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# Geschichte wiederholt sich nicht. Wenn ›Zeitstau‹ 1929/2010 eine Panik provoziert
- URL: https://blog.stuetzle.cc/geschichte-wiederholt-sich-nicht-wenn-zeitstau-19292010-eine-panik-provoziert/
- Published: 2010-06-28T12:00:57.000Z
- Updated: 2010-06-28T12:00:57.000Z
- Author: Ingo Stützle
- Tags: Allgemein, Euro, Finanzmarktkapitalismus, Kapitalismuskritik, Keynes, Krise, Marx, Neoklassik, Neoliberalismus, #Migrated-1743429888794, #wp, #wp-post, #Import 2025-03-31 16:05

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			<figure class="kg-card kg-image-card"><img src="http://www.stuetzle.cc/wp-content/uploads/Rettungsschirm-300x214.jpg" class="kg-image" alt loading="lazy" title="Rettungsschirm" width="278" height="198"></figure>

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Was konkret im Vorfeld der Entscheidung in der Nacht zum 10\. Mai 2010 passiert ist, ist immer noch nicht im Detail klar. So etwa was genau hinter dem [Flash Crash](http://de.wikipedia.org/wiki/Flash%5FCrash?ref=blog.stuetzle.cc) vom 6\. Mai steckte (*[ftd](http://www.ftd.de/finanzen/maerkte/marktberichte/:1000-punkte-rutsch-das-geheimnis-des-grossen-boersencrashs/50113071.html?ref=blog.stuetzle.cc)*, *[spiegel-online](http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,693483,00.html?ref=blog.stuetzle.cc)*). In jedem Fall haben die Finanzminister der 27 EU-Länder in der Nacht zum Montag 10\. Mai beschlossen, dass ein [750 Milliarden Euro großer Rettungsschirm](http://www.faz.net/s/Rub3ADB8A210E754E748F42960CC7349BDF/Doc~EBBB63C0A4C3541F39C77A9D53C4F8FCE~ATpl~Ecommon~Scontent.html?ref=blog.stuetzle.cc) die Gemeinschaftswährung schützen soll. Zeitgleich entschied sich die Europäische Zentralbank (EZB) für ihre Verhältnisse recht unkonventionelle Eingriffe.

[Im letzten Monatsbericht (Juni 2010)](http://www.bundesbank.de/download/ezb/monatsberichte/2010/201006.mb%5Fezb.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) lässt die EZB die dramatischen Stunden nochmals Revue passieren ([Zusammenfassung](http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,701444,00.html?ref=blog.stuetzle.cc) beim *spiegel-online*). Wohl auch deshalb, um ihre ungewohnten Schritte, die schnell in der Kritik waren, zu rechtfertigen. In diesem Bericht findet sich ein Detail, das besonders nett ist. Dieses zeigt, dass Crashs trotz aller Unterschiede eben doch ähnlich sind. Auch wenn wir inzwischen im ach so modernen 21\. Jahrhundert leben und im Gegensatz zu 1929 so etwas wie Computer und IT-gestützte Handelsplattformen haben. Über den beschleunigten Handel mit Währungen, Aktien und Derivaten ([High Frequency Trading](http://de.wikipedia.org/wiki/Automatisierter%5FHandel?ref=blog.stuetzle.cc)) wurde in den letzten Monaten immer wieder berichtet. Das alles bewegt sich natürlich auf höchstem technischen Niveau - schließlich gehören Fernschreiber oder Telefon der Vergangenheit an. Doch: Pustekuchen.

Im [EZB-Monatsbericht](http://www.bundesbank.de/download/ezb/monatsberichte/2010/201006.mb%5Fezb.pdf?ref=blog.stuetzle.cc) ist zu lesen:

> »Die außergewöhnliche Entwicklung an den Finanzmärkten am 6\. und 7\. Mai hatte auch Auswirkungen auf CLS, das weltweit größte mehrwährungsfähige Abwicklungssystem für Devisenhandelsgeschäfte. Das CLS-System wurde 2002 eingeführt, um das Erfüllungsrisiko bei Devisentransaktionen mit verschiedenen Währungen auszuschalten. Aufgrund der Marktturbulenzen wurden deutlich mehr Anweisungen zur Abwicklung von Devisengeschäften an CLS gerichtet. Am 7\. Mai wurden mehr als 1,5 Millionen Transaktionen 3 abgewickelt, und das Abwicklungsvolumen lag noch bis zum 12\. Mai über 1 Mio € …, war also mehrere Tage lang doppelt so hoch wie im gewöhnlichen Tagesdurchschnitt. Die Situation wies gewisse Ähnlichkeiten mit der Situation am 17\. September 2008 auf, als die Zahl der Transaktionen in die Höhe schnellte und auf über 1,5 Mio stieg … CLS konnte die Anforderungen erfolgreich bewältigen, die unerwartet hohen Abwicklungsvolumina wirkten sich aber sowohl auf die Eingabe als auch auf den Empfang von Benachrichtigungen durch die Teilnehmer aus. Wenngleich es keine Seltenheit ist, dass bei den Transaktionszahlen Spitzenwerte erreicht werden – insbesondere bei Abwicklungen in einer Währung am ersten Geschäftstag nach einem Feiertag im entsprechenden Währungsgebiet –, so war das Input-Niveau, das Anfang Mai angesichts der angespannten Marktlage verzeichnet wurde, zeitweise fast doppelt so hoch wie unter normalen Umständen. Dadurch kam es gelegentlich zu Rückständen innerhalb des CLS-Systems an sich, bei den Member-Gateways des CLS-Systems (d.h. bei den direkten Teilnehmern an CLS) und bei den internen Systemen vereinzelter CLS-Mitglieder, die an diesen Tagen eine sehr hohe Zahl an Transaktionen verarbeiteten. Dieser Bearbeitungsrückstand im CLS-Umfeld insgesamt führte zu Unsicherheit, da es über einen längeren Zeitraum außergewöhnlich viele offene Geschäfte gab. Folglich wurden Bedenken laut, dass ein schwerwiegenderes systemisches Problem und nicht bloß ein sprunghafter Anstieg des Volumens die Verzögerungen bedingt haben könnte.«

Bei [John Kenneth Galbraith](http://de.wikipedia.org/wiki/John%5FKenneth%5FGalbraith?ref=blog.stuetzle.cc), einem der bekanntesten Biographen des Crashs von 1929, liest sich das für 1929 ähnlich:

> [Donnerstag](http://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzer%5FDonnerstag?ref=blog.stuetzle.cc)*[Eine kurze Geschichte der Spekulation](http://www.stuetzle.cc/2010/06/geschichten-und-die-geschichte-der-spekulation/?ref=blog.stuetzle.cc)*

Ausführlicher in [*Der große Crash 1929*](http://books.google.de/books?id=YYJIYz3avRoC&printsec=frontcover&ref=blog.stuetzle.cc), wo er die Ereignisse ab Dienstag so beschreibt:

> »Mit diesen Umsätzen konnte der Börsenticker nicht mehr Schritt halten und blieb weit hinter dem tatsächlichen Handelsgeschehen zurück. Die Lage wurde immer schlimmer - wie schlimm sie war, konnte nicht einmal die Meldungen aus dem Fernschreiber beschreiben.« (72)

Und weiter:

> [Hausse](http://de.wikipedia.org/wiki/Bullen-%5Fund%5FB%C3%A4renmarkt?ref=blog.stuetzle.cc)

Dieses kleine Bonmot zeigt, wie das Krisenpotenzial des Kapitalismus der Technik trotzt. Spekulation(sblasen) und Krisen/Crashs sind systemisch, gehören zum Kapitalismus und sind ihm bereits in der elementarsten Form - dem Tausch Ware gegen Geld - eingeschrieben.

> [MEW 25: 452](http://www.mlwerke.de/me/me25/me25%5F451.htm?ref=blog.stuetzle.cc)*[Marx-Bubble](http://www.stuetzle.cc/2008/11/die-marx-bubble-vom-medienhype-des-longsellers-in-zeiten-der-finanzkrise/?ref=blog.stuetzle.cc)*

Die wissenschaftliche Religion des Neoliberalismus - die Neoklassik - hat genau damit ein Problem - was auch Keynes sah. Bei neoklassischen Konzeption der rationalen Erwartungen entsprechen die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte den Resultaten des Modells und sind in diesem Sinne endogen. Erwartungen werden als perfekte Zukunftsmärkte konzipiert - Zeit spielt somit in den neoklassischen Modellen keine Rolle. Einigen nicht ganz so dummen Neoklassikern wie [Frank Hahn](http://en.wikipedia.org/wiki/Frank%5FHahn?ref=blog.stuetzle.cc) ist dies durchaus bewusst:

> »Man kann nun zwei Wege beschreiten. Der eine liegt darin, die Erwartungsbildung als exogen gegeben zu unterstellen, und das Augenmerk auf die kurzfristigen Gleichgewichte lenken. ... Der andere Weg besteht im Herbeiflehen von rationalen Erwartungen.«

Beten - zum lieben Gott oder zur Rationalität der Märkte - hat bei einem anstehenden Crash jedoch noch nie geholfen. Amen.