``` > Ich bin ein Machtmensch, okay – was heißt eigentlich: Wieso bin ich Machtmensch? Wenn einer Bundeskanzler ist, will etwas durchsetzen, muß er doch ein Machtmensch sein! Und wenn er gescheit ist, dann weiß er: Jetzt ist eine Zeit reif, um etwas durchzusetzen. Und wenn er gescheit ist, dann weiß er: Es gibt Sachen, da muß ich warten. Es ist mein volles Leben: In einem Fall war ich wie ein Diktator, siehe Euro , in einem Fall war ich ein Zauderer, habe alle Probleme ausgesessen. Ist immer noch der gleiche Helmut Kohl, von dem wir reden. Mit Machtmensch hat das nichts zu tun. ### Das Kapital sei eine zu harte Nuss, meinte Ignacy Daszynski. Oder: Wer liest eigentlich Piketty (zu Ende)? URL: https://blog.stuetzle.cc/das-kapital-sei-eine-zu-harte-nuss-meinte-ignacy-daszynski/ Last updated: 2014-10-09T16:06:21.000Z ``` Das web.de-Team hat sich anlässlich der Buchmesse in Frankfurt am Main etwas ganz Lustiges einfallen lassen: eine Liste der Bücher, die man einfach nicht zu Ende lesen kann. Auf dem schsten Platz steht das marxsche Kapital: ``` > *Das Kapital* Das erinnert an eine Anek­dote, die von Isaac Deut­scher bzw. Ignacy Daszyn­ski über­lie­fert ist\[1\. Das Ori­gi­nal fin­det sich in Deut­schers Essay-Sammlung [›Mar­xism in Our Time‹](http://books.google.de/books?hl=de&id=bYQEAQAAIAAJ&focus=searchwithinvolume&q=daszynski&ref=blog.stuetzle.cc). Die ange­führte Para­phrase fin­det sich [hier](http://www.lili-bochum.de/Das-Kapital-lesen.html?ref=blog.stuetzle.cc).\]: > *Das Kapi­tal*[Ignacy Daszyn­ski](http://de.wikipedia.org/wiki/Ignacy%5FDaszy%C5%84ski?ref=blog.stuetzle.cc) Es gibt jedoch einen weiteren Kapital-Band, der nicht zu Ende gelesen wird: Einem [Bericht des *Wall Street Journals*](http://m.wsj.com/articles/the-summers-most-unread-book-is-1404417569?ref=blog.stuetzle.cc) zufolge, rangierte nach erscheinen in der englischen Übersetzung Pikettys *Capital in the 21st Century* nicht nur auf den Bestsellerlisten ganz weit vorne, sondern belegt auch Platz 1 im Ranking jener Bücher, deren Lektüre vorzeitig beendet wird (Abbruchquote: 97,6 Prozent) – das sagen zumindest die Amazon-Daten über das Leseverhalten auf dem hauseigenen E-Book-Reader Kindle. Piketty verwies damit den bisherigen ewigen Spitzenreiter Stephen Hawking (Eine kurze Geschichte der Zeit) auf Platz 2 (Abbruchquote 93,4 %). → Zum Dos­sier [»Piket­tys *Das Kapi­tal im 21\. Jahr­hun­dert*«](https://blog.stuetzle.cc/thomas-pikettys-das-kapital-im-21-jahrhundert/). → [Inhalts­ver­zeich­nis](http://www.bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten/pdf/kapitalismusdieersten%5Finhalt.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) und eine [Lese­probe](http://www.bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten/pdf/kapitalismusdieersten%5Fleseprobe.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) zu: Ste­phan Kaufmann/Ingo Stützle: *[Kapi­ta­lis­mus: Die ers­ten 200 Jahre. Tho­mas Piket­tys »Das Kapi­tal im 21\. Jahr­hun­dert« – Ein­füh­rung, Debatte, Kri­tik](http://www.bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten.html?ref=blog.stuetzle.cc)* (Ber­lin 2014). Anmerkung: ### Ist eine Tautologie ein Gesetz, Thomas Piketty? URL: https://blog.stuetzle.cc/ist-eine-tautologie-ein-gesetz-thomas-piketty/ Last updated: 2014-10-09T07:37:06.000Z ``` Obwohl Thomas Piketty in seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert einige Ausführungen zu ökonomischer Theorie macht, will er vor allem durch die Empirie und seine historischen Ausführungen bestechen: ``` > [welt.de](http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article127887922/Wir-sollen-alle-Kapitalisten-werden.html?ref=blog.stuetzle.cc) [![Piketty-Kapital](http://stuetzle.cc/wp-content/uploads/Piketty-Kapital.jpg)](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2014/10/Piketty-Kapital-1.jpg?ref=blog.stuetzle.cc) Dennoch gibt Piketty sich mit seinen empirischen Ergebnissen nicht zufrieden und extrapoliert aus empirischen Regelmäßigkeiten eine allgemeine Gesetzmäßigkeit (r > g) und sogar zwei »Gesetze des Kapitalismus«. Was Piketty als »Gesetze« anpreist, entpuppt sich jedoch als »tautologische Beschreibungen«, [so *taz*\-Redakteurin Ulrike Herrmann](http://www.b-republik.de/aktuelle-ausgabe/vorsprung-durch-tautologie?ref=blog.stuetzle.cc). Piketty schreibt selbst, dass das erste Gesetz, »the law α = r × β is actually a pure accounting identity, valid at all times in all places, by construction«, also gar kein Gesetz sei. Warum er es dann trotzdem aufstellt, bleibt unklar. Das Gesetz ist nicht mehr als eine Definition, nämlich, dass der Anteil des Kapitaleinkommens am gesamten Volkseinkommen genauso groß ist wie das Produkt aus Kapitalrendite und dem Kapital-Einkommen-Verhältnis. Ähnlich verhält es sich mit dem »zweiten Gesetz«. In langfristiger Perspektive, so Piketty, verhält sich das Kapital-Einkommen-Verhältnis »in a simple and transparent way to the savings rate s and the growth rate g according to the following formula: β = s / g«. In einer derartigen Gleichung ist jedoch das eigentlich Interessante, wie sich die Größen im Prozess zueinander verhalten, welche Größe sich wie und warum bewegt und welche sich warum anpasst. Für eine derartige Schlussfolgerung bedarf es jedoch einer Aussage über ökonomische Wirkzusammenhänge – einer Theorie (und eben keine keiner Geschichte). Das lässt sich an einer in Lehrbüchern weitverbreiteten Aussage verdeutlichen. Auch die Gleichungen I = S, also die Investitionen entsprechen dem Sparvolumen, beschreibt zunächst einmal nur einen funktionalen Zusammenhang, der nicht mit einer kausalen Wirkungen identisch ist. Aus der volkswirtschaftlichen Gleichung I = S folgt daher *nicht*, welche Größe sich anpasst, um diese Gleichheit herzustellen. Führt eine große Ersparnis zu großen Investitionen (so etwa in der Neoklassik) oder führen große Investitionen zu einer Steigerung des Volkseinkommens, aus dem dann mehr gespart wird (wie im Anschluss an John M. Keynes viele Ökonomen behaupten). Piketty expliziert seine Position hierzu nicht. Dennoch unterstellt er einen Zusammenhang, [wie Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker anhand einer Aussage Pikettys herausstellen](http://www.flassbeck-economics.de/thomas-piketty-und-die-kapital-einkommens-relation-much-ado-about-nothing/?ref=blog.stuetzle.cc), wobei sie bekanntermaßen der keynesianistischen Theorie anhängen\[2\. wobei sich auch über die keynessche Theorie [streiten lässt](http://www.neues-deutschland.de/artikel/819978.streitfrage-was-taugt-keynes-zur-loesung-der-aktuellen-krise.html?ref=blog.stuetzle.cc)\]: > [Harrod-Domar-Solow-Formel](https://de.wikipedia.org/wiki/Harrod-Domar-Modell?ref=blog.stuetzle.cc) Pikettys Kritik an der Mathematisierung ökonomischer Theorie ist durchaus berechtigt, aber eben noch lange kein Grund, vordergründig vor allem empirisch zu arbeiten, im Kern aber neoklassische Prämissen zu teilen, also dem Paradigma der Wirtschaftswissenschaften zu folgen, das in den letzten 40 Jahren die Hochschulen und Lehrbücher beherrscht. Das ist der Grund, warum etwa Jakob Kapeller vom Institut für Philosophie und Wissenschaftstheorie der Uni Linz Pikettys »offensichtliches Bemühen« [kritisiert](http://wug.akwien.at/WUG%5FArchiv/2014%5F40%5F2/2014%5F40%5F2%5FDie%5FRueckkehr%5Fdes%5FRentiers%5FRezession%5FPiketty%5FJKapeller?ref=blog.stuetzle.cc), »die ökonomische Fachwelt und die von ihr artikulierten Theorien nicht allzu heftig zu düpieren.«\[2\. Siehe hierzu auch die [»Special issue on Piketty’s Capital«](http://www.paecon.net/PAEReview/issue69/whole69.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) (pdf) der *real-world economics review*\] Piketty ist demnach theoretisch nicht nur nicht mit Marx vergleichbar, wie er selbst nicht müde wird zu betonen, sondern nicht einmal mit Keynes, der zumindest einen Bruch mit den theoretischen Grundlagen des neoklassischen Mainstreams vollzog. Thomas Steinfeld kritisiert daher in der [*Süddeutschen Zeitung*](http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/buch-ueber-kapitalismus-kapitalrendite-schlaegt-wirtschaftswachstum-1.1940636-3?ref=blog.stuetzle.cc) zurecht, dass Pikettys »Überheblichkeit gegenüber Thomas Malthus, David Ricardo oder Karl Marx« unangemessen sei, denn »diese hatten sich darum bemüht, eine bestimmte Wirtschaftsform zu erklären, anstatt nur deren Wirkungen zu addieren.« Ulrike Herrmann spitzt zu: »Als Theoretiker kann man Piketty also abhaken.« Piketty übt sich als Wirtschaftshistoriker in un-ideologischer Attitüde, bleibt aber in den neoklassischen Annahmen verfangen – und damit für den Mainstream anschlussfähig. Wie auf Grundlage neoklassischer Grundannahmen linke Positionen nicht nur formuliert, sondern auch begründet werden sollen, ist mehr als erklärungsbedürftig. → Zum Dos­sier [»Piket­tys *Das Kapi­tal im 21\. Jahr­hun­dert*«](https://blog.stuetzle.cc/thomas-pikettys-das-kapital-im-21-jahrhundert/). → [Inhalts­ver­zeich­nis](http://www.bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten/pdf/kapitalismusdieersten%5Finhalt.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) und eine [Lese­probe](http://www.bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten/pdf/kapitalismusdieersten%5Fleseprobe.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) zu: Stephan Kaufmann/Ingo Stützle: *[Kapitalismus: Die ersten 200 Jahre. Thomas Pikettys »Das Kapital im 21\. Jahrhundert« – Einführung, Debatte, Kritik](http://www.bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten.html?ref=blog.stuetzle.cc)* (Berlin 2014). Anmerkungen: ### Hat der Zweite Weltkrieg das Kapital zerstört, Thomas Piketty? URL: https://blog.stuetzle.cc/hat-der-zweite-weltkrieg-das-kapital-zerstoert-piketty/ Last updated: 2014-10-07T08:00:00.000Z ``` Die Ungleichheitskurve in den Industriestaaten beschreibt Thomas Piketty zufolge die Form eines U, wobei 1913 und die Gegenwart für die westlichen Industriestaaten die bisherigen Gipfelpunkte darstellen (siehe Schaubild I.2). Für Thomas Piketty stellt sich die U-Form vor allem durch die beiden Weltkriege und Krise von 1929 ein. Dass Kriege Vermögen vernichten ist ein Narrativ, das auch in Deutschland gerne bedient wird. Nach 1945 sei trotz einer »Stunde Null« ein Wirtschaftswunder möglich gewesen. War dem so? Durchaus nicht, was Piketty vor allem deshalb nicht in den Blick bekommt, weil er die unterschiedlichsten Formen von Kapital unter das Wörtchen Vermögen subsumiert und Unterschiede einebnet. ``` Der Wirtschaftshistoriker [Werner Abelshauser](https://de.wikipedia.org/wiki/Werner%5FAbelshauser?ref=blog.stuetzle.cc)\[1\. in: Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München, hier: S. 70ff.\] schreibt: > Am Ende des Krieges \[1945\] schien unter den Trümmern der Großstädte auch der Kapitalstock der deutschen Industrie begraben. Tatsächlich wurde unmittelbar nach Kriegsende das Ausmaß der Bombenschäden stark überschätzt. \[…\] In Wirklichkeit war im Mai 1945 die Substanz des industriellen Anlagevermögens keineswegs entscheidend getroffen. Bezogen auf das Vorkriegsjahr 1936, war das Brutto-Anlagevermögen der Industrie sogar noch um rund 20 Prozent angewachsen. Die Bombardierungen waren laut einer Studie eines internationalen Forscher-Teams (u.a. mit [Nicholas Kaldor](https://de.wikipedia.org/wiki/Nicholas%5FKaldor?ref=blog.stuetzle.cc), [Paul A. Baran](https://de.wikipedia.org/wiki/Paul%5FA.%5FBaran?ref=blog.stuetzle.cc), [John K. Galbraith](https://de.wikipedia.org/wiki/John%5FKenneth%5FGalbraith?ref=blog.stuetzle.cc) und [Jürgen Kuczynski](https://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen%5FKuczynski?ref=blog.stuetzle.cc)) »kostenspielige Fehlschläge«, zudem wurde während des Krieges massiv modernisiert und die Produktionskapazitäten ausgeweitet und auch die arbeitsfähige Bevölkerung war nach Ende des Zweiten Weltkriegs keineswegs so klein, wie oft geglaubt. → Zum Dossier [»Pikettys *Das Kapital im 21\. Jahrhundert*«](https://blog.stuetzle.cc/thomas-pikettys-das-kapital-im-21-jahrhundert/) Anmerkungen: ### Zweitauflage von »Austerität als politisches Projekt« erschienen URL: https://blog.stuetzle.cc/zweitauflage-von-austeritaet-als-politisches-projekt-erschienen/ Last updated: 2014-10-01T17:02:07.000Z ``` Irre. Etwa ein Jahr nach den ersten Besprechungen ist mein Buch »Austerität als politisches Projekt« in die zweite Auflage gegangen: ``` [![IMAG0344](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/IMAG0344.jpg)](http://www.dampfboot-verlag.de/shop/artikel/austeritaet-als-politisches-projekt?ref=blog.stuetzle.cc) ### Aufgeblättert: Kein pfiffig ausgedachtes Auskunftsmittel. Viele Neuerscheinungen schlagen sich mit Geld als sozialer Realität herum URL: https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-kein-pfiffig-ausgedachtes-auskunftsmittel-viele-neuerscheinungen-schlagen-sich-mit-geld-als-sozialer-realitaet-herum/ Last updated: 2014-09-26T20:10:36.000Z ``` Mit der Krise ab 2008 geriet der Kapitalismus zeitweilig in eine Legitimationskrise - und mit ihm der Mainstream der Wirtschaftswissenschaften. Schließlich wurde offensichtlich, dass die Theorien eine derartig tief greifende Krise von ihrer wissenschaftlichen Anlage her nicht vorsahen. Das ist kein Zufall, sondern liegt an den Prämissen des derzeit herrschenden Mainstreams: Geld spielt keine Rolle. So meinte etwa der 2006 verstorbene Nobelpreisträger Milton Friedman, dass »ungeachtet der wichtigen Rolle ... des Geldes in unserer heutigen Wirtschaft« der »charakteristische Zug der Markttechnik, nämlich das Erreichen der Koordination« auch ohne Geld begriffen werden könne. Kein Wunder also, dass mit der Frage nach den Ursachen der Krise das Geld in den Fokus der Debatte rückte - und Gegenstand vieler Bücher wurde. ``` [![Geld die wahre Geschichte von Felix Martin](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/Felix-Martin-Geld-die-wahre-Geschichte-Cover.jpg)](http://www.randomhouse.de/Buch/Geld-die-wahre-Geschichte-UEber-den-blinden-Fleck-des-Kapitalismus/Felix-Martin/e423133.rhd?ref=blog.stuetzle.cc) [![der-sieg-des-kapitals-074231581-1](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/der-sieg-des-kapitals-074231581-1.jpg)](http://www.westendverlag.de/buecher-themen/programm/der-sieg-des-kapitals-ulrike-herrmann.html?ref=blog.stuetzle.cc#.VCXJXOft4oY) [![Felber_Geld_P02.indd](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/978-3-552-06213-9_2131291189-107-1.jpg)](http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-552-06213-9&ref=blog.stuetzle.cc) So geht Felix Martin vor dem skizzierten Hintergrund in seiner unautorisierten Biographie des Geldes, so der Untertitel im englischen Original, von dem wunden Punkt des Mainstreams aus, nämlich, dass es den - wie bei Friedman - imaginierten Zustand eines geldlosen Naturaltauschs nie gab. Er fragt sich, wieso die ökonomische Zunft, trotz vieler historischer und anthropologischer Erkenntnisse, daran festhält. Martin organisiert Ausflüge in die Antike, nach China und in das Europa des Mittelalters und der Aufklärung und kommt schließlich zu dem Befund, dass Geld wesentlich eine »soziale Technologie«, eine große Erfindung und Übereinkunft sei. Die Epochen seien von großen monetären Übereinkünften geprägt, die den Geldverhältnissen Legitimation verliehen. Den ersten Bruch konstatiert er im 17\. Jahrhundert, als das Geld »unpolitisch« wurde, kein Instrument mehr des Souveräns, des persönlichen Herrschers, sondern »leistungsfähige« soziale Technologie, dem die »zentrale Idee des Werts, als ein geniales allgemeingültiges Konzept zur Koordinierung sozialer Aktivitäten« zugrunde lag. Die Genialität des Geldes sei, dass es keine Sonderinteressen ansprach, keiner politischen Weisung mehr folgte. Nicht nur an diesen Ausführungen hätte Martin von der marxschen Analyse lernen können, die nicht nur zeigt, dass mit der Herrschaft des Geldes und des Kapitals nicht die Herrschaft als solche verschwindet, sondern nur seine Form verändert - sie wird unpersönlich. Zudem sind »Wert« und das Geld nichts Natürliches, sondern selbst erklärungsbedürftig, das Geld eben kein »pfiffig ausgedachtes Auskunftsmittel« (Marx), sondern sachlicher Ausdruck eines spezifischen Verhältnisses, der kapitalistischen Tauschgesellschaft - Martin ist mit seiner Fragestellung also weit weniger radikal, als er glaubt. ### Geld als soziales Konstrukt Einen weiteren Einschnitt konstatiert Martin zurecht mit dem sogenannten souvereign money, dem Staatsgeld, das erstmals der Economist-Herausgeber und -Kolumnist Walter Bagehot in seinem 1873 erschienenen Buch »Lombard Street« thematisierte. Erst mit der Bank von England entstand ein zweistufiges Bankensystem, mit der staatlichen Zentralbank (Geldmonopol) auf der einen und dem System der Geschäftsbanken auf der anderen Seite. Aber auch diese Übereinkunft verlor mit der Krise ab 2007 an Legitimität: »Dreihundert Jahre lang schien dies eine vernünftige Lösung zu sein. Aber die Krise hat die Tatsache offenbart, dass die Verteilung der Risiken im heutigen System der Geldschöpfung durch die Banken unerträglich ungerecht geworden ist.« Geld sei ein »soziales Konstrukt«, eine »soziale Übereinkunft«, so taz-Autorin Ulrike Herrmann in ihrem Buch »Sieg des Kapitals«, das inzwischen auch über die Bundeszentrale für politische Bildung zu beziehen ist. Ihr geht es weniger um Geld, sondern um Kapital: Der Begriff »Marktwirtschaft« verharmlose die Sachlage und Märkte gebe es schließlich schon seit 2.500 Jahren, wenn sie auch nur »einen kleinen Teil der Wirtschaft« ausmachten. »Der Begriff Kapitalismus hingegen drückt diesen Prozess perfekt aus, bei dem es darum geht, aus Kapital mehr Kapital zu machen.« Ein krisenhafter Prozess und die Finanzkrise ab 2007 waren sicherlich Anlass für Herrmann, das Buch zu schreiben, denn wenn man dem Buch eines anmerkt, dann: Es ist mit heißer Nadel gestrickt. Ähnlich wie Martin geht Herrmann geschichtlich vor. »Da der Kapitalismus historisch entstanden ist«, so Herrmann, »lässt er sich nur verstehen, wenn man seine Geschichte kennt.« Eine Aussage, über die sich streiten ließe, denn nur mit Kriterien davon, was eigentlich das Kapitalistische am Kapitalismus ist (und was nicht), kann man auch erkennen, was in vorkapitalistischen Zeiten eben anders war. Sonst findet schnell eine Rückprojektion statt. So war etwa Geld nicht in allen Gesellschaften gleich Geld und nahm auch nicht im selben Maße eine konstitutive Rolle für die Gesellschaft ein. Das macht etwa der jüngst verstorbene Historiker Jacques Le Goff für das Mittelalter deutlich. Er betont, dass es bis ins Mittelalter »keine einheitliche Bezeichnung« für Geld gab, »die Menschen des Mittelalters, einschließlich der Kaufleute, Kleriker und Theologen, hatten nie eine klare, einheitliche Vorstellung davon, was wir heute unter diesem Begriff fassen.« Martin, aber auch Herrmann spricht hingegen einfach von »Geld«. Bei Geld ist Herrmann differenzierter. Ein Blick in die Geschichte zeige, dass es in der Antike zwar Geld, aber kein Kapital gab. Diese soziale Realität setzte erst mit der industriellen Revolution in England ein. Kein Wunder also, dass Herrmann die industrielle Revolution mit dem Kapitalismus gleichsetzt. Warum aber England? In England seien die Löhne derart hoch gewesen, dass das Kapital dazu gezwungen war, Arbeitskräfte durch Maschinen zu ersetzen - der Zwang zu Automatisierung war geboren. Oder umgekehrt: »Die antiken Römer und Griechen wurden nicht zu Kapitalisten, weil die Arbeitskraft zu billig war.« Ähnlich wie Martin geht jedoch auch bei Herrmann der wesentlich Punkt abhanden: Arbeitskräfte waren in der Antike wesentlich Sklaven, keine freien Menschen, die Arbeitskraft keine Ware - die Voraussetzung dafür, dass so etwas wie ein Kapitalverhältnis überhaupt entstehen kann. ### Geld als öffentliches Gut Christian Felber liegt am Herzen, »neue Spielregeln« für das Geld zu etablieren, denn: die gegenwärtige Geldordnung sei nicht demokratisch und vielmehr eine »Bereicherungsquelle für wenige«. Angesicht der »systematischen Unterminierung und Kaperung der Demokratie durch die Geldaristokratie« müssten Alternativen von unten entwickelt werden. Das Ziel müsse sein, das Geld als »öffentliches Gut« zu organisieren, das dem »Gemeinwohl« dient. Dafür müsste nicht nur der Finanzmarkt radikal reformiert und viele Produkte schlicht verboten werden, sondern sehr viel grundlegender die Geld- und Kreditordnung reformiert werden. Dem würde auch Martin zustimmen, der aus der dem Finanzmarkt wieder ein solides Bankensystem machen will. Felber geht aber weiter. Ihm zufolge soll die Kreditschöpfung der Privatbanken unterbunden werden. Stattdessen, so ein Vorschlag im Anschluss an den Ökonomen Joseph Huber und die sogenannte Monetative, soll ein sogenanntes Vollgeld eingeführt werden, für das sich auch einige wichtige Neoklassiker wie Irving Fischer, Milton Friedman oder Walter Eucken erwärmen konnten. Diesem Vorschlag folgt auch Felix Martin. Dem Vollgeld liegt die Krisenanalyse zugrunde, dass vor allem eine überzogene Kreditvergabe und die fehlende Haftung bei Banken zur Krise geführt hätten, nicht aber die Funktionsweise des Kapitalismus selbst. Die Warenproduktion und die Herrschaft des Geldes an sich sind für Felber nicht problematisch, auch wenn er durchaus erkennt, dass »Spekulation« nicht erst beim Kredit beginnt. So schreibt er, dass bei »Realinvestitionen« etwa ein Tischler in »Vorleistung« geht und darauf hofft, dass sich seine Produktion »rentiert«. Felber: »Das ist die Stufe eins von Spekulation, die aber den realen Boden einer Geldwirtschaft darstellt. An diesem Vorgang gibt es kaum Kritik, das Gewissen blinkt nicht Alarm.« Das Gewissen vielleicht nicht, aber der analytische Verstand, der genau darin - im Anschluss an Marx - die Grundlage aller weiteren Spekulation sieht. Das Grundproblem liegt für Felber woanders: »Neunzig Prozent der Bevölkerung würden gewinnen, wenn es kein umverteilendes Zinssystem gäbe.« Das gilt für das Kapitalverhältnis und die Lohnarbeit zwar gleichermaßen, ist für ihn aber kein Thema. Felber schlägt vor diesem Hintergrund ein Geld-Konvent vor, das ausgehend von der kommunalen Ebene neue Spielregeln bis hin zur EU und darüber hinaus etablieren soll. In seinem Buch soll ein ausführlicher Fragekatalog eine Handreichung für ein derartiges Vorhaben bieten. Wo Herrmann auf den Staat setzt, verweist Felber in der radikalliberalen Vorstellung auf »die Bevölkerung«, den »Souverän«, der über Staat und Parlament stehe. Die »Gemeinschaft«, frei von Interessenswidersprüchen, steht einer destruktiven Kraft, der undemokratischen Geldverfassung, gegenüber. Felber fällt weit hinter emanzipatorische demokratietheoretische Überlegungen zurück, wenn er ständig nur vom Souverän »Bevölkerung« spricht. Auch bringt seine Konzeption viel Nostalgie statt emanzipatorischer Utopie zum Ausdruck, wenn Felber etwa den Finanzjournalisten Lukas Zeise zitiert, der das Westdeutschland der 1960er herbeisehnt. Wir erinnern uns: In den 1960ern gab es mehr als einen Grund zur Revolte, was schließlich in 1968 kumulierte und seine Ausläufer bis in die 1980er Jahre fand. Die Rückwärtsgewandtheit bei Felber ist Ausdruck mangelnder Radikalität, die statt radikaler Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse eher die Sehnsucht nach einer Ordnung speist und damit durchaus den bürgerlichen Unmut darüber anspricht, dass man es mit dem Neoliberalismus etwas übertrieben habe. Herrmann wie Felber liefern quasi Handbücher für einen, wie Sabine Nuss es einmal nannte, [Gebrauchsanleitung-Kapitalismus](http://www.zeitschrift-luxemburg.de/der-gebrauchsanleitungs-kapitalismus/?ref=blog.stuetzle.cc), nur aus unterschiedlichen Perspektiven. Während laut Felber nur der Souverän ins Recht gesetzt werden müsste, müssten bei Herrmann nur die richtigen Entscheidungen getroffen - und schließlich vom Staat konsequent umgesetzt werden. Dass man, selbst sehr bescheidene Veränderungen nicht einfach demokratisch beschließen, sondern gegen bestehende Macht und Herrschaftsverhältnisse durchsetzen muss, ist kein Thema. Leider ist aber auch festzustellen, dass radikale Kapitalismuskritik, die ihren Marx kennt, sich gegenwärtig gerne damit begnügt, Obskurantismen zu kritisieren, glaubt, sich mit Marxzitaten begnügen zu können, die den Geldreformer und Marx' Zeitgenossen Proudhon geißelt und sie gegen den Freigeldtheoretiker Silvio Gesell neu anzubringen. Es liegen inzwischen genug und lesenswerte Texte zu Geld und Geldreformen vor, die es ernst zu nehmen gilt - als Gegenstand von Kritik, auch um diese zu überprüfen und selbst zu schärfen. Gerade weil das Geld im ökonomischen Mainstream nach wie vor Terra Incognita ist. Der Kapitalismus sei wesentlich Geldwirtschaft, heißt es vonseiten der marginalisierten keynesschen Theorie. Geld regelt die Beziehung von Menschen, so schließlich die marxsche Theorie, und diese Regeln sind zugleich eine Form von Herrschaft. Angesichts der Destruktivkraft dieser Herrschaft darf es nicht allein darum gehen, andere Regeln zu etablieren, sondern die Herrschaft selbst zu überwinden. **Literatur:** Christian Felber: [Geld. Die neuen Spielregeln](http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-552-06213-9&ref=blog.stuetzle.cc). Deuticke , Wien 2014\. 204 Seiten, 18,90 EUR. Ulrike Herrmann: [Der Sieg des Kapitals](http://www.westendverlag.de/buecher-themen/programm/der-sieg-des-kapitals-ulrike-herrmann.html?ref=blog.stuetzle.cc#.VCXJXOft4oY). Westend, Frankfurt am Main 2013\. 288 Seiten, 19,99 EUR. Felix Martin: [Geld, die wahre Geschichte](http://www.randomhouse.de/Buch/Geld-die-wahre-Geschichte-UEber-den-blinden-Fleck-des-Kapitalismus/Felix-Martin/e423133.rhd?ref=blog.stuetzle.cc). Über den blinden Fleck des Kapitalismus. DVA, München 2014\. 432 Seiten, 22,99 EUR. Erschienen in: *ak -analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis*, Nr. 597 vom 16.9.2014 ### FAQ. Noch Fragen? Argentinien ist zahlungsunfähig URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-argentinien-ist-zahlungsunfaehig/ Last updated: 2014-08-21T13:04:15.000Z ``` Anfang August war Argentinien »technisch zahlungsunfähig«. Ratingagenturen stuften das Land deshalb als »bedingt zahlungsunfähig« ein. Die Zuspitzung in den letzten Wochen ist jedoch kaum zu verstehen, wenn man nicht weiß, was sich vor über zehn Jahren abspielte. Ende 2001 war in Argentinien fast alles, was Beine hat, auf den Straßen - mit Kochtöpfen und trotz erklärtem Ausnahmezustand. Es folgten Streiks, Straßenkämpfe, Plünderungen und Fabrikbesetzungen. Anfang Dezember 2001 hatte der IWF Hilfen für fällige Kredite verweigert - eine Kapitalflucht setzte ein und Mitte Dezember verhängte die Regierung eine allgemeine Bankkontensperre, ein Staatsbankrott zeichnete sich ab. Die argentinische Zentralbank konnte nicht als »lender of last resort« (Kreditgeber letzter Instanz) einspringen und Geld drucken, weil der Peso seit den 1990ern an den US-Dollar gekoppelt war. Umgekehrt hätte eine Auflösung dieses sogenannten Currency Boards auch nicht geholfen, denn eine eintretende Pesoabwertung hätte die Auslandsschulden nur verteuert, die vor allem auf US-Dollar liefen. Die argentinische Regierung trat - auch aufgrund des Drucks von der Straße - die Flucht nach vorne an und setzte die Bedienung der Staatsschulden aus. Nach dem Aussetzen der Zahlungen kündigte Argentinien 2003 einen Schuldenschnitt an: Private Gläubiger müssten auf einen großen Teil ihrer ursprünglichen Einlagen verzichten. ``` Bis 2001 galt Argentinien als Musterknabe. Privatisierungen, Liberalisierung und eine verstärkte Orientierung auf den Export waren ganz nach dem Geschmack des IWF. Grundlage des Wirtschaftswachstums war ein Kapitalzufluss (auch dank der vorangegangenen Asienkrise). Drohte dieser auszubleiben, verschuldete sich der Staat im Ausland. Die US-Verbindlichkeiten wuchsen auf fast 180 Milliarden US-Dollar. Diese Auslandsschulden und die Umstrukturierungen ab 2003 sind der Ausgangspunkt der aktuellen »Pleite«. Zwar hat ein sehr großer Teil der Gläubiger der Umschuldung und dem Schuldenschnitt zugestimmt, ein kleiner Teil jedoch nicht. Und die haben es jetzt eilig, denn in der Umschuldungsvereinbarung wurde in einer Klausel festgelegt, dass ab dem 1\. Januar 2015 die Umschuldung nicht mehr rückgängig zu machen ist - alle Klagen oder Neuverhandlungen sind damit unmöglich. Das ist auch ein Grund, warum es die in der Presse oft genannten Hedgefonds derart eilig haben. Für NML Capital Management und Aurelius Capital Management, die zu Elliott Management gehören, einem der größten US-Finanzfonds, gehören derartige Vorfälle zum Geschäftsmodell. Nicht ohne Grund kann sich der Fonds mit einem jährlichen Profit von fast 15 Prozent brüsten. Eine derartige Gewinnmarge ist nur möglich, wenn man (wie 2001 in Argentinien) eigentlich wertlose Papiere billig einkauft (etwa für 15 Cent je US-Dollar Nennwert), bei einer Umschuldung nicht mitmacht und dann juristisch auf die komplette Rückzahlung des Nennwerts pocht (auf den einen US-Dollar, den man für 15 Cent gekauft hat). Im Fall Argentinien würde das bedeuten, dass die Hedgefonds etwa 1.600 Prozent Gewinn machen würden. Die eigentliche Arbeit bei diesem Geschäftsmodell ist ein jahrelanger Rechtsstreit. Paul Singer, der Chef von Elliott Management, hat in den letzten Jahren auch versucht, was bei säumigen Schulden üblich ist: Pfändung. Überall auf der Welt versuchte er, argentinisches Vermögen beschlagnahmen zu lassen. Der Konflikt um die Pfändung eines Marineschulschiffs landete sogar vor dem Internationalen Seegerichtshof in Hamburg - und wurde abgewiesen. Nur technisch zahlungsunfähig ist Argentinien deshalb, weil ein Gericht in den USA (Gerichtsstandort der Anleihen) entschieden hat, dass die Anleihen ohne Abschlag ausgezahlt werden müssen - und zwar bevor die anderen Gläubiger, die beim Schuldenschnitt mitgemacht haben, ihr Geld bekommen. Gelder auf US-Konten wurden auf Anweisung des Gerichts eingefroren. Der Aufschrei war groß - nicht nur bei den Gläubigern, die auf ihr Geld warten, sondern natürlich auch in Argentinien. Soziale und politische Folgen wie Ende 2001 sind jedoch kaum zu erwarten, ebenso wenig ein internationales Insolvenzrecht (Sovereign Debt Restructuring Mechanism, SDRM), wie es seit Jahren gefordert wird. Der letzte Vorstoß im Rahmen des IWF wurde u.a. auf Druck der USA nicht weiter verfolgt. Bereits 1932 hielt der Finanzsoziologe Herbert Sultan zurecht fest: »Nicht der Schuldner ist die entscheidende Figur bei den Anleihen des Schuldnerstaates. Gewiss ist sein Verhalten für seinen Kredit nicht unwesentlich, ja sogar von sehr großer Bedeutung; aber von welcher Bedeutung es ist, darüber entscheidet eben nicht der Schuldnerstaat, sondern darüber entscheiden seine Gläubiger.« Oder eben deren Gerichte. **Ingo Stützle** Erschienen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 596 vom 19.8..2014. ### Thomas Pikettys »Das Kapital im 21. Jahrhundert«. Einführung, Debatte, Kritik URL: https://blog.stuetzle.cc/thomas-pikettys-das-kapital-im-21-jahrhundert-einfuehrung-debatte-kritik/ Last updated: 2014-08-04T10:02:10.000Z ```

kapitalismusdieerstenIn der FAZ (4.8.2014) ist zu lesen: »Deutsche Medien mögen Thomas Piketty«. Thomas Pikettys Buch »Capital in the Twenty-First Century« erschien vor wenigen Monaten in der englischen Übersetzung und die deutsche Fassung ist für Oktober 2014 angekündigt. Pikettys These: Im Kapitalismus konzentriert sich das Vermögen/Kapital in den Händen weniger – das sei kein Mangel sondern zeichne den Kapitalismus aus.

``` Nun hat das Schweizer Institut Mediatenor in 32 wichtigen Medien nachgezählt, welche ÖkonomInnen in Deutschland im ersten Halbjahr 2014 am häufigsten zitiert worden sind. Die Diskussion um Thomas Piketty und sein Buch hat ihm erstmals auf Platz drei der meist zitiertesten Ökonomen in Deutschland gebracht – nach [Hans-Werner Sinn](https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Werner%5FSinn?ref=blog.stuetzle.cc) vom Münchener Ifo-Institut (der zu allem etwas zu sagen hat) und [Marcel Fratzscher](https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel%5FFratzscher?ref=blog.stuetzle.cc), dem Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), der in der letzten Zeit aufgrund seiner geldpolitischen Äußerungen oft zitiert wurde. Piketty steht hingegen für das Thema Gerechtigkeit und wurde so häufig zitiert wie die Ökonomen auf Platz vier bis fünfzehn der Rankingliste zusammen. Mediatenor-Forschungsdirektor Tobias Thomas laut FAZ: »Ökonomen lassen das Thema Ungleichheit und Gerechtigkeit gerne links liegen. So verpassen sie eine Chance, sich Gehör zu verschaffen und zu einer Versachlichung der Debatte beizutragen.« Wenn im Oktober Pikettys Buch auf Deutsch erscheint wird die Debatte um sein Buch nochmals geführt werden und viele, die sich nicht durch fast 700 Seiten Englisch durchquälen wollten oder können, haben dann die Möglichkeit, das Original auf Deutsch zu lesen aber zudem zu einer Einführung zu greifen, die ich zusammen mit Stephan Kaufmann veröffentliche. Aus dem Ankündigungstext: > *Das Kapital im 21\. JahrhundertFinancial TimesKapitalismus: Die ersten 200 JahreManager-Magazin* Zur Ankündigung bei BERTZ + FISCHER: [http://www.bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten.html](http://www.bertz-fischer.de/kapitalismusdieersten.html?ref=blog.stuetzle.cc) ### Das Volk als Wille und Vorstellung. Die Forderung nach »Souveränität« ist für politische Emanzipationsprozesse mehr Irrlicht als Orientierungspunkt URL: https://blog.stuetzle.cc/das-volk-als-wille-und-vorstellung-die-forderung-nach-souveraenitaet-ist-fuer-politische-emanzipationsprozesse-mehr-irrlicht-als-orientierungspunkt/ Last updated: 2014-08-01T08:26:54.000Z ```

Von Holger Oppenhäuser und Ingo Stützle

``` Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst der Souveränität. Links wie rechts erhofft sich, durch eine Stärkung staatlicher Souveränität wahlweise der kapitalistischen Globalisierung, der neoliberalen Banken- und Eurorettung und der Europäischen Zentralbank oder dem US-Imperialismus die Stirn bieten zu können -auch auf den sogenannten Montagsdemos stimmen einige ProtagonistInnen in diesen Chor ein. Ein Chor, der gefährlich sein kann, wie ein Aufruf der NPD zeigt: »Längst überfällig: Die Forderung nach Freiheit und Souveränität erreicht die Straße. Friedensbewegung 2014 - die NPD ist dabei!« Aufseiten der nationalistischen Rechten ist Souveränität seit jeher ein zentrales Thema. Daher verwundert es nicht, dass auch die rechtspopulistische Alternative für Deutschland (AfD) im ersten und im letzten Satz ihres Programms zur Europawahl das Konzept »souveräner Staaten« hochhält. Die »nationale Souveränität« gilt hier als Gegenprinzip zu den supranationalen europäischen Institutionen. Diese Schwerpunktsetzung teilt auch der französische Front National, in dessen Programm die »souverainete« eine zentrale Rolle spielt. ![leviathan](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/leviathan.jpg) Titelbild (beschnitten) von Thomas Hobbes’ »Leviathan« (1651). Quelle: Wikipedia Der Begriff erfreut sich aber auch bei der Linken immer größerer Beliebtheit, insbesondere in solchen Beiträgen, die eine Kriegsgefahr wittern, die maßgeblich von den USA und der NATO ausgeht, oder die sich kritisch zur EU oder zum Euro positionieren. So kritisiert etwa Andreas Wehr, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Fraktion der Vereinigten Europäischen Linken/Nordische Grüne Linke im europäischen Parlament und Autor zahlreicher Bücher zur EU, das Europawahlprogramm seiner Partei DIE LINKE. Auch diese fordere, so Wehr, dass »Souveränitätsrechte der Mitgliedsländer ... zugunsten einer weiteren Zentralisierung der EU geschwächt werden« solle.\[1\. [andreas-wehr.eu](http://www.andreas-wehr.eu/mehr-europa.html?ref=blog.stuetzle.cc).\] In welches Fahrwasser man mit einer derartigen Kritik gerät, zeigt Wehrs Vorwort zu einem Buch des Historikers Domenico Losurdo. Darin heißt es, die »klassenbewusste Linke« der Länder Spanien, Griechenland oder Portugal sei »zur Verteidigung der Souveränitäten ihrer Nationen übergangen. Es wäre töricht, würde man ihnen deshalb einen rückwärtsgewandten Nationalismus vorwerfen ... Die deutsche Linke wird erst dann wieder in die Offensive kommen, wenn sie sich hier nicht länger wegduckt. Sie muss vielmehr ein selbstbewusstes Verhältnis im Umgang mit der Nation zurückgewinnen, wie es in anderen Ländern so selbstverständlich ist.« Es ist kein Zufall, dass der Losurdo-Band zum »deutschen Sonderweg«, aus dem das Zitat stammt, in einer von Jürgen Elsässer herausgegebenen Compact-Reihe im Kai-Homilius-Verlag erschienen ist. Jürgen Elsässer steht sinnbildlich für die neue Querfrontstrategie, die unter der Flagge der Souveränität segelt; seine Gazette Compact trägt den Untertitel »Magazin für Souveränität«. Rückblickend fällt bei Elsässer die Linie ins Auge, die vom Lob der »souveränistischen Globalisierungskritik« in konkret (07/2001) über das nationalistische Coming-out im traditionslinken Pahl-Rugenstein-Verlag und seiner »Volksinitiative gegen das Finanzkapital« 2009 (siehe ak 513, ak 536) bis hin zu Compact-Souveränitätskonferenzen reicht, die auf ein Milieu aus Verschwörungsgläubigen und EurokritikerInnen Marke AfD ausgerichtet sind. Sprachliche Konvergenzen beim Thema Souveränität werden also schnell zu ideologischen Gleitschienen, die aus dem Lager der emanzipatorischen Linken in das der herrschaftsbejahenden Rechten führen. Dass sowohl Rechte als auch Linke mit der Figur der Souveränität argumentieren, heißt freilich nicht, dass hier rechts und links gleichzusetzen wären. Ein genauerer Blick auf das diskursive Souveränitätsgewimmel zeigt einen Unterschied »zwischen nationalen, souveränitätsorientierten und demokratischen Ansprüchen« im Sinne rechtlich kodifizierter Verfahren auf der nationalstaatlichen oder supranationalen Ebene.\[2\. Andreas Fisahn: Bundesverfassungsgericht friert die europäische Demokratie national ein! In: Kritische Justiz, 3/2009.\] Insofern stimmt es bedenklich, dass das Bundesverfassungsgericht - getrieben von Klagen nationalistischer EU-KritikerInnen - zunehmend auf die Figur der Souveränität rekurriert, die expressis verbis in der deutschen Verfassung gar nicht vorkommt. Mit dem Rechts- und Politikwissenschaftler Ulrich K. Preuß könnte man hier von einer Form von »Superlegalität« sprechen, eine politische Ordnung jenseits von verfassungsmäßigen Grundsätzen.\[3\. Ulrich K. Preuß: Legalität und Pluralismus. Frankfurt am Main 1973.\] Während Preuß den Begriff gegen das Ideologem der »freiheitlich-demokratische Grundordnung« ins Feld führt - ein »Wertekanon«, auf den sich alle beziehen müssen, wollen sie ernst genommen werden - verweist die Rede von der Souveränität eher auf eine andere mystische Größe - das Volk. ### Das Gespenst und seine Gestalten Dass die Figur der Souveränität in so unterschiedlichen Diskursen funktioniert, hat damit zu tun, dass der Souveränitätsbegriff in seiner modernen Verbindung mit dem Nationalstaat selbst ganz verschiedene Momente beinhaltet, nämlich das historisch überlieferte personalisierende Bild der einstigen Fürstensouveränität, die völkerrechtliche »äußere Souveränität« und die staatsrechtliche »innere Souveränität« mit Bezügen zur demokratietheoretischen Figur der »Volkssouveränität« einerseits (»alle Macht geht vom Volke aus«) und der faktischen Entscheidungsgewalt in einer gegebenen Situation anderseits. Diese Momente bilden einen konnotativen Zusammenhang, den jede Rede von der Souveränität zwangsläufig aufruft. Besonders deutlich wird dies am Gummibegriff der »nationalen Souveränität«, bei dem nie recht klar ist, worum es eigentlich geht. So lässt sich beobachten, wie die NationalistInnen in der Eurodebatte das Prinzip der Volkssouveränität beschwören, um dies im nächsten Satz unmittelbar mit (rassistisch gedeuteten) ökonomischen Differenzen zwischen »uns und den SüdeuropäerInnen« kurzzuschließen. Solche Manöver sind in der Vieldeutigkeit der Souveränitätsfigur angelegt. Denn die »äußere Souveränität« verweist auf nationalstaatliche Grenzziehungen, die Territorien mit ihren Bevölkerungen durchkreuzen und damit die Bevölkerung des jeweiligen Staates abgrenzen (»innere Souveränität«). Letztlich sind diese meist gewaltsamen Grenzziehungen willkürlich, weshalb sich als ideologischer Kitt die »vorgestellte Gemeinschaft« (Anderson) der Nation hinzugesellt, die »Traditionen« wie eine bis in Urzeiten zurückreichende Geschichte, eine spezifische Kultur oder eine biologische Abstammungslinie »erfindet«. An diese Mythologien knüpfen die staatsrechtlichen Überlegungen der nationalistischen Rechten an, wie sich an ihrem noch immer zentralen Theoretiker Carl Schmitt zeigt. ### Volkssouveränität als juridische Selbstbeschreibung Die demokratietheoretische Tradition hingegen, so der Rechtswissenschaftler Fisahn, zielt auf »demokratische Ansprüche«. Diese Vorstellung von »Volkssouveränität« steht für die politischen Bewegungen etwa in Spanien Pate, die im Rahmen eines »konstituierenden Prozesses« nicht nur die Monarchie abschaffen, sondern auch den sozialen Verhältnissen (in Europa) eine neue politische Verfassung geben wollen. Die linksliberale Juristin Ingeborg Maus betont dabei, dass der demokratische Volksbegriff nicht »ethnisch-kulturell substanzialisiert und ... rassistisch pervertiert« werden dürfe, weil die darin implizierte Homogenität auf nichts anderem beruhe als auf der Gültigkeit der jeweiligen Verfassungsordnung, die prinzipiell »durchlässig für jeden Fremden« sei.\[4\. Ingeborg Maus: Über Volkssouveränität. Berlin 2011.\] Vor allem aber sei Schmitts »Neubesetzung des Souveränitätsbegriffes« im Sinne »innerstaatlicher Exekutivgewalt« nicht zulässig. Denn schon im Absolutismus sei es alleine die Gesetzgebungsfunktion des Monarchen gewesen, auf den sich der Begriff der Souveränität bezog. Demnach bedeute Volkssouveränität nichts anderes als das Verfahren plebiszitärer oder parlamentarischer (Volks-)Gesetzgebung und stehe somit im strikten Gegensatz zur Exekutivgewalt. Volkssouveränität dürfe auch nicht, so Maus, als »Spiegelbild der Fürstensouveränität« im Sinne unbeschränkter Exekutivgewalt aufgefasst werden. Vielmehr werde die Regierung idealerweise von einem starken Parlament als Repräsentanz des Volkes kontrolliert. Wird »das Volk« aber repräsentiert, ist es nicht mehr Souverän - eine klassische Aporie der Demokratietheorie. So führt die moderne »Begründung politischen Handelns aus sich selbst heraus ... letztlich zur Identität des Volkssouveräns und damit zu einer neuen Metaphysik des Volkes als einem Ganzen«, wie Alex Demirovic deutlich macht.\[5\. Alex Demirovic: Demokratie und Herrschaft. Münster 1997.\] Dabei ist stets die Gefahr gegeben, dass »das identitäre Volk« zu »autoritärem Populismus und Nationalismus als undifferenzierter Massenmobilisierung« führt. Zudem erweist sich die Vorstellung, bei Wahlen und Abstimmungen komme »ein repräsentativer Querschnitt« der Bevölkerung »oder gar das Volk selbst« zum Ausdruck auch empirisch als »Fiktion«, denn faktisch dominieren schon hier die privilegierten Teile der Bevölkerung.\[6\. Wolfgang Merkel: Volksabstimmungen: Illusion und Realität. In: APuZ 44-45/2011.\] Diese Ausführungen lassen sich als besondere Formen einer allgemeinen Fiktionalität des Volkes und genereller Paradoxien des demokratischen Diskurses deuten. »Volkssouveränität« ist demnach quasi die juridische Selbstbeschreibung moderner, bürgerlich-demokratischer Herrschaft. Schon Marx hat die Reproduktion sozialer Ungleichheit auf der Grundlage der rechtlich-politischen Gleichheit als generelles Kennzeichen des bürgerlichen Staates analysiert.\[7\. Alex Demirovic: Demokratie und Herrschaft. Münster 1997.\] ### Kräfteverhältnisse in den Blick zu nehmen »Innere« wie »äußere« Souveränität ist die formale Form, in der die politische Herrschaft als »subjektlose Gewalt« (Heide Gerstenberger) organisiert wird: Sie ist nicht nur von den (im umfassenden Sinne gesellschaftlichen und nicht allein parlamentarischen) Kräfteverhältnissen in der Gesellschaft und institutionellen Eigenlogiken staatlicher Bürokratie abhängig, sondern auch von den ökonomischen Zwängen - von der global organisierten Kapitalakkumulation bis hin zu den Steuereinnahmen (die wiederum von Wirtschaftswachstum und einer gelingenden Steuerausbeutung abhängen). Vor allem aber ist die verselbstständigte politische Herrschaft als Staat die Voraussetzung dafür, dass sich Kapital und Lohnarbeit als freie und gleiche Warenbesitzer gegenübertreten können, beziehungsweise dafür, dass der »Souverän« in der ökonomischen Sphäre der Markt und das Kapital sind und bleiben. Das ist der Einsatzpunkt materialistischer Staatstheorie, die die negativen Erfahrungen der traditionellen Linken aufarbeiten wollte: Sowohl die sozialdemokratische als auch die traditionelle leninistische Linke sind der bürgerlichen Selbstbeschreibung auf den Leim gegangen, indem sie den Staat als »neutrales Instrument« konzipieren, das nur »richtig« benutzt werden müsse. Der ideologische Soundtrack hierzu ist der der Souveränität. Aber auch Michel Foucault kritisierte in den 1970er Jahren, das »Bild ... der Souveränität« stehe noch immer »im Bann der Monarchie«, auch wenn sie »nicht mehr in der Person des Königs, sondern in einem kollektiven Wesen gesucht« werde. Im »politischen Denken« sei »der Kopf des Königs noch immer nicht gerollt«.\[8\. Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit. Frankfurt am Main 1983.\] Anstatt sich an einem imaginären Souverän abzuarbeiten, gelte es die gesellschaftlichen »Kräfteverhältnisse« in den Blick zu nehmen, die »unaufhörlichen Kämpfe und Auseinandersetzungen« und schließlich ihre institutionellen »Kristallisierungen ... in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien«. Die Souveränität hebelt die Herrschafts- und Klassenverhältnisse sowie die vielfältigen gesellschaftlichen Macht- und Spaltungslinien nicht aus. Vielmehr werden sie durch die Anrufung ideologisch übertüncht und stabilisiert. Wenn es um die Frage demokratischer Einflussnahme auf ökonomische Prozesse geht, ist die Vorstellung von Souveränität also mehr Irrlicht als Orientierungspunkt. **Holger Oppenhäuser** arbeitet im Attac Bundesbüro. **Ingo Stützle** ist ak-Redakteur. Erschienen in: *ak — ana­lyse & kri­tik. Zei­tung für linke Debatte und Pra­xis*, Nr. 595 vom 17.6.2014. Anmerkungen: ### Der Krisenstab: »Hallo, hier spricht die EZB ...« URL: https://blog.stuetzle.cc/der-krisenstab-hallo-hier-spricht-die-ezb/ Last updated: 2014-07-29T08:04:30.000Z ``` Vor einigen Tagen starb Karl Albrecht, der Aldi-Mitbegründer. Laut der aktuellen Forbes-Liste belegte er Platz 23 unter den reichsten Menschen weltweit. Sein Vermögen wird auf über 17 Milliarden Euro geschätzt. Wie viel genau er auf der hohen Kante hatte, weiß niemand. Das ist nicht nur bei ihm so. Bildlich gesprochen: Die globalen Vermögen stellen ein schwarzes Loch dar. Nichts Genaues weiß man nicht. Noch 2013 betrug das Vermögen in Deutschland laut einer Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) etwa 76 Milliarden Euro. Alleine die beiden »Aldi-Brüder« kommen jedoch nach anderen Schätzungen auf etwa die Hälfte. ``` Kann die EZB-Zahl also stimmen? Wohl kaum. Warum sind in der Studie kaum seriöse Zahlen zu finden? Statistiker sind doch sonst keine Zunft des Ungefähren. Bereits Marx stellte fest: »Die Statistik ist die erste politische Wissenschaft! Ich kenne den Kopf eines Menschen, wenn ich weiß, wie viel Haare er produziert.« ![Telefon](http://stuetzle.cc/wp-content/uploads/Telefon.jpg) Warum die Studie derart vage ist, erklärt sich ganz einfach: Sie basiert auf einer freiwilligen Umfrage. Wahrscheinlich etwa so: »Hallo Herr Albrecht, hier spricht die EZB. Entschuldigen Sie die Störung. Wir machen eine Umfrage zu Vermögensbeständen in Europa und wir hätten ein paar Fragen an Sie. Haben Sie ein paar Minuten? Das Gespräch wird selbstverständlich nicht aufgezeichnet und Ihre Angaben sind freiwillig … Herr Albrecht? Hallo!? Wir wussten ja, dass Sie verschwiegen sind, aber wollen Sie uns nicht ein paar Fragen beantworten? Sie müssen uns ja nicht alles sagen. Und ob es richtig ist, was Sie angeben, kann eh niemand nachprüfen. Was meinen Sie? … Hallo? Mist, aufgelegt ... Hallo Herr Maschmeyer, hier spricht die EZB. Wir machen eine Umfrage zu Vermögen und wir hätten ein paar Fragen an Sie ...« Sicher sind nicht alle Reichen so schweigsam wie Karl Albrecht und ob er tatsächlich aufgelegt hat, wissen wir ebenso wenig, wie wir die Antworten auf die EZB-Umfrage überprüfen können. Zumindest war wohl die Bank selbst unzufrieden mit der eigenen Studie und gab eine neue in Auftrag. Das Ergebnis lautet, wenig verwunderlich: Der Reichtum ist in Europa noch stärker konzentriert als angenommen; die Reichen noch reicher als gedacht; Deutschland probt – hinsichtlich Spitzenvermögen und Ungleichheit – den Schulterschluss mit US-Verhältnissen. Wer hätte das gedacht!? Philip Vermeulen, Autor der EZB-Studie, trug Umfragedaten und Analysen zusammen und kombinierte die Ergebnisse mit der traditionsreichen Forbes-Liste, die vom gleichnamigen Wirtschaftsmagazin erstellt wird und wohl einen besseren Draht zu ihrem Klientel hat. Laut der EZB-Studie besitzt das reichste Prozent der Deutschen etwa 32 Prozent des Gesamtvermögens – bisher wurde von 26 Prozent ausgegangen. Ach ja, bei den Vermögen der superreichen Deutschen sind Jachten oder Gemälde nicht mitgezählt. Die Privatsphäre des reichsten Prozents wird geschätzt und respektiert – niemand zählt die Neo Rauchs oder Daniel Richters, die bei der einen oder dem anderen an der Wand hängen. Bei Zahnbürsten ist das hingegen anders – zumindest bei Hartz-IV-Beziehern. Schließlich ist mehr als eine Zahnbürste ein Hinweis darauf, dass man nicht alleine wohnt und sich vielleicht in einer Bedarfsgemeinschaft tummelt. Diese ist ein juristisches Konstrukt, das unterstellt, dass Personen mit einer persönlichen oder verwandtschaftlichen Beziehung und einem gemeinsamen Haushalt sich gegenseitig materiell unterstützen (müssen) – ein gemeinsamer Lebensunterhalt bedeutet: keine staatliche Unterstützung. Deshalb werden bei einem Hausbesuch des Jobcenters auch mal Zahnbürsten gezählt. Aber nicht nur die sind von Interesse: Hartz-IV-Bezieher sind im Gegensatz zu Vermögenden statistisch gut ausgeleuchtet. Nicht nur der Zuverdienst und das »Vermögen« werden bei Anspruch auf Hartz IV penibel überprüft. Ein Auto darf nicht zu teuer sein und Erspartes muss aufgebraucht werden, bevor das Jobcenter etwas überweist. Und noch etwas: Während die EZB anruft, muss man beim Jobcenter selbst anrufen oder persönlich vorstellig werden. Das Geld bekommt man nicht erstattet und man muss Rede und Antwort stehen – wahrheitsgemäß. Den Ergebnissen ihrer neuesten Studie traut die EZB jedoch wohl selbst nicht. Oder warum ist gleich auf dem Titelblatt zu lesen, dass das Arbeitspapier nicht die offizielle Sicht der Bank repräsentiere? Nun ja, die nächste Studie kommt bestimmt. Erschienen in: [*neues deutschland*, 28.07.2014](http://www.neues-deutschland.de/artikel/940387.hallo-hier-spricht-die-ezb-8197.html?ref=blog.stuetzle.cc) ### Blackbox EZB: Macht und Ohnmacht der Europäischen Zentralbank URL: https://blog.stuetzle.cc/blackbox-ezb-macht-und-ohnmacht-der-europaeischen-zentralbank/ Last updated: 2014-07-24T12:20:17.000Z ```
``` > Zentralbanken ähneln modernen Kirchen. Sie hausen in imposanten Gebäuden. Sie umgibt eine Aura von Autorität – von Macht, Geheimnis und Bedeutung. Eine Zentralbank gilt als «Hüterin der Stabilität» oder «des Geldes», sie «versorgt die Gesellschaft mit Liquidität». Ihr Auftrag scheint fraglos gut und nützlich. Denn alle wünschen stabiles Geld, alle fürchten das Monster Inflation. > In wirtschaftlich ruhigen Zeiten nimmt das breite Publikum die Zentralbank kaum wahr. Sie agiert im Hintergrund. Mit der Finanzund Eurokrise rückten die Zentralbanken der Industrieländer ins Rampenlicht. So stand die Europäische Zentralbank (EZB) im Mittelpunkt der Krisenstrategien, sie saß immer mit am Tisch der Politik, als die stille Macht. Und sie hat – so heißt es – die Krise an den Finanzmärkten quasi im Alleingang beendet. ![Materialien_BlackboxEZB](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/Materialien_BlackboxEZB.jpg) So die Einleitung einer neuen Broschüre der Rosa Luxemburg Stiftung (RLS). Nachdem die RLS in den letten Jahren wichtige Broschüren zur [Euro-Krise](http://www.rosalux.de/publication/38265/schummel-griechen-machen-unseren-euro-kaputt.html?ref=blog.stuetzle.cc), [Staatsverschuldung](http://www.rosalux.de/publication/37900/ist-die-ganze-welt-bald-pleite.html?ref=blog.stuetzle.cc) und [Finanzmärkten](http://www.rosalux.de/publication/39098/von-wegen-casino.html?ref=blog.stuetzle.cc) veröffentlicht hat, liegt nun endliche eine zur EZB vor. Die Autoren [Dario Stefano Dell’Aquila](http://www.rosalux.de/publikationen/autorenprofil/profil%5Fdetail/dario-stefano-dellaquila.html?ref=blog.stuetzle.cc), [Stephan Kaufmann](http://www.rosalux.de/publikationen/autorenprofil/profil%5Fdetail/stephan-kaufmann.html?ref=blog.stuetzle.cc) und [Jannis Milios](http://www.rosalux.de/publikationen/autorenprofil/profil%5Fdetail/john-milios.html?ref=blog.stuetzle.cc) zeigen, wie die EZB funktioniert und wie sie der Krise begenet sind - trotz Kritik aus Deutschland. Sie ergänzen damit das Papier »[Verarmung made in Frankfurt/M](http://www.rosalux.de/publication/39469/verarmung-made-in-frankfurtm.html?ref=blog.stuetzle.cc)« von [Thomas Sablowski](http://www.rosalux.de/publikationen/autorenprofil/profil%5Fdetail/thomas-sablowski.html?ref=blog.stuetzle.cc) und [Etienne Schneider](http://www.rosalux.de/publikationen/autorenprofil/profil%5Fdetail/etienne-schneider.html?ref=blog.stuetzle.cc), das sie im Vorfeld von Blockupy 2013 geschrieben haben. Weiter heißt es in der Einleitung: > Mit ihren Anti-Krisen-Maßnahmen ist die EZB aber auch ins Zentrum der Kritik gerückt. Ökonomen warnen, sie ruiniere den Euro und die Eurozone. Ihre Politik wurde vor dem Bundesverfassungsgericht angeklagt. Und auch von links wird sie unter Beschuss genommen: «Die Troika-Politik1 in der Logik des Kapitalismus hat mit ihren – auch gerade über die EZB aufgezwungenen – Strukturanpassungs-Programmen katastrophale Auswirkungen im Alltag von Millionen Menschen.» Wie passt das alles zusammen? Im ersten Teil dieser Publikation wird (in vereinfachter Form) erklärt, was Zentralbanken in normalen Zeiten tun und wie sie den Geldwert «hüten». Im zweiten Teil soll die Besonderheit der EZB und ihrer Politik in der Krise beleuchtet werden. Zunächst geht es also um die EZB als Europäische Zentralbank, dann um die EZB als Europäische Zentralbank. Im Ergebnis sollte klar werden, dass eine Zentralbank nie unparteiisch ist und dass man an der EZB viel mehr kritisieren kann als die Tatsache, dass sie Teil der Troika ist.Die Studie kann [als pdf hier heruntergeladen werden](http://www.rosalux.de/fileadmin/rls%5Fuploads/pdfs/sonst%5Fpublikationen/Materialien%5FBlackboxEZB.pdf?ref=blog.stuetzle.cc). ### Der Krisenstab: Nicht immer so negativ, Kapitalismus! URL: https://blog.stuetzle.cc/der-krisenstab-nicht-immer-so-negativ-kapitalismus/ Last updated: 2014-07-03T10:32:14.000Z ``` Plötzlich war es da, das Ende. »Welt« und »Spiegel Online« titelten: »Das ist das Ende des Kapitalismus«. Was war passiert? Hatten die Menschen endlich mit dem alten Schlawiner Schluss gemacht? Nein, EZB-Chef Mario Draghi hatte die Zinsentscheidung verkündet, die viele bereits erwartet hatten: Nicht nur wurde der Leitzins auf 0,15 Prozent gesenkt, sondern zudem wurde ein Negativzins von 0,1 Prozent für Bankeinlagen bei der EZB eingeführt. ``` ![capitalism](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2009/06/capitalism-1.jpg) Zum Leitzins leihen sich die Geschäftsbanken Geld bei der Zentralbank, um damit unter anderem Kredite zu vergeben. Die Kreditvergabe an Unternehmen lässt in den Augen der EZB jedoch zu wünschen übrig. Deshalb der Negativzins. Er soll die Geschäftsbanken dazu »zwingen«, Unternehmen Geld zu leihen, statt das Geld wieder bei der EZB anzulegen. Ist der Einlagezins bei der EZB nämlich negativ, machen die Geschäftsbanken einen Verlust. Unternehmen, die dringend Kredit bräuchten, bekommen kein Geld - Banken ist das zu riskant. Niemand kann versprechen, dass sie das Geld wiedersehen. Andere Unternehmen wollen keinen Kredit. Zwar machen sie Profit, aber ihre Produktion kreditfinanziert auszuweiten, wird als zu riskant eingeschätzt - so rosig sind die Gewinnaussichten nun auch wieder nicht. Das Geld bleibt deshalb bei den Banken oder fließt an Finanzmärkte. Die Folge: Der Dax nimmt die 10 000-Punkte-Hürde und die Banken besitzen so viel Staatsanleihen wie schon lange nicht mehr. Die politische Klasse der Euro-Peripherie begrüßte den Schritt der EZB. Sie hoffen, damit den ersehnten Wirtschaftsaufschwung schon bald begrüßen zu können, nachdem durch Sparhaushalte und Lohnkürzungen zwar die Kosten für das Kapital gesenkt wurden, aber eine Verschärfung der Krise die Folge war. Die Reaktionen in den Euro-Kernländern, allen voran Deutschland, ist spiegelbildlich anders. Das zeigt: Die Euro-Zone ist tief gespalten. In den unterschiedlichen Reaktionen auf die EZB-Entscheidung kommen jedoch auch die beiden notwendigen Seiten eines Kreditverhältnisses zum Ausdruck: Schuldner und Gläubiger. Während der Schuldner möglichst wenig Zins bezahlen will, erhofft sich der Gläubiger eine hohe Rendite. Dass die deutsche Wirtschaftspresse, als vermeintliches Sprachrohr des kleinen Sparers, de facto aber als Dolmetscher des Dominanzanspruchs der deutschen Wirtschaft und Wirtschaftspolitik, vom Ende des Kapitalismus fabuliert, ist hingegen ein interessantes Lehrstück. Schließlich bringen die Wortmeldungen zum Ausdruck, was Marx den Kapitalfetisch nannte, die Vorstellung nämlich, dass einer bestimmten Summe Geld scheinbar die natürliche Eigenschaft zukommt, mehr zu werden, nur weil es Geld ist. Mehr werden kann Geld aber eben nur, wenn es als Kapital fungiert, akkumulieren kann, Ausbeutung von Arbeitskräften stattfindet. Ausbeutung lohnt sich für das Kapital jedoch nur, wenn Profit winkt, wenn die Kosten für das Einzelkapital niedrig sind. Dazu gehören neben den Löhnen, die dank der Troika bereits massiv geschliffen wurden, auch die Zinsen. Während das erste auch für das deutsche Kapital von Interesse war, sind die niedrigen Zinsen für das Kapital in der Gläubigerposition alles andere als toll - schließlich wird dem Geldkapital derart eine hohe Verwertung verweht. Was jedoch selbst Linke in der Verteidigung der EZB-Politik oft vergessen, ist, dass ein Kreditverhältnis eben nur dann zustande kommt, wenn Profit winkt. Da helfen weder niedrige Zinsen noch Strafzinsen, die die Geschäftsbanken dank ihrer Gewinne an den Finanzmärkten leicht wettmachen können. Die kapitalistische Produktionsweise ist, das zeigt die EZB-Entscheidung, eine bornierte Produktionsweise, weil ihr unmittelbarer Zweck der Profit ist. Niedrig- und Negativzinsen sind deshalb keine politischen Entscheidungen, die den Kapitalismus abschaffen, sondern umgekehrt: Sie sind erstens Ausdruck dafür, dass Profite in der Euro-Peripherie noch nicht an der Tagesordnung sind. Und zweitens dafür, dass in der Krise die Gläubiger vor Entwertung ihres Geldkapitals bewahrt wurden: Das Bankenkapital wurde - in den USA und der EU zusammen - mit etwa 3300 Milliarden Euro gestützt. Das Geldkapital kann vor dem Hintergrund einer verhinderten Entwertung seinen Anspruch auf Verwertung aufrechterhalten, einen Anspruch, dem die Akkumulation des industriellen Kapitals nicht nachkommen kann. Die nächste Krise kommt bestimmt. Erschienen in: [*neues deutschland*](http://www.neues-deutschland.de/artikel/937553.nicht-immer-so-negativ-kapitalismus.html?ref=blog.stuetzle.cc), 30.7.2014 ### FAQ. Noch Fragen? Und täglich grüßt der Dax URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-und-taeglich-gruesst-der-dax/ Last updated: 2014-06-24T07:30:12.000Z ```

Was waren die letzten Wochen aufregend! Bricht der Dax die magische Rekordmarke? Die Medienwelt fieberte den 10.000 Punkten entgegen. Die Präsenz des Aktienindex ist Ausdruck einer gefestigten neoliberalen Hegemonie: Noch Mitte der 1990er Jahre wäre es undenkbar gewesen, dass vor Beginn der Tagesschau und vor der Wettervorhersage die Stimmung auf dem Börsenparkett ausführlich Thema sein könnte. Inzwischen hat es alle zu interessieren, wie die Großinvestoren die Lage einschätzen.

``` Den ersten Aktienindex brachte Charles Henry Dow 1885 auf den Weg. Der Wirtschaftsjournalist und Mitbegründer des Wall Street Journals wollte anhand einer Kennzahl messen, wie sich der noch junge US-Aktienmarkt entwickelt. Ökonomische Kennzahlen wurden mit der Jahrhundertwende zunehmend wichtig. Sie ermöglichen Vergleiche, sind die Basis der (Staaten-)Konkurrenz. Das zeigt das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das allerdings wesentlich jünger ist. Joseph Schumpeter schrieb noch in seinem 1939 erschienenen Buch zu Konjunkturzyklen, dass eine Größe wie das BIP vor allem ein »Produkt der Einbildung« sei. Eine derartige Meinung war damals weit verbreitet. So gab der Ökonom Karl Diehl 1926 empört zu Protokoll: »Nach unserer Kritik wird wohl der letzte Rest von Hochachtung gegenüber Versuchen, eine einfache Summe für Volkseinkommen und Volksvermögen zu nennen, verschwunden sein.« Beim Aktienmarkt ist die Kondensierung von Marktbewegungen auf eine Zahl einfacher. Dow zog damals einfach den Durchschnitt aus den Schlusskursen der zwölf wichtigsten Aktienwerte. Die mathematische Formel wurde mit der Zeit ausgefeilter, etwa nachdem Dividendenzahlungen und Eigenkapital als Faktoren einbezogen wurden. Dafür sorgte bereits der Statistiker und Dows Geschäftspartner Edward David Jones, der das »sehr wichtige Börsenbarometer« (Jones) zu einem wichtigen Erfolgsmaßstab für BörsianerInnen machen wollte – der US-Aktienindex Dow Jones war geboren. Der Dax hingegen ist weitaus jünger. Er erschien erstmals 1988\. Davor publizierten die Börsen-Zeitung und das Bankhaus Hardy & Co. einen Index, der seit Ende der 1950er errechnet wurde. Neben den sogenannten Leitindizes, in denen die wichtigsten börsennotierten Unternehmen vertreten sind, gibt es eine Vielzahl weiterer Indizes, die sich entweder auf eine bestimmte Branche spezialisieren, etwa »Technologiewerte«, oder Indizes, die um die beste »Performance« wetteifern. Im Kapitalismus wird nicht nur mit Aktien spekuliert, sondern jede produzierte Ware ist eine Spekulation darauf, ob sie zum kalkulierten Preis profitabel abgesetzt werden kann. Bei Aktien, die die Indizes ausmachen, »verdoppelt« sich diese Spekulation: Aktienpreise orientieren sich an Erwartungen, Erwartungen auf gute Profite und damit satte Dividenden oder allein an einem Anstieg des Preises. In der bürgerlichen Wirtschaftslehre ist deshalb der Aktienmarkt wie eine »Wettervorhersage«. Die meteorologische Metapher ist dabei kein Zufall. So hat Thomas Schwarz in einer Diskursanalyse herausgearbeitet, dass Dynamiken »in der Börsenberichterstattung durch einen Rückgriff auf den meteorologischen Diskurs naturalisiert« werden: Börsenfrühling, Hochs und Tiefs, die sich ablösen, und freundliche Tagesabschlüsse. (Siehe [kultuRRevolution 36/1998](http://zeitschrift-kulturrevolution.de/product/dynamik-der-massen-dynamik-der-diskurse?ref=blog.stuetzle.cc)) Der Finanz- und damit auch der Aktienmarkt ist, so die VWL-Lehre im Anschluss an den Wirtschaftsnobelpreisträger von 2013, Eugene Fama, ein vollkommener Markt. Hier herrsche nahezu vollständige Information, weshalb jeder bekannte Faktor im Aktienkurs reflektiert sei. Auf diese Idee kam bereits Peter Hamilton, Dows Nachfolger beim Wall Street Journal. Er behauptete, dass der Aktienindex eine Art Barometer sei: Alle entscheidungsrelevanten Informationen über Vergangenheit und Zukunft seien bereits im Kursverlauf enthalten und ermöglichten so Prognosen, die wiederum relevant für den Kauf und Verkauf von Aktien sind. Warum aber steigen die Aktienkurse in den letzten Jahren? Banken wurden von der EZB mit viel Geld versorgt, der Leitzins gesenkt. Eine nicht unbeträchtliche Menge des Geldes landet auf den Finanzmärkten, wo die Investoren in ihrer Jagd nach Profit renditeträchtige Wertpapiere kaufen: Aktien und Anleihen von Banken oder Staaten. Der Dax steigt. Als »Wirtschaftsthermometer« ist der Dax aber auch eine Form, die Bevölkerung vor den Fernsehsendern einzubinden. Das ist jedoch nicht einfach »Ideologie«. Vielmehr sind die Lohnabhängigen in den letzten Jahren verstärkt in die Aktienmärkte integriert worden: Sie halten Beteiligungen an den Unternehmen, an die sie ihre Arbeitskraft verkaufen, und mit der Privatisierung der Rente ist der in die Ferne gerückte Ruhestand mit Wertpapieren »abgesichert«. Ist der Dax gesund, freut sich der Mensch. **Ingo Stützle** Erschienen in: *ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis*, Nr. 595 vom 17.6.2014. ### Die Hilflosigkeit keynesianistischer Makroökonomie URL: https://blog.stuetzle.cc/die-hilflosigkeit-keynesianistischer-makrooekonomie/ Last updated: 2014-06-19T14:05:53.000Z ``` Nachdem die Krise 2008 zu einer internationalen Banken- und Finanzkrise ausartete und eine tiefgreifende Depression nach sich zog, waren Vergleiche mit 1929 an der Tagesordnung. In der Diskussion über wirtschaftspolitische Alternative wurde und wird auch regelmäßig der in den 1930er Jahren angestrengte »New Deal« ins Feld geführt – als positives Beispiel für eine Alternative. ``` [Stephan Schulmeister](http://stephan.schulmeister.wifo.ac.at/?ref=blog.stuetzle.cc) vom österreichischen WIFO hat nun ein 23seitiges Papier mit dem Titel [»Von Roosevelt lernen: Sein ›New Deal‹ und die große Krise Europas«](http://www.wifo.ac.at/jart/prj3/wifo/main.jart?content-id=1298017551022&publikation%5Fid=47263&detail-view=yes&ref=blog.stuetzle.cc) vorgelegt. Der Beitrag ist wie immer lehrreich und interessant – nur etwas hilflos. Das wäre nicht weiter tragisch, wenn diese politische Hilflosigkeit selbst Thema werden würde. Wird sie aber nicht. Die Hilflosigkeit drückt sich darin aus, dass die Politik Roosevelt allein als kluge Wirtschaftspolitik mit dem nötigen Durchsetzungswillen verkauft wird. War sie das? Mitnichten. ![strikes](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2014/06/strikes-1.jpg) US-working class disarmed. Grafik von Doug Henwood. Noch bis 1932 hatte Roosevelt schuldenfinanzierte Staatsintervention abgelehnt. Was überzeugte ihn, einen anderen Kurs einzuschlagen? Es waren die Klassenkämpfe, die in den USA wüteten und viele Menschen politisierten: Neben einer radikalen, großen Arbeitslosenbewegung, die auf Selbstorganisierung setzte, streikten trotz drohendem Jobverlust Millionen von ArbeiterInnen (vor allem in der Autoindustrie). Ein effektives Mittel in den Fabriken waren die berühmten Sit-Down-Streiks. Die Arbeitskämpfe zogen weitere Kämpfe nach sich und machten die Gewerkschaften stark. Die Zahl der Mitglieder vervielfachte sich. Vor diesem Hintergrund war das Kapital gezwungen, die Gewerkschaften als ›Tarifpartner‹ anzuerkennen, und die Demokratische Partei dazu, einen Mindestlohn und die 40-Stunden-Woche zu verabschieden. Die Arbeitskämpfe und sozialen Konflikten bei der »Geschichtsschreibung« zum New Deal auszublenden, reduziert diesen auf eine »gute Idee« – als eine Verschiebung wollen Willensverhältnissen, statt von gesellschaftlichen und politischen Kräfteverhältnissen, Kräfte, die es in den 1930ern durchaus gab, aber derzeit eben nicht – weder in den USA oder der EU und noch weniger in Deutschland oder Österreich. ![](https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/30/Battle_strike_1934.jpg/602px-Battle_strike_1934.jpg) USA, 1934: Open battle between striking teamsters armed with pipes and the police in the streets of Minneapolis. ### Krisenstab: Das mit den E-Mails regelt der Markt URL: https://blog.stuetzle.cc/krisenstab-das-mit-den-e-mails-regelt-der-markt/ Last updated: 2014-06-01T16:02:31.000Z ``` Wer kennt das nicht: Die Inbox quillt von E-Mails über, die Möglichkeiten, einzelne E-Mails als ungelesen oder farbig zu markieren, sie in Ordner zu sortieren, sind ausgereizt. Ganz Findige schicken sich E-Mails selbst nochmals zu, damit sie wieder nach oben rutschen, was das Problem nur potenziert, schließlich werden es ja noch mehr E-Mails. Ein weiterer Trick: die E-Mail-Flut erst nach der Mittagspause zu lesen und zu bearbeiten, dann, wenn der Körper konzentrierte Arbeit verweigert - und trotzdem liest man als erste Amtshandlung des Tages alle E-Mails. ``` Statt das Problem mit der kaum bewältigbaren Masse an E-Mails zu individualisieren, sollte es einen kollektiven Umgang mit dem Problem geben, schließlich sagen schon die Krankenkassen, dass die E-Mail-Berge krankmachen. Für ein solch komplexes Problem gebe es eine effiziente Lösung: den Markt. Das meinen zumindest die Ökonomen Bruno S. Frey und Christian Ulbrich in der »FAZ« . Getreu dem Motto, zu Unrecht sei der Markt in den letzten Jahren verunglimpft worden, argumentieren sie wie jedes neoklassische VWL-Lehrbuch. Für einen funktionierenden Markt braucht man demnach: Knappheit an Ressourcen und unendliche Nachfrage gleichermaßen, ein Anreiz- bzw. ein Preissystem, das dann bei knappen Ressourcen eine effiziente Allokation ermöglicht. Ausgangspunkt soll natürlich der Mensch sein, um ihn gehe es schließlich. Und der Mensch ist, das will uns die Ökonomie schon immer weismachen, ein Homo oeconomicus, ein nutzenmaximierendes Wesen - deshalb sind richtige Anreize wichtig. So wie die Banker durch falsche Anreize das Falsche machen (Bankenkrise), so müssen bei Verwendung von E-Mails nur die Anreize stimmen, damit sie uns nicht stressen. Wie könnte nun ein gutes Anreizsystem aussehen? Richtig, als Preissystem. Daher brauchen wir nur eine Software, die ein Preissystem für E-Mails ermöglicht. Schließlich haben wir bei Knappheit an Zeit und Aufmerksamkeit, dem klassischen Ausgangsproblem der bürgerlichen Ökonomietheorie, gleichzeitig ein »Überangebot« an E-Mails infolge der »vernachlässigbaren Kosten für die Absender«. Dank eines Preissystems kann die knappe Zeit, die man nun mal fürs Lesen und Beantworten von E-Mails zur Verfügung hat, effizient genutzt werden. Das würde dank einer E-Mail-Währung (»Relevance Unit«) und eines Preissystems (»Mail Application with Relevance Classification«, kurz MARC) funktionieren. Nun haben wir alle Elemente, die einen effizienten Markt ausmachen. Wir setzen einfach die bereits existierende Möglichkeit, E-Mails eine (geringe, hohe oder sehr hohe) Priorität zu geben, in Wert: Alle Teilnehmenden müssen sich überlegen, wie viele E-Mails pro Tag sie mit höchster Priorität erhalten wollen. Diejenigen, die E-Mails verschicken wollen, müssen nun einschätzen, ob eine E-Mail für den Empfänger sehr oder weniger wichtig ist - aus den Informationen von Angebot und Nachfrage kann MARC dann eine Preiskurve für E-Mails ermitteln. Damit das Relevance-Unit-System gut funktioniert, muss es der Geldwertstabilität verpflichtet werden. »Die Zahl der ›Relevance Units‹, die jeder Angestellte eines Unternehmens am Monatsanfang erhält«, ist deshalb beschränkt. Die »Geldmenge« muss für den Monat reichen und alle Marktteilnehmenden müssen sich überlegen, »welche E-Mails wirklich wichtig sind und welche nicht«. Ist der Geldbeutel leer, können auch keine E-Mails mehr verschickt oder weitergeleitet werden. Kurzum: »Die mittels Preisen sichtbar gemachten versteckten Kosten stellen einen ausreichenden Anreiz dar, innerhalb eines Unternehmens vernünftig mit E-Mails umzugehen.« Problem gelöst. Dass der Markt eigentlich bei allem funktioniert, meinte Bruno S. Frey vor Jahren bereits am Beispiel des Terrorismus zeigen zu können. Hintergrund waren die Anschläge am 11\. September 2001\. Man müsse, so Frey, nur die »Opportunitätskosten« eines Terroristenlebens erhöhen, indem man Karrierealternativen aufzeigt. Als Beweis zog Frey zugleich Deutschland heran: »Wenn es nach Bush ginge, dürfte Deutschland nie einen Außenminister Joschka Fischer haben, der früher der terroristischen Szene ganz nahe war.« Gib jedem Terroristen die Chance auf einen Ministersessel und alles wird gut. Mit der Krise galten die Wirtschaftswissenschaften und die Marktideologie diskreditiert. Die Zeitungslektüre zeigt, dass die Marktideologie noch ganz schön agil ist. Erschienen in: *neues deutsch­land*, 2.6.2014. ### FAQ. Noch Fragen? Geld- und Zinskritik gegen Fiatgeld? URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-geld-und-zinskritik-gegen-fiatgeld/ Last updated: 2014-05-21T07:04:26.000Z ```
EZB-Neubau.August-2013
EZB Neubau im August 2013
``` Seit einiger Zeit wird wieder der Autobauer und Antisemit Henry Ford zitiert: »Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.« Die Geldkritik - wie sie momentan in den Montagsdemos fröhliche Urstände feiert - speist sich aus dem Bedürfnis nach einem krisenfreien Geldsystem und aus dem allerorten anzutreffenden Wunsch nach »Souveränität« - hier nicht gegenüber »Brüssel«, sondern über das Geld. Ihre Kritik richtet sich nicht gegen das Geld an sich, sondern gegen ein Geldsystem, das scheinbar unter der Kontrolle wahlweise falscher PolitikerInnen bzw. dunkler Mächte steht und zudem auf dem sogenannten Fiatgeld basiert - Geld, das keinen Gegenwert habe. Die Lösung: ein neutrales Geldsystem. Nichtneutral sei das derzeitige Geldsystem deshalb, weil es nicht neutral in die Welt kommt - sondern als ein Schuldverhältnis ohne Gegenwert mit dem Anspruch auf Zinsen. Die Zentralbanken drucken einfach Geld und verleihen es an die Geschäftsbanken, die dafür Sicherheiten hinterlegen müssen. Obwohl also kein echter Wert oder ein eigener Gegenwert zugrunde liegt, können sowohl Zentralbanken als auch Geschäftsbanken durch Zinsen Geld schöpfen. Durch die Geldschöpfung, so die GeldkritikerInnen, sind alle Waren zu teuer (weil Zinsen eingepreist seien), wird durch Kredit zu viel produziert (Folge: Überproduktion) und fließe ein ungerechter Ressourcentransfer von den SchuldnerInnen zu den GläubigerInnen - durch den Zins. Aus Geld wird mehr Geld, ohne dass dafür etwas geleistet wird. Vor diesem Hintergrund fordert Franz Hörmann, der an der Universität Wien lehrt und etwa gerne von Ken Jebsen (KenFM) zum Thema Geld interviewt wird, sogenanntes Informationsgeld, das auf seinen reinen Informationscharakter reduziert wird. In diesem Verständnis ist Geld selbst weder Ausdruck von, noch relevant für die ökonomischen Verhältnisse. Bereits Marx witzelte, dass in diesen Vorstellungen das Geld auf ein »pfiffig ausgedachtes Auskunftsmittel« reduziert werde. Dabei ist Geld ein gegenständlicher Ausdruck dafür, dass die Vergesellschaftung der Arbeit erst im Nachhinein vonstattengeht, dass sich erst auf dem Markt entscheidet, ob produzierende Arbeit als gesellschaftliche Arbeit anerkannt wird. Die Instanz, die darüber entscheidet, ist das Geld. Allerdings zählt unter der Herrschaft der kapitalistischen Produktionsweise nicht jede Arbeit gleichermaßen als gesellschaftliche, sondern nur die, die mit der durchschnittlichen Produktivität mithalten kann, und weil Arbeit als Lohnarbeit vom Kapital kommandiert wird, nur die, die auch einen durchschnittlichen Profit abwirft. Weil der Kapitalismus auch die erste Wirtschaftsform ist, in der Wirtschaftswachstum systematisch dazugehört, ist der Kredit nicht mehr das, was die GeldkritikerInnen ihm zuschreiben, nämlich ein Mittel zur Verarmung, Ausbeutung und Herrschaft, sondern ein Mittel zu Vermehrung des Profits und Beschleunigung von Wachstum. Überproduktion ist in einer Gesellschaft angelegt, die sich nicht darüber verständigt, was sie braucht, sondern in der ex post, anhand von Geld, festgestellt wird, was gebraucht wird. Geld ist nicht Ursache, sondern Ausdruck der ökonomischen Verhältnisse, zumal nicht die Bedürfnisbefriedigung, sondern Profit Zweck der Produktion ist und das Kapital darüber entscheidet, was wie produziert wird und hierbei allein Profit und Marktanteile Kriterien sind. Kredit ist im Kapitalismus ein Mittel, und das Kapitalverhältnis ist dem Schuldner-Gläubiger-Verhältnis vorgeordnet: Nur wenn Kapital Profitmöglichkeiten hat, nimmt es Kredit auf; ist Kapital nicht kreditwürdig, rückt auch keine Bank Geld raus. Beides ist derzeit sehr gut zu beobachten, und da hilft es auch nichts, dass die Leitzinsen auf einem historischen Tiefstand sind und die Zentralbanken viel Geld an die Banken verleihen - es kommt nämlich gar nicht in den Geldkreislauf. Die Geldversorgung durch Zentralbanken ist eine historisch-spezifische institutionelle Form, nachdem andere organisatorische Formen zu schweren Krisen geführt haben oder die kapitalistische Dynamik bremsten: So entstand die US-Notenbank Fed, nachdem ein auf Privatbanken basierendes Geldsystem sich als sehr krisenanfällig gezeigt hatte (siehe ak 590), die Deckung von Papiergeld durch Gold wurde aufgehoben, weil sich zeigte, dass die Golddeckung für die expansive kapitalistische Dynamik zu starr und restriktiv ist. Weder das Geld noch das Geldsystem in Form der Zentralbanken sind also das politische Problem. Dass die Geldkritik zudem antisemitisch anschlussfähig ist, macht es umso wichtiger, sich kritisch mit ihr zu beschäftigen. **Ingo Stützle** ### Aufgeblättert: Tödliche Austerität URL: https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-toedliche-austeritaet/ Last updated: 2014-05-20T07:23:55.000Z ```

Stuckler-BasuEs geht um Leben und Tod in der groß angelegten Studie der beiden Autoren, die Gesundheit als genuin politisches Thema verstehen. David Stuckler und Sanjay Basu analysieren nicht nur die Entwicklungen in Island und Griechenland nach Ausbruch der jüngsten Krise, sondern nehmen sich auch älteres Material vor. Nach 1929 weigerten sich in den USA einige Bundesstaaten, den New Deal umzusetzen. Was zeigt: »Die eigentliche Gefahr für die Gesundheit der Allgemeinheit lauert nicht in Rezessionen an sich, sondern in den Sparprogrammen, mit denen diese häufig bekämpft werden.« Wie für angelsächsische Sachbücher mit wissenschaftlichem Anspruch üblich, handelt die gut geschriebene Studie von Selbstmordraten, Lebenserwartungen, Krankheiten, aber auch Stress und Krankheit infolge von drohenden Zwangsräumungen: »Schon einige Zeit, bevor jemand sein Haus verliert, kann bereits eine drohende Zwangsräumung das Krankheitsrisiko erhöhen.« Aber nicht nur kapitalistische Krisen wirken sich negativ auf Leib und Leben aus. Das Buch zeigt eindringlich, dass in ehemaligen realsozialistischen Ländern, die nach 1990 sich dem IWF unterwarfen oder sich möglichst schnell zu einer kapitalistischen Marktwirtschaft transformieren wollten, die Lebenserwartung teilweise dramatisch zurückging. Leider wollen sich die Autoren weder rechts noch links positionieren und hoffen stattdessen auf einen »demokratischen Weg«, der allein Zahlen und Fakten gehorcht.

``` **Ingo Stützle** David Stuckler und Sanjay Basu: [Sparprogramme töten. Die Ökonomisierung der Gesundheit](http://www.wagenbach.de/buecher/titel/945-sparprogramme-toeten.html?ref=blog.stuetzle.cc). Wagenbach Verlag, Berlin 2014\. 224 Seiten, 19,90 EUR. Erschienen in: ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 594 vom 20.5.2014, Seite 36. ### Der Krisenstab: Die Krise in Zeiten von Piketty URL: https://blog.stuetzle.cc/der-krisenstab-die-krise-in-zeiten-von-piketty/ Last updated: 2014-05-05T07:56:51.000Z ``` In der neuen Krisenstab-Kolumne bei neues deutschland schreibe ich über den neuen Star am Ökonomenhimmel,  Thomas Piketty, und die Frage, warum Argumente allein nichts bewegen: ``` > Im Mittelalter legitimierte der liebe Gott die Herrschaft von Menschen über Menschen. Seit 1789 herrscht, so die bürgerliche Erzählung, die Vernunft. Die Wissenschaften stellt die Politik auf ein rationales Fundament. Auch viele Linke hoffen für die Durchsetzung der »richtigen Politik« auf den »zwanglosen Zwang des besseren Arguments« (Habermas). Deshalb kommt das neue, über 600 Seiten starke Buch des französischen Ökonomen Thomas Piketty gerade richtig. Das mit Grafiken gespickte Buch »Capital in the Twenty-First Century« erschien vor ein paar Tagen in englischer Übersetzung (das französische Original erschien bereits letztes Jahr; die deutsche Übersetzung ist für 2015 angekündigt). Es entfachte nicht nur in den USA ein Feuerwerk an Kommentaren und eine hitzige Debatte, nachdem u.a. die Nobelpreisträger Paul Krugman und Joseph Stiglitz Piketty medienwirksam protegierten. Krugman und Stiglitz meldeten sich in den letzten Jahren öfters zu Wort und kritisierten Deutschlands Austeritätskurs und Obamas Einknicken vor den Interessen der Wall Street. [Weiterlesen bei neues deutschland](http://www.neues-deutschland.de/artikel/931890.die-krise-in-zeiten-von-piketty.html?ref=blog.stuetzle.cc). ### Ungleichheit und Chancengleichheit, Piketty und der Pontifex URL: https://blog.stuetzle.cc/ungleichheit-und-chancengleichheit-piketty-und-der-pontifex/ Last updated: 2014-04-29T10:27:10.000Z ``` Der Papst twittert (und liest wohl auch Thomas Piketty). Natürlich in vielen Sprachen. Nur, was sagte einst Umberto Eco zu Übersetzungen: Quasi dasselbe mit anderen Worten. Das scheint vor allem dann so zu sein, wenn der Übersetzer ins Deutsche Mitglied der FDP ist. ``` \[[View the story "Von Ungleichheit und Chancengleichheit" on Storify](//storify.com/istuetzle/von-ungleichheit-und-chancengleichheit)\]Wie schrieben Anna Blume und Nick Sinakusch in [ak 583](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak583/04.htm?ref=blog.stuetzle.cc): > [wikipedia](de.wikipedia.org/wiki/Chance) ### Marx zu Thomas Piketty URL: https://blog.stuetzle.cc/marx-zu-thomas-piketty/ Last updated: 2014-04-25T08:22:06.000Z ``` Rainer Rilling hat dankenswerterweise eine Unmenge an Reaktionen zum amazon-Kassenschlager »Capital in the Twenty-First Century« von Thomas Piketty zusammengetragen. Piketty stellt die Verteilungsfrage in den Mittelpunkt seines Interesses, wofür er von rechts gefürchtet, von links bejubelt wird. Die Beweggründe, warum er Gehör bekommt, sind also sehr unterschiedlich. ``` Nun hat sich auch Karl Marx zu Wort gemeldet und wirft Piketty vor, die bekannten Fehler der politischen Ökonomie zu wiederholen, ökonomische Größen und Einkommenformen zu naturalisieren und derart das altbekannte harmonische Bild eines sozialpartnerschaftlichen Streits unter Gleichen (Kapital/Arbeit) um die Verteilung des Kuchen zu malen: > Erde-Rente, Kapital-Zins, Arbeit-Arbeitslohn stehn sich die verschiedenen Formen des Mehrwerts und Gestalten der kapitalistischen Produktion nicht entfremdet, sondern fremd und gleichgültig, als bloß verschieden, ohne Gegensatz gegenüber. Die verschiedenen Revenues fließen aus ganz verschiedenen Quellen, die eine aus der Erde, die andre aus dem Kapital, die andre aus der Arbeit. Sie stehen also in keinem feindlichen, weil überhaupt in keinem inneren Zusammenhang. Wirken sie nun doch in der Produktion zusammen, so ist das ein harmonisches Wirken, der Ausdruck von Harmonie, wie ja z.B. der Bauer, der Ochse, der Pflug und die Erde in der Agrikultur, dem wirklichen Arbeitsprozesse, trotz ihrer Verschiedenheit harmonisch zusammenarbeiten. Soweit ein Gegensatz zwischen ihnen stattfindet, entspringt er bloß aus der Konkurrenz, welcher der Agenten mehr vom Produkt sich aneignen soll, vom Wert, den sie zusammen schufen, und kommt es dabei gelegentlich zur Keilerei, so zeigt sich dann doch schließlich als Endresultat dieser Konkurrenz zwischen Erde, Kapital und Arbeit, daß, indem sie sich untereinander stritten über die Teilung, sie durch ihren Wetteifer den Wert des Produkts so vermehrt haben, daß jeder einen größeren Fetzen bekommt, so daß ihre Konkurrenz selbst nur als der stachelnde Ausdruck ihrer Harmonie erscheint. (MEW 26.3, 493f.) ### Imperialismustheorie und Luxemburgs Kritik an Marx’ Reproduktionsschemata URL: https://blog.stuetzle.cc/imperialismustheorie-und-luxemburg-kritik-an-marx-reproduktionsschemata/ Last updated: 2014-04-24T14:04:18.000Z [![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2014/04/700px-DBP_1974_794_Rosa_Luxemburg-1.jpg)](https://de.wikipedia.org/wiki/Rosa%5FLuxemburg?ref=blog.stuetzle.cc) Rosa Luxemburg ist für viele Linke ein positiver Bezugspunkt. Kein Wunder, schließlich kritisierte sie die Sozialdemokratie und die kommunistischen Bolschewiki gleichermaßen. Bereits vor der Jahrhundertwende wandte sie sich gegen die Verharmlosung des Kapitalismus, einen Punkt, den sie in ihrem vor 100 Jahren erschienen Buch [»Die Akkumulation des Kapitals«](https://de.wikipedia.org/wiki/Die%5FAkkumulation%5Fdes%5FKapitals.%5FEin%5FBeitrag%5Fzur%5F%C3%B6konomischen%5FErkl%C3%A4rung%5Fdes%5FImperialismus?ref=blog.stuetzle.cc) ausformulierte.\[1\. Seitenzahlen im Text beziehen beziehen sich auf die [Gesammelten Werke\]](http://www.rosalux.de/stiftung/rosaluxemburg/werke-und-literatur.html?ref=blog.stuetzle.cc) Ihre »ökonomische Erklärung des Imperialismus«, so der Untertitel, erschien 1913, ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Kein Wunder also, dass das Buch für viele ein wichtiger imperialismustheoretischer Beitrag war und nach wie vor ist (vgl. mein Beitrag in [ak 592](http://stuetzle.cc/2014/04/kapitalismus-und-krieg-zwei-seiten-einer-medaille-nicht-nur-rosa-luxemburg-versuchte-den-ersten-weltkrieg-oekonomisch-zu-erklaeren/?ref=blog.stuetzle.cc), den Beitrag von [Judith Dellheim](http://ifg.rosalux.de/2014/03/20/100-jahre-akkumulation-des-kapitals/?ref=blog.stuetzle.cc), [Lutz Brangsch, ](http://ifg.rosalux.de/2013/01/14/100-jahre-akkumulation/?ref=blog.stuetzle.cc)die Dokumentation der [RLS-Tagung](http://kapacc.blog.rosalux.de/?ref=blog.stuetzle.cc) und den Mitschnitt eines Vortrags zum zweiten Band des Kapitals von Michael Krätke [Teil 1](https://soundcloud.com/rosaluxstiftung/kraetke-2009-wunder-1?in=rosaluxstiftung/sets/hoermarx&ref=blog.stuetzle.cc)/ [Teil 2](https://soundcloud.com/rosaluxstiftung/kraetke-2009-wunder-2?in=rosaluxstiftung/sets/hoermarx&ref=blog.stuetzle.cc)). Im Folgenden soll Luxemburgs Marxkritik dargestellt und kritisiert werden - hierbei geht es etwas formel zu. Luxemburgs zentraler Punkt ist, dass die kapitalistische Produktionsweise nur unter Zugriff auf nicht-kapitalistische Milieus existieren könne (AA, 299, 314), ein Zugriff, der mitunter militärisch durchgesetzt werden müsse (Imperialismus; AA, 314). Luxemburg zufolge ist eine reine kapitalistische Produktionsweise unmöglich. Ausgangspunkt ihrer Argumentation sind die von Marx im zweiten Band des Kapitals diskutierten sogenannten Reproduktionsschemata. Marx unterscheidet dort zwischen zwei Abteilungen der Produktion (Produktion von Produktionsmittel und Produktion von Konsumtionsmittel). Nur unter bestimmten Austauschverhältnissen zwischen diesen beiden Abteilungen ist, so Marx, eine Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals und Akkumulation überhaupt möglich. Marx unterstreicht, dass hierbei nicht nur die Wert- sondern auch die Stoffdimension relevant ist. Michael Heinrich schreibt hierzu in seiner [Einführung](http://www.theorie.org/titel/593%5Fkritik%5Fder%5Fpolitischen%5Foekonomie%5F11%5Fauflage?ref=blog.stuetzle.cc): > *stofflichewertmäßige* Luxemburg argumentiert nun, dass eine Investitionsinitiative von Abteilung I ausgehe und die Abteilung II von dieser abhängig sei (AA, 91, 96f.). Im Sozialismus sei das Verhältnis umgekehrt, weil hier die Bedürfnisbefriedigung Ziel der der Produktion sei (AA, 100).\[2\. Ein interessantes Detail ist hier, dass erst Engels im Zuge der Editionsarbeit diese »Reihenfolge« festlegte. Marx benutzte in den diversen Manuskripten zunächst nicht nur mehr Abteilungen, sondern verwendete die aus MEW 24 bekannte Reihenfolge der beiden Abteilungen erst in Manuskript VIII – zuvor umgekehrt.\] Was aber kritisiert Luxemburgs? Marx, so Luxemburg, würde eine mathematische Auflösung bei der Konstruktion der Schemata erzwingen (AA, 91, 97). Eine Konsequenz sei, dass es eine Produktion um der Produktion willen gebe (AA, 102, 283f.), es werde produziert, damit die Reproduktion funktiniere, die Austauschverhältnisse stimmen. Für Luxemburg eine Absurdität. Antrieb im Kapitalismus sei der Profit, Ziel sei nicht, eine mathematische Formel aufgehen zu lassen. Marx, so Luxemburg, habe zudem unangemessene Abstraktionen vorgenommen, da er von Produktivitätssteigerungen, wachsender Wertzusammensetzung und steigender Mehrwertrate absehe (AA, 285, 288). Diese zeichnen die kapitalistische Produktionsweise aber gerade aus und verschärfen Luxemburg zufolge das aufgeworfene Problem. Vor diesem Hintergrund stellt sich Luxemburg schließlich die Fragem, woher die zahlungsfähige Nachfrage kommen kann, damit Waren und Mehrprodukt versilbert werden können. Hierbei schließt sie KapitalistInnen als Konsumenten ebenso aus wie die die Arbeiterklasse und alle, die ihr Einkommen aus Teilen des Mehrwerts beziehen. Luxemburg zieht eine theoretische Konsequenz: Es bedarf nicht-kapitalistischer Milieus für den Absatz des Warenrests und politischer Gewalt (Militarismus). Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation sei deshalb kein einmaliger Vorgang, sondern ein ständig stattfindender Prozess des Zugriffs auf nicht-kapitalistische Milieus. Eine reine kapitalistische Ökonomie sei unmöglich. Wenn es auch viel Kritik an Luxemburgs Ausführungen und ihrer Imperialismustheorie gab, so bringt es der politische Bezugspunkt Luxemburg doch auch mit sich, dass hinsichtlich der theoretischen Konsistenz ihrer Kritik und Interpretation der Reproduktionsschemata ein Auge zugedrückt wird (so auch in einigen Aufsätzen im jüngst erschienenen [VSA-Sammelband](http://www.vsa-verlag.de/nc/detail/artikel/rosa-luxemburgs-akkumulation-des-kapitals/?ref=blog.stuetzle.cc) zu Luxemburg). Im Folgenden soll auf die These eines auftretenden »Konsumtionsrestes«, der nicht realisiert werden kann, eingegangen werden. Dabei setze ich bei der marxschen Formalisierung im dritten Abschnitt des zweiten Bandes an. Mathematische Umformungen werden ausführlicher als üblich dargestellt, um Leseschwierigkeiten zu vermeiden. Folgendes Reproduktionsschema ist Ausgangspunkt: | I. | c1 \+ v1 \+ m1 \= W1 | | ------- | -------------------- | | II. | c2 \+ v2 \+ m2 \= W2 | | Gesamt: | c + v + m = W | Wenn wir erweiterte Reproduktion annehmen, so teilt sich der Mehrwert in die Konsumtion der Kapitalisten (k) sowie in die Investitionen in neues fixes und variables Kapital: | I. | c1 \+ v1 \+ Δc1 \+ Δv1 \+ k1 \= W1 | | ------- | ---------------------------------- | | II. | c2 \+ v2 \+ Δc2 \+ Δv2 \+ k2 \= W2 | | Gesamt: | c + v + Δc + Δv + k = W | Wir nennen q die Wertzusammensetzung in den beiden Abteilungen, wobei unterschiedliche Wertzusammensetzungen angenommen werden: qi \= ci / vi i = 1,2 Wir nehmen eine gleiche Mehrwertrate e = mi / vi in beiden Abteilungen an. Zudem wird im Folgenden angenommen, dass die Wertzusammensetzung konstant bleibt, dass also u.a. die technologischen Produktionsbedingungen gleich bleiben. Um dies zu gewährleisten, werden c und v mit der gleichen Wachstumsrate zunehmen: (Δci/ci) = (Δvi/vi) = ΔCi/Ci \[C ist das Gesamtkapital.\] Der gleichgewichtige Austausch der beiden Abteilungen ist (unabhängig davon, von welcher Seite wir dies betrachten): | | **Angebot** | | **Nachfrage** | | | ---------------------------- | -- | ---------------------------------- | | | c1 \+ v1 \+ Δc1 \+ Δv1 \+ k1 | \= | c1 \+ Δc1 \+ c2 \+ Δc2 | | | v1 \+ Δv1 \+ k1 | \= | c2 \+ Δc2 | | | | | | | | c2 \+ v2 \+ Δc2 \+ Δv2 \+ k2 | \= | v1 \+ Δv1 \+ k1 \+ v2 \+ Δv2 \+ k2 | | | c2 \+ Δc2 | \= | v1 \+ Δv1 \+ k1 | Unterstellt wird, dass die Konsumtionsmittel einer Periode mit den Löhnen der gleichen Periode bezahlt werden. Die Annahme eines time-lags würde wahrscheinlich die Sache etwas komplizieren, ohne für unsere Frage neue Einsichten zu bringen. Für die Diskussion ist eine Begriffsbestimmung nötig. Der Unterschied zwischen der Akkumulations*rate* und der Akkumulations*quote*. Akkumulationsrate bezeichnet normalerweise das Verhältnis von neu investiertem Kapital zum Gesamtkapital. Die Aufteilung des Mehrwerts bzw. des Profits auf Konsum und Investitionen ist die Akkumulationsquote. Es wird sich nun zeigen, dass tatsächlich in beiden Abteilungen unterschiedliche Akkumulations*quoten* existieren müssen, um ein gleichgewichtiges Wachstum zu ermöglichen. Allerdings gibt es keine Begründung dafür, warum dies eine „unmögliche Voraussetzung“ sein sollte. Zudem ermöglichen diese unterschiedlichen Akkumulationsquoten gerade ein Wachstum bei *gleicher* Akkumulations*rate*. Auch die Annahme einer gleichen Akkumulationsrate in beiden Abteilungen ist keineswegs eine allgemeine Bedingung gleichgewichtigen Wachstums, sondern ein Spezialfall. **Ist die Gleichheit der Akkumulationsraten eine notwendige Bedingung oder Charakteristik des Reproduktionsprozesses?** Man kann zeigen, dass die gleichgewichtige Reproduktion ein ganz bestimmtes Verhältnis zwischen den Akkumulationsraten der beiden Abteilungen voraussetzt, nämlich: | g2 \= h/q2(1 + e – g1\*q1 – q2/h) | mit h = v1/v2 | | --------------------------------- | ------------- | Die Ableitung ist im Appendix 1 enthalten. Gleichgewicht bedeutet dabei, dass alles, was produziert wurde, auch abgesetzt werden kann. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten der Lösung dieser Gleichung, in einem bestimmten Fall ist die Gleichheit der Akkumulationsraten gewährleistet: | g1 \= g2 \= \[h(1 + e) – q2\] / (q2 \+ h\*q1) | Ableitung im Appendix 1 | | --------------------------------------------- | ----------------------- | Die Gleichheit der Akkumulationsraten ist also nicht notwendig, sie ist aber möglich. Es sollte hervorgehoben werden, dass der Spezialfall gleicher Akkumulationsraten der einzige Fall ist, der Wachstum mit einer *konstanten* Akkumulationsrate erlaubt. Das erkennt man in der ersten Formel daran, dass nur im Falle gleicher Akkumulationsraten angesichts der gemachten Voraussetzung konstanter Wertzusammensetzungen das Verhältnis von v1 zu v2 (also h) konstant bleibt. Im Falle ungleicher Akkumulationsraten ist ein gleichgewichtiges Wachstum auch möglich, allerdings müssen sich die Akkumulationsraten dauernd verändern und anpassen. **Nehmen wir gleiche Akkumulationsraten an – kommt es dann zu einem unabsetzbaren »Konsumtionsrest«?** Nein, man kann zeigen, dass der Spezialfall gleicher Akkumulationsraten ungleiche Akkumulationsquoten voraussetzt. Wird ein bestimmtes Verhältnis zwischen diesen Akkumulationsquoten eingehalten, so gibt es keine Realisierungsprobleme. Dieses notwendige Verhältnis der Akkumulationsquoten ist: | a2/a1 \= (1 + q2) / (1 + q1) | mit a = Akkumulationsquote, q = Wertzusammensetzung; siehe Appendix 2 | | ---------------------------- | --------------------------------------------------------------------- | | | | **Darstellung am marxschen Beispiel:** Nehmen wir das Beispiel MEW 24, S.505: | I. | 4000c + 1000v + 1000m | \= | 6000 | | --- | --------------------- | -- | ---- | | II. | 1500c + 750v + 750m | \= | 3000 | Wir haben: | Mehrwertrate: | e = 1.0 | | ---------------------- | -------------------- | | Wertzusammensetzungen: | q1 \= 4.0, q2 \= 2.0 | | Verhältnis v1/v2: | h = 4/3 » 1.333 | Für dieses System gibt es unendlich viele gleichgewichtige Kombinationen der Akkumulationsraten, nämlich: | g2 = | (h/q2)(1 + e – g1\*q1 – q2/h) | | ---- | ----------------------------- | | \= | (2/3)(1+1–g1\*4–2\*3/4) | | \= | 1/3 – 8/3g1 | Sollen beide Abteilungen mit der gleichen Akkumulationsrate wachsen, so muss diese Rate sein: | g1 \= g2 \= | \[h(1 + e) – q2\] / (q2 \+ h\*q1) | | ----------- | --------------------------------- | | \~ | 0,0909 | In der ersten Periode wäre also: | Δc1 \= | 363,64 | | ------ | ------ | | Δv1 \= | 90,91 | | k1 \= | 545,45 | | Δc2 \= | 136,36 | | Δv2 \= | 68,18 | | k2 \= | 545,45 | Die Akkumulationsquote der Abteilung I wäre in diesem Fall 45,45 Prozent, der Abteilung II 27,27 Prozent. Man kann leicht feststellen, dass diese Akkumulationsquoten die oben genannte Gleichgewichtsbedingung erfüllen. Mit diesen Werten wäre ein Wachstum mit einer konstanten Akkumulationsrate möglich. Marx geht nun anders vor. Er weiß, dass es keine Notwendigkeit gibt, dass die Akkumulationsraten und Akkumulationsquoten gleich sein müssen, und er spart sich die Entwicklung der formalen Beziehungen. In seinem Beispiel nimmt er einfach die Akkumulationsquote der Abteilung I mit a1 \= 0.5 als gegeben an. Daraus ergibt sich eine Akkumulationsrate der Abteilung I von: g1 \= 0.1 Mit unserer Formel über die notwendigen Beziehungen zwischen den Akkumulationsraten können wir feststellen, dass die Akkumulationsrate der Abteilung II dementsprechend: g2 \= 1/3 – 8/3 g1 \~ 0.0667 sein muss. Tatsächlich kann man überprüfen, dass Marx ohne die Formeln aufzustellen für die Konstruktion seines Beispiels gezwungen war, die entsprechenden Werte zu finden: Δc2 \= 100 und Δv2 \= 50, also ΔC = 150, was einer Akkumulationsrate von g2 \= ΔC/C = 150/2250 = 0.0667 entspricht. Das System kann gleichgewichtig akkumulieren, allerdings müssen sich bei jedem Schritt die Akkumulationsraten dem veränderten Verhältnis von v1 zu v2 (also h) anpassen. Im zweiten Schritt bedeutet dies: | I. | 4400c + 1100v + 1100m | \= | 6600 | | --- | --------------------- | -- | ---- | | II. | 1600c + 800v + 800m | \= | 3200 | Wir haben: | Mehrwertrate: | e = 1.0 | | ---------------------- | -------------------- | | Wertzusammensetzungen: | q1 \= 4.0, q2 \= 2.0 | | Verhältnis v1/v2: | h = 1.375 | Aufgrund unterschiedlicher Akkumulationsraten ist h leicht gestiegen. Es ist also nun eine Anpassung der Akkumulationsraten an die neue Situation notwendig. Marx nimmt weiterhin an, daß a1 \= 0.5, g1 ist also auch weiterhin g1 \= 0.1. Es ergibt sich aber ein neuer Wert für | g2: g2 \= | (h/q2)(1 + e – g1\*q1 – q2/h) | | --------- | ----------------------------- | | \= | 0.375 – 2.75g1 | Bei g1 \= 0.1 muss g2 \= 0.1\. Es ist nun eine Situation mit gleichen Akkumulationsraten in beiden Abteilungen erreicht, d.h. die Akkumulation wird nun mit konstanter Rate von 0.1 weitergehen. Die Akkumulationsquoten sind a1 \= 0.5 und a2 \= 0.3. Die hier benannten Anpassungen sind dabei natürlich Anpassungen an die formellen Gleichgewichtsbedingungen, sie sind noch nicht das Ergebnis einer Modellierung der Reaktionen der Kapitalisten auf die Entwicklung. Inwieweit sich das System also an das ›Akkumulationsgleichgewicht‹ wirklich anpassen könnte, kann auf dieser Ebene der Abstraktion nicht beantwortet werden. **Zusammenfassung** Nur vor dem Hintergrund (a) Akkumulationsquote und Akkumulationsrate nicht auseinander zu halten und (b) ohne jede Begründung davon auszugehen, dass im Kapitalismus die Akkumulationsraten, aber insbesondere die Akkumulationsquoten gleich sein müssten ergibt sich der unabsetzbare »Konsumtionsrest«. Auch Bader et al. (1975: 311) konstatieren nach der formalen Herleitung der Möglichkeit gleichgewichtiger Reproduktion: > Die Diskussion der Gleichgewichtsbedingungen erweiterter Reproduktion führt auch unter der Einbeziehung variabler organischer Zusammensetzung und Mehrwertrate zu dem Ergebnis, dass auf der Ebene der Konstruktion von Reproduktionsschemata kein Aussage darüber möglich ist, ob zwangsläufig Lücken in der Gesamtnachfrage auftauchen. Genau das wurde oben gezeigt. Die eigentlich spannende Frage ist jedoch die nach den ökonomischen und sozialen Mechanismen, die die Erfüllung der analysierten Gleichgewichtsbedingungen gewährleisten bzw.: systematisch topedieren. Die Schemata ergeben nur formale Kriterien für eine gelingende Reproduktion, die etwa [Rudolf Hil­fer­ding](https://de.wikipedia.org/wiki/Rudolf%5FHilferding?ref=blog.stuetzle.cc) als Hinweis auf eine Gleichgewichtstheorie missverstanden hat: > Gerade der zweite Band des Kapi­tal zeigt, wie inner­halb des kapi­ta­lis­ti­schen Systems die Pro­duk­tion auf immer erwei­ter­ter Stu­fen­lei­ter mög­lich ist. Ich habe mir oft gedacht, es ist nicht so schlimm, dass der zweite Band so wenig gele­sen wird, denn es könnte unter Umstän­den ein Hohe­lied des Kapi­ta­lis­mus aus ihm her­aus­ge­le­sen werden. Das Gegenteil ist der Fall. [Marx zeigt gerade](http://www.mlwerke.de/me/me24/me24%5F485.htm?ref=blog.stuetzle.cc), dass ein »normaler Verlauf« der Reproduktion, »sei es auf einfacher, sei es auf erweiterter Stufenleiter, die in ebenso viele Bedingungen des anormalen Verlaufs, Möglichkeiten von Krisen umschlagen, da das Gleichgewicht - bei der naturwüchsigen Gestaltung dieser Produktion - selbst ein Zufall ist.« Die Jagd nach Profit und die durch die Konkurrenz hergestellte Durchschnittsprofitrate (Krisen eingeschlossen) sind hierbei der zentrale Mechanismus, der die Akkumulationsquoten und Akkumulationsraten beeinflusst. Für den Ausgleichsprozess, so Marx im dritten Band des *Kapitals*, ist jedoch das Kreditsystem von zentraler Bedeutung, von welchem er wiederum abstrahiert. **Literatur:** Bader, Veit-Michael/ Berger, Johannes/ Ganßmann, Heiner/ Hagelstange, Thomas/ Hoffmann, Burkhard/ Krätke, Michael/ Krais, Beate/ Kürschner, Lor/ Strehl, Rüdiger (1975): *Krise und Kapitalismus bei Marx (2 Bde.)*, Frankfurt/M **Appendix I:** Aus der Gleichgewichtsbedingung können wir die notwendigen Relationen zwischen den Akkumulationsraten ableiten. Wir setzen: h=v1/v2; qi \= ci/vi. | c2 \+ Δc2 \= | v1 \+ Δv1 \+ k1 | | --------------- | --------------------------------------------------------- | | c2 \+ g2\*c2 \= | v1 \+ g1\*v1 \+ k1 | | c2(1 + g2) = | v1 \+ g1\*v1 \+ k1 | | c2(1 + g2) = | v1 \+ g1\*v1 \+ (1 – Δc1/m1 – Δv1/m1)e\*v1 | | (1 + g2) = | v1/c2 \+ g1\*v1/c2 \+ (1 – Δc1/m1 – Δv1/m1)e\*v1/c2 | | (1 + g2) = | v1/c2 \+ g1\*v1/c2 \+ (1 – g1\*c1/m1 – g1\*v1/m1)e\*v1/c2 | | (1 + g2) = | v1/c2 \+ g1\*v1/c2 \+ (1 – g1\*q1/e – g1/e)e\*v1/c2 | | g2 \= | h/q2 \+ g1\*h/q2 \+ e\*h/q2 – g1\*q1\*h/q2 – g1\*h/q2 – 1 | | g2 \= | h/q2 \+ e\*h/q2 – g1\*q1\*h/q2 – 1 | | g2 \= | (h/q2)(1 + e – g1\*q1 – q2/h) | Es gibt unendlich viele mögliche Kombinationen zwischen den Akkumulationsraten. In jeder Konstellation von v1/v2, Wertzusammensetzung und Mehrwertrate gibt es eine bestimmte Lösung für die Anforderung, dass beide Akkumulationsraten gleich sein sollen. Nehmen wir nun an g1 \= g2: | g1 \= | h/q2 \+ e\*h/q2 – g1\*q1\*h/q2 – 1 | | --------------------- | ---------------------------------------------------------------------------- | | g1 \+ g1\*q1\*h/q2 \= | h/q2 \+ e\*h/q2 – 1 | | g1(1 + h\*q1/q2) = | h/q2 \+ e\*h/q2 – q2/q2 | | g1 \= | h/\[q2(1 + h\*q1/q2)\] + e\*h/\[q2(1 + h\*q1/q2)\] – q2/\[q2(1 + h\*q1/q2)\] | | g1 \= | h/\[q2(1 + h\*q1/q2)\] + e\*h/\[q2(1 + h\*q1/q2)\] – q2/\[q2(1 + h\*q1/q2)\] | | g1 \= | \[h(1 + e) – q2\] / (q2 \+ h\*q1) | | | | **Appendix II:** Es stellt sich die Frage, wie die Akkumulationsquoten beschaffen sein müssen, damit gleiche Akkumulationsraten gewährleistet sind. Nennen wir a die Akkumulationsquote, d.h. den Anteil der Investitionen am Mehrwert: ai \= (Δci \+ Δvi) / mi , d.h.: (Δci \+ Δvi) = ai \* mi Nennen wir b den Anteil der Investitionen in variables Kapital an den Gesamtinvestitionen: bi \= Δvi / (Δci \+ Δvi), d.h.: Δvi \= bi \* (Δci \+ Δvi) Aus dem letzten kann man den Anteil der Investitionen in konstantes Kapital an den Gesamtinvestitionen entwickeln (1-bi) und dann nach Dc umformen: Δci \= (1-bi) (Δci \+ Δvi) Soweit nur rein formelle Vorbereitungen, die es aber gleich erlauben werden, der Frage von Wachstumsbedingungen näher zu kommen. Wir formen erst einmal weiter um und setzen ein. Die Wachstumsrate des variablen Kapitals ist: | gvi \= | Δvi / vi | Einsetzen | | ------ | --------------------------- | ------------------- | | \= | \[bi \* (Δci \+ Δvi)\] / vi | Einsetzen | | \= | \[bi \* ai \* mi\] / vi | Erinnerung: m/v = e | | \= | bi\*ai\*e | | Die Wachstumsrate des konstanten Kapitals ist: | gci \= | Δci / ci | Einsetzen | | ------ | --------------------------------- | ------------ | | \= | \[(1-bi)(Δci \+ Δvi)\] / ci | Einsetzen | | \= | \= \[(1-bi)\*ai\*mi\] / ci | \* (vi/vi) | | \= | \[(1-bi)\*ai\*(mi/vi)\] / (ci/vi) | Vereinfachen | | \= | (1-bi)\*ai\*e/qi | | Aufgrund unserer Annahme konstanter Produktionsbedingungen muss gvi \= gci sein: | bi\*ai\*e = | (1-bi)\*ai\*e/qi | | | ----------- | ---------------- | ---------------- | | bi \= | (1-bi) / qi | \* qi / bi | | qi \= | 1/bi – 1 | \+ 1 | | 1 + qi \= | 1/bi | \* bi / (1 + qi) | | bi \= | 1 / (1 + qi) | | Nun kommt der erste Schritt, der über rein formale Entwicklung hinausgeht. Wir suchen nach der Gleichgewichtsbedingung, die ein Wachstum mit *gleichen Akkumulationsraten* ermöglicht. | Gesucht: g1 \= g2, | | | | | -------------------- | ---- | ----------- | --------- | | also auch gv1 \= gv2 | \--> | b1\*a1\*e = | b2\*a2\*e | | | | b1/b2 = | a2/a1 | Wenn wir unser Ergebnis für bi einsetzen, erhalten wir für b1/b2: b1/b2 \= (1 + q2) / (1 + q1) Wegen b1/b2 \= a2/a1 haben wir also: a2/a1 \= (1 + q2) / (1 + q1) **Fußnoten:** ### Kapitalismus und Krieg: zwei Seiten einer Medaille? Nicht nur Rosa Luxemburg versuchte, den Ersten Weltkrieg ökonomisch zu erklären URL: https://blog.stuetzle.cc/kapitalismus-und-krieg-zwei-seiten-einer-medaille-nicht-nur-rosa-luxemburg-versuchte-den-ersten-weltkrieg-oekonomisch-zu-erklaeren/ Last updated: 2014-04-09T07:00:28.000Z ``` »Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen« - so der französische Sozialist Jean Jaurès, der wenige Tage vor Beginn des Ersten Weltkrieges von Nationalisten ermordet wurde. Kapitalismus und Krieg: zwei Seiten einer Medaille. Der Imperialismus bringt die kriegerische Logik, die dem Kapitalismus eingeschrieben sein soll, auf den Begriff. Selten wird danach gefragt, was an dieser linken Binsenweisheit dran ist, dass die Profitlogik notwendigerweise in die Kriegslogik umschlagen muss. ``` **Von Ingo Stützle** ![capitalism](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2009/06/capitalism-1.jpg) Der Erste Weltkrieg steht für den imperialistischen Krieg par excellence, dafür, dass der ausbeuterische Charakter des Kapitals über die bürgerlichen Stränge schlagen kann - und muss. [Reinhard Opitz](https://de.wikipedia.org/wiki/Reinhard%5FOpitz?ref=blog.stuetzle.cc) schreibt in seinem Standardwerk »Europastrategien des deutschen Kapitals 1900-1945«: »Es war ja keineswegs so, dass etwa erst der Ausbruch des Ersten Weltkrieges die in der Flut industrieller Kriegszieleingaben sich manifestierenden Expansionsgelüste des deutschen Kapitals geweckt hätte, es hatten umgekehrt diese zum Krieg getrieben.« Die von ihm gesammelten und aufbereiteten Dokumente sprächen für sich, so der marxistische Sozialwissenschaftler. Der marxistische Historiker [Eric Hobsbawm](https://de.wikipedia.org/wiki/Eric%5FHobsbawm?ref=blog.stuetzle.cc) widerspricht: »Jede unparteiische Untersuchung der Wirtschaftspresse, der Privat- und Geschäftskorrespondenz von Geschäftsleuten, ihrer öffentlichen Erklärungen als Wortführer von Bankwesen, Handel und Industrie beweist schlüssig, dass für die Mehrheit der Geschäftsleute ein internationaler Frieden ihren Interessen am besten diente. Der Krieg selbst war nur insofern akzeptabel, als er den normalen Gang der Geschäfte nicht beeinträchtigte«. Zwischen diesen beiden Positionen findet sich die des Sozialisten und Sozialwissenschaftlers [Hansgeorg Conert](https://de.wikipedia.org/wiki/Hansgeorg%5FConert?ref=blog.stuetzle.cc): »Dass z.B. der erstarkende deutsche Kapitalismus ökonomisch über Staatsgrenzen hinaus drängte, war gleichsam gesetzmäßig. Dass das in imperialistischen, unmittelbar auf staatlich-politische Gewaltmittel gestützten Formen erfolgte, war in Anbetracht der historischen Gesamtumstände mehr als wahrscheinlich. Auf die zu dieser Zeit kapitalistisch entwickelten Staaten insgesamt bezogen, kann das aber nicht im Sinne einer zwingenden immanenten Tendenz behauptet werden.« Drei Marxisten, drei Meinungen. Die »historischen Fakten« beantworten also die Frage nicht, wie ökonomisch zwingend der Erste Weltkrieg war. Es sind vielmehr die theoretischen Prämissen, die bei der Interpretation der Ereignisse, »Fakten« sowie Interessenlagen und -bekundungen von Unternehmen das eine oder das andere Analyseergebnis mit sich bringen. Vor allem sind es die Prämissen darüber, wie das Verhältnis zwischen kapitalistischer Ökonomie und Staatsgewalt gedacht wird. **Lenins klassische Imperialismustheorie** Die klassische Imperialismustheorie wurde vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs von Lenin formuliert. Laut Lenin fallen die politische und die ökonomische Macht tendenziell zusammen - unter Dominanz des Finanzkapitals. Lenin periodisiert die kapitalistische Entwicklung. Die Phase der Konkurrenz sei von der Herrschaft der Monopole abgelöst worden. Statt dem Zwang der ökonomischen Verhältnisse herrscht Lenin zufolge »der Druck der wenigen Monopolinhaber auf die übrige Bevölkerung«. Der Modus Operandi ist nicht mehr die Konkurrenz, sondern intentionale Herrschaft: »Durch die Monopolinhaber werden alle diejenigen abgewürgt, die sich dem Monopol, seinem Druck, seiner Willkür nicht unterwerfen.« In »Staat und Revolution« konzipiert er den Staat deshalb als an sich neutrales Instrument der jeweils herrschenden Klasse bzw. von deren mächtigsten Teilen und gesteht dem Staat keine Autonomie gegenüber mächtigen Einzelinteressen des Kapitals bzw. der Monopole zu. Lenin zufolge ist die höchste Stufe des Kapitalismus, so der Untertitel seiner Imperialismusschrift, zugleich dessen letzte Phase - der Kapitalismus zerfällt von innen. »Der Kapitalismus ist so weit entwickelt, dass die Warenproduktion, obwohl sie nach wie vor herrscht und als Grundlage der gesamten Wirtschaft gilt, in der Wirklichkeit bereits untergraben ist«. (Zitate: Lenin 1917) An die Stelle des Wertgesetzes treten unmittelbare Herrschaftsverhältnisse und die damit verbundene Gewalt als Vermittlung der Reproduktion. Politische und ökonomische Macht verschmelzen und setzen zugleich eine Steuerungs- und Planungsmöglichkeit frei, die es Lenin zufolge zu erobern gelte. Nicht ohne Grund sah Lenin in der Deutschen Post, aber auch der Kriegswirtschaft der damaligen Zeit ein Vorbild für die sozialistische Wirtschaft. Die scheinbare Neutralität der technischen Organisation der Produktion spiegelt sich in der Vorstellung vom Staat wider. Vor diesem Hintergrund ist es auch wenig verwunderlich, warum Lenin den Ersten Weltkrieg für wenig erklärungsbedürftig hält. Kapitalistischer Wirtschaft sei der Expansionstrieb eingeschrieben, und in der monopolitischen Phase bedienen sich die großen Konzerne eben staatlicher Gewalt. Lenins Konzeption wurde durchaus weiterentwickelt. Der Erste Weltkrieg, »den die Regierungen und bürgerlichen Parteien aller Länder jahrzehntelang vorbereitet haben«, so Lenin 1914, war, so ergänzt der DDR-Historiker Kurt Gossweiler in seinem Buch »Großbanken, Industriemonopole und Staat«, »vor allem der Krieg des deutschen Imperialismus.« Gossweiler argumentiert in seiner Studie, dass das Kapital in neue Industrien (Chemie, Elektronik) und Schwerindustrie fraktioniert sei; die einzelnen Fraktionen würden unterschiedliche Interessen verfolgen und hätten auch unterschiedliche Vorstellung davon, wie der Staat in die (Welt-)Wirtschaft eingreifen solle. Dennoch bleibt unklar, wie der Staat diese Interessen moderiert bzw. als ideeller Gesamtkapitalist in Politik übersetzt bzw. als Kriegskurs zum Ausdruck bringt. Obwohl Gossweiler sogar selbst den Staat als ideellen Gesamtimperialisten bezeichnet, der sich gegen Sonderinteressen durchsetzen müsse, bietet seine Studie eine gute Grundlage, die staatstheoretisch gegen den Strich gelesen werden müsste. **Rosa Luxemburg** Rosa Luxemburg, die eine weitere prominente Imperialismustheorie ausgearbeitet hat, argumentiert anders. Ihr Hauptwerk »Die Akkumulation des Kapitals«, in dem sie ihre Argumentationen ausführt, endet mit einem Kapitel über Militarismus. Das Buch erschien 1913, ein Jahr vor Beginn des Ersten Weltkrieges, und hat allein deshalb schon ein prognostisches Flair. Ihr analytischer Ausgangspunkt ist der zweite Band des Marx'schen Kapitals. Dort thematisiert Marx die spezifischen stofflichen und die monetären Austauschverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit, die die Reproduktion des Kapitalverhältnisses ermöglichen. Luxemburg kritisiert, dass Marx ein zu harmonisches Bild zeichne, quasi eine Theorie des Gleichgewichts. Luxemburg ist Kind ihrer Zeit und mit einer zunehmend reformistischen SPD konfrontiert. Mit ihrer Kritik trifft sie deshalb nicht Marx, sondern die theoretischen Köpfe der europäischen Sozialdemokratie. Zum Beispiel Lenins Stichwortgeber, den Austromarxisten Rudolf Hilferding: »Gerade der zweite Band des Kapital zeigt, wie innerhalb des kapitalistischen Systems die Produktion auf immer erweiterter Stufenleiter möglich ist. Ich habe mir oft gedacht, es ist nicht so schlimm, dass der zweite Band so wenig gelesen wird, denn es könnte unter Umständen ein Hohelied des Kapitalismus aus ihm herausgelesen werden.« Luxemburg kritisiert, dass Marx aufgrund ungerechtfertigter Abstraktionen und »Schummelei« zu einem Modell gleichgewichtiger Reproduktion komme. Vor dem Hintergrund ihrer Kritik stellt Luxemburg heraus, dass der Kapitalismus sich langfristig nur auf Grundlage nicht-kapitalistischer Milieus und einem »Außen« entwickeln könne. Das sei der Grund für Kolonialismus und Krieg: »Der Imperialismus ist der politische Ausdruck des Prozesses der Kapitalakkumulation in ihrem Konkurrenzkampf um die Reste des noch nicht mit Beschlag belegten nichtkapitalistischen Weltmilieus.« In diesem Prozess geraten dann auch die Großmächte aneinander. Die Kartellbewegung und Konzentration des Bankenwesens, da ist Luxemburg wieder eng bei Lenin und Hilferding, »hat die Schwerindustrie, d.h. gerade den an Staatslieferungen, an militärischen Rüstungen wie an imperialistischen Unternehmungen ... unmittelbar interessierten Kapitalzweig, zum einflussreichsten Faktor im Staate organisiert.« (Luxemburg 1916) Aber auch in Luxemburgs Hauptwerk fehlt eine Theorie des Staates, die erklären könnte, wie sich ökonomische Interessen und gesellschaftliche Kräfteverhältnisse als Kriegskurs artikulierten. Diese Leerstelle ist ganz unabhängig davon zu konstatieren, ob Luxemburgs Kritik an Marx haltbar ist oder nicht. Aber auch inhaltlich ist Luxemburg zu widersprechen. Selbst »unter der Einbeziehung variabler organischer Zusammensetzung und Mehrwertrate« ist keine Aussage darüber möglich, ob »zwangsläufig Lücken in der Gesamtnachfrage auftauchen«, es also ein »Außen« braucht. (Bader u.a.) Diese Aussage ist aber nicht mit einer Theorie des Gleichgewichts zu verwechseln. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Marx formuliert Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit die Reproduktion des gesellschaftlichen Gesamtkapitals möglich ist, die umgekehrt Störungen als große Wahrscheinlichkeit begründen. Aber auch die SPD, von der sich Luxemburg nicht nur theoretisch, sondern mit der Gründung der KPD auch politisch-organisatorisch absetzte, hatte ein reduktionistisches Staatsverständnis. Dieter Groh schreibt: »Das Imperialismusverständnis ... schloss die Kapital- und Warenausfuhr sowie die Konkurrenz um die Märkte mit den politischen Konflikten allzu schnell kurz. Die mit der Ideologie der Sozialdemokratie gegebene Überrationalisierung politischen Handelns förderte diesen Kurzschluss von Ökonomie und Politik, denn für die in den imperialistischen Tendenzen zum Ausdruck kommende Irrationalität war in ihrem Interpretationsrahmen kein Platz.« **Es geht nicht ohne Staatstheorie** Das zeigt: Jeder Versuch, Imperialismus und Krieg (und den Ersten Weltkrieg im besonderen) auf ihren ökonomischen Inhalt zu analysieren, bedarf einer Theorie des Staates. Darauf haben in den letzten Jahren vor allem Leo Panitch und Sam Gindin hingewiesen: »Das Verständnis des kapitalistischen Imperialismus erfordert also die Einbeziehung einer Theorie des kapitalistischen Staates, statt einer direkten Ableitung von der Theorie der ökonomischen Stufen (wie Lenin) oder Krisen. Solch eine Theorie muss nicht nur die genaue Konstellation der Vorherrschaft eines einzigen imperialen Staates umfassen, sondern auch die strukturelle Durchdringung ehemaliger Konkurrenten durch einen einzigen imperialen Staat«, d.h., wenn es einer Hegemonialmacht gelingt, die Weltordnung in ihrem Sinne zu formen. Im Anschluss an staatstheoretische Überlegungen von Eugen Paschukanis, Johannes Agnoli und Nicos Poulantzas wird deutlich, wie der Staat als außerökonomische Zwangsgewalt ein kapitalistisches Gesamtinteresse eruiert und schließlich durchsetzt - nach außen gegen andere Staaten, aber auch nach innen gegen die Interessen der Einzelkapitale. Der Staat ist keine Agentur zur Durchsetzung kapitalistischer Einzelinteressen, haben sie auch noch so starke Marktmacht (Monopole). Der Staat organisiert als ideeller Gesamtkapitalist vielmehr die allgemeinen Bedingungen für die Akkumulation, wobei er dabei nicht allein die Interessen »nationaler Kapitale« berücksichtigt, sondern eben auch internationalisierte Kapitale. Die Staaten internationalisieren sich sozusagen von innen heraus. Gleichzeitig muss der Staat immer auch den nötigen Konsens organisieren - nicht nur auf seiten des Kapitals, sondern auch in der Arbeiterklasse. Dafür braucht er Geld, das er sich via Steuern besorgt oder auf den Finanzmärkten leiht. Damit ist ein Staat alles andere als autonom von der Wirtschaft, sondern selbst in gewisser Weise dem Imperativ der Kapitalverwertung und deren Erfolg untergeordnet. Die Steuereinnahmen richten sich nach dem Erfolg der Akkumulation (Wirtschaftswachstum); mit den Staatsanleihen ist er den Finanzmärkten unterworfen - besonders dann, wenn der Staat sich nicht in der eigenen Währung, sondern nur in Fremdwährung (US-Dollar, Euro oder Pfund) verschulden kann, denn die Möglichkeit, die Schulden zu bedienen, ist dann zusätzlich von Wechselkursschwankungen abhängig. Der Staat als außerökonomische Zwangsgewalt geht mit einer Rationalisierung von Herrschaft (Bürokratie, Rechtsform) und einer Zentralisierung legitimer Gewaltsamkeit (Polizei, Militär) einher. Einzelne Unternehmen mögen an Rüstung verdienen, Kriege führen aber die Staaten. Für die Analyse des Ersten Weltkriegs bedeutet dies: Nur weil Unternehmen an der Militarisierung verdienten, wurde nicht in ihrem Interesse der Krieg angezettelt. Bürokratisierung und die Zentralisierung von Gewaltsamkeit sind selbst Formen der Legitimierung von bürgerlicher Herrschaft. Diese bringt aber eine Eigenlogik mit sich. Eine Eigenlogik, die nicht auf die Durchsetzung ökonomischer Interessen reduzierbar ist. Eine Logik, der, wie Louis Althusser gezeigt hat, auch eine zutiefst ideologische Funktion zukommt. Das Militär ist - neben der Familie und der Schule - eine der zentralen Einrichtungen, in der Unterordnung und Gehorsam, Disziplin und Nationalismus eingeübt werden. Und umgekehrt kann Nationalismus selbst zur Triebkraft des Militärischen werden. Staaten existieren immer als Staatensystem, auch das unterstreichen Panitch/Gindin. Aber auch hier geht es nicht um die Durchsetzung konkreter Kapitalinteressen, sondern um allgemeine Produktionsbedingungen und vor allem um die Ausweitung und Sicherung staatlicher Handlungsoptionen. Wie diese Optionen garantiert werden, steht auf einem anderen Blatt: ökonomische Durchdringung, Machtpolitik, institutionelle Strategien, unilaterale oder multilaterale Bündnisse - oder eben Krieg. **Erst Gewalt etabliert Recht** Deshalb zeigt sich bei Staatenkonflikten etwas in besonderem Maße, was Walter Benjamin für das bürgerliche Recht als solches herausgestellt hat: dass erst die Gewalt das Recht etabliert. Ohne Gewaltverhältnisse keine Rechtsverhältnisse. Gewalt ist in herrschaftsförmigen Verhältnissen immer in der einen oder anderen Form eingeschrieben, auch wenn sie in spezifischer Weise verrechtlicht sind. Schon Marx hielt in den »[Grundrissen](http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/601.marx-innerer-monolog.html?ref=blog.stuetzle.cc)« (auch gegen die sozialistischen KollegInnen) fest: »Den bürgerlichen Ökonomen schwebt nur vor, dass sich mit der modernen Polizei besser produzieren lasse als z.B. im Faustrecht. Sie vergessen nur, dass auch das Faustrecht ein Recht ist, und dass das Recht des Stärkeren unter andrer Form auch in ihrem Rechtsstaat fortlebt.« Bei Lenin werden die Weltmarktverhältnisse wieder vom Faustrecht geprägt. Schon Christel Neusüss kritisierte vor diesem Hintergrund Lenin: »Der Konkurrenzkampf wandelt sich zum politischen und militärischen Machtkampf, die Profitmacherei selbst wird zur bloßen Manie, zur Beutegier.« Weil es keinen Weltstaat gibt, werden die globalen Spielregeln der Staaten meist von der Macht des Stärkeren, den Großmächten, geprägt - auch innerhalb internationaler Organisationen wie UNO oder IWF. Gleichwohl muss diese Weltordnung immer auch von einem breiten Staatenbündnis akzeptiert und von einer hegemonialen Weltmacht organisiert werden und die hegemoniale Macht »Verantwortung« im globalen Maßstab annehmen, Ordnungsmacht sein. Beides traf vor dem Ersten Weltkrieg nicht mehr zu, obwohl die Großmächte noch zur Jahrhundertwende ihre gemeinsamen Interessen als Kolonialmächte während der Niederschlagung des sogenannten [Boxeraufstandes](https://de.wikipedia.org/wiki/Boxeraufstand?ref=blog.stuetzle.cc) in China verteidigten. Der Erste Weltkrieg zeigt also, dass Großbritannien nicht mehr Weltordnungsmacht sein konnte, die USA bis nach dem Zweiten Weltkrieg nicht sein wollten. Vor allem Eric Hobsbwam hat deutlich gemacht, dass der Erste Weltkrieg nur als Resultat einer ins Wanken geratenden Weltordnung zu verstehen ist, aus dem Wechselspiel der Großmächte, die um ihre Handlungsoptionen in der Weltpolitik und deren ökonomische Grundlagen bangten. Es zeigt sich: Weder übersetzten sich wirtschaftliche (Einzel-)Interessen einfach in Politik. Sie reichen nicht nur nicht als alleinige Erklärungsfaktoren, sondern es muss gezeigt werden, wie sie politisch aufbereitet und staatlich-bürokratisch »verarbeitet« werden. Poulantzas folgend, können hierbei staatliche Apparate auch gegeneinander arbeiten. Staaten sind keine monolithischen Blöcke. Aber für ein Kriegsklima, also die Bedingung dafür, dass Krieg als engere Option in Betracht kommt, bedarf es auch der Berücksichtigung kultureller und gesellschaftlicher Faktoren (»öffentliche Meinung«). In einem differenzierten Sinne gehört der Krieg also zum Kapitalismus. Nicht aber in dem Sinn, dass er die Profitlogik von Einzelkapitalien ins Politische verlängert. Weder 1914, noch bei einem Krieg danach, der die Welt in Atem hielt. **Literatur:** Veit Michael Bader u.a.: Krise und Kapitalismus bei Marx. Frankfurt am Main 1975. Hansgeorg Conert: Vom Handelskapital zur Globalisierung. Entwicklung und Kritik der kapitalistischen Ökonomie. Münster 2002. Kurt Gossweiler: Großbanken, Industriemonopole und Staat. Ökonomie und Politik 1914 bis 1932 (1971). Köln 2013. Dieter Groh: Negative Integration und revolutionärer Attentismus. Die deutsche Sozialdemokratie am Vorabend des Ersten Weltkrieges. Frankfurt am Main 1973. Eric J. Hobsbawm: Das imperiale Zeitalter. 1875-1914 (1987). Frankfurt am Main 2008. Wladimir Iljitsch Lenin: Der Krieg und die russische Sozialdemokratie (1914). Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus (1917). Rosa Luxemburg: Die Akkumulation des Kapitals (1913). Die Krise der Sozialdemokratie (1916). Christel Neusüss: Imperialismus und Weltmarktbewegung des Kapitals. Kritik der Leninschen Imperialismustheorie und Grundzüge einer Theorie des Verhältnisses zwischen den kapitalistischen Metropolen. Erlangen 1975. Reinhard Opitz (Hg.): Europastrategien des deutschen Kapitals (1977). Köln 1994. Leo Panitch und Sam Gindin: Globaler Kapitalismus und amerikanisches Imperium. Hamburg 2004. Ingo Schmidt (Hg.): Rosa Luxemburgs »Akkumulation des Kapitals«. Die Aktualität von ökonomischer Theorie, Imperialismuserklärung und Klassenanalyse. Hamburg 2013. Erschienen in: *ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis*, Nr. 592 vom 18.3.2014. ### PolyluxMarx is now officially out URL: https://blog.stuetzle.cc/polyluxmarx-is-now-officially-out/ Last updated: 2014-04-07T20:18:54.000Z ``` CL4406-300x247So PolyluxMarx is now officially out, a little graphic guide to Capital Vol. I for educators, by Valeria Bruschi, Antonella Muzzupappa, Sabine Nuss, Anne Steckner, and me and translated by the Alexander Locascio, issued by Monthly Review Press. Also available as a free PDF download. ``` There's also a [spanish version](http://www.polyluxmarx.de/es/inicio.html?ref=blog.stuetzle.cc) available since a few weeks! ### Die Politik des BIP URL: https://blog.stuetzle.cc/die-politik-des-bip/ Last updated: 2014-04-07T13:01:43.000Z ``` container-shipIm September wird die Staatsschuldenquote im Euroraum um durchschnittlich zwei Prozent sinken. Was wird passieren? Ist die Krise unerwartet vorbei? Und wieso wissen wir das schon jetzt? Im Kapitalismus verhält es sich doch eher umgekehrt. Alle sind hinterher schlau, dann, wenn die Krise ausgebrochen ist. ``` [Krisenstab-](http://www.neues-deutschland.de/artikel/929349.die-politik-des-bip.html?ref=blog.stuetzle.cc)[Kolumne ](http://www.neues-deutschland.de/artikel/929349.die-politik-des-bip.html?ref=blog.stuetzle.cc) bei *neues deutschland* weiterlesen. ### Karl Marx über Netzneutralität: »Sich da aufzuregen ist Doppelmoral« URL: https://blog.stuetzle.cc/karl-marx-ueber-netzneutralitaet-sich-da-aufzuregen-ist-doppelmoral/ Last updated: 2014-04-04T07:42:53.000Z ``` Marx FussnagelDas EU-Parlament hat gestern für einige Änderungen zur Durchsetzung der Netzneutralität gestimmt. Die Digitale Gesellschaft resümiert: ``` > Mit der heutigen Abstimmung über die Telekommunikationsverordnung im EU-Parlament wurden zwar einige Beeinträchtigungen der Netzneutralität abgestellt, die Gefahr der Zerschlagung des Internet in ein Zwei-Klassen-Netz besteht jedoch weiterhin. Viele fragen sich: Was würde Karl Marx dazu sagen. [Ich habe ihn für die tageszeitung dazu interviewt](http://taz.de/Karl-Marx-ueber-Netzneutralitaet/!136106/?ref=blog.stuetzle.cc). ### Zeitumstellung: Arbeitskraft soll geschunden werden URL: https://blog.stuetzle.cc/zeitumstellung-arbeitskraft-soll-geschunden-werden/ Last updated: 2014-03-30T09:00:15.000Z ```
München, Montag, d. 1. Mai 1916. 10 Uhr vormittags, aber gestern um diese Zeit war erst 9 Uhr. Damit ist also der liebe Gott um 1 Stunde geprellt. Landauer verteidigte die Einführung der „Sommerzeit“ als vortreffliche Methode von Lichtersparnis. Ich werde aber das eklige Gefühl nicht los, daß Arbeitskraft geschunden werden soll, und wenn auch vorläufig von einer Verlängerung der Arbeitszeit nicht die Rede ist, so scheint mir doch die Verlängerung des Tageslichts als Verführung dazu höchst verdächtig, ganz abgesehn davon, daß die Verkürzung der Nacht allerlei volkshygienische Bedenken in mir weckt. Denn abgesehn von der gewonnenen Morgenstunde, die dadurch erzielt wird, daß [es] im Sommer zwei Stunden nach Sonnenaufgang ebenso hell ist wie drei Stunden danach, muß der Frühaufsteher, der doch auch Frühzubettgeher ist, künftig auf die ganze Stunde Schlaf verzichten, weil zu seiner Schlafengehenszeit um 9 Uhr abends im Hochsommer noch heller Tag ist. Sentimentale Bedenken gegen die neue Methode habe ich allerdings garnicht, da ja die Einführung der mitteleuropäischen Einheitszeit schon lange ein Betrug gegen die Sonne gewesen ist.
``` Erich Mühsam, [Tagebücher](http://www.muehsam-tagebuch.de/tb/index.php?ref=blog.stuetzle.cc) ### FAQ. Noch Fragen? Ukraine: Hilfe gegen Auflagen URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-ukraine-hilfe-gegen-auflagen/ Last updated: 2014-03-20T08:00:18.000Z ```
Uk1l
Das Engagement von US-Banken ist der Russland ist zurückhaltender als das von EU-Banken. Quelle: Bruegel
``` Bei Marx heißt es, dass im Kapitalismus der stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse herrsche. »Außerökonomische, unmittelbare Gewalt wird zwar immer noch angewandt, aber nur ausnahmsweise.« Was Marx hier über das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit schreibt, gilt auch für Staaten. Zwar finden nach wie vor Kriege zwischen Staaten statt,vorherrschend aber sind »Wirtschaftskriege« sowie positive und negative Sanktionierung. Das muss auch die Ukraine erfahren - nicht nur das laute Säbelrasseln soll Kiew zu der einen oder anderen Politik bewegen. Staaten sind abhängig von Wirtschaftswachstum, das Steuern einbringt, und einer stabilen Währung - sowohl nach innen (Geldwertstabilität) als auch nach außen (Wechselkurs). Die ukrainische Währung Hrywnja war vier Jahre lang an den US-Dollar gekoppelt, was nur geht, wenn der Kurs stabilisiert wird - durch die Notenbank, die mit Devisen die eigene Währung kauft. Im Mai 2011 hatte die ukrainische Nationalbank noch 38 Milliarden US-Dollar Devisenreserven. Mitte März 2014 waren es nur noch 15,4 Milliarden US-Dollar - Tendenz sinkend. Gleichzeitig stürzt die Währung ab, d.h. die Schulden verteuern sich in der heimischen Währung - für Regierung und Private. Aufgrund der schwindenden Devisenreserven kann die eigene Währung jedoch nicht gestützt werden. Mit sinkendem Wechselkurs werden auch Importe teurer. Damit eröffnet sich ein Teufelskreis, weil die Ukraine, um die Importe bezahlen zu können, ausländisches Kapital braucht. Das bekommt sie aber nicht: Vermögende ziehen vielmehr ihr Geld aus der Ukraine ab - Kapitalflucht. ![Uk2l](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2014/03/Uk2l-1.jpg) Auch nicht alle EU-Banken sind gleichermaßen in der ukrainischen Wirtschaft verstrickt. Quelle: Bruegel Aber auch das Geld diverser Banken in der Ukraine ist vakant: Vor allem österreichische Banken haben Kredite in der Ukraine »investiert« - etwa 7 Milliarden US-Dollar. Es folgen italienische (5,9 Milliarden), französische (5,3 Milliarden), griechische (1,5 Milliarden) und deutsche Banken (1 Milliarde). Dass die Ukraine für das Kapital nicht mehr attraktiv ist, ist auch Resultat der Weltwirtschaftskrise von 2008\. Allein 2009 brach das Bruttoinlandsprodukt um fast 15 Prozent ein. Aber auch zuvor spielte die Ukraine keine große Rolle auf dem Weltmarkt - erst ab 2000 gab es einen bescheidenen Wirtschaftsboom. Zwischen 1991 und 1999 schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 60 Prozent. Die Lebenserwartung sank von 71 auf 67 Jahre. Die Ukraine liegt derzeit mit ihrer Wirtschaftsleistung hinter Peru und den Philippinen. Einbrechende Steuereinnahmen könnten zu einem Problem werden, schließlich muss die Ukraine allein dieses Jahr Staatsanleihen für 15 Milliarden US-Dollar zurückzahlen (kommendes Jahr noch einmal so viel). De facto ist die Ukraine pleite: Ende Februar stufte die Ratingagentur Standard & Poor's die ukrainische Kreditwürdigkeit auf CCC herab. Danach kommt die Note D - Bankrott. Bleibt sparen und Hilfe von außen. Bereits im Februar zahlte die Regierung keine Renten mehr aus. Weiter soll bei Kindergeld und Beamtenbesoldung gespart werden. Bis März 2014 will die neue Regierung bis zu 17 Prozent aller Staatsausgaben für 2014 streichen: Kürzungen staatlicher Investitionen und Gehälter, Halbierung der Renten für die RuheständlerInnen, die sich noch etwas hinzuverdienen. Der Mindestlohn soll nicht mehr an das Existenzminimum angepasst werden. Das ist ganz im Sinne des IWF, der Finanzhilfen in Aussicht gestellt hat, aber an Auflagen knüpft. Und der neue Premier Arsenij Jazeniuk stellte schon an seinem ersten Arbeitstag klar: »Wir sind bereit, alle Bedingungen zu erfüllen.« Der IWF dringt zudem auf eine Liberalisierung des Energiesektors, d.h. die Subventionen sollen dem Gesetz von Angebot und Nachfrage weichen. Für Privathaushalte könnten sich die Gasrechnungen verdreifachen. Aber nicht nur der IWF, sondern auch die EU hat Finanzhilfen in Aussicht gestellt - Anfang März etwa elf Milliarden Euro: Drei Milliarden Euro sollen aus dem EU-Haushalt kommen, weitere drei Milliarden von der Europäischen Investitionsbank und fünf von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Wenn die EU mit Geld lockt, dann natürlich auch Russland: Bereits im Dezember 2013 bot Russland seine Hilfe an und einen Kredit über 15 Milliarden US-Dollar sowie einen Rabatt bei den Gaspreisen von 30 Prozent. Aber auch Russland hat die Möglichkeit, negativ zu sanktionieren und an der Preisschraube drehen - dank Gazprom. Statt wie bisher 269 US-Dollar je 1.000 Kubikmeter soll der ukrainische staatliche Erdgaskonzern Naftogas ab April 378 US-Dollar auf den Tisch legen. Geld, das Kiew nicht hat. **Ingo Stützle** Erschienen in: [ak - analyse & kritik](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc). Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 592 vom 18.3.2014 ### Rosa Luxemburg zu Berlin URL: https://blog.stuetzle.cc/rosa-luxemburg-zu-berlin/ Last updated: 2014-03-19T21:03:36.000Z ```
Schlesisches_Tor,_Berlin_1880
Berlin, Schlesisches Tor im Jahr 1880.
``` > [als hätte jeder den Stock verschluckt, mit dem man ihn einst verprügelt!](http://www.heinrich-heine.net/winter/winterd3.htm?ref=blog.stuetzle.cc) > »Ich ... hasse Berlin und die Deutschen schon so, dass ich sie umbringen könnte. Überhaupt braucht man anscheinend zum Leben eine Reserve an Gesundheit und Kräften.« (Rosa Luxemburg an Leo Jogiches, 16\. Mai 1898) ### Materialistischer Feminismus: PROKLA 174 erschienen URL: https://blog.stuetzle.cc/materialistischer-feminismus-prokla/ Last updated: 2014-03-19T16:51:25.000Z ``` 174Mit 1914 setzte nicht nur eine Spaltung der Arbeiterbewegung, sondern auch eine Spaltung der Frauenbewegung ein. Auch wenn "Frauenbewegung" nicht gleichbedeutend mit Feminismus ist oder sein sollte, so stellt sich durchaus die Frage, welchen Feminismus wir meinen, wenn wir von Feminismus sprechen. Ist Feminismus immer Feminismus. Die neue Ausgabe der sozialwissenschaftlichen Zeitschrift Prokla widmet sich dem Thema materialistischer Feminismus. Im Editorial heißt es: ``` > *Katharina Volk materiellen Feministinnen (material feminists)* Das vollständige [Editorial](http://www.prokla.de/2014/03/17/editorial-prokla-174/?ref=blog.stuetzle.cc), das [Inhaltsverzeichnis](http://www.prokla.de/2014/03/17/editorial-prokla-174/?ref=blog.stuetzle.cc) sowie den Text [»Krise und Geschlecht. Überlegungen zu einem feministisch-materialistischen Krisenverständnis«](http://www.prokla.de/wp/wp-content/uploads/2014/dueck.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) von Julia Dück findet sich auf der [Prokla](http://www.prokla.de/?ref=blog.stuetzle.cc)\-Website. Und wer es noch nicht gesehen hat: Es gibt ein [frei zugängliches Prokla-Archiv](http://www.prokla.de/jahrgange/?ref=blog.stuetzle.cc)! ### Heideggers Philosophie hat ganz konkret und ganz unmittelbar Farbe bekannt URL: https://blog.stuetzle.cc/heidegger-philosophie-hat-ganz-konkret-und-ganz-unmittelbar-farbe-bekannt/ Last updated: 2014-03-17T09:07:08.000Z ``` Jürgen Kaube hat in der FAZ Martin Heideggers Schwarze Hefte besprochen, die gerade erschienen sind. Er fragt: ``` > »War Martin Heidegger Antisemit? Die Antwort lautet spätestens von heute an: ja.« Auch für [Michae Brumlik ist klar](http://taz.de/!134866/?ref=blog.stuetzle.cc): die Schwarzen Hefte formulieren eine Hoffnung auf eine Welt ohne Judentum. ![heideggerstraße](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2014/03/heideggerstra%C3%9Fe-1.jpg) CC-Lizenz, Maximilian Halstrup Als ich mit dem Studium begann, habe ich mich der sperrigen Universitätssprache u.a. mit Adornos Vorlesungen zur [philosophischen Terminologie](http://www.suhrkamp.de/buecher/philosophische%5Fterminologie-theodor%5Fw%5Fadorno%5F27623.html?ref=blog.stuetzle.cc) angenähert, die er 1962/1963 in Frankfurt am Main hielt (und leider[ noch nicht im Rahmen der Nachgelassenen Schriften erschienen sind](http://www.suhrkamp.de/werkausgabe/nachgelassene%5Fschriften%5Fabteilung%5Fiv%5Fvorlesungen%5F11.html?ref=blog.stuetzle.cc)). Im Sommer 1962 machte Adorno in einer Vorlesung deutlich, dass Martin Heidegger mit seiner Blut-und-Boden-Philosophie Farbe bekenne. Nach der Vorlesung zu Heidegger am 10\. Juli 1962 bekam er einen »Hörerbrief«. Seine 14\. Vorlesung (12\. Juli 1962) beginnt wie folgt: > »Es ist mir aus ihrem Umkreis eine Zuschrift zugekommen, in der ein junger Kommilitone mich rügt wegen der Art der Polemik gegen Heidegger. Die Zuschrift trägt die volle Unterschrift. Ich habe mich über sie sehr gefreut; denn sie ist das Zeichen von wirklicher Zivilcourage und sie scheint mir außerdem ein Index dafür zu sein, dass das, was ich ihnen sage, um in der Sprache jener Zuschrift zu bleiben, nicht rein akademisch von ihnen aufgefasst wird, sondern dass es ihnen, um es weniger akademisch auszudrücken, unter die Haut geht. Ich glaube, dass ich dem Kommilitonen nicht besser meine Achtung erweisen kann, als indem ich im Detail auf seine Einwände eingehe und dabei vielleicht doch auch einiges von dem letzten Zusammenhang klarer mache.« Gesagt, getan und Adorno resümiert in seiner zweiten Vorlesung zu Heidegger: > »Diese Philosophie \[Heideggers\] hat ... ganz konkret und ganz unmittelbar Farbe bekannt.« Dass sich der Kommilitone auf den deutschen Schlips getreten fühlte, mag nicht verwundern, wenn man liest, wie Adorno die Lesung zu Heidegger ein paar Tage zuvor beendet hatte: > »Die Komik jener Blut-und-Boden-Ideologie liegt nicht zuletzt darin, dass, was da geliefert wird und was mit dem emphatischen Anspruch auftritt, das Sein selber zu sein, zu arm ist und zu dürftig, um nicht geradezu so etwas wie einen Arme-Leute-Geruch auszuströmen. Man hat das Gefühl, wenn das Absolute nichts anderes ist als die Luft, die um eine solche armselige Ofenbank herum herrscht, dann möchte man lieber nichts damit zu tun haben.« Über 50 Jahre später (!!!) schreibt Jürgen Kaube angesichts der Braunen Schwarzen Hefte in der *FAZ* dann auch: > »Insofern geschieht es diesen Werken Heideggers recht, wenn fast nur noch über ihren Autor und nicht mehr mit ihnen diskutiert wird.« ### Undemokratischer Antifaschismus URL: https://blog.stuetzle.cc/undemokratischer-antifaschismus/ Last updated: 2014-03-14T08:47:30.000Z ``` Heute morgen im Radio: Gregor Gysi (Die Linke) wird von Christoph Heinemann (Deutschlandfunk) zur Ukraine interviewt (Hinweis von Martin Krauss, Protokoll deutschlandfunk): ``` > **GysiHeinemannGysiHeinemann** Zum Nachhören: [http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2014/03/14/dlf\_20140314\_0811\_2cb546fa.mp3](http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2014/03/14/dlf%5F20140314%5F0811%5F2cb546fa.mp3?ref=blog.stuetzle.cc) ### Das Ticket zum Diskurs oder warum es die soziale Ungleichheit plötzlich in den Wirtschaftsteil der Presse schafft URL: https://blog.stuetzle.cc/das-ticket-zum-diskurs-oder-warum-es-die-soziale-ungleichheit-ploetzlich-in-den-wirtschaftsteil-der-presse-schafft/ Last updated: 2014-03-10T08:00:20.000Z ``` Kürzlich wurden gleich zwei Studien zu Ungleichheit veröffentlicht und heiß diskutiert. Einige Linke rieben sich die Hände - schließlich kam Zuspruch von ungewohnter Seite: dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Laut dessen Studie sind ungleiche Einkommensverhältnisse für schwaches Wirtschaftswachstum mitverantwortlich. Die zweite Untersuchung kommt vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Zusammenfassend stellte dieses fest, dass »Deutschland im internationalen Vergleich ein hohes Maß an Vermögensungleichheit« aufweise. ``` Weiterlesen bei [neues deutschland](http://www.neues-deutschland.de/artikel/926359.das-ticket-zum-diskurs.html?ref=blog.stuetzle.cc). Bis Sabine Nuss sich [erholt](http://www.neues-deutschland.de/artikel/923524.das-richtige-im-falschen.html?ref=blog.stuetzle.cc) hat, werde ich alle vier Wochen etwas zum Krisenstab beitragen. ### Man spart deutsch URL: https://blog.stuetzle.cc/man-spart-deutsch/ Last updated: 2014-03-04T21:25:36.000Z ``` stuetzle ``` ### »Die Vermögenslage wird fleißig umgedeutet.« URL: https://blog.stuetzle.cc/die-vermoegenslage-wird-fleissig-umgedeutet/ Last updated: 2014-02-27T08:14:53.000Z ```

FAZFAZ 1:

``` > [So hieß es am Mittwochmorgen in einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung.](http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/vermoegensverteilung-deutschlands-reiche-sind-besonders-reich-12821483.html?ref=blog.stuetzle.cc) [FAZ 2](http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/vermoegen-reiche-zyprer-arme-deutsche-12144211.html?ref=blog.stuetzle.cc): > »Die Deutschen sind längst nicht so reich, wie immer gesagt wird. Auch deutsche Politiker wollen das nicht wahrhaben. Die Vermögenslage wird fleißig umgedeutet. ... Manche wollen die Deutschen nun sogar mit ihren angeblich üppigen Rentenansprüchen reich rechnen. Das ist putzig. Seit wann werden in einem Umlageverfahren Vermögen gebildet? Der heimische Rentner oder Pensionär mag einen Rechtsanspruch haben, aber aufbringen muss das Altersgeld die nachwachsende Generation aus dem laufenden Einkommen. Das ist nicht vergleichbar mit Kapitalbildung über Lebensversicherung, Fonds oder Sparbuch.« Via [Stephan Kaufmann](https://twitter.com/stephankaufman1/status/438927050385420288?ref=blog.stuetzle.cc) ### FAQ. Noch Fragen? Es kann nur eine Bankenunion geben URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-es-kann-nur-eine-bankenunion-geben/ Last updated: 2014-02-21T08:00:52.000Z ```
EZB-Neubau.August-2013
Auch im August 2013 war die Welt nicht mehr in Ordnung: EZB-Neubau in Frankfurt am Main. Foto: Lutz Koch, Flickr, CC BY-NC 2.0
``` Mit dem Fall von Lehman Brothers 2008 zog das internationale Bankensystem im Zuge der Finanzkrise auch die kapitalistischen Kernstaaten tief in die roten Zahlen. Mit Staatsgeldern wurden Banken gerettet. »Too big to fail« war das Motto der Stunde, das die Staaten an das Wohlergehen der Banken kettete. Die EU-Staaten hatten in der Krise Bürgschaften und Finanzhilfen von 5,1 Billionen Euro aufgelegt - 40 Prozent des europäischen Bruttoinlandsprodukts. Davon wurde etwa ein Drittel beansprucht. Seit dem ist nicht viel, aber etwas geschehen. Unter anderem wurde eine Bankenunion auf Europas To-Do-Liste gesetzt. Vorangetrieben wurde die Entscheidung zu einer Bankenunion durch die Bankenkrise in Spanien. Die dort geplatzte Immobilienblase führte dazu, dass viele Banken der viertgrößten Volkswirtschaft der Eurozone auf faulen Krediten sitzen. Ziel der Bankenunion ist: Keinem Euro-Staat soll es möglich sein, die eigenen Banken im Alleingang rauszuhauen, dafür die Staatsschulden zu erhöhen und - so die Argumentation - den Euro in seiner Solidität zu gefährden. Gerade weil die EU-Staaten möglichst viel Spielraum bei der Unterstützung ihrer Banken haben wollen, torpedieren sie (und vor allem Deutschland) das, was sie mit der Bankenunion bezwecken wollen. Kernelement ist die Bankenaufsicht, gegen die sich Deutschland zunächst sträubte, weil sie es ermöglichen sollte, dass Banken direkt beim Eurorettungsschirm ESM Hilfsgelder beantragen können. Bisher konnten dies nur Staaten stellvertretend für »ihre« Banken tun. Im Gegenzug wurden den Regierungen Sparprogramme aufgezwungen. Eine Daumenschraube, die Deutschland nur ungern aus der Hand geben wollte. Dennoch ist die Europäische Bankenaufsicht (Single Supervisory Mechanism, SSM) die einzige der drei geplanten Säulen, die feststeht und die Bankenunion ausmachen soll. Von 6.000 Banken werden nun unter dem Dach der EZB jedoch nur die scheinbar wichtigsten 150 beaufsichtigt - die restlichen Banken verbleiben unter nationaler Kontrolle. Was der SSM von den nationalen Aufsichten unterscheidet, die die letzte Bankenkrise nicht verhindern konnten, ist unklar. Und: Während die deutsche Aufsichtsbehörde BaFin zumindest noch der parlamentarischen Kontrolle unterliegt, fehlt diese für den SSM. Da sie bei der EZB angesiedelt ist, gibt es zudem einen massiven Zielkonflikt: Während die EZB die Banken zu Geldgeschäften animiert und dafür mit Liquidität versorgt, soll die bei ihr angesiedelte Aufsicht das möglicherweise entstehende Engagement begutachten, bremsen, tadeln. Als zweite und dritte Säule der Bankenunion sind ein System zur Bankenabwicklung und -sanierung sowie eine europäische Einlagensicherung vorgesehen. Mit der Bankenabwicklung wird das Ziel verfolgt, bei zukünftigen Krisen nicht in eine vermeintlich alternativlose Too-big-to-fail-Situation zu geraten - Banken sollen Pleite gehen können, ohne dass einem gleich der ganze Kapitalismus um die Ohren fliegt. Deshalb soll es einheitliche Regeln dafür geben, wie Banken abgewickelt werden, etwa in welcher Reihenfolge GläubigerInnen bedient werden. Wer soll aber über die Abwicklung entscheiden? Deutschland hat im EU-Finanzministerrat durchgesetzt, dass die EU-Mitgliedsstaaten das letzte Wort haben, also keine EU-Institution - was einer Aushebelung der Europäisierung gleichkommt, die die Bankenunion ja gerade anstrebt. »Deutschland neigt zum Intergouvernementalismus, und das ist der Spielplatz der großen Staaten«, kommentierte Vizekommissionspräsident Olli Rehn. Auch gegen eine europäische Einlagensicherung wehrt sich Deutschland bis heute. Warum soll der deutsche Michel für die Spareinlagen in Spanien oder Griechenland geradestehen? Statt einer europäischen Einlagensicherung wurde deshalb ein Einlagensicherungsfonds auf den Weg gebracht. In zehn Jahren sollen die Banken 55 Milliarden Euro aufbringen. Zehn Jahre lang, bis der Fonds gefüllt ist, dürfen also keine Banken in Schwierigkeiten geraten. Auch die Gesamtsumme, die für den Fonds vorgesehen ist - ein Hundertstel der in der Krise mobilisierten Bankenhilfen - macht deutlich: Groß darf die nächste Bankenkrise nicht werden. Bis März 2014 wollen Frankreich und Deutschland mit dem EU-Parlament einen Kompromiss in Sachen Bankenunion hinbekommen. Das Parlament soll nämlich beim Gesetzgebungsverfahren als politische Instanz ausgespart werden. Das, so einige KritikerInnen, widerspricht aber dem EU-Vertrag. Diese Entwicklungen zeigen, dass die Eurokrise sich zunehmend in eine politische Krise der EU transformiert. Konflikte darüber, wer für die Folgen der Krise und Anpassungslasten zahlen soll, werden nicht nur zunehmend autoritär gegen die Bevölkerung durchgesetzt, sondern auch verstärkt zwischen den wichtigsten Ländern - unter Umgehung der EU-Institutionen. **Ingo Stützle** Erschinen in: ak. analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 591 vom 18.2.2014, S. 5. ### »Im Übrigen wären Reparationen mehr als 65 Jahre nach Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen ohne jede Präzedenz.« URL: https://blog.stuetzle.cc/im-uebrigen-waeren-reparationen-mehr-als-65-jahre-nach-ende-der-kriegerischen-auseinandersetzungen-ohne-jede-praezedenz/ Last updated: 2014-02-18T16:26:27.000Z ```
»Im Übrigen wären Reparationen mehr als 65 Jahre nach Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen ohne jede Präzedenz.« (Deutsche Bundesregierung)
``` Die deutsche Regierung hat auf eine Kleine Anfrage der Fraktion *Die Linke* geantwortet ([Anfrage](http://dip.bundestag.de/btd/18/003/1800324.pdf?ref=blog.stuetzle.cc)/[Antwort](http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/18/004/1800451.pdf?ref=blog.stuetzle.cc)). Gegenstand sind mögliche Reparationsansprüchen Griechenlands und die Rückzahlung einer [Zwangsanleihe](http://www.taz.de/!121894/?ref=blog.stuetzle.cc). Es gebe keine Ansprüche, so die Regierung. Hintergrund ist, dass u.a. Syriza immer wieder angekündigte, die Reparationsfrage nochmals aufs Tablett zu bringen. ![10589609675_8c7372bbf7](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/10589609675_8c7372bbf7.jpg) Deutsche in Athen. Foto: liketobite (CCBY2.0) Zur offenen Reparationsfrage trug [Karl Heinz Roth](https://de.wikipedia.org/wiki/Karl%5FHeinz%5FRoth?ref=blog.stuetzle.cc) einiges an Material zusammen, Hintergrund ist u.a. die Zerstörung der griechischen Volkswirtschaft (1941-1944) (hörenswert ist auch der Beitrag von Otto Köhler zu Deutschlands Schulden in Athen; siehe unten). In der gleichen Ausgabe von *[Lunapark21](http://www.lunapark21.de/bilder/lp21%5F15web.pdf?ref=blog.stuetzle.cc)* fragte sich [Winfried Wolf](https://de.wikipedia.org/wiki/Winfried%5FWolf?ref=blog.stuetzle.cc), wie der Euro nach Griechenland kam und warum vieles, was lange bekannt war, erst 2009ff. zu einem Skandal hochgejazzt wurde und weißt auf eine aussagekräftige Parallelität »zwischen Euro-Verweigerung für Griechenland bzw. Ja zu einem griechischen Beitritt zur Euro-Zone und die politische und juristische Zuspitzung bei den Forderungen nach Entschädigung« hin. Ein Schelm, wer böses dabei denkt. [Vortrag von Otto Köhler](http://www.freie-radios.net/51395?ref=blog.stuetzle.cc) über »Schuldenkrise«, deutsche Besatzung, Ausplünderung und Wehrmachtsverbrechen in Griechenland: http://www.freie-radios.net/mp3/20121012-unsereschul-51395.mp3 ### Kein Euro ist auch keine Lösung. Viele Linke erhoffen sich zu unrecht mit einer Renationalisierung mehr wirtschaftspolitischen Spielraum URL: https://blog.stuetzle.cc/kein-euro-ist-auch-keine-loesung-viele-linke-erhoffen-sich-zu-unrecht-mit-einer-renationalisierung-mehr-wirtschaftspolitischen-spielraum/ Last updated: 2014-02-17T09:24:41.000Z ``` Vor etwa einem Jahr war Guido Westerwelle zu Besuch beim Weltwirtschaftsforum in Davos. „I hate the word austerity“ gab Westerwelle zu Protokoll und brachte dann genau das zum Ausdruck, was die deutsche Politik ausmacht. Es klinge viel eleganter, wenn man das Wort auf Deutsch ausspreche: Austerität. Das klinge nach Disziplin und deshalb nutze er statt „austerity“ lieber die Formulierung „fiscal discipline“ – und die Deutschen liebten Disziplin. (Mitschnitt hier.) Wie Recht er doch leider hat. ``` [![pfm](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/pfm.jpg)](http://www.prager-fruehling-magazin.de/de/topic/63.februar-2014.html?ref=blog.stuetzle.cc) Das dem so ist, stellt die Partei DIE LINKE und auch die gesellschaftliche Linke vor viele Herausforderungen. Wenn sich auf der Straße, den Betrieben, den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen und Universitäten, den Kitas und auf dem Jobcenter kaum Protest regt, verspricht eine mögliche Regierungsmacht der LINKEN Gestaltungsfähigkeit. Kein Wunder also, dass trotz einer Großen Koalition sowohl Kräfte in der Partei DIE LINKE, als auch in der SPD signalisieren, dass nach der nächsten Bundestagswahl Rot-Rot-Grün möglich sein soll. Der politische Willen ist also da, die gesellschaftlichen Mehrheiten noch lange nicht. Neben den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen gibt es jedoch weitere Faktoren, die über Wohl und Wehe von linker Regierungspolitik entscheiden. Neben den institutionellen-bürokratischen Staatsapparaten, die wie ein politischer Filter wirken und räumlich fragmentiert zwischen Stadt/Kommune und der Europäischen Union angesiedelt sind, können auch ökonomische Zwänge disziplinierend auf Regierungspolitik einwirken. Die einen sprechen von „der“ Globalisierung, die anderen von den Finanzmärkten, dem stummen Zwang der ökonomischen Verhältnisse. [Weiterlesen in der aktuellen Ausgabe des Prager Frühlung](http://www.prager-fruehling-magazin.de/de/article/1106.kein-euro-ist-auch-keine-l%C3%B6sung.html?ref=blog.stuetzle.cc) ### 200. Geburtstag von Jenny Marx URL: https://blog.stuetzle.cc/200-geburtstag-von-jenny-marx/ Last updated: 2014-02-12T11:05:19.000Z Heute vor 200 Jahren wurde Jenny von Westphalen geboren, eine Frau, die als [Jenny Marx](https://de.wikipedia.org/wiki/Jenny%5FMarx?ref=blog.stuetzle.cc) bekannt ist: die Ehefrau im Schatten von Karl Marx. Sie aus dem Schatten herauszuholen, wurde immer wieder versucht und [ging oft nach hinten los](http://antjeschrupp.com/2012/04/16/ein-angebliches-buch-uber-jenny-marx/?ref=blog.stuetzle.cc) (was allerdings [ausgerechnet die ](http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=li&dig=2011%2F11%2F26%2Fa0296&cHash=96d0e410aa4f917e6338f5fd74527d64&ref=blog.stuetzle.cc)taz nicht so sieht). Patriarchale Verhältnisse durch Biografien und Würdigungen aufzuheben, obwohl sie in Leben, Arbeiten und Schreiben von Karl Marx so tief verankert waren, ist eigentlich unmöglich, jedenfalls wenn sie nicht selbst Gegenstand der Analyse und Darstellung werden. ![](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2014/02/Jenny_Marx_um_1835-1.jpg) Jenny von Westphalen um 1835\. Gemälde von unbekannter Hand. [Klaus Theweleit](https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus%5FTheweleit?ref=blog.stuetzle.cc) hat patriarchale Produktionsverhältnisse in seinem mehrbändigen Werk *Das Buch der Könige* thematisiert. Darin zeichnet er anhand der Geschichte mehrerer Autoren nach, wie »die Frau« zur »Assistentin der männlichen Geburtsweise« (es geht um die »Geburt« künsterischer Werke) wird.Die Produktion künstlicher Wirklichkeit geht nicht allein vor sich; zweite sind beteiligt, dritte. ... Männer wie Frauen sind ›Orpheus‹ verbunden in Verhältnissen, die teils aussehen wie Liebesverhältnisse, womöglich aber Produktionsverhältnisse sind.Weiter schreibt Theweleit:\- mit einem Wort, ob das Frauenopfer, das in abstrakter Weise allen Produktionen des Patriarchats zugrunde liegt oder inhärent ist, auch in bestimmten Kunstproduktionen nicht nur als ›Symbolisches‹ da ist, nicht nur als Imaginäres im Stoff und in der ›Handlung‹ der Werke, sondern auch in wirklichen Paaren zwischen den beteiligten Männern und Frauen vor sich ging und geht.Der geistigen Produktion liegen Theweleit zufolge also Abzapfungs- und Auszehrungsprozesse, Menschenopfer zugrunde, Prozesse und Entbehrungen, von denen Jenny Marx in ihren Briefen viel berichtet, Prozesse und Verhältnisse, die auch si auf sich genommen hat.An Wilhelm Liebknecht schrieb sie 1872:Uns Frauen fällt in allen diesen Kämpfen der schwerere, weil kleinlichere Teil zu. Der Mann, er kräftigt sich im Kampf mit der Außenwelt, erstarkt im Angesicht der Feinde, und sei ihre Zahl Legion, wir sitzen daheim und stopfen Strümpfe. Das bannt die Sorge nicht, und die tägliche kleine Not nagt langsam aber sicher den Lebensunterhalt hinweg. Ich spreche aus mehr als 30jähriger Erfahrung, und ich kann wohl sagen, dass ich den Mut nicht leicht sinken ließ. Jetzt bin ich zu alt geworden, um noch viel zu hoffen… ([MEW 33, S. 702](http://www.dearchiv.de/php/dok.php?archiv=mew&brett=MEW033&fn=702-703.33&ref=blog.stuetzle.cc)) Jenny Marx schrieb Bettelbriefe, besorgte Karl Marx bezahlte Jobs, wimmelte die GläubigerInnen ab und musste Pfändungen ihres Hab und Gut miterleben. Sie machte sich Sorgen darüber, wie sie und die Kinder durchkommen. Von sieben geborenen Kindern überlebten nur drei. Schulden waren ihr ein Graus. Das erfährt man aus einem Eintrag im Poesiealbum ihrer Tochter. Jenny Marx war es auch, die soziale Kontakte pflegte, wenn sich Karl Marx mal wieder mit jemandem überworfen hatte.Sicherlich war Jenny Marx mehr als eine besorgte Mutter, nicht nur weil sie auch selbst schrieb (etwa über Londons Theater, Shakespeare, sogar eine Autobiograhie verfasste sie; vgl. [*Jenny Marx oder: Die Suche nach dem aufrechten Gang*](http://s389576407.e-shop.info/shop/article%5F02147-4/Sch%C3%BCtrumpf%2C-J%C3%B6rn-%28Hrsg.%29%3A-Jenny-Marx-oder%3A-Die-Suche-nach-dem-aufrechten-Gang.html?ref=blog.stuetzle.cc)). In einer neuen Jenny-Marx-Biographie ist zu lesen: »Jenny Marx war für ihre Zeit eine über die Maßen emanzipierte und couragierte Frau.« Was aber ist der Maßstab? [Antonia Bakunin](http://www.antjeschrupp.de/die-genfer-frauensektion?ref=blog.stuetzle.cc), [André Leo](http://www.antjeschrupp.de/leo?ref=blog.stuetzle.cc), [Anna Jaclard?](https://en.wikipedia.org/wiki/Anne%5FJaclard?ref=blog.stuetzle.cc) Oder [Bettina von Arnim](https://de.wikipedia.org/wiki/Bettina%5Fvon%5FArnim?ref=blog.stuetzle.cc), [Flora Tristan ](https://de.wikipedia.org/wiki/Flora%5FTristan?ref=blog.stuetzle.cc)und [Louise Otto](https://de.wikipedia.org/wiki/Louise%5FOtto-Peters?ref=blog.stuetzle.cc)? Ein Vergleich mit anderen Sozialistinnen und Aktivistinnen der Frauenbewegung wäre hilfreich gewesen.Leider fehlt auch in der neuen Biographie zu Jenny Marx ein Schritt zurück, der es möglich gemacht hätte, die Frage zu stellen, was es eigentlich heißt, die Biografie einer Frau wie Jenny Marx zu schreiben. Einer Frau, die nicht nur unter sozial beschissenen, sondern auch unter patriarchalen (Produktions-)Verhältnissen lebte. Dass diese Dimension kaum Thema von Biografien ist, ist eine häufige Leerstelle, in der marxistischen Diskussion. FeministInnen haben sie oft und zurecht kritisiert. Auch die an Marx orientierte Ökonomiekritik blendet oft die Sphäre der Reproduktion der Ware Arbeitskraft aus, ebenso wie die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und asymmetrischen Geschlechterverhältnisse, die den Kapitalismus als ganzes durchziehen. Auf dem Umschlag der neuen Jenny-Marx-Biographie ist zu lesen, das Karl Marx' wissenschaftliches Hauptwerk *Das Kapital* sei. Marx‘ Kapital sei hingegen seine Frau Jenny gewesen – der mitschwingenden Doppelsinn ist wahrscheinlich ungewollt.Klaus Theweleit macht die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der Kulturproduktion unter anderem daran fest, wer zum Diktat bittet – und wer die Schreibmaschine bedient. Zu Marx Zeiten war die Automatisierung des Schreibens unter Denkern noch nicht weit verbreitet. Friedrich Nietzsche soll der erste Philosoph gewesen sein, [der sich eine zugelegt hatte](http://www.momo-berlin.de/Nietzsche%5FSchreibmaschinentexte.html?ref=blog.stuetzle.cc). Und dennoch: 1852 wurde Jenny Marx offiziell Karl Marx‘ Sekretärin. Karl diktierte auch, wenn er unter Zeitdruck war. Viele seiner Schriften brachte sie für ihn in Reinschrift und redigierte sie: *Die Heilige Familie*, *Das Elend der Philosophie*, das *Kommunistische Manifest*, *Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte*, *Zur Kritik der politischen Ökonomie* und viele Zeitungsartikel und kleinere Schriften. *Das Kapital* hingegen hat Marx selbst in Reinschrift gebracht – das wollte er wohl ungern aus der Hand geben. Zum achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte sagt sie: »die Erinnerungen an die Tage, an denen ich in Karls‘ Stübchen saß, seine kritzlichen Aufsätze kopierte, gehört zu den glücklichsten meines Lebens.« Das Produktionsverhältnis beruhte also durchaus auf gegenseitigem Einvernehmen. Zu ihrem 200\. Geburtstag findet nun in Jenny Marx‘ Geburtsstadt Salzwedel eine [Sonderausstellung](http://www.jennymarx2014.com/?ref=blog.stuetzle.cc) statt, sie wird im [Fernsehen](http://www.ardmediathek.de/swr2/swr2-kulturinfo?documentId=19636356&ref=blog.stuetzle.cc) und [Radio](http://www.mdr.de/sachsen-anhalt/stendal/jenny%5Fmarx100%5Fzc-81ac494e%5Fzs-9597ac2b.html?ref=blog.stuetzle.cc) gewürdigt. Eine neue Biographie und ein Briefband sind erschienen, in dem etwa 100 Briefe erstmals veröffentlicht werden. Vor allem der Briefband ermöglicht einen Blick auf das, was Jenny Marx umtrieb, was sie dachte und tat. Beide Bücher sind sehr wichtige Puzzleteile in der biografischen Forschung. Mehr Sensibilität für die Geschlechterverhältnisse sind aber nötig, um ein vollständiges Bild von Jenny Marx zu bekommen.Angelika Limmroth: *[Jenny Marx. Die Biographie](http://s389576407.e-shop.info/shop/catalog/details?sessid=SfHauA1R2GEsFrq8B9knjV7s6AobvRXj7bmWjHLejo4pT9jkLWS5H06l9y59wsS0&shop%5Fparam=aid%3D02296-9%26&ref=blog.stuetzle.cc)*. 303 Seiten. Karl Dietz Verlag BerlinRolf Hecker/Angelika Limmroth (Hg.): *[Jenny Marx. Die Briefe](http://s389576407.e-shop.info/shop/catalog/details?sessid=SfHauA1R2GEsFrq8B9knjV7s6AobvRXj7bmWjHLejo4pT9jkLWS5H06l9y59wsS0&shop%5Fparam=aid%3D02297-6%26&ref=blog.stuetzle.cc)*. 607 Seiten. Karl Dietz Verlag Berlin ### Wer hat es erfunden? Friedrich Engels zur Causa Schweiz URL: https://blog.stuetzle.cc/wer-hat-es-erfunden-friedrich-engels-zur-causa-schweiz/ Last updated: 2014-02-10T09:46:11.000Z ```
Sie beschäftigten sich in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit mit Kühemelken, Käsemachen, Keuschheit und Jodeln. Von Zeit zu Zeit hielten sie Volksversammlungen, worin sie sich in Hornmänner, Klauenmänner und andre bestialische Klassen spalteten und nie ohne eine herzliche, christlich-germanische Prügelei auseinandergingen. Sie waren arm, aber rein von Sitten, dumm, aber fromm und wohlgefällig vor dem Herrn, brutal, aber breit von Schultern und hatten wenig Gehirn, aber viel Wade. Von Zeit zu Zeit wurden ihrer zuviel, und dann ging die junge Mannschaft »reislaufen«, d.h. ließ sich in fremde Kriegsdienste anwerben, wo sie mit der unverbrüchlichsten Treue an ihrer Fahne hielt, mochte kommen, was da wollte. Man kann den Schweizern nur nachsagen, daß sie sich mit der größten Gewissenhaftigkeit für ihren Sold haben totschlagen lassen.
``` [Friedrich Engels](https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich%5FEngels?ref=blog.stuetzle.cc), *Deutsche-Brüsseler-Zeitung,* Nr. 91 vom 14\. November 1847 ([zitiert nach MEW](http://www.mlwerke.de/me/me04/me04%5F391.htm?ref=blog.stuetzle.cc)) ### Das neue Europa, die deutschen Pläne und die linken Kritiker. Videodokumentation der Seminarreihe URL: https://blog.stuetzle.cc/das-neue-europa-die-deutschen-plaene-und-die-linken-kritiker-videodokumentation-der-seminarreihe/ Last updated: 2014-02-09T16:08:28.000Z ``` Die Euro-Krise scheint überstanden. Mehr noch: «Die Krise hat Europa gestärkt», so Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) im April 2013. An den Finanzmärkten ist Ruhe eingekehrt. Die Haushaltsdefizite der Staaten sind drastisch gesunken, die Wirtschaft wächst. Alles wieder normal? Nicht ganz. Denn erstens ist die Lage in vielen Staaten noch katastrophal: Arbeitslosigkeit und Schuldenstände liegen rekordhoch. Zweitens hat sich Europa durch die Krise stark verändert. Die EU kontrolliert nun die Staatsverschuldung und die Wirtschaftspolitik der Mitgliedsstaaten. Daneben existiert ein Sicherheitsnetz für hochverschuldete Staaten in Form des Eurorettungsschirms ESM und den Garantien der Europäischen Zentralbank. Insgesamt lässt sich feststellen: Die Euro-Staaten haben an Souveränität eingebüßt und Machtbefugnisse an die Zentrale in Brüssel abgegeben. Ist dieses Arrangement haltbar? Kann es künftige Krisen verhindern? Das haben wir versucht, in einer vierteiligen Reihe zu disktieren. ``` Hier die Diskussion nach dem Vortrag: Alle weiteren Aufteichnungen zur deutschen Strategie, zur EZB und zur Frage, warum es mit Europa ein Kreuz ist, [findet ihr hier](http://www.rosalux.de/news/40051?ref=blog.stuetzle.cc). ### Buchbesprechung in DAS ARGUMENT zu »Austerität als politisches Projekt« URL: https://blog.stuetzle.cc/buchbesprechung-das-argument-zu-austeritaet-als-politisches-projekt/ Last updated: 2014-02-08T11:58:33.000Z ``` Felix Syrovatka hat »Austerität als politisches Projekt« für DAS ARGUMENT 305 (Heft 6, 2013, S 945f.) besprochen: ``` > »Schuldenbremse, Haushaltsüberwachung und Währungsstabilität sind die dominierenden Schlagworte europäischer Austeritätspolitik. Ein Staat könne nicht ›über seine Verhältnisse‹ leben, so der Tenor der Eliten. Das Ziel eines ausgeglichenen Haushalts ist zwar seit langem in den europäischen Verträgen verankert, doch ist es in der Krise nochmals verschärft worden. Wie wurde dieser fi nanzpolitische Grundsatz zur europäischen Staatsräson? Welche Interessen- und Akteurskonstellationen waren es, die die Europäisierung des neoliberalen »strategischen Leitbilds« (14) ausgeglichener Staatshaushalte forcierten?« Mir sei es gelungen > »den Prozess der europäischen Integration aus den Kräfteverhältnissen und Widersprüchen bei der schrittweisen Durchsetzung des neoliberalen Paradigmas des ausgeglichenen Staatshaushalts verständlich zu machen.« Die ganze Besprechung [findet ihr hier](https://www.academia.edu/6003263/Review%5Fof%5FStutzle%5FIngo%5F2013%5FAusteritat%5Fals%5Fpolitisches%5FProjekt.%5FVon%5Fder%5Fmonetaren%5FIntegration%5FEuropas%5Fzur%5FEurokrise%5FWestfalisches%5FDampfboot%5FMunster?ref=blog.stuetzle.cc). ### »Das System ist wie die Kirche«. Die US-Zentralbank Fed ist aus der Krise geboren und bis heute ein Symbol des US-Pragmatismus URL: https://blog.stuetzle.cc/das-system-ist-wie-die-kirche-geschichte-die-us-zentralbank-fed-ist-aus-der-krise-geboren-und-ist-heute-ein-symbol-des-us-pragmatismus/ Last updated: 2014-01-28T08:00:30.000Z ``` Von Ingo Stützle ``` Wie aus heiterem Himmel brach die Krise über die USA herein. Reiche wussten nicht, wohin mit ihrem Geld, was die Spekulation auf den Finanzmärkten beflügelte. Ein System unregulierter Schattenbanken machte den traditionellen Banken Konkurrenz. Kursgewinne bei Wertpapieren zogen eine verstärkte Kreditvergabe nach sich und destabilisierten das Bankensystem. Als beschlossen wurde, ein in Zahlungsschwierigkeiten geratenes Unternehmen fallen zu lassen, um der Gefahr einer Krise zu entgehen, passierte das Gegenteil: Eine Panik brach los. Schon nach kurzer Zeit waren etwa 16.000 Banken pleite. ![](http://farm4.staticflickr.com/3293/2763286757_7b45a41f3f.jpg) Foto: CC-Lizenz, ncindc Nein, wir befinden uns hier nicht in der jüngsten Krise, sondern mitten in der Panik von 1907\. Nicht Lehman Brothers, sondern die Knickerbocker Trust Company wurde fallengelassen. Nicht von der US-Notenbank Fed, sondern von der Privatbank JP Morgan. Knickerbocker wurde als nicht systemrelevant eingestuft. Damals entschied keine politische Instanz, sondern ein Kreis um den Privatbankier John Pierpont Morgan darüber, ob taumelnde Unternehmen unter einem Rettungsschirm Zuflucht bekommen sollten. (1) Die USA waren damals die einzige bedeutende Wirtschaftsmacht ohne Zentralbank. **Wissenschaftlicher Kapitalismus und die Fed** Vor 100 Jahren, sieben Jahre nach der Panik, wurde am 23\. Dezember 1913 die US-Zentralbank, das Federal Reserve System, kurz Fed, durch den von US-Präsident Woodrow Wilson unterzeichneten Federal Reserve Act in Kraft gesetzt. Zwischen 1906 und 1913 wurden gleich mehrere Studien zum Geldwesen in Auftrag gegeben - die Fed war auch ein Produkt des wissenschaftlichen Kapitalismus. 1914 nahm die Fed ihre Arbeit auf und gab die ersten Fed-US-Dollar aus, das neue gesetzliche Zahlungsmittel, die schon damals aufgrund ihrer grünen Farbe nach dem Rotohrfrosch »Greenback« bezeichnet wurden. Vor 1914 gab es zwar auch US-Dollars, aber als wortwörtliche Bank-Noten waren sie Privatgeld. Privatbanken gaben das Geld aus, als Zahlungsversprechen, das nur so lange hielt, wie die Bank liquide war und »Vertrauen« genoss. In der Bankenkrise von 1907 war es JP Morgan nur mit größter Mühe möglich, das Vertrauen in das allein auf sich gestellte Bankensystem wieder herzustellen. Dass es so lange dauerte, bis die Fed 1914 ihre Arbeit aufnahm, deutet auf den Widerstand hin, der trotz offensichtlicher Notwendigkeit einer Bank der Banken, eines Kreditgebers der letzten Instanz, existierte. Vor allem die Demokraten wehrten sich in guter US-Tradition gegen eine Zentralisierung von politischer Macht. Aber auch die US-Bankenvereinigung war dagegen und meldete sich nicht erst zur Gründung der Fed zu Wort: »Für diejenigen, die nicht für den Sozialismus sind, ist die Lösung kaum annehmbar.« Für so manchen US-Politiker war bereits eine Zentralbank, die in Krisenzeiten den Kapitalismus vor sich selbst retten können soll, ein Schritt in Richtung kommunistischer Knechtschaft - nicht erst die Einführung einer allgemeinen Gesundheitsversicherung unter US-Präsident Barack Obama. **New York löst Chicago als Finanzzentrum ab** Die Fed wurde auch an einem historischen Wendepunkt des US-Kapitalismus gegründet. Der Konflikt um die Fed war nicht nur den Widersprüchen zwischen Republikanern und Demokraten und ihrem jeweiligen Verständnis von Föderalismus geschuldet, er war auch ein Klassenkonflikt. Die herrschende Klasse veränderte sich und auch die Rolle des Geldkapitals: Um die Jahrhundertwende wurde aus den agrarisch geprägten USA ein kapitalistisches Industrieland - das wichtigste und mächtigste der Welt. New York löste Chicago als wichtigstes Finanzzentrum der USA ab; die Landwirtschaftsbörse wich dem Kapital- und Geldmarkt. Großbritannien und sein Finanzzentrum London verloren an Bedeutung. Das Fed-System von 1913 war jedoch noch lange nicht das, welches wir heute kennen. Dafür waren die Zugeständnisse an die Föderalisten und das Bankkapital zu groß. Erst musste eine weitere, noch schwerere Krise kommen. Die verheerenden Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise von 1929 und die Mitverantwortung der Fed führten schließlich 1935 zu einer generellen Reform und weiteren Zentralisierung - aus der Fed wurde eine richtige Zentralbank. Mit Weltgeld US-Dollar wird Fed Weltnotenbank Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die USA nicht nur Weltmacht, sondern der US-Dollar auch Weltgeld. Bis in die 1950er Jahre wurde Rohöl, Schmiermittel und Treibstoff des Goldenen Zeitalters des Kapitalismus, noch in britischen Pfund gehandelt. Das sollte sich bald ändern. Die Fed war nicht einfach eine wichtige Zentralbank, sondern quasi die Weltnotenbank: Der US-Dollar wurde Weltgeld und ist es bis heute. Vermögen wird in der US-Währung gehalten, periphere Staaten müssen sich in US-Dollar verschulden, und der Welthandel wird zu einem Großteil in US-Dollar abgerechnet. Das ist nicht im Sinne aller Staaten, denn damit haben die USA einen größeren wirtschaftspolitischen und außenpolitischen Spielraum. Sie können sich fast ohne Ende verschulden. Das ist ein Grund, warum Teile der Europäischen Union den Euro gegründet haben, und auch ein Grund, warum etwa China als Werkbank der Welt verstärkt in der eigenen Währung Handel treiben will. Die Fed war es auch, die symbolisch den Neoliberalismus einläutete, als der damalige Fed-Vorsitzende Paul Volcker massiv an der Zinsschraube drehte - während der Leitzins 1979 noch bei elf Prozent lag, betrug er 1981 mehr als 21 Prozent. Die Inflation war hoch, und infolge des Vietnamkriegs, der damit verbundenen hohen Verschuldung und der politischen Schwächung stand der US-Dollar unter Druck. Mit dem sogenannten Volcker-Schock wurde der US-Dollar gestärkt und der gestiegene Wechselkurs stürzte Länder des Trikonts in den Bankrott - der Auftakt der Schuldenkrise und der IWF-Diktate (»Strukturanpassung«) war gemacht. **Fed verpasst US-Kapitalismus Frischekur** Mit der Antiinflationspolitik vertrat die Fed aber nicht einfach das Interesse des US-Geldkapitals. 1975 waren US-Banken noch mit 55 Prozent an den Krediten an Trikontländer beteiligt. Im Zuge der Schuldenkrise kam es deshalb zu einer explosionsartigen Zunahme von Bankenzusammenbrüchen, da vergebene Kredite nicht zurückgezahlt werden konnten. Aber auch der verarbeitenden Industrie wurde aufgrund der verteuerten Bankenkredite mächtig zugesetzt; sie bescherten ihr eine Frischekur - der Markt wurde »bereinigt«, das heißt Unternehmen gingen Pleite, es wurde modernisiert, und der Finanzmarkt bekam für die Unternehmensfinanzierung eine zunehmend größere Bedeutung. Der Zinsschock war auch der Beginn des sogenannten Finanzmarkt-Kapitalismus, der zunehmenden Bedeutung der Wall Street und des kreditfinanzierten Wachstums der Finanztitel. Statt Hochzins verfolgte Alan Greenspan, Fed-Vorsitzender von 1987 bis 2001, eine Niedrigzinspolitik, er beflügelte die Dot-Com-Manie (»New Economy«) und auch den kreditfinanzierten Immobilienboom in den USA. **Verschwörungstheorien und Antisemitismus** Die Fed-Politik war zwar nicht Ursache der Krise. Dennoch wurde sie immer wieder als Projektionsfläche für Verschwörungstheorien und Antisemitismus herangezogen. Die zerstörerische Dynamik des Kapitalismus wird nach »außen« projiziert - das zeigt ein Blick ins Internet. Greenspan wird mit Hakennase dargestellt und der Fed der öffentlich-politische Charakter abgesprochen - vielmehr sei sie Instrument einer eingeschworenen Bankerclique. Dass die Fed sich vor einer kritischen Öffentlichkeit weit weniger versteckt als etwa die Europäische Zentralbank (EZB), zeigt hingegen die Tatsache, dass die Fed ihre Sitzungsprotokolle veröffentlicht - einschließlich des Abstimmungsverhaltens der Mitglieder. Die Verantwortung der Fed für den globalen Kapitalismus zeigte sich auch in der jüngsten Krise. Die US-Notenbank agiert im Interesse des globalen Kapitals, während die EZB es schwer hatte, ein europäisches Gesamtinteresse gegen die deutsche Politik und die Bundesbank durchzusetzen. Mehr noch: Der Aufkauf von US-Staatsanleihen durch die Fed, die lockere Geldpolitik und die staatlichen Konjunkturprogramme waren ein Grund, warum die deutsche Wirtschaft gut durch die Krise kam. Während aufgrund der verordneten Sparpolitik der innereuropäische Binnenmarkt wegbrach, exportierte Deutschland so viel wie noch nie in die USA. Während in der Krise in der Eurozone über eine Fiskalunion diskutiert wurde, hatten die USA diese schon längst hinter sich: Nach einem bitteren Konflikt zwischen Alexander Hamilton sowie Thomas Jefferson und James Madison wurde bereits 1790 durchgesetzt, dass die im Unabhängigkeitskrieg angehäuften Schulden der Bundesstaaten von der Zentralregierung übernommen werden konnten. Hintergrund war damals ein ähnliches Problem wie heute in der Eurozone: »Wenn die Kreditwürdigkeit eines Landes im mindesten fragwürdig ist«, so Hamilton, »muss unweigerlich ein kostspieliger Aufschlag für alle Darlehen bezahlt werden, die ihm gewährt werden.« Statt den Zinsaufschlägen mit einer Fiskal- und Schuldenunion zu begegnen, drängte Deutschland auf einen Konsolidierungskurs. Während die Fed auch einem hohen Beschäftigungsniveau verpflichtet ist und ohne Auflagen Staatsanleihen aufkauft, ist die EZB allein der Geldwertstabiliät verpflichtet und zwingt Ländern, deren Anleihen sie aufkauft, einen Austeritätskurs auf. **Institution des Glaubenssystems Kapitalismus** Die Fed ist auch nach 100 Jahren Ausdruck US-amerikanischen Pragmatismus, der sich weniger ökonomischen Dogmen unterwirft, sondern wesentlich dem Weltmachtstatus der USA und dem US-Dollar als dem »realen Gemeinwesen« (Marx) der Weltwirtschaft verpflichtet ist. Als dieses Zentrum des globalen Kapitalismus kommt die Fed einer Institution des Glaubenssystems Kapitalismus gleich, in der zwar Richtungsstreits herrschen, aber Grundsätze nicht infrage gestellt werden; und in der in Krisenzeiten die Autorität angerufen wird, um das allgemeine Vertrauen wieder herzustellen. »Das System ist wie die Kirche«, schrieb einmal der frühere Fed-Manager Richard F. Syron. »Es gibt einen Papst, das heißt den Vorsitzenden, und ein Kardinalskolleg, also die Gouverneure und Bankpräsidenten. Dann ist da die Kurie, die aus den hochrangigen Managern besteht. Die Geschäftsbanken entsprechen dem Laienstand.« Man habe »sogar Orden mit verschiedenen religiösen Vorstellungen wie die Jesuiten, Franziskaner und Dominikaner, nur dass sie bei uns Pragmatiker, Monetaristen und Neokeynesianer heißen.« (2) **Anmerkungen:** 1. Die Manie vor der Krise und die panischen Rettungsversuche fing Upton Sinclair in seinem 1908 entstandenen Roman »Die Wechsler« ein, der zusammen mit »Die Metropole« als »Wall Street« 1929 auf Deutsch erschien. 2. Zitiert nach: William Greider: Secrets of the Temple. How the Federal Reserve Runs the Country. New York 1989, Seite 54. Erschienen in: *[ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis](http://akweb.de/ak%5Fs/ak590?ref=blog.stuetzle.cc),* Nr. 590 vom 21.1.2014 ### Vom Wollen und Können: Europa und DIE LINKE URL: https://blog.stuetzle.cc/vom-wollen-und-koennen-europa-und-die-linke/ Last updated: 2014-01-27T17:31:17.000Z ``` Nicht nur die Partei DIE LINKE, sondern auch viele Linke wissen nicht, wie sie sich zur Europawahl verhalten sollen, wie EU-Kritik formulieren. Es ist auch nicht leicht. Aber das Problem ist oft, dass nicht einmal klar ist, was die eigentlichen Konflikte sind. Stefan Liebich, Jan Korte, Julia Nüss, Luise Neuhaus-Wartenberg und Dominic Heilig haben heute ein Diskussionsangebot verfasst, eine Resultante aus den Debatten innerhalb der Partei DIE LINKE zum Entwuf des Parteivorstandes für ein Europawahlprogramm. Es wurde heute im neuen deutschland dokumentiert. Darin heit es u.a.: ``` > Die LINKE muss deshalb auch 2014 glaubhaft aufzeigen, dass sie die Europäische Union zu einer sozial gerechten und demokratischen Union entwickeln will. Dass DIE LINKE das *will*, steht glaube ich in der bisherigen Debatte außer Frage - selbst bei KritikerInnen von Liebich und GenossInnen (siehe hierzu die [Zusammenstellung von Tom Strohschneider](http://www.neues-deutschland.de/artikel/915864.eine-andere-eu-mit-links.html?ref=blog.stuetzle.cc)). Der Punkt ist doch, dass sich die Linke darüber verständigen müsste, warum das, was Teile der Linken und der Partei DIE LINKE *will*, auch möglich sein soll und warum. Warum also aus dem *Wollen* auch ein *Können* folgen kann, was hierfür die politische, gesellschaftliche oder institutionelle Voraussetzungen sind. (Der Joker in der Debatte sind die »gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse«, die entweder verändert oder eben das Problem für Veränderungen sind, also immer angeführt werden.) Solange nicht geklärt ist, welche unterschiedlichen Einschätzungen und Argumente man davon hat, warum die EU oder einzelne EU-Institutionen reformierbar sein sollen (oder eben nicht), warum der Weg durch die Institutionen zu einer Reform der EU führen soll und eben nicht nur einen Weg nach oben bereitet (so die Metapher von Johannes Agnoli), bleibt die Debatte auf einem Niveau, das sich auf folgenden Dialog zusammenfassen lässt: > »Nö« > > »Doch« > > »Nö« > > »Doooch!« > > »Nein!« ### FAQ. Noch Fragen? Arm, aber des eigenen Glückes Schmied URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-arm-aber-des-eigenen-glueckes-schmied/ Last updated: 2014-01-25T07:00:00.000Z ``` rolle-machenNoch nie zuvor waren so viele Personen in Deutschland »in Arbeit«. (Siehe ak 589) Die Erwerbstätigkeit hat in Deutschland einen neuen Höchststand erreicht. Diese Entwicklung verdankt sich vor allem dem Anstieg der Selbstständigkeit ohne Beschäftigte, der sogenannten Soloselbstständigkeit. Diese hat seit 1990 um 82 Prozent zugenommen. Selbstständigkeit und Unternehmertum - hört sich gut an, nach viel Freiheit und vor allem viel Geld. Aber: Pustekuchen. ``` Laut einer neuen DIW-Studie haben 2012 etwa 1,1 Millionen Selbstständige weniger als 8,50 Euro pro Stunde verdient, das heißt weniger als die »gesetzliche Lohnuntergrenze«, die die neue schwarz-rote Bundesregierung einzuführen gedenkt. Das bedeutet, dass ein Viertel aller Selbstständigen von weniger leben muss, als selbst die CDU abhängig Beschäftigen zugesteht. 770.000 der 2,5 Millionen Soloselbstständigen, also ein Drittel, haben nach einer Stunde Arbeit weniger als 8,50 Euro in der Tasche. Bei den abhängig Beschäftigten liegt der Anteil weit darunter (15%). Laut Statistischem Bundesamt sind sechs Prozent aller Erwerbstätigen Selbstständige ohne MitarbeiterInnen. 2012 war bei den Frauen der Anteil geringer und lag bei fünf Prozent; bei den Männern betrug er sieben Prozent. Der größte Teil der Soloselbstständigen findet sich in der Land- und Forstwirtschaft. Dort arbeiten 23 Prozent. Danach folgt das Grundstücks- und Wohnungswesen (16%), der Unternehmensdienstleistungsbereich (13 %) und das Kommunikations- und Informationsgewerbe (12 %). Der Anteil der Soloselbstständigen ist seit der sogenannten Wiedervereinigung ziemlich kontinuierlich gestiegen - ab 2004 dank den Hartz-Gesetzen und des eingeführten Existenzgründerzuschusses sowie der »Ich-AGs« stärker. Die Agenda 2010 hatte nicht nur zum Ziel, den Zwang zu Arbeit in der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zu stärken, sondern auch mit der Forderung nach mehr Eigenverantwortung ernst zu machen. Und diese kann, so die Jobcenterideologie, marktkonform am besten in Form von Selbstständigkeit übernommen werden. Wer keine Stelle als »ArbeitnehmerIn« hat, soll deshalb ermuntert werden, sein/ihr Schicksal in der Selbstständigkeit selbst in die Hand zu nehmen. Seit 2006 fasst der Gründungszuschuss die bis 2006 gewährten Einzelmaßnahmen »Überbrückungsgeld« und die Ich-AG (Existenzgründungszuschuss) zu einem Förderinstrument zusammen. Zwar wurde der Kreis der Berechtigten verkleinert, ab 2009 stieg die Zahl jedoch wieder an. Seit 2011 ist der Gründungszuschuss bei Neuanträgen keine Pflichtleistung mehr, sondern nur noch eine Ermessensleistung. Dadurch soll die Bundesagentur für Arbeit jährlich mehr als eine Milliarde Euro einsparen. Gleichzeitig kosten die armen Selbstständigen den Sozialstaat Geld: Etwa 127.000 Selbstständige haben 2011 einer Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zufolge Hartz-IV-Leistungen erhalten - weil sie zu wenig verdienen. Damit hat sich die Zahl der AufstockerInnen zwischen 2007 und 2010 fast verdoppelt. Fast zwei Drittel von ihnen verdienen rechnerisch weniger als fünf Euro netto pro Stunde: Obwohl über 40 Prozent aller Selbstständigen Vollzeit arbeiten, können sie davon nicht leben. Das ist bei vielen NiedriglöhnerInnen in abhängiger Beschäftigung auch nicht anders und ein Grund, warum selbst die CDU den »Mindestlohn« wollte: Er soll helfen, Hartz IV für AufstockerInnen einzusparen. Bei Selbstständigen bringt die geplante Lohnuntergrenze nichts, weil sie sich selbst keinen auszahlen. Bei den meisten AufstockerInnen unter Selbstständigen handelt es sich um Ein-Personen-Unternehmen: VertreterIn, VerkäuferIn, Gaststätten- und ImbissbesitzerInnen, KünstlerInnen oder frei berufliche Lehrkräfte. Drei Viertel aller Selbstständigen, die zusätzlich Hartz IV beziehen, verfügen über ein Einkommen von weniger als 400 Euro im Monat. Nur fünf Prozent können laut IAB einen »Gewinn« von mehr als 800 Euro verbuchen. Das führt mitunter auch dazu, dass viele nicht einmal eine Krankenversicherung haben - Mitte 2013 waren über 30.000 Selbstständige ohne Versicherungsschutz. Ähnliches gilt für die Rente: Gegenüber der Frankfurter Rundschau sagte DIW-Experte Karl Brenke, dass 40 Prozent der Selbstständigen nicht in der Lage seien, Rücklagen für die Zukunft, also zum Beispiel für das Alter zu bilden - es seien »Kümmerexistenzen«. »Wo immer die Menschen ihren Arbeitsrhythmus selbst bestimmen konnten, bildete sich ein Wechsel von höchster Arbeitsintensität und Müßiggang heraus.« Für viele Selbstständige gilt das, was der Historiker E.P. Thompson über die »Zeitautonomie« der ArbeiterInnen des 17\. und 18\. Jahrhunderts sagte, nach wie vor - nur leider zeigt sich darin alles andere als Autonomie. **Ingo Stützle** Erschienen in: [*ak - analyse & kritik. Zeitung für linke Debatte und Praxis*](http://akweb.de/ak%5Fs/ak590?ref=blog.stuetzle.cc), Nr. 590 vom 21.1.2014 ### Der Geist von Davos: Klassenkampf von oben URL: https://blog.stuetzle.cc/der-geist-von-davos-klassenkampf-von-oben/ Last updated: 2014-01-25T06:18:27.000Z ``` In der Samstagausgabe der FAZ (25.1.2014) werden wir auf den Geist eingestimmt, der die kommende Jahre die politischen und sozialen Auseinandersetzungen prägen wird - Klassenkampf von oben: ``` > Was in Europa zu tun ist, wurde in Davos von Wirtschaftsvertretern, aber auch von hochrangigen Politikern diskutiert. Strukturreformen seien dringend notwendig, vor allem eine Liberalisierung der Arbeitsmärkte. Allein es gehe oft nicht weit und nicht schnell genug. An dieser Stelle meldete sich ein Zuhörer der Debatte und stellte die Frage: „Wären schmerzhafte Strukturreformen politisch nicht leichter umsetzbar, wenn die Menschen davon überzeugt wären, die unmittelbaren Kosten und die anschließenden Erträge würden gerecht verteilt?“ Die Frage rückt die Perspektive in den Mittelpunkt, mit der seit einiger Zeit wieder lebhafter Verteilungsthemen diskutiert werden. Es geht weniger um Neiddebatten, sondern um die Wechselwirkungen zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, sozialer Stabilität und einer vor allem in angelsächsischen Ländern, aber nicht nur dort, ungleicher werdenden Verteilung von Vermögen und Einkommen. Wenn eine wachsende Zahl von Menschen den Eindruck erhalten sollte, dass sich Arbeit nicht lohnt, könnte die Bereitschaft zu Bildung und Ausbildung nachlassen. Es bedarf keines Propheten für die Voraussage, dass in den kommenden Jahren nicht nur in Davos über Verteilungsthemen diskutiert werden dürfte. ### Seminarreihe: Die Krise hat Europa gestärkt URL: https://blog.stuetzle.cc/seminarreihe-die-krise-hat-europa-gestaerkt/ Last updated: 2014-01-09T08:00:52.000Z ```
``` [![](http://www.rosalux.de/typo3temp/pics/12bf97890b.jpg)](http://www.rosalux.de/news/40051/-98707ec29b.html?ref=blog.stuetzle.cc) Die Euro-Krise scheint überstanden. Mehr noch: «Die Krise hat Europa gestärkt», so Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) im April 2013\. An den Finanzmärkten ist Ruhe eingekehrt. Die Haushaltsdefizite der Staaten sind drastisch gesunken, die Wirtschaft wächst. Alles wieder normal? Nicht ganz. Denn erstens ist die Lage in vielen Staaten noch katastrophal: Arbeitslosigkeit und Schuldenstände liegen rekordhoch. Zweitens hat sich Europa durch die Krise stark verändert. Die EU kontrolliert nun die Staatsverschuldung und die Wirtschaftspolitik der Mitgliedsstaaten. Daneben existiert ein Sicherheitsnetz für hochverschuldete Staaten in Form des Eurorettungsschirms ESM und den Garantien der Europäischen Zentralbank. Insgesamt lässt sich feststellen: Die Euro-Staaten haben an Souveränität eingebüßt und Machtbefugnisse an die Zentrale in Brüssel abgegeben. Ist dieses Arrangement haltbar? Kann es künftige Krisen verhindern? Seminarreihe mit **Stephan Kaufmann** und **Ingo Stützle** Moderation: **Antonella Muzzupappa** **[1\. Das neue Europa](http://www.rosalux.de/event/49757/das-neue-europa.html?ref=blog.stuetzle.cc)** 14\. Januar 2014 | 19:00–21:00 Uhr Die Bundesregierung hat Europa verändert. Aber wie? In diesem Seminar geht es um die institutionellen Veränderungen, denen sich die Euro-Staaten künftig zu unterwerfen haben: die haushaltspolitische Überwachung (Fiskalpakt/Schuldenbremse) und die wirtschaftspolitische Koordination (Euro-Plus- Pakt) – beides in Verbindung mit dem «europäischen Semester». Was bleibt als Erbe der Krise? Wer profitiert von den Neuerungen und wer zahlt? **[2\. Die deutsche Strategie in der Krise](http://www.rosalux.de/event/49758/die-deutsche-strategie-in-der-krise.html?ref=blog.stuetzle.cc)** 21\. Januar 2014 | 19:00–21:00 Uhr Deutschland ist nicht nur die größte Ökonomie der Eurozone, sondern hat die Krise auch relativ gut durchstanden. Insbesondere die Bundesregierung war maßgeblich an der Festlegung und Durchsetzung der Anti- Krisen-Strategie beteiligt. Im Seminar soll geklärt werden: Welche Ziele verfolgte Deutschland dabei? Wem nützt diese Strategie? Und kann man überhaupt von einer einheitlichen «deutschen» Strategie sprechen? **[3\. Die Retterin des Euro –](http://www.rosalux.de/event/49759/die-retterin-des-euro-rolle-und-macht-der-europaeischen-zentralbank.html?ref=blog.stuetzle.cc)** **[Rolle und Macht der Europäischen Zentralbank (EZB)](http://www.rosalux.de/event/49759/die-retterin-des-euro-rolle-und-macht-der-europaeischen-zentralbank.html?ref=blog.stuetzle.cc)** 28\. Januar 2014 | 19:00–21:00 Uhr Die Europäische Zentralbank (EZB) gilt als Retterin des Euro. Sie beendete Mitte 2012 im Alleingang die Euro-Krise und sorgte für Ruhe an den Finanzmärkten. Gleichzeitig wird die EZB heftig kritisiert, vor allem in Deutschland. Gegen ihre Politik wurde sogar vor dem Bundesverfassungsgericht geklagt. Für die Blockupy-Bewegung wiederum ist die EZB das Symbol einer europäischen Unterdrückungs- und Verarmungspolitik. Was tut die Zentralbank eigentlich, wenn sie «Geldpolitik» betreibt? Was ist ihre Aufgabe, woher kommt ihre Macht? Und wie unterscheidet sie sich von anderen Zentralbanken? [**4\. Die Last der Linken mit Europa**](http://www.rosalux.de/event/49760/die-last-der-linken-mit-europa.html?ref=blog.stuetzle.cc) 4\. Februar 2014 | 19:00–21:00 Uhr Viele Linke haben nicht nur die Anti-Krisen-Strategie kritisiert. Sie warnen auch vor dem neuen institutionellen Design der Eurozone: Mit Schuldenbremse und Euro-Plus-Pakt werde ein «neoliberales Europa» geschaffen. Gleichzeitig tun sich viele Linke schwer mit der Kritik an der EU und am Euro. Warum ist das so? **Ort** Rosa-Luxemburg-Stiftung Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin Raum wird im Foyer bekannt gegeben Kontakt und Anmeldung: 030 44310-421 oder [muzzupappa@rosalux.de](mailto:muzzupappa@rosalux.de) **Zur Dokumentation der ersten Bildungsreihe** **[«Euro-Vision in der Krise»](http://www.rosalux.de/news/38928?ref=blog.stuetzle.cc)** Seminarreihe zum Grundkonzept der Euro-Konstruktion, Januar bis März 2013 und Podiumsdiskussion am 24.4\. in Berlin. ### FAQ. Noch Fragen? Arm dank Arbeit URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-arm-dank-arbeit/ Last updated: 2014-01-02T13:12:33.000Z ```

siestaZwei Millionen Menschen gehören in Deutschland zu den sogenannten Working Poor. Menschen, die arm sind, obwohl sie arbeiten. Zählt man Angehörige dazu, sind es sogar bis zu fünf Millionen, die trotz arbeitender Familienangehöriger in Armut leben. Das ist das Ergebnis des »Datenreport 2013«, den das Statistische Bundesamt, die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), das Wissenschaftszentrum für Sozialforschung (WZB) und das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) vorgelegt haben. Fast gleichzeitig ist vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung eine ähnliche Analyse zum Thema publiziert worden.

``` Derzeit arbeitet jedeR zehnte Erwerbstätige für weniger als sechs Euro die Stunde. Kein Wunder also, dass es gleichzeitig so viele Erwerbstätige wie noch nie gibt - schließlich kommt nur durch mehr Arbeiten so viel zusammen, dass ein Haushalt überleben kann. Insgesamt wurden 2012 fast 58 Milliarden Stunden gearbeitet - nicht einbezogen ist Reproduktionsarbeit und deren Verteilung zwischen den Geschlechtern. Das hört sich viel an, ist aber weniger als früher. Es gibt demnach mehr Erwerbstätige bei gleichzeitig weniger bezahltem Arbeitsvolumen. Unternehmensverbände und gut bezahlte KaffeesatzleserInnen verweisen immer auf das Wirtschaftswachstum, das erst eine Umverteilung und Einkommenszuwächse ermögliche. Gut gepredigt. Nur: Während die Wirtschaft wächst, der Export brummt, wächst Armut und verschiebt sich die Verteilung zwischen Löhnen und Gewinnen - deutsche Verteilungsarithmetik. Gegenüber 2000 liegen die Nettolöhne bei minus einem Prozent; die Unternehmens- und Vermögenseinkommen dagegen bei plus 38 Prozent. In einigen Bereichen sieht es noch drastischer aus: Die 30 DAX-Vorstände verdienten vor 1989 jeweils 500.000 D-Mark. Das war das 20fache von dem, was die Lohnabhängigen in ihren Unternehmen bekamen; 2009 waren es etwa 6 Millionen Euro und damit sogar das 200fache. Während im Jahr 2000 das ärmste Fünftel der Bevölkerung noch über zehn Prozent des Gesamteinkommens verfügten, waren es 2011 nur noch neun Prozent. Umgekehrt wuchs der Anteil am Gesamteinkommen beim oberen Fünftel von 35 auf 37 Prozent. Aber nicht nur das: Diese Verhältnisse haben sich verfestigt, d.h. die Chance, die Armutszone zu verlassen, ist in den letzten Jahren gesunken. Atypisch Beschäftigte, etwa LeiharbeiterInnen, tragen deshalb ein besonders hohes Risiko, dauerhaft in Armut zu leben. Zufall? Nein. Die Entwicklung kommt nicht von ungefähr. »Wir haben einen funktionierenden Niedriglohnsektor aufgebaut, und wir haben bei der Unterstützungszahlung die Anreize dafür, Arbeit aufzunehmen, sehr stark in den Vordergrund gestellt« - so Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vor dem World Economic Forum 2005 in Davos über die Agenda 2010\. Inzwischen arbeitet jedeR fünfte Lohnabhängige - unter Frauen und Jungen jedeR Dritte - nicht in einem unbefristeten und sozialversicherten Job. Das bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass die Menschen nicht trotz Arbeit arm sind, sondern aufgrund von Arbeit. Was bedeutet diese Entwicklung für das Leben im Alter? Mit der teilprivatisierten Rente sind gleich zwei Entwicklungen eingetreten: Nicht nur wurden Unternehmen von Rentenbeiträgen entlastet und dem Finanzkapital zugleich Anlagemöglichkeiten geschaffen, sondern viele arme Menschen haben de facto weniger von der Rente als Reiche. Nicht nur, was die Höhe angeht - viele Working Poor werden auch zur Rente etwas hinzuverdienen müssen: auch in dem Sinne, dass sie proportional weniger von der Rentenauszahlung haben als Besserverdienende. Der einfache Grund: Sie sterben früher. Arme Männer streben durchschnittlich mit 70,1 Jahren; diejenigen, die mehr als 150 Prozent des durchschnittlichen Einkommens, hingegen mit 80,9 Jahren. Sie werden zehn Jahre älter und genießen deshalb auch zehn Jahre länger die Rente. Bei Frauen beträgt die Differenz rund acht Jahre. Und die Medien? Bereits im April 2013 zeigte die Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung [»Portionierte Armut, Blackbox-Reichtum - Die Angst des Journalismus vor der sozialen Kluft«](http://www.rosalux.de/publication/39364?ref=blog.stuetzle.cc) von Wolfgang Storz und Hans-Jürgen Arlt anhand von vier großen Tageszeitungen und zwei Wochenzeitschriften, dass die Kluft zwischen Reich und Arm in den Medien personalisiert wird. Gesellschaftliche Verhältnisse werden nicht thematisiert. Auch die öffentliche Meinung, also die Medien, die etwa über derartige Studien berichten, sind eher Teil des Problems und bieten wenig Aufklärung und sozialkritische Analyse. **Ingo Stützle** Erschienen in:[ ak - analyse & kritik](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc). Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 589 vom 17.12.2013, S. 8. ### Kirche im Glaubenssystem Kapitalismus: die Fed URL: https://blog.stuetzle.cc/kirche-im-glaubenssystem-kapitalismus-sie-wurde-aus-der-krise-geboren-hat-den-neoliberalismus-eingelaeutet-und-ist-bis-heute-symbol-des-us-pragmatismus-die-fed/ Last updated: 2013-12-23T08:05:16.000Z ``` Wie aus heiterem Himmel brach die Krise über die USA herein. Reiche wussten nicht, wohin mit ihrem Geld, was die Spekulation auf den Finanzmärkten beflügelte. Ein System unregulierter Schattenbanken machte den traditionellen Banken Konkurrenz. Kursgewinne bei Wertpapieren zogen eine verstärkte Kreditvergabe nach sich und destabilisierten das Bankensystem. Als beschlossen wurde, ein in Zahlungsschwierigkeiten geratenes Unternehmen fallen zu lassen, um der Gefahr einer Krise zu entgehen, passierte das Gegenteil: Eine Panik brach los. Schon nach kurzer Zeit waren etwa 16.000 Banken pleite. ``` Weiterlesen bei [neues deutschland](http://www.neues-deutschland.de/artikel/918845.html?ref=blog.stuetzle.cc). ### Neue Prokla zu »Famile und Staat« URL: https://blog.stuetzle.cc/neue-prokla-zu-famile-und-staat/ Last updated: 2013-12-17T13:37:14.000Z ``` Weihnachten steht vor der Tür. Das Fest der Liebe und Familie. Was liegt da näher, als ein Heft der sozialwissenschaftlichen Zeitschrift Prokla zu »Famile und Staat«?! Das Inhaltsverzeichnis der neues Ausgabe findet ihr hier. Und ja, die Prokla kann man auch abonnieren. ``` ### Nachtrag zur stabilen Seitenlage des Marxismus URL: https://blog.stuetzle.cc/nachtrag-zur-stabilen-seitenlage-des-marxismus/ Last updated: 2013-12-16T17:49:31.000Z ``` eisfueralle ``` Am Wochenende fand die [AKG](http://www.akg-online.org/?ref=blog.stuetzle.cc)\-Tagung [»Zur Lage des Marxismus«](http://www.akg-online.org/akg-tagungen/zur-lage-des-marxismus/?ref=blog.stuetzle.cc) statt. Tweets zur Tagung findet ihr [hier](https://twitter.com/search?q=%23zldm&src=hash&f=realtime&ref=blog.stuetzle.cc); ich habe die Live-Tweets auch zu einer Storify aufbereitet: Leider hat niemand die Anekdote angeführt, die von [Isaac Deutscher](http://de.wikipedia.org/wiki/Isaac%5FDeutscher?ref=blog.stuetzle.cc) bzw. Ignacy Daszynski überliefert ist: > [Ignacy Daszynski](http://de.wikipedia.org/wiki/Ignacy%5FDaszy%C5%84ski?ref=blog.stuetzle.cc)Das Original findet sich in Deutschers Essay-Sammlung [›Marxism in Our Time‹](http://books.google.de/books?hl=de&id=bYQEAQAAIAAJ&focus=searchwithinvolume&q=daszynski&ref=blog.stuetzle.cc). Die angeführte Paraphrase findet sich [hier](http://www.lili-bochum.de/Das-Kapital-lesen.html?ref=blog.stuetzle.cc). \[[View the story "Zur Lage des Marxismus" on Storify](//storify.com/istuetzle/zur-lage-des-marxismus)\] ### Neue Besprechung von »Austerität als politisches Projekt« URL: https://blog.stuetzle.cc/neue-besprechung-von-austeritaet-als-politisches-projekt/ Last updated: 2013-12-10T20:01:23.000Z ``` Sebastian Klauke hat in der Politische Vierteljahresschrift (4/2013, 770ff.) eine Besprechung zu »Austerität als politisches Projekt« geschrieben: ``` > »Mit seiner auf eine Dissertation zurückgehenden Veröffentlichung zur Frage, wie es gelingen konnte, die Europäisierung des ›finanzpolitische\[n\] Grundsatzes ausgeglichener Staatshaushalte als Leitbild‹ (14) durchzusetzen, bewegt sich Ingo Stützle auf einem brandaktuellen Terrain, dessen Geschichte angesichts aktueller Krisenereignisse wohl noch länger nicht beendet sein wird. Er legt eine Art Ruhepunkt in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung vor und bietet einen Überblick, von dem aus man weiter operieren kann. Austerität wird in einer historisch-politischen Perspektive betrachtet, die sich, wie bereits der Untertitel deutlich macht, nicht auf die Jahre der aktuellen Krisenkonstellation beschränkt. Insgesamt zeichnet sich das Buch durch einen gut zugänglichen Sprachduktus aus, stellt aber für LeserInnen, die bisher kaum oder auch keinen Kontakt zu wirtschaftstheoretischen Theorien und Begriffen haben, auf Grund seiner inneren Thematik und Begriffsarbeit durchaus eine Herausforderung dar. Die oberflächlich banal erscheinende, aber dennoch zentrale ›Botschaft‹ lautet, dass politikwissenschaftliche Analysen ohne ökonomische Grundlagen und entsprechend breites Wissen nicht dazu befähigt seien, politische Prozesse auf der europäischen Ebene in ihrer Komplexität zu verstehen und plausibel darzustellen. \[...\] [![pwBmMP](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/pwBmMP.jpg)](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2011/09/pwBmMP-1.jpg?ref=blog.stuetzle.cc) Alles in allem bietet der Band eine plausible, sehr systematische Rekonstruktion der europäischen Integration im Bezug auf die Frage der Staatshaushalte an, die auf Grund ihres marxistischen Zuganges zur Thematik provoziert und zur Diskussion aufruft. Der Verfasser greift in seinem Unternehmen auf eine Vielzahl zeitgenössischer wie auch aktueller Literatur zurück, die dem Leser einen guten Überblick über die verschiedenen, angesprochenen Thematiken bieten. Gekonnt verknüpft Stützle analytisch die supranationale, intergouvernementale und staatliche wie gesellschaftliche Ebene und zeichnet ein detailliertes, orientierungsgebendes Bild der Geschehnisse. Einzig negativ fällt auf, dass es keinen Index für Namen und Organisationen gibt. Für die Qualität wie Brisanz des Buches spricht, dass es 2013 mit dem Jörg Huffschmid-Preis ausgezeichnet wurde, der alle zwei Jahre unter anderem durch Attac vergeben wird.« ### Staatsbankrott - Nachtrag zur Buchvorstellung URL: https://blog.stuetzle.cc/staatenbankrott-nachtrag-zur-buchvorstellung/ Last updated: 2013-11-27T12:32:13.000Z ``` Geld unter die Bank kehrenGestern kam bei der Buchvorstellung von Austerität als politisches Projekt die Frage auf, ob Staaten Pleite gehen können und welche größeren Länder in den letzten Jahren zahlungsunfähig waren. Neben einer Wikipedia-Liste finden sich gleich mehrere Aufzählungen in der umstrittenen Studie von Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff. ``` Auch in der Broschüre [*Ist die ganze Welt bald pleite?*](http://www.rosalux.de/publication/37900/ist-die-ganze-welt-bald-pleite.html?ref=blog.stuetzle.cc) sind wir auf die Frage eingegangen, wann Staaten pleite sind - keine einfache Frage: > Wann aber ist ein Staat pleite? An der Höhe der Schulden ist dies nicht festzumachen und auch nicht am Verhältnis von Schulden zum BIP. So kam Griechenland 2010 auf Schulden von 140 % des BIP und galt als insolvent. Spanien galt mit einer Quote von 60 % des BIP immerhin als gefährdet. Japan hingegen erreichte 200 %, galt aber als relativ solide. > > Auch die so genannte Zinslastquote – also wie viel der Staat jedes Jahr für Kreditzinsen zahlen muss – ist kein eindeutiger Indikator für eine Zahlungsunfähigkeit. Als Griechenland Ende 2009 in die Krise geriet, musste es Zinsen in Höhe von 5 % seines BIP zahlen. Das ist relativ viel. 1996 waren es allerdings noch doppelt so viel. > > Was Regierungen zudem von Privathaushalten oder Unternehmen unterscheidet: Sie können ihre Ausgaben und Einnahmen souverän festlegen. Fehlt ihnen Geld, können sie einfach die Steuern erhöhen oder die Ausgaben zum Beispiel für Arbeitslose senken (das hat natürlich seine Grenzen, s. Punkt 5 \[in der Broschüre\]). Oder eine Regierung kann versuchen, sich an den internationalen Finanzmärkten mehr Geld zu leihen. Klappt das nicht, kann sie die heimischen Finanzunternehmen auch schlicht dazu zwingen, ihr Geld zu leihen. Ein Staat kann sich im Notfall auch bei sich selbst verschulden: Die Regierung legt eine Anleihe auf, und die Zentralbank des Landes kauft diese Anleihe. In diesem Fall druckt die Zentralbank also Geld und leiht es der Regierung. Die meisten Zentralbanken der Welt tun dies in mehr oder weniger starkem Ausmaß. So kaufte die US-Zentralbank Fed 2010/2011 Anleihen der US-Regierung über 900 Milliarden Dollar. Mit der Ausweitung der Geldmenge droht jedoch Inflation. > > Eine Regierung hat also viele Wege, ihre Zahlungsfähigkeit zu sichern. Man könnte also sagen: Eine Staatspleite naht, wenn: > > Anders als ein Unternehmen kann ein Staat im Falle einer Pleite aber nicht vom Erdboden verschwinden. Insolvenz bedeutet daher, dass eine Regierung mit ihren Gläubigern eine Erleichterung der Schuldenlast verhandelt: Schulden werden verlängert, gestrichen oder die Zinsen gesenkt. Stimmen die Gläubiger – zumeist Banken – dem zu, so sinkt der Schuldenstand und das Land ist wieder zahlungsfähig. Von einem derartigen Schuldenerlass profitierte auch Deutschland: 1953 wurden ihm die im Weltkrieg aufgelaufenen Auslandsschulden zur Hälfte erlassen. Die Pleite eines Staates ist somit eine politische Entscheidung: Die Regierung eines überschuldeten Landes stellt fest, dass die Schulden zu hoch sind und sie sie nicht weiter tragen will. Und die Regierungen des Auslands verweigern dem Land Unterstützung in Form billiger Kredite. Von einer Pleite sind Länder wie Deutschland oder die USA also noch weit entfernt. Die Passage kann man auch anhören: \[soundcloud params="auto\_play=false&show\_comments=false"\]https://soundcloud.com/rosaluxstiftung/podcast-lux-argumente-2-6\[/soundcloud\] Die ganze Broschüre gibt es[ hier als pdf-Datei](http://www.rosalux.de/fileadmin/rls%5Fuploads/pdfs/Argumente/lux%5Fargu%5FStaatsschulden%5Fdt%5F09-2012%5FWeb.pdf?ref=blog.stuetzle.cc). ### Das neue EZB-Gebäude soll 2014 eröffnet werden - Proteste sind angekündigt URL: https://blog.stuetzle.cc/neutraler-als-neutral-das-neue-ezb-gebaeude-soll-2014-in-frankfurt-eroeffnet-werden-proteste-sind-angekuendigt/ Last updated: 2013-11-25T13:38:26.000Z ``` ``` Am Wochenende diskutierten bei der internationalen Blockupy-Aktionskonferenz in Frankfurt am Main 450 TeilnehmerInen, wie es mit den europäischen Protesten 2014 weitergehen soll (siehe auch [nd-Artikel](http://www.neues-deutschland.de/artikel/915973.zwischen-grossmobilisierung-und-alltagskaempfen.html?ref=blog.stuetzle.cc)). Im Mai soll es dezentrale Aktionstage geben und eine Transnationalisierung. In einer [Pressemitteilung](https://blockupy-frankfurt.org/2785/pm-mobilisierung-zum-tag-x/?ref=blog.stuetzle.cc) heißt es zudem: > Im Mittelpunkt der Blockupy-Proteste im kommenden Jahr wird die Eröffnung des neuen Gebäudes der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main stehen. Das haben mehr als 450 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der internationalen Blockupy-Aktionskonferenz am Wochenende in Frankfurt beschlossen. »Die EZB plant für den Herbst 2014 ein ›großes Ereignis‹ – dieses Ereignis werden wir sein. Wir laden all diejenigen, die sich in Europa und darüber hinaus der Verarmungspolitik widersetzen, für den Herbst 2014 nach Frankfurt ein. Eine ungestörte Eröffnungsfeier wird es nicht geben«, sagte Blockupy-Sprecher Christian Linden. Da das Datum der Eröffnungsfeier noch nicht feststeht, plant das Bündnis eine Mobilisierung zum ›Tag X‹, wie sie unter anderem aus der Anti-Castor-Bewegung bekannt ist. Während Blockupy in den letzten zwei Jahren immer im Mai die Frankfurter City unsicher machte, ist geplant, die Eröffnung der neuen EZB-Baulichkeiten zu stören. Was und warum sollte man die EZB kritisieren und sogar auf der Straße mobilisieren? Die EZB ist keine Bank wie jede andere. Sie ist eine Zentralbank. Was aber unterscheidet eine Zentralbank von Geschäftsbanken, und was verbindet sie? Zentralbanken und Geschäftsbanken bilden das moderne zweistufige Bankensystem, wobei die Zentralbank als Notenbank an der Spitze steht. Geschäftsbanken sind kapitalistische Unternehmen und können in Depositen- und Investmentbanken unterschieden werden, d.h. nach den Geschäftsfeldern, denen sie maßgeblich nachgehen. Depositenbanken sammeln das Geld von KundInnen ein, das sie im Rahmen ihres Kreditgeschäfts verleihen. Das wichtigste Betätigungsfeld des sogenannten Investmentbankings ist hingegen der Kapitalmarkt. Hier werden keine Kredite vergeben, sondern KundInnen bei der Anlage von Vermögen, der Ausgabe von Aktien oder der Emission von Anleihen beraten und unterstützt. Ein zentrales Geschäftsfeld ist jedoch der Eigenhandel, d.h. der eigene Handel mit Wertpapieren. Wie Industrieunternehmen nehmen die Banken hierfür Kredit auf. Der Kundenstamm ist im Vergleich zu »normalen« Banken kleiner, dafür vermögender, da zu den KundInnenen Unternehmen und Regierungen gehören. Weiterlesen in [ak 588,](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak588/41.htm?ref=blog.stuetzle.cc) [Tho­mas Sablow­ski](http://www.rosalux.de/stiftung/ifg/personalfellows/thomas-sablowski.html?ref=blog.stuetzle.cc) und Eti­enne Schnei­der haben bereits im Mai ein [Standpunkte-Papier zur EZB](http://www.rosalux.de/publication/39469/verarmung-made-in-frankfurtm.html?ref=blog.stuetzle.cc) geschrieben. ### Mit dem Freihandelsabkommen TTIP will sich Deutschland einen guten Platz unter der Weltmarktsonne sichern. URL: https://blog.stuetzle.cc/mit-dem-freihandelsabkommen-ttip-will-sich-deutschland-einen-guten-platz-unter-der-weltmarktsonne-sichern/ Last updated: 2013-11-21T07:30:28.000Z ```
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Foto: CC-Lizenz, N. Linneberg
``` Nach der Pleite von Lehman Brothers 2008 war das Geschrei groß. Fast noch lauter war aber die Euphorie darüber, die Krise führe endlich dazu, dass der neoliberalen Marktgläubigkeit abgeschworen werde. Der Staat kehre nun zurück, die ÖkonomInnen hätten ihre Glaubwürdigkeit verloren. Viele Linke freuten sich über das bürgerliche Unbehagen am Kapitalismus im FAZ-Feuilleton. Die Strahlkraft des Neoliberalismus und die Versprechen des Freihandels würden verblassen, glaubten viele. Pustekuchen! Kaum stellte die politische Klasse der EU offiziell das Ende der Eurokrise fest - schließlich macht das Kapital wieder Profit -, soll die zweite Verhandlungsrunde zum Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) in Angriff genommen werden. Das TTIP ist das Vertragswerk für das Transatlantische Freihandelsabkommen (Trans Atlantic Free Trade Agreement, TAFTA). Entstehen soll dadurch die größte Freihandelszone der Welt zwischen den USA, Kanada, Mexiko auf der einen Seite und der EU, Island, Liechtenstein, Norwegen, der Schweiz und den EU-Mitgliedskandidaten wie etwa Mazedonien und der Türkei auf der anderen Seite. Um was geht es dabei? Es geht zum einen um einige Freihandelsklassiker: Zölle und Handelshemmnisse (unter anderem Gebühren und Einfuhrbeschränkungen) sollen abgebaut werden. Das Gleiche gilt für Dienstleistungen im Bereich Gesundheit, Finanzen, Verkehr oder Leiharbeit mit dem Ziel, die Konkurrenz zu verstärken, denn: Wettbewerb belebt das Geschäft. Kurzum: Es wird Gewinner und Verlierer geben. An der Front der Handelshemmnisse ist allerdings nicht mehr viel zu holen. Keine zehn Prozent des transatlantischen Handelsvolumens sind Zöllen unterworfen. Deshalb geht es um mehr: Anerkennung von Regulierungsstandards im Bereich Gesundheitsschutz, Sicherheit, Sozial- und Umweltstandards. Wohin die Reise geht, ist klar: Die Standards sollen gesenkt werden. Das Ganze soll aber auch institutionell abgesichert werden. Weil es keinen Weltstaat gibt, bedarf es eines unabhängigen Investorstaats- (investor-to-state) und eines zwischenstaatlichen (state-to-state) Streitschlichtungsverfahren - ähnlich dem der Welthandelsorganisation WTO. Ziel ist, das Kapital vor »ungerechtfertigten« Ansprüchen zu »schützen«. Im Klartext heißt das: Unternehmen sollen zukünftig Regierungen verklagen können, wenn Investitionen durch staatliche Eingriffe (besserer Arbeitsschutz, höhere Umweltstandards) entwertet oder unprofitabel werden. Das Streitschlichtungssystem folgt dem Prinzip des gegenseitigen Misstrauens: Weil alle Staaten die Liberalisierungsabsprachen zu ihren Gunsten unterwandern könnten, braucht es eine dritte Instanz, die das Ganze absichert und gegen die Einzelstaaten durchsetzt. Darauf hat das Kapital lange gewartet: Das Recht auf Profit wird endlich in den Himmel der universellen Menschenrechte erhoben. Das TTIP soll aber nicht nur »nach innen« disziplinieren. Es ist auch eine Kampfansage an den aufstrebenden asiatischen Wirtschaftsraum - womit wir auch bei den Interessen Deutschlands wären. Zum einen ist die Bundesregierung keineswegs vom neoliberalen Glauben abgefallen. Zum anderen ist der europäische Binnenmarkt für das deutsche Kapital noch lange nicht genug; er war lediglich das Sprungbrett für den Weltmarkt. Deutschland hat am Abkommen ein besonderes Interesse - schließlich sind die peripheren Eurostaaten als Absatzmärkte im Zuge der Krise ausgefallen und werden auch in Zukunft aufgrund der verordneten Austerität kaum dicke Autos, teure Medikamente oder Maschinen nachfragen. Deutschlands Spielplatz ist schon lange nicht mehr der EU-Binnenmarkt, sondern der Weltmarkt. Seit Einführung des Euro 1999 stieg der Export in Eurostaaten weniger stark als in Ländern außerhalb der Eurozone. Dieser Trend setzt sich in der Eurokrise fort: Der Anteil der Exporte nach China hat sich von 2002 bis 2011 mehr als verdoppelt - ebenso bedeutend ist der US-Markt; die Exporte in Euro-Krisenländer (Portugal, Italien, Griechenland und Spanien) sind von 10,8 auf 8,6 Prozent gefallen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erklärte Anfang des Jahres auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos: »Wie können wir sicherstellen, dass wir in den nächsten Jahren auch eine Kohärenz in Bezug auf die Wettbewerbsfähigkeit im Bereich der gemeinsamen Währungsunion erreichen? Und damit meine ich nicht eine Kohärenz in der Wettbewerbsfähigkeit irgendwo im Mittelmaß der europäischen Länder, sondern eine Wettbewerbsfähigkeit, die sich daran bemisst, ob sie uns Zugang zu globalen Märkten ermöglicht.« Soll heißen: Mit dem TTIP will sich Deutschland einen guten Platz unter der Weltmarktsonne sichern. **Ingo Stützle** Erschienen in: [ak - analyse & kritik](http://akweb.de/ak%5Fs/ak588/47.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 588 vom 19.11.2013 ### Keynesianism is not Necessarily Leftist URL: https://blog.stuetzle.cc/keynesianism-is-not-necessarily-leftist/ Last updated: 2013-11-19T08:26:36.000Z ``` Austerity policies in the EU are often presented as having no alternative.  Many leftists, on the other hand, hope for a better life from Keynesianism.  Jungle World spoke with me about the euro crisis, austerity, and Keynesianism.  My study »Austerity as a Political Project« was published this Summer. ``` > **JW:** *What do you mean by “austerity as a political project”?* > **IS:** The title refers to contemporary developments in the eurozone. I raised the question as to how the financial policy model of the balanced budget could be europeanized with the creation of the euro. Ultimately, such policies don’t just fall from the sky, nor can they simply be derived from the dynamic of accumulation. A political project integrates disparate social and political forces that do not necessarily consciously follow the same goal. But within a specific historical constellation, their activity converges upon a common result. That was the case with the euro and the model of the balanced budget. Since then, Canada also wants to legally codify this principle, and US President Obama, after the budget conflict, called on the Republicans to make common cause with him, despite all their differences, in order to present a balanced budget. [Read further on the northstar](http://www.thenorthstar.info/?p=11059&ref=blog.stuetzle.cc). Translated from the German by Alexander Locascio. Thanks a lot! ### Immobilienpreise: Der Sachverständigenrat und der Sound des Sachzwangs URL: https://blog.stuetzle.cc/immobilienpreise-sachverstaendigenrat-und-der-sound-des-sachzwangs/ Last updated: 2013-11-18T09:28:43.000Z ``` wohnenDer Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung legte letzte Woche sein Jahresgutachten 2013/2014 vor. Es trägt den Titel »Gegen eine rückwärtsgewandte Wirtschaftspolitik«. Was mein rückwärtsgewandt? Etwa beim Problem der explodierenden Mieten? ``` > [JG 2013/2014, Ziffer 861](http://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/gutachten/jg201314/dokumente/JG13%5FXI.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) Klartext? Politische Eingriffe sind rückwärtsgewandt (etwa sozialer Wohnungsbau, Mietdeckelung, Regulierung des Wohnungsmarkts, Mietrecht, Mietspiegel etc.). Es lebe der Marktmechanismus, das Herzstück der neoliberalen Ideologie. Schließlich soll der Geldbeutel darüber entscheidet, wer wo wie wohnen kann und darf. Dem guten Marktgleichgewicht zuliebe, wird Zuzug auch gerne mal umgekehrt (könnte man Vertreibung bezeichnen) - alles schön in neutraler Sprache verpackt, die nur anonyme und effiziente Märkte, Preismechanismen, Anreize sowie Angebit und Nachfrage kennt. Stephan Kaufmann nannte diesen Jargon einmal in den [Blättern](http://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2006/maerz/der-sound-des-sachzwangs?ref=blog.stuetzle.cc) den Sound des Sachzwangs. ### Keynesianismus ist nicht unbedingt links URL: https://blog.stuetzle.cc/keynesianismus-ist-nicht-unbedingt-links/ Last updated: 2013-11-16T08:30:48.000Z ``` AusteritaetAxel Berger hat mich für die aktuelle Ausgabe der Jungle World zu meinem Buch »Austerität als politisches Projekt« interviewt. ``` Wir sprachen über die Grenzen von Staatsverschuldung, ob Keynesianismus links ist und ob ein Austeritätskurs und ein defizitärer Staatshaushalt ein Widerspruch sind. Den erwähnten Text von [Sabine Nuss](http://nuss.in-berlin.de/?ref=blog.stuetzle.cc) zum [Gebrauchsanleitungs-Kapitalismus](http://www.zeitschrift-luxemburg.de/?p=909&ref=blog.stuetzle.cc) findet ihr in der Zeitschrift [LUXEMBURG](http://www.zeitschrift-luxemburg.de/der-gebrauchsanleitungs-kapitalismus/?ref=blog.stuetzle.cc). ### Die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft geben eine Zugaben zum Wunschkonzert URL: https://blog.stuetzle.cc/die-freundinnen-und-freunde-der-klassenlosen-gesellschaft-geben-eine-zugaben-zum-wunschkonzert/ Last updated: 2013-11-11T09:44:33.000Z ```
``` [![Piano](http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/3533742116_846eef2d87.jpg)](http://www.flickr.com/photos/viamoi/3533742116/sizes/m/in/photostream/?ref=blog.stuetzle.cc) Im Februar diesen Jahres veröffentlichten die [Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft](http://kosmoprolet.org/?ref=blog.stuetzle.cc) den Text »[Krisenlösung als Wunschkonzert](http://kosmoprolet.org/krisenloesung-als-wunschkonzert?ref=blog.stuetzle.cc)« in der Zeitschrift [ak - analyse und kritik](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc) in der Hoffnung, eine Debatte über die Wirtschaftskrise anzustoßen und einige Illusionen, wie diese zu lösen wäre, zu kritisieren. Daraufhin erschienen in ak Antworten von [Dario Azzellini](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak581/09.htm?ref=blog.stuetzle.cc), [Anna Dohm](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak582/35.htm?ref=blog.stuetzle.cc), [ Alexander Gallas und Jörg Nowak](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak582/32.htm?ref=blog.stuetzle.cc) sowie [Ingo Stützle](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak584/56.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Die Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft resümieren nun diese [»Zugaben zum Wunschkonzert«](http://kosmoprolet.org/zugaben-zum-wunschkonzert?ref=blog.stuetzle.cc). ### Neulich bei der Weinprobe URL: https://blog.stuetzle.cc/neulich-bei-der-weinprobe/ Last updated: 2013-11-07T16:10:23.000Z ```
Als er noch linksradikaler Steinerwerfer war, da wurde er von den Bullen nur deswegen nicht einkassiert, weil er ein Lacoste-Langarmpolo trug. Und darüber einen blauen Blazer von Ralph Lauren. Geiles Teil. Nie hat ein Blazer so gut gepasst wie dieser.
``` Der [Cptn.-Cork](http://www.captaincork.com/?ref=blog.stuetzle.cc)\-Autor wollte eigentlich weißen Burgunder besprechen, [kam aber wohl ins Plaudern](http://www.captaincork.com/Weine/neues-burgund-holz-ohne-holz-weinempfehlung?ref=blog.stuetzle.cc) (via Weinblog-Fan Fabian). ### Zweck der Automatisierung und der Begriff des informationellen Kapitalismus URL: https://blog.stuetzle.cc/zweck-der-automatisierung-und-informationeller-kapitalismus/ Last updated: 2013-11-07T11:07:34.000Z ``` Einer neuen Studie zufolge könnten in den USA schon in naher Zukunft 47 Prozent aller Jobs der Automatisierung »zum Opfer fallen«, so telepolis, die sogleich die Top-10 der am meisten gefährdeten Berufe anführen. Angesichts dieser durchaus berechtigten »Befürchtung«, zeigt sich erneut die Aktualität der marxschen Kritik. Im 13. Kapitel des ersten Bandes des Kapital, dem Kapitel über »Maschinerie und große Industrie«, zitiert Marx John Stuart Mills »Prinzipien der politischen Ökonomie«: ``` > Es ist fraglich, ob alle bisher gemachten mechanischen Erfindungen die Tagesmühe irgendeines menschlichen Wesens erleichtert haben. Marx kommentiert kritisch: > Solches ist jedoch auch keineswegs der Zweck der kapitalistisch verwandten Maschinerie. Gleich jeder andren Entwicklung der Produktivkraft der Arbeit soll sie Waren verwohlfeilern und den Teil des Arbeitstags, den der Arbeiter für sich selbst braucht, verkürzen, um den andren Teil seines Arbeitstags, den er dem Kapitalisten umsonst gibt, zu verlängern. Sie ist Mittel zur Produktion von Mehrwert. Wer also über Automatisierung spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen. Deshalb kritisiert [Sabine Nuss](http://nuss.in-berlin.de/?ref=blog.stuetzle.cc) in ihrem [jetzt frei zugänglichen Buch](http://stuetzle.cc/2013/11/copyright-copyriot-von-sabine-nuss-befreit/?ref=blog.stuetzle.cc) »Copy­right & Copy­riot« gänginge Begrifflichkeiten, die versuchen, die neueren Entwicklungen auf den Begriff zu bringen: > Der Diskurs zur Wissens- und Informationsgesellschaft hat einen verschleiernden Effekt insofern, als der Begriff Kapitalismus darin zumeist nicht vorkommt. \[…\] TuK-Techniken dienen lediglich als Mittel zur Realisierung dieses Zwecks \[der Kostenminimierung\] und wirken demzufolge selbstredend auch auf die Strukturen zurück. Auch wenn Menschen und Unternehmen auf noch so hohem Niveau technisch ausgerüstet sind, ist die Ausnutzung dieser Technologie eine sozial getroffene Entscheidung, keine technisch erzeugte. Die Technik bietet lediglich die Möglichkeit. Dieses Zweck-Mittel-Verhältnis von Vergesellschaftungsform und Technologie ließe sich bei allen im Diskurs zu Wissensgesellschaft oder Informationsgesellschaft aufgezählten Phänomenen finden. Es sollte hier aber bereits deutlich geworden sein, dass es nicht die Technologie außerhalb jeglichen sozialen Kontextes ist, die handelt, sondern ihre kapitalistische Anwendung. Es ist damit die Funktionslogik des Kapitals, welche die technischen und gesellschaftlichen Bedingungen des Arbeitsprozesses umwälzt. Insofern ist die technische Basis der modernen Industrie immer schon revolutionär, und dies hat weitreichende Auswirkungen auf die Arbeitsverhältnisse und die Inhalte der Arbeit. (S. 32) Deshalb schlägt Nuss den Begriff »informationellen Kapitalismus« vor. Zum einen »um die Umwälzung der Produktionsverhältnisse auf der Basis einer neuen Technologie zu betonen; zum anderen, um die spezifische Gesellschaftsform, in welcher dies geschieht, bei ihrem Namen zu nennen.« Erst vor diesem Hintergrund macht es Sinn, über Automatisierung und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen zu diskutieren, eine Diskussion, die in Begriffen wie zweiter Moderne, Wissens- oder Informationsgesellschaft etc. pp. nur unzureichend geführt werden kann. ### »Copyright & Copyriot« von Sabine Nuss befreit URL: https://blog.stuetzle.cc/copyright-copyriot-von-sabine-nuss-befreit/ Last updated: 2013-11-06T08:08:18.000Z ``` nuss»Die Frei­heit ist immer die Frei­heit der Eigen­tums­ord­nung« - so überschrieb ich meine Buchbesprechung von Sabine Nuss’ Studie »Copyright & Copyriot«. Das war 2007. Angesichts der Entwicklung im Bereich der digitalen Welt liegt es nahe, dass ein Buch über die »Aneignungskonflikte um geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus« ebenso schnell veraltet wie die Prozessorleistung in einem Computer (Tablets waren 2007 noch Zukunftsmusik) oder die Speicherkapazitäten von Festplatten - dem ist aber ganz und gar nicht. Im Gegenteil. ``` > [ak 516](http://stuetzle.cc/2007/04/die-freiheit-ist-immer-die-freiheit-der-eigentumsordnung-ein-neues-buch-bringt-licht-in-die-auseinandersetzungen-um-geistiges-eigentum/?ref=blog.stuetzle.cc) Weil Sabine Nuss das Thema geistiges Eigentum allgemeiner und damit grundsätzlicher angeht, ist ihre Studie trotz aller oberflächlichen Veränderung - Apps, Streaming und Tablets - nach wie vor hoch aktuell. Das Buch stellt zwar keine »neuen« Maß­stäbe für die Debatte »Aneignungskonflikte um geistiges Eigentum« auf, aber ein Maßstab ist die Studie allemal und nach wie vor. Deshalb ist es besonders erfreulich, dass Sabine Nuss »Copyright & Copyriot« befreit und [zum freien Download auf ihre Website](http://wbk.in-berlin.de/wp%5Fnuss/dissertation/?ref=blog.stuetzle.cc) gestellt hat. ### Linke Literatur mit politischem Rahmenprogramm: Der Verleger Jörg Sundermeier im Interview URL: https://blog.stuetzle.cc/linke-literatur-mit-politischem-rahmenprogramm-der-verleger-joerg-sundermeier-im-interview/ Last updated: 2013-11-05T08:14:05.000Z ``` Jedes Jahr im Oktober findet in Frankfurt die Buchmesse statt. Der Büchermarkt ist in einem Umbruch begriffen - nicht nur, weil sich mit Internet und E-Books das Leseverhalten verändert hat. Auch weil es Zentralisierungsprozesse gibt, was kleineren Verlagen mehr Spielraum gibt und sie zugleich unter Druck setzt. Über den Büchermarkt, kritisches Potenzial von Literatur, dicke Bücher und E-Books sprach ich für ak - analyse & kritik mit Jörg Sundermeier vom Berliner Verbrecher Verlag. Wenige Wochen vor der Buchmesse in Frankfurt am Main, im Biergarten des Clash im Berliner Mehringhof, ergab sich bei ein paar Bieren folgendes Gespräch. ``` ***Friedrich Engels meinte 1877 über die Leipziger Buchmesse, zu seiner Zeit die größte Buchmesse Europas: »Man streitet nicht mit Leuten, die in der Ökonomie unwissend genug sind, den Leipziger Büchermarkt überhaupt für einen Markt im Sinne der modernen Industrie anzusehn.« Stimmt der Satz noch?*** **Jörg Sundermeier:** Ende der 1990er, als ich langsam begriff, wie der Buchmarkt funktioniert, wurde bereits diskutiert, warum Hugendubel, Thalia und Weltbild einen aggressiven Verdrängungswettbewerb fahren. Aus Spaß habe ich damals zu einem Verlegerkollegen gesagt: Den Börsenverein des deutschen Buchhandels gibt es seit über 150 Jahren, und jetzt merken sie, dass Kapitalismus ist. Von Konrad Adenauer ist der Satz überliefert, dass bei Tarifverhandlungen immer drei Partner am Tisch sitzen: die Gewerkschaften, die Unternehmervertreter und: die DDR. Bis zu einem gewissen Grad galt das auch für den Buchmarkt. Es wurden lange bestimmte ökonomische Gegebenheiten geleugnet bzw. ignoriert, Zwänge, die allerdings in den Vertriebsabteilungen und in der kaufmännischen Geschäftsführung durchaus gesehen wurden. Aber eben nie so, dass auf einen aggressiven Verdrängungswettbewerb gesetzt wurde. Es gab innerhalb der Branche einen Common Sense des gegenseitigen Ausgleichens. Auch wurden Autoren nicht derart aktiv von anderen Verlagen umworben. Mit dem Fall der Mauer gingen dann viele Verschiebungen einher. Auch die Erosion eines sehr patriarchalen Stil der Unternehmensführung wie bei Suhrkamp oder Hanser. [Weiterlesen in ak 587](http://akweb.de/ak%5Fs/ak587/41.htm?ref=blog.stuetzle.cc) ### Die Deutschen werden unerträglich sein - 20 Jahre Verträge von Maastricht URL: https://blog.stuetzle.cc/die-deutschen-werden-unertraeglich-sein-20-jahre-vertraege-von-maastricht/ Last updated: 2013-11-01T09:33:06.000Z ``` »Wenn wir die eine gemeinsame Währung haben und die Deutschen vereint sind, wird es unerträglich sein« – so die frühere britische Premierministerin Margaret Thatcher 1989. Aber der Euro war nicht ein Resultat der Umbrüche von 1989/1990. Das Ende der DDR und des Realsozialismus wirkten nur beschleunigend. Schon vor dem Fall der Mauer drängte Frankreich auf eine Vergemeinschaftung der Währung und eine europäische Geldpolitik. Bereits 1985 erörterten François Mitterrand und Helmut Kohl wieder die Idee einer gemeinsamen Währung. Bereits 1969 wurde eine europäische Währung beschlossen, aber nie umgesetzt. Warum wurde in den 1980ern der monetäre Ball wieder aufgenommen? Ein Grund lag darin, dass Frankreich im Zuge der neoliberalen Integration den Kürzeren zog und geldpolitisch nach der Pfeife der Deutschen Bundesbank tanzen musste. ``` ![](http://farm1.staticflickr.com/198/481325895_4ebf375362.jpg) »Plein 1992« in Maastricht - alles andere als schön. Diese Dynamik war ab 1985, mit der [Einheitlichen Europäische Akte](http://de.wikipedia.org/wiki/Einheitliche%5FEurop%C3%A4ische%5FAkte?ref=blog.stuetzle.cc) (EEA) und dem [Weißbuch zum Binnenmarkt](http://www.eufis.eu/eu-glossar.html?&type=0&uid=298&ref=blog.stuetzle.cc), absehbar. Im [Europäischen Währungssystem](http://stuetzle.cc/2013/06/faq-noch-fragen-war-das-ews-besser-als-der-euro/?ref=blog.stuetzle.cc) (EWS), das die neoliberale Dynamik verarbeiten muste, entwickelte sich die D-Mark zur Leitwährung. Deshalb bedeutete bereits das EWS »eine weitgehende Aufgabe« der »geldpolitischen Autonomie« der EWS-Mitgliedstaaten, so der ehemalige Bundesbankpräsident [Karl Otto Pöhl](http://de.wikipedia.org/wiki/Karl%5FOtto%5FP%C3%B6hl?ref=blog.stuetzle.cc). 1980 stiegen die Zinsraten Deutschlands zwar nochmals im Verhältnis zu anderen EWS-Ländern an, gingen dann ab 1981 aber zurück, um sich schließlich ab 1985 deutlich und dauerhaft unter denen Frankreichs und Italiens zu stabilisieren – ein bekanntes Charakteristikum von Leitwährungssystemen: Die Zinsraten des Leitwährungslandes liegen unter den abhängigen Ländern. Gleichzeitig war diese Asymmetrie von einem erhöhten Kapitalbedarf der abhängigen Länder begleitet, die damit ihre Leistungsdefizite finanzierten. Dies bedeutete zugleich einen geringeren fiskalpolitischen Spielraum bei gleichzeitigem Zwang, den Druck auf das Beschäftigungsniveau zu kompensieren: Wenn die abhängigen Länder mehr Waren und Dienstleitungen einführen als ausführen, dann geht das mit negativen Auswirkungen auf die Beschäftigung einher. Dies spiegelte sich in Europa darin wider, dass vor allem in Griechenland und Italien die Staatsverschuldung stieg, während sie in Deutschland im Laufe der 1980er abgebaut werden konnte. Mit der EEA ab 1985 begannen die europäischen Leistungsbilanzungleichgewichte zu wachsen. Bis dahin war die deutsche Leistungsbilanz gegenüber EWS-Staaten nahezu ausgeglichen. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre verbesserte sich die Konkurrenzposition Deutschlands erheblich durch die reale Abwertung der D-Mark dank der vergleichsweise niedrigen Inflationsraten und die gleichzeitig relativ stabilen Wechselkurse – zudem sanken die Lohnstückkosten. 1989 waren die Leistungsbilanzüberschüsse Deutschlands doppelt so hoch wie noch 1985 – gegenüber Großbritannien verdreifachten sie sich sogar. Die Dominanz der D-Mark brachte noch mehr Ungleichheit mit sich: In der Periode 1979-1987 konnte die Bundesbank zwischen 60 und 80 Prozent der geldpolitischen Interventionen zugunsten der Wechselkursstabilität innerhalb von drei Monaten wieder neutralisieren, d.h. durch konträre Eingriffe zeitversetzt wieder rückgängig machen. In Frankreich und Italien lag der Umfang bei nur 30 und 40 Prozent. Hier zeigen sich deutlich die ungleichen Anpassungslasten. Zwischen 1985 und 1990 verlor der US-Dollar um 86 Prozent gegenüber der D-Mark an Wert. Deshalb drängten vor allem Frankreich und Italien auf eine institutionelle Stärkung des EWS. Die wachsende ökonomische Ungleichheit sollte währungs- und geldpolitisch abgefedert werden. Bereits während der Verhandlungen zur EEA verknüpfte Frankreich seine Zustimmung zur Vollendung des Binnenmarktes mit der Forderung, währungspolitische Kompetenzen auf die europäische Ebene zu verlagern. [François Mitterrand](http://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois%5FMitterrand?ref=blog.stuetzle.cc) ging davon aus, dass ohne eine gemeinsame, europäische Währung die europäischen Staaten »dem Willen der Deutschen unterworfen« seien. Es ist also ein in Deutschland gern bediente Mär, der Euro wäre das Faustpfand für die Wiedervereinigung gewesen. Heute vor 20 Jahren trat der [Vertrag von Maastricht](http://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag%5Fvon%5FMaastricht?ref=blog.stuetzle.cc) in Kraft. Ein Vertragswerk, das im Gegensatz zu Frankreichs Willen die deutsche Stabilitätskultur europäisierte. Letzteres lag durchaus in Deutschlands Interesse: > »Wir bringen die D-Mark nach Europa \[…\]. Der vereinbarte Vertrag (von Maastricht) über die Wirtschafts- und Währungsunion trägt in allen entscheidenden Punkten die deutsche Handschrift. Unsere bewährte Stabilitätspolitik ist zum Leitmotiv für die zukünftige europäische Währungsordnung geworden.« So der deutsche Bundesfinanzminister [Theo Waigel](http://de.wikipedia.org/wiki/Theo%5FWaigel?ref=blog.stuetzle.cc) 1991. ### Paul Mattick, das marxsche Kapital und die Arbeitslosenbewegung von Chicago URL: https://blog.stuetzle.cc/paul-mattick-das-marxsche-kapital-und-arbeitslosenbewegung-von-chicago/ Last updated: 2013-10-31T16:08:11.000Z ```
»An Marx interessiert mich wirklich nur dieser eine Gedanke, die Entdeckung der immanenten Widersprüche im kapitalistischen Produktionssystem.« (Paul Mattick)
``` ![](http://www.unrast-verlag.de/images/stories/virtuemart/product/978-3-89771-520-282.jpg) Der 1904 geborene [Paul Mattick ](http://de.wikipedia.org/wiki/Paul%5FMattick?ref=blog.stuetzle.cc)emigrierte 1926 in die USA. Ihm verhalf damals der Kölner Bürgermeister zum nötigen Kleingeld, Deutschland zu verlassen - [Konrad Adenauer](http://de.wikipedia.org/wiki/Konrad%5FAdenauer?ref=blog.stuetzle.cc). Mattick rechnete dem Bürgermeister vor, dass die zukünftige finanzielle Unterstützung mehr Kosten verursachen würde, als das Geld, das er für die Ausreise brauche. Das leuchtete Adenauer ein und sorgte umgehend für eine unbürokratische Lösung. Das ist nur eine von vielen Anekdoten, die [Michael Buckmiller](http://de.wikipedia.org/wiki/Michael%5FBuckmiller?ref=blog.stuetzle.cc) dem Rätekommunisten Mattick im Sommer 1976 in einem dreitägigen Gespräch entlockte. Das Interview ist nun zusammen mit literarischen Texten von Paul Mattick und einem Nachwort von Michael Buckmiller in der Reihe[ Dissidenten der Arbeiterbewegung](http://www.unrast-verlag.de/news/344-reihe-dissidenten-der-arbeiterbewegung?ref=blog.stuetzle.cc) im [Unrast-Verlag](http://www.unrast-verlag.de/?ref=blog.stuetzle.cc) erschienen. Dafür ist dem Verlag, Michael Buckmiller, den Herausgebern Marc Geoffroy und Christoph Plutte und vielen HelferInnen zu danken. Das Buch eröffnen Einblicke in einen fast vergessenen Alltag der proletarischen Weimarer Republik, Kämpfe jenseits von KPD und SPD und Intellektualität, die mehr mit Punk als mit Universität zu tun hat. ![](http://www.marxists.org/glossary/people/m/pics/mattick-paul.jpg) Bekannt ist Mattick vor allem durch seine [Keynes- und Keynesianismus-Kritik](http://www.marxists.org/archive/mattick-paul/1969/marx-keynes/index.htm?ref=blog.stuetzle.cc). Lesenswert sind seine Texte zur Herausbildung des New Deal, der Veränderung von kapitalistischer Ökonomie angesichts der Krise von 1929 und seine Ausführungen zur Arbeitslosenbewegung, in der er selbst aktiv war (siehe etwa [hier](http://www.marxists.org/deutsch/archiv/mattick/index.htm?ref=blog.stuetzle.cc)). Sein Text [»Arbeitslosigkeit, Arbeitslosenfürsorge und Arbeitslosenbewegung in den Vereinigten Staaten«](http://www.marxists.org/deutsch/archiv/mattick/1936/arbeitslosigkeit/index.htm?ref=blog.stuetzle.cc), 1936 für die [Zeitschrift für Sozialforschung](http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitschrift%5Ff%C3%BCr%5FSozialforschung?ref=blog.stuetzle.cc) geschrieben, wurde aufgrund politischer Differenzen nie gedruckt.\[1\. In der Zeitschrift *Radical America* erschien Mitte der 1970er ein lesenswerter Aufsatz von Roy Rosen­zweig, der an die Kämpfe und Orga­ni­sie­run­gen vor und wäh­rend der Great Depres­sion erin­nert: »Orga­ni­zing the Unem­ployed: The Early Years of the Great Depres­sion, 1929-1933«,[ PDF-Datei](http://dl.lib.brown.edu/pdfs/1124976690564299.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) (9,7 mb)\] Dreh und Angelpunkt von Matticks theoretischen Überlegungen und politischen Interventionen war das marxsche Kapital. Es lag also nahe, dass Mattick in Chicago, aktiv in der Arbeiter- und Arbeitslosenbewegung, 1933/1934 Kapital-Kurse organisierte. Im Gespräch mit Michael Buckmiller gibt er zu Protokoll: > *Das KapitalKapitalKapitalKapital* ### Luiz Ruffato: Es waren viele Pferde - eine Lesung URL: https://blog.stuetzle.cc/luiz-ruffato-es-waren-viele-pferde-eine-lesung/ Last updated: 2013-10-30T16:10:21.000Z ``` Nach der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt am Main müsste ein Name bekannt sein: Luiz Ruffato. Er war literarischer Eröffnungsredner, das Gastland war Brasilien. Sein Buch »Es waren viele Pferde« erschien 2012 im Hamburger Verlag Assoziation A. Am 27. Oktober 2013 las der Schauspieler Jörg Pohl im Hamburger GOLEM aus dem Roman. Im Anschluss führt Roger Behrens ein Gespräch mit Luiz Ruffato. ``` ``` [soundcloud params="auto_play=false&show_comments=false"]https://soundcloud.com/golem-dieuntuchtigen/luiz-ruffato-es-waren-viele[/soundcloud] ``` Die Soundcloud-Seite des Golem (mit vielen anderen Mitschnitten) findet ihr [hier](https://soundcloud.com/golem-dieuntuchtigen/?ref=blog.stuetzle.cc). ### Reaktionen auf und Buchvorstellung von »Austerität als politisches Projekt« URL: https://blog.stuetzle.cc/reaktionen-auf-und-buchvorstellung-von-austeritaet-als-politisches-projekt/ Last updated: 2013-10-28T09:15:56.000Z ``` Inzwischen liegen für »Austerität als politisches Projekt« erste Besprechungen vor. Weitere wurden bereits angekündigt. Das freut mich sehr. Das Buch stelle ich im Rahmen von Veranstaltungen auch hier und da vor. Ich habe begonnen, alles hier zu sammeln. ``` ### Das marxsche Kapital: unlesbar für Laien? URL: https://blog.stuetzle.cc/das-marxsche-kapital-unlesbar-fuer-laien/ Last updated: 2013-10-20T16:28:06.000Z ```
»Wer ›Das Kapital‹ lesen will, stößt auf eine Überfülle von Schwierigkeiten. Ja, man darf sagen, für Laien ist es überhaupt unlesbar. Und die meisten Menschen sind doch nun mal Laien.« (Julian Borchardt, 1919)
``` Letzte Woche referierte Fritz Fiehler im Rahmen der [Satellitenseminare](http://www.das-kapital-lesen.de/?page%5Fid=1047&ref=blog.stuetzle.cc) der Kapitalkurse über Einführungen ins marxsche Kapital. In der Veranstaltungseinladung hieß es: > Eine Einführung in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie ist immer schon eine Interpretation des Originals, eine bestimmte Lesart und eine Verdichtung des politisch-theoretischen Kontexts, in dem Marx jeweils rezipiert wurde. Das Kapital wird also immer neu gelesen – und anders. Warum? Welche Debatten, Auseinandersetzungen und Fragen bringen sie in spezifischer Form zum Ausdruck? Der Vortrag ist inzwischen [als Audiodokumentation verfügbar](https://soundcloud.com/rosaluxstiftung/fiehler?ref=blog.stuetzle.cc): ``` [soundcloud params="auto_play=false&show_comments=false"]https://soundcloud.com/rosaluxstiftung/fiehler[/soundcloud] ``` [![Renner](http://stuetzle.cc/wp-content/uploads/Renner.jpg)](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2013/10/Renner-1.jpg?ref=blog.stuetzle.cc) Fritz Fiehler konstatierte, dass sich frühe Einführungen meist auf die Darstellungen des ersten Bandes konzentrierten, auf die Darstellung der Wert- und Mehrwerttheorie. Das ist durchaus richtig. Leider gehen bei derartigen Verallgemeinerungen spannende Ausnahmen unter. Hierzu gehören im Fall der Einführungen bzw. popularisierender Darstellungen des Kapitals u.a. die »gemeinverständliche Ausgabe« des Kapitals (1919) von [Julian Borchardt](http://de.wikipedia.org/wiki/Julian%5FBorchardt?ref=blog.stuetzle.cc) und der Band »Die Wirtschaft als Gesamtprozess und die Sozialisierung« (1924) von [Karl Renner](http://de.wikipedia.org/wiki/Karl%5FRenner?ref=blog.stuetzle.cc). Denn: Beide Bücher haben alle drei Bände zum Gegenstand. So heißt es bei Renner: > Die vorliegende Arbeit unternimmt es nun, so kurz als möglich den Gesamtprozeß der Wirtschaft darzustellen und so aufzuzeigen, worauf das Marx‘sche System im Ganzen hinaus will. (S. 6) [![borchardt](http://stuetzle.cc/wp-content/uploads/borchardt.jpg)](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2013/10/borchardt-1.jpg?ref=blog.stuetzle.cc) Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis gibt zudem darüber Aufschluss, dass der oft vernachlässiget zweite Band ebenso Gegenstand der Darstellung ist wie der fünfte Abschnitt des dritten Bandes, wo Marx sich mit Kreditgeld und fiktivem Kapital herumplagt. Julian Borchardt, ehemaliges SPD-Mitglied, Kommunist, und später parteiloser MASCH-Lehrer hatte sich vorgenommen, »Marx selbst sprechen zu lassen« und hat eine Art redigiertes Lesebuch erstellt. Auch hier umfasst der Text den Stoff aller drei Bände. Wie Renner interessiert auch Borchardt, das ist sicherlich der revolutionären Zwischenkriegszeit geschuldet, die »Sozialisierung« – beide schrieben (wie auch [Karl Korsch](http://de.wikipedia.org/wiki/Karl%5FKorsch?ref=blog.stuetzle.cc)) nicht von »Verstaatlichung«. In 15 Monaten wurden von Borchardts Lesebuch 10.000 Exemplare verkauft. Das Buch war bereits Anfang der 1930er Jahre ins Englische, Russische, Bulgarische, Japanische, Hebräische und Spanische übersetzt worden. Borchardt hatte es im Zuge von Neuauflagen immer wieder überarbeitet und erweitert. So nahm er den zweiten Band des Kapitals (Zirkulation des Kapitals) und Ausführungen zur Krisentheorie erst nach der großen Krise von 1929 auf. [![borchardt-2](http://stuetzle.cc/wp-content/uploads/borchardt-2.jpg)](https://stuetzle.cc/wp-content/uploads/2013/10/borchardt-2-1.jpg?ref=blog.stuetzle.cc) Zwar erhielt Borchardt 1931 eine Berufung an das Marx-Engels-Institut nach Moskau, konnte die Stelle aufgrund einer Erkrankung aber nicht mehr annehmen. Er starb 1932 in Berlin. Wahrscheinlich hätte ihm die Arbeit in Moskau auch keinen Spaß gemacht: Bereits im Februar 1931 wurde Dawid Rjasanow, der bereits zuvor abgesetzte, ehemalige Leiter des Instituts, verhaftet (und 1938 ermordet). Dokumente über die politische Säuberung des Marx-Engels-Instituts 1931 und zur Durchsetzung der stalinschen Linie am vereinigten Marx-Engels-Lenin-Institut beim ZK der KPdSU finden sich im [*Sonderband 3* der *Beiträge zur Marx-Engels-Forschung*](http://marxforschung.de/2012/?page%5Fid=638&ref=blog.stuetzle.cc). ### We proudly present: PolyluxMarx. A Capital Workbook in Slides URL: https://blog.stuetzle.cc/we-proudly-present-polyluxmarx-a-capital-workbook-in-slides/ Last updated: 2013-10-18T14:21:10.000Z ``` polyluxmarx-en ``` For several years now, people have been starting to dust off Marx and return to his analysis of society. This is mainly due to the social turmoil in global capitalism, weaknesses in prevailing explanations of economic relationships and the harrowing crises the world has faced since the 1990s. In particular, a younger generation of readers – untainted by former ideological battles – is starting to read Capital. Whether in universities, educational institutions, unions, or in their own living rooms, small groups are discussing Marx’s critique of political economy. This is exactly what [PolyluxMarx](http://www.polyluxmarx.de/en/home.html?ref=blog.stuetzle.cc) aims to support. This website provides a collection of annotated PowerPoint slides that illustrate the central arguments from Capital. We also use concise introductory texts and notes on methodology and learning to make Capital easier to read. You can download all of the PowerPoint slides available on [polyluxmarx.de/en/](http://www.polyluxmarx.de/en/home.html?ref=blog.stuetzle.cc) and preview the first slide in a set by clicking on it. ### Gramsci lesen URL: https://blog.stuetzle.cc/gramsci-lesen/ Last updated: 2013-10-18T09:52:16.000Z [![](http://argument.de/bilder/gramsci/gramscilesenx.jpg)](http://argument.de/wissenschaft/gramsci%5Fframe.html?ref=blog.stuetzle.cc) Diese Woche hat in Berlin der [Gramsci-Lesekurs](http://www.rosalux.de/news/39777/antonio-gramsci-lesen.html?ref=blog.stuetzle.cc) begonnen. Pünktlich ist auch ein [Gramsci-Reader](http://argument.de/wissenschaft/gramsci%5Fframe.html?ref=blog.stuetzle.cc) erschienen, der einen guten Einstieg in die Gefängnishefte bietet. Obwohl ich das Buch lobe, muss ich es noch nicht in der Hand gehabt haben. Das habe ich bei [Gramsci](http://de.wikipedia.org/wiki/Gramsci?ref=blog.stuetzle.cc) gelernt, der gleich im ersten Heft (§6) seiner [Gefängnishefte](http://de.wikipedia.org/wiki/Gef%C3%A4ngnishefte?ref=blog.stuetzle.cc) zustimmend [Antoine de Rivarol](http://de.wikipedia.org/wiki/Antoine%5Fde%5FRivarol?ref=blog.stuetzle.cc) zitiert: > »Um ein Buch zu loben, ist es keineswegs nötig, es zu öffnen; aber wenn man beschlossen hat, es zu kritisieren, ist es immer klug, es zu lesen. Wenigstens solange der Autor am Leben ist.« [Anton Tanter](http://adresscomptoir.twoday.net/stories/518217024/?ref=blog.stuetzle.cc) hat eine andere schöne Passage entdeckt, in der sich Gramsci (Heft 8, §57, §60, Seite 977f.) über das Rezensieren äußert: > Als einzelner kann keiner die ganze über eine Gruppe von Themen veröffentlichte Literatur verfolgen, ja nicht einmal die über ein einziges Thema. Der kritische Informationsdienst für ein mäßig gebildetes Publikum oder für eines, das ins kulturelle Leben einsteigt, über alle Veröffentlichungen zu der Gruppe von Themen, die es besonders interessieren können, ist eine Pflichtleistung. Wie die Regierenden ein Sekretariat oder eine Pressestelle haben, die sie periodisch oder täglich über alle Publikationen informiert halten, deren Kenntnis für sie unverzichtbar ist, so tut es eine Zeitschrift für ihr Publikum. Sie wird ihre Aufgabe festlegen, sie eingrenzen, aber das ist ihre Aufgabe: dies verlangt jedoch, daß ein organischer und vollständiger Informationsblock geboten wird: begrenzt, aber organisch und vollständig. Die Rezensionen dürfen nicht zufällig und unregelmäßig sein, sondern systematisch, und sie müssen unbedingt von rückblickenden »zusammenfassenden Übersichten« zu den wesentlichsten Themen begleitet sein. Anschließend unterscheidet Gramsci zwei Typen von Rezensionen: > ›zusammenfassende‹ Rezensionen zu den Büchern, von denen man glaubt, daß sie nicht gelesen werden können, und Rezensionen-Kritiken zu den Büchern, die man zur Lektüre zu empfehlen für notwendig hält, aber natürlich nicht einfach so, sondern nachdem man deren Grenzen bestimmt und die teilweisen Mängel angegeben hat usw. Diese zweite Form ist die wichtigere und wissenschaftlich angemessenere, und sie muß wie eine Mitarbeit des Rezensenten an dem vom rezensierten Buch behandelten Thema aufgefaßt werden. Gramsci wird seit einigen Jahren wieder verstärkt diskutiert und rezipiert. Das Interesse scheint derart groß zu sein, dass es sich auch lohnt, eine Biographie auf den Markt zu bringen. So [legte Rotbuch die Gramsci-Biographie von Giuseppe Fiori](http://www.rotbuch.de/buch/sku/72733/das-leben-des-antonio-gramsci.html?ref=blog.stuetzle.cc) neu auf. Auch ein gutes Buch. Und um es klarzustellen: Das Buch hatte ich nicht nur in der Hand, sondern habe es auch gelesen - allerdings die alte Auflage. ### Aufgeblättert: Europas Revolution von oben URL: https://blog.stuetzle.cc/aufgeblaettert-europas-revolution-von-oben/ Last updated: 2013-10-17T12:25:28.000Z ``` Steffen Vogel nimmt Angela Merkels Forderung einer »marktkonformen Demokratie«, die sie 2011 auf einer Pressekonferenz formulierte, als Ausgangspunkt, die letzten Jahre Austeriätpolitik Revue passieren zu lassen. In fünf Kapiteln zeichnet Vogel die Krise nach, die spezifischen Bedingungen in Spanien und Griechenland, wie die Troika in der Eurozone agierte und schließlich Deutschland die EU nach seinem Sparbilde formte: Schuldenbremse für alle. Vogel schließt mit einer solidarischen Referenz auf die Proteste der letzten Jahre: »Die Zukunft Europas wird heute in Sitzungssälen geschrieben. Ab morgen sollte sie auf den Straßen und Plätzen geschrieben werden.« Das Buch ist mit heißer Nadel gestrickt, will es doch am Puls der Zeit linken AktivistInnen und kritischen Köpfen eine Handreichung zur Eurokrise geben. Wer Details und wichtige Weichenstellungen der letzten Jahre Zeitungslektüre vergessen hat, wird für das Buch dankbar sein. Leider fehlt etwas analytischer Tiefgang. Nicht diskutiert wird, was ein Staat und was die EU als politisches Gebilde ist und wie sich Privatinteressen gesellschaftlich verallgemeinern. Für Vogel wird eine falsche Politik verfolgt bzw. eine, die bestimmten Interessen nützt. Wichtig für linke Gegenmacht ist jedoch zu verstehen, wie sich deutsche Interessen und die spezifischen Kapitalfraktionen als Allgemeininteressen europäisch verallgemeinern konnten und welche Rolle europäische Staatlichkeit dabei spielte. ``` **Ingo Stützle** Steffen Vogel: [Europas Revolution von oben. Sparpolitik und Demokratieabbau in der Eurokrise. Laika Verlag, Hamburg](http://www.laika-verlag.de/laika-diskurs/europas-revolution-von-oben?ref=blog.stuetzle.cc). 165 Seiten, 19,80 EUR. Erschienen in: [ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 587](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak587/28.htm?ref=blog.stuetzle.cc) vom 15.10.2013 ### FAQ. Noch Fragen? Gefährdet der Shutdown den Weltmarkt? URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-gefaehrdet-der-shutdown-den-weltmarkt/ Last updated: 2013-10-15T08:03:22.000Z ```
Lincoln Memorial during the Government Shutdown. (flickr/J. Sonderman)
``` Anfang Oktober 2013\. Die Freiheitsstatue, Parks und Museen sind geschlossen - die USA pleite? Nur noch elementare staatliche Dienstleistungen werden garantiert. Selbst die Geheimdienste leiden unter dem zugedrehten Geldhahn. Der Finanzsoziologe Rudolf Goldscheid erklärte das Budget als das »aller verbrämenden Ideologie entkleidete Gerippe des Staates«. Die Medien interessierte jedoch weniger das aufklärerische Moment des Shutdown - nämlich dass offensichtlich wurde, was den Staat im Innersten zusammenhält: die organisierte Gewalt -, als vielmehr, ob die Weltwirtschaft am Abgrund stehe. Dass es zum Shutdown, dem »Herunterfahren« des Staates kommen kann, liegt daran, dass das staatliche Geldausgeben besonderen Regeln unterliegt, weil es auf der Besteuerung beruht. Als Herrschaftsakt, als fortlaufende Enteignung der Bevölkerung, unterliegt die Besteuerung einer besonderen Legitimationsnotwendigkeit. Dazu gehören: Monopolisierung von Abgaben durch den Staat, rationale, d.h. bürokratische Organisation des Steuerwesens, Mitsprache, Mitbestimmungs- und Kontrollrechte, umfassendes Steuer- und Ausgabenbewilligungsrecht in den Parlamenten. Für die Verabschiedung des US-Haushalts bedarf es der Zustimmung beider Kammern (Repräsentantenhaus und Senat) und des Präsidenten. Erst wenn nach einem Beratungsprozess alle dem Bewilligungsgesetz zugestimmt haben, kann es der Präsident unterschreiben. Auch eine gesetzliche Schuldenobergrenze muss im Rahmen des jährlichen Haushaltplans genehmigt werden. Anfang Oktober weigerten die Republikaner sich, dem Budget zuzustimmen. Dass es schließlich zu einem Shutdown kommt, geht auf den sogenannten Antideficiency Act von 1870 zurück. Ziel des Gesetzes ist es zu verhindern, dass staatliche Institutionen Geld ausgeben, bevor darüber politisch abgestimmt wurde. Eine wichtige Verschärfung wurde 1980 eingeleitet, also bevor Ronald Reagan das neoliberale Ruder in den USA übernahm. Unter demokratischer Präsidentschaft sorgte der Justizminister Benjamin Civiletti für eine Verschärfung, die bis heute gilt: Wenn es keine Rechtsgrundlage für Staatsausgaben gebe, so ließ er in einem Rechtsgutachten feststellen, kein Haushalt verabschiedet wurde, dürfe niemand umsonst oder in der Hoffnung arbeiten, einmal dafür bezahlt zu werden. Warum aber hat der US-Haushalt einen derartigen Einfluss auf die Weltwirtschaft? Der Grund ist u.a., dass das globale Weltfinanzsystem, die Kreditgeldschöpfung und der Weltmarkt nicht ohne Staatsverschuldung bzw. Staatspapiere funktionieren. Die Steuern ermöglichen als gesetzlich gesicherter, dauerhafter Zugriff auf den Reichtum der Gesellschaft, dass die Verschuldung zu einer normalen Finanzierungsquelle des Staates wird. Als Steuerstaat ist er kreditwürdig, der öffentliche Kredit die Vorwegnahme zukünftiger Steuereinnahmen. Während der Staat mit Steuern der Privatwirtschaft und den BürgerInnen liquide Mittel entzieht, die Nachfrage oder Investitionen bedeuten könnten, bieten die Staatsschulden als Wertpapiere für das Finanzkapital eine sichere Geldanlage. Die Staatsanleihen können zudem von den Geschäftsbanken bei den Zentralbanken als Sicherheiten gegen frisches Geld hinterlegt werden. Staatsschulden sind derart das elementare Moment der Kreditgeldschöpfung. Aber nicht nur das. Staatsanleihen sind eine tragende Säule der Weltfinanzmärkte. Denn bei all ihrer riskanten Spekulation mit Derivaten, Rohstoffen und Aktien kennen die Finanzanleger einen »sicheren Hafen«: Staatsanleihen, auf deren Wertbeständigkeit sie sich verlassen. Das sind natürlich nicht Staatsanleihen von jedem beliebigen Staat, sondern von einem Staat, der über das Weltgeld verfügt, den US-Dollar. Hinzu kommen deutsche, japanische und britische Anleihen. »Moderne Finanzsysteme sind auf Staatsanleihen angewiesen.«, so der DIW-Wochenbericht (44/2011). Das zeigt ein Beispiel: Anfang August 2011 stufte die Ratingagentur Standard & Poor's die USA erstmals seit 1941 von der Spitzenbonitätsnote AAA auf AA+ herab. Auch damals wurde über die US-Schuldenobergrenze gestritten. Der Grund für das Downgrade war jedoch nicht, dass die USA nicht mehr kreditwürdig waren, sondern, dass die Anhebung der Schuldengrenze von den RepublikanerInnen politisch verzögert wurde. Die Folge war jedoch keine Flucht aus US-Staatspapieren, sondern ein Run auf die sicheren Wertpapiere, weil Turbulenzen auf den Aktienmärkten erwartet wurden. Derzeit liegt die Schuldenobergrenze bei 16,7 Billionen US-Dollar und wird am 17\. Oktober erreicht. 2013 ist es die Ratingagentur Moody's, die vor einer Zahlungsunfähigkeit warnt, und vielleicht ist sie dieses Mal an der Reihe, der mächtigsten Volkswirtschaft der Welt ein Downgrade zu verpassen. **Ingo Stützle** Erschienen in: [ak - analyse & kritik](http://www.akweb.de/?ref=blog.stuetzle.cc). Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 587 vom 15.10.2013 ### Bitcoins: »Wahrscheinlich werden wir sie einfach liquidieren« URL: https://blog.stuetzle.cc/bitcoins-wahrscheinlich-werden-wir-sie-einfach-liquidieren/ Last updated: 2013-10-09T08:23:42.000Z ``` Anfang Oktober wurde die Handelsplattform Silk Road abgeschaltet. Die Website konnte man nur über das Anonymisierungsnetzwerk Tor erreichen. Silk Road wird verdächtigt, dem Drogenhandel zu dienen. Bezahlt wurde nur mit Bitcoins. »Das FBI geht davon aus, dass auf Silk Road illegale Güter in einem Umfang von 9,5 Millionen Bitcoin gehandelt wurden, das entspricht fast einer Milliarde Euro« heißt es bei golem.de. ``` Stellt sich die Frage, was das ermittelnde FBI mit den beschlagnahmten Bitcoins macht. Kommen sie in die Asservatenkammer? Gibt es bereits so etwas wie eine digitale Asservatenkammer? Zumindest den bekannten Suchmaschinen ist nichts bekannt. Aber vielleicht weiß [Anton Tanter](http://tantner.net/?ref=blog.stuetzle.cc) ja etwas. Laut FBI blüht den beschlagnahmten Bitcoins ein ganz anderes Szenario: »Wir werden die Bitcoins herunterladen und aufbewahren«, antwortete eine laut[ SpiegelOnline](http://www.spiegel.de/netzwelt/web/fbi-hat-26-000-bitcoins-von-silk-road-nutzern-beschlagnahmt-a-926416.html?ref=blog.stuetzle.cc) eine FBI-Sprecherin. Wenn das Gerichtsverfahren beendet ist, soll mit den Bitcoins etwas passieren, was in Zeiten von NSA-Skandal, [Big Data](http://de.wikipedia.org/wiki/Big%5FData?ref=blog.stuetzle.cc) eher ungewöhnlich ist: »Wahrscheinlich werden wir sie einfach liquidieren.« Das FBI könnte also einfach die Delete-Taste drücken. So einfach. Ob sie das bei wirklichem Geld auch machen würden? Wohl eher nicht. Ich hatte mich ja vor einigen Tagen gefragt, [ob Bitcoins Geld sind oder nicht viel eher Zahlungsversprechen](http://stuetzle.cc/2013/09/faq-noch-fragen-sind-bitcoins-geld/?ref=blog.stuetzle.cc). Wie auch immer: Über einen derartigen vom FBI angekündigten Delete-Vorgang würden sich so manche NetzaktivistInnen freuen – nur eben bei anderen angefallenen Daten. ### Das »ökonomische Niveau von Dampflokomotiven«, Konsolenspielen und Apps URL: https://blog.stuetzle.cc/das-oekonomisch-das-niveau-von-dampflokomotiven-konsolenspielen-und-apps/ Last updated: 2013-10-01T14:00:03.000Z ``` Sabine Nuss und ich antworteten vor ein paar Wochen auf einen nd-Beitrag von Manfred Sohn, in welchem er die Produktivkraftentwicklung der elektronischen Datenverarbeitung und Kommunikationstechnologie als endgültige Krisenursache für den Kapitalismus festmacht: ``` > Das lächerliche Handygebimmel hat weder akustisch noch ökonomisch das Niveau von Dampflokomotiven, Strommasten oder dem Model T ![](http://farm4.staticflickr.com/3003/2522102212_8323fba08b.jpg) Jenseits der theoretischen Kritik, [die wir in unserem Artikel skizziert haben](http://www.neues-deutschland.de/artikel/832009.der-alte-schlawiner-lebt.html?ref=blog.stuetzle.cc) (und Sabine auch in ihrem Buch *[Copyright & Copyriot ](http://wbk.in-berlin.de/wp%5Fnuss/dissertation/?ref=blog.stuetzle.cc)*ausgeführt hat), sind mir in den letzten Tagen zwei Zahlen untergekommen, die sehr deutlich zeigen, dass in Sachen Profit in der informationellen Industrie viel Luft nach oben ist: Der Studie der *Association for Competitive Technology* zufolge sind allein in der sog. App-Industrie 529.000 Personen vollzeitbeschäftigt. In den letzten fünf Jahren sind in diesem Bereich in Europa etwa 800.000 neue Arbeitsplätze geschaffen worden. ([futurezone.at](http://futurezone.at/b2b/800-000-arbeitsplaetze-durch-die-europaeische-app-industrie/25.664.780?ref=blog.stuetzle.cc)) Ein weiteres Beoispiel: Allein am ersten Verkaufstag brachte das Konsolenspiel »Grand Theft Auto V« zirka das Dreifache der Herstellungskosten ein, 800 Millionen US-Dollar. Dabei wurde es in vielen Ländern erst ein paar Tage angeboten und die Onlineversion ist noch gar nicht veröffentlicht ([spiegel.de](%28http://www.spiegel.de/netzwelt/games/grand-theft-auto-v-bringt-am-ersten-tag-800-millionen-dollar-a-923165.html)). ### Der süße Klang von Ordnung. 1973 als Jahr des Neoliberalismus URL: https://blog.stuetzle.cc/der-suesse-klang-von-ordnung-1973-als-jahr-des-neoliberalismus/ Last updated: 2013-10-01T09:08:28.000Z ``` Auf Rainer Hank ist verlass. Wenige Tage vor dem Scheitern der FDP am 22. September machte er sich anlässlich der Verleihung des Karl-Hermann-Flach-Preises in der FAZ Gedanken über die Zukunft des Liberalismus und blickte deshalb zurück ins Jahr 1973 – das Jahr des Putsches in Chile vor 40 Jahren. ``` Das liest sich dann so: > Was war los in diesem Jahr der Zäsur 1973? Das dominierende Thema des Sommers war die sich zuspitzende Situation in Chile, die schließlich am 11\. September 1973 zu jenem gewaltsamen Putsch führte, mit welchem General Augusto Pinochet den 1970 demokratisch an die Macht gekommenen sozialistischen Präsidenten Salvador Allende entmachtete und mit seiner Junta eine Militärdiktatur errichtete, die sich bis 1990 halten konnte. Auf die Menschenrechtsverletzungen, darunter mehrere Tausende Ermordete, mehrere zehntausend Fälle von Folter und gewaltsam „verschwundenen“ Chilenen, reagierte die Welt mit großem Abscheu. Ja, wirklich. Abscheu? Das liest sich etwa bei [Wikipedia](http://de.wikipedia.org/wiki/Putsch%5Fin%5FChile%5F1973?ref=blog.stuetzle.cc#Internationale%5FReaktionen%5Fauf%5Fden%5FPutsch) ganz anders. > »Angesichts des Chaos, das in Chile geherrscht hat, erhält das Wort Ordnung für die Chilenen plötzlich wieder einen süßen Klang.« (Franz Josef Strauß) Aber weiter im FAZ-Text: > Worüber in Deutschland nicht gesprochen wurde: Allende hatte sein Land vollkommen heruntergewirtschaftet. Das im August 1973 von der Volksfront hinterlassene Erbe glich einer Konkursmasse. Nur der Sozialist Allende und seine Regierung waren für die wirtschaftliche Entwicklung verantwortlich? Demzufolge der Putsch gar nicht so schlimm und »neoliberale Modernisierung« mehr als gut und richtig? Wer sich ein wenig Mühe macht weiß, dass auch der wirtschaftliche Niedergang ein Produkt der neoliberalen und putschbereiten Kräfte war. Auch das ist [mit ein paar Klicks bei Wikipedia nachzulesen](http://de.wikipedia.org/wiki/Putsch%5Fin%5FChile%5F1973?ref=blog.stuetzle.cc). Für die neoliberale Konterrevolution ist besonders die Rolle der [sog. Chicago Boys](http://de.wikipedia.org/wiki/Chicago%5FBoys?ref=blog.stuetzle.cc) hevorzuheben. Deren intellektuellen Väter und Stichwortgeber, Milton Friedman und Friedrich August von Hayek, zitiert Hank in seinem Text mehr als ein Mal. Ein Hayek-Zitat führt Hank jedoch nicht an: Friedrich August von Hayek äußerte sich anlässlich der 1981 in Chile stattfindenden Tagung der Mont Pèlerin Society gegenüber der Zeitung El Mercurio wie folgt über die Diktatur Pinochets und den Grundgedanken der neuen Verfassung: > Eine freie Gesellschaft benötigt eine bestimmte Moral, die sich letztlich auf die Erhaltung des Lebens beschränkt: nicht auf die Erhaltung allen Lebens, denn es könnte notwendig werden, das eine oder andere individuelle Leben zu opfern zugunsten der Rettung einer größeren Anzahl anderen Lebens. Die einzig gültigen moralischen Maßstäbe für die ›Kalkulation des Lebens‹ können daher nur sein: das Privateigentum und der Vertrag. Zu [Mythos und Realität der Rolle der Chicago Boys](http://stuetzle.cc/2013/09/fest-im-neoliberalen-sattel-mythos-und-realitaet-die-rolle-der-chicago-boys-in-der-wirtschaftspolitischen-konterrevolution/?ref=blog.stuetzle.cc) habe ich für den ak-Schwerpunkt (September) zum Putsch in Chile und die Folgen auch einen Beitrag beigesteuert. Was 40 Jahre Neoliberalismus in Chile angerichtet haben, nämlich eine soziale Katastrophe, hat Carlos Pérez Soto in seinem [40-seitigen Text »Im Land des depressiven Zusammenbruchs«](http://www.medico.de/datei/carlos-prez-soto-40-jahre-neoliberalismus-in-chile.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) eindringlich ausgeführt. ### FAQ. Noch Fragen? Sind Bitcoins Geld? URL: https://blog.stuetzle.cc/faq-noch-fragen-sind-bitcoins-geld/ Last updated: 2013-09-20T07:54:59.000Z Mitte August war zu lesen, dass das Bundesfinanzministerium die virtuelle »Währung« Bitcoins als Rechnungseinheit anerkennt. Das geht aus einer [kleinen Anfrage des FDP-Bundestagsabgeordneten Frank Schäffler](https://www.frankschaeffler.de/bitcoin-alle-anfragen-und-antworten-im-volltext/?ref=blog.stuetzle.cc) hervor. Bitcoins sind Münzen (Coins), die eine digitale Form haben. »Bit« verweist auf die Binärziffern (1/0), die Einheiten mit denen die Informationstechnologie arbeiten und Datenmengen und -übertragung gemessen werden ([acht Bits sind ein Byte](https://de.wikipedia.org/wiki/Byte?ref=blog.stuetzle.cc)). Auf Grundlage der auch bei Musiktauschbörsen verwendeten [BitTorrent-Technik](http://de.wikipedia.org/wiki/BitTorrent?ref=blog.stuetzle.cc) (Peer-to-Peer) organisiert ein Bitcoinnetzwerk den Bezahlvorgang. Das Netzwerk setzt auf eine ähnliche Verschlüsselung wie PGP (Pretty Good Privacy), garantiert derart die Authentizität der Vorgänge und soll die Bitcoins fälschungssicher machen. Kein Wunder also, dass das Konzept 2008 auf einer Mailingliste für Kryptografie erstmals öffentlich diskutiert wurde. Eine vollständige Anonymität kann es deshalb jedoch nicht geben. Die Bestätigung eines Bezahlvorgangs durch das gesamte Netzwerk, der Kern der Idee, bedeutet, dass Anonymität nicht möglich ist. Die Transaktionen werden in einer »History« gespeichert. Damit geht jedoch ein Vorteil von Geld verloren: Geld stinkt plötzlich wieder. Was versprechen Bitcoins? Im Netzwerkprotokoll ist festgelegt, dass es nur 21 Millionen Bitcoineinheiten geben darf. Die Geldmenge ist also begrenzt und wird durch sogenanntes Mining gefördert. Dafür lösen Computer der NetzwerkteilnehmerInnen sinnlose und immer aufwendigere Rechenaufgaben. Wer sich ständig dabei beteiligt, hat eine größere Chance, einen der alle zehn Minuten zufällig ausgeschütteten Bitcoins zu erhalten, die dann weiterverkauft werden können. Inzwischen ist das jedoch für PrivatanwenderInnen nicht mehr lukrativ, da die Kosten für den für das Mining aufgewendete Strom etc. den Wert der gehobenen Bitcoins nicht mehr aufwiegen. Bitcoins sind bisher nicht besonders handlich. Sie haben auch nicht wie Regionalwährungen den Zweck, regionale Wirtschaftskreisläufe zu unterstützen. Was macht Bitcoins so attraktiv? Die Affinität speist sich aus einer gewissen Staatsskepsis - und Inflationsangst. Deshalb ist die Gesamtmenge auch begrenzt. Die Angst vor Inflation ist der dominierende Soundtrack - von den ersten Gründungsdokumenten bis zu aufwendig produzierten Werbeclips. Auf [Bitcoin.de](http://www.bitcoin.de/?ref=blog.stuetzle.cc) beginnt der Film auch gleich mit der Inflationsgefahr - im Hintergrund hängt der neoklassische Fundamentalist [Friedrich August von Hayek](https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich%5FAugust%5Fvon%5FHayek?ref=blog.stuetzle.cc) an der Wand. Deshalb passt es auch, dass Schäffler die Anerkennung von Bitcoins als Privatgeld mit einem Hayek-Zitat begrüßt, der so liberal war, dass er dem Staat absprach, Geld »prägen« zu dürfen. Vielmehr sollten vieler Gelder auf dem Markt um Vertrauen konkurrieren. Damit gründet die Alternativwährung auf einer neoklassischen Argumentation, die sich fundamental von einer marxschen oder auch keynesianischen Argumentation unterscheidet. Allein die Geldmenge bestimmt das Preisniveau. (Siehe [ak 551](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak551/38.htm?ref=blog.stuetzle.cc)) Bitcoins sind derzeit vor allem Spekulationsobjekt. Sie werden in der Hoffnung gekauft, sie teurer wieder verkaufen zu können. Kursbewegungen von bis zu 20 Prozent sind keine Seltenheit. Im April 2013 schwankte die scheinbar stabile Währung an einem Tag zwischen 263 und 135 US-Dollar. Wer will mit einem solchen »Geld« seine Brötchen kaufen? Genau hier zeigt sich auch, dass Bitcoins eben kein Geld sind. Im [»Bitcoinparadies« Gräfekiez](http://www.welt.de/finanzen/geldanlage/article119820142/Wie-Berlin-zur-weltweiten-Bitcoin-Hauptstadt-wurde.html?ref=blog.stuetzle.cc) in Berlin zahlt man de facto in Euro. Der zum Verkauf angebotene Burger ist in Euro ausgeschrieben. Erst beim Bezahlvorgang wird der Preis in Bitcoins umgerechnet - und zwar zum Kurs, den das jeweilige App des Smartphones anbietet (etwa über [bitcoincharts.com](http://www.bitcoincharts.com/?ref=blog.stuetzle.cc)) - also nicht einmal zum offiziellen Kurs. Das bedeutet: Beim Burgerkauf verkauft der Käufer Bitcoins an den Verkäufer in Euro. Der Euro ist hier also nach wie vor Maß der Werte und der Maßstab der Preise, das, was das Geld zum Geld macht. Dass etwas, was kein Geld ist, Geldfunktion übernehmen kann, ist nicht neu. Seit Hunderten von Jahren werden mit Zahlungsversprechen (etwa Wechsel) Transaktionen getätigt. Bei der Debatte um Bitcoins wird deshalb eine Diffusion wiederbelebt, mit der schon Marx zu kämpfen hatte: Was ist Geld, was ein Zahlungsversprechen, was Kredit und wieso bringt der Warentausch organisch immer wieder neue Formen des Handelskredits und »Privatgeld« hervor? Bitcoins sind also auch Zahlungsversprechen. Es ist ein Versprechen auf richtiges Geld. Fehlt das Vertrauen, dass hinter einem Versprechen auch tatsächliche Bezahlung steht, kann auch ein Bitcoin sehr schnell nichts mehr Wert sein. Da nützt auch ein ausgeklügeltes System nichts. **Ingo Stützle** Erschienen in: [ak - analyse & kritik](http://www.akweb.de/ak%5Fs/ak586?ref=blog.stuetzle.cc). Zeitung für linke Debatte und Praxis, Nr. 586 vom 17.9.2013 ### Die Europapolitik des deutschen Machtblocks und ihre Widersprüche URL: https://blog.stuetzle.cc/die-europapolitik-des-deutschen-machtblocks-und-ihre-widersprueche/ Last updated: 2013-09-19T06:30:42.000Z ```